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Teil 12

Ewig konnte sie sich nicht auf Juist verstecken. Sie musste zurück in die Agentur. Das war nicht das Schlechteste, denn Arbeit hatte sie bisher immer aufheitern und ablenken können. Abgesehen davon konnte sie die Agentur nicht so lange allein lassen. Ihre Zukunft hing daran. Sie hatte viel investiert – finanziell und emotional. Die Risiken, die damit einhergingen, war sie ganz bewusst eingegangen. Und nun musste sie eben die Konsequenzen tragen.

Übermorgen würde sie abreisen, nahm sie sich vor. Dann blieb ihr zu Hause noch ein Wochenende, bevor sie wieder arbeiten gehen müsste.

Beruhigt von diesem Entschluss legte sich Carla wieder ins Bett. Erst jetzt merkte sie, wie müde sie war. Die letzten beiden Tage forderten ihren Tribut. Sie war eingeschlafen, kaum dass ihr Kopf das Kissen berührte.

~*~*~

Lena hatte die ganze Nacht kaum schlafen können. Der innere Aufruhr nach dem Kuss hatte sich einfach nicht legen wollen. Als sie einsam in ihrem Bett lag, hatte sie das drängende Gefühl gehabt, dass ihr etwas fehle. Wie gern hätte sie sich an Carla gekuschelt, in Carlas Arm geschmiegt.

Es war nicht das erste Mal, dass sie diese starke Sehnsucht nach Nähe spürte, doch bisher hatte sie sie immer erfolgreich verdrängt. Sie hatte geglaubt, sich damit abgefunden zu haben, dass dieses Sehnen nie erfüllt werden und sie für immer einsam bleiben würde. Gestern Nacht aber war ihr klargeworden, dass sie sich damit selbst belogen hatte. Sie wollte, sie konnte ihre Bedürfnisse nicht ihr Leben lang unterdrücken.

Doch Carla war einfach nicht die Richtige. Nicht jetzt.

Wie auf Kommando kam Carla in diesem Moment in den Gastraum. Es war noch früh am Morgen, und um diese Zeit hatte Lena noch gar nicht mit ihr gerechnet. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

»Guten Morgen«, grüßte Carla knapp. Ihr Blick wich Lenas aus. Ohne ein weiteres Wort setzte sie sich an den gedeckten Tisch. Lena konnte sehen, wie sie tief durchatmete.

»Hast du gut geschlafen?«, versuchte Lena möglichst unbefangen ein Gespräch zu beginnen, als sie zum Tisch trat und Carla Kaffee einschenkte.

»Es ging so.« Carlas Finger strichen das Messer entlang, das neben ihrem Teller lag.

Offensichtlich wollte sie an diesem Morgen nicht reden. Lena respektierte das. Sie brachte Brötchen und Aufschnitt und zog sich dann hinter die Theke zurück.

Vielleicht war es besser so. Außerdem hatte Lena an diesem Tag eigentlich ganz andere Sorgen: Für den Abend war eine schwere Sturmflut angekündigt worden. Das hieß, sie musste noch einige Schutzmaßnahmen treffen, die den ganzen Tag in Anspruch nehmen konnten.

Bei der letzten Sturmflut hatten sie großes Glück gehabt. Die Inseloase war ohne größere Schäden davongekommen, und außer ein paar Außenarbeiten am Garten und der Fassade waren keine Renovierungen nötig gewesen. Doch Lena wusste seit ihrer Kindheit, dass es auch ganz anders kommen konnte. Nicht nur eine Existenz hatte schon auf dem Spiel gestanden.

»Lena?«, riss Carlas Stimme sie aus ihren Überlegungen.

Mit ein paar Schritten war Lena wieder am Tisch. »Darf ich dir noch etwas bringen?« Sie versuchte Carlas Gesichtsausdruck zu lesen, aber an diesem Morgen war er völlig undurchsichtig.

»Setz dich doch einen Moment.« Carla stellte ihre Tasse ab und setzte leise hinzu: »Bitte.«

Lena folgte der Einladung. »Möchtest du über gestern reden?«, wagte sie einen Vorstoß.

