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Teil 12

Unterdessen beantwortete Ann ihre Frage mit einem gedehnten: »Sowohl als auch.« Sie setzte sich auf und beobachtete Elins Vorbereitungen.

Elin schaute beiläufig in den Spiegel. Heute sah sie definitiv nicht wie ein Mann aus. Ihr jetziges Outfit offenbarte, dass sie durchaus einige weibliche Attribute vorzuweisen hatte. »Um ehrlich zu sein«, gestand sie, »habe ich nicht den geringsten Schimmer. Ich weiß ja nicht, was Rubys Mutter überhaupt von mir will. Und generell wird es schwierig, jetzt, wo – du weißt schon.«

»Also kein Plan«, konstatierte Ann.

»Aber so was von keinen«, gab Elin zu.

Ann erhob sich ächzend vom Bett. »Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid. Ich könnte zum Beispiel deine Geliebte spielen. Oder Simon deinen Geliebten, Ehemann oder was auch immer.« Sie boxte Elin im Vorbeigehen auf den Oberarm. »Dann wird es ein richtig bunter Reigen.«

»Klingt gut«, stimmte Elin zu. »Ein Drama in drei Akten mit dem Titel: Erstens kommt es anders . . .«


Elin fuhr früher los als nötig. Zum einen wollte sie sich nicht weiter mit Ann unterhalten, zum anderen brauchte sie frische Luft. Wirklich frische Luft. Nicht das, was durch Häuserreihen hindurchstrich und dabei einen Großteil des Sauerstoffs an den Ecken der Häuser oder hinter den Auspuffen der Autos verlor. Sondern echte, salzhaltige Meeresluft, die die Lungen von den Ablagerungen des Tages befreite, den Blick aufklarte und den Verstand wieder ruhig und konzentriert arbeiten ließ.

Elin seufzte zufrieden, als sich ihre Zehen in den noch warmen Sand bohrten. Bald würde der Herbst seine Fühler ausstrecken, und sie könnte nicht mehr so lange auf den Horizont schauen, wie sie es mitunter brauchte. Wie in diesem Augenblick.

Viel zu wenige Minuten später war es an der Zeit aufzubrechen. Zu Ruby Heldt und deren Mutter – zwei Frauen, die Elin früher oder später zur Verzweiflung bringen würden. Das spürte sie genau. Aber da sie nun den ersten Schritt gemacht hatte, blieb ihr keine Wahl. Umdrehen gab es nicht, so hatte sie es von ihrem Vater gelernt: »Wenn du dich für einen Weg entschieden hast, Sternchen, dann musst du ihn weitergehen. Bis zur nächsten Kreuzung.« Das hatte Gustav Petersen nicht nur einmal betont. Elin war davon überzeugt, dass das für ihren Vater immer noch galt, genauso wie für sie selbst. Keine halben Wege. Keine halben Sachen. Sei es im Beruf oder im Leben.

Darum stand sie jetzt hier vor dem Haus, das Ruby ihr als Adresse genannt hatte. Eigentlich hatte Elin eine gehobene Gegend erwartet. Mit noblen Häusern, vor denen noble Karossen standen. Stattdessen war hier alles eher einfach. Nicht heruntergekommen, das nicht, aber hier wohnten offensichtlich keine reichen Leute. Genau das irritierte Elin. Sie schaute noch einmal auf den Zettel. Da stand eindeutig Biestow.

Das bedeutete, dass Lara Heldt manchmal etwas ausstrahlte, was nicht hierher passte: Snobismus. Schon hatte Elin wieder den herablassenden Tonfall der Frau im Ohr, während sie auf ihre Handwerkerinnenhände gestarrt hatte.

»Schluss jetzt«, verlangte Elin von sich selbst. Sie schloss ihr Auto ab und ging auf den Hauseingang zu.

»Ihr Auto darf hier nicht stehen bleiben«, beschwerte sich da jemand hinter ihr. »Die Parkplätze sind nämlich nur für die Hausbewohner.« Eine ältere Frau, der Stimme nach zu urteilen.

Elin drehte sich um und sah eine kleine, dürre Frau mit energischen Schritten auf sich zukommen. Neben ihr tippelte ein Dackel. Genauso resolut, sich genauso aufplusternd. Die Frau hielt sich wohl für eine Soldatin des Rechts – und der Dackel für ihren Adjutanten. Oder für eine Dogge, die zum Schutz aller Bewohner in diesem Haus abkommandiert war.

Die Vorstellung entlockte Elin ein leichtes Schmunzeln. »Ich bin zu Besuch«, erklärte sie.

»So, so«, murmelte die verkappte Soldatin, »zu Besuch. Bei wem denn?« Sie fixierte Elin, während es aus dem Hintergrund knurrte. Ehe Elin erwidern konnte, dass das zu weit ging, fuhr die Frau mit dünnen Lippen fort: »Mein zweiter Mann war Polizist. Ich weiß also, dass man nicht alles durchgehen lassen darf. Dann könnte ja jeder kommen. Und irgendwann ist die Straße hier von Fremden zugeparkt.«

So kurz und knapp wie möglich ergab sich Elin in ihr Schicksal: »Bei Frau Heldt.«

»Ehrlich? Was haben Sie denn mit der zu tun? Ist was passiert?«, schoss die Frau ihre Fragen förmlich heraus. Sie drehte sich zu Elins Wagen, auf dem an den Seitentüren der Schriftzug ihres Betriebes prangte. »Wenn was am Haus kaputt ist, muss sie das melden. Sagen Sie ihr das.«

Elin verdrehte in Gedanken die Augen. Neugierige Mitmenschen waren ihr ein Gräuel. Sie musste dann immer aufpassen, sich keine Geschichten auszudenken, mit denen sie deren Sensationslust noch mehr anheizen könnte. Jetzt gerade hatte sie zum Beispiel nicht übel Lust zu erzählen, dass Ruby Heldt einen Leguan gekauft hatte und Elin jetzt zum Ausmessen für das größenmäßig passende Terrarium hier war, damit das Tier nicht ständig frei herumlief. Oder dass durch einen indirekten Blitzschlag der Stromkreislauf in der Wohnung kurzzeitig unterbrochen gewesen war und seitdem der Backofen anging, wenn das Licht im Bad eingeschaltet wurde. Oder . . .

Nun ja. Mit dieser Frau würde Elin hoffentlich in Zukunft nichts mehr zu tun haben, also sah sie über die unangemessenen Kommentare hinweg. Genau genommen schaute sie auf den Dackel, der sich offenbar nicht entscheiden konnte, welches Wesen er für den Augenblick darstellen wollte: Dogge oder ängstliches Hündchen. Das daraus resultierende Wechselspiel von Knurren und Winseln war so spannend, dass Elin nicht wegschauen konnte. »Keine Sorge«, erwiderte sie entsprechend abgelenkt. »Es ist alles in Ordnung.«

Ob der alten Frau die Erklärung reichte, war nicht ersichtlich. Vielleicht fand sie den Informationsgehalt des Gesprächs nicht ausreichend, denn sie setzte sich unvermittelt wieder in Bewegung. »Komm, Edmund-Erwin, wir müssen nach Hause. Das Herrchen wartet bestimmt schon.« Sie zog an der Hundeleine und den Dackel dadurch ein wenig hinter sich her. »Kommen Sie«, forderte sie auch Elin auf, hielt ihr die Eingangstür auf und deutete in den Flur. »Die Heldts wohnen im dritten Stock. Nummer 318. Sie müssen die Treppe nehmen, weil der Aufzug kaputt ist.« Sie griff sich kurz an den Brustkorb, dann ging der Redeschwall weiter: »Ich bin ja so froh, dass wir – also ich und mein Kurt – hier unten wohnen.« Wieder ein Innehalten und ein Griff nach der Stelle, an der sie wohl ihr Herz vermutete. »Kennt sich Ihr Chef mit Aufzügen aus?«

»Der ist da ein richtiger Profi«, sagte Elin.

»Dann kann er ja . . .«

Elin legte größtes Bedauern in ihr Kopfschütteln. »Darf ich jetzt?«, fragte sie dann mit einem Blick in den Hausflur.

Sie durfte. Zehn Minuten später. Zehn Minuten, in denen sie mehr über Luise Reiher – so hieß Kurts Frau – erfuhr, als sie jemals wissen wollte.

Jetzt stand Elin vor der Wohnung Nummer 318. Die Fingerkuppe berührte noch nicht ganz den Klingelknopf, als sie den Arm noch einmal zurückzog, in die Jackentasche griff und nach den geflochtenen Armbändern tastete, die sie vorhin am Hafen erstanden hatte. Tiefes Durchatmen war in diesem fensterlosen, stickigen Flur nutzlos. Also ließ Elin es sein und betätigte endlich die Klingel.

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 11

Elin spürte, wie ihr sämtliche Gesichtszüge entgleisten, angefangen von der Stirn. Der Hitze nach zu urteilen, folgte dem Weg der Entgleisung eine Feuerspur. So peinlich war ihr nichts gewesen seit Nadja.

Und das nur, weil Ruby selbst zu schüchtern war.

Das ist mal wieder typisch. Jetzt hast du den Ruf einer greisen Lustmolchin weg und bist dabei keinen Schritt weiter. Sie richtete den Rücken gerade auf, brachte ihre Miene wieder in geordnete Bahnen und schaffte es, Kim gelassen anzuschauen. »Danke für die Info«, sagte sie. »Können wir dann weitermachen?«

Glücklicherweise war der Rest bald erledigt. Kim zog ihre Jacke wieder an, nickte Elin kurz zu und verschwand ohne ein weiteres Wort im Schulgebäude.

Sofort entließ Elin ihren Körper aus der verkrampften Haltung, in der sie die letzten fünfzehn Minuten verbracht hatte. Sie fiel regelrecht in sich zusammen, als sie sich vor den Kastanienbaum setzte. Wie in Zeitlupe streckte sie die Beine aus und holte Luft, als wolle sie all den Sauerstoff um sich mit einem einzigen Atemzug einsaugen. Beim Ausatmen hob sie den Kopf und richtete den Blick in den Himmel. Die Bewegung der Blätter und Äste im Wind ließ ein Gemisch von Sonnenstrahlen und Blau aufblitzen und gleich wieder verschwinden, nur um an einer anderen Stelle erneut kurz aufzuleuchten. Es war wie ein blauer Nieselregen, der sich über Elin ergoss und Erholung und Entspannung brachte.

Nach wenigen Minuten fühlte sie sich bereit, aufzustehen und sich wieder ihren Aufgaben als Schulhausmeisterin zu widmen.

~*~*~

Die Reparatur der Jalousien nahm mehr Zeit in Anspruch, als Elin gedacht hatte. Aber jetzt war sie beinahe fertig. Nur noch eine, dann konnte sie am Gymnasium für heute Schluss machen. Entsprechend erleichtert stellte sie die Leiter auf und wollte anfangen. Doch ein zaghaftes Klopfen am Türrahmen hinderte sie daran.

