Beiträge

Teil 12

»Du hast mein tiefstes Mitleid«, sagte Marie und legte eine Hand auf ihr Herz.

»Ach, du Heuchlerin.« Ingrid lachte. »Du bist einfach nur froh, dass du den Fall nicht hast.«

»Getroffen.« Marie grinste. »Und du bist einfach zu gutmütig. Sie hat das Geld, oder? Dann schreib ihr eine saftige Rechnung und gib den Fall ab.«

»Vielleicht«, sagte Ingrid. »Langsam kommt auch meine Gutmütigkeit zu einem Ende.« Sie legte fragend den Kopf ein wenig zur Seite. »Und wie ist es bei dir? Was macht dein Liebesleben?«

Just in diesem Moment ging Maries Handy und zeigte eine Nachricht an. Bevor sie es aufnehmen konnte, hatte Ingrid danach gegriffen und auf den Bildschirm geschaut.

Marie riss es ihr noch rechtzeitig aus der Hand, bevor sie alles lesen konnte.

»Liebesgrüße aus Moskau?«, frotzelte Ingrid. »Was hat sich da denn getan?«

»Sie kann noch nicht in Moskau sein«, antwortete Marie widerstrebend. »Ich habe sie gerade erst zum Flugplatz gebracht.«

»Das heißt, sie fliegt jetzt nach Moskau?«, hakte Ingrid nach.

»Ja«, bestätigte Marie. »Und dann nach Birmingham.«

»Und danach kommt sie nach Frankfurt zurück?«

»Das . . .«, Marie schüttelte zweifelnd den Kopf, »weiß ich nicht.«

»Sie war aber letzte Nacht bei dir.« Ingrid stellte es nur fest.

»Das war . . . eine Ausnahme. Einer ihrer Flüge ist ausgefallen, deshalb konnte sie von gestern Abend bis heute Morgen hier sein.«

»Stewardess zu sein ist anscheinend nicht gerade entspannend«, bemerkte Ingrid fast mitleidig. »So ein Vagabundenleben könnte ich mir gar nicht vorstellen. Nur eine Nacht irgendwo, und dann weiter. Ich fahre ja gern in Urlaub, aber dann bin ich auch froh, wenn ich wieder zu Hause bin.«

»Sie sagt, es ist ihr Traumjob«, meinte Marie schulterzuckend. »Jedem das Seine.«

»Solange das für euch beide okay ist«, stimmte Ingrid zu, aber als sie Maries Gesichtsausdruck sah, fuhr sie fort: »Für dich ist es nicht okay.«

»Es ist ihr Leben.« Marie stützte verzweifelt ihre Stirn in die Hand. »Wenn sie es so haben will, habe ich ihr da nichts vorzuschreiben.«

»Du bist verliebt.« Ingrid schmunzelte. »Du bist bis über beide Ohren in sie verliebt. So habe ich dich ja noch nie erlebt. Und wir kennen uns immerhin schon wie lange? Vierzehn, fünfzehn Jahre?«

»Ich weiß nicht, was ich tun soll.« Stöhnend lehnte Marie sich zurück. »Ich denke nur an sie. Ich sehne mich nach ihr. Ich wäre am liebsten mitgeflogen.«

»Das kannst du aber nicht tun. Nicht immer jedenfalls.« Ingrid nickte nachdenklich. »Und sie will nicht am Boden bleiben?«

»Soweit waren wir noch nicht«, gab Marie etwas verlegen zu. »Wir hatten nicht viel Zeit zum Reden.«

»Kann ich mir vorstellen.« Ingrid lachte. »Und ich gönne es dir. Aber ich denke, reden müsst ihr. Wenn es etwas Ernsthaftes ist. Für sie auch.«

Marie schüttelte den Kopf. »Noch nicht einmal das weiß ich. Ich weiß gar nichts über sie. Nur dass sie in Hamburg wohnt.«

»Lies ihre Nachricht.« Ingrid schmunzelte. »Deine Augen wandern immer wieder zum Handy, aber solange ich hier bin, willst du sie nicht lesen. Muss ja heftig gewesen sein letzte Nacht.« Sie winkte amüsiert und ging hinaus.

»Das war es«, murmelte Marie mit einem Anflug von Erröten in der Stimme. »Das kannst du wohl laut sagen.« Sie strich über den Bildschirm, um ihn zu aktivieren.

Tut mir leid, dass ich so kurz angebunden war, hatte Sarah geschrieben. Aber alle meine Kollegen sind dort, und ich wusste nicht, wer uns sieht.

Marie hob die Augenbrauen. Sarah wollte nicht mit ihr gesehen werden? Was war das denn?

Letzte Nacht war wundervoll, schrieb sie weiter. Ich denke jetzt noch daran. Wahrscheinlich werde ich gleich den Passagieren die Getränke in den Schoß schütten und das Essen auf ihrem Kopf verteilen. Ein kleiner, verlegener Smiley mit roten Backen schloss diese Aussage ab.

Diesmal musste Marie lächeln. Sie konnte sich zwar kaum vorstellen, dass Sarah überhaupt so ein Trampel sein konnte, aber es war doch lustig. Immerhin hatten sie beide dieselben Konsequenzen zu tragen. Nicht nur sie, Marie, hatte die letzte Nacht nicht unbeeindruckt zurückgelassen.

Vielen Dank für den netten Bringdienst heute Morgen. Diesmal lachte der Smiley freundlich. Gleich geht’s los nach Moskau. Unterschrieben war das Ganze nur mit einem Buchstaben: S.

Den letzten Satz hatte Ingrid wohl gelesen.

Die Grußformel hatte Sarah weggelassen. Hatte sie sich nicht entscheiden können, ob das Wort Liebe in Liebe Grüße zu verräterisch war?

Marie wusste von sich selbst, dass sie es oft vermieden hatte, das Wort Liebe zu erwähnen. Vielleicht war Sarah genauso. Man fühlte sich dann gleich so festgelegt. Vielleicht war es aber auch einfach nur nicht ihre Art, mit einer Grußformel zu unterschreiben. Nicht jeder tat das.

Sie lehnte sich zurück und blickte zum Fenster hinaus. Einer der Flieger, die in der nächsten Zeit abhoben, nahm Sarah mit sich. Und wusste noch nicht einmal, was für eine wertvolle Fracht er da an Bord hatte.

Irgendwann konnte sie sich doch noch dazu durchringen, ein paar Akten aufzuschlagen, und nachdem sie erst einmal dabei war, arbeitete sie bis in den späten Nachmittag hinein. Ingrid hatte sich schon lange verabschiedet und war nach Hause gegangen.

Endlich fingen ihre Augen an wehzutun, und sie schob die Akten beiseite. Um sich abzulenken, hatte sie sich so sehr auf die Arbeit konzentriert, dass sie praktisch keine Pause gemacht hatte. Sie streckte sich und gähnte. Die ganze Zeit hatte ihr Handy sich nicht gemeldet, doch plötzlich wurde nun eine Nachricht angezeigt.

Mit einem Wisch öffnete sie den Sperrbildschirm und blickte auf das Display.

Ich bin angekommen. Grüße aus Moskau, S.

Sarah hatte ein Bild mitgeschickt. Maries Herz schlug einen kleinen Purzelbaum, als es sich vor ihr öffnete. Im Vordergrund strahlte Sarah ihr entgegen. Im Hintergrund konnte man den Kreml erkennen.

Eine Weile starrte sie das Bild nur an, dann fiel ihr ein, dass Sarah wahrscheinlich auf eine Antwort von ihr wartete.

Hallo schöne Frau, schrieb sie. Anscheinend bringst Du überallhin schönes Wetter mit. Bei uns regnet es allerdings in Strömen. Wahrscheinlich aus Trauer, weil Du nicht da bist.

Konnte sie das schreiben? Sie überlegte und löschte es wieder. Nein, das klang zu sehr danach, als würde sie ihre eigene Trauer beschreiben, und sie wollte keinen Druck auf Sarah ausüben.

Also beließ sie es dabei, dass das Wetter in Moskau offenbar gut war, und schickte die Antwort ab.

Ja, wirklich, antwortete Sarah. Aber die Verbindung ist schlecht. Ich versuche es nachher vom Hotel aus noch mal.

Okay, schrieb Marie zurück, obwohl sie nicht wusste, ob Sarah die Antwort noch bekam.

Als ob sie nicht wüsste, was sie nun tun sollte, saß sie eine Weile da und starrte vor sich, betrachtete das Bild, das Sarah geschickt hatte. Sie ließ sogar ihre Finger in der Luft darübergleiten, als ob sie das schöne Gesicht streicheln könnte.

Ich hätte einfach mitfliegen sollen, dachte sie. Was ist es schon für ein Unterschied, ob ich hier im Büro sitze, im Flieger oder in Moskau?

Da sie jedoch nicht mitgeflogen war, saß sie nun hier und wartete darauf, dass Sarah anrufen würde.

Eine merkwürdige Situation, in der sie noch nie gewesen war.

Den ganzen Abend wartete sie umsonst.

Sarah meldete sich nicht.

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 11

»Nein danke, Frau Flugbegleiterin.« Marie griff nach ihrem Handgelenk und zog sie an den Tisch herunter. »Und jetzt setz dich. Du bist hier nicht im Dienst.« Sie lächelte. »Eigentlich hätte ich das alles machen sollen. Schließlich bist du hier Gast und nicht ich.«

Sarah zuckte lächelnd die Schultern. »Ich bin es so gewöhnt. Es macht mir nichts aus.«

»So ein Frühstück hatte ich schon lange nicht mehr.« Maries Blick schweifte bewundernd über den Tisch. »Du hast nicht nur die Brötchen und den Korb gekauft.«

»Dein Kühlschrank war ziemlich leer«, bestätigte Sarah. »Frühstückst du nie zu Hause?«

»Meistens nicht«, sagte Marie. »Ich frühstücke immer später im Büro.«

»Dann sollte ich die Sachen vielleicht mitnehmen, bevor sie hier vergammeln.« Sarah hob besorgt die Augenbrauen.

Sanft strich Marie über ihren Handrücken und suchte ihre Augen. »Oder einfach öfter mal vorbeikommen.«

Autsch! dachte sie im nächsten Augenblick, denn Sarah zog ihre Hand zurück und senkte den Blick. Das war zu viel.

»War nicht so gemeint«, berichtigte sie schnell. »Ich weiß, dass du kaum je am Boden bist. Dass gestern ein Flug gestrichen wurde, war sicher eine Ausnahme.«

»Ja, das war eine Ausnahme«, bestätigte Sarah. Dann hob sie den Kopf und lächelte Marie erneut hinreißend an. »Singst du immer unter der Dusche?«

Sarahs etwas schelmisch blickende Augen machten Marie verlegen. »Eigentlich nicht«, sagte sie. »Ich habe mich selbst darüber gewundert.« Sie schaute Sarah liebevoll an. »Oder auch nicht. Ich glaube, du bist der Grund.« Sie verzog das Gesicht. »Tut mir leid, dass ich keine Stimme habe.«

»Ich finde deine Stimme gut genug.« Sarahs Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. Es schien fast, als würden ihre Augen feucht schimmern. »Das ist . . . süß.«

»Du bist süß«, erwiderte Marie leise. »Sehr süß.« Sie versank in den himmelblauen Augen, als wären sie tatsächlich der Himmel.

Sarah nahm etwas hektisch ein Brötchen aus dem Korb und schnitt es auf. »Wenn ich mich jetzt nicht beeile, kann ich doch nicht mehr frühstücken.«


»Heute fahre ich dich aber. Ich bestehe darauf«, bemerkte Marie, als sie mit dem Frühstück fertig waren.

