Als sie sich aufrichtete, hatte sie das Gefühl, der Blick in Gerdas Augen hatte sich verändert. Aber in welche Richtung, das konnte Rieke nicht sagen.
»Sind wir uns einig?« Sie kniete sich hin und hielt eine Hand vor Gerdas linkes Bein.
Gerda hob ihr Bein an, sodass Rieke es ergreifen und wie eine Hand leicht schütteln konnte. Das hatten Rieke und Janne ihr beigebracht, als sie noch halbe Kinder gewesen waren, weil sie das lustig fanden. Und Gerda schien auch Spaß daran zu haben. Sie war schon als Kalb etwas Besonderes gewesen.
»Na, siehst du?« Rieke ließ Gerdas Bein los und richtete sich auf. »Wir verstehen uns doch. Und mit Svenja wirst du dich auch noch verstehen. Sie ist wirklich nett, weißt du? Ich möchte nicht, dass sie geht. Willst du das?«
Als ob sie tatsächlich jedes Wort verstanden hätte, schien Gerda den Kopf leicht schiefzulegen.
»Ja, überleg es dir«, nickte Rieke. »Du musst das nicht sofort entscheiden.« Sie klopfte Gerda auf den Hals. »Wir sind doch alle eine große Familie hier. Wir unterstützen uns gegenseitig. Wir fallen uns nicht in den Rücken.«
Lächelnd schaute sie Gerda an, drehte sich dann um und ging davon.
Doch Gerdas Blick, der ihr folgte, gab keine Auskunft darüber, ob sie nicht eventuell eine etwas andere Vorstellung von Familie hatte.
3
Zwei Stunden später saß Svenja immer noch vor ihrem Laptop, auf dem Bildschirm Dutzende von geöffneten Tabs und angedockten OneNote-Notizen. EU-Richtlinien, Reddit-Diskussionen, Erläuterungen aus juristischer Sicht, auch hilflose Wutausbrüche Betroffener.
Ihr Kaffeebecher hatte Ringe auf dem Tisch hinterlassen, weil sie ihn mehrmals gefüllt und dabei kaum auf die Füllhöhe geachtet hatte, und weil sie sich ständig hindurchfuhr, standen ihre Haare in alle Richtungen ab.
Erschöpft lehnte sie sich zurück und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Ihre Augen brannten.
»Enrichment-Aktivitäten«, murmelte sie. »Strukturierte Beschäftigungsangebote. Nachweisbare Verbesserung des Tierwohls. Was zum Teufel . . .«
Die Küchentür ging auf und Rieke kam herein. Sie hatte Heu im Haar und roch nach Stall. »Wie läuft die Recherche?«
»Beschissen.« Svenja drehte ihren Kopf zu ihr. »Tegeler hatte recht. Die neuen Richtlinien sind der Wahnsinn. Hör dir das an: ›Jedes Nutztier muss Zugang zu mindestens drei verschiedenen Enrichment-Stationen haben, die seine natürlichen Verhaltensweisen fördern.‹ Enrichment-Stationen! Als wären Kühe Kindergartenkinder.«
»Die sind offenbar nicht deiner Meinung«, sagte Rieke.
Fragend hob Svenja die Augenbrauen. »Meiner Meinung?«
»Du meintest doch, Kühe spielen nicht.« Rieke verzog die Mundwinkel.
Svenja nickte. »Definitiv sind sie da nicht meiner Meinung«, bestätigte sie seufzend. »Weißt du, was eine Enrichment-Station für Kühe ist? Das sind Bürsten zum Kratzen, Bälle zum Spielen«, sie rollte die Augen zur Decke, »Musik zur Entspannung . . .«
»Ah ja, das habe ich schon mal gehört«, sagte Rieke. »Klassische Musik soll die Milchproduktion steigern. Ich wette, Tegeler macht das.«
»Dann sollten wir unseren Kühen vielleicht Mozart vorspielen.« Svenja rieb sich die Schläfen.