»Ich hab vorhin gesehen, dass du mit Kim geredet hast«, erklang Rubys Stimme. Mit einer Begrüßung hielt sich das Mädchen gar nicht erst auf.

Das erinnerte Elin wieder daran, wie sie sich zur Närrin gemacht hatte. »Ja«, presste sie hervor. Sie hörte eilige Schritte, die knapp hinter ihr zum Stillstand kamen.

»Und?«, folgte die atemlose Frage, als hätten die Füße mehr als nur den Weg von der Tür zum Fenster zurücklegen müssen.

Elin schloss kurz die Augen, bevor sie sich umdrehte. Mit fester Stimme erklärte sie: »Hör mal, Ruby. Ich kann das nicht. Wenn du willst, kann ich dir Tipps geben. Aber mehr nicht.«

»Aber wieso . . .«, stammelte Ruby und schnappte nach Luft. »Wie . . . das kannst du nicht? Du hast es versprochen.«

»Korrigier mich bitte«, entgegnete Elin bemüht gelassen. »Aber ich habe nur versprochen, gegenüber deiner Mutter stillzuhalten.«

»Und mir bei Kim zu helfen«, beharrte Ruby.

Sie drehten sich im Kreis. Ruby wollte nicht zuhören, und Elin hatte keine Lust auf die Debatte, zumal es ja stimmte: Sie hatte genau das versprochen. Also konnte sie diese Diskussion genauso gut auf ihre To-do-Liste setzen – ganz nach unten, zur Erledigung für den nächsten perfekten Arbeitstag. Der nach derzeitigem Stand lange auf sich warten lassen dürfte.

»Deine Mutter hat mich für heute eingeladen«, wechselte Elin das Thema. »Sag ihr, dass ich keine Zeit habe.«

Ruby zuckte leicht zurück. »Wie, eingeladen?«

»Na, eingeladen eben.« Elin stieg auf die Leiter und begann die Jalousienkästen abzuschrauben. »Aber wie gesagt habe ich keine Zeit.« Vorsichtig lehnte sie den ersten Kasten gegen die Wand.

Endlich schien Ruby zu begreifen. Sie zog hörbar die Luft ein. Elin drehte sich so, dass sie Ruby anschauen konnte.

Wirklich glücklich war Ruby mit ihrer Erkenntnis offenkundig nicht, denn sie kaute an einem Fingernagel, während sie nuschelte: »Kannst du nicht vielleicht trotzdem?«

Das »Nein« geriet Elin heftiger als beabsichtigt. Sie spürte Rubys Zurückweichen mehr, als sie es sah. Für einen Moment schloss sie die Augen. Dann stellte sie so ruhig wie möglich klar: »Ich kann nicht. Und ich will das auch nicht.«

»Aber wenn du nicht kommst, will sie sicher genau wissen, warum«, feuerte Ruby los. »Und ich hab doch übermorgen diesen Test. Muss noch so viel dafür lernen. Da . . .«

Leider floss in Elin nicht nur isländisches Blut. Sonst hätte sie vielleicht das Flehen in Rubys Stimme überhören können und die Unsicherheit, die in jedem tiefen Atemzug mitschwang, nicht mitbekommen. Im Stillen entschuldigte sich Elin bei ihrer Mutter für diese Gedanken.

Um dann zähneknirschend nachzugeben: »Ich kann aber nicht vor acht.« Und sei es nur, um vor ihrer Mutter Abbitte zu leisten.

»Acht ist prima«, sagte Ruby mit einem strahlenden Lächeln.

»Acht ist prima«, wiederholte Elin, als Ruby schon längst verschwunden war. Den Zettel mit der Adresse, den das Mädchen ihr ausgehändigt hatte, stopfte sie ganz tief in eine der Knietaschen.

~*~*~

»Langsam zweifle ich an deiner Intelligenz«, hörte Elin ihre Mitbewohnerin durch das Wasserrauschen schimpfen. Offenbar hatte Ann beschlossen, die frisch gefalteten Badetücher genau jetzt zu verstauen und bei der Gelegenheit auch noch ihre Meinung kundzutun.

Elin unterbrach das Haarewaschen. Wie recht Ann doch hatte. Unüberlegtes Handeln gehörte nicht zu den Eigenschaften, die sie normalerweise auszeichneten. Sie berichtigte sich: Hatte nicht dazugehört. Inzwischen schien das eher auf der Tagesordnung zu stehen. Aber es war, wie es war. Daher straffte sie die Schultern und machte weiter.

Um Anns vorwurfsvollem Blick so lange wie möglich zu entgehen, ließ Elin das Wasser länger als üblich über ihren Körper laufen. Erst als sie die Wasserverschwendung nicht mehr verantworten konnte, stellte sie es ab und griff durch den Vorhang hinaus nach ihrem Bademantel.

»Lass gut sein, Ann«, murmelte sie in das Handtuch, mit dem sie sich das Gesicht trocknete. »Ich zieh das jetzt durch.«

»Klar. Super Idee«, sagte Ann. »Dank der sozialen Netzwerke weiß morgen am Gymnasium eh jeder, dass du dich an Schülerinnen heranmachst. Dann hat Rubys Mutter erst recht einen Grund, mit dem Rektor zu reden.«

»Genau«, stimmte Elin zu.

»Und die Heizungsanlage hast du auch nicht gewartet«, beschwerte sich Ann.

»Doch. Zumindest hab ich danach geschaut. Das bisschen, was da zu machen ist, habe ich mir für nächste Woche vorgenommen.« Für die hysterische Schwarzmalerei, zu der Ann seit neuestem neigte, hatte Elin im Augenblick keinen Nerv. Daher drehte sie sich einfach um und verschwand in ihrem Zimmer.

Wohin ihr Ann ungefragt folgte. »Pass nur auf, dass du dich nicht zu sehr verzettelst«, warnte sie.

»Ach, Annchen«, sagte Elin langsam – so wie es Simon machte, wenn er seine Frau besänftigen wollte. »Nichts dergleichen wird passieren. Versprochen.«

»Wenn du’s sagst.« Glücklicherweise gehörte Ann zu den Menschen, die sich zwar schnell aufregten, aber genauso schnell beruhigten, weil letztendlich der Humor siegte. Davon zeugten jetzt die leicht nach oben gebogenen Mundwinkel und das theatralische Stöhnen, mit dem sich Ann aufs Bett fallen ließ. »Hast du eigentlich schon einen Plan?«

»Für heute Abend oder generell?«, fragte Elin zurück, während sie aus diversen Schubladen und dem Schrank die Kleidungsstücke für heute Abend zog. Sportlich-elegant sollten sie sein. Nach einem roten T-Shirt und Sweatjacke wollte sie nach einer ihrer weißen Jeans greifen, doch dann zuckte sie wie nach einem Stromschlag zurück: Womöglich verstand Lara das als Anspielung auf ihr erstes Treffen? Elin schüttelte sich kurz und entschied sich schließlich für dunkelblaue Jeans.

Teil 10

Da gab es nur das klitzekleine Problem, dass Elin nicht so einfach Kontakt zu Kim knüpfen konnte. In der nächsten Pause war sie in ihrer Verzweiflung schon so weit, dass sie Anrempeln bei nächster Gelegenheit in Erwägung zog. Da bemerkte sie, wie Kim mit ein paar anderen hinter der Garage verschwand.

Das war Elins Chance. Denn sie wusste, dass die jungen Leute dort verbotenerweise rauchten.

»Achtung«, hörte sie einen Jungen flüstern, der offenbar Schmiere stand. Aber trotz der Warnung sah Elin genau, wie einige Schüler ihre Zigaretten hastig vor ihr versteckten.

»Ihr wisst schon, dass das auf dem Schulgelände verboten ist?«, erinnerte sie die jungen Leute an die Vorschriften. Sie ließ ihren Blick über die kleine Gruppe wandern und stoppte schließlich bei Kim. Die hielt es offenbar nicht für nötig, etwas zu verbergen. Sie behielt ihre Zigarette in der Hand und nahm sogar ganz offen einen tiefen Zug daraus.

Aus den Augenwinkeln sah Elin, wie sich die anderen rasch zurückzogen. Sie musste zugeben, dass sie Respekt vor dieser Kim hatte: Durch ihr Verhalten hatte sie den anderen zur Flucht verholfen.

»Sie können damit aufhören«, sagte Elin. »Ihre Freunde sind weg.«

»Werden Sie mich melden?«, fragte Kim, während sie die Zigarette austrat.

»Das müsste ich eigentlich«, erwiderte Elin. Auf Kims fragenden Blick hin fuhr sie lächelnd fort: »Aber wenn Sie mir helfen, den Müll aufzuheben, den ihr alle hier immer einfach wegwerft, kann ich vielleicht noch ein Auge zudrücken.«

Mit verschränkten Armen fragte Kim: »Und wenn es mir egal ist, dass Sie mich melden?«

Das ist sie also. Rubys erste große Liebe. Selbstbewusst. Stolz. Ein wenig rebellisch. Alles in allem eine junge Frau, die vermutlich oft auf sich allein gestellt war.

»Ist es das denn?«, forschte Elin. Als Kim nicht antwortete, aber ihre Haltung auch nicht aufgab, fuhr sie fort: »Wissen Sie, ich habe eigentlich keinen Bock darauf, Ihnen Schwierigkeiten zu machen.«

»Dann lassen Sie es«, meinte Kim.

»Ich habe aber auch keinen Bock darauf, diesen Müll hier allein wegzuräumen.« Elin deutete auf die vielen farbigen Flecken, die das Gras hinter der Garage tüpfelten.

Kim ignorierte den Fingerzeig. Ihr Blick war in die Ferne gerichtet, die Stirn gerunzelt. Es war offensichtlich, dass sie sämtliche Für und Wider genau abwog. »Einverstanden«, gab sie schließlich bekannt.

Zufrieden nickte Elin. »Wie wär es mit morgen?«, fragte sie. »Nach dem Unterricht?«

»Jetzt gleich wär mir lieber«, widersprach Kim sofort.

Das war ja großartig. Kims Angebot brachte Elins Planungen für den Tag völlig durcheinander. Eigentlich müsste sie sich noch um die defekten Jalousien in drei Klassenzimmern kümmern. Sie hatte keine Ahnung, wie die Lehrer oder Schüler es schafften, diese ständig kaputtzubekommen. Die Mieter in Warnemünde hatten sich gemeldet, weil bei einem Möbeltransport die komplette Eingangsbeleuchtung zerstört worden war. Und dann war da noch die Heizungsanlage in Lichtenhagen.

Zu allem Überfluss fiel ihr die freundliche Einladung von Lara Heldt wieder ein. Doch die würde sie auf keinen Fall annehmen. Schließlich war das nicht Teil des Versprechens an Ruby.