»Ich kann ein Taxi nehmen oder die Bahn, du musst mich nicht fahren.« Sarah wirkte auf einmal ungewöhnlich scheu.

»Blödsinn, nach dem herrlichen Frühstück«, Marie schmunzelte, »und der herrlichen Nacht ist das das Wenigste, was ich tun kann.«

Als hätte sie einer keuschen Jungfrau einen Antrag gemacht, schaute Sarah sie nicht direkt an.

»Also beschlossen«, sagte Marie schnell, damit Sarah nicht noch einmal etwas einwenden konnte.

Das tat sie jedoch auch nicht. Sie nickte nur. »Gut, dann mache ich mich jetzt endgültig fertig.« Sie verschwand im Bad und trat kaum ein paar Minuten später geschminkt und bis an die Haarspitzen gestylt wieder heraus.

»Meine Güte«, stellte Marie bewundernd fest. »Dass die Passagiere da überhaupt noch an irgendetwas anderes denken können.«

Sarah lachte. »Am Ende eines anstrengenden Tages sehe ich nicht mehr so aus. Und die meisten sind Vielflieger. Für die sind wir nur diejenigen, die ihnen ihre Drinks und das Essen bringen. Sie sehen uns gar nicht mehr.«

»Kaum vorstellbar«, sagte Marie. »Ich könnte dich nie übersehen.«

»Du bist vielleicht«, Sarah tippte sie etwas neckisch auf die Nase, »etwas voreingenommen.«

»Bin ich.« Marie nahm sie vorsichtig in die Arme, um das perfekte Styling nicht zu zerstören. »Und ich schäme mich gar nicht dafür.« Sie schaute Sarah tief in die Augen. »Ich vermisse dich jetzt schon.«

Darauf sagte Sarah nichts, sondern drehte sich zur Seite. »Jetzt muss ich aber los, sonst komme ich zu spät, und sie fliegen ohne mich.«


Auf dem Weg zum Flughafen betrachtete Marie irritiert die vielen Schilder zu den einzelnen Parkmöglichkeiten. »Wo soll ich dich denn absetzen?«

»Am einfachsten am Kiss & Fly-Parkplatz.«

»Tatsächlich?« Marie hätte fast gegrinst.

Lachend warf Sarah ihren Kopf nach hinten und schob sich eine kleine Haarsträhne aus der Stirn. »Der heißt wirklich so. Ein Kurzzeitparkplatz für An- und Abholung. Da vorn an der Ampel links.«

In der Tat prangte ein Schild mit Kiss & Fly an der Straße, und Marie parkte ihren Wagen gleich darauf in der Schlange. Dann holte sie Sarahs Rollenkoffer und Handtasche aus dem Kofferraum und wollte sie fast nicht loslassen.

»Ich muss«, sagte Sarah mit einem etwas traurigen Unterton in der Stimme. »Tut mir leid.«

»Ich weiß.« Marie seufzte. »Meldest du dich, wenn du angekommen bist? Jetzt, wo ich weiß, dass du gleich im Flieger sitzt, mache ich mir Sorgen.«

»Fliegen ist die sicherste Art zu reisen«, erwiderte Sarah überzeugt. »Und sitzen werde ich wahrscheinlich kaum. Ich muss arbeiten.«

»Natürlich.« Marie beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf ihre Wange. »Man muss dem Schild doch Gerechtigkeit widerfahren lassen.« Sie lächelte Sarah an.

Sarah lächelte zurück. »Trotz des Schildes kann ich jetzt leider nicht tun, was ich möchte.« Ihre Augen umfingen Maries Gesicht. »Danke für alles.« Und schnell hauchte sie Marie einen Kuss auf die Lippen, drehte sich um und rollte mit ihrem Koffer davon.

Marie schaute ihr nach und fühlte sich, als hätte sie eine ganze Armee von Schmetterlingen im Bauch. »Sarah . . .«, flüsterte sie.

So kurz erst kannten sie sich, hatten sich kaum gesehen, und doch konnte sie sich nicht mehr vorstellen, wie das Leben ohne Sarah gewesen war. Keine Frau hatte sie je so gefesselt.

Noch einmal drehte Sarah sich zu ihr um und hob leicht eine Hand zum Gruß, danach verschwand sie aus Maries Blickfeld.

Obwohl sie sie schon lange nicht mehr sehen konnte, starrte Marie noch eine ganze Weile auf den Punkt, an dem die wohlgeformte Gestalt in der Uniform verschwunden war. Als ob sie hoffte, dass sie wieder herauskommen würde. Aber das tat sie selbstverständlich nicht.

Endlich ließ sie sich seufzend in den Fahrersitz ihres Wagens fallen. Die Gedanken in ihrem Kopf drehten sich wie in einem Karussell. Eine ganze Weile saß sie da ohne loszufahren. Sie hatte das Gefühl, sie würde sich nie wieder auf ihre Arbeit konzentrieren können, denn der einzige Gedanke, der in ihrem Kopf Platz hatte, hieß Sarah.

So fühlt es sich an, verliebt zu sein? dachte sie verwundert. Dann habe ich das wirklich noch nie erlebt.

Sie blieb noch ein paar Minuten still sitzen, bevor sie den Motor startete und sich auf den Weg zurück nach Frankfurt in ihre Wohnung machte. Kurz vor der Autobahnabfahrt disponierte sie um und fuhr stattdessen in ihr Büro. Vielleicht würde sie heute ein paar Dinge erledigen können. Zumindest sollte sie die nötige Ruhe haben.

Doch stattdessen hing sie auch dort nur ihren Gedanken nach, die sich immer nur um Sarah drehten. Immer wieder sah sie das Lächeln, die wunderschönen Augen, die so herrlich strahlten, das ebenmäßige Gesicht.

»Hast du kein Zuhause?« Ingrid schob die Tür zu ihrem Büro auf und schaute herein.

»Das könnte ich dich auch fragen«, erwiderte Marie.

»Ach, du weißt doch.« Mit einem resignierten Winken ihrer Hand trat Ingrid zu ihr. »Dieser Fall, den ich einfach nicht abschließen kann. Die Scheidung.«

»Oh je«, sagte Marie. »Die beiden Kampfhähne?«

»Kampfhahn und Kampfhuhn«, bestätigte Ingrid seufzend. »Und keiner will nachgeben.«

»Unangenehm«, sagte Marie. »Wenn ich kann, drücke ich mich vor solchen Fällen immer.«

Ingrid hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Ich dachte, ich könnte sie zusammenbringen. Eine einvernehmliche Scheidung. Aber ich glaube, das ist nicht möglich.«

Teil 10

»Was ist das denn?« Sarah ging an ihr vorbei und schaute sie irritiert an. »Bist du ein verkleideter Ritter oder so was?«

Marie fühlte sich, als würde sie auf Wolken schweben. Deshalb antwortete sie in leichtem Ton: »Manchmal komme ich mir so vor, wenn ich vor Gericht die Guten gegen die Bösen verteidige.«

»Du bist erstaunlich«, sagte Sarah, und Marie kam es so vor, als ob sie sie mit einem merkwürdigen Blick musterte.


»Wie kommt es, dass dein Flug gestrichen wurde?« Gerade hatten sie ihre Bestellung aufgegeben, und Marie beugte sich leicht am Tisch vor, um Sarah diese Frage zu stellen.

»Es wurde ein kleineres Flugzeug eingesetzt, und damit war ich überflüssig.« Sarah zuckte die Schultern. »Da man mich auch morgen früh nicht braucht, fängt mein Dienst erst wieder mit dem Flug nach Moskau an.«

»Wie schön«, lächelte Marie, »dass du auf dem Weg nach Moskau bei mir vorbeigekommen bist.«

Etwas kokett strich Sarah mit einer fließenden Bewegung ihre Haare nach hinten. »Da ich ja nun wusste, dass ich hier eine Übernachtungsmöglichkeit habe . . .« Ihre Augen funkelten ein wenig im Licht der schummrigen Restaurantbeleuchtung.

»Oh Gott.« Marie legte mit einem unterdrückten Seufzer den Kopf in den Nacken. »War ich es, die beschlossen hat, hierher zu gehen, statt zu Hause zu bleiben?«

»Soweit ich mich erinnere«, bestätigte Sarah. Sie lächelte bezaubernd. »Vorfreude ist doch die schönste Freude, oder nicht?«

Marie nahm einen langen Schluck Wein und schaute sie an. »Ich wusste bisher nicht, dass es auch eine Qual sein kann.«

»So schlimm?« Sarahs Stimme klang ein bisschen belustigt.

»Wahrscheinlich mache ich mich gerade zum Affen«, erwiderte Marie, während sie hingerissen die kecken Grübchen in Sarahs Wangen betrachtete. »Du siehst so kühl aus, als wärst du gerade dem Meer entstiegen.«

»Das täuscht«, sagte Sarah. Auf einmal öffneten sich ihre Lippen leicht und gaben ihrem Gesicht gleich einen wesentlich weniger kühlen Ausdruck. Die blauen Augen ruhten lockend auf Marie.

»Sarah . . .«, stöhnte Marie leise.

»Ich habe mich die ganze Zeit auf dich gefreut«, flüsterte Sarah, beugte sich vor und erlaubte Marie einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté. »Ich schätze ein gutes Essen, aber eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet.«

»Ich muss zugeben«, Marie nahm noch einmal einen Schluck von ihrem Wein, um sich von dem Anblick abzukühlen, »ich wäre am liebsten gleich über dich hergefallen, aber so etwas tut man nicht.«

Sarah lachte weich auf. »Du bist doch ein verkleideter Ritter.«

»Vielleicht auch nur wirklich hungrig«, entgegnete Marie scherzend, und wie auf Stichwort kamen ein Kellner und eine Kellnerin mit ihrem Essen.

Sie aßen schweigend, und Marie konnte sich kaum von Sarahs Anblick losreißen, beobachtete jede ihrer Bewegungen. Wie sie aß, wie sie trank, wie sie ihre Haare zurückstrich. Ihr Herzschlag beschleunigte sich immer mehr. Sie wollte sie so gern berühren, küssen, streicheln, mit ihr ins Bett sinken und sie ganz spüren.

Der Kellner füllte die Gläser, und Marie trank ihres viel zu schnell leer. Der Alkohol stieg ihr langsam zu Kopf. »Wann . . .«, sie hörte, dass ihre Stimme ihr nicht hundertprozentig gehorchte, und räusperte sich, »wann musst du denn morgen am Flugplatz sein?«

Sarah blickte auf. »Um zehn.«

»Das ist ja eine sehr humane Zeit«, Marie lachte, »gegen dein fünf Uhr letztes Mal.«

»Ja.« Sarahs Mundwinkel zuckten. »Dadurch ist die Nacht länger.«

Eine heiße Flamme durchzuckte Marie von oben bis unten, und sie senkte den Kopf, weil sie sich schwer beherrschen musste. »Du machst mich verrückt, Sarah«, sagte sie leise, als sie ihn wieder hob. »Ich halte das bald nicht mehr aus.«

»Dann sollten wir vielleicht schnell essen.« Sarah führte den nächsten Bissen zum Mund, öffnete die Lippen wie zu einem Kuss und schob die Gabel ganz langsam hinein.

»Wenn du so weitermachst, vergesse ich, dass wir im Restaurant sind«, stöhnte Marie gequält.

