1
Svenja erwachte vom durchdringenden Krähen eines Hahns. Wieder einmal. Wie jeden Morgen seit drei Monaten.
Stöhnend zog sie sich das Kissen über den Kopf und versuchte sich einzubilden, dass es nicht passiert war. Aber das war natürlich aussichtslos.
Ihr Ärger kochte hoch, sie riss sich das Kissen vom Gesicht und schleuderte es in die Ecke. »Ich bring ihn um! Heute ist der Tag, an dem ich ihm den Hals umdrehe!«
»Mmh?« Neben ihr bewegte Rieke sich träge und kuschelte sich näher an sie. »Was hast du gesagt?«
Sie liebte Rieke ja, aber diese friesische Ruhe, die Rieke in solchen Situationen stets bewahrte, brachte Svenja noch mehr auf die Palme. »Dass dein Hahn ein Sadist ist! Es ist erst halb fünf!« Mit funkelnden Augen blitzte sie Rieke an.
Doch die merkte das gar nicht. Sie kicherte sogar. »Dass du dich immer noch darüber aufregen kannst . . .« Rasch richtete sie sich auf und hauchte einen Kuss auf Svenjas Lippen. »Und es ist Viertel nach fünf. Zeit zum Aufstehen. Moin, mien Sünnskien.«
»Moin«, erwiderte Svenja automatisch. »Aber die richtige Begrüßung um diese Tageszeit wäre Nacht. Zeit zum Aufstehen? Für verrückte Bäuerinnen vielleicht. Normale Menschen schlafen um diese Zeit noch.«
»Tja, dann bist du wohl keine normale Mensch mehr.« Nun küsste Rieke sie auf die Schulter. »Du bist jetzt eine von uns. Eine verrückte Bäuerin.«
Ohne dass sie es verhindern konnte, musste Svenja lachen. Sich selbst als Bäuerin zu betrachten, war ihr noch nie in den Sinn gekommen.
Weich legte sie eine Hand an Riekes Wange, streichelte sie und musterte Riekes zerzaustes Haar und das Lächeln, das Svenja bezaubert hatte. Selbst um diese unchristliche Zeit sah Rieke hinreißend aus. Das war nicht fair.
»Ich bin Journalistin«, erwiderte sie ebenfalls lächelnd. »Ich beobachte das bäuerliche Leben nur. Recherche. Für meine Reportage.«
»Ach so? Und das hier«, Rieke ließ ihre Hand unter Svenjas T-Shirt wandern, »ist auch nur Recherche?«
Dass Svenja aufseufzen musste, war unvermeidlich. Sie spürte, wie ihre Brustwarzen hart wurden und sehnende Ströme bis zwischen ihre Beine hinabflossen. »Gründliche Recherche«, hauchte sie atemlos, »ist das A und O im Journalismus.«
Riekes Lächeln ließ ihre Augen nun verlangend schimmern. Ihre Finger hatten Svenjas Brustwarze gefunden und rollten sie sanft zwischen Daumen und Mittelfinger. »Dabei unterstütze ich dich gern.«
Erwartungsvoll schloss Svenja halb die Augen und ließ die Empfindungen kommen. Selbst wenn Salvatore jetzt einen Kikeriki-Wettbewerb mit dem Hahn vom nächsten Hof veranstaltet hätte, hätte er sie nicht mehr ärgern können. Sie hörte nur noch das Blut in ihren Ohren rauschen.
»Meine süße Svenja . . .« Riekes Stimme war ein Hauch, und ihr Gesicht erschien über Svenjas, leicht verschwommen durch die halbgeschlossenen Augenlider. Zärtlich strich Riekes Blick darüber, als wollte sie jede einzelne Faser von Svenjas Miene in sich aufnehmen. »Wie kannst du am frühen Morgen so schön sein?« Sie beugte sich herunter und küsste Svenjas Lippen.
Unter anderen Umständen hätte Svenja gelacht, weil sie kurz zuvor etwas Ähnliches über Rieke gedacht hatte, aber ihre Gedanken waren im Moment von etwas anderem gefesselt.
Das Kribbeln in ihr verwandelte sich in heiße Wellen. Sie konnte es immer noch kaum glauben, dass diese wunderbare Frau nun jeden Morgen neben ihr lag, wenn sie aufwachte. Es war wie ein Traum.
Riekes Lippen wanderten Svenjas Hals entlang, während eine Hand sich auf ihre Brust legte, kurz die angeschwollene Brustwarze streichelte, sodass Svenja ein Stöhnen nicht unterdrücken konnte, und sich dann langsam weiter hinunterschob.
»Rieke . . .«, konnte Svenja nur schwach hauchen.