»Okay«, stimmte Elin endlich zu, nachdem ihr klargeworden war, was Teil des Versprechens war. »Dann hol ich mal Handschuhe und Tüten.«

Ein wenig hatte Elin gehofft – und gleichzeitig befürchtet –, dass Kim nicht warten würde. Schließlich musste sie annehmen, dass Elin ihren Namen nicht kannte und daher auch keine Meldung machen könnte, wenn sie sich stillschweigend aus dem Staub machte. Aber als Elin zurückkam, stand Kim an Ort und Stelle. Sie hatte ihre Jeansjacke ausgezogen und schaute Elin ruhig entgegen.

Das nötigte Elin sehr viel Achtung ab. Diese junge Frau stand zu ihrem Wort, rannte nicht davon, wenn es brenzlig wurde.

»Hier«, sagte Elin und drückte Kim Handschuhe und einen Müllbeutel in die Hand.

Schweigend begannen sie den Müll aufzusammeln. Bonbonpapier, Zigarettenkippen, Kaugummifolien. Manchmal fragte sich Elin, ob die Kids zu Hause auch alles dort fallen ließen, wo sie gerade standen.

»Als ob das nur die Kids machen würden«, beschwerte sich Kim.

Schuldbewusst meine Elin: »Ups. Entschuldigung. Ich hab wohl laut gedacht.«

»Sieht so aus.« Kim hielt in der Arbeit inne und schaute Elin herausfordernd an, um klarzustellen: »Trotzdem machen das nicht nur Kids. Fahren Sie mal eine Autobahn entlang. Was da so alles rumliegt . . . Und dann sagen Sie nicht, dass das nur von Kids stammt.«

»Schon gut«, beschwichtigte Elin mit erhobenen Händen. »Sie haben ja recht.«

»Kim«, kam es daraufhin von der anderen Ecke des kleinen Wiesenstückes.

»Was?«, fragte Elin irritiert.

»Ich heiße Kim«, wiederholte die junge Frau. »Und Sie heißen Elin, soweit ich weiß.«

Elin lächelte. »Das spricht sich anscheinend rum.« Sie legte ihre Utensilien weg, zog sich den rechten Handschuh aus und ging auf Kim zu. »Da ich die Ältere bin . . .« Sie streckte Kim die Hand entgegen. »Schön, dich kennenzulernen, Kim.«

Für einen Augenblick befürchtete Elin, dass Kim die dargebotene Hand einfach ignorieren würde, denn bis auf ein Blinzeln war keine Reaktion zu sehen. Elin fragte sich, wie lange man üblicherweise warten konnte, bevor man sich einfach umdrehte und so tat, als wäre nichts geschehen. Da ergriff Kim ihre Hand doch noch und erwiderte den Druck.

»Auch schön, dich kennenzulernen, Elin«, sagte Kim langsam. Ihre Augen fixierten Elin und wurden immer enger, bis sie die Form von zwei Messerspitzen hatten. Es hatte den Anschein, als wolle Kim sich damit einen Weg in Elins Gedanken bahnen. Da Elin nach eigenem Dafürhalten nichts wirklich Gefährliches darin verbarg, erwiderte sie den Blick ruhig.

Kim schien davon aber keineswegs überzeugt. Zwischen ihren Brauen bildete sich eine Falte, die auch nicht verschwand, als sie Elins Hand losließ. Diese junge Frau war offensichtlich sehr vorsichtig im Umgang mit Fremden.

Das hieß, Elin musste aufpassen – bei allem, was sie sagte oder tat.

Ein gleichmütiges Nicken, ein neuerliches Lächeln, und damit ging sie wieder zurück an ihre vorherige Position. »Gibt es einen Grund, warum du dich über die Müllberge an den Autobahnen so aufregst?«, begann sie von dort ein unverfängliches Gespräch.

»Nicht wirklich«, kam es einsilbig zurück.

Dieser Versuch, etwas aus Kim herauszubekommen, war danebengegangen. Auch ihre Körpersprache zu deuten, war schier unmöglich. Also setzte Elin aus einer anderen Richtung an: »Wieso hast du eigentlich einfach so Zeit, mir zu helfen?«

»Freistunden«, erwiderte Kim. Sie bückte sich nach einer Bananenschale und warf sie in den Beutel, ohne dabei eine Miene zu verziehen.

»Und morgen?«, fragte Elin weiter. »Morgen hast du was vor?« Sie schnitt ein Gesicht, als sie eine leere Zigarettenpackung aus dem Gebüsch fischte und entsorgte. »Mit deinem Freund zum Beispiel?«

Noch ehe die Frage ganz ausgesprochen war, hätte sie sich am liebsten geohrfeigt. Plumper ging es ja wohl nicht. So viel zum Thema »vorsichtig vorgehen«. Anscheinend war Rubys Unsicherheit ansteckend. Wie war es sonst zu erklären, dass Elin sich hier benahm, als sei sie allerhöchstens achtzehn?

Leider war Kim viel reifer als andere Mädchen in ihrem Alter. Und wachsamer, wie Elin erneut feststellen musste. Denn Kim erstarrte. Ihr Körper nahm die Haltung eines Tieres an, das Gefahr witterte und jeden Moment die Flucht ergreifen konnte. »Was willst du eigentlich von mir?«, fragte sie. Die Antwort wartete sie gar nicht ab. »Nur damit das klar ist – ich bin nicht an älteren Frauen interessiert.«

Teil 09

»Also wirklich.« Elin hüpfte vom Traktor. »In den paar Sekunden habe ich nur ein paar Ohrstecker gesehen und was sie anhat. Mehr aber auch nicht.«

»Ich habe gedacht, dass man in deinem Alter ein feineres Gespür hat«, murrte Ruby.

»Hey. Ich bin zweiunddreißig und keine hellsichtige alte Frau.« Elin sperrte das Garagentor ab und setzte sich wieder auf den Traktor. »Und jetzt sieh zu, dass du in dein Klassenzimmer kommst.«

Ruby zog die Stirn kraus. »Du redest wie meine Mutter«, maulte sie im Umdrehen.

Daraufhin verzog Elin nur das Gesicht und fuhr los. Sie hatte genug zu tun. Sich gleich zu Beginn des Tages mit den Launen eines Teenagers herumzuschlagen, gehörte definitiv nicht dazu. Und mit deren Mutter verglichen zu werden, setzte dem noch die Krone auf.

Rasch griff sie nach den Kopfhörern und setzte sie auf. Zum Glück hatte sie irgendwann die Idee gehabt, die Kopfhörer für den Lärmschutz mit denen ihres iPods zu koppeln. So konnte sie das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Sanfte Orchestermusik als Begleitung erleichterte das Arbeiten ungemein.

Ann hatte recht, sinnierte sie, während sie ihre Bahnen über die Rasenfläche zog: Seit die Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand auch in ihrem Bereich griffen, war die Arbeitsbelastung hier an der Schule stetig angewachsen. Bis vor wenigen Monaten hatte ihr Partnerunternehmen noch zwei Mitarbeiter abgestellt, heute war es nur noch Sören. Und der nahm darüber hinaus erst am späten Nachmittag seine Arbeit auf, wodurch sich ihre eigenen Schichten immer weiter ausdehnten. Das würde zwar in absehbarer Zeit vielleicht Geschichte sein, dafür hatte Simon aber mittlerweile zwei neue Auftraggeber an Land gezogen. Alles zusammen könnte ihr früher oder später richtig an die Substanz gehen. Ihr Cousin war ebenfalls ausgelastet, da auch er schon mehrere Objekte betreute.

Elin seufzte leise auf. Sie war urlaubsreif. Wenn sie daran dachte, wie lange sie schon nicht bei ihren Eltern auf Island gewesen war, wurde es ihr ganz schwer ums Herz. Aber Trübsal zu blasen half ihr auch nicht weiter. Was sie brauchte, war die richtige Organisation. Also der Reihe nach: Zuerst musste sie hier den Rasen mähen. Danach konnte sie sich um Rubys Problem kümmern – und dabei vermutlich in die Breite gehen, weil sie sehr viel Kuchen backen würde.

Nachdem sie ein paar Runden gemacht hatte, stellte Elin den Traktor ab und entleerte den Behälter in den dafür vorgesehenen Container. Wie meistens bei dieser Tätigkeit sah sie aus wie eine Vogelscheuche: über und über voller Grashalme. Elin zog ihr Hemd aus, schüttelte es so gut es ging aus und band es sich anschließend um die Taille, denn inzwischen war es warm geworden.

In dem Moment, als sie sich wieder auf ihr Gefährt setzen wollte, sah sie Rubys Mutter auf sich zukommen, als zöge sie in eine Schlacht. Der Schulrasen war das Schlachtfeld und Elin die Feindin.

Elin reagierte entsprechend: Wie eine Kriegerin stellte sie sich breitbeinig hin, die Arme vor der Brust verschränkt.

»Ich würde gern mit Ihnen reden«, erklärte Rubys Mutter, noch ehe sie ganz herangekommen war.

Elin schwieg. Sie sah die andere nur abwartend an.

»Meine Tochter hat mir erzählt, dass Sie . . .«

Elin wartete, dass Rubys Mutter weitersprach, aber vergeblich. Die Frau stand wie eine Statue vor ihr. Alles, was sie von sich gab, war ein Räuspern.

Also löste Elin ihre Verteidigungshaltung und begann sich die Hosenbeine sauberzuklopfen. »Dass ich was?«, fragte sie währenddessen.

»Ich wäre Ihnen zu Dank verpflichtet, wenn Sie damit aufhören und mir ein paar Antworten geben würden«, verlangte Rubys Mutter.

Gott, wie gestelzt die sich ausdrückt. Gemächlich richtete sich Elin auf und strich sich die letzten Grashalme von den Armen. »Was möchten Sie denn wissen?«

»Ob Sie mit Absicht das Leben eines jungen Mädchens zerstören?« Der Tonfall, in dem Rubys Mutter die Frage stellte, erinnerte ein wenig an Donnergrollen. Es fehlte nur noch der Einschlag eines Blitzes.

Elin zählte im Stillen bis zehn, um nicht im selben Ton zu antworten. Erst dann begann sie: »Jetzt hören Sie mal zu, Frau . . .« Ihr Blick fiel auf das Namensschild, das Rubys Mutter am Revers ihrer Jacke trug. Darauf stand in fein säuberlichen Buchstaben: Lara Heldt.

Um die kurze Unterbrechung zu überbrücken, rieb Elin sich den Nacken und setzte ihren Satz fort: ». . . Frau Heldt. Ich zerstöre hier niemandes Leben.«

»Ach, nein?«, erwiderte Lara Heldt. »Und wie erklären Sie sich, dass die Leistungen meiner Tochter in diesem Schuljahr nachgelassen haben? Wegen Ihnen. Wie sie mir gestanden hat.«

Kurzzeitig war Elin versucht, die Sachlage klarzustellen. Aber das hätte bedeutet, dass sie ihr Versprechen an Ruby brechen müsste. Um Zeit zu gewinnen, überprüfte sie, ob ihr Hemd ordentlich verknotet war.

Wie erhofft umging sie damit die Antwort, denn Lara Heldt sprach bereits weiter: »Lassen Sie Ruby in Ruhe, bitte. Die elfte Klasse ist doch so wichtig für das Abi. Und das braucht sie, damit sie eine Chance im Leben hat.«

Diese Frau war unmöglich. Selbst eine Bitte formulierte sie als Vorwurf.