»Ich bin gleich fertig.« Sarah aß nun wieder normal. »Wenn du auch soweit bist, können wir gehen. Auf das Dessert können wir wohl verzichten.«

»Auf das Dessert hier . . .«, Marie betonte das letzte Wort, »verzichte ich gern.«

»Ich auch.« Sarahs Lippen öffneten sich erneut verführerisch. »Auf das andere Dessert freue ich mich aber sehr.«

5

»Marie hatte das Gefühl, etwas kitzelte sie an der Nase. Sie hob eine Hand und wischte sich übers Gesicht. Merkwürdigerweise kam das Kitzeln aber sofort zurück. Irritiert schlug sie die Lider auf.

Sarahs blaue Augen lächelten sie an. »Guten Morgen.«

»Guten Morgen.« Marie hatte das Gefühl, sie brachte die Worte kaum heraus, so überwältigt war sie von Sarahs Anblick. »Du bist schon auf?«

»Schon lange«, sagte Sarah. »Und wenn du jetzt auch aufstehst, können wir noch gemütlich zusammen frühstücken, bevor ich weg muss.«

Sehnsuchtsvoll streckte Marie eine Hand nach ihr aus. »Willst du nicht lieber noch mal ins Bett kommen?«

»Ich bin schon angezogen.« Bedauernd verzog Sarah das Gesicht. »So viel Zeit ist denn doch nicht mehr.«

»Und dabei liebe ich Frauen in Uniform so«, neckte Marie sie und ließ ihren Blick genüsslich über Sarahs Figur streifen.

»Das habe ich heute Nacht gemerkt.« Sarah beugte sich über sie und hauchte einen Kuss auf ihre Lippen. »Aber jetzt ist die Nacht leider vorbei.«

»Ja, leider.« Marie seufzte. »Also dann . . .« Sie schnupperte. »Was ist das denn?«

»Hätte ich Tee machen sollen?«, fragte Sarah etwas verunsichert.

Der aromatische Duft von Kaffee zog durch die Wohnung.

»Nein, Kaffee ist in Ordnung.« Marie schlug die Decke zurück und stand auf. »Daran könnte ich mich gewöhnen.« Sie lachte.

»Ich auch«, erwiderte Sarah schmunzelnd, während sie ihren Blick von oben bis unten über Marie schweifen ließ, die nackt vor ihr stand.

»Aber, aber, Frau Hartmann«, neckte Marie sie. »Woran Sie wieder denken. Ich habe nur den Kaffee gemeint.«

»Ja, natürlich«, sagte Sarah und schüttelte skeptisch den Kopf. »Ich warte in der Küche auf dich.«

Sie drehte sich lächelnd um und ging hinaus, während Marie sich ein paar Sachen schnappte und schnell unter die Dusche sprang.

Was für ein herrlicher Morgen! Zwar beeilte sie sich, aber trotzdem fing sie unter dem Wasserstrahl an zu singen. Als sie das feststellte, lachte sie. Hatte sie das überhaupt schon jemals getan?

Sarah war hier! Sie seifte sich ein und duschte sich ab, und die ganze Zeit über sah sie Sarahs Gesicht vor sich, wie es lächelte, wie die Grübchen auf ihren Wangen spielten, wie sie Marie zärtlich ansah.

Sie hätte es nie für möglich gehalten, wie sehr sie sich auf ein gemeinsames Frühstück freuen konnte. Meistens war sie davor nach Hause gegangen, wenn sie bei einer Frau übernachtet hatte, und nur äußerst selten nahm sie eine Frau mit in ihre Wohnung. In letzter Zeit gar nicht mehr.

Fast stürmte sie aus dem Bad hinaus und in die Küche.

»Ich habe Brötchen geholt.« Sarah zeigte auf einen Korb auf dem Tisch, in dem die Brötchen appetitlich arrangiert waren.

»Wo hast du den denn gefunden?« Marie runzelte die Stirn. »Ich wusste gar nicht, dass ich so etwas habe.«

»Das hatte ich schon vermutet«, erwiderte Sarah schmunzelnd. »Ich habe ihn beim Bäcker gekauft. Mit den Brötchen zusammen.«

»Das ist ja vielleicht ein Service«, staunte Marie.

»Wahrscheinlich färbt mein Beruf ab.« Sarah nahm die Kaffeekanne und füllte die zwei Becher neben den Frühstückstellern auf dem Tisch, den sie schon gedeckt hatte, mit dem heißen Getränk. »Nimmst du Milch und Zucker?«

Teil 09

»Berüchtigt«, korrigierte Terry mit einem schelmischen Blinzeln.

»Treiben Sie es nicht zu weit, Terry«, warnte Marie sie. »Also, zu einem Zeitpunkt, der jetzt noch nicht näher definiert wird, könnte es vielleicht, unter ganz bestimmten Umständen, eine Einladung zum Essen geben.«

»Eine Kennenlernparty!« Terry klatschte in die Hände. »Toll! Ich liebe Partys! Bei denen ich nichts fürs Essen bezahlen muss«, fügte sie leiser hinter vorgehaltener Hand hinzu.

Ingrid lachte. »Abgemacht. Wir verlassen uns auf dich, Marie.« Ihre Augenwinkel kringelten sich amüsiert.

»Ihr seid unmöglich.« Marie versuchte ein Schmunzeln zu unterdrücken. »Aber jetzt raus mit euch. Ich muss arbeiten. Terry?« Sie hob fragend die Augenbrauen. »Termine?«

»Sofort, Boss.« Terry holte diensteifrig den Kalender.

Ingrid beugte sich noch einmal zu Marie über den Tisch. »Und falls sie ein Geheimnis hat, macht sie das nur noch interessanter«, sagte sie leise. »Vorläufig. Wir wollen nicht, dass wieder so etwas wie mit Britt passiert. Weshalb du uns Sarah vielleicht doch in absehbarer Zukunft vorstellen solltest.«

»Wer braucht Feinde, wenn sie Freundinnen hat?«, seufzte Marie ergeben.


Den Tag über hörte Marie nichts von Sarah. Wahrscheinlich war sie die ganze Zeit in der Luft. Und da sie selbst ebenfalls viel zu tun hatte, wurde es Abend, bevor sie überhaupt einen Gedanken daran verschwenden konnte.

Sie lächelte, als sie nach Hause kam und daran dachte, dass Sarah vielleicht wieder aus dem Hotel anrufen würde, und dann . . . eventuell . . .

Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf. Sie kam sich vor wie ein Teenager. Telefonsex. Das hatte sie wirklich schon lange nicht mehr gemacht. Wo sollte das noch hinführen, wenn sie sich so wenig sehen konnten, wenn Sarah immer in anderen Städten war, in anderen Ländern?

Sie stutzte. Denke ich darüber nach, eine Beziehung mit ihr zu haben?

Nach ihren Erfahrungen mit verschiedenen Frauen hatte sie diese Idee eigentlich schon aufgegeben. Deshalb die kurzen Affären. Es nützte nichts, wenn sie sich etwas vormachte. Die meisten Frauen erwarteten viel Zeit, viele gemeinsame Stunden, Tage, Wochen, gemeinsamer Feierabend, gemeinsames Wochenende, gemeinsamen Urlaub – und das konnte sie einfach nicht leisten.

Deshalb fand sie es fairer, den Frauen, die sie kennenlernte, gleich von vornherein zu sagen, dass sie damit nicht rechnen konnten. Gelegentliche Treffs, Sex hauptsächlich, vielleicht mal ein gemeinsames Abendessen, aber darüberhinaus keine Rechte und keine Pflichten.

Sie fand nichts dabei, ihren Beruf über ihr Privatleben zu stellen, und sie wunderte sich manchmal, wie man sein Privatleben über den Beruf stellen konnte. Manche Frauen gaben ihren Beruf auf, um sich nur noch um die Familie zu kümmern, Kinder zu haben. Für Marie war das unvorstellbar.

Ob Sarah so eine Familie wollte? fragte sie sich. Stewardessen konnten nicht ewig in ihrem Beruf arbeiten, das war eher etwas für junge Leute. Möglicherweise hatte Sarah geplant, irgendwann einmal aufzuhören, Kinder zu haben und auf dem Land in einem Haus mit Garten und Hund zu wohnen.

Kaum hatte sie daran gedacht, sah sie einen weißen Gartenzaun vor sich und Sarah, die lächelnd in einer Küchenschürze aus dem Haus trat, um Marie, die von der Arbeit kam, zu begrüßen. »Das Essen ist fertig, Liebling. Wie war dein Tag?«

»Bin ich denn total bescheuert?« Sie schlug sich vor die Stirn. »Noch frauenfeindlicher geht’s ja wohl nicht.« Und das, wo sie schon oft vor Gericht gegen diese Art von Diskriminierung gekämpft hatte. Sie sollte sich schämen, Sarah auf so ein Klischee zu reduzieren.

Apropos Essen. Sie öffnete ihr Gefrierfach und schaute hinein. Worüber würde die Mikrowelle sich wohl am meisten freuen?

Kaum dass sie das gedacht hatte, hörte sie ein Geräusch vor ihrer Wohnungstür. Sie lauschte. War da jemand? Ihre Wohnung war die letzte im Gang, und ihre Nachbarn waren alles ältere Menschen, die normalerweise sehr leise waren.

Ein kurzer Blick durch den Spion ließ ihr Herz einen Schlag aussetzen. Mit einem Ruck riss sie die Tür auf, so dass Sarah ihr direkt in die Arme fiel.

»Aber hallo!« Sie lachte und spürte den weichen Körper gegen sich gepresst. Tief atmete sie den süßen Duft ein, der ihr entgegenströmte. Ihre Haut begann zu prickeln, und ihr Atem beschleunigte sich.

»Entschuldige.« Sarahs blaue Augen blickten Marie schüchtern entgegen. Sie richtete sich auf und fuhr sich mit der Hand verlegen durch die Haare.

»Nein, ich muss mich entschuldigen, ich habe dich erschreckt.« Widerstrebend ließ Marie Sarah los. »Was machst du denn hier? Wolltest du nicht in London sein?«

Sarah seufzte. »Der Flug ist gestrichen worden, und ich steige erst morgen Vormittag wieder in die Tour ein.« Sie schaute über Maries Schulter in die Wohnung. »Störe ich?«

»Oh, wie unhöflich von mir. Komm doch rein.« Marie trat zurück. »Nein, du störst überhaupt nicht. Ich hatte gerade eine Konferenz mit der Mikrowelle, was wir heute essen wollen.«

»Mikrowelle?« Sarah verzog das Gesicht.

»Ich kann auch was bestellen«, beeilte Marie sich schnell zu versichern. Dann jedoch lächelte sie. »Oder möchtest du zum Essen ausgehen?«

Für einen Moment wirkte Sarah verunsichert.

Marie betrachtete ihr schönes Gesicht, fühlte sich wie von einem Magneten angezogen und beugte sich zu ihr. »Aber erstmal: Schön, dass du da bist«, flüsterte sie und suchte Sarahs Lippen mit ihren.

Es war, als ob Sarah nur darauf gewartet hätte. Sie sank erneut in Maries Arme, schmiegte sich an sie und gab sich dem Kuss ganz hin.

Marie schloss die Augen und liebkoste Sarah mit ihren Lippen, umarmte sie noch fester und hatte das Gefühl, sie hörte die Engel singen. Sarah im Arm zu halten war wie ein Stück Himmel auf Erden.

