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Nach einer heißen Dusche und in trockene Kleidung gehüllt saß Svenja am Küchentisch und tippte wütend auf ihrem Laptop herum.
Während sie ihr einen dampfenden Becher Kaffee hinstellte, lugte Rieke ihr über die Schulter. »Was schreibst du denn da?«
»Meinen Blog.« Unverwandt starrte Svenja auf den Bildschirm und tippte weiter. Wie ich lernte, eine psychopathische Kuh zu hassen – Tagebuch einer Stadtpflanze.
Rieke las die ersten Zeilen und prustete los. »Du kannst doch nicht schreiben, dass Gerda eine . . . wie nennst du sie hier – ›Vierbeinige Terroristin mit Hornbewaffnung‹ ist?«
»Doch, kann ich. Es ist die Wahrheit.« Dankbar für den heißen Kaffee schaute Svenja Rieke an und nahm einen Schluck. »Meine Follower lieben die Gerda-Geschichten. Der Post von letzter Woche, als sie mich in den Hühnerstall gesperrt hat, hatte über tausend Likes.«
Sehr belustigt stieß Rieke ein überraschtes Lachen aus. »Sie hat dich nicht eingesperrt. Du hast die Tür von innen zugemacht.«
»Weil sie mich verfolgt hat!« Svenjas Empörung ließ den Kaffee in ihrer Hand fast überschwappen.
»Sie wollte nur spielen«, wiegelte Rieke ab.
»Erzähl mir doch nichts.« Svenja rollte die Augen. »Kühe spielen nicht. Vor allem nicht ›Jag die Journalistin über den Hof‹.«
»Du bist unbezahlbar.« Immer noch leicht lachend hauchte Rieke ihr einen Kuss auf die Wange.
Die Küchentür ging auf und Maarten kam herein. Der junge Hofhelfer, der seit einigen Monaten bei ihnen arbeitete, sah aus, als hätte er in seinen Klamotten geschlafen.
»Moin«, murmelte er und goss sich Kaffee ein. »Hab ich was verpasst?«
»Svenja hat ein Bad in Nachbars Gartenteich genommen«, informierte ihn Rieke.
»Ah. Gerda?«
»Gerda.«
Maarten nickte wissend. Er wirkte in keiner Weise überrascht. »Die mag dich echt nicht.« Über den Rand seines Bechers hinweg blinzelte er Svenja zu.
»Danke für diese bahnbrechende Erkenntnis«, murmelte Svenja verstimmt. Das hätte er sich auch sparen können.
»Vielleicht solltest du es mal mit Bestechung versuchen«, schlug Maarten vor. »Bei meinem Onkel auf dem Hof gab’s mal eine Kuh, die hat jeden gehasst. Bis einer angefangen hat, ihr Lakritze zu geben.«
»Lakritze?« Fast gleichzeitig wiederholten Svenja und Rieke sehr verdutzt das Wort.
»Ja.« Maarten nickte erneut. »Danach war sie zahm wie ein Lämmchen«, bestätigte er ernst. Es war nicht zu erkennen, ob er die Wahrheit erzählte oder einen auf den Arm nehmen wollte.
Deshalb blickte Rieke ihn eher skeptisch an. »Wirklich? Kann ich mir nicht vorstellen. Ich kenne keine einzige Kuh, die Lakritze mag. Ich mag das noch nicht mal.« Sie schüttelte den Kopf. »Dat is doch allens bloß Klönsnack.«
Doch in Svenjas Kopf setzten sich ein paar Rädchen in Gang. »Das wäre vielleicht eine Idee«, überlegte sie ernsthaft. »Gerda mag Äpfel . . .«
»Dann versuch’s damit«, schlug Maarten vor. »Aber pass auf, dass du ihr nicht aus Versehen die Hand mit verfütterst.« Er zwinkerte ihr zu. »Wär doch schad um dien schöne Finger.«
Als Svenja sah, wie Rieke bei dieser Bemerkung von Maarten die Augenbrauen hob, musste sie schmunzeln. Spürte sie da etwa einen Hauch von Eifersucht?
Doch in diesem Moment betraten Janne und Jörn gemeinsam die Küche.
Jörn hatte ein Pflaster um seinen lädierten Daumen gewickelt. »Ich hab’s geschafft!«, verkündete er stolz. »Das Regal steht!«
»Schief«, fügte Janne trocken hinzu. »Aber es steht.«
»Details.« Lässig winkte Jörn ab. »In alten Häusern ist sowieso nichts gerade.«
Jannes Mundwinkel zuckten. »Das Regal ist neu, mien Jung.«
»Dann passt es sich eben an.« So schnell gab Jörn nicht auf, beugte sich zu ihr hinunter und hauchte einen Kuss auf ihr Haar.