»Wenn ich das mache, Frau Heldt«, entgegnete Elin, »wissen Sie, was dann passiert?« Elin sah die Antworten in deutlichen Bildern vor sich, während sie am Daumen abzuzählen begann: »Liebeskummer.« Es folgte der Zeigefinger. »Unkonzentriertheit.« Sie schickte sich an, auch den Mittelfinger anzutippen.

»Schon gut«, unterbrach Lara Heldt. »Ich habe verstanden.« Sie kniff die Augen zusammen. Bis fast nur noch die Pupillen zu sehen waren, von einem grünen Feuerreif umschlossen. Damit schien sie Elin ganz nah heranzuzoomen. Doch sie murmelte nur undeutlich: »Ich weiß auch nicht.« Es folgte ein Blinzeln und unmittelbar danach das Aufblitzen von etwas, das Elin schon einmal bei dieser Frau gesehen hatte – damals, im Café. In diesem Moment war Elin sich sicher, dass Lara Heldt genau wusste, wen sie vor sich hatte.

Sie wartete auf eine entsprechende Reaktion. Aber es kam keine.

Stattdessen sagte Lara Heldt: »Ich habe jetzt keine Zeit mehr. Am besten, Sie kommen heute Abend zu uns. Dann können wir uns in Ruhe unterhalten.« Damit machte sie kehrt und ging hocherhobenen Hauptes fort.

Als Elin einfiel, dass sie am Abend gar keine Zeit hatte, war Lara Heldt schon um die Ecke verschwunden.

»Du bist so was von bescheuert«, schimpfte Elin laut mit sich selbst. Wieso hatte sie nicht auf Ann gehört? Und wieso spürte sie den Blick dieser Raubkatze noch auf sich?

~*~*~

Den Rest des Vormittages versuchte Elin, das Gespräch mit Rubys Mutter aus ihrer Erinnerung auszublenden und sich stattdessen eine Strategie zu überlegen, wie sie ihr Versprechen einlösen könnte. Denn – das wurde ihr erneut klar – wenn sie sich nicht ständig mit Lara Heldt auseinandersetzen wollte, musste das bald geschehen. Diese Frau sandte einfach zu viele verwirrende Signale aus. Manchmal kam Elin sich vor, als stünde sie mitten in einem Karussell, und um sie drehten sich Figuren in den unterschiedlichsten Größen und Farben. So schnell, dass ihr schwindlig wurde.

Teil 08

»Das weiß ich nicht«, gab Elin zu. »Aber nein – ich glaube nicht. Ich seh’ sie schon öfter mal mit anderen zusammen.«

»Und warum lässt sie sich nicht von irgendeiner Freundin helfen?«

Diese Frage hatte Elin sich auch bereits gestellt. Die einzige Antwort, die es für sie gab, war: »Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die gemerkt hat, was in ihr vorgeht.«

»Dann hat sie keine echten Freunde«, behauptete Ann.

Elin zuckte die Achseln. »Vielleicht. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur verschlossen.«

»Dann passt ihr perfekt zusammen«, sagte Ann in neckendem Tonfall. »Schließlich kenn ich dich nur als verschlossene Auster. Und Simon sagt, dass du schon immer so warst.«

Wieder zog Elin es vor, nicht zu antworten. Sie hatte eben länger gebraucht, um zu sich selbst zu finden, als andere Jugendliche. Aber irgendwann hatte es Peng gemacht, und sie hatte gewusst, wer sie war, was sie wollte – und was auf keinen Fall. Zu Letzterem zählte, zwanghaft die Gesellschaft anderer zu suchen oder sich noch einmal so lächerlich zu machen wie bei Nadja. Daher überlegte sie es sich lieber zehnmal, bevor sie eine Frau ansprach.

Ann hatte wohl endlich akzeptiert, dass Elin nicht reden wollte, denn sie begann, eine Orange zu zerteilen. Sie hielt Elin eine der Spalten hin und sagte wie nebenbei: »Du bist also doch an dieser Ruby interessiert.«

Eigentlich war Elin satt. Trotzdem aß sie das Stück Obst auf. Und auch das nächste. Obwohl Ann vier Jahre jünger war als Elin, neigte sie immer öfter dazu, sie zu bemuttern. Elin ließ ihr den Spaß. Warum auch nicht? Vitamine hatten noch niemandem geschadet. Außerdem konnte sie währenddessen überlegen, ob Ann nicht vielleicht doch recht hatte. »Wie oft soll ich das noch sagen: Ruby ist mir zu jung«, stellte sie schließlich für Ann und auch sich selbst klar.

»Das heißt, wenn sie fünfzehn Jahre älter wäre –«, sinnierte Ann laut.

Elin unterbrach den Gedankengang: »Wenn sie fünfzehn Jahre älter wäre, dann bräuchte sie meine Hilfe nicht, Ann. Aber sie ist eben erst siebzehn.« Unvermittelt klang ihr die schneidende Stimme von Rubys Mutter in den Ohren. »Und steht extrem unter dem Einfluss ihrer Mutter.«

»Das heißt, du machst das, um die Kleine von diesem Einfluss zu befreien?«, fragte Ann.

Mit einem betont lauten Ächzen stand Elin auf, um sich die Hände zu waschen. »Also wirklich: Das ist jetzt aber sehr weit hergeholt.«

»Komm schon, Elin. So wie du dich über diese Frau geärgert hast.«

»Das war vorgestern«, tat Elin unbeeindruckt. Doch an den eisigen Blick aus den Raubtieraugen wollte sie lieber nicht denken. Auch nicht daran, dass Rubys Mutter sich so verhalten hatte, als wäre Elin klein und unbedeutend. Dabei war sie immerhin Elektrikermeisterin und durfte sich ganz hochtrabend Industriemeisterin für Gebäudetechnik nennen. Nur wäre sie selbst nie auf die Idee gekommen, damit anzugeben.

Unterdessen ließ Ann ihren Blick demonstrativ an Elin hinunter- und wieder hinaufgleiten. »Wenn ich dich so anschaue . . . darf ich mich wohl heute Abend wieder auf Kuchen freuen.«

»Wenn du einen backst«, gab Elin zurück.

Grinsend begann Ann den Tisch abzuräumen. »Simon hat übrigens gebeten, dass du demnächst im Gebäude in Lichtenhagen nach der Heizungsanlage schaust. Die sollte vorm Winter gewartet werden.«

»Klar. Ich kümmere mich heute noch darum«, versprach Elin. Sie griff nach dem Schlüsselbund und wollte die Wohnung verlassen.

Doch Ann hielt sie auf: »Moment. Du willst jetzt nicht nur im Top an die Arbeit.«

Widerspruchslos ging Elin zurück, griff nach dem Hemd, das auf der Stuhllehne hing, und zog es sich über. »Dann bis heute Abend.«


Auf dem Weg zur Arbeit ließ Elin die Ereignisse von gestern noch einmal Revue passieren. Das Ergebnis war eindeutig: Ruby hatte sie dazu gebracht, für sie so eine Art Liebesbotin zu spielen.

Braucht man dafür nicht Pfeil und Bogen? Bei der Vorstellung, wie sie in Leder gewandet hinter irgendwelchen Büschen auf der Lauer lag, begannen Elins Mundwinkel zu zucken. Doch der Anflug von Galgenhumor hielt nicht lange an.

Fakt war, dass Rubys Bitte von mangelnder Menschenkenntnis zeugte, denn Elin war auf dem Gebiet der Liebe eine Niete. Ihr Lebenslauf bot dafür genügend Beispiele. Andererseits – vielleicht bekam sie das ja für andere besser hin. Und falls Kim gar nicht lesbisch war, war Elin diesen Zweitjob ohnehin los, und ihre »Beziehung« zu Ruby würde sich schneller in Luft auflösen, als ihr in die Jahre gekommener Pritschenwagen hustete.

Besorgt sah Elin im Rückspiegel, dass ihr Auto mal wieder dicke Rauchschwaden hinter sich herzog. Irgendwann würde sie ihre gute alte Roberta nicht mehr einfach so reparieren können, sondern abgeben müssen. Um das so lange wie möglich hinauszuzögern, fuhr Elin sehr gemächlich die Straßen Rostocks entlang.

Außerdem bedeutete die Fahrt zum Gymnasium zwanzig meditative Minuten. Es war wie eine Panoramafahrt, für die Touristen viel Geld bezahlen würden. Im Hintergrund das Meer, Fachwerkhäuser standen Spalier, das leise Tuckern ihres Autos wurde gelegentlich vom Dröhnen eines Schiffshorns übertönt. Elin mochte die eigentümliche Melodie, die sich aus diesen beiden Klängen ergab. Wenn dann bei günstigem Wind auch noch die Möwen zu hören waren, war Elins Tag gerettet.

Heute war es allerdings seltsam still auf den Straßen. Es hatte in der Nacht geregnet. Entsprechend traurig wirkten die Häuser am Straßenrand. Der noch nasse Asphalt schluckte viele Geräusche, und ihr Wagen erweckte den Anschein, als wolle er sich in Kürze in die ewigen Jagdgründe verabschieden.

»Wehe, du gibst jetzt den Geist auf«, schimpfte Elin. Als hätte er es verstanden, bockte er nur noch einmal ganz kurz. Dann hatte er sich im Griff und brachte Elin problemlos zum Gymnasium, das seit Monaten den Beginn ihres Arbeitstages darstellte.

Als Erstes prüfte sie den Übergabebericht von Sören Meister, der jeden Morgen um fünf Uhr seine Kontrollrunde machte. Wie sie erwartet hatte: nichts Besonderes. Dann ging sie das Tor aufschließen. Die ersten Schüler standen schon dort – auch Ruby. Sie unterhielt sich mit ein paar Mitschülern, wirkte aber abwesend und starrte ständig in eine bestimmte Richtung. Den Grund dafür sah Elin sofort. Es wäre also nicht nötig gewesen, dass Ruby, als sie Elin wahrnahm, mit dem Kopf in dieselbe Richtung deutete.

Elin atmete durch. Schließlich holte sie den Schlüsselbund heraus und öffnete die Schulpforten.

Entgegen ihrer Gewohnheit, sich unverzüglich ihrer nächsten Aufgabe zuzuwenden, blieb sie heute kurz im Eingang stehen, um diese Kim etwas genauer in Augenschein nehmen zu können. Sie war sich sicher, dass Ruby das bemerkt hatte und nicht lange warten würde, um sie auszuhorchen.

So war es auch. Bereits während der ersten Pause sah sie sich Rubys fragendem Gesicht gegenüber.

»Und?«, kam sofort der Überfall. »Denkst du, dass ich eine Chance bei Kim habe?«

Lachend schloss Elin die Garage auf, in der sich die Gartengeräte befanden. »Erst einmal sollte ich doch wohl herausfinden, ob Mädchen im Allgemeinen bei ihr eine Chance haben.« Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie hinein, um den Rasentraktor hinauszufahren.