Carla rieb sich über den Nasenrücken. »Wenn ich ehrlich bin, im Augenblick nicht. Ich . . .«

Als Carla zögerte, suchte Lena ihren Blick. Sie konnte nicht verhindern, dass in ihrem Magen ein Schwarm Schmetterlinge sein Unwesen trieb, als sie in diese tiefblauen Augen sah. »Du kannst ehrlich zu mir sein«, versicherte sie. »Wenn du es bereust, sag es mir.«

»Ich . . .«, setzte Carla erneut an. »Nein, ich bereue es nicht. Aber ich weiß nicht, wie ich das alles einordnen soll. Meine Gefühle fahren momentan Achterbahn. Die letzten Tagen waren sehr viel für mich.«

Das konnte Lena nachvollziehen. Sie selbst hatte ja schon den Eindruck, dass die Ereignisse sie überrollten – und Carla hatte noch einiges mehr erlebt. »Lass uns einfach abwarten, was passiert«, meinte sie. Es gelang ihr, gelassen zu wirken, aber in ihr tobte ein Sturm aus Zuneigung, Sehnsucht und auch Enttäuschung über Carlas Verhalten, das so viel kühler war als gestern Abend.

Kryptisch entgegnete Carla: »Ich werde morgen abreisen.«

Was wollte sie Lena damit jetzt sagen? Dass sie sich keine Hoffnungen machen sollte – oder dass sie den verbleibenden Tag genießen sollte, ohne an morgen zu denken? Während Lena sie noch verdattert anstarrte und versuchte, ihren wild galoppierenden Herzschlag einigermaßen unter Kontrolle zu bringen, fuhr Carla schon fort: »Was hast du heute vor?«

Lena räusperte sich. »Es wurde eine schwere Sturmflut für die Nacht angesagt, dafür muss ich ein paar Vorbereitungen treffen – Sachen von draußen hereinholen und so. Und wenn ich es schaffe, würde ich gern auch noch meine Oma besuchen, um dort nach dem Rechten zu sehen.« Sie zögerte kurz, dann ergriff sie Carlas Hand. »Pass auf dich auf. Nicht, dass dir etwas passiert.« Wie von selbst streichelten ihre Finger über Carlas Handrücken.

In diesem Moment ging die Tür auf. Lena fuhr zurück und drehte sich zum Eingang. Dort erschien Verena – Tillmanns Schwester. Ausgerechnet.

Verena kam an ihren Tisch und warf Carla einen sonderbaren Blick zu. Hatte sie etwas bemerkt? Konnte das sein? »Hallo, Lena«, grüßte sie, ohne zu lächeln.

»Verena, schön, dich zu sehen.« Lena versuchte ihrerseits ein Lächeln. Aber sie konnte spüren, dass es alles andere als echt wirken musste.

Verena bohrte ihren Blick in Lenas. »Ich bin zufällig beim Einkaufen hier vorbeigekommen und wollte nur fragen, ob du schon von der Sturmflut gehört hast.« In letzter Zeit kam sie häufiger morgens in die Pension, als sei sie mit Lena gut befreundet. Dabei war auf Lenas Seite eher das Gegenteil der Fall. Und sie war ziemlich sicher, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte.

Doch sie antwortete ruhig: »Ja, habe ich. Ich habe gerade Carla davor gewarnt.« Sie deutete mit den Augen auf Carla. Schon dieser kurze Blickkontakt reichte aus, um ihr Herz schmelzen zu lassen.

»Ah ja«, sagte Verena. »Dann will ich euch gar nicht länger stören. Siehst du Tillmann heute Abend?« Bei den letzten Worten bildeten sich kleine Fältchen auf ihrer Stirn.

Lena stand auf. »Nein. Und jetzt entschuldigt mich. Ich muss in die Küche.« Sie wollte nicht länger mit Verena diskutieren, schon gar nicht über ihren Bruder. Was auch immer Verena mit ihrer Fragerei und ihrem allzu offensichtlichen Spionieren bezweckte – es konnte nichts Gutes sein.

Als die Küchentür hinter ihr ins Schloss gefallen war, lehnte sie sich von innen dagegen und fluchte leise: »Verdammt.« Was, wenn Verena den intimen Moment zwischen ihr und Carla mitbekommen hatte?

Selbst wenn, versuchte sie sich zu beruhigen, es ist ja nichts passiert. Dass sie Carlas Hand gehalten hatte, hatte gar nichts zu bedeuten. Unter Freundinnen war so etwas völlig selbstverständlich.

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 11

Auf einmal wurde Lena heiß und kalt zugleich. Sollte sie es wagen? Sollte sie den nächsten Schritt gehen? Wie lange hatte sie keine Frau mehr geküsst? Wie lange hatte sie sich diese Sehnsucht verboten?

