1

Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun.

Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe.

Wahrscheinlich muss ich es tun.

Gleichzeitig spürte sie, wie alles in ihr sich dagegen sträubte. Und doch . . .

Es ist das dritte Mal, dass das passiert ist. Das geht so nicht weiter.

Sie starrte auf den Bildschirm vor sich, auf dem die heutige Ausgabe der lokalen Zeitung prangte.

Aber es war noch nicht einmal die Schlagzeile, die sie anzog und laut verkündete: Es geht auf die Zielgerade! Denn da ging es nur um die Wahl des Bürgermeisters. Oder der Bürgermeisterin. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Direkt daneben jedoch stand ein kleinerer Artikel in weniger großen Buchstaben. Einbruch in der Villa Wolters. Wertvolle Gemälde gestohlen.

Es gab ein Bild der Villa von außen und auch eines, in dem eine Wand eines Raumes darin gezeigt wurde. Die Wand war leer, aber ein leichter Staubrahmen deutete an, dass dort wohl einmal ein ziemlich großes Bild gehangen haben musste.

Der Raum war nicht sehr gut zu erkennen, und doch erkannte Melina ihn wieder. Obwohl sie noch nie dort gewesen war.

Am Rande des Bildes war eine beinah schemenhafte Gestalt mit aufgenommen worden, die einen Arm hob, um ihr Gesicht zu verdecken. In der Hand, die sie nicht gehoben hatte, hielt sie ein Tablet. Darauf war so etwas wie ein Polizei-Logo zu sehen. Vermutlich war das die Polizistin, die den Einbruch untersuchte.

Eine Polizistin . . . Melina starrte das Bild an, als wollte sie sich jede Einzelheit einprägen. Doch dabei gingen ihr ganz andere Bilder durch den Kopf. Bilder von damals . . .

»Du willst dich wohl Liebkind bei Herrn Krämer machen«, riss sie auf einmal eine Stimme aus ihren Gedanken. »Indem du immer früher als ich da bist.« Das Gesicht ihrer älteren Kollegin Evelyn verzog sich gespielt bedauernd. »Das wird dir nicht gelingen.«

»Evelyn . . .« Melina atmete tief durch. »Erst einmal einen schönen guten Morgen.«

»Das wird sich noch zeigen«, erwiderte Evelyn säuerlich. »Ob irgendetwas an diesem Morgen gut oder schön wäre.«

Kurz warf Melina noch einmal einen Blick auf den Bildschirm des Bibliothekscomputers, an dem sie saß. »Ich will nur morgens vor dem Dienst die Nachrichten anschauen«, erklärte sie geduldig, obwohl sie das nicht zum ersten Mal erklärte. »Du weißt, dass ich zu Hause weder einen Computer noch einen Fernseher habe.«

»Aber du hast ein Handy.« Sofort wies Evelyn mit ihrer ausgestreckten Hand auf das kleine Gerät hin, das neben Melina lag.

»Das ich nur widerwillig benutze«, gab Melina seufzend zurück. »Sehr widerwillig. Jetzt zum Beispiel ist es noch nicht einmal an. Ich habe es gestern nach Feierabend ausgemacht und seither nicht mehr angestellt.«

Anklagend wies Evelyn auf den Bildschirm vor Melina. »Und das hat nichts mit deiner Bibliotheksarbeit hier zu tun.«

Schnell warf Melina einen Blick auf die große Uhr an der Wand, die jedem hier in der Bibliothek die Stunde schlug. »Ich bin ja auch noch nicht im Dienst. Wir öffnen erst in einer Minute.«

»Eben.« Evelyn presste die Lippen zusammen. »In einer Minute. Und dann solltest du mit deinem Privatkram fertig sein. Du wirst hier für deine Arbeit als Bibliothekarin bezahlt.«

Mit hoch erhobenem Kinn dampfte sie zur Tür, um sie aufzuschließen.

»Ja, natürlich«, seufzte Melina.

Evelyn war mindestens doppelt so alt wie sie selbst und immer schlecht gelaunt. Ihre Mundwinkel wiesen meistens nach unten. Wahrscheinlich betrachtete sie Melina, die erst seit Kurzem hier in der Bibliothek arbeitete, als Konkurrenz.

