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Immer, wenn sie kochte, fand Svenja ihre Ruhe wieder. Es hatte manchmal sogar etwas Meditatives.

Sie kochte tatsächlich gern. Es war für sie nicht nur etwas, das getan werden musste, eine lästige Pflicht. Sie bekam dabei den Kopf frei.

Was sie momentan auch bitter nötig hatte. Die Sache mit Gerda ging ihr schon ein bisschen an die Nerven.

Rieke und Janne betrachteten die Kuh fast wie ein eigenes Kind, besonders Rieke. Was Antonia gesagt hatte, nämlich dass Gerda Rieke als ihr Kalb betrachtete, mochte vielleicht ebenso zutreffen, aber umgekehrt war es genauso. Alle Tiere auf dem Hof gehörten irgendwie zur Familie.

Auf der einen Seite war das zwar sehr schön, aber in Gerdas Fall auch definitiv ein Problem. Wenn Svenja in ihrem Blog darüber berichtete, sah sie zwar die Likes und freute sich darüber, aber auf der anderen Seite hatten diese Likes auch einen gewissen Preis.

Natürlich war sie bereit, diesen Preis zu zahlen, vor allem wegen Rieke, aber sie war es auch gewöhnt, mit dem, was sie tat, Erfolg zu haben. Es nagte an ihr, dass Gerda ihr in dieser Beziehung immer wieder Knüppel zwischen die Beine warf.

Es musste doch eine Lösung geben. Nach drei Monaten konnte Gerda sie doch nicht mehr für eine Außenseiterin halten. Oder doch?

»Sorry, darf ich?« Antonia kam zur Tür herein und stand damit direkt in der großen Bauernküche.

Halb drehte Svenja sich über die Schulter ihr zu und sah sie an. »Natürlich, komm rein.«

»Ich will dich ja nicht beim Kochen stören«, setzte Antonia an, während sie auf Svenja, die im hinteren Teil der Küche am Herd stand, zukam, »aber ich würde gern eine Kleinigkeit essen. Normalerweise frühstücke ich so um elf Uhr, denn morgens habe ich keinen Hunger. Hier ist der Rhythmus aber anders und fürs Mittagessen ist es ja eigentlich noch zu früh.«

»Das ist auch noch gar nicht fertig.« Svenja lachte. »Aber ich kann dir eine Scheibe Bauernbrot abschneiden. Selbst gebacken. Wahrscheinlich nicht das, was du in Berlin kriegst.«

»Oh, da unterschätzt du mich aber. Ich backe mein Brot auch in Berlin selbst«, lachte Antonia.

»Ach, tatsächlich?« Anerkennend nickte Svenja ihr zu.

»Die Körner mahle ich ebenfalls selbst. Dafür habe ich eine Getreidemühle«, erklärte Antonia weiter. »Für Müsli und so weiter, aber auch für mein Brot. Selbst meine Familie auf dem Bauernhof macht das nicht. Die erklären mich immer für verrückt.«

»Du kommst von einem Bauernhof?« Das überraschte Svenja.

»Ja.« Antonia nickte. »Mecklenburg-Vorpommern. Sehr fruchtbares Land.«

»Kann ich mir vorstellen.« Mit ein paar Schritten ging Svenja zur Anrichte hinüber und nahm das Bauernbrot aus dem Brotkasten, schnitt auf dem Holzbrett, das danebenlag, mit dem großen Messer eine Scheibe ab und legte sie auf ein kleineres Holzbrettchen, mit dem sie die Scheibe an den Tisch trug. »Setz dich. Butter, Käse, Wurst, Schinken?«

»Ich bin Vegetarierin«, sagte Antonia.

»Dann sind wir schon zwei.« Svenja lachte. »Bisher war ich die Einzige. Alle anderen hier essen Fleisch.«

»Früher habe ich auch Fleisch gegessen – zu Hause –, aber in Berlin habe ich mir das völlig abgewöhnt«, erklärte Antonia. »Ist nicht so üblich in den Kreisen, in denen ich verkehre. Und mittlerweile mag ich den Geschmack auch gar nicht mehr.«

»Geht mir genauso.« Svenja nickte, holte Käse und Butter aus dem Kühlschrank und stellte beides vor Antonia auf den Tisch. »Ich finde diese ganzen Fleischersatz-Lebensmittel«, während sie Lebensmittel sagte, machte sie das Zeichen für Anführungsstriche in die Luft, »ehrlich gesagt widerlich.«

»So künstlich.« Antonia schüttelte sich. Sie blickte über den Tisch, als suchte sie etwas.

»Ach ja, ein Messer.« Svenja lachte, stand schnell auf und holte eins aus dem Besteckkasten an der Anrichte. »Mit den Fingern wirst du die Butter wohl nicht aufs Brot streichen wollen.«

»Ungern«, bestätigte Antonia, und sie lachten beide.

Während sie die Butter auf ihrer Brotscheibe verteilte, warf Antonia kurz einen Blick auf den Käse und meinte dann: »Eigentlich schmeckt frisches Brot ja am besten nur mit Butter.«

»Es ist nicht mehr ganz frisch«, erklärte Svenja. »Heute habe ich ja nicht gebacken. Das Brot ist schon von gestern.«

»Trotzdem.« Herzhaft biss Antonia in die mit Butter veredelte Scheibe. »Sehr gut«, bestätigte sie kauend und schaute Svenja anerkennend an.