Rieke sah auf die Uhr. »Schon halb neun. Wir sollten uns langsam fertigmachen. Der Typ vom Bauernverband . . .«
»Tegeler«, half Janne aus. »Es ist Tegeler.«
»Tegeler? Der Tegeler?« Rieke wirkte nicht sehr erfreut.
»Kennst du ihn?«, fragte Svenja.
»Ja, ich kenne ihn.« Ein Seufzen entrang sich Riekes Brust. »Von jeder Versammlung des Bauernverbandes. Er hat den größten Hof im Umkreis. Industrielle Landwirtschaft. Massentierhaltung.« Ihre Stimme triefte vor Verachtung. »Was will der denn hier?«
Janne zuckte die Schultern. »Hat er nicht gesagt. Nur dass es wichtig wäre.«
»Von dem kaufe ich nichts«, verkündete Rieke. »Und verkaufen tue ich ihm erst recht nichts.«
»Vielleicht geht’s ja um was anderes«, meinte Maarten. »Neue Vorschriften oder so.«
»Neue Vorschriften?« Svenja witterte eine Story. »Was für Vorschriften?«
»Die EU hat wieder mal neue Richtlinien für die Landwirtschaft erlassen«, erklärte Janne. »Aber wir erfüllen alle Standards. Mehr als das sogar.«
»Trotzdem«, Jörn wandte sich an Rieke, »solltest du dir anhören, was er zu sagen hat. Kenne deinen Feind und so.«
Das brachte Janne zum Schmunzeln. »Seit wann bist du so weise?«, neckte sie ihn.
Seine Augen umfassten sie warm. »Seit ich mit dir zusammen bin. Du bist ein guter Einfluss auf mich.« Erneut hauchte er ihr einen Kuss aufs Haar.
Rieke lachte. »Da gehen die Meinungen auseinander«, erklärte sie mit einem Blick auf Svenja.
»So war das nicht gemeint«, sagte Svenja. »In der Hitze des Gefechts . . .«
»Ihr redet über mich?« Das Thema schien Jörn zu interessieren. »Ich stehe dir jederzeit als Kameramann zur Verfügung, das weißt du, oder? Wenn du mal wieder was für irgendeinen Sender machen willst . . .«
»Will ich nicht.« Svenja schüttelte den Kopf. »Anscheinend habe ich dafür nicht den richtigen Charakter.« Sie verzog das Gesicht. »Du kannst ja für Annika arbeiten. Ich lege dir da keine Steine in den Weg.«
»Annika? Bist du des Wahnsinns?« Entsetzt schaute Jörn sie an. »So etwas traust du mir zu?«
»Nicht wirklich.« Svenja schmunzelte ein wenig schuldbewusst. »Danke, dass du so ein guter Freund bist.«
»Na immer doch.« Jörn grinste zu ihr herüber. »Annika ist hoffentlich Schnee von gestern. Für uns alle. Genauso wie Mattmann und Co. Sollen die beiden doch miteinander glücklich werden.«
Sinnend nickte Svenja vor sich hin. »Die passen zusammen.«
Für einen kurzen Moment kam die Erinnerung zurück an den Moment, als Annika sich an ihren, Svenjas, Schreibtisch gesetzt hatte. Mit Mattmanns Einverständnis. Da hatte Svenja nur noch kündigen können.
»Aber sie konnte gut kochen«, warf Maarten völlig harmlos ein.
»Ach, ist meine Küche nicht gut genug?« Heute war wirklich nicht Svenjas Tag. Sie hatte das Gefühl, alle hackten auf ihr herum. Angefangen bei Gerda. »Ich kann es ja wieder lassen. Bekocht euch doch selbst.«
»Du kochst hervorragend.« Rieke, die hinter sie getreten war, drückte ihre Schultern und beugte sich zu ihr hinunter. »Ich zumindest möchte nicht mehr darauf verzichten.« Sie beugte sich weiter hinunter und flüsterte ihr ins Ohr: »Wie auf viele andere Dinge.« Dann richtete sie sich auf und warf einen strafenden Blick auf Maarten. »Das wäre jetzt wirklich nicht nötig gewesen, Maarten.«
»Du bist die beste Köchin aller Zeiten, Svenja«, reagierte der sofort. »Unvergleichlich. Ich liebe dein Essen.«
»Übertreiben musst du auch nicht gleich.« Svenja lächelte. Sie fühlte sich wieder versöhnt, und eigentlich ärgerte sie sich darüber, dass die Erwähnung von Annika sie noch immer so in Rage bringen konnte. Das sollte doch jetzt endgültig vorbei sein.
Ein Bellen vom Hof draußen unterbrach ihre Gedanken.
»Wahnfried meldet Gäste«, meinte Rieke und atmete tief durch. »Ich wette, das ist Hendrik.«
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