»Fast?« Gespielt empört schaute Svenja sie an. »Warte nur, bis ich nach Berlin komme und das vor Ort überprüfe.«
»Kannst du gern machen«, sagte Antonia. »Übrigens . . . Meine Freunde nennen mich Toni.« Sie streckte Svenja die Hand hin.
»Keine Hand frei«, bedauerte Svenja leicht schulterzuckend, während sie das Gemüse, das sie in den letzten Minuten geschnitten hatte, dem, was schon im Topf war, hinzufügte. »Toni klingt nett. Nicht so ernst wie Antonia. Oder gar Frau Dr. Antonia Tillmann-Kruse.«
»Das kannst du sowieso vergessen.« Wegwerfend winkte Toni ab. »Alles nur Buchstaben. Insbesondere das Dr. Da habe ich mich mal an der Uni beraten lassen, und es hieß, bei meinen Studienfächern wäre es schwierig, einen Job zu finden. Ich sollte besser einen Doktor machen.« Sie zuckte die Achseln. »Also habe ich das gemacht, aber ehrlich gesagt bedeutet es mir nichts.«
»Aber du hast deine Jobchancen damit auf jeden Fall verbessert«, stellte Svenja fest, während sie den Eintopf mit Salz und Pfeffer abschmeckte. »Du arbeitest für die EU.«
»Nein, nein, so ist das nicht.« Abwehrend hob Toni die Hände. »Das war mehr ein Zufall, dass das Landwirtschaftsministerium auf mich gestoßen ist. So ähnlich, wie du mich gegoogelt hast. So richtig konnte sich wohl niemand etwas unter diesen Richtlinien vorstellen, und da kam ihnen meine Doktorarbeit gerade recht.«
»Na gut, dann arbeitest du eben für das Ministerium«, sagte Svenja. »Auch kein schlechter Job.«
Toni schüttelte den Kopf. »Ich bin freiberuflich tätig. Für jede Erstberatung wie diese hier muss ich ihnen eine Rechnung stellen. Ein Gehalt oder so etwas bekomme ich nicht.«
»Aha.« Svenja fiel nicht wirklich etwas Interessantes ein, was sie dazu sagen konnte, also schaute sie aus dem Fenster.
Sie liebte diese Zeit des Tages. Das warme Licht, das durch die Fenster fiel, der Duft der Zwiebeln, die sie in Butter angebraten hatte und der länger in der Luft hing als jeder andere Geruch, sich mittlerweile aber mit den Kräutern gemischt und damit etwas noch leckerer Riechendes erschaffen hatte, das verführerisch durch die Küche zog.
Hier in der Küche fühlte sie sich wirklich gebraucht. Und auch kompetent. Nicht wie die Stadtpflanze, die Gerda locker-flockig in Zierteiche schubste.
»Tut mir leid«, sagte Toni. »Ich langweile dich. Aber du hast gefragt.«
»Du langweilst mich doch nicht.« Entschuldigend lächelte Svenja sie an. »Ich dachte nur gerade, wie schön ich diese Tageszeit finde, wenn eine Art produktive Ruhe auf dem Hof herrscht und ich hier ganz allein in der Küche bin.«
»Na ja, heute nicht ganz allein«, warf Toni ein.
»Heute nicht, aber meistens«, sagte Svenja und lächelte wieder. »Ich bin nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen und fühle mich manchmal tatsächlich noch sehr fremd hier. Ich beteilige mich an so vielen Arbeiten wie möglich, aber sie sind mir nicht von Kindheit an vertraut wie den anderen.«
Toni zog die Augenbrauen hoch. »Lassen sie dich das spüren?«
Lässig zuckte Svenja eine Achsel. »Sie machen manchmal Witze über mich. Besonders Maarten und Jörn. Auch Janne.«
»Rieke nicht?«, fragte Toni.
»Nein, Rieke nicht.« Svenjas Lächeln wurde zärtlich. »Oder nur ganz harmlos. Meistens, wenn wir allein sind.«
»Neckereien unter Verliebten«, sagte Toni.
Für einen Moment hatte Svenja das Gefühl, ihr Gespräch wurde sehr privat. Vor allem, wenn man berücksichtigte, dass sie sich kaum eine Stunde kannten.
»Willst du mal probieren?«, fragte sie schnell. »Du kennst dich ja auch mit Kräutern aus. Würdest du noch etwas anderes reintun?«
Sie reichte Toni einen Löffel, und für einen Augenblick berührten sich ihre Finger. Es war nur ein Sekundenbruchteil, aber Svenja spürte die Wärme von Antonias Haut.
