»Sie sind Journalistin?« Dr. Tillmann-Kruses Gesichtsausdruck verdüsterte sich, als sie Svenja nun ansah. Sie schien sogar ein wenig auf Abstand zu gehen.

»Ja«, sagte Svenja. »Aber jetzt nicht mehr. Oder nur noch teilweise. Mit meinem Blog. Eigentlich bin ich jetzt«, sie grinste Rieke zu, »eine verrückte Bäuerin.«

Nun endlich löste sich auch Rieke aus ihrer Erstarrung und reichte Dr. Tillmann-Kruse ebenfalls die Hand. »Und ich bin die andere verrückte Bäuerin. Erst Svenja hat mir von Ihnen erzählt. Ich dachte, so etwas wie Tierpsychologen gibt es gar nicht.«

»Doch, uns gibt es«, murmelte die Tierpsychologin. »Das heißt, Sie machen jetzt hier eine Reportage?«, wandte sie sich erneut an Svenja, obwohl sie Riekes Hand zur Begrüßung noch in ihrer hielt. »Über die neuen Richtlinien?«

»Nein, nein.« Svenja schüttelte den Kopf. »Ich habe mich nur erkundigt, weil Rieke . . . Frau Olthus hier«, sie wies auf Rieke, »sich nun damit beschäftigen muss, die Richtlinien umzusetzen. Ich habe recherchiert, weiter nichts. Drehen tun wir hier nichts.«

Das schien die Psychologin zu erleichtern. »Ach so«, sagte sie. »Aber Sie haben die Absicht? Später?«

»Glaube ich nicht«, sagte Svenja. »Ich arbeite nicht mehr für deichland.tv. Und auch für keinen anderen Sender. Oder hattest du da was vor, Jörn?«, wandte sie sich an ihren alten Kollegen.

»Absolut nicht.« Heftig schüttelte Jörn den Kopf. »Ich habe hier genug anderes zu tun.«

»Also dann . . .« Svenja klatschte in die Hände. »Sie waren in der Gegend, Frau Dr. Tillmann-Kruse? Ich dachte, Sie wären noch in Berlin.«

»Ich bin viel unterwegs in letzter Zeit«, erwiderte die Tierpsychologin. »Und bitte nennen Sie mich Antonia. Mein Nachname ist so sperrig.«

»Gern. Ich bin Svenja.« Lächelnd hielt Svenja ihr noch einmal die Hand hin.

Antonia ergriff sie. »Das gilt natürlich auch für alle anderen«, ergänzte sie mit einem Blick in die Runde.

»Na dann, Antonia . . .« Schmunzelnd mischte Janne sich ein. »Ich habe noch gar nichts von dir gehört. Wer bist du eigentlich?«

»Tierpsychologin«, erklärte Svenja. »Das sagte ich doch schon.«

»Darunter kann ich mir nicht wirklich etwas vorstellen«, erwiderte Janne und blickte Antonia fragend an.

»Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.« Langsam ging Antonia auf Gerda zu, die sie misstrauisch beäugte. »Hallo, du Schöne. Du bist also die berühmte Gerda.«

»Vorsicht«, warnte Svenja. »Sie ist gefährlich.«

Antonia lachte. »Quatsch. Sie ist nur . . . oh.« Sie betrachtete Gerda genauer, ging um sie herum, musterte ihre Körperhaltung. »Oh, das ist interessant. Sehr interessant.«

»Was?«, fragten alle gleichzeitig.

»Diese Kuh zeigt eindeutige Anzeichen von . . . nun ja, ich würde es Beschützerinstinkt nennen. Sehr ausgeprägt sogar.« Mit leicht hochgezogenen Augenbrauen wandte Antonia sich an Rieke. »Sie gehört dir?«

»Ja.« Rieke nickte. »Oder eigentlich uns. Mir und Janne.«

»Und du bist Riekes Freundin.« Kurz betrachtete Antonia Svenja und nickte dann wissend. »Das erklärt einiges.«

»Was erklärt es?«, fragte Rieke.

»Gerda sieht dich als ihr Kalb, metaphorisch gesprochen«, erklärte Antonia. »Du bist Teil ihrer Familie. Aber Svenja . . .« Sie warf noch einmal einen Blick in Svenjas Richtung. »Du bist die Neue. Die Eindringlingin. Die Bedrohung.«

Entsetzt fuhren Svenjas Augenbrauen in die Höhe. »Ich bin doch keine Bedrohung!«

»Aus Gerdas Sicht schon.« Antonia lachte leise. »Du nimmst Rieke Zeit und Aufmerksamkeit weg. Das gefällt ihr nicht.«

Ungläubig schüttelte Svenja den Kopf. »Das ist doch verrückt.«

»Nein, das ist Natur«, widersprach Antonia. »Kühe sind sehr soziale Tiere mit komplexen Beziehungen. Gerda hat offensichtlich eine sehr enge Bindung zu Rieke. Sie zu teilen fällt ihr schwer.«

Ziemlich verdattert stand Svenja da. Das erklärte Gerdas Attacken durchaus. Obwohl Svenja es immer noch nicht ganz glauben konnte. »Und was soll ich dagegen tun?«, fragte sie leicht überfordert.