Carlas Atem kitzelte Lena, als sie wisperte: »Ich weiß nicht, ob es das Richtige ist.«

Lena wurde schwindelig. Ohne darüber nachzudenken sagte sie: »Das weiß ich auch nicht. Vielleicht sollten wir es einfach wagen.«

Carla nickte ganz schwach. Und im nächsten Moment verschmolzen ihre Lippen miteinander.

Carlas Lippen waren herrlich warm und weich. Und plötzlich waren alle Zweifel wie weggeblasen. In diesem Augenblick gab es nur noch Carla. Carlas Wärme, Carlas Finger, die sanft und fordernd zugleich über ihre Wange streichelten, Carlas heißen Atem.

Vorsichtig tasteten sich ihre Zungen aufeinander zu. Lena schmeckte eine nie gekannte Süße, wollte mehr davon. Kein Traum hätte schöner sein können. Alles in ihr glühte.

Irgendwann trennten sie sich atemlos voneinander.

»Lass uns zurückgehen«, flüsterte Carla. Auch in der Dunkelheit konnte Lena das Funkeln in ihren Augen erkennen.

Sie hatte große Mühe, ihre Stimme zu kontrollieren, als sie antwortete: »Du hast recht. Auf Dauer ist es doch etwas zu kalt hier.« Genau genommen war diese Behauptung nicht ganz wahrheitsgemäß. Nach wie vor hatte sie das Gefühl, in Flammen zu stehen.

Auf dem Rückweg liefen sie schweigend nebeneinander her, nur ihre Hände waren miteinander verbunden. Lena traute sich nicht, etwas zu sagen, aus Angst, den Zauber des Moments zu zerstören.

So lange hatte sie nicht mehr ein solches Verlangen gespürt, eine solche Sehnsucht. Es war, als hätte dieser Kuss längst vergessene, tief vergrabene Gefühle wieder an die Oberfläche geholt. Es hatte sich so unglaublich gut angefühlt, so intensiv – und so richtig. Als hätten Carlas Lippen einen Teil von ihr repariert, von dem Lena nicht einmal gewusst hatte, dass er zerbrochen gewesen war.

Sie schluckte. Aber es war falsch. Es konnte nicht weitergehen. Es würde nicht gut ausgehen, alles sprach dagegen.

Als sie an der Pension angekommen waren, blieben sie unentschlossen voreinander im Eingangsbereich stehen. Noch immer fand Lena nicht den Mut, das Schweigen zu brechen.

Es war Carla, die als Erste das Wort ergriff: »Sei mir nicht böse, aber ich glaube, es ist vielleicht doch besser, wenn wir jetzt schlafen gehen.« Sie sah Lena nicht an. »Allein«, setzte sie fast unhörbar hinzu.

Am liebsten hätte Lena sie an sich herangezogen und leidenschaftlich geküsst, ohne jede Zurückhaltung. Aber das konnte sie nicht. Nicht hier, mit ihrem Vater, der oben schlief, nur wenige Meter entfernt. »Wahrscheinlich ist es das Beste«, zwang sie sich zu sagen.

Ja, es war wirklich das Vernünftigste, bekräftigte sie innerlich. Für bedeutungslosen Sex war sie nicht geschaffen. Und mehr konnte sie von Carla nicht erwarten. Nicht so kurz nach einer Trennung und angesichts der Tatsache, dass Carla in ein paar Tagen für immer aus ihrem Leben verschwinden würde.

Gemeinsam gingen sie die Treppe hinauf. Vor der Tür ihrer Wohnung, die ebenfalls in der ersten Etage lag, blieb Lena stehen und drehte sich noch einmal zu Carla um. »Schlaf gut«, sagte sie leise. Dann trat sie rasch ein und schloss die Tür hinter sich, ehe sie es sich noch anders überlegen konnte.

Sie hatte sich das alles so einfach ausgemalt. Sich ein paar Tage mit Carla vergnügen und sie dann wieder vergessen. Aber da hatte sie die Rechnung ohne ihr Herz gemacht. Mit jedem Schlag drängte es zu Carla, und der Tag, an dem sie abreisen würde, erschien Lena schon jetzt wie das Ende der Welt.

***

Der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Carla wälzte sich in ihrem Bett herum und presste das Gesicht in ihr Kissen. Doch auch so konnte sie nicht verhindern, dass sie Lenas Lippen immer noch auf ihren spürte.

