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Teil 02

Um Michis Mundwinkel zuckte es vor Anspannung. »Äh, ich weiß nicht, ob ich dir das versprechen kann, aber ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben. Bitte . . . hab noch etwas Geduld mit mir«, flehte sie. »Bevor wir uns kennenlernten, da musste ich nur mir selbst Rede und Antwort stehen. Jetzt, wo du in mein Leben getreten bist, ist alles schöner, aber eben auch anders geworden. Ich gebe mir wirklich alle Mühe, aber meine alten Gewohnheiten kann ich nicht von heute auf morgen über Bord werfen«, stöhnte sie und strich sich durch ihr kurzes braunes Haar.

Thea winkte ab und war schon dabei, das Wohnzimmer zu verlassen. »Ja, ja . . . ich weiß«, seufzte sie und drehte sich zu Michi um. »Und du, Frau Staatsanwältin, bist ohnehin eine harte Nuss, dein Pflichtbewusstsein und Ehrgeiz toppen wirklich alles«, sagte sie enttäuscht und ging weiter.

Verdattert schaute Michi ihrer Thea hinterher. Dann eilte sie ihr nach, umarmte sie von hinten und begann, zärtlich ihren Nacken zu liebkosen. »Ich werde es auch wieder gut machen«, raunte sie ihr liebevoll ins Ohr. »Ich will mir doch mehr Zeit für dich nehmen und dich endlich richtig kennenlernen.« Sie räusperte sich mehrmals. »Ich meine so richtig kennenlernen und dich tage- und nächtelang einfach nur verwöhnen, dich lieben, mit dir eins werden . . .«, wisperte sie, während sie geschickt ihre Hände unter Theas Pullover gleiten ließ, sich zu Theas Brüsten vortastete und begann, Theas Knospen zärtlich zu streicheln. Ein wenig schlecht fühlte sie sich wohl dabei, schließlich war dies ein eindeutiges Ablenkungsmanöver, aber sie hatte wirklich keine Lust mehr, über das leidige Thema »Arbeit und Überstunden« zu reden.

Thea holte tief Luft. »Ach, ich kann dir einfach nicht widerstehen, du Charmeurin«, fing sie auch gleich Feuer und genoss ganz offensichtlich die sanften Berührungen auf ihrer Haut und die weichen Küsse.

Michis Zungenspitze spielte weiterhin mit Theas Ohrläppchen. Was als Ablenkungsmanöver begonnen hatte, brachte nun auch sie allmählich in Fahrt, und ihre Zärtlichkeiten wurden schnell fordernder. »Ich werde es wieder gut machen. Bald schon werde ich mehr Zeit für dich haben . . . mir Zeit nur für dich nehmen, mein Schatz«, flüsterte sie verlockend, drehte Thea zu sich um und schaute erregt in ihre wunderschönen Augen. Quälend langsam öffnete sie ihr die Gürtelschnalle und zwinkerte ihr dabei verführerisch zu. »Und gerade jetzt möchte ich dir ganz besonders viel Zeit schenken«, raunte sie leidenschaftlich. »Die ganze Nacht soll nur uns gehören«, murmelte sie, griff nach Theas Hand und verschwand mit ihr im Schlafzimmer . . .

2

Heute war also Heiligabend. Draußen herrschten schon den ganzen Tag eisige Temperaturen. Sanft schwebten Schneeflocken vom Himmel und verwandelten alles in ein romantisches Weihnachtsparadies. Das wird Thea sicher gefallen, wo sie doch so ein ausgesprochener Weihnachtsmensch ist. Michi atmete tief durch und gab einen lauten Seufzer von sich. All ihre Kollegen waren schon längst nach Hause geeilt, um mit ihren Familien das Fest der Liebe zu feiern, und sie saß immer noch in ihrem halbdunklen Büro in der Staatsanwaltschaft Basel und stellte im Alleingang den Fragenkatalog für eine bevorstehende Einvernahme zusammen. Geplagt von einem schlechten Gewissen Thea gegenüber, war sie jedoch anfänglich nicht so ganz bei der Sache.

Ach Thea . . . ich liebe dich doch so sehr und wäre jetzt so gern bei dir. Sie stand auf, ging zum etlichsten Mal heute zur Kaffeemaschine hinüber und drückte eine Taste. Tief in Gedanken versunken sah sie zu, wie sich die Espressotasse mit der braunen Flüssigkeit füllte.