Kaum hatte sie den Motor wieder abgestellt, meinte Ruby: »Du hast sie doch beobachtet.«

Teil 07

Elin konnte es nicht glauben: Ohne zu wissen warum, war sie in eine Liebesgeschichte verwickelt. Gestern Morgen war sie nur eine überarbeitete Hausmeisterin gewesen, heute stand sie zwischen einer anscheinend etwas verstockten Mutter und ihrer hochgradig verliebten Tochter – als eine Art Puffer. Eher verdattert als verärgert sagte sie: »Und da hast du dir gedacht, dass sie dann lieber mich dafür verantwortlich macht, falls du vor lauter Verliebtheit gar nichts mehr auf die Reihe bringst.«

Mehr als einen Augenaufschlag, Marke: Ich kann doch nichts dafür, brachte Ruby nicht zustande.

Langsam besann sich Elin auf ihre Qualitäten. In Ruhe nachgedacht und dann eine machbare Lösung gefunden: Das war ihre Devise. Und hier gab es im Grunde nur eine Lösung. »Wenn du willst, rede ich mit deiner Mutter.«

Ruby riss die Augen noch weiter auf als zuvor. »Das darfst du nicht. Auf keinen Fall.«

»Ehrlich, Ruby. Ich habe keine Lust, mich vor aller Welt für etwas zu rechtfertigen, wofür ich gar nichts kann. Nur weil du zu feige bist.«

»Bitte nicht.« Inzwischen hatte sich Wasser in Rubys bernsteinfarbenen Augen gesammelt, das über die Ufer zu treten drohte.

»Und wie stellst du dir das bitte schön vor?«, wollte Elin leise wissen. »Wenn deine Mutter so reagiert, wie ich befürchte, dann steht sie doch demnächst beim Rektor auf der Matte.«

»Das macht sie bestimmt nicht. Versprochen«, wisperte Ruby. »Und wenn du mir hilfst . . . wegen Kim und so . . . ich sag ihr dann auch, wie’s wirklich war . . . dass es nur ein blöder Irrtum war.« Sie schluckte hörbar. »Aber jetzt . . . ich trau mich einfach noch nicht.«

Elin ahnte, dass das nur in einer Katastrophe enden konnte. Sie wollte wirklich ablehnen. Nur dieser Blick . . . so von unten herauf, flehend . . . Elin konnte sich nicht dagegen wehren.


»Du hast sie wohl nicht alle«, schimpfte Ann am Abend. Sie schaute erst auf Elin und dann auf ihren Mann. »Sag du auch was.«

»Tja, Cousinchen«, begann Simon Petersen ruhig und überlegt. »Da hast du jetzt irgendwie den Vogel abgeschossen.« Er schwieg ein paar Sekunden, die er dazu nutzte, sich genüsslich auf dem Sofa zurückzulehnen. »Aber da du es der Kleinen versprochen hast und wir Petersens . . .«

». . . unsere Versprechen halten«, fuhr Elin fort, »stecke ich jetzt wirklich tief in der Sch. . .langengrube.«

Simon schmunzelte. »Gib es zu. Du machst das, weil dir die Kleine gefällt.«

»Sagt mal«, unterbrach Ann den beginnenden verschwörerischen Blickaustausch von Cousin und Cousine, »bin ich die Einzige, die hier noch klar denken kann? Wenn Rubys Mutter doch mit dem Rektor spricht, dann sind wir den Auftrag dort in jedem Fall los.«

»Ach, Annchen.« Simon zog seine Frau auf den Schoß. »Es kommt, wie’s kommt. Außerdem: Ich hab doch erzählt, dass wir wahrscheinlich die Hausmeisterei für diesen neuen Wohnkomplex übernehmen können. Dann müssten wir eh noch jemanden einstellen. Und falls diese Madam . . .«

»Stopp«, sagte Elin. »Ihr habt mir nicht zugehört. Ruby hat bei ihrer Mutter nur nicht klargestellt, in wen sie verliebt ist.«

»Und die denkt jetzt, dass sie mit dir zusammen ist«, warf Ann ein.

»Was Ruby jederzeit richtigstellen kann.« Eigentlich wollte Elin überzeugend klingen, auch für sich selbst. Aber so wie Ruby sich verhalten hatte, hatte sie doch gewisse Zweifel.

»Also, wenn du mich fragst«, sagte Simon in der ihm eigenen gemächlichen Art, »ist es doch egal. Du bist so oder so die Freundin von der jungen Dame.« Dabei unterstrich er das Wort »Freundin« mit einem übertriebenen Zwinkern.

»Rein platonisch, Freundchen«, betonte Elin sofort. »Wie gesagt: Ich habe nur versprochen, ihr bei dieser Kim zu helfen. Mehr nicht.«

Grinsend fragte Simon: »Das heißt also, dass du deine Libido im Griff haben wirst? Das wäre mir völlig neu.«

»Du bist albern«, sagte Elin. »Ich geh schlafen. Und seht zu, dass ihr eure Libidosen, oder wie auch immer die Mehrzahl heißt, so weit drosselt, dass nicht die ganze Nachbarschaft davon etwas mitbekommt.«

Gespielt entrüstet warf Ann ihr einen der Korkuntersetzer nach, die auf dem Wohnzimmertisch lagen und in den drei Jahren, in denen die drei bereits die Wohnung teilten, kaum für ihren eigentlichen Zweck verwendet worden waren. Elin fing ihn auf und legte ihn stillschweigend zurück.

~*~*~

Versprechen zu geben war die eine Sache – sie zu halten die andere. Elin lag den Großteil der Nacht wach und überlegte, wie sie Ruby und Kim einander näherbringen könnte. Und das so schnell wie möglich, damit sie selbst wieder ihre Ruhe hatte.

In regelmäßigen Abständen drehte sich Elin von rechts nach links. Und wieder zurück. Zwischendurch dachte sie, der Lösung nahe zu sein. Doch es waren nur Ideen, die aufblitzten und sich um sich selbst drehten, wie das Licht eines Leuchtturms. Wirklich greifbar war keine von ihnen.

»Wie lange willst du noch in deine Tasse starren?« Damit durchtrennte Ann am Morgen die Endlosschleife, in der sich Elins Gedanken verfangen hatten.

Elin hob den Kopf und schaute ihre Mitbewohnerin an. »Sorry. Ich bin noch nicht ganz wach.«

»Das merkt man fast gar nicht«, erwiderte Ann. Sie räusperte sich. »Hör mal, Elin . . . Das geht so nicht weiter. Ich komm ja mit dem Bürokram klar. Aber wir brauchen dringend jemanden, der dich und Simon beim Handwerklichen unterstützt.«

»Wieso können wir damit nicht noch warten?«, fragte Elin. »Bis in zwei Monaten zum Beispiel? Spätestens dann wissen wir auch, ob der Auftrag an der Schule verlängert wird.« Sie drehte den Kopf hin und her, um die Nackenmuskeln zu lockern.

Ann beobachtete sie aufmerksam. »Weil ihr jetzt überarbeitet seid. Vor allem du«, erklärte sie. »Kein Wunder, dass du aussiehst wie durch den Zaun gezogen.«

»Na, das ist mal ein Kompliment am frühen Morgen«, stellte Elin etwas missmutig fest.

»Du weißt genau, was ich meine.« Ann beugte sich etwas vor. »Und dann noch die Geschichte mit dieser Ruby. Ich sag es noch einmal, Elin. Die ist nicht gut für dich.«

»Das dauert nicht lange. Wirst sehen.« Elin füllte ihre Tasse zum zweiten Mal mit Kaffee. »Sobald Ruby ein wenig mehr Sicherheit hat, bin ich aus der Nummer raus.« Es klang sorgloser als sie sich fühlte.

Ann ließ nicht locker. »Ich verstehe immer noch nicht, wieso du ihr nicht einfach ein paar Tipps gibst. Wenn du schon meinst, dass du unbedingt helfen musst.«

»Sie erinnert mich irgendwie an mich«, gab Elin zu. »An meine erste große Liebe.« Die war schmerzhaft gewesen. Und peinlich. Weil Nadja nicht lesbisch war – und Elin das erst nach einer wortreichen Liebeserklärung erfahren hatte. »Da haben mir die ach so tollen Tipps von Mama auch nicht geholfen.«

Lachend fragte Ann: »Wer, bitte, fragt auch seine Mutter um Rat, wenn es um Liebesdinge geht?«

Anstatt zu antworten, nahm Elin einen tiefen Schluck Kaffee. Sie hoffte, dass Ann das Zeichen richtig deuten und das Thema nicht weiter verfolgen würde.

Leider tat Ann ihr nicht den Gefallen. »Und sonst gibt es keinen Grund?«, hakte sie nach. »Wenn du sagst, dass sie dich an deine Jugend erinnert: Ist sie so was wie eine Einzelgängerin?«

Teil 06

Doch Ruby erklärte ungefragt weiter: »Sie macht sich halt Sorgen.«

Ein paar Mitschüler riefen nach ihr, sie hob jedoch nur winkend die Hand.

Demonstrativ schaute Elin auf die Wanduhr. Der Blick sollte heißen: Musst du nicht längst im Klassenzimmer sein?

»Ich habe eine Freistunde«, beantwortete Ruby die stumme Frage.

Elin seufzte ergeben. »Also gut, dann unterhalten wir uns eben.« Es würde nicht schaden, eine kurze Pause einzulegen. Sie verstaute ihr Werkzeug und ging Richtung Ausgang, mit Ruby im Schlepptau. Draußen lehnte sich Elin an eine der Säulen. Den Blick ließ sie über den Rasen wandern. Der müsste mal wieder gemäht werden, dachte sie, während sie einen Apfel aus der Jackentasche nahm und hineinbiss.

Ruby stellte sich einfach in ihr Blickfeld und entlockte ihr damit ein weiteres amüsiertes Schmunzeln. Es sah einfach herzerweichend aus, wie Ruby hier stand. Die Hände hatte sie tief in den Hosentaschen vergraben. Die Ferse des rechten Fußes stemmte sie in den Pflasterboden, während sie den Fuß gleichmäßig hin und her bewegte.

»Weißt du, sie hat mich allein großgezogen«, murmelte sie. »Da sind Mütter eben manchmal strenger.«

Das hieß, es gab keinen Vater, den Ruby bezirzen konnte. Interessante Neuigkeit, aber nicht wirklich von Bedeutung. Rubys Mutter war eine alleinerziehende Mutter. Wie Tausende andere auch.

Kleinlaut fuhr Ruby fort: »Außerdem hat sie gedacht, dass du ein Junge bist.«

Beinah hätte sich Elin an ihrem Apfel verschluckt. »Sie hat was?«

»Dich für einen Jungen gehalten«, wiederholte Ruby etwas lauter.

»Wie kommt sie . . .« Elin schaute an sich hinunter. »Weil ich so aussehe, wie ich aussehe«, antwortete sie sich selbst.