War es doch ein Fehler gewesen, allein auf ihr Zimmer zu gehen? Eine solche Erregung hatte sie lange nicht mehr erlebt. Der Kuss hatte ein Feuerwerk in ihr entfacht, von dem noch nicht alle Funken verglüht waren, und ein tiefes Sehnen hinterlassen, ein Verlangen nach mehr.

Und das war nicht bloß ein körperliches Verlangen. Es war viel mehr; es war eine tiefe Sehnsucht nach der Geborgenheit, die sie mit Lena erlebte, danach, Lena für immer an ihrer Seite zu wissen. Lena gab ihr das Gefühl, so akzeptiert zu werden wie sie war, Schwäche zeigen zu dürfen, sie selbst sein zu dürfen. Mit Lena schien alles so richtig und so leicht.

Doch genau deshalb hatte sie sich selbst schützen müssen: weil es zu früh für solche Gefühle war. Sie konnte sich jetzt nicht in Lena verlieben, so kurze Zeit nach einer Trennung. Auch wenn sie glücklich mit ihr war – das mit Nadia musste sie zuerst verarbeiten. Für etwas Neues war sie noch nicht bereit, und über kurz oder lang würde sich das rächen.

Carla stand auf und stellte sich ans Fenster.

Es war nicht zu leugnen: Den Eindruck, liebenswert zu sein so, wie sie war, den hatte sie bei Nadia nicht oft gehabt. Nadia hatte ihr vermittelt, dass sie sie einengen würde. Dabei hatte Carla versucht, ihr so viele Freiräume zu lassen wie nur möglich. Auf der anderen Seite hatte Nadia ihr auch manchmal vorgeworfen, langweilig zu sein. Nadia wollte der Mittelpunkt von Carlas Leben sein, beanspruchte ihre gesamte Aufmerksamkeit, alles drehte sich immer nur um Nadia.

Aber andersherum? War auch sie Nadias Mittelpunkt gewesen? Wie oft hatte Nadia mit anderen Frauen geflirtet. Doch Carla hatte dem keine Bedeutung beigemessen, sie hatte Nadia immer vertraut.

Sie starrte in die Dunkelheit. Vielleicht war das ein Fehler gewesen.

War da zuletzt überhaupt noch irgendetwas gewesen außer der Arbeit, was sie beide verbunden hatte? Carla bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Allein diese Frage zu denken, schmerzte zutiefst. Aber es ließ sich nicht länger abstreiten: Leise, still und heimlich hatten sich die Gefühle zwischen ihr und Nadia verflüchtigt. Und Carla hatte es viel zu lange nicht wahrhaben wollen, sich alles schöngeredet, die Veränderungen in ihrer Beziehung auf den Stress in der Agentur geschoben.

Und Veränderungen hatte es durchaus gegeben. Seit Wochen hatten sie nicht mehr miteinander geschlafen. Spätestens das hätte Carla nachdenklich machen sollen: An Leidenschaft hatte es Nadia normalerweise nie gemangelt. Doch irgendwann hatte sie aufgehört, Carla zu verführen oder sich überhaupt zu bemühen, romantische Momente zu initiieren. Wahrscheinlich genau zu der Zeit, als sie diese kleine . . .

Carlas Hände ballten sich wie von selbst zu Fäusten. Sie zwang sich, ein paarmal tief durchzuatmen. Die andere Frau konnte nichts dazu. Sie war wahrscheinlich Nadias Charme verfallen, wie es alle taten – wie Carla selbst es getan hatte, viel zu oft und viel zu lange. Vielleicht hatte die Frau nicht einmal gewusst, dass es Carla gab. War bloß Nadias Spielball gewesen.

Wie sollte es nun weitergehen? Carla starrte den Mond an, als könne er diese Frage beantworten. Dabei kannte sie die Antwort längst.

Teil 10

Und selbst wenn es nicht so wäre – es spielt sowieso keine Rolle, ermahnte sie sich.

Vor der Tür empfing sie eine sternklare Nacht.

»Gehst du oft noch um diese Zeit spazieren?«, wollte Carla wissen, während sie zu dem schmalen Dünenpfad schlenderten, der direkt hinter der Pension begann und zum Strand führte.

»Oft ist vielleicht übertrieben. Aber immer mal wieder. Es ist meist die einzige Zeit des Tages, die ich für so etwas habe.«

»Du hast einen ganz schön fordernden Beruf«, stellte Carla fest.