»Das wäre vermutlich das geringste Problem.« Rieke trat auf Svenja zu, legte ihre Hände auf ihre Schultern und begann sie zu massieren. »Du solltest mal rausgehen. Selbst Stallarbeit ist erholsamer als das hier.«
Svenja gab ein leises Stöhnen von sich. Einerseits, weil Riekes kräftige massierende Hände ihre verkrampften Nackenmuskeln entspannten, andererseits auch wegen ihrer Aussage. »Wahrscheinlich hast du recht. Aber das ist noch nicht alles. Der Glücksindex, von dem Tegeler gesprochen hat, den gibt es wirklich. Wir müssen dokumentieren, wie oft die Tiere die Enrichment-Angebote nutzen, ihr Sozialverhalten bewerten, ihre Fressmuster analysieren . . .«
Über ihr atmete Rieke tief durch, während ihre Hände automatisch weiter Svenjas Muskeln entspannten. »Das klingt nach viel Papierkram.« Sie seufzte. »Als ob wir sonst nichts zu tun hätten . . .«
»Das sind doch alles nur Bürohengste. Die haben keine Ahnung von der Arbeit auf einem Bauernhof.« Svenja legte den Kopf zurück und schloss die Augen. »Hmm, das tut so gut . . .«
Auf einmal musste Rieke lachen. »Vielleicht sollten wir die Enrichment-Stationen dann auch mal nutzen. Ich habe das Gefühl, wir haben das nötiger als die Kühe.«
Das brachte auch Svenja in eine bessere Stimmung. »Dann schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe«, antwortete sie belustigt. »Für uns würden wir so etwas ja nie anschaffen.«
»Da hast du wohl recht.« Rieke stellte ihre Massage ein, beugte sich herunter und hauchte einen Kuss auf Svenjas Haar. »Besser jetzt?«
»Viel besser.« Mit einer Hand griff Svenja nach oben und streichelte Riekes Arm. »Danke.«
»Gern geschehen.« Rieke ging an ihr vorbei zu der Thermoskanne, in der sie den Kaffee den ganzen Tag über warmhielten. Sobald sie leer war, brühte derjenige, der das sah, eine neue auf. »Dann müssen wir uns jetzt wohl überlegen, wie wir das Ganze umsetzen.«
»Hmhm.« Svenja nickte, stand auf und reckte sich mit den Armen über dem Kopf, dehnte sich nach hinten und zur Seite. »Es gibt sogar schon Unterstützung dafür online. Von Tierpsychologen.«
»Tierpsychologen?« Verständnislos schüttelte Rieke den Kopf. »So etwas gibt es?« Schmunzelnd fügte sie hinzu: »Ich dachte, die Einzige, die das macht, wäre Gerda.«
»Gerda?« Svenja hob die Augenbrauen. »Die ist wohl das Gegenteil von einer Psychologin.«
»Das glaubst du.« Rieke blinzelte. »Ich habe mich vorhin mit ihr unterhalten. Manchmal habe ich das Gefühl, sie versteht jedes Wort.«
»Bei mir nicht«, erwiderte Svenja immer noch leicht verärgert. »Es sei denn, sie versteht immer das Gegenteil.«
»Wie Jörn schon sagte . . .«, lachte Rieke leise.
»Ach der . . . Der soll mich bloß in Ruhe lassen.«
Manchmal fühlte Svenja sich richtiggehend von Jörn verraten. Gemeinsam waren sie hierhergekommen, und nun tat er so, als hätte er schon immer hier gelebt, wäre fast ein Bauer. Und machte sich auch noch über Svenja lustig.
Rieke kam zu ihr. »Bist du nicht froh, dass er jetzt mit Janne glücklich ist?« Sie zog Svenja kurz in ihre Arme und küsste sie sanft auf den Mund. »So wie wir miteinander glücklich sind?«
In Riekes Augen stand so viel Sanftmut und Zärtlichkeit, dass Svenja nicht anders konnte, als dahinzuschmelzen. »Natürlich bin ich froh«, flüsterte sie zurück. »Für ihn und für mich. Wer hätte das gedacht, als wir damals für die Reportage hierherkamen?«
Weich sah Rieke sie an. »Ja, wer hätte das gedacht?«, bestätigte sie leise. »Ich hätte nie gedacht, dass du dich an ein Leben auf dem Bauernhof gewöhnen könntest.«
»Wenn es ein Leben mit dir ist . . .« Svenja schlang ihr die Arme um den Hals und küsste sie auf eine Art, die keinesfalls so hingehaucht war wie Riekes Kuss zuvor.
Zwar küsste Rieke sie zurück, aber dann schob sie Svenja ein wenig von sich. Leicht lachend sagte sie: »Dafür ist jetzt leider keine Zeit. So sehr ich das auch bedaure. Aber wie du selbst sagtest –«, sie zuckte die Schultern, »wir haben viel zu tun. Wir müssen uns darum kümmern, dass nicht ausgerechnet wir diejenigen sind, die an den neuen Richtlinien scheitern.«
»Werden wir nicht«, versicherte Svenja ihr, auf einmal fest davon überzeugt, dass sie es schaffen könnten. Rieke gab ihr die Kraft, alles zu schaffen, und Svenja hoffte, dass sie umgekehrt dasselbe für Rieke tun konnte. »Ich habe schon diese Tierpsychologin kontaktiert, die ich online gefunden habe. Frau Dr. Tillmann-Kruse, Expertin für bovines Wohlbefinden.«
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