War das der Grund für das Verhalten von Rubys Mutter? Dass sie Elin nicht als die Frau erkannt hatte, der sie ihre Ansicht über Horoskope offenbart hatte – und, diesen Eindruck hatte Elin zumindest gehabt, noch einiges mehr?

Ruby folgte Elins Blick. »Das sind diese weiten Hemden. Die verstecken deine –« Die junge Frau unterbrach sich und wurde feuerrot. »Aber ich hab ihr gleich die Wahrheit gesagt«, setzte sie eilig hinzu.

»Meinetwegen hättest du das nicht machen müssen«, sagte Elin ver¬söhnlich. Schließlich konnte Ruby nichts für das Missverständnis.

»Doch, doch«, widersprach Ruby. Und ihr rechter Fuß bewegte sich schneller.

Elin warf die Überreste des Apfels in den Mülleimer. Über die Schulter fragte sie: »Willst du mir noch etwas sagen?«

»Ja«, flüsterte Ruby. »Weißt du, mein Englischlehrer hat Mama angerufen. Weil er sich angeblich wegen meiner Leistungen Sorgen macht.« Sie stoppte den Fuß und richtete den Oberkörper auf, als wolle sie Selbstbewusstsein ausstrahlen. Was ihr jedoch nur leidlich gelang; ihre Stimme klang nach wie vor zittrig. »Da hat sie aus mir herausgekitzelt, warum das so ist.«

Es dauerte etwas, bis Elin den Sinn der Worte begriff. Dann aber traf sie die Erkenntnis umso heftiger: Ruby hatte sich gestern geoutet. Es war also kein Wunder, dass sie so neben der Spur war.

Dieser Moment, es der Familie zu sagen. Wie gut konnte sich Elin daran erinnern. So oft man sich als junges Mädchen auch die Worte überlegte, die man sagen würde – wenn es drauf ankam, waren sie alle wie weggefegt. Elin hatte das Gefühl gehabt, als wäre ihre Zunge am Gaumen festgeklebt. Ihre Eltern hatten geduldig gewartet, bis Elin die drei magischen Worte herausgepresst hatte wie ein Neugeborenes den ersten Schrei: »Ich bin lesbisch.«

Sie hatten es mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen und ihr danach ein Stück vom Isländischen Schokoladenkuchen angeboten, den ihre Mutter an diesem Tag gebacken hatte. Seither glaubte Elin nicht mehr an Zufälle.

So gesehen ergaben die verschiedenen Zusammentreffen mit Rubys Mutter vielleicht doch Sinn. Elin dachte an das Horoskop und kurz an die Stimme der Frau, die es vorgelesen hatte, doch sofort drängte sie die Erinnerung zurück. Jetzt war es wichtig, Ruby Mut zu machen. Sie sollte wissen, wie schön das Leben für eine Frau ist, die Frauen liebt.

Dazu musste Elin aber zuerst erfahren, wogegen die junge Frau zu kämpfen hatte. »Wie hat deine Mutter reagiert?«, fragte sie vorsichtig.

Ruby lächelte überraschenderweise. »Es war komisch – aber irgendwie war sie gar nicht schockiert. Im Gegenteil. Sie hat mich sogar beruhigt, weil ich so rumgestottert habe. Ich glaube, dass sie damit gerechnet hat.«

»Tja, Mütter haben dafür anscheinend einen sechsten Sinn«, stellte Elin fest. Sie vergegenwärtigte sich die Begegnungen mit Rubys Mutter noch einmal. Drei verschiedene Situationen. Und jedes Mal war diese Frau anders gewesen. Aber jetzt vervollständigte sich das Puzzle langsam. Was herauskam, war das Bild einer liebevollen und auch besorgten Mutter.

Elin war so fasziniert von dieser neuen Erkenntnis, dass ihr erst mit Verspätung auffiel, dass Ruby wieder den Boden unter ihren Füßen musterte. Irgendetwas belastete sie immer noch.

Auf Verdacht hin meinte Elin: »Wenn ich das richtig verstehe, weiß deine Mutter jetzt auch, dass du verliebt bist.«

»Ja«, flüsterte Ruby wieder. Und schwieg. Schaute Elin nur an. Die Stirn in Falten gelegt, auf der Unterlippe kauend.

Eine dunkle Vorahnung begann sich in Elin auszudehnen wie ein länger werdender Schatten. »Moment mal. Sie glaubt jetzt aber nicht, dass du in mich –?«

»Doch«, wisperte Ruby.

Elin war sprachlos. Sie blinzelte ein paarmal, bis ihr Verstand wieder normal arbeitete. »Denkt sie dann auch, dass wir beide –?« Sie beendete die Frage nicht, zeigte nur zwischen sich und Ruby hin und her.

Die zuckte nur mit den Schultern.

Dadurch wurde die Vorahnung in Elin zur Gewissheit. Sie zog scharf die Luft ein. Seltsam war nur, dass sie offenbar nicht in der Lage war, Ruby böse zu sein. Sie meinte nur kopfschüttelnd: »Dir ist schon klar, dass sie mir einen Riesenärger machen kann?«

Ruby blieb weiterhin stumm wie ein Fisch, während sie ihre Schultern immer weiter nach vorn zog. Es sah aus, als wolle sie sich zu einem Knäuel zusammenrollen.

Synchron dazu schickte Elin ein Stoßgebet gen Himmel. »Was hast du dir nur dabei gedacht?«

»Wirklich, Elin, es tut mir leid«, stammelte Ruby hastig. »Aber was Mama gesagt hat, von wegen Liebe und so . . . ich hab mich einfach nicht getraut, ihr die Wahrheit zu sagen.«

»Warum das denn? Sie hat doch sowieso schon gewusst . . .«

»Das schon«, fuhr Ruby aufgeregt dazwischen, »aber jetzt stell dir vor, wenn sie wüsste, in wen ich wirklich verliebt bin. Mama reagiert manchmal über, wenn es um mich und meine Zukunft geht. Bestimmt würde sie Kim die Schuld geben, dass ich in der Schule schlechter geworden bin, und will dann deswegen mit ihr reden . . . Wo Kim doch von gar nichts weiß.« Rubys Augen nahmen eine Größe an, als müssten sie das gesamte Ausmaß dieser Schreckensvision auf einmal fassen. »Ich könnte hier an der Schule einpacken«, flüsterte sie nur noch.

Teil 05

Ann wagte sich vorsichtig in die Küche und deutete auf das Backblech vor Elin: »Kuchen.«

»Ich habe keine Ahnung, was du meinst«, behauptete Elin.

»Nun«, begann Ann in dozierendem Tonfall, »du stehst nur dann freiwillig am Herd, wenn daran etwas zu reparieren ist.« Sie nahm den Teller entgegen, den Elin ihr reichte. »Hmm«, machte sie, holte zwei Gabeln aus der Bestecklade und setzte sich an den Küchentisch.

Im Grunde hatte Elin keine Lust auf Konversation. Sie wollte nur den Kuchen genießen, einen starken Kaffee dazu trinken und ansonsten ihre Ruhe haben.

Doch Ann bekam davon nichts mit. »Und Backorgien hältst du nur ab, wenn du dich so richtig abreagieren willst«, setzte sie mit vollem Mund ihren Vortrag fort. Sie malte mit der Gabel Kreise in die Luft und schnalzte mit der Zunge. »Der ist so was von lecker. Vielleicht sollte ich dich auch öfter mal auf die Palme bringen.«

Elin verdrehte die Augen. »Hast du nicht noch etwas vor? Dich auf die Rückkehr deines Herrn Gemahl vorbereiten, zum Beispiel?«

»Sehr witzig«, gab Ann zurück. »Du weißt genau, dass das Gespräch mit dem neuen Kunden bis in die Puppen gehen kann.«

Klasse, dachte Elin. Sie schaute sich in der Küche um. Schmutziges Geschirr. Überall Schokoladenspuren. Das bedeutete, dass sie mindestens eine halbe Stunde mit Aufräumen beschäftigt sein würde. Eine halbe Stunde Gelegenheit für Ann, ihr Löcher in den Bauch zu fragen. Vielleicht, wenn sie die Mitbewohnerin einfach links liegenlassen würde . . .?

»Also, Elin«, durchkreuzte Ann das Vorhaben, »wieso gibt es um die Uhrzeit noch Kuchen?«

Die Riesenmenge an Zucker zeigte erste Wirkung. Gnädiger gestimmt, sagte Elin: »Ich habe dir doch von der Schülerin erzählt, die öfter mal verloren in der Aula sitzt.«

»Die mit dem Liebeskummer?«

»Genau.«

»Was ist mit ihr?« Ann stand auf, um sich ein weiteres Stück Kuchen zu holen. »Du hast doch gesagt, dass du an ihr nicht interessiert bist.«

»Bin ich auch nicht«, stellte Elin sofort klar. »Ich habe sie nur heute angesprochen. Weil ich diesen Herzschmerz nicht mehr mit anschauen konnte.«

Ann hielt mitten in der Bewegung inne. »Wiederhol das bitte.«

»Du hast mich sehr gut verstanden«, brummte Elin. Es nervte, dass Ann so tat, als hätte sie eben die Geburtsstunde des achten Weltwunders miterlebt. So sensationell war das schließlich auch wieder nicht.

Sofort änderte sich Anns Gesichtsausdruck von erstaunt zu zerknirscht. »Tut mir leid. Aber dass du jemanden ansprichst – das kommt halt nur alle Schaltjahre mal vor.«

»Na und?« Elin war immer noch nicht besänftigt. »Ich bin eben nicht ständig auf der Suche nach neuen Kontakten.«

»Ist ja gut«, meinte Ann. »Um zum Anlass für den Kuchen zurückzukommen: Kann es sein, dass diese Schülerin dich zum Teufel gejagt hat?«

»Nein. Das hat ihre Mutter übernommen.« Das Bild der Frau erschien vor Elins geistigem Auge, und sofort brandete auch ihr Ärger wieder auf. »Die hat sie doch nicht alle«, brach es aus ihr heraus. »Hat mich behandelt wie so ein Muster ohne Wert.« Sie schaute auf ihre Hände. Ja, sie waren schmutzig gewesen am Mittag. Toner hinterließ eben Spuren. Beim Zusammenstoß davor waren sie aber definitiv sauber gewesen. Und im Café sowieso.

»Was hat sie denn gesagt?« Ann saß inzwischen wieder am Tisch und schaute Elin mit großen Augen an.

Elin winkte ab. »Gesagt nichts. Aber . . .« Sie ertappte sich dabei, wie sie schon wieder an die Frau dachte, die es nicht gab. Es gab nur die andere. »Ruby kann einem nur leidtun. Bei so einer Mutter.«

»Ruby ist die Kleine?«

»Ja.«

»An der du nicht interessiert bist«, hakte Ann nach.