Lena nickte. »Aber den schönsten, den ich mir vorstellen kann.« Nach einer kurzen Pause fragte sie: »Was machst du eigentlich beruflich?« Darüber hatte sie schon die ganze Zeit nachgegrübelt. Carla war so verschlossen, dass es schwer war, sie irgendeiner Berufsgruppe zuzuordnen.

Carla steckte ihre Hände tiefer in ihre Jackentaschen. »Ich bin Eventmanagerin.«

»Das klingt spannend«, meinte Lena.

»Ist es auch, ich liebe meinen Beruf.«

Das klang in Lenas Ohren wenig überzeugend. Sie sah Carla von der Seite an. Deren Blick haftete am Boden.

»Aber du siehst gerade nicht so aus«, forschte Lena vorsichtig.

Carla zog scharf die Luft ein und sagte lauter als vorher: »Das liegt daran, dass ich mit Nadia gemeinsam eine Agentur führe.«

»Oh«, entfuhr es Lena. »Das ist in der Tat ein Problem.«

»Schon kurz nachdem wir uns kennengelernt haben, hat Nadia mit dieser Idee angefangen«, fuhr Carla fort. »Und eigentlich fand ich sie auch gut. Die Selbständigkeit war verlockend.« Sie kickte ein kleines Stöckchen zur Seite. »Wir ergänzen uns in dieser Hinsicht hervorragend. Nadia ist eher die Kreative, ich kümmere mich lieber um das Administrative.«

»Aber jetzt weißt du nicht, wie es weitergeht«, vermutete Lena.

Mittlerweile waren sie in den Dünen angekommen. Die Lichter der Straße waren hinter ihnen zurückgeblieben. Es war fast völlig dunkel, nur die Sterne und der aufgehende Mond spendeten Licht.

Lena konnte erkennen, dass Carla ratlos die Schultern hob. »Genau. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich weiter mit ihr arbeiten soll. Jeden Tag werde ich daran denken, was sie mir angetan hat.« Wut schwang in ihren Worten mit.

»Ich kann dich verstehen«, sagte Lena. »Aber es wird sich bestimmt eine Lösung finden.« Am liebsten hätte sie Carla in den Arm genommen, um sie ein wenig zu ermuntern. Aber vielleicht wäre das falsch angekommen.

»Falsch« ist ja nun völliger Unsinn, schimpfte sie mit sich selbst. Es wäre genauso angekommen, wie du es wirklich gemeint hättest.

Sie mochte Carla, sehr sogar. Zu sehr. Wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Sie war auf dem besten Weg, sich in Carla zu verlieben. Und sie wusste auch, dass sie es nicht verhindern konnte. Noch nie hatte sie es geschafft, ihrem Herzen vorzuschreiben, was es zu fühlen hatte. Trotz aller Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben hatten.

Plötzlich blieb Carla stehen. Vor ihnen lag die Weite des Strandes und dahinter das Meer. Hell schimmerte es im Licht von Mond und Sternen.

»Es ist herrlich hier. Und so still, nur das Rauschen der Wellen«, flüsterte Carla. Sie legte den Kopf in den Nacken und atmete tief ein. »Noch dazu diese Einsamkeit. Keine Menschenseele weit und breit. Nur wir.« Und dann war sie es, die den Arm um Lena legte.

Lenas Beine zitterten leicht. Es lag nicht nur an der Kälte.

»Danke, dass du mich hergebracht hast«, sagte Carla. Ihre Wange war Lenas so nahe, dass sie Carlas Wärme spüren konnte.

Das Blut rauschte in ihren Ohren. Was machte sie nur hier? Wohin sollte das führen? So angenehm dieses Prickeln auch war, das Gefühl von Carlas Arm um ihre Schultern, von Carlas warmem, geschmeidigem Körper, der sich an ihren schmiegte – es gab nur eine Richtung: direkt ins Unglück. Es ging einfach nicht. Für beide nicht.

Lena schluckte. Aber sie brachte es nicht über sich, etwas zu sagen oder sich aus der Umarmung zu befreien.

Da nahm Carla den Arm von ihren Schultern und sagte: »Komm, lass uns weiter.« Wie selbstverständlich griff sie nach Lenas Hand. Ihre Finger verflochten sich miteinander. Wie füreinander geschaffen, schoss es Lena durch den Kopf.

Quatsch. Totaler Blödsinn. Wenn du für irgendwas geschaffen bist, dann ist es dein Leben hier. Akzeptier das endlich!