Ich weiß doch selbst, dass ich weniger arbeiten sollte, vor allem über die Feiertage. Aber irgendwie schaffe ich es einfach nicht, etwas daran zu ändern. Woran liegt es bloß, dass ich mich immer für alles und jeden hier verantwortlich fühle? Warum nur kann ich so schlecht Nein sagen . . . und komme deswegen kaum noch zur Ruhe?

Sie seufzte erneut laut auf und setzte sich mit ihrem Kaffee wieder an den Schreibtisch, um ein paar Gedanken zu den geplanten Fragen in den Computer zu tippen. Endlich gelang es ihr schließlich auch, sich völlig auf die anstehende Arbeit zu konzentrieren, indem sie nun alle anderen Gedanken energisch von sich schob.

Etliche Stunden später, während denen sie sich genauestens in die vorliegenden Akten eingearbeitet hatte, riss ihr entsetzlich knurrender Magen sie aus der konzentrierten Arbeit. Ein rascher Blick auf die Uhr bestätigte, dass es schon Abend geworden war. Sie wollte sich schleunigst von der Pflicht und somit vom Sessel losreißen, um zu ihrer geliebten Thea zu eilen, aber . . .

Oje! Zum Sachverhalt Betrug muss ich ja auch noch etwas vorbereiten. Ach . . . ich nehme die Akten einfach mit nach Hause. Sicher ist sicher. Sie wollte schon das Licht löschen, da fiel ihr siedend heiß ein, dass sie sich noch gar nicht um ein Geschenk für Thea bemüht hatte. Was mach ich denn jetzt? Alle Läden haben längst zu, in den meisten Familien ist Heiligabend schon vorbei, und ich habe noch nichts für meine Liebste besorgt . . . Zum Glück gibt es ja das Internet, ich suche einfach irgendetwas, drucke einen Gutschein aus und überreiche ihr den in einem Umschlag.

Nach einigem Grübeln kam ihr dann auch die zündende Idee, und wenige Minuten später hatte sie auch das Passende gefunden. Sie druckte alles aus, stopfte es in ein Kuvert und verließ eilig das Büro, da sie eh schon viel zu spät dran war.

Es hatte in den letzten Stunden tüchtig geschneit, selbst Michi konnte sich für die weihnachtlich-weiße Stille um sie herum begeistern. Sie stapfte beherzt durch den Schnee bis zu ihrem Auto, dass sie vor der Wegfahrt mit dem Handfeger beinahe schon ausgraben musste.

Was Thea bis jetzt wohl gemacht hat? So allein zu Hause an Heiligabend? Es tut mir unendlich leid, dass ich meinen Schatz wegen diesen Kriminellen und dieser chronischen Unterbesetzung heute allein gelassen habe. Sie stieg ins Auto und verstaute den Handfeger im Seitenfach. Aber Thea wird das sicher verstehen. Sie ist so ein verständnisvoller Mensch, redete sie sich innerlich erneut gut zu, auch wenn sie ihr schlechtes Gewissen beinahe umbrachte. Tief in ihrem Innersten wusste sie nämlich ziemlich genau, dass das, was sie heute gebracht hatte, selbst den tolerantesten und verständnisvollsten Menschen an seine Grenzen treiben musste.

Bevor sie losfuhr, fischte sie noch rasch eine Packung Studentenfutter und einen Apfel aus ihrer Tasche, zum Glück hatte sie sich im Lauf ihrer Karriere angewöhnt, für den Notfall immer etwas zu essen dabei zu haben.

Gegen zehn traf Michi endlich zu Hause ein. Sie betrat ihre Wohnung, die Michi und Thea sich seit wenigen Wochen teilten und schloss die Tür hinter sich ab. Als sie Thea nicht sofort fand, warf sie einen Blick ins Wohnzimmer. Und da lag sie . . . ihre Thea. Der kleine Weihnachtsbaum stand in der Ecke, die Kerzen waren längst abgebrannt, und leise Weihnachtsmusik ertönte aus dem Radio. Auf dem Wohnzimmertisch stand ein benutzter Teller, die Tasse Kakao war nur halb ausgetrunken. Mit einem entspannten Lächeln im Gesicht hatte sie sich in eine flauschige Decke eingeigelt und döste nun auf der Couch vor sich hin.