»Stimmt.«

»Warum regst du dich dann so auf?«

»Weil ich Respekt verdient habe, verdammt!« Mit einem Ruck schob Elin den leeren Kuchenteller von sich weg. »Nur weil ich in Handwerksklamotten rumrenne, heißt das nicht, dass ich weniger wert bin als so eine vornehme Schnepfe in ihrem feinen Zwirn.«

Wie an der Schnur gezogen richtete sich Anns Körper auf. »Sie hat jetzt nicht wirklich etwas in der Art von sich gegeben«, sagte sie ungläubig.

»Nicht mit Worten.« Elin schnitt eine Grimasse. »Aber mit der Art, wie sie mich angeschaut hat. Wahrscheinlich hat sie ihrer Tochter noch die Leviten gelesen, weil sie sich mit mir abgegeben hat.«

»Warum ist es dir plötzlich so wichtig, was andere von dir halten?« Elins Reaktionen schienen Ann immer mehr zu irritieren, denn seit einigen Sekunden schüttelte sie ununterbrochen den Kopf.

»Das ist es nicht«, entgegnete Elin. »Es ist nur – da steht auf einmal so eine Frau vor dir, die früher wahrscheinlich der Hit auf allen Partys gewesen ist – und macht dich zur grauen Maus.«

»Und Hit heißt?«, fragte Ann.

»Du weißt schon.« Es widerstrebte Elin, das Thema zu vertiefen.

»Nein«, sagte Ann, »das weiß ich nicht. Schließlich habe ich immer mehr auf die Jungs geachtet. Also, Elin, klär mich auf.«

»Na, so eine Femme halt. Top gestylt. Weibliche Formen.« Elin hielt inne. Sollte sie Ann erzählen, dass sie Rubys Mutter schon einmal begegnet war? Bisher hatte sie das verschwiegen, weil . . . ja, warum eigentlich? Normalerweise hatte sie doch kein Problem damit, Ann solche Dinge zu erzählen. Elin wischte die Frage beiseite. Es war doch bedeutungslos, dass sie die Begegnung für sich behalten wollte.

»Ist das alles?«, fragte Ann so laut nach, dass Elin zusammenzuckte.

Das musste der Grund sein, warum sie etwas atemlos klang, als sie antwortete: »Die Haare passen auch. Ein schön perfekter Kurzhaarschnitt.«

»Farbe?«

»Brünett in mehreren Schattierungen«, schoss Elin sofort zurück.

»Augenfarbe?«

»Was soll das?« Elin griff nach der Kuchengabel und umklammerte sie so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Bist du an dieser Person interessiert, oder was?«

Ann pickte die letzten Krümel des Kuchens mit den Fingerkuppen auf, bevor sie seelenruhig zurückgab: »Blödsinn. Ich will nur wissen, was ihr Lesben so als Party-Hit bezeichnet.«

»Darum habe ich mich nie gekümmert. Wenn du dich erinnern kannst«, entgegnete Elin.

»Klar kann ich das. Es war auch nicht ganz ernst gemeint.« Ann stand auf, nahm die beiden Teller und räumte sie in die Spülmaschine. »Ein Vorschlag zur Güte«, sagte sie dabei. »Vergiss die – wie du sie genannt hast – vornehme Schnepfe. Wir machen hier sauber und gehen dann runter zum Stadthafen. Du brauchst dringend noch mal frische Luft.«

~*~*~

Heute wollte Elin es ignorieren, falls Ruby wieder von Liebeskummer geplagt irgendwo herumsitzen sollte. Wozu sollte sie sich um Dinge kümmern, die sie nichts angingen? Auch wenn ihr Ruby leidtat: Ihr Problem war nicht Elins Sache. Also erledigte sie gewohnt ruhig und konzentriert die Arbeiten, die über Nacht eine neue Liste gefüllt hatten.

»Ähem«, machte es hinter ihr, als sie gerade dabei war, den neuen Kaffeeautomaten im Foyer anzuschließen.

Ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, fragte Elin: »Was willst du, Ruby?«

»Mich für meine Mutter entschuldigen.«

Nun drehte sich Elin doch ein wenig zu der jungen Frau hin. »Sollte sie das nicht selbst erledigen?« Sie musste schmunzeln, denn Ruby sah aus wie das wandelnde schlechte Gewissen. Die Schultern hängend. Die Augenlider halb gesenkt, auf den Wangen ein zartes Rosa. Ein leichtes Zittern auf den Lippen. Sofort war Elin versöhnt. »Schwamm drüber«, meinte sie und wollte sich wieder dem Automaten zuwenden.

Teil 04

Elin überlegte. Nach ihren Erfahrungen könnte sie die Reparatur vermutlich auch auf den nächsten Tag verschieben. Wenn da nicht die Chance bestanden hätte, dass sie den heutigen Arbeitstag beendete, ohne dass noch etwas auf der To-do-Liste für morgen stand – und ihr das ein von Simon bezahltes Wochenende bescheren würde. Dazu kam, dass es ja vielleicht wirklich dringend war und der Kopierer heute oder morgen früh noch gebraucht wurde. Das gab letztendlich den Ausschlag, dass Elin mit einem langgezogenen »Ausnahmsweise« zustimmte.

Die Sekretärin strahlte Elin an. »Ich weiß nicht, was wir ohne Sie täten. Sie sind einfach ein Engel.« Eine Reaktion wartete sie nicht mehr ab, sondern verschwand eilends – als müsse sie verhindern, dass Elin einen Rückzieher machte.

Elin atmete kurz durch und holte ihr Telefon aus der Hosentasche. »Dann muss ich jetzt wohl umdisponieren.«

»Wozu hat man eine Hausmeisterin?«, polterte der Mieter in Warnemünde los, noch ehe Elin ihm die gesamte Sachlage erklären konnte.

Freundlich erwiderte sie: »Bestimmt nicht, um sie zu beschimpfen.« Sie wartete. Als aus dem Hörer nur ein leises Schnauben zu hören war, fuhr sie fort: »Ich habe versprochen, dass ich heute komme, und das werde ich auch. Es wird nur etwas später.«

»Bis Sie kommen und dann alles erledigt ist, ist es zappenduster«, murrte ihr Gesprächspartner.

Elin schickte ihm durchs Telefon ein Lächeln. »Um diese Jahres¬zeit ist es lange hell. Sie können sich also entspannt zurücklehnen.«

»Nennen Sie mir einen Grund, warum ich das machen sollte«, forderte der Mieter, doch sein Ton war jetzt um einiges freundlicher als zuvor.

»Wie wär es damit, dass ich mich immer an meine Versprechen halte?«

Am Ende dauerte das Telefonat zehn Minuten. In der Zeit überzeugte sie den Mieter, dass sie spätestens um achtzehn Uhr vor seiner Tür stehen würde, und schrieb gleichzeitig den Strandspaziergang ab, den sie für den Abend geplant hatte. Die Idee vom perfekten Tag gab sie aber nicht auf. Denn komme, was wolle: Sie würde heute alle Aufträge erledigen.

Zunächst kümmerte sie sich um den »Notfall«. Die Reparatur des Kopierers war etwas komplizierter als sie gehofft hatte, und wie üblich verlor sie bei der Arbeit jegliches Zeitgefühl. Erst das Läuten der Schulglocke riss sie aus ihrer Konzentration.

Sie sah auf. Die Pausenhalle war leer bis auf eine junge Frau, die Elin schon häufiger aufgefallen war. Sie hatte sie manchmal nach dem Läuten allein irgendwo sitzen sehen. Das Mädchen schien einer bestimmten Mitschülerin hinterherzuschauen – oder besser gesagt, hinterherzuträumen.

Plötzlich dachte Elin an die Frau von vorhin und deren harschen Umgang mit einem unbekannten Fräulein. Vielleicht war das der Grund, warum sie sich der jungen Frau hier auf einmal auf seltsame Weise verbunden fühlte, beinahe verbündet. Vielleicht war es aber auch die Tatsache, dass Elins eigene Träume bezüglich der Frau aus dem Café ebenfalls ins Leere gelaufen waren. Jedenfalls legte sie kurzerhand den Schraubenzieher weg, wischte sich die Hände notdürftig an den Cargohosen ab und trat zu der Bank, auf der die Träumerin saß.

»Sie sollten mit ihr reden«, schlug sie vor.

Keine Reaktion. Entweder hatte die Schülerin nicht zugehört, oder – was zu vermuten war – sie konnte mit dem Vorschlag nichts anfangen. Elin nahm es als Fingerzeig, dass sie sich aus den Problemen der jungen Frau heraushalten sollte, und wandte sich ab.

Da begann die Schülerin unvermutet zu sprechen. »Sie weiß wahrscheinlich gar nicht, dass es mich gibt«, flüsterte sie in den Raum.

Elin stoppte ihren Rückzug. »Dann sollten Sie erst recht mit ihr reden. Denn sie aus der Ferne anhimmeln – das bringt Sie nicht weiter.«

Ein leichtes Schulterzucken.

»Ich heiße Elin«, startete Elin einen neuen Versuch.

»Ich weiß«, war die knappe Antwort.

Elin kam nicht umhin, die junge Frau zu erinnern: »Normalerweise stellt man sich bei solchen Gelegenheiten auch vor.«

»Entschuldigung.« Endlich wandte die Schülerin sich ihr zu. »Ruby . . . ich heiße Ruby.« Sie ließ Elin keine Zeit für eine Erwiderung, sondern fragte übergangslos: »Wieso bist du eigentlich so cool? Wo Kim doch ein Mädchen ist.«

Lächelnd setzte sich Elin neben die junge Frau auf die Bank und wandte sich ihr zu. »Denk mal drüber nach«, ging sie auf das vertrauliche Du ein.

Ruby zog die Stirn kraus – man sah förmlich, wie es dahinter arbeitete. Schließlich teilte sie das Ergebnis ihrer Überlegungen mit: »Du stehst auch auf Frauen.«

Elin musste grinsen. Die Kleine war süß in ihrer Schüchternheit. Gepaart mit dem Forscherdrang einer etwa Siebzehnjährigen . . . Wenn Frau doch nur ein paar Jahre jünger wäre. Doch kaum hatte Elin das gedacht, fiel ihr ein, wie es für sie in diesem Alter gewesen war. Sie erschauderte.

»Warum kann Mama nicht auch so cool sein?«

Elin sah großzügig darüber hinweg, dass Ruby sie altersmäßig auf eine Stufe mit ihrer Mutter stellte. »Hat sie denn ein Problem damit, dass du in eine Frau verliebt bist?«

Traurig schüttelte Ruby den Kopf. »Erstens weiß sie es gar nicht, und zweitens hat sie mit allem ein Problem, was mit Liebe zu tun hat.« Sie hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da war ihr Blick wieder starr auf einen Punkt hinter Elin gerichtet.

Schritte waren zu hören, die immer näher kamen. Die junge Frau ihr gegenüber schien förmlich in sich zusammenzusinken.

»Mama«, sagte sie kaum hörbar.

Als Elin sah, wie sich Rubys rechte Hand auf der Sitzfläche zur Faust ballte, griff sie ohne nachzudenken danach und drückte sanft zu. Es half. Ruby entspannte sich offenbar ein wenig, denn sie schaffte es tatsächlich, die Person anzuschauen, die inzwischen genau an Elins anderer Seite stehen musste.