Sie musste sich auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren. Ihre Beine schienen immer schwächer zu werden. Bald würden sie sie kaum mehr tragen können.

Carlas Daumen begann sich zu bewegen. Er kreiste ganz sanft auf ihrem Handrücken. Kleine Stromschläge fuhren durch Lena hindurch. Unwillkürlich schloss sie die Augen.

Vielleicht sollte sie einfach nicht so viel nachdenken, sondern das Zusammensein einfach genießen. Carla würde ohnehin bald wieder abreisen und somit aus ihrem Leben verschwinden. Was hinderte sie daran, ein paar schöne Tage miteinander zu verbringen, ohne sich Sorgen um die Zukunft zu machen?

Sie waren am Dünenrand entlangspaziert. Jetzt blieb Lena stehen. »Was hältst du davon, wenn wir uns hier hinsetzen? Hier sind wir ein bisschen windgeschützt.«

Carla nickte.

Lena stellte ihr Körbchen in den Sand und nahm die Thermoskanne mit heißem Sanddorngrog und zwei Tassen heraus. Carla hatte ihre Bewegungen im Mondlicht verfolgt und flachste: »Wie immer – die perfekte Gastgeberin.«

»Du kennst mich doch gar nicht richtig«, neckte Lena zurück.

Carla wurde ernst. »Das stimmt. Ich kenne dich wirklich noch nicht lange. Aber manchmal kommt es mir vor wie eine Ewigkeit. Ich kann mir das auch nicht erklären. Trotzdem . . .« Sie hielt inne und trat von einem Bein aufs andere, als sei sie nervös. »Trotzdem fühle ich mich dir irgendwie vertraut.«

Lenas Herz begann zu rasen. »Mir geht es ähnlich«, flüsterte sie mit heiserer Stimme. Um ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu fokussieren, konzentrierte sie sich darauf, die beiden Becher zu füllen. Dann breitete sie die Decke im Sand aus und sagte: »Setz dich doch.«

Carla folgte der Aufforderung. Lena reichte ihr einen Becher und machte es sich dann dicht neben ihr bequem. Sie wickelten die Decke fest um sich, und sofort waren sie von wohliger Wärme umhüllt.

Lena hob ihren Becher in Carlas Richtung. »Auf einen schönen Abend. Und auf das Schicksal, das dich zu mir verschlagen hat.«

Sie stießen an. Der heiße Grog verstärkte die angenehme Wärme noch. Unter der Decke spürte Lena, wie Carla nach ihrer Hand tastete. Als sie sie endlich fand, schloss Lena die Augen und wünschte sich, sie möge nie wieder loslassen.

Der Mond spiegelte sich im Meer.

Carlas Hand wurde mutiger und streichelte Lenas Oberschenkel entlang. Die feinen Härchen auf Lenas Unterarmen stellten sich auf. Erst in diesem Moment merkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte.

Vorsichtig legte sie den Kopf an Carlas Schulter. »Es ist schön mit dir«, flüsterte sie, den Mund dicht an Carlas Ohr.

Sanft strich Carla ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Die hauchzarte Berührung löste einen Schauer der Erregung aus. Solche intensiven Gefühle hatte Lena schon eine ganze Weile nicht mehr erlebt, vielleicht noch nie . . . Ihr Atem ging schneller.

»Das finde ich auch«, murmelte Carla. Ihre Lippen kamen immer näher.

Teil 09

Lena stellte das Glas wieder ab und nahm ihr Besteck auf. Ihre Augen funkelten Carla über den Tisch hinweg neugierig an: »Genug von mir. Wo kommst du denn her?«

»Ich komme aus Essen. Mitten aus dem Ruhrpott«, sagte Carla.

»Merkt man dir gar nicht an«, meinte Lena, während sie ein Stückchen von ihrem Steak abschnitt.

»Wie meinst du das?«

»Man hört das kein bisschen. Ganz im Gegensatz zu mir, ich kann meine Herkunft nicht leugnen.« Das stimmte. Lenas ostfriesischer Akzent war nicht ausgeprägt, aber deutlich hörbar, vor allem in den Vokalen.

Carla zuckte mit den Schultern. »Tja, meine Eltern haben immer sehr großen Wert auf Bildung gelegt, und dazu gehörte auch die korrekte Aussprache. Aber ich finde deinen Dialekt sehr süß.« Sie zerteilte einen Kartoffelpuffer mit der Gabel und wagte einen Blick in Lenas Gesicht.

