Sie wusste nicht, woher dieser plötzliche Impuls kam. Vielleicht war das die unverbrauchte Energie, die sie eigentlich in etwas anderes hatte investieren wollen, bevor Janne hereingeplatzt war.
»Svenja, das ist keine gute Idee . . .«, wollte Rieke sie abhalten, aber Svenja war schneller, als sie den Satz beenden konnte, schon zur Tür hinaus.
Draußen empfing sie die kühle Morgenluft. Der Himmel färbte sich langsam rosa, und wenn nicht gerade eine störrische Kuh in Nachbars Garten gestanden hätte, wäre es eigentlich ein wunderschöner Morgen gewesen.
Wahnfried sprang ihr begeistert aus seiner Hundehütte entgegen und versuchte, ihr um den Hals zu fallen.
»Wahnfried! Schluss!«, hörte sie Riekes Stimme hinter sich, und der Hund hielt mitten im Sprung inne und wandte sich ihr zu, was es Svenja ermöglichte, ihren Weg unbeeinträchtigt fortzusetzen.
Sie sah Gerda an den Rosen mümmeln und straffte ihre Schultern. »Guten Morgen, Herr Peters!«, rief sie ihm betont fröhlich entgegen. Gar nicht erst irgendwelche unschönen Gedanken aufkommen lassen.
»Morgen?« Der ältere Mann wandte sich ihr mit einem entgeisterten Gesichtsausdruck zu. Sein schütteres Haar stand dermaßen in alle Richtungen ab, dass er wie ein Seemann nach einem durchzechten Landgang wirkte. »Es ist mitten in der Nacht!«
Dem musste Svenja zustimmen. Schließlich hatte sie Rieke gegenüber dasselbe gesagt.
»Und Ihre Kuh frisst meine Preisrosen!«, fuhr Peters entrüstet fort. »Die Königin Elisabeth!«
»Technisch gesehen ist es nicht meine Kuh«, murmelte Svenja, ging aber entschlossen auf Gerda zu. Wer A sagt, musste auch B sagen. »Okay, Gerda. Du und ich, wir müssen mal ein ernstes Wörtchen miteinander reden«, wandte sie sich an das große Tier, das so wirkte, als fühlte es sich ganz allein auf der Welt, und nichts, was um es herum vorging, ginge es etwas an.
Schließlich hob die Kuh aber doch den Kopf und musterte Svenja desinteressiert. Ein Rosenblatt hing ihr aus dem Maul.
»Ich weiß, du magst mich nicht.« Innerlich atmete Svenja tief durch. Da war er, dieser Blick, der meistens nichts Gutes verhieß. Aber heute würde das nicht funktionieren, das schwor Svenja sich. Von Angesicht zu Angesicht musste sie das jetzt mit Gerda durchstehen, ein für alle Mal.
»Aber weißt du was?«, fuhr sie fort. »Ich mag dich auch nicht besonders. Du bist stur, gemein und hast die Angewohnheit, immer dann auszubüxen, wenn ich gerade . . .« Sie verstummte und wurde rot. »Egal. Der Punkt ist, wir müssen miteinander auskommen. Also sei ein braves Mädchen und komm mit nach Hause.«
Gerda kaute weiter auf der Rose herum und sah sie unbeeindruckt an.
»Svenja, nimm das Seil«, rief Rieke ihr zu, die mit Janne am Gartentor stand. Sie hielt ihr ein Führseil hin.
»Brauche ich nicht«, behauptete Svenja, obwohl sie selbst nicht ganz davon überzeugt war. Aber verrückte Bäuerinnen taten so was. »Wir verstehen uns jetzt.« Zuversichtlich legte sie ihre Hand auf Gerdas Hals. »Nicht wahr, Gerda? Wir sind Freundinnen.«
Die Kuh schnaubte. Dann, in einer fließenden Bewegung, senkte sie den Kopf und schubste Svenja mit voller Wucht in den Gartenteich der Peters.
Platsch!
»Svenja!« Rieke kam zu ihr gerannt, während Janne versuchte, ein lautes Lachen zu unterdrücken.
Bis zur Hüfte im Wasser saß Svenja da, umgeben von Seerosen und sehr verwirrten Goldfischen. Eine Seerose hatte sich auf ihrem Kopf platziert wie ein nasser Hut.
Das hast du nun davon, dachte sie. Verrückte Bäuerin? Ha! Verrückte Städterin vielleicht. Und das bestrafte Gerda sofort. »Das . . . das hat sie mit Absicht gemacht«, konnte sie nur noch japsen. Sie spürte, wie das kalte Wasser ihr in jede Pore drang.