Elin nahm die Wärme eines Körpers wahr. In ihre Nase stieg ein Duft, als hätte jemand die Fenster geöffnet und den Sommer hereingelassen.

»Lassen Sie mich mit meiner Tochter allein«, forderte eine Frauenstimme, die so gar nicht im Einklang mit Elins Eindrücken stand. Eine Stimme, die die Gletscherschmelze auf Island hätte aufhalten können. Zu der – daran konnte sich Elin nur zu gut erinnern – der Blick einer Raubkatze gehörte.

Die Geschmeidigkeit, mit der Rubys Mutter nun in Elins Blickfeld trat und die Arme vor der Brust verschränkte, passte dazu. Ihre Aufmerksamkeit war zu hundert Prozent auf Elins Hand gerichtet. »Wären Sie so nett«, verlangte sie in messerscharfem Ton, bevor sie sich demonstrativ zu ihrer Tochter drehte und ihr mitteilte: »Ich muss noch arbeiten. Also pack bitte deine Sachen zusammen und lass uns fahren.«

Noch nie zuvor war Elin derartig ignoriert worden. Als wäre sie ein unscheinbares Möbelstück, das zufällig irgendwo herumstand. Das konnte nur eines bedeuten: Die Frau aus dem Café hatte es nie gegeben. Daher schwor sich Elin, auch nie wieder an sie zu denken.

~*~*~

Mit übertriebenem Schwung streute Elin spät abends Kakaopulver über den Schokoladenkuchen. Eigentlich war es viel zu viel, aber sie konnte sich nicht zurückhalten. Erst als Simons Frau den Kopf zur Tür hereinsteckte, ohne die Küche zu betreten, legte Elin das Sieb zur Seite.

»Alles klar bei dir?«, fragte Ann. Das Schmunzeln um ihren Mund strafte den ängstlichen Tonfall Lügen.

»Alles wunderbar«, erwiderte Elin lauter als beabsichtigt. »Wieso auch nicht?«

Teil 03

»So schlimm ist es eigentlich nicht. Ich bin nur das viele Gelaber den ganzen Tag nicht gewöhnt«, stellte Elin richtig. »Also: Es kann sein, dass wir da eine Wohnanlage dazubekommen, bei der wir die Hausmeisterei übernehmen sollen. Mit denen sollst du dich in ein paar Tagen noch einmal zusammensetzen.«

»Prima«, sagte Simon zufrieden. »Und die schlechte Nachricht?«

Er kannte sie einfach zu gut. Elin seufzte, beugte sich nach vorn, goss etwas von seinem Bier in ihr Glas und nahm einen tiefen Schluck. Erst dann gestand sie: »Das Gymnasium.«

»Oh«, sagte Simon nur. In Gedanken schien er bereits die finanziellen Auswirkungen zu berechnen.

»Was sagst du dazu?«, fragte Elin nach einer kurzen Pause.

Simon lächelte. »Dass du in Zukunft nicht mehr so einen Stress haben wirst. Vormittags am Gymnasium und nachmittags dann alle anderen Baustellen . . .«

»Stimmt.« Elin setzte sich auf und grinste ihren Cousin an. »Dann fang schon mal an zu sparen.«

Simon runzelte die Stirn. »Sparen?«

»Schon vergessen?«, fragte Elin. »So war es doch abgemacht. Du bezahlst mir ein Urlaubswochenende, wenn ich einmal nach einem Arbeitstag mit einer vollkommen abgearbeiteten Auftragsliste zurückkomme.«

~*~*~

In den nächsten Tagen hatte Elin allerdings keine Zeit, sich über einen möglichen Urlaub Gedanken zu machen. Dazu war ihre Auftragsliste zu gut gefüllt. Doch das störte sie nicht. Sie liebte ihren Beruf, vor allem die Tatsache, dass sie ihre eigene Herrin und keiner Kleiderordnung unterworfen war. Wie es zu ihrem Leidwesen der Fall war, wenn sie als Geschäftsfrau auftreten musste.

Wenn sie arbeitete, und dazu gehörten für sie ausschließlich die handwerklichen Tätigkeiten, konnte sie sich salopp kleiden. Um Unfällen vorzubeugen und den Sicherheitsvorschriften zu genügen, musste sie sogar entsprechende Arbeitsbekleidung tragen. Die Schirmmütze war vielleicht nicht unbedingt vorgeschrieben, aber sie fand es praktischer, ihr Haar darunter zu stecken, als es in irgendeiner Form zusammenzubinden. Gut, sie hätte sich die Haare kürzen lassen können, doch das wollte sie nicht. Denn privat mochte sie es, wenn ihr die blonden Locken bis zu den Schultern reichten. Kurz und gut: Elin gefiel sich so, wie sie war, und sie musste keine Frau darstellen, die sie nicht war.

Sie war eine Handwerkerin. Und in diesem Beruf war sie so gut, dass sie heute die reelle Chance hatte, eine Belohnung in Form eines Wochenendes auf Kosten ihres Cousins zu bekommen. Davon war Elin überzeugt, seit sie am Morgen die Pforten des Gymnasiums aufgesperrt hatte. Und tatsächlich: Es war früher Nachmittag, und hier waren alle Aufgaben erledigt. Jetzt fehlte nur noch der Auftrag in Warnemünde.

Schwungvoll schloss sie den Werkzeugkoffer. Sie hob ihn auf, wollte sich in Bewegung setzen – und stieß gegen ein Hindernis. Der Werkzeugkoffer glitt ihr aus der Hand und knallte mit einem blechernen Geräusch auf die Steinfliesen.

»Können Sie nicht aufpassen?«, hörte Elin eine Stimme, die ihr vage bekannt vorkam. Das Hindernis trat einen Schritt zurück und bückte sich nach einem Handy, das zu Boden gefallen sein musste. Erst in diesem Moment erkannte Elin die Frau aus dem Café.

War das tatsächlich die Frau mit der samtig weichen Stimme? In den letzten Tagen hatte Elin sehr oft an die Begegnung gedacht. An eine Frau, die nicht auf Äußerlichkeiten geachtet hatte. Die ein Wiedersehen erhofft hatte. Doch nun signalisierte sie genau das Gegenteil. Bis auf einen beiläufigen Blick ignorierte sie Elin standhaft – von Erkennen oder gar Wiedersehensfreude keine Spur.

Ärger stieg in Elin auf. Doch sie straffte die Schultern. Bei diesem Spiel konnte sie mitspielen. Bewusst langsam hob sie die Hände und trat ihrerseits einen großzügig bemessenen Schritt zurück, ohne die Frau aus den Augen zu lassen.

Die achtete allerdings immer noch nicht auf Elin, sondern strich sich mit einer Hand ihre anthrazitfarbenen Marlene-Dietrich-Hosen glatt. In denen sie, zugegebenermaßen, eine sehr gute Figur machte.

Um sich nicht in der Betrachtung der Frau zu verlieren, rückte Elin ihrerseits ihre Schirmmütze zurecht – ihre Arbeitsklamotten saßen sowieso wie immer. Anschließend ließ sie die Hände in den Hosentaschen verschwinden und wartete ab.

Als sie zusah, wie die Frau die Ärmel ihrer Jacke hinunterzog, konnte Elin ein Kopfschütteln nicht mehr unterdrücken. Jetzt fehlte nur noch . . .

Und schon ordnete die Fremde ihr Haar.

Irgendwie wirkte sie wie ein Eichhörnchen, das hektisch die Nahrung für den Winter zusammensuchte. Dieser Gedanke ging Elin flüchtig durch den Kopf, als sie unvermittelt der Blick einer Raubkatze traf.

Kurz blitzte so etwas wie Verwirrung in den Augen der Frau auf. Das sanfte Grün darin war das Erste, worin Elin die Frau aus dem Café eindeutig wiedererkannte. Sie konnte nicht anders: Sie musste diesen Blick einfangen.

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Kein Windhauch, kein Atemzug, kein Herzschlag – bis ein Ruck durch die Frau ging. Sie blinzelte mehrmals. Hatte sie Elin vielleicht doch erkannt? Eher nicht, vermutete Elin. Denn zum einen sah sie selbst heute vollkommen anders aus als vor ein paar Tagen; und zum zweiten beachtete die Frau sie zu wenig. Aber falls das Absicht war? Dann war alles klar. Auf diesen Mantel aus Arroganz und Kälte, mit dem die Fremde sich umgab, würde Elin angemessen reagieren.

Sie drückte den Rücken durch und ballte die Hände in den Taschen zu Fäusten. Auf keinen Fall würde sie sich entschuldigen. Eine Elin Petersen entschuldigte sich nur, wenn sie sich schuldig fühlte, und das tat sie hier nicht. Schließlich war sie in niemanden hineingerannt.

Elin setzte an, das klarzustellen, da presste sich die Frau das Handy ans Ohr.

»Du wartest in der Pausenhalle, Fräulein«, sagte sie im Befehlston, drehte sich um und eilte davon. Wie bei einem Radio, an dem der Ton zurückgedreht wurde, hörte Elin immer leiser: »Du kannst dir inzwischen überlegen, was . . .« Dann war die Lautstärke auf null.

Elin stellte sich vor, wie ein Mädchen – eingeschüchtert in Hab-Acht-Stellung – im Foyer wartete. Um die sechzehn. Älter konnte es keinesfalls sein. Denn welche Erwachsene würde so mit sich reden lassen?

Schluss damit, unterbrach Elin energisch ihre Überlegungen. Diese Frau beschäftigte sie schon zu lange. Es war an der Zeit, sich auf ihre Aufgaben zu besinnen. Denn dafür wurde sie bezahlt, nicht für irgendwelche Träumereien oder falsche Vorstellungen von fremden Frauen. Sicher, diese Frau war faszinierend. Aber Löwen faszinierten Elin ebenfalls, und sie würde sich trotzdem nicht freiwillig in deren Nähe aufhalten. Jedenfalls nicht ohne ein Gitter dazwischen.


»Frau Petersen, bitte warten Sie.« Etwas außer Atem stand wenig später die Schulsekretärin neben Elin. »Der Kopierer . . . der Kopierer im Foyer hat eben den Geist aufgegeben.«

Gewissenhaft sperrte Elin die Tür zum Geräteschuppen zu, bevor sie sich der Sekretärin zuwandte. Sie ahnte bereits, welche Bitte jetzt kommen würde.

»Ich weiß – Sie wollten schon längst weg sein. Aber Sie kennen sich doch so viel besser mit dem Elektrischen aus als Herr Meister. Also könnten Sie nicht vielleicht trotzdem . . . ausnahmsweise?« Die Sekretärin sah aus, als hinge ihr Leben von Elins Zustimmung ab.

Gelassen sagte Elin: »Frau Lohmeier, jetzt beruhigen Sie sich erst einmal. Danach schauen wir weiter.«

Dass sie nicht sofort abgelehnt hatte, schien die Sekretärin zu ermutigen. »Es ist wirklich dringend«, betonte sie noch einmal.

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