Rieke lächelte, was Svenja jedoch unter ihren eigenen Augenlidern verschwinden sah, die sie jetzt endgültig ganz schloss. »Zwei verrückte Bäuerinnen sind besser als eine«, flüsterte Rieke neckend. »Findest du nicht?«
Svenja konnte nichts mehr sagen. Diese Bereiche ihres Gehirns schienen völlig ausgeschaltet. Als sie spürte, wie Riekes Finger sich unter den lockeren Gummizug ihres Pyjamashortys schoben und sich weiter hinuntertasteten, hob Svenja ihre Hüften leicht an. Ihr Unterleib brannte vor Verlangen.
Bamm!
Die Schlafzimmertür flog auf, und Janne stürmte herein. »Rieke, wir haben ein Pro- . . . Oh Gott, sorry!« Sie hielt sich die Hand vor die Augen.
Gleichzeitig zog Rieke ihre eigene Hand ruckartig zurück, und Svenja fühlte Kälte in den leeren Raum strömen.
»Janne!« Abrupt setzte Rieke sich auf. Die intime Atmosphäre, die das Zimmer eben noch erfüllt hatte, verschwand von einer Sekunde auf die andere. »Was hab ich dir über Anklopfen gesagt?«
Vorsichtig blickte Janne durch die halb gespreizten Finger ihrer Hand und ließ sie dann fallen, als sie sah, dass keine Gefahr des Eindringens in die Privatsphäre ihrer Schwester und ihrer Quasi-Schwägerin mehr bestand. »Tut mir leid, aber es ist ein Notfall«, keuchte sie. »Gerda ist ausgebüxt und steht in Peters’ Vorgarten. In den Rosenbüschen.«
Mit einem Aufstöhnen öffnete Svenja, die noch den verlorenen Gefühlen nachgespürt hatte, die Augen. »Natürlich ist es Gerda. Wer auch sonst?«
»Salvatore?« Rieke grinste ein wenig, doch dann verzog sie bedauernd das Gesicht. »Tut mir so leid.«
»Mir auch.« Svenjas Mundwinkel zuckten. Was vorbei war, war vorbei, da konnte man nichts machen. »Aber das lässt sich wohl nicht mehr ändern.« Schicksalsergeben schwang sie die Beine aus dem Bett.
Mittlerweile war Rieke bereits hinausgesprungen und zog hastig ihre Latzhose hoch. »Wie konnte sie schon wieder ausbrechen?«, fragte sie ihre Schwester. »Wir haben doch das Gatter verstärkt.«
Janne atmete tief durch. »Sie hat es aufgehebelt. Mit den Hörnern.« Geradezu entgeistert rollte sie die Augen. »Ich schwöre, diese Kuh ist intelligenter als mancher Mensch.«
»Sie ist definitiv nachtragend«, murmelte Svenja, als sie an ihre letzten Begegnungen mit der Kuh, die eine persönliche Fehde mit der neuen Einwohnerin des Hofes auszutragen schien, dachte, und schlüpfte in ihre Jeans. »Letzte Woche hat sie mir Wahnfrieds Trinkschale über den Kopf gestülpt.«
»Das war ein Versehen«, verteidigte Rieke ihre Lieblingskuh.
Das hatte Svenja schon erwartet, aber trotzdem konnte sie das nicht so stehenlassen. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie Rieke an. »Ein Versehen? Sie hat gewartet, bis ich mich gebückt habe, und dann gezielt geschubst!«
Viel amüsierter als Svenja begann Rieke zu lachen. »Das tut mir so leid.«
»Du nimmst das gar nicht ernst«, beklagte Svenja sich. »Du liebst deine Kühe mehr als mich. Und deine Hähne«, fügte sie augenrollend hinzu.
»Davon gibt es nur einen.« Rieke grinste. »Sonst gäbe es Krach im Hühnerhof.«
»Peters ist schon wach«, setzte Janne immer noch leicht atemlos und ungeduldig von einer zur anderen blickend ihren Bericht fort. »Er steht im Bademantel vor der Tür und macht Fotos.«
»Was?« Alarmiert stürmte Rieke zum Fenster und spähte hinaus. Svenja war mit ein paar Schritten neben ihr.
Tatsächlich konnte man in der Dämmerung Gerdas massige Gestalt erkennen, die genüsslich an einem Rosenbusch knabberte, während Herr Peters in seinem gestreiften Bademantel um sie herumtänzelte und wild gestikulierte.
»Los, bevor er wieder die Polizei holt!«, rief Rieke ihnen beiden auffordernd zu und griff nach ihrer Jacke.
Das ist meine Chance, dachte Svenja. »Moment.« Schnell hielt sie Rieke am Arm fest. »Lass mich das machen.«
Rieke und Janne sahen sie ungläubig an.
»Du?«, fragte Janne. »Du willst Gerda einfangen?«
Entschlossen reckte Svenja das Kinn vor. »Ich lebe seit drei Monaten hier. Es wird Zeit, dass diese Kuh mich respektiert.«
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