Um deren Augen bildeten sich kleine Lachfältchen. »Danke.«

Carlas Wangen waren schon wieder ganz heiß geworden. Sie räusperte sich und wechselte das Thema: »Das hier ist also ein Familienbetrieb, wenn ich das richtig verstanden habe.«

»Genau. Meine Eltern haben die Pension aufgebaut.« Lenas Blick bekam etwas Wehmütiges. »Und nach dem Schlaganfall meines Vaters habe ich die meisten Aufgaben übernommen.«

»Was ist mit deiner Mutter?«

Lena hielt einen kurzen Moment inne, bevor sie leise antwortete: »Sie ist bei meiner Geburt gestorben. Ich durfte sie niemals kennenlernen.«

»Wie schrecklich«, entfuhr es Carla. »Das tut mir leid.«

»Dafür habe ich eine ganz tolle Großmutter. Bei ihr bin ich praktisch aufgewachsen, mein Vater musste ja viel arbeiten.« Lena lächelte, wie um Carla zu versichern, dass sie kein Problem mit diesem Gesprächsthema hatte, und tunkte das letzte Stückchen Fleisch in die Soße.

Doch Carla konnte sehen, wie sich Lenas Finger dabei fest um die Gabel krampften. Sie würde nicht weiter nachhaken. Vielleicht würde Lena ihr irgendwann mehr darüber erzählen. Wenn sie sich besser kannten . . . Ihr Herz klopfte schneller.

»So, heute kannst du einen Nachtisch aber nicht ausschlagen«, unterbrach Lena ihre Gedanken. Ihr Gesicht hatte die Fröhlichkeit zurückgewonnen, die Carla so an ihr mochte.

Sie grinste: »Aber ich werde hinterher jedem erzählen, dass du schuld bist, wenn ich mit fünf Kilo mehr nach Hause komme.«

Kurz darauf brachte Lena zwei große Portionen rote Grütze, dekoriert mit jeder Menge Vanillesoße.

»Das sieht sehr lecker aus«, meinte Carla bewundernd.

»Ich muss meinen Gästen doch etwas bieten.« Lena zwinkerte ihr zu und nahm einen ersten Löffel. »Und jetzt erzähl mal, wie du ausgerechnet nach Juist gekommen bist, Landratte.«

Carla war es, als schlüge ihr jemand mit der Faust in den Magen. Die ganze Zeit während des Essens hatte sie nicht ein einziges Mal an Nadia gedacht.

Offenbar spiegelte ihre Mimik die heftige Reaktion deutlich wider, denn Lenas Gesichtsausdruck wechselte von Heiterkeit zu Zerknirschung. »Es tut mir leid«, sagte sie leise. »Für einen Augenblick hab ich verdrängt, dass es kein schöner Grund für dich gewesen ist.«

»Mir ging es genauso«, gab Carla zu. »Ich hatte es tatsächlich fast vergessen. Dank dir.« Sie sah Lena mit einem warmen Lächeln an. Vielleicht war jetzt der Moment gekommen, ihr doch etwas mehr darüber zu erzählen, was sie hierher verschlagen hatte.

»Eigentlich war ich in Bremen«, begann sie und versuchte den schmerzhaften Druck im Magen zu ignorieren, den die Erinnerungen auslösten. »Nadia hatte mir das Hotel verraten, in dem sie für diese angebliche Dienstreise übernachten würde. Eigentlich nur zufällig – wir waren zusammen schon oft in demselben Hotel. Dort wollte ich sie überraschen.« Carla schluckte. Der Druck wurde zu einem scharfen Schmerz, als sie den Moment der Erkenntnis erneut durchlebte. »Ich habe an die Tür geklopft, und diese kleine . . .« Sie unterbrach sich und biss sich auf die Unterlippe, um keine üblen Schimpfwörter zu benutzen. »Jedenfalls hat mir Nadias Affäre die Tür geöffnet. Und dann sind meine Sicherungen durchgebrannt. Ich bin einfach weggelaufen. Nadia hat noch versucht, mir irgendetwas zu erklären. Als ob es da etwas zu erklären gibt . . .« Freudlos lachte sie auf. Dann beschrieb sie mit knappen Worten den Rest ihrer Reise: wie sie auf der falschen Autobahn gelandet, in Norddeich gestrandet war und dort einfach die nächste Fähre genommen hatte.

Nachdem sie geendet hatte, murmelte Lena: »Es war also Schicksal.« Sie schien mehr zu sich selbst als mit Carla zu sprechen.

