»Soll ich –«, bot Janne an und machte schon einen Schritt zur Tür.
»Nein, nein, schon gut.« Rieke winkte ab. »Unser letzter Streit in der Bauernversammlung ist schon eine Weile her. Macht mir nichts, jetzt mit ihm zu reden.«
»Streit?« Fragend blickte Svenja umher.
»Immer dasselbe.« Während Rieke zur Tür ging, beantwortete Janne Svenjas Frage. »Er denkt nur an Profit. Was anderes kennt er nicht. Hat alle anderen plattgemacht mit seinem Gerede und seinem vielen Geld. Deshalb haben sie ihn zum Vorsitzenden gewählt. Früher war das unser Vater.«
»Oh.« Das hatte Svenja noch nicht gewusst. Sie stand auf und folgte Janne, die bereits Rieke gefolgt war, nach draußen. Maarten hielt sich im Hintergrund bereit.
Vor dem Haus parkte ein nagelneuer Mercedes. Ein Mann um die sechzig stieg aus, grauer Anzug, perfekt frisiertes Haar mit hohen Geheimratsecken, Aktenkoffer in der Hand. Er sah aus wie das Klischee eines Geschäftsmannes, nicht wie ein Bauer.
»Moin, Rieke.« Mit einem knappen Nicken begrüßte er seine Hofnachbarin.
»Moin, Hendrik.« Rieke machte keine Anstalten, ihm die Hand zu geben, sondern verschränkte die Arme. »Was bringst du wieder Schönes?« Die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
»Ach, Rieke . . .« Leicht geringschätzig sah er sie an. »Wir dürfen uns der Zukunft nicht verschließen. Auch wir als Bauern nicht. Das kannst selbst du nicht bestreiten.«
»Tue ich auch nicht«, sagte Rieke. »Aber man kann verschiedener Meinung darüber sein, wie diese Zukunft aussieht. Neue EU-Richtlinien, habe ich gehört?« Sie hob leicht fragend die Augenbrauen.
»Dafür kann ich ja nun auch nichts.« Er hob die Hände. »Da können wir nichts dran machen, das weißt du genauso gut wie ich. Wir müssen uns alle der EU beugen, so schwer uns das auch fällt.«
»Dir fällt das ja wohl kaum schwer mit deiner Massentierhaltung«, entgegnete Rieke scharf.
»Nun fang nicht wieder damit an.« Er hob den Blick zum Himmel. »Das hatten wir doch schon auf der Bauernversammlung. Wir haben halt verschiedene Vorstellungen davon, wie ein moderner Bauernhof aussieht. Wir kommen gegen die Entwicklungen nicht an, also müssen wir uns ihnen anpassen. Mit der Zeit gehen.«
»Egal, was das mit den Tieren macht?«, fragte Rieke.
Er hob seinen Aktenkoffer hoch. »Das genau ist das Thema, weshalb ich gekommen bin«, sagte er. »Die Tiere. Damit beschäftigen sich die neuen Richtlinien.«
»Als ob das was Gutes wäre . . .«, murmelte Janne.
»Euch müsste das eigentlich entgegenkommen«, fuhr Tegeler in seiner glatten Art fort. »Ihr betreibt hier ja noch Landwirtschaft wie vor hundert Jahren. Sehr . . . nostalgisch. Und idealistisch. Ich weiß wirklich nicht, wie sich das rechnet.«
»Man muss halt rechnen können«, erwiderte Janne kampflustig. »Und nicht nur in großen Zahlen.«
Tegeler warf einen Blick auf sie, antwortete aber nicht.
»Wir betreiben nachhaltige Landwirtschaft«, korrigierte Rieke seine vorherige Aussage. »Und wir sind nicht die Einzigen, die das für die Zukunft halten.« Sie ließ ihren Blick über den Hof schweifen. »Du warst lange nicht mehr hier. Das letzte Mal wohl, als Vater noch lebte. Willst du dir mal ansehen, wie nachhaltige Landwirtschaft aussieht?«
Als Svenja seinen Gesichtsausdruck betrachtete, hatte sie nicht das Gefühl, dass ihn das interessierte, aber wohl um Rieke gnädig zu stimmen für das, was er mitgebracht hatte, nickte er. Ich mag den Kerl nicht, dachte Svenja. Irgendwas ist an dem nicht koscher.
»Interessant«, kommentierte Tegeler, als sie am Hühnerstall vorbeikamen. »Freilaufende Hühner. Wie viele habt ihr? Zwanzig? Dreißig?«
»Fünfundfünfzig«, antwortete Rieke.
»Lohnt sich das denn überhaupt?« Seine Stimme klang herablassend. »In modernen Ställen wären sie viel effizienter. Da könntet ihr viel mehr haben.«
»Und die Hühner?«, fragte Svenja. »Haben die dann auch . . . mehr?«
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