Nachdem er zuerst einmal mit offenem Mund dagestanden hatte, begann Herr Peters zu glucksen. Das Glucksen wurde zu einem Kichern, und schließlich lachte er so laut, dass seine Frau im Nachthemd an die Tür kam.
»Was ist denn hier . . . Oh mein Gott, Harald, mach sofort ein Foto!«
»Nein!«, rief Svenja laut und abwehrend, aber es war zu spät.
Herr Peters hatte sein Handy schon gezückt.
Währenddessen hatte Janne geschickt Gerdas Halfter ergriffen und führte die Kuh aus dem Garten. Gerda folgte ihr brav, nicht ohne Svenja noch einen triumphierenden Blick zuzuwerfen.
Mit einem bedauernden Gesichtsausdruck streckte Rieke Svenja die Hand hin und half ihr aus dem Teich. »Tut mir leid. Ich hatte dich gewarnt. Du weißt es doch am besten, Gerda ist ein bisschen . . . speziell.«
»Speziell?« Mit ärgerlich zusammengezogenen Augenbrauen wrang Svenja ihr T-Shirt zumindest dort aus, wo sie es tun konnte, ohne gleich nackt dazustehen. »Die Kuh ist eine Psychopathin!« Und das hätte ich wissen können, schalt sie sich innerlich selbst. Aber sie hatte ja unbedingt die Heldin spielen müssen.
Leicht schuldbewusst verzog Rieke das Gesicht. »Sie mag es nicht, wenn man sie anfasst. Außer sie kennt einen gut.«
»Aber damit, mich anzufassen – beziehungsweise zu schubsen – hat sie kein Problem.« Mittlerweile vor Kälte zitternd stand Svenja da und konnte sich nur noch durch Schimpfen Luft machen. Irgendwie musste der Ärger ja raus. Und die Scham darüber, dass sie als selbsternannte Jeanne d’Arc der Kühe so versagt hatte. »Also sie hat das Recht, aber ich nicht? Toll.«
»Ja, ich weiß.« Rieke fühlte sich anscheinend ziemlich unwohl. Sie warf einen Blick in die Richtung, in der sie Janne mit Gerda nun verschwinden sahen. »Aber so intelligent sie uns auch manchmal erscheint, sie ist eben doch nur ein Tier. Sie denkt nicht wie ein Mensch. Sie handelt instinktiv.«
»Bist du da sicher?« Svenja gab ein abschätziges Geräusch von sich. »Wenn wir in Indien wären, würde ich glatt denken, irgendjemand ist in ihr wiedergeboren worden. Jemand, der in seinem vorherigen Leben nicht sehr nett war.«
Ihre Unterhaltung wurde von Frau Peters unterbrochen, die mit einem Handtuch und einem Bademantel aus dem Haus kam. »Hier, Kindchen. Nicht dass Sie sich erkälten.«
»Danke«, murmelte Svenja, schnappte sich den Bademantel und wickelte sich in den flauschigen Stoff. Der Bademantel war pink mit kleinen Entchen drauf. Aber wenigstens wärmte er. Das Handtuch schlang sie sich um den Hals. Das Zittern ließ nach.
»Die Rosen bezahlen wir natürlich«, versicherte Rieke den Peters schnell.
Svenja wusste, dass sie damit weitere Streitigkeiten mit den Nachbarn vermeiden wollte, denn das war das Letzte, was sie brauchen konnte.
Rieke hatte ihr erzählt, wie es dazu gekommen war, dass die Peters, die aus Hamburg stammten und keine Bauern waren, zu ihren Nachbarn wurden.
Wieso mussten die Peters auch aus der Stadt aufs Land ziehen, um ihre Rente zu genießen, und gerade dieses Grundstück neben Riekes Hof kaufen? hatte Rieke seufzend gesagt. Der Bauer nebenan war gestorben, und seine Kinder wollten den Hof nicht bewirtschaften. Sie hatten ihre eigenen Jobs in der Stadt und ein ganz anderes Leben.
Rieke hätte Interesse daran gehabt, den Nachbarhof zu erwerben, aber zu jenem Zeitpunkt hatte sie nicht genug Geld dafür auftreiben können.
Daraufhin hatten die Kinder den Hof ihres verstorbenen Vaters in kleinere Grundstücke aufgeteilt und sie alle einzeln verkauft. Mit jeweils einem hübschen kleinen Häuschen darauf. Vermutlich hatten sie damit wesentlich mehr verdient, als wenn sie den Hof an Rieke verkauft hätten.
Und so waren es eben die Peters als neue Nachbarn geworden. Mit einem Rosengarten fast direkt neben Riekes Misthaufen. Nun ja, Mist war sehr gut für Rosen . . .
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