»Für was?«, prustete Rieke. Gerade hatte sie ihren Kaffeebecher in die Hand genommen und verschüttete fast den Inhalt.

»Bovines Wohlbefinden«, wiederholte Svenja. »Im ersten Moment habe ich genauso geguckt wie du, aber so steht es auf der Webseite. Sie bietet Beratung an, damit die neuen Richtlinien so umgesetzt werden können, wie sie gedacht sind.«

Ungläubig starrte Rieke sie an. »Das ist ein Scherz.«

»Nein, gar nicht.« Svenja drehte den Laptop zu ihr. Auf dem Bildschirm lächelte eine junge Frau mit Hornbrille und Jutebeutel in die Kamera. Neben ihr stand eine Kuh mit einer Blumenkette um den Hals.

»Die sieht aus wie so eine Öko-Tante aus der Stadt«, kommentierte Rieke das Bild, das sie immer noch ungläubig betrachtete.

»Ist sie wohl auch. Kommt aus Berlin, hat Philosophie und Agrarwissenschaften studiert. Ihre Doktorarbeit trägt den Titel ›Die emotionale Intelligenz des Rindes – Eine phänomenologische Betrachtung‹.«

Irritiert runzelte Rieke die Stirn. »Ich verstehe kein Wort davon.«

»Ich auch nicht«, gab Svenja zu. »Aber sie ist jetzt offizielle Beraterin für die neuen EU-Richtlinien. Ich habe sie schon kontaktiert, und sie will nächste Woche kommen.«

»Zu uns?« Das brachte Rieke so sehr aus dem Gleichgewicht, dass sie sich setzen musste. »Was kostet das?«

»Gar nichts«, gab Svenja Auskunft und war froh, dass sie wenigstens etwas Positives zu der Sache verkünden konnte. »Dr. Tillmann-Kruse kommt nächste Woche zur sogenannten ›Erstberatung‹. Die ist kostenlos. Ein Service des Ministeriums.«

Kopfschüttelnd stellte Rieke ihren Becher auf den Tisch. »Selbst wenn das kostenlos ist, wir haben kein Geld für Enrichment-Stationen. Was eine Zicke aus Berlin uns vorschreibt, wird uns ruinieren.«

Besänftigend strich Svenja ihr über den Rücken. »Das wissen wir doch noch gar nicht. So, wie das Foto auf ihrer Webseite aussieht, scheint sie doch eher alternativ angehaucht zu sein. Da spielt Geld keine so große Rolle. Sie wird wissen, wie man die Sachen kostengünstig einrichten kann.«

»Denkst du wirklich?« Rieke wirkte ausgesprochen zweifelnd. »Diese Alternativlinge fliegen in der ganzen Weltgeschichte herum und erzählen einem was von Umweltschutz, aber wie viel Flugbenzin sie auf ihren ›alternativen‹ Reisen verbrauchen, das interessiert sie nicht.«

»Da hast du wohl recht«, musste Svenja zugeben. »Aber ich hoffe jetzt mal, dass Dr. Tillmann-Kruse nicht so ist.«

»Die Kuh trägt einen Blumenkranz«, erinnerte Rieke sie. »Wie in einem Zirkus.«

»Würde Gerda bestimmt auch –«, setzte Svenja an, wurde aber von einem Aufschrei unterbrochen, gemischt mit einem lauten Krachen. Es war nicht ganz klar, was zuerst dagewesen war.

Sie rannten nach draußen. Im Hof stand Gerda und um sie herum lagen die Überreste dessen, was mal die Tür zum Hühnerstall gewesen war. Die Hühner flatterten aufgeregt umher, und mittendrin stand Janne, über und über mit Hühnerfedern bedeckt.

»Was ist passiert?«, keuchte Rieke entgeistert.

»Gerda hat die Hühnerstalltür aufgebrochen«, erklärte Janne und spuckte eine Feder aus. »Ich wollte sie aufhalten, aber . . .« Sie deutete auf sich selbst.