Toni pustete vorsichtig und probierte. »Sehr gut«, lautete ihr Urteil. »Vielleicht noch ein bisschen Majoran?«
»Hmhm.« Svenja nickte. »Das dachte ich auch.« Sie ergänzte das Gewürz, rührte um, probierte wieder. »Genau. Das war’s.«
»Freut mich, dass ich helfen konnte«, lächelte Toni. »Auch wenn du das sowieso gemacht hättest, was ich vorgeschlagen habe.«
»Es ist immer gut, eine zweite Meinung zu bekommen«, meinte Svenja. Sie konzentrierte sich wieder auf den Herd, um die Hitze zu regulieren. »Hier geht es oft nur darum, dass es überhaupt etwas zu essen gibt. Wie es schmeckt, scheint den meisten gar nicht so wichtig zu sein.«
»Insbesondere den Jungs, würde ich wetten.« Antonia schmunzelte. »Ich habe in deinem Blog gelesen, dass du eher durch Zufall auf diesem Hof gelandet bist.« Sie machte eine kurze Pause. »Das Leben hält oft Überraschungen bereit. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass ich mal Kuh-Psychologin werde.«
»Wie bist du denn dazu gekommen?«, fragte Svenja. Das hatte sie sich schon früher gefragt, und die Antwort darauf interessierte sie.
»Durch Zufall eigentlich.« Antonia griff nach einem Apfel aus der Schale auf dem Tisch und polierte ihn gedankenverloren an ihrem T-Shirt. »Ich habe Philosophie studiert, mich für Ethik interessiert. Tierrechte, Veganismus, solche Sachen. Und dann bin ich irgendwann über diese Studien gestolpert, die besagten, dass Kühe komplexe emotionale Leben haben.«
Sie biss in den Apfel und kaute nachdenklich. »Das hat mich fasziniert. Also habe ich zusätzlich Agrarwissenschaften studiert. Obwohl ich das nie wollte. Mein Bruder hat den Hof geerbt, und ich wollte nichts mehr damit zu tun haben. Aber dann . . . Je mehr ich über Nutztiere gelernt habe, desto klarer wurde mir, dass wir sie völlig falsch behandeln.«
Das beruht auf Gegenseitigkeit, dachte Svenja. Zumindest bei Gerda. »Wie Tegeler«, nickte sie. Um auf Tonis fragenden Blick hin zu ergänzen: »Ein Großbauer aus der Nachbarschaft. Vorsitzender des Bauernverbandes. Durch ihn haben wir zuerst von den neuen Richtlinien erfahren, woraufhin ich dich kontaktiert habe. Er sieht Kühe nur als Produktionseinheiten. Milchmaschinen. Fleischlieferanten.«
Tonis Augen bekamen einen leidenschaftlichen Glanz. »Aber das sind sie nicht«, fiel sie ein. »Sie sind Individuen mit eigenen Persönlichkeiten, Vorlieben, Ängsten. Wie Gerda.«
Svenja musste lachen. »Gerda hat definitiv eine ausgeprägte Persönlichkeit.«
»Genau das meine ich.« Toni kam näher und stellte sich wieder neben Svenja an den Herd. »Du siehst sie als Individuum. Nicht als Hindernis oder Produktionsmittel, sondern als . . . ja, als Familienmitglied. So beschreibst du sie in deinem Blog.«
Die Nähe war auf einmal sehr bewusst spürbar. Antonia roch nach Apfel und einem dezenten Parfüm, etwas Blumiges, ganz anders als Riekes erdiger Stallgeruch, den Svenja so liebte.
Sie versuchte, sich aufs Rühren zu konzentrieren. »Gerda sieht mich wohl eher als Hindernis. Sie gehört zur Familie, das ist völlig klar. Bei mir . . .«, sie hob eine Achsel, »ist das immer noch nicht so ganz klar.« Sie spürte einen leisen Stich, als sie das sagte. Denn es kam ihr in diesem Moment wohl zum ersten Mal so richtig zu Bewusstsein.
»Ihr seid doch ein Paar, Rieke und du«, entgegnete Toni etwas überrascht.
»Ja, schon.« Svenja legte den Deckel auf den Topf und drehte sich um.
Ihre Blicke trafen sich, und für einen Moment war da etwas in der Luft, eine Spannung, die nichts mit Kühen oder EU-Richtlinien zu tun hatte.
ENDE DER FORTSETZUNG
Neugierig? Im Katalog gibt es alle Infos zum Roman