Als der Kuss endete, löste Sarah sich sanft von ihr. »Ich ziehe die Uniform aus«, sagte sie leise. »Oder willst du, dass ich sie anbehalte?«

Was für eine merkwürdige Frage. Marie schaute sie irritiert an. »Ganz wie du willst«, antwortete sie. »Sollen wir ins Restaurant gehen? Dann mache ich schnell eine Reservierung. Nicht, dass wir ein Restaurant nach dem anderen abklappern, und es ist kein Tisch frei. Immerhin ist Freitagabend.«

Ein sanftes Lächeln erhellte Sarahs Gesicht. »Dann ziehe ich mich schnell um.«

»Tu das«, nickte Marie. »Ich telefoniere kurz.«

Sarah verschwand mit ihrem kleinen Rollenkoffer im Bad, das Wasser rauschte gerade einmal für wenige Minuten, und nicht lange danach trat sie aus der Tür.

Ihr Anblick ließ Marie trocken schlucken. Sie hatte die Uniform gegen ein Kleid eingetauscht, das ihre schlanke Figur umschmeichelte. Die blonden Locken fielen ihr offen auf die Schultern, sie hatte sich abgeschminkt, und ihre Haut schimmerte rosig und frisch.

»Bist du ein Engel, der gerade vom Himmel gefallen ist?«, fragte Marie lächelnd. »Du siehst so aus.«

»Danke«, sagte Sarah, »aber du übertreibst.«

»Gar nicht.« Maries Blick umfing sie, als wollte er sie in einem Kokon einschließen. »Du bist wunderschön.« Ihre Stimme klang leise und warm.

»Sollen wir lieber hierbleiben?«, fragte Sarah.

»Verführerisches Angebot.« Marie lächelte. »Aber ehrlich gesagt komme ich wirklich kaum noch zum Essen, und im Restaurant«, ihre Mundwinkel zuckten, »hält sich die Ablenkung durch deine Anwesenheit in Grenzen.«

»Du hast einen Tisch bekommen?«

»Glücklicherweise habe ich mal einen Restaurantbesitzer vor Gericht vertreten«, schmunzelte Marie. »Bei ihm bekomme ich immer einen Tisch. Alles andere war besetzt.«

Sarah breitete leicht die Arme aus. »Na dann . . .?«

»Bitteschön.« Marie ging zur Tür und hielt sie ihr auf. »Wenn es Milady beliebt . . .«

Teil 08

»Ich sehne mich so nach dir«, flüsterte Sarah. »Komm zu mir.«

»Jetzt? Nach Barcelona?« Maries Stirn runzelte sich bis fast an ihren Haaransatz.

Ein leises, aber immer noch erregtes Lachen antwortete ihr. »Du bist wirklich Anwältin. Du nimmst alles wörtlich.«

Marie verzog das Gesicht. »Ich halte es immer noch für keine gute Idee.«

»Hast du das noch nie gemacht?« Sarah wirkte erstaunt.

»Doch, natürlich«, Marie atmete tief durch, »aber . . .«

»Keine gute Idee«, wiederholte Sarah.

»Richtig.«

In diesem Moment klingelte es.

»Oh, verdammt, mein Essen!« Marie sprang auf.

Sarah lachte. »Vom Gong gerettet. Da hast du aber Glück gehabt.«

»Das ist noch die Frage«, gab Marie zurück. »Entschuldige, bin gleich wieder da.« Sie raste an die Tür, ließ den Lieferanten mit dem Summer ins Haus, wartete ungeduldig mit den Fingern klopfend auf seine Ankunft an der Wohnungstür und riss ihm die Lieferung fast aus der Hand, während sie ihm einen großen Schein entgegenstreckte. »Der Rest ist für Sie.«

Eine Sekunde später war sie wieder im Schlafzimmer. »Ich glaube, der macht jetzt Feierabend für heute«, sprach sie in Richtung des Telefons. »So ein Trinkgeld kriegt der auch nicht jeden Tag.«

»Wenn du so reich bist . . .«, antwortete Sarah amüsiert.

»Na ja, reich ist übertrieben.« Marie packte die Tüte mit verschiedenen Gemüsesorten und Reis vom Chinesen auf ihren Nachttisch. »Aber das wird mich jetzt nicht arm machen.«

»Wo waren wir stehengeblieben?«, fragte Sarah.

»Oh Sarah . . .« Marie stöhnte auf. »Tu mir das nicht an.«

»Hast du so großen Hunger?« Sarah lachte.

»Gar keinen mehr«, stellte Marie überrascht fest.

»Na dann . . .«, hauchte Sarah verführerisch.

Mit einem entsagungsvollen Seufzer legte Marie sich wieder aufs Bett. »Jetzt hast du mein großes Geheimnis herausgefunden: Ich kann dir einfach nicht widerstehen.«

Einen kurzen Augenblick war es still, dann wisperte Sarah: »Zieh dich aus, damit ich dich auf mir spüren kann.«

4

»Wolltest du dich nicht ausschlafen?«, begrüßte Maries Kollegin und auch Freundin Ingrid sie am nächsten Morgen im Büro.

Marie nickte. »Ja, wollte ich.« Sie ging an Ingrid vorbei und streckte den Arm nach dem Teebecher aus, den Terry ihr entgegenhielt.

Ingrid folgte ihr bis zu ihrem Schreibtisch. »Also wenn ich es nicht besser wüsste . . .« Sie legte den Kopf schief. »Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht –«

»Sonst noch etwas, Ingrid?« Marie starrte sie ziemlich abweisend an.

»Also tatsächlich.« Ingrid schmunzelte. »Du füllst deine Nächte mal wieder mit etwas anderem als Arbeit.«

»Ich will nicht darüber reden«, erwiderte Marie abwehrend.

»Ist es etwas Ernstes?«, fragte Ingrid dennoch. »Oder wieder nur so eine kurze Affäre wie die letzten Male?«

Marie atmete tief durch. »Wenn ich das wüsste.«

»Du hast sie jetzt schon satt?« Ingrid hob die Augenbrauen.

»Nein.« Marie schüttelte den Kopf. »Ganz im Gegenteil. Ich hoffe, dass ich sie bald wiedersehe. Was sich ein bisschen schwierig gestaltet, weil sie Stewardess ist und meistens in der Luft.«

»Na, das ist doch perfekt«, meinte Ingrid mit einem Augenzwinkern. »So musst du nicht immer wieder absagen, während sie dir Vorwürfe macht, dass du keine Zeit hast.«

»Ja, perfekt«, murmelte Marie nachdenklich.

»Das ist nicht alles, oder?«, fragte Ingrid argwöhnisch. »Da steckt noch mehr dahinter.«

»Das . . .«, Marie verzog angestrengt das Gesicht, »frage ich mich.« Sie nahm einen Schluck Tee, lehnte sich zurück, schlüpfte aus den Schuhen und legte die Füße auf den Tisch.

»Oh-oh«, sagte Ingrid. »Das sieht nach schwerem Nachdenken aus. So was tust du nur, wenn du in einem Fall nicht weiterkommst.«

Marie nickte langsam vor und zurück. »Sie ist . . .«, ein Lächeln überzog ihr Gesicht, »süß. Einfach bezaubernd. Eine Traumfrau.«

»Aber . . .?«, fragte Ingrid gedehnt. »Nach so einer Einleitung kommt immer ein Aber.«

»Aber«, nahm Marie den Faden auf, »da ist irgendetwas, das sie mir nicht sagt. Ich spüre es. Du weißt, dass ich mich bei Mandanten auch immer danach richte. Wenn sie etwas zu verbergen haben, kriege ich das mit.«

»Nicht so eine gute Eigenschaft in privaten Beziehungen«, warnte Ingrid.

»Oder gerade«, widersprach Marie. »Bewahrt eine vor vielen Enttäuschungen.«

»Wie mit Britt?« Ingrid lachte. »Ja, das hättest du wissen können. Ich glaube, alle anderen haben es gewusst, bevor du darauf kamst.«

»Es geht nicht um Britt«, unterbrach Marie sie ungehalten. »Es geht um Sarah.«

»Ah, Sarah heißt sie. Hübscher Name.« Ingrid schmunzelte. »Und ich wette, sie ist auch hübsch.«

»Schön«, sagte Marie. »Sie ist außergewöhnlich schön. Und in ihrer schmucken Uniform ein Anblick wie der verführerische Apfel aus dem Paradies.«

»Na, dann wundert mich gar nichts mehr«, bemerkte Ingrid zufrieden. »Äpfeln konntest du noch nie widerstehen.« Sie hob die Hände. »Tschuldigung, sollte keine Anspielung sein.«

»Doch, sollte es.« Marie musterte sie mit strengem Blick.

»Vielleicht. Ein bisschen«, gab Ingrid zu. »Ist aber jetzt nicht so wichtig. Was, denkst du, ist mit ihr nicht in Ordnung?«

»Nichts, könnte man oberflächlich meinen.« Marie atmete tief durch. »Sie ist ein Bild von einer Frau, sanft, zärtlich, ein Traum, wie ich schon sagte.«

»Und du traust Träumen nicht.«

»Irgendwie . . . ja . . . nein . . . Ich denke, Träume sind etwas für Träumer. Und ich bin keine Träumerin.« Marie seufzte. »Obwohl ich sogar tags von ihr träume. Ist mir noch nie passiert.«

»Es gibt für alles ein erstes Mal«, lachte Ingrid. »Und ehrlich gesagt . . .«, sie beugte sich vor und sprach leiser weiter, »mag ich es, dass du es endlich tust. Du bist viel zu sehr in deine Arbeit verliebt. Vielleicht ist es an der Zeit, dich mal in eine Frau zu verlieben.«

Marie stutzte. »Das tue ich«, protestierte sie. »Immer wieder.«

»Oh nein.« Ingrid winkte ab. »Wenn du damit all deine kurzen bis ultrakurzen Affären meinst, kaufe ich das nicht. Vor Gericht würde ich dagegen Einspruch erheben.«

»Dann bist du keine so gute Anwältin, wie ich dachte«, brummelte Marie.

»Doch, bin ich«, behauptete Ingrid. »Ich bin sehr gut. Und das weißt du ganz genau.« Sie hob drohend einen Finger.

»Ich weiß.« Marie seufzte. »Aber vielleicht . . .«, sie schluckte, »vielleicht hatte es einen Grund, dass ich nie wirklich verliebt war. Vielleicht bin ich es jetzt . . .«, sie zögerte lange, bevor sie weitersprach, »auch nicht. Weil ich das gar nicht kann. Ich meine, es ist immer toller Sex. Na ja, meistens«, schränkte sie ein. »Aber ist es wirklich mehr als das? Fühle ich mich vielleicht nur körperlich von ihr angezogen? Weil sie so schön ist, so bezaubernd, so hinreißend?«

»Bringen Sie sie doch einfach mal mit, Boss, damit wir das beurteilen können«, erklang plötzlich Terrys Stimme aus der Gegensprechanlage.

»Terrrrry!« Marie explodierte fast.

»Ach kommen Sie.« Terry trat zur Tür herein. »Wie soll ich wissen, was ich demnächst tun muss, wenn ich nicht mithöre?« Sie hatte anscheinend nicht das geringste schlechte Gewissen. »Und ich kann mich Ingrid nur anschließen. Wir haben das beide jetzt wirklich lange genug mitangesehen.« Sie warf Ingrid einen Blick zu, und die nickte ernsthaft. »Sie müssen mal zur Ruhe kommen, Boss. Nicht nur immer an die Arbeit denken.«

»Ihr zwei seid wirklich –« Marie schüttelte den Kopf, zuerst noch mit zusammengezogenen Augenbrauen, doch dann konnte sie nicht mehr an sich halten und brach in Lachen aus. »Wie soll ich dagegen an?« Sie nahm die Füße vom Tisch und beugte sich vor. »Also das Ganze ist noch lange nicht spruchreif, aber sollte Sarah tatsächlich Interesse daran haben – in einiger Zeit, wenn klar ist, dass es keine der ultrakurzen Affären ist, für die ich anscheinend berühmt bin –«

Teil 07

»Sicher.« Marie war ganz froh, dass er sie von ihren sinnlosen Gedanken ablenkte. »Was gibt’s?«

»Ich habe da eine neue Mandantin.« Er trat zu Marie an den Tisch und reichte ihr ein Blatt Papier. »Sie kennen sich mit so etwas doch aus.«

Stirnrunzelnd überflog Marie das Geschriebene. »Das kann nicht sein.«

»Richtig«, nickte er. »Aber was soll ich machen?«

»Ist sie da?« Marie schaute ihn fragend an.