»Warum hat sie das gemacht?«, fragte Svenja.

Alle Blicke richteten sich auf sie.

Ein ganz komisches Gefühl befiel Svenja. »Was? Warum schaut ihr mich so an?«

»Du warst vor einer halben Stunde hier draußen«, sagte Maarten, der mit einem Eimer Futter ankam. »Hast Fotos für deinen Blog gemacht. Vom Hühnerstall.«

»Ja, und?« Verständnislos runzelte Svenja die Stirn. Sie sah den Zusammenhang nicht.

Maarten zog die Augenbrauen hoch. »Gerda stand auf der Weide und hat dich beobachtet.«

Endlich dämmerte es Svenja. Aber sie konnte es einfach nicht glauben. »Das ist doch lächerlich! Sie kann doch nicht . . . Sie hat doch nicht etwa . . .« Sie verstummte.

Gerda stand immer noch im Hof und starrte sie an. In ihrem Blick lag etwas, das verdächtig nach Genugtuung aussah.

Ungläubig schüttelte Svenja den Kopf. »Sie hat den Hühnerstall zerstört, weil ich ihn fotografiert habe?«

»Scheint so«, meinte Jörn, der mit einem Werkzeugkasten aus dem Hofladen kam. »Eifersucht ist eine mächtige Emotion.«

»Kühe sind nicht eifersüchtig!« Svenja warf die Hände in die Luft.

»Normale Kühe nicht«, stimmte Rieke zu. »Aber Gerda . . .«

»Ist etwas Besonderes«, beendeten alle im Chor.

»Das ist doch Wahnsinn!« Wild fuhr Svenja sich durch die Haare. »Wir reden hier von einer Kuh!«

»Einer sehr intelligenten Kuh«, erinnerte Maarten sie. »Mit einem ausgeprägten Territorialverhalten.«

Ein wenig sank Svenja in sich zusammen. »Und einem persönlichen Groll gegen mich.«

Zuvor war sie noch so zuversichtlich gewesen, aber jetzt . . . Wenn sie nicht einmal eine Kuh in den Griff bekamen, wie sollten sie dann all das schaffen, was die neuen Richtlinien ihnen auferlegten?

»Vielleicht kann ich helfen«, meldete sich eine neue, unbekannte Stimme.

Alle drehten sich um. Am Hoftor stand eine junge Frau mit einem kleinen Suzuki hinter sich, die zumindest Svenja und Rieke bekannt vorkam. Sie trug eine abgewetzte Jeans und ein T-Shirt mit der Aufschrift Kühe sind die besseren Menschen.

»Dr. Tillmann-Kruse«, brachte Svenja nur flüsternd hervor.

»Was macht die denn hier?«, wisperte Rieke ihr zu. »Sie wollte doch erst nächste Woche kommen.«

»Störe ich?«, fragte Dr. Tillmann-Kruse. »Ich kann auch später wiederkommen.«

»Nein, nein.« Svenja hatte sich als Erste wieder gefasst. »Kommen Sie nur herein. Wir hatten Sie nur noch nicht so früh erwartet.«

»Ja, ich weiß.« Dr. Tillmann-Kruse öffnete das Tor und kam auf den Hof. »Ich war zufällig in der Nähe, und da dachte ich, ich könnte ja auch jetzt schon kommen. Und wenn ich das richtig sehe«, sie blickte sich auf dem Hof um, wobei ihr Hauptinteresse dem Hühnerstall galt und Gerda, die immer noch höchst zufrieden davor stand, »genau zur rechten Zeit.«

Das dachte Wahnfried wohl auch, denn er kam bellend auf den neuen Gast zugestürzt und fiel ihr um den Hals, versuchte, sie abzuschlecken.

Im ersten Moment war Dr. Tillmann-Kruse abrupt stehengeblieben, aber dann begann sie zu lachen, als sie merkte, dass Wahnfried ein Hund war, der zwar bellte, aber auf keinen Fall biss. »Na, du bist ja einer . . .« Sie tätschelte ihn.