Dabei wollte Melina das gar nicht sein. Sie akzeptierte Evelyn als ältere und erfahrene Kollegin voll und ganz. Sie wollte sich in keinem Fall vordrängen und schon gar nicht Liebkind machen, wie Evelyn behauptet hatte.

Gerade so etwas lag Melina absolut fern. Und wenn Evelyn nicht so missgünstig gewesen wäre, hätte sie gesehen, dass das auch nicht in Melinas Natur lag. Sie wollte einfach nur ihre Ruhe haben, sich ihren Büchern widmen . . .

Bücher waren das Einzige, worauf man sich verlassen konnte. Ihr Inhalt war festgelegt. Egal, wie oft man ein Buch las, jedes Wort blieb gleich und begrüßte die Leserin wie ein alter Freund, den man gern wiedersieht.

Das Leben war leider nicht so zuverlässig. Deshalb interessierte Melina die Realität, das, was täglich in der Welt vor sich ging, auch nur wenig. Warum sie dennoch die Nachrichten anschaute . . . Das hatte andere Gründe.

Nun war aber Schluss damit, denn nachdem Evelyn die Tür geöffnet hatte, kamen auch bereits die ersten Besucher. Es gab einige, die nur darauf warteten. Nicht allein deshalb, weil es in der Bibliothek Bücher gab, sondern auch, weil es hier freies Internet gab. So sparten sie sich den Anschluss zu Hause.

In einem kleinen Ort wie diesem war jeder öffentliche Platz, an dem man sich aufhielt, oft jedoch auch eine Gelegenheit, soziale Kontakte zu pflegen. Evelyn unterband zu laute Gespräche regelmäßig mit einem missbilligenden »Schhhh!«, aber es nützte nichts.

Obwohl überall in der Bibliothek Schilder angebracht waren, dass man hier leise sprechen sollte – oder am besten überhaupt nicht –, war das für einige mehr ein Vorschlag als eine Regel.

Darüber regte Melina sich jedoch nicht auf. Es war für sie mehr wie ein weißes Rauschen im Hintergrund, das ihr half, ihre eigenen Gedanken für einen Moment zu vergessen. Wenn es ihr auch niemals ganz gelang.

So wie dieser Gedanke jetzt wieder. Sie warf noch einmal einen schnellen Blick auf den Bildschirm, schaltete dann jedoch auf den Bibliotheksbildschirm um. Die Schlagzeile hatte sie jetzt lange genug angestarrt. Und den Artikel daneben auch.

Sie musste etwas unternehmen. Das verschwommene Bild der Polizistin mit dem Tablet in der Hand erschien wieder vor ihrem inneren Auge. Das konnte sie nicht einfach abschalten wie den Computerbildschirm. Umschalten auf ein anderes Programm.

Mit dieser Polizistin würde sie wahrscheinlich reden müssen, wenn sie . . . wenn sie ihr sagen wollte, was sie ihr sagen musste.

Aber musste sie wirklich? Niemand wusste, was Melina wusste. Niemand vermutete etwas. Und glauben . . . ja, glauben würden sie ihr wahrscheinlich sowieso nicht. Sie würden sie für eine durchgeknallte alte Jungfer halten wie Evelyn.

Zwar war sie noch nicht so alt, aber Bibliothekarin. Das reichte vermutlich schon, um diese Polizistin und ihre Kollegen zu Lachanfällen zu reizen.

Und dann noch alles Übrige . . .

2

Als sie am Abend nach Hause kam, war Melina völlig erschöpft. Noch immer hatte sie sich zu keiner Entscheidung durchgerungen.

Das war aber auch schwer. Entscheidungen waren noch nie ihr Spezialgebiet gewesen, und solche schon gar nicht. Im Grunde genommen wusste sie, was sie tun musste, und doch konnte sie es nicht tun. Es war einfach alles zu verwirrend.

Schon ihre ganze Kindheit war verwirrend gewesen. Um es mal vorsichtig auszudrücken. Man konnte auch sagen, sie hatte gar keine Kindheit gehabt. Oder jedenfalls keine, die irgendjemand als normal bezeichnet hätte.

Laura Beck: Meine traumhafte Bibliothekarin

1 Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun. Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe....
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