»Kommt gleich«, erwiderte er. »Und ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll.«

»Gehen wir in den Konferenzraum«, schlug Marie vor und stand auf. »Ich glaube, mir fällt da schon etwas ein.«

3

Die Sonne kämpfte sich durch die Wolken, die noch immer über den Himmel zogen.

Marie ließ ihr Autofenster ein Stück herunter und genoss die frische Luft, die zu ihr in den Wagen strömte. Der Regen hatte die Schwüle der letzten Tage vertrieben. Endlich konnte man in der großen Stadt wieder atmen.

Ein lautes Dröhnen ließ sie zusammenzucken. Sie schaute nach oben und sah ein Flugzeug, das zur Landung ansetzte.

Unwillkürlich dachte sie an Sarah.

Sie lächelte. Wo war Sarah jetzt wohl gerade? In irgendeinem Flugzeug oder am Boden?

Nach der Konferenz mit Romans neuer Mandantin hatte Marie beschlossen, dass sie heute nicht mehr arbeitsfähig war. Die Augen fielen ihr zu, und ihr Kopf weigerte sich glattweg, sich weiter mit Paragraphen zu beschäftigen. Sie musste Schlaf nachholen, wenn sie morgen wieder fit sein wollte.

Deshalb war es immer noch hell, als sie nun nach Hause fuhr. Außer an extrem langen Sommertagen kam das nicht gerade oft vor. Meistens verließ sie das Haus bei Dunkelheit und kam auch bei Dunkelheit zurück.

Eine Viertelstunde später betrat sie ihre Wohnung, schleuderte die Pumps von den Füßen und ließ sich auf die Couch fallen. Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Nachdem sie sich ein paar Minuten erholt hatte, bekam sie Hunger. Sie hatte heute kaum etwas gegessen. Nur Tee getrunken. Und langsam forderte ihr Magen sein Recht.

Sie drückte auf eine Kurzwahltaste an ihrem Handy. Schon lange hatte sie den Lieferservice eingespeichert, da sie kaum je selbst kochte. Dazu hatte sie weder Zeit noch Lust. Sie ging allein oder mit Kollegen oder Mandanten essen, nahm sich vom vegetarischen Imbiss etwas mit, oder sie bestellte sich eine Mahlzeit nach Hause.

Nachdem sie die Bestellung aufgegeben hatte, hielt sie das Handy noch in den Fingern, als es plötzlich vibrierte.

Sie seufzte genervt. Roman? Terry? Was war es wieder?

Als sie jedoch aufs Display schaute, wurde Sarahs Name angezeigt. Sarah? Wie kam Sarahs Nummer in ihr Handy?

Sie öffnete die Nachricht.

Ich hoffe, Du bist nicht böse, stand da. Ich habe meine Nummer in Dein Handy eingetragen. Und Deine Nummer herausgeholt.

Na, das war ja . . . Auf einmal lächelte sie. Ich bin nicht böse, schrieb sie zurück. Ich freue mich, dass Du Dich meldest.

Sie dachte schon, es käme keine Antwort mehr, weil es so lange dauerte, aber dann vibrierte es erneut. Mir ist gerade ein Stein vom Herzen gefallen, schrieb Sarah. Leider habe ich zu spät daran gedacht, dass Du Anwältin bist und es vielleicht irgendeinen Paragraphen dagegen gibt.

Gibt es, antwortete sie, aber für diesmal werde ich darüber hinwegsehen. Das Ganze garnierte sie mit einem Smiley.

Da bin ich aber froh, kam es zurück. Ebenfalls mit einem Smiley.

Wo bist du? fragte Marie.

In Barcelona. Kein Regen hier, antwortete Sarah.

Den wirst Du dann garantiert in London haben.

Das hast Du Dir gemerkt?

Natürlich.

Eine ganze Weile kam keine Antwort. Marie fragte sich, ob sie etwas Falsches gesagt hatte, ging in ihr Schlafzimmer hinüber und zog sich etwas Bequemeres an.

Da auf einmal kam keine Nachricht, sondern ein Anruf. Auf dem Display erschien eine ihr unbekannte Nummer. Sie runzelte die Stirn und nahm an. »Ja?«

»Ich bin’s«, hörte sie Sarahs Stimme. »Ich telefoniere über das WLAN des Hotels, da kostet es nichts.«

Marie hätte nicht damit gerechnet, was für eine Reaktion Sarahs Stimme in ihr auslösen würde. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Über die Nachrichten hatte sie sich gefreut und ein leises Kribbeln verspürt, aber das jetzt, das war viel mehr.

Sie holte tief Luft. »Wie praktisch«, sagte sie.

»Ja, wenn man so viel unterwegs ist wie ich, lernt man ein paar Tricks«, lachte Sarah.

»Wie war der Flug?«, fragte Marie.

»Die Flüge«, korrigierte Sarah. »Heute Mittag war ich noch in Berlin.«

»Ach du je.« Es entfuhr Marie einfach so. »Und das, nachdem du die ganze Nacht nicht geschlafen hattest.«

Sarah seufzte. »Ja, es war hart. Deshalb liege ich jetzt schon im Bett. Die Kollegen sind noch an der Bar, aber dafür bin ich einfach zu geschafft.«

»Kann ich verstehen.« Marie schmunzelte. »Geht mir genauso. Ich habe heute früher Schluss gemacht, weil mein Kopf nicht mehr wollte. Jetzt warte ich auf das Essen vom Lieferservice. Danach gehe ich ebenfalls ins Bett. Zu mehr bin ich heute wohl nicht zu gebrauchen.«

»Ich . . .« Sarah zögerte. »Ich war mir nicht ganz sicher, ob du meinen Anruf annehmen würdest.«

»Warum nicht?« Marie runzelte die Stirn.

»Nun ja, ich bin einfach so in dein Leben reingeschneit.« Sarah lachte kurz. »Reingeregnet, muss man wohl eher sagen. Ich weiß ja nicht, ob du –« Sie brach ab. »Ob du nicht –«, fuhr sie dann fort, brachte den Satz aber wieder nicht zu Ende.

»Ob ich nicht gebunden bin?«, half Marie aus. »Da mach dir mal keine Sorgen. Bin ich nicht.«

Wenn sie erwartet hatte, dass Sarah nun ebenfalls über ihren Beziehungsstatus Auskunft geben würde, hatte sie sich geirrt. »Gut«, sagte sie nur.

Da das hier wohl etwas länger dauern würde, legte Marie sich aufs Bett. »Ich arbeite zu viel«, erklärte sie. »Das wäre eine Zumutung für jede Frau.«

»Hmhm«, sagte Sarah.

»Bei dir doch auch, oder?«, versuchte Marie sie aus der Reserve zu locken. »Du bist nicht viel zu Hause.«

»Nein«, sagte Sarah, aber wieder folgte darauf nichts. Dann plötzlich schlich sich ein tiefer Seufzer durchs Telefon. »Ich vermisse dich«, flüsterte sie.

Marie hätte fast aufgeschrien. Ihr Körper fühlte sich auf einmal an, als wäre er mit heißen Nadeln gespickt. »Ich dich auch«, brachte sie mühsam hervor. Alles an ihr hatte sich aufgerichtet, von den Haaren bis zu den Brustspitzen. Sie fühlte sich wie ein angespannter Bogen.

»Ich würde dich gern berühren, dich streicheln«, fuhr Sarah leise fort. »Es wäre so schön, wenn du hier wärst.«

»Dito«, erwiderte Marie. »Mein Bett kommt mir auch sehr leer vor.« Ihre Hand, die das Telefon hielt, zitterte. Sie schaltete den Lautsprecher an und legte es neben sich aufs Kissen.

»Es ist zum Verrücktwerden.« Sarahs Stimme klang irritiert. »Du gehst mir nicht mehr aus dem Sinn, seit wir –«, sie zögerte, »seit wir uns getroffen haben.«

»Ist mir schon lange nicht mehr passiert«, entgegnete Marie und bemühte sich um einen einigermaßen festen Klang, was ihr ausgesprochen schwerfiel. »Du nimmst mir die Worte aus dem Mund.«

Sarah seufzte auf. »Oh mein Gott, ich sehe ihn, deinen Mund. Ich spüre dich . . . überall.«

»Sarah, das ist keine gute Idee.« Immer noch versuchte Marie, die Vernünftige zu sein. Immerhin war Sarah viel jünger als sie, sie hatte die Verantwortung. Dennoch konnte sie sich dem erregten Tonfall in Sarahs Stimme nicht entziehen. Ganz abgesehen davon, dass sie selbst schon erregt genug war.

Teil 06

»Du zum Beispiel?« Marie lachte trocken auf. »Ich kann mich nicht erinnern, dass dich das gestört hat, solange du mein Geld ausgeben konntest.«

»Zugegeben.« Britt zuckte lässig die Achseln. »Du hast auch deine guten Seiten. Wenn ich so zurückdenke . . . War doch eine schöne Zeit mit uns, oder?«

»Machst du Witze?« Der Aufzug kam, und die Türen öffneten sich. »Du bist wohl nicht ganz bei Trost.« Marie trat in die Kabine und drehte sich um, drückte den Knopf für die Tiefgarage.

»Siehst du?« Britt schnippte mit den Fingern. »Das hast du nun davon. Hättest du nur ein bisschen mehr Verständnis für mich gehabt«, fügte sie hinzu, als die Türen sich vor ihr schlossen und ihr Gesicht verschwand.

Während der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte, schüttelte Marie ungläubig den Kopf. Wie lange war das her? Acht Jahre? Und plötzlich tauchte sie einfach wieder auf. Marie hätte nie gedacht, dass sie jemals wieder etwas von ihr hören würde.

Aber das war sicher nur heiße Luft, die sie da von sich gegeben hatte. Marie war äußert penibel mit ihren Kreditkartenabrechnungen, da gab es kein Problem. Britt selbst war allerdings ein Problem, aber nicht mehr Maries. Sie hatte vor vielen Jahren damit abgeschlossen.

Die Gegenwart, das war das einzige, was zählte. Sie seufzte. Hatte sie vielleicht einen Fehler gemacht? Sie war nicht sehr gut in der Verarbeitung von Fehlern, sie machte nicht viele davon. Britt war einer gewesen, aber sie dachte, das läge lange hinter ihr, und sie hätte ihre Lektion gelernt.

Hatte sie das? Sie dachte an die vergangene Nacht zurück, und fast wäre sie rot geworden. Der Trockner war nur der Anfang gewesen, damit war der Abend noch lange nicht zu Ende. Die Nacht. Die sich bis zum Morgen hingezogen hatte.

Sie fragte sich, wie Sarah nach so einer Nacht arbeiten konnte. Nach einer quasi nicht vorhandenen Nacht, was den Schlaf betraf. Alles andere . . . In Erinnerung versunken lächelte sie. Das war einfach unbeschreiblich gewesen. Sarah war . . . wie nicht von dieser Welt. Sanft und zärtlich, leidenschaftlich und hingebungsvoll. Eine faszinierende Frau.