»Vielleicht«, meinte Carla, dann versagte ihr die Stimme. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr schon wieder die Tränen kamen.

Wie schon am Abend vorher setzte sich Lena neben sie und legte ihren Arm um sie. »Lass es ruhig raus«, sagte sie, beruhigend und ermutigend zugleich. »Manchmal hilft das.« Behutsam streichelte sie über Carlas Rücken.

Obwohl sie sich gerade einen Tag kannten, spürte Carla in Lenas Armen eine nie gekannte Geborgenheit. Sie wollte nicht darüber nachdenken. Sie wollte um ihre zerbrochene Beziehung trauern. Aber unter Lenas sanften Berührungen versiegten die Tränen erstaunlich schnell. So saßen sie eine ganze Weile schweigend da, während Lenas Hand unablässig über Carlas Rücken streichelte und allmählich auch die Anspannung aus ihren Muskeln vertrieb. Carla hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie für immer weitergemacht hätte.

»Was hältst du von einem kleinen Strandspaziergang?«, durchbrach Lena schließlich die Stille. »Um die überflüssigen Kalorien wieder abzulaufen. Ich will schließlich nicht schuld daran sein, wenn du hier zunimmst.« Sie lächelte verschmitzt. »Auch wenn man dir ein paar Kilo mehr sicherlich nicht ansehen würde, so schlank wie du bist.«

Ihre Wangen waren gerötet, fiel Carla auf, genau wie ihre eigenen es sein mussten. Dabei hatte Lena doch gar nicht geweint.

»Eine hervorragende Idee«, meinte sie. »Die Meeresbrise wird mir guttun. Ich ziehe mich nur kurz um, dann bin ich zu allen Schandtaten bereit.« Erst als die Worte ihren Mund verlassen hatten, wurde sich Carla der Zweideutigkeit bewusst, die sie da gerade von sich gegeben hatte. Ihr wurde heiß.

Lenas Stimme glich einem Flüstern, und ihr Blick wich Carlas aus, als sie sagte: »Ich auch.«

Carla war sich nicht sicher, worauf Lena geantwortet hatte. Das Einzige, dessen sie sich an diesem Abend von Sekunde zu Sekunde sicherer geworden war, war diese Spannung zwischen ihnen – und dass Lena sie ebenfalls spüren musste. Carla strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, tat einen tiefen Atemzug und murmelte: »Dann bis gleich.«

***

Als Lena oben Carlas Zimmertür ins Schloss fallen hörte, zog sie sich ihre Jacke über und griff nach dem kleinen Picknickkorb, den sie rasch vorbereitet hatte, während Carla sich umzog. Obendrauf legte sie eine dicke Decke. Es war sehr kalt draußen.

Carla erschien im Durchgang zur Treppe. »Ich bin so weit.« Ihr Blick fiel auf den Korb. »Was hast du denn vor?«

»Ich dachte, vielleicht wollen wir zwischendurch ein wenig Rast machen. Dann können wir eine warme Decke und ein bisschen was zur Stärkung sicherlich gut gebrauchen«, versuchte Lena zu erklären. Dabei wusste sie selbst nicht genau, was sie sich eigentlich dabei gedacht hatte. Sicherlich stand Carla nicht der Sinn nach einem romantischen Candlelight-Dinner unter freiem Himmel bei eisiger Kälte. Carla hing immer noch an Nadia, das war vorhin, als sie in ihren Armen geweint hatte, ganz deutlich geworden. Was hatte Lena auch anderes erwartet? Sie hatten sich erst gestern getrennt. Kein Wunder, dass Carla trauerte.

Teil 08

Carla begutachtete sich im Spiegel und zupfte ihre Haare noch einmal zurecht. Der fliederfarbene Strickpullover, den sie am Vormittag auf ihrer Shoppingtour – wenn man den Besuch von drei kleinen Läden überhaupt so nennen konnte – erstanden hatte, stand ihr ganz gut. Ob er Lena auch gefallen würde?

Im nächsten Moment schüttelte Carla den Kopf über sich selbst. Was war nur los mit ihr? Was sollten diese ständigen Gedanken an Lena in den unpassendsten Zusammenhängen? Es musste an dieser Ausnahmesituation liegen, etwas anderes konnte es nicht sein. Sie steigerte sich in etwas hinein, nur um die Trennung von Nadia zu vergessen.

Aber auf der anderen Seite . . . Sie wandte sich noch einmal ihrem Spiegelbild zu und