Teil 01

1

»Das ist doch jetzt nicht Dein Ernst, oder?« Thea schaute Michi mit weit aufgerissenen Augen an und schüttelte ungläubig den Kopf. »Wie kann das denn sein, dass alle Welt sich schon auf das ›Frohe Fest‹ freut und du trotzdem nur ans Arbeiten denkst?«

Thea schien wirklich verstimmt zu sein, das konnte Michi ihr schon von weitem ansehen. Aber was sollte sie machen? Sie hatte vor einigen Wochen ein fantastisches Praktikum gemacht, das ihre Karriere endlich vorantreiben würde, und sie waren bei der Arbeit eh immer chronisch unterbesetzt. Das musste Thea doch irgendwo verstehen, oder vielleicht doch nicht? Sie hatte längst gemerkt, dass Thea Weihnachten viel wichtiger war als ihr selbst. Thea hatte ihr schon öfter von ihrer Kindheit und den schönen Weihnachtsfesten bei ihren Großeltern vorgeschwärmt, in letzter Zeit hatte sie häufig mit ihr auf den Weihnachtsmarkt gewollt, und auch die Wohnung hatte sie festlich dekoriert.

Michi selbst lag nicht viel an Weihnachten, das hatte sie sich seit ihrer Jugend abgewöhnt, für solchen gefühlsduseligen Kram hatte man in ihrer Familie wenig Zeit gehabt. Gute Noten in der Schule und gleichzeitig in allen anderen Bereichen glänzen, das war ihren Eltern und auch Großeltern immer besonders wichtig gewesen. Und seit dem Studium bzw. dem Einstieg als Staatsanwältin hatte sie sich selbst die Messlatte auch immer entsprechend hoch gesetzt.

Sie schüttelte nochmals betrübt den Kopf. Michi liebte Thea über alles, aber manchmal wurde es doch ziemlich offensichtlich, dass ihre Arbeitsmoral bzw. ihre Einstellung zum Leben im Allgemeinen ziemlich weit auseinanderklafften. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb? – hatte sie sich in Thea verliebt. Auch wenn sie erst seit wenigen Monaten zusammen waren, konnte sie sich ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen.

Sie war so in Gedanken versunken, dass sie den letzten Satz gar nicht recht mitbekommen hatte. »Wie bitte, was hast du gesagt, mein Schatz?«

Thea stöhnte auf und wiederholte ungeduldig ihre Frage. »Es kann doch nicht dein Ernst sein, dass du wirklich an Weihnachten arbeiten willst und sicherlich auch noch Überstunden machen wirst?«, fragte sie traurig. »Ich hatte gedacht, dass wir es uns zu zweit gemütlich machen, ein paar leckere Häppchen vorbereiten, vielleicht sogar zur Messe gehen . . .«

Michi wusste, dass Thea normalerweise nicht sonderlich kritisch war und ihr viel Freiraum gewährte, selbst wenn ihre Arbeit der trauten Zweisamkeit immer wieder in die Quere kam. Sie müsste sich etwas einfallen lassen und ihre Liebste zumindest mit einem besonders schönen Geschenk überraschen. Aber mit was? Sie war schon wieder ganz tief in Gedanken versunken, riss sich jetzt aber mit aller Macht zusammen. Morgen Vormittag würde sie sich einfach ein paar Minuten freimachen und noch auf die Schnelle etwas besorgen. Ihr würde sicherlich das Passende einfallen, wenn es nämlich eng wurde, lief ihre Kreativität normalerweise zu Hochtouren auf – Not machte ja bekannterweise erfinderisch.

Jetzt konzentrierte sie sich wieder ganz auf Thea und schaute sie mit einem ziemlich bedrückten Gesichtsausdruck an. »Ach Schatz . . . Ich möchte doch auch mehr Zeit mit dir verbringen«, seufzte sie und strich sich müde durchs Haar. »Aber die Arbeit ruft. Du weißt doch, die Sachen erledigen sich leider nicht von selbst, und wir sind chronisch unterbesetzt.« Zärtlich legte sie die Arme um Theas Nacken und zog sie sanft an sich. »Es tut mir echt leid, aber wegen meines Praktikums ist so viel liegengeblieben. Ich muss leider an Weihnachten arbeiten, sonst schaffe ich das alles nicht«, erklärte sie und schaute Thea mit einem um Verständnis bittenden Blick an, während ihre Lippen die ihrer Liebsten suchten. »Ich liebe dich«, wisperte sie. »Ich liebe dich so sehr!«

Und es tut mir im Herzen weh, dass ich im Moment fast keine Zeit für dich . . . für uns habe, seufzte sie innerlich. Am liebsten wäre ich Tag und Nacht mit dir zusammen . . . nur mit dir, du wundervolle Frau. Aber die Arbeit erledigt sich nun einmal nicht von selbst.