Eigentlich hatte Marie sie zum Flugplatz bringen wollen, sie hatte fest damit gerechnet, dass sie es tun würde, aber dann war sie eingeschlafen, und als sie erwachte, war Sarah fort. So hatte Marie wenigstens ein paar Stunden Schlaf gehabt, aber sie bedauerte sehr, dass sie Sarah nicht hatte verabschieden können.

Sarah hatte sich zumindest mit einer Nachricht verabschiedet, die Marie auf ihrem Nachttisch gefunden hatte.

Danke für diese wundervolle Nacht, stand darauf. Ich werde sie nie vergessen.

Marie wusste nicht genau, was das bedeuten sollte, aber wenn sie recht darüber nachdachte, klang es ziemlich endgültig. Das Angebot, Maries Wohnung als Unterkunft für Sarahs Zwischenstopps in Frankfurt zu benutzen, war wohl vom Tisch.

Bedauernd atmete Marie tief durch. Wirklich schade. Sie hätte Sarah gern wiedergesehen.

Natürlich konnte sie bei der Fluggesellschaft nachfragen. Die Uniform war ein eindeutiges Indiz dafür, für welche Sarah arbeitete. Und sie hatte ihren vollen Namen, die Beschreibung ihrer Flüge der nächsten Tage. Es würde nicht schwer sein, sie zu finden.

Jedoch sagte ihr irgendetwas, dass Sarah wohl ihre Handynummer hinterlassen hätte, wenn sie weiteren Kontakt wollte. Es wäre kaum ein Unterschied gewesen, hätte sie sie noch auf den Zettel geschrieben.

Aber das hatte sie nicht. Für sie war diese Nacht wohl Anfang und Ende in einem. Bedauerlich, aber nicht zu ändern.

Jetzt musste sie jedoch erst einmal diesen Richter beeindrucken und den Fall für ihren Mandanten gewinnen.


»War der Richter so schlimm?« Terry legte den Kopf schief und betrachtete Marie mit einem irritierten Blick. »Sie haben verloren?«

»Verloren?« Marie blickte überrascht von ihrem Schreibtisch auf. »Nein, ich habe gewonnen.«

Terrys Augenbrauen begegneten sich in einem fragenden Bogen. »Das sieht aber normalerweise anders aus.«

»Hören Sie, Terry . . .« Marie seufzte genervt auf. »Sie wissen, wie sehr ich Ihre Arbeit schätze, aber mein Privatleben geht Sie nichts an.«

»Privatleben?« Terry sprang darauf an wie ein trainierter Terrier. »Es geht um etwas Privates?«

Warum habe ich das bloß gesagt? seufzte Marie noch einmal innerlich, aber die Antwort kam ihr sofort in den Sinn. Vielleicht, weil ich so gut wie nicht geschlafen habe. »Nein«, sagte sie. »Und jetzt lassen Sie mich arbeiten.«

»Würde ich ja . . .«, erwiderte Terry gedehnt und beobachtete Marie ganz genau. »Wenn Sie arbeiten würden, aber Sie starren nur vor sich hin und haben seit einer geschlagenen halben Stunde nicht eine Seite in der Akte umgeblättert, die vor Ihnen liegt.«

»Sie hätten Privatdetektivin werden sollen.« Marie warf einen strafenden Blick auf sie. »Aber das hat überhaupt nichts zu bedeuten.«

»Bei Ihnen schon«, behauptete Terry. »Sie tun so etwas nicht. Einige andere hier in der Firma tun das den ganzen Tag, aber Sie nicht.«

»Terry . . . bitte . . .« Erschöpft fuhr Marie sich mit der Hand übers Gesicht. »Ich bin müde. Ich habe nicht viel geschlafen heute Nacht. Bringen Sie mir lieber noch einen Tee.«

»Nicht viel geschlafen?« Terrys Gesichtsausdruck wurde noch aufmerksamer. »Schlecht geträumt oder –?«

»Ich habe überhaupt nicht geträumt«, erwiderte Marie verärgert. »Tee?« Sie hob tadelnd die Augenbrauen.

»Nicht geträumt?« Terrys Mundwinkel zuckten. »Das heißt, es war das Oder? Sie waren zu beschäftigt, um zu träumen. Jemand war bei Ihnen.«

»Soll ich Ihnen dafür jetzt ein Diplom ausstellen?«, fragte Marie.

»Ja!« Terry machte eine Siegergeste. »Freut mich, Boss. Ich würde sagen, das war lange überfällig.«

»Ter-ry . . .« Marie setzte die beiden Silben deutlich voneinander ab, was höchste Alarmstufe bedeutete.

»Okay, okay, schon gut.« Mit leicht erhobenen Händen gab Terry zu erkennen, dass sie verstanden hatte. »Tee mit einem Schuss Extra-Antimüdigkeitsfaktor. Kommt sofort.«

Solange sie im Büro war, ließ Marie sich nichts anmerken, aber wieder allein schlich sich ein Schmunzeln in ihr Gesicht. Terry kannte sie einfach schon zu lange. Sie war seit Jahren bei ihr.

Lange überfällig. Sie schüttelte den Kopf. War es wirklich schon so lange her?

Nickend gab sie es zu. Ja, war es wohl. Sie hatte einfach keine Zeit neben ihrer Arbeit. Ihr Privatleben war noch nie ihre erste Priorität gewesen, aber je älter sie wurde, desto mehr rückte es in den Hintergrund. Sie hatte keine feste Beziehung, keine Familie, keine Kinder, und meistens fiel ihr das gar nicht auf.

Wieder kehrte der Gedanke zurück, ob Sarah irgendetwas davon hatte, eine feste Beziehung zum Beispiel. Hätte die vergangene Nacht dann stattgefunden? Sie wusste es nicht.

Sarah flog ständig in der Weltgeschichte herum. Vielleicht hatte sie dasselbe Problem wie Marie: keine Zeit für eine Beziehung. Die Arbeit fraß alles auf. Wer machte das schon mit, wenn man tagelang abwesend war, immer wieder, und dann nur kurz nach Haus kam, um aufzutanken?

Sie lehnte sich in ihrem Ledersessel zurück und klopfte abwesend mit ihrem Stift auf die Schreibtischplatte. Die Erinnerung an Sarah ließ sie nicht los. Das war nicht einfach nur ein One-Night-Stand gewesen. Toller Sex, ja, aber da war noch etwas anderes.

»Haben Sie mal eine Minute?« Ihr Kollege Roman steckte mit fragendem Blick den Kopf zur Tür herein. Er war einer der jungen Anwälte, die kamen und gingen, sich direkt nach dem Studium ein Jahr lang ihre ersten Sporen in der Kanzlei verdienten. Er hatte noch nicht viel Erfahrung. Nach einem Jahr würde er seine eigene Kanzlei aufmachen oder noch einmal in eine andere Kanzlei wechseln, um ein spezielles Fachgebiet zu studieren.

Teil 05

Sarahs Hände fuhren in den Bund der Jogginghose, die Marie angezogen hatte, als sie von nassen in trockene Kleider wechselte, und schoben ihn hinunter. »Beug dich vor«, flüsterte sie rau.

Es fühlte sich an, als würde Maries Kopf gleich platzen. Sie tat, was Sarah von ihr verlangte, beugte sich vor und ließ sich von ihr Hose und Slip bis auf die Knöchel hinunterschieben. Kurz vor einer Ohnmacht schloss sie die Augen. Was Sarah mit ihr tat, hatte sie so noch nie erlebt. Es war, als ob sie keinen eigenen Willen mehr hätte.

»Wir hätten früher kommen sollen«, flüsterte Sarah. »Es ist unglaublich, wie es sich anfühlt, auf dem Trockner zu sitzen, wenn er noch läuft.«

»Jetzt«, Marie schluckte, »läuft er aber nicht mehr.«

»Es gibt ja noch andere Möglichkeiten.« Sarahs Hände streichelten ihren Po, glitten sanft zwischen ihre Schenkel. Dann auf einmal glitt sie an Marie hinunter, drückte ihre Beine weiter auseinander und machte dadurch den Weg frei für ihre Zunge.

Marie schrie leise auf. Sie hatte das Gefühl, sie hätte nur noch Pudding in den Knien, und das hier war nicht die geeignete Position, dem entgegenzuwirken. »Sarah . . .«, wisperte sie schwach. »Ich weiß nicht, wie lange ich das aushalte.«

»Leg dich einfach über den Trockner«, schlug Sarah ziemlich unbeeindruckt vor. »Dann kannst du ewig so liegen.«

Es blieb Marie gar nichts anderes übrig, als Sarahs Vorschlag zu folgen, denn die Puddingmasse in ihren Knien nahm zu. Sie lag also da, direkt auf Sarahs Uniform, und hatte so das Gefühl, Sarah wäre sowohl hinter als unter ihr.

»Sarah . . .«, hauchte sie wieder, aber dann hatte sie nicht einmal mehr dafür Luft. Sarah drang in sie ein, nahm sie mit einer Kraft, die Marie ihr nie zugetraut hätte, und versetzte sie in einen Taumel der Leidenschaft. Es war, als ob sich die Orgasmen so schnell ablösten wie ein Regentropfen den anderen.

Verzweifelt krallte Marie sich an den Rand der Abdeckung des Trockners, weil Sarah sie in immer gewaltigere Wellen ritt, wie ein Surfer, der genau weiß, wo die besten Punkte sind. Sie wusste nicht, wann sie das zum letzten Mal erlebt hatte. Hatte sie es überhaupt schon einmal erlebt?

Endlich blieb sie keuchend liegen, als Sarah sie verließ, sich über sie beugte und sie warm umfing. »Alles okay?«

Wenn sie die Kraft dazu gehabt hätte, hätte Marie am liebsten gelacht. »Okay? Das ist wohl kaum das richtige Wort dafür. Das war . . .«, sie versuchte sich aufzurichten, Sarah bemerkte es sofort und gab ihr Raum, und Marie drehte sich um, »unglaublich«, beendete sie den Satz, während sie in Sarahs Augen sah. »Einfach unbeschreiblich.«

»Schön?«, fragte Sarah.

»Habe ich das nicht gesagt?« Marie lächelte sie an, hob eine Hand und strich zärtlich über ihr Gesicht. »Du bist unglaublich«, fügte sie leise hinzu. »Als ob der Regen dich zu mir getrieben hätte, weil es so sein sollte.«

»Vielleicht sollte es so sein.« Sarahs Augen schimmerten gefühlvoll. »Regen ist schließlich eine Urgewalt. Wind und Wetter. Selbst die größten Flugzeuge sind nicht davor geschützt.«

Maries Finger wanderten zu Sarahs Mund. »Du bist wunderschön«, flüsterte sie. »Wunderwunderschön.« Ein Finger strich über Sarahs Lippen, und sie öffneten sich, griffen danach, umschlossen ihn.

Langsam entfernte Marie den Finger und ersetzte ihn durch ihre Zunge. Sie fühlte, wie Sarahs Zunge ihr entgegenkam, und presste sich gegen sie. »Mal sehen, wie du dich auf dem Trockner machst«, flüsterte sie erregt.

Ein Stöhnen kam aus Sarahs Mund.

»Ja, genau«, erwiderte Marie. »Setz dich.«

Sarah schob sich auf den Trockner, und diesmal war es Marie, die ihr Hose und Slip herunterzog. Sie schloss die Klappe und stellte den Trockner an.

»Das ist nicht gut, wenn er leer –«, setzte Sarah an, aber im nächsten Moment stöhnte sie erneut auf.

»Genieß es«, flüsterte Marie, und schon senkte sie ihr Gesicht zwischen Sarahs Schenkel.