»Die Butter und auch der Käse stammen von der Milch unserer eigenen Kühe«, erklärte Svenja weiter. »Aber den habe ich nicht selbst gemacht. So weit reichen meine Kenntnisse nicht. Es gibt aber eine Meierei auf einem anderen Bauernhof. Dort bringen wir unsere Milch hin und bekommen sie dann als Käse zurück.«

»Fast die reine Selbstversorgung«, stellte Antonia fest. »Das kriege ich leider in Berlin nicht hin. In meiner Wohnung kann ich gerade einmal ein paar Kräuter auf dem Fensterbrett ziehen.«

Svenja nickte. »Einen Kräutergarten habe ich hier auch. Und Gemüse. Apfelbäume, Birnbäume und Kirschbäume gab es auf dem Hof schon immer. Wir verkaufen das alles auch im Hofladen. Falls Gerda den demnächst nicht auch auseinandernimmt . . .« Sie rollte die Augen.

»Das kriegen wir schon hin«, versicherte Antonia ihr schmunzelnd. »Sie ist sehr eigensinnig, das habe ich gesehen. Aber wenn sie dich dann einmal ins Herz geschlossen hat, wird sie auch genauso eigensinnig an dieser Zuneigung festhalten. Dann hast du nichts mehr zu befürchten.«

Svenja atmete tief durch. »Und wann wird dieser Zustand eintreten?«

Unbestimmt zuckte Antonia die Achseln. »Das kann ich leider nicht genau sagen. Das ist bei Tieren genauso verschieden wie bei Menschen.«

»Menschen hätten dich nicht interessiert?«, fragte Svenja. »Ich meine«, erläuterte sie, »Psychologie für Menschen zu studieren?«

Leicht amüsiert lachte Antonia auf. »Das klingt jetzt fast wie ein Interview. Fragst du mich das als Journalistin? Erscheine ich dann in deinem Blog?«

»Aber nein.« Svenja spreizte die Hände und hob sie an. »Ich bin einfach von Natur aus neugierig. Vermutlich habe ich deshalb auch diesen Beruf gewählt.«

»Ich habe deinen Blog gelesen«, sagte Antonia leise. »Nachdem du mich kontaktiert hattest.« Sie lachte. »Deshalb kannte ich Gerda schon.«

»Da bist du weiter als ich.« Mit einem Seufzen stand Svenja auf und ging wieder zum Herd hinüber, um nach dem Essen zu sehen. »Ich kenne sie immer noch nicht. Und ich habe das Gefühl, ich werde sie nie kennen.«

»Das ist bei Tieren dann am Ende doch einfacher als bei Menschen«, behauptete Antonia, verspeiste den letzten Bissen ihres Butterbrots, stand ebenfalls auf und stellte Butter und Käse wieder in den Kühlschrank. »Vielleicht habe ich deshalb auch die Tierpsychologie gewählt und nicht die Menschenpsychologie.« Beinah etwas überrascht lachte sie erneut. »Siehst du, jetzt habe ich deine Frage beantwortet. Interview beendet.« Sie hielt Brettchen und Messer in die Höhe. »Soll ich das gleich abwaschen?«

»Das Brettchen kannst du mit dem Lappen da abwischen«, sagte Svenja, »das sollte nicht mit zu viel Wasser in Berührung kommen. Und das Messer«, sie wies mit dem Kopf in die Ecke, »kannst du im Geschirrspüler verstauen. So was gibt es hier nämlich, weißt du?« Sie blinzelte. »Wir leben nicht ganz auf dem Mond.«

»Habe ich auch nie behauptet«, schmunzelte Antonia, versorgte das Messer im Geschirrspüler und wischte dann das Brettchen ab, stellte es wieder neben den Brotkasten. »War sehr lecker, dein Brot. Fast so gut wie meins.« Nun blinzelte sie Svenja genauso schelmisch zu wie Svenja zuvor ihr.

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Eike Tonsen: Das letzte Wort hat Gerda. ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Svenja erwachte vom durchdringenden Krähen eines Hahns. Wieder einmal. Wie jeden Morgen seit...
Sie wusste nicht, woher dieser plötzliche Impuls kam. Vielleicht war das die unverbrauchte...
Doch diesmal schien Herr Peters auch gar nicht so verärgert zu sein, wie er es schon einmal...
2 Nach einer heißen Dusche und in trockene Kleidung gehüllt saß Svenja am Küchentisch und tippte...
»Soll ich –«, bot Janne an und machte schon einen Schritt zur Tür. »Nein, nein, schon gut.« Rieke...
»Wir erfüllen alle Standards«, wiederholte Rieke beharrlich. »Die alten Standards.« Er wirkte...
Als sie sich aufrichtete, hatte sie das Gefühl, der Blick in Gerdas Augen hatte sich verändert....
»Für was?«, prustete Rieke. Gerade hatte sie ihren Kaffeebecher in die Hand genommen und...
»Sie sind Journalistin?« Dr. Tillmann-Kruses Gesichtsausdruck verdüsterte sich, als sie Svenja nun...
»Okay. Gut.« Svenja hob die Hände. Gegen so viele Leute kam sie nicht an. Und sie wollte ja auch...
4 Immer, wenn sie kochte, fand Svenja ihre Ruhe wieder. Es hatte manchmal sogar etwas Meditatives....
»Fast?« Gespielt empört schaute Svenja sie an. »Warte nur, bis ich nach Berlin komme und das vor...