Thea stöhnte leise auf und verdrehte genervt die Augen. »Ich liebe dich doch auch, das steht hier ja gar nicht zur Debatte«, flüsterte sie und versank wie so oft in Michis wunderschönen graugrünen Augen. »Aber du mutest dir einfach zu viel zu, mein Schatz. Du arbeitest fast rund um die Uhr, gönnst dir zu wenig Ruhe, und mit einem Mal fechten gehen in der Woche ist es einfach nicht getan. In deinem Leben fehlt das nötige Gleichgewicht. Irgendwann wird sich das rächen. Glaub mir, ich weiß doch, wovon ich spreche«, sagte sie mit besorgter Stimme und schaute Michi mitfühlend an.

»Ach Schatz . . . Du übertreibst. Von einem Burnout bin ich nun wirklich meilenweit entfernt«, protestierte Michi mit zusammengepressten Lippen und wischte Theas Argumente lächelnd vom Tisch. »Aber ich werde mir deine Worte zu Herzen nehmen. Ich verspreche es«, flüsterte sie versöhnlich. »Bitte, sei mir nicht böse«, flehte sie.

Und jetzt möchte ich dieses leidige Burnout-Thema beenden. Ich weiß doch selbst, dass es so auf Dauer nicht weitergehen kann. Mist aber auch. Ich will ja auch einiges ändern. Nicht zuletzt deshalb, damit Thea und ich uns endlich einmal richtig kennenlernen können. Aber wann? Und wie? Zum jetzigen Zeitpunkt geht das einfach nicht. Die Arbeit . . . der Job. Es geht einfach nicht. Nicht jetzt, stöhnte sie innerlich und verzog die Mundwinkel.

Thea atmete tief durch. »Ich bin dir doch nicht böse. Jedenfalls nicht so richtig. Aber etwas enttäuscht bin ich schon. Schließlich steht Weihnachten vor der Tür, die schönste Jahreszeit überhaupt. Das Fest der Liebe, und das möchte ich nun einmal mit der Frau, die ich liebe, verbringen«, meinte sie niedergeschlagen und strich sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr. »Seit ein paar Monaten sind wir nun ein Paar. Aber wegen deinem überdurchschnittlichen, kaum zu überbietenden Ehrgeiz und Pflichtbewusstsein haben wir bis jetzt kaum Zeit gehabt, uns richtig kennenzulernen. Und Weihnachten wäre nun wirklich die perfekte Zeit dafür«, seufzte sie.

Michi hob betroffen die Augenbrauen. »Du hast ja recht. Da muss sich etwas ändern. Ich werde in Zukunft mehr Zeit für uns einplanen. Versprochen! Und ein bisschen Zeit füreinander werden wir ja auch über Weihnachten haben, ist schließlich nicht so, dass ich die ganze Zeit arbeiten werde.« Zärtlich küssten sie sich und versanken schon bald in einem leidenschaftlichen Kuss.

Nach einer Weile löste sich Thea zögernd von Michi. »Ehrlich gesagt bezweifle ich, ob du die nötigen Veränderungen ohne Hilfe schaffen kannst. Es ist nämlich verdammt schwer, einfach so kürzer zu treten und dabei auf Verständnis in seiner Umwelt zu stoßen«, meinte sie resigniert. »Aber wenigstens scheint der Wille da zu sein«, fügte sie in mattem Ton hinzu. »Das ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung«, sagte sie mit einem gequälten Lächeln, ihre Hoffnung schien sich diesbezüglich jedoch in Grenzen zu halten. »Und vielleicht kannst du dich an Heiligabend doch etwas früher loseisen, dann könnten wir wenigstens den Abend gemütlich miteinander verbringen«, fügte sie in bittendem Ton hinzu.

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