2

»He, Boss, da wartet schon jemand auf Sie in Ihrem Büro.«

Kaum, dass Marie aus dem Fahrstuhl trat, empfing ihre Assistentin Terry sie mit dieser Ankündigung.

Marie brauchte eine Sekunde, bevor sie überhaupt antworten konnte. »Tee?«, fragte sie. »Stark?«

»Schon hier.« Terry streckte ihr einen Becher entgegen.

»Ich muss gleich ins Gericht.« Nach dem ersten Schluck klärten sich Maries Gedanken. »Ich habe heute Morgen keine sonstigen Termine.«

»Jetzt haben Sie einen. Na ja«, schränkte Terry ein, »sie hat ihn sich selbst gegeben. Ich habe ihr gesagt, dass Sie keine Zeit haben, aber sie wollte einfach nicht gehen.«

»Sie?« Für einen Moment schlug Maries Herz höher. Konnte es sein, dass Sarah –? Aber nein, das war unmöglich.

»Wenn Sie rechtzeitig im Gericht sein wollen, müssen Sie sie einfach schnell loswerden«, verkündete Terry fröhlich. Sie war eine ausgesprochene Frohnatur, was Marie manchmal nervte.

»Ist das nicht eigentlich Ihre Aufgabe?«, knurrte sie. Normalerweise war Terry gut in so etwas. Die Besucherin musste außergewöhnlich sein, dass Terry es diesmal nicht geschafft hatte.

»Kann ich Ihnen –?« Marie brach mitten im Satz ab, als sie ihr Büro betrat. »Du?«

»Lange nicht gesehen.« Ein grinsendes Gesicht antwortete ihr.

»Nicht lang genug«, brummte Marie. »Was willst du?«

»Aber hör mal, Honigschnütchen, ist das vielleicht eine Begrüßung?«

Maries grüne Augen begannen unheilvoll zu blitzen. »Nenn mich nie wieder so!«, fuhr sie die Besucherin an. »Schon gar nicht hier im Büro!«

»Ach, privat wäre es dir recht?« Fragwürdige Augenbrauen hoben sich gespielt unschuldig.

»Privat gibt es nicht. Nicht mehr«, erwiderte Marie scharf. »Und ich muss jetzt zu Gericht. Du hast dir leider den falschen Tag ausgesucht.« Sie griff nach einer Akte, die auf dem Tisch lag, und verstaute sie in ihrer großen Mappe.

»Und ich dachte, du freust dich, mich zu sehen«, entgegnete die andere und streckte ihre langen Beine in Maries Besuchersessel aus.

»Worüber sollte ich mich wohl freuen, Britt?« Marie starrte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Dass du mit der Hälfte meiner Sachen verschwunden bist?«

»Oh, nur die Hälfte?«, erwiderte Britt großspurig. »Und ich dachte, ich hätte alles Wertvolle erwischt.«

»Raus«, knurrte Marie gefährlich leise. »Verlass sofort mein Büro! Und lass dich hier nie wieder blicken!«

»Ich wollte nur höflich sein.« Britt stand auf. »Dich informieren, bevor du von der Staatsanwaltschaft hörst.«

Marie gab ein abschätziges Geräusch von sich. »Was hast du wieder angestellt?«

»Ich gar nichts. Du«, entgegnete Britt mit genüsslich verzogenen Lippen.

»Wie bitte?« Marie schüttelte den Kopf, nahm ihre Aktentasche und wollte das Büro verlassen. »Ich habe keine Zeit für solchen Blödsinn.«

»Wenn du schon mal im Gericht bist, frag doch mal nach, wie viel du für Kreditkartenbetrug bekommst«, rief Britt ihr nach.

»Was?« Über alle Maßen verblüfft drehte Marie sich um.

»Wie gesagt, ich wollte nur höflich sein.« Britt kam aus ihrem Büro und stellte sich breitbeinig vor sie hin. »Du wirst demnächst von der Kreditkartengesellschaft hören. Und nicht nur von denen.«

»Was zum Teufel hast du gemacht?« Maries Stimme klang, als käme sie aus einem Grab.

»Als gute Freundin . . .«, Britt grinste, »gebe ich dir den Rat, rechtzeitig zu verschwinden. Sieht nicht gut aus, wenn eine Anwältin plötzlich die Seiten wechselt.«

»Ich glaube dir kein Wort.« Marie drehte sich um und ging zum Aufzug. »Wenn du eins schon immer gut konntest, dann lügen.« Sie drückte auf den Knopf.

Britt schlenderte ihr gemütlich hinterher. »Das warst du immer schon: so überlegen«, bemerkte sie, als sie neben Marie angekommen war. »Es gibt Leute, die das nicht mögen.«

Teil 04

Marie spürte, dass da irgendetwas war, worüber Sarah nicht sprechen wollte, aber sie war wohl kaum in der Position, da nachzuhaken, wie sie es bei einer Zeugin vor Gericht getan hätte.

»Ich muss morgen zu einem Termin nach Wiesbaden«, bemerkte sie kopfschüttelnd. »Und das ist mir manchmal schon zu viel.« Sie lächelte ungläubig. »So ein Leben wie deins könnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich muss abends in meinem eigenen Bett liegen, sonst kann ich nicht schlafen.«

»Fährst du nie in Urlaub?«

»Urlaub? Was ist das?« Marie lachte leicht. »Ja, in der Tat. Wenn du so fragst . . . Ich mache eigentlich nie Urlaub. Habe einfach zu viel zu tun.«

»Da bist du wohl so wie diese Anwältinnen aus dem Fernsehen, vielbeschäftigt mit deiner ganz persönlichen Assistentin, die dir morgens den Kaffee bringt, wenn du ins Büro kommst.«

»So ähnlich.« Marie lachte. »Sie bringt mir Tee. Und oft arbeite ich auch hier zuhause. Neben dem Gästezimmer habe ich noch ein Arbeitszimmer. Das war mit ein Grund, warum ich diese Wohnung gekauft habe. Sie hat genau die richtige Aufteilung. Und ist«, sie hob leicht eine Hand, um die Richtung anzuzeigen, »nicht weit von meiner Kanzlei entfernt.«

»Beeindruckend«, sagte Sarah. »Wie es scheint, bist du richtig erfolgreich. Eine Eigentumswohnung in dieser Gegend hier . . .«

»Ich kann nicht klagen«, entgegnete Marie. Nein, beruflich nicht, fügte sie in Gedanken hinzu. Mit ihrem Privatleben sah es da ganz anders aus.

Dass sie nie Urlaub machte, lag zwar einerseits durchaus daran, dass sie sehr beschäftigt war, aber ein wenig trug auch dazu bei, dass sie gar nicht wusste, mit wem sie hätte in Urlaub fahren sollen. Allein? Dann arbeitete sie lieber.

Sie warf einen versteckten Blick auf Sarah. Mit ihr morgen nach Barcelona zu fliegen, das wäre ein Traum gewesen. Selbst wenn sie sie nur bei der Arbeit hätte beobachten können.

Für einen kurzen Moment dachte sie darüber nach, einfach alles abzusagen und mitzufliegen. Aber nein. Sie seufzte innerlich. Sie hatte morgen einen wichtigen Termin vor Gericht, den konnte sie nicht verschieben. Schon gar nicht so plötzlich. Der Richter mochte sie ohnehin nicht, und so hätte sie gleich verloren.

»Also?«, sagte sie und tat so, als hätte sie nur ganz harmlos nachgedacht. »Von Birmingham kommst du dann wieder nach Frankfurt zurück? Hast du dann frei, oder fliegst du gleich weiter?«

»Ich habe ein paar Tage frei.« Sarah umfasste ihr Weinglas mit beiden Händen, als müsste sie sich daran festhalten. »Von Birmingham fliege ich direkt nach Hamburg.«

»Ah ja, natürlich. Nach Hause.« Marie wollte nicht daran denken, aber sie konnte es nicht verhindern. Worin bestand Sarahs Zuhause? Mann, Kinder?

Unwillkürlich glitt ihr Blick über Sarahs schlanke Figur. Nein, keine Kinder. Ihre Taille war so schmal wie die eines jungen Mädchens. Und eigentlich war sie das ja auch. Höchstens Mitte zwanzig. Einen Ring trug sie auch nicht, aber das hieß ja nichts.

»Ja, nach Hause«, wiederholte Sarah geistesabwesend, führte das Glas zum Mund und trank sehr langsam daraus.

»Da erholt man sich wahrscheinlich am besten.« Marie lachte leicht. »Ich würde das auf jeden Fall tun, aber ich bin ja auch nicht oft weg. Höchstens beruflich mal.«

»Schon merkwürdig.« Sinnierend schüttelte Sarah den Kopf. »Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, einen Beruf zu haben, bei dem man immer am Boden ist. Am selben Ort. Das kommt mir ganz ungewöhnlich vor.«

»Für die meisten ist es wohl eher gewöhnlich«, sagte Marie. »Und jeden Tag in der Weltgeschichte herumzufliegen ist eher exotisch.«

Sarah zuckte die Achseln. »Nicht so exotisch, wenn man einmal daran gewöhnt ist. Es ist ein Arbeitsplatz.«

»Sicher«, sagte Marie. »Und wo wir gerade von Arbeit sprechen: Ich glaube, der Trockner ist fertig.«

Sarah starrte sie an, als hätte sie sie nicht verstanden.

»Der Trockner?«, wiederholte Marie. »Deine Uniform?«

»Oh. Ja. Meine Uniform. Sie ist trocken. Dann . . .«, Sarah zögerte, »könnte ich ja gehen.«

Es war wie ein Stich in Maries Herz. Sie hatte das nicht erwartet. Nicht so heftig. Fast musste sie nach Luft schnappen. Sie unterdrückte den Reflex gerade noch und antwortete beherrscht: »Richtig. Soll ich dir ein Taxi rufen?«

Sarah breitete hilflos die Arme aus. »Wohin? Die Hotels sind voll, und ob ich Saskias Wohnung jemals finde . . .«

»Mein Gästezimmer wird viel zu selten benutzt«, bot Marie erneut an. »Eigentlich könntest du es immer benutzen, wenn du in Frankfurt bist und hier eine Übernachtungsmöglichkeit brauchst.«

Wow, das war eine kühne Aussage. Ihr brach sogar innerlich der Schweiß aus. Sie hatte manchmal solche Ideen vor Gericht, aber privat hielt sie sich eher damit zurück. Es gehörte mehr zu ihrem beruflichen als zu ihrem persönlichen Leben.

»Das ist . . .« Sarah starrte sie vollkommen verblüfft an. »Das ist sehr nett von dir, aber das kann ich nicht annehmen. Wir kennen uns überhaupt nicht, ich will dir keine weiteren Umstände machen.«

»Ich wiederhole mich nicht gern«, sagte Marie, »aber ich weise noch einmal darauf hin, dass das keine Umstände sind.« Wer könnte eine schöne, eine hinreißende Frau im eigenen Gästezimmer als unangenehmen Umstand betrachten? dachte sie. Das ist mehr wie ein wahrgewordener Traum. »Aber jetzt sollte deine Uniform wohl erst einmal aus dem Trockner, bevor sie denkt, wir haben sie vergessen.« Sie stand auf und ging in die Küche. Eine Minute Ruhe, in der sie sich von Sarahs Anblick erholen konnte.

Als sie die Trocknertür öffnete und die Uniform herausnahm, hätte sie fast ihre Nase hineingesteckt, um das, was von Sarahs Duft daran haftete, in sich aufzunehmen. Stattdessen legte sie sie jedoch nur vor sich auf die Abdeckung.