Antonia lächelte. »Ganz einfach. Du musst Gerdas Vertrauen gewinnen. Ihr zeigen, dass du keine Bedrohung bist, sondern zur Herde gehörst.«

»Wie denn?« Das war Svenja wirklich schleierhaft. »Soll ich mich mit ihr auf der Weide wälzen? Oder mich neben sie legen und wiederkäuen? Weil ich ja zur Herde gehöre?«

»Na, so weit musst du nicht gehen«, erklärte Antonia lachend, während sie wieder Gerdas Augenkontakt suchte. »Aber du solltest Zeit mit ihr verbringen. Mit ihr reden. Ihr zeigen, dass du Rieke glücklich machst.«

Rieke zuckte zusammen. Svenja wusste, dass Rieke sich sehr lange daran gewöhnt hatte, ihre wahren Gefühle geheimzuhalten, und sie war niemand, der einfach so darüber plapperte, schon gar nicht vor Fremden. Dass Antonia ihre Beziehung so direkt ansprach, war Rieke wahrscheinlich nicht recht.

Auf einmal fühlte Svenja ein unerwartetes Lachen in sich aufsteigen. »Ich soll einer Kuh zeigen, dass ich ihre Besitzerin glücklich mache?« Sie prustete los.

»Im Prinzip ja«, bestätigte Antonia ganz ernsthaft.

Zweifelnd blickte Svenja zu Gerda, die immer noch inmitten der Hühnerstalltrümmer stand. »Und wenn sie mich weiter hasst?«

»Dann hast du ein Problem«, gab Antonia zu. »Aber ich glaube nicht, dass es so weit kommt. Gerda ist intelligent. Sie wird verstehen.« Abschließend klatschte sie in die Hände. »So, genug der Theorie. Das war ja eigentlich nicht das, weshalb ich hergekommen bin. Auf in die Praxis.« Sie sah kurz Svenja an, dann Rieke und Janne. »Zeigt ihr mir die Weiden und Ställe? Damit wir einen Plan machen können?«

Doch ohne auf die anderen zu warten, schaute sie sich schon selbst um und ging in Richtung des Kuhstalls los, den sie natürlich sofort identifiziert hatte.

»Pläne sind immer gut«, murmelte Rieke. »Wenn man sie einhalten kann.«

»Das können wir bestimmt.« Aufmunternd hakte Svenja sich bei ihr ein. »Ich habe ein gutes Gefühl mit Antonia. Sie wird uns helfen.«

Etwas schief schaute Rieke sie von der Seite an. »Du hast ein gutes Gefühl?«

»Ja, irgendwie.« Svenja versuchte, Riekes Vorbehalte zu zerstreuen, weil sie den Eindruck hatte, dass Antonia Rieke suspekt war. Vielleicht weil sie Rieke etwas von der Kontrolle abnehmen wollte, die eine Bäuerin über ihren Hof hatte. Haben musste. »Sie sieht aus, als wüsste sie, was sie tut. Ich meine«, lächelnd beugte sie sich zu Rieke, »sie hat Gerda keinen Blumenkranz umgehängt, oder?«

»Nein, das nicht.« Mit einem etwas skeptischen Gesichtsausdruck betrachtete Rieke Gerda, die angefangen hatte, genüsslich auf den Überresten der Tür herumzukauen. »Aber ich weiß nicht, ob es reicht, wenn du mit ihr redest. Schließlich hat sie dich in den Teich geschubst, als du das das letzte Mal versucht hast.«

»Vielleicht muss Svenja es mit einer anderen Art von Reden versuchen«, warf Janne ein.

Rieke runzelte die Stirn. »Ich habe heute Morgen auch mit Gerda geredet, und –«

»Und das Ergebnis ist, dass sie den Hühnerstall zerstört hat?« Zweifelnd sah Svenja sie von der Seite an. »Das ist nicht gerade das Ergebnis, das Antonia vorausgesagt hat.«

»Ich bin ja auch nicht du«, erwiderte Rieke schmunzelnd. »Aber sie hat mir ihr Wort – ich meine, ihren Huf – darauf gegeben, dass sie es versuchen wird.«

»Das kann sie immer noch?« Janne lachte. »Ist schon lange her, dass wir ihr das beigebracht haben.«

Rieke lächelte auf eine Art, die ihre Zuneigung zu Gerda deutlich zeigte. »Offenbar hat sie ein gutes Gedächtnis.«

»Wie ein Elefant«, murmelte Svenja. »Besonders, was Abneigungen betrifft.«

»Du übertreibst.« Janne sah sie an. »Vielleicht braucht sie einfach nur ein bisschen länger, um sich an dich zu gewöhnen.«

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Eike Tonsen: Das letzte Wort hat Gerda. ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Svenja erwachte vom durchdringenden Krähen eines Hahns. Wieder einmal. Wie jeden Morgen seit...
Sie wusste nicht, woher dieser plötzliche Impuls kam. Vielleicht war das die unverbrauchte...
Doch diesmal schien Herr Peters auch gar nicht so verärgert zu sein, wie er es schon einmal...
2 Nach einer heißen Dusche und in trockene Kleidung gehüllt saß Svenja am Küchentisch und tippte...
»Soll ich –«, bot Janne an und machte schon einen Schritt zur Tür. »Nein, nein, schon gut.« Rieke...
»Wir erfüllen alle Standards«, wiederholte Rieke beharrlich. »Die alten Standards.« Er wirkte...
Als sie sich aufrichtete, hatte sie das Gefühl, der Blick in Gerdas Augen hatte sich verändert....
»Für was?«, prustete Rieke. Gerade hatte sie ihren Kaffeebecher in die Hand genommen und...
»Sie sind Journalistin?« Dr. Tillmann-Kruses Gesichtsausdruck verdüsterte sich, als sie Svenja nun...
»Okay. Gut.« Svenja hob die Hände. Gegen so viele Leute kam sie nicht an. Und sie wollte ja auch...
4 Immer, wenn sie kochte, fand Svenja ihre Ruhe wieder. Es hatte manchmal sogar etwas Meditatives....
»Fast?« Gespielt empört schaute Svenja sie an. »Warte nur, bis ich nach Berlin komme und das vor...