»Das tut mir leid«, entschuldigte Rieke sich sofort. »Wahnfried! Komm her!«

Der Hund gehorchte, wenn auch widerwillig, und ließ die neu Angekommene los, sprang herunter und auf Rieke zu, setzte sich brav neben sie.

»Wahnfried?«, fragte Dr. Tillmann-Kruse amüsiert.

»Tja.« Rieke zuckte die Schultern.

Nachdem ausnahmsweise mal nicht Gerda, sondern Wahnfried so viel Aufruhr verursacht hatte, konnte Svenja, die bisher wie alle anderen von den Ereignissen etwas paralysiert dagestanden hatte, sich endlich rühren und ging auf Dr. Tillmann-Kruse zu. »Hallo. Ich bin Svenja Rasmussen. Wir hatten schon per E-Mail Kontakt.« Sie streckte der Psychologin die Hand hin.

Die nahm sie. »Antonia Tillmann-Kruse. Aber das wissen Sie ja schon.«

»Also noch mal . . .« Svenja drehte sich um und sprach lauter. »Das hier ist Dr. Antonia Tillmann-Kruse. Sie ist Tierpsychologin und wird uns bei der Umsetzung der neuen Richtlinien helfen.«

»Rieke Olthus und Janne Olthus«, stellte sie vor, während sie zusammen mit Dr. Tillmann-Kruse den Hof überquerte. »Die Besitzerinnen des Hofes. Und das ist Maarten Söder. Er hilft überall hier auf dem Hof, wo er kann. Der junge Mann hier«, sie wies auf ihn, »ist Jörn Beeke, mein Kameramann.«

»Kameramann?« Erstaunt blickte Dr. Tillmann-Kruse sie an. »Sie haben einen eigenen Kameramann auf dem Hof? Drehen Sie denn einen Film?«

»Nein, das nicht.« Jörn lachte, kam zu ihnen heran und streckte der Psychologin ebenfalls die Hand hin. »Aber so sind Svenja und ich auf den Hof gekommen. Für eine Reportage für deichland.tv. Als Journalistin und Kameramann. Und dann . . .«, sein Blick schweifte zu Janne hinüber, »sind wir hier irgendwie hängengeblieben.«

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Eike Tonsen: Das letzte Wort hat Gerda. ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Svenja erwachte vom durchdringenden Krähen eines Hahns. Wieder einmal. Wie jeden Morgen seit...
Sie wusste nicht, woher dieser plötzliche Impuls kam. Vielleicht war das die unverbrauchte...
Doch diesmal schien Herr Peters auch gar nicht so verärgert zu sein, wie er es schon einmal...
2 Nach einer heißen Dusche und in trockene Kleidung gehüllt saß Svenja am Küchentisch und tippte...
»Soll ich –«, bot Janne an und machte schon einen Schritt zur Tür. »Nein, nein, schon gut.« Rieke...
»Wir erfüllen alle Standards«, wiederholte Rieke beharrlich. »Die alten Standards.« Er wirkte...
Als sie sich aufrichtete, hatte sie das Gefühl, der Blick in Gerdas Augen hatte sich verändert....
»Für was?«, prustete Rieke. Gerade hatte sie ihren Kaffeebecher in die Hand genommen und...
»Sie sind Journalistin?« Dr. Tillmann-Kruses Gesichtsausdruck verdüsterte sich, als sie Svenja nun...
»Okay. Gut.« Svenja hob die Hände. Gegen so viele Leute kam sie nicht an. Und sie wollte ja auch...
4 Immer, wenn sie kochte, fand Svenja ihre Ruhe wieder. Es hatte manchmal sogar etwas Meditatives....
»Fast?« Gespielt empört schaute Svenja sie an. »Warte nur, bis ich nach Berlin komme und das vor...