»Danke«, sagte Sarah. Sie trat hinter Marie, griff an ihr vorbei und wollte die Uniform an sich nehmen.

Ihre Brüste streiften Maries Rücken, und Marie erstarrte.

Erstaunlicherweise erstarrte auch Sarah. »Ich würde wirklich gern hierbleiben«, wisperte sie nach einer atemlosen Sekunde in Maries Ohr. »Aber nicht in deinem Gästezimmer.«

»Sarah . . .« Marie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder. »Du hast keinerlei Verpflichtung –«

»Natürlich nicht.« Sarah lachte leise. »Daran habe ich nun wirklich überhaupt nicht gedacht.« Sie ließ die Uniform zurück auf die Abdeckung gleiten und legte ihre Arme um Marie. »Ich habe es gespürt«, flüsterte sie. »Als wir uns küssten. Und auch schon davor. Danach. Die ganze Zeit.«

Marie starrte vor sich an die Wand, fühlte Sarahs weiche Brüste an ihrem Rücken, bemerkte, wie ihre eigenen Brustwarzen hart wurden. Sie wollten beide dasselbe. Warum wehrte sie sich so?

Sarahs sanfte Lippen berührten ihren Nacken. Marie fühlte die Gänsehaut aus ihrer Haut springen, als hätte sie einen Schalter umgelegt. »Was tust du da?«, hauchte sie schwach.

»Ich tue alles für einen Schlafplatz.« Sarah lachte leise. »Nimm das bitte nicht wörtlich. Es sollte nur ein Scherz sein.« Ihre Hände legten sich auf Maries Brüste. »Du willst es doch auch.«

In einem letzten Versuch, vernünftig zu erscheinen, räusperte Marie sich und erwiderte in ihrer nüchternsten Anwältinnenstimme: »Du hast den Beweis buchstäblich in Händen. Und ich widerspreche handfesten Beweisen niemals. Das wäre unprofessionell.«

»Ich liebe Anwältinnen.« Sarah wirkte belustigt. »Ich meine, bisher habe ich noch keine gekannt, aber ich habe das Gefühl, das ändert sich gerade.«

»Dem stimme ich zu.« Immer noch versuchte Marie ihre Stimme zu kontrollieren, ihr nicht den überwältigten Klang zu geben, der aus ihrem Inneren aufstieg, aber es gelang ihr nicht.

Teil 03

»Kann ich dir helfen?«

Marie zuckte schwer zusammen, riss die Augen auf und blickte Sarah etwas schuldbewusst an, aber sie wusste ja nicht, was Marie eben durch den Sinn gegangen war. »Nein, nein«, antwortete sie so locker wie möglich. »Hab den Wein schon gefunden.« Sie hob die Flasche an. »Die Gläser sind im Wohnzimmer.«

Sarah blieb in der Küchentür stehen, und so hatte Marie keine andere Wahl, als ganz eng an ihr vorbeizugehen, was unweigerlich dazu führte, dass ihre Körper sich berührten. Sie blieb wie vom Blitz getroffen stehen. Auf einmal konnte sie sich nicht mehr rühren.

Sie standen sich gegenüber, ihre Augen versanken ineinander, und selbst das Rumpeln des Trockners schien auf einmal verschwunden. Es sangen nur noch Geigen.

Die Bilder, die Marie zuvor gerade mühsam aus ihren Gedanken verbannt hatte, kehrten zurück, sie fühlte sich magnetisch von Sarahs Lippen angezogen, und sie konnte sich nicht dagegen wehren, sie beugte sich vor.

Als ihre Lippen sich berührten, war es wie eine Explosion. Ihr wäre fast die Weinflasche aus der Hand gefallen. Sie krampfte ihre Finger um den Hals, nicht nur, um die Flasche festzuhalten, sondern weil sie sich gegen all das wehren wollte, was sie in einem Sekundenbruchteil überschwemmte.

Sie taten nichts weiter, ihre Hände blieben stumm, aber dafür sprachen ihre Lippen umso lauter. Mund verschweißte sich mit Mund, sie küssten sich mit solcher Inbrunst, dass Marie das Gefühl hatte, der Boden würde sich unter ihr öffnen, und sie hätte keinen Halt mehr.

Endlich lösten ihre Lippen sich voneinander, und sie atmeten beide tief durch. »Ich . . . tut mir leid. Das wollte ich nicht.« Marie stürmte geradezu ins Wohnzimmer und zu der Vitrine mit den Gläsern. Oh Gott, was habe ich getan? dachte sie verwirrt. Warum konnte ich mich nicht zurückhalten?

Sie war üblicherweise in jeder Situation Herrin der Lage, selbst wenn Klienten vor ihr in Tränen ausbrachen. Die kühle Anwältin, die immer den Überblick behielt, aber das hier – das war nicht gerade kühl gewesen. Sie hörte, wie Sarah hinter ihr ins Zimmer kam. »Tut mir leid«, wiederholte sie, ohne sich umzudrehen. »Wenn du jetzt gehen willst . . .«

»Ich will nicht gehen.« Sarahs Stimme klang tatsächlich kühl. Ganz anders, als Marie sich fühlte. »Ich hätte gern ein Glas Wein. Wie versprochen.«

Marie atmete mehrmals tief durch, dann öffnete sie die Vitrine, nahm zwei Gläser heraus, schloss kurz die Augen, um sich auf den Anblick vorzubereiten, und drehte sich um. Trotz dieser Vorbereitung erschlug sie Sarahs Anblick fast. Sie straffte ihre Schultern, ging zum Tisch, stellte die Gläser darauf ab und zog den Korken der Flasche heraus. Sie war schon offen gewesen, da sie gestern bereits ein Glas davon getrunken hatte.

Sorgfältig schenkte sie ein, konzentrierte sich ganz auf die Gläser, um Sarah nicht anschauen zu müssen. Statt ihr das Glas zu reichen, schob sie es auf dem Glastisch zur Seite der Couch hinüber und setzte sich selbst auf der anderen Seite des Tisches in einen Sessel. »Na dann«, sagte sie und hob lächelnd ihr Glas. »Auf Regen und Uniformen.«

Sarah setzte sich auf die Couch, nahm ihr Glas und prostete zurück. »Die Uniformen sind aus einem sehr schlechten Material, sonst hätte meine den Regen locker überstanden, also lohnt es sich nicht, darauf zu trinken.« Sie nahm einen Schluck. »Aber dieser Wein braucht keinen Trinkspruch. Er ist gut.«

»Freut mich«, sagte Marie und versuchte sich durch den kühlen Wein selbst abzukühlen, indem sie einen großen Schluck nahm. »Ich gebe mir Mühe.«

»Das tust du«, erwiderte Sarah fast etwas nachdenklich. »In jeder Beziehung. Du musst eine gute Anwältin sein.«

»Ziemlich«, sagte Marie. Den Fokus zurück auf ihren Beruf zu lenken war eine gute Idee, das kühlte auf jeden Fall ab. Sie wusste, dass sie gut war, von falscher Bescheidenheit hielt sie nichts. Das hätte sie im Gerichtssaal nur angreifbar gemacht. »Allerdings«, sie lachte leicht, »sind viele Anwälte so schlecht, dass ich mir manchmal gar nicht so viel Mühe geben muss. Ich komme immer gut vorbereitet in Verhandlungen, und es ist erschreckend, wie schlecht vorbereitet oft die anderen sind.«

»Ja, Vorbereitung ist alles«, stimmte Sarah zu, nippte an ihrem Wein, lehnte sich auf der Couch zurück und zog ihre Beine unter sich. »In meinem Beruf auch. Wenn uns bei einem Langstreckenflug irgendetwas ausgeht, sind die Passagiere verärgert. Das können wir uns nicht leisten.«

Langsam fühlte Marie, wie ihr Puls sich beruhigte. Nicht ganz, aber doch ein bisschen. »Hast du einen Langstreckenflug morgen?«

»Nein.« Sarah schüttelte den Kopf. »Das ist eine Frühaufstehertour.«

»Bei Langstreckenflügen muss man nicht früh aufstehen?« Marie hob verwundert die Augenbrauen.

»Doch, doch.« Sarah lachte. »Manchmal schon. Entschuldige, das ist Fliegerjargon. Eine Frühaustehertour bezeichnet eine Kurzstreckentour, die eben extrem früh beginnt. Deshalb konnte ich nicht morgen von Hamburg anreisen, sondern musste schon heute Abend kommen.«

»Und wohin fliegst du morgen?«

»Barcelona.« Sarah nippte erneut an ihrem Wein. »Es ist eine Fünftagestour quer durch Europa. Nach Barcelona übernachte ich dann in London, Moskau und Birmingham.«

»Jeden Tag woanders.« Marie holte tief Luft. »Und jede Nacht. Das muss anstrengend sein.«

»Ist es.« Sarah nickte. »Viel Arbeit.«

Marie schmunzelte. »Und ich dachte immer, Stewardess ist ein Traumjob.«

»Es ist meiner«, sagte Sarah. »Aber bei Kurzstrecken geht es ja immer hin und her, und die Flieger sind auch meistens voll. Vor Ort hat man dann nur die Minimum-Ruhezeit, und die braucht man auch, um mal ein wenig runterzukommen. Tja, und dann geht es schon weiter.«

»Hart«, sagte Marie. »So was stellt man sich nicht vor, wenn man selbst im Flieger sitzt.«

»Es gibt ja zum Glück nicht nur diese Touren.« Sarah lächelte wieder ihr bezauberndes Lächeln, und Maries Herz begann erneut zu rasen.

Ich wünschte, sie würde das lassen, dachte sie, aber vermutlich war es für Sarah das Selbstverständlichste auf der Welt, wenn sie dieses Lächeln jeden Tag von morgens bis abends auf dem Gesicht tragen musste, jedem fremden Menschen gegenüber, ob sie ihn mochte oder nicht.

»Ich fliege auch oft genug Langstrecke«, fuhr sie fort, »und da hat man doch mal Zeit, sich etwas anzusehen. Dann kann ich auch ganz normal von Hamburg aus anreisen und brauche mir keine Übernachtung hier in Frankfurt zu suchen.«

»Was ist denn mit Hotels, davon gibt es hier doch genug, oder?« Marie hob fragend die Augenbrauen.

»Ja, schon.« Sarah seufzte. »Aber im Moment ist gerade Messe, und da ist es extrem schwer, an ein Zimmer zu kommen, das auch noch bezahlbar ist.«

Erstaunt blickte Marie sie an. »Zahlt das nicht deine Firma?«

Sarah lachte belustigt auf. »Oh nein, warum sollte sie? Es ist mein Privatvergnügen, dass ich nicht in Frankfurt wohne, sondern in Hamburg. Eigentlich sollte ich hier in der Gegend eine Wohnung haben oder zumindest eine Wohnmöglichkeit. Daher war das Angebot von Saskia auch meine Rettung, denn auf der Basis darf man nicht übernachten.«

»Das hätte ich nicht gedacht.« Marie schüttelte den Kopf. »Dass ihr nicht auf der Basis übernachten dürft, wenn ihr so früh antreten müsst.«

»Ist eben so.« Sarah zuckte die Schultern.

»Nach Frankfurt zu ziehen wäre keine Alternative für dich?« Marie versuchte sich zu entspannen, lehnte sich im Sessel zurück und schlug die Beine übereinander.

Sarahs Gesicht verschloss sich. »Nein«, entgegnete sie knapp. »Meistens klappt es ja auch ganz gut. Auch wenn ich so oft shutteln muss.«

Weitere Beiträge ...

  1. Teil 02
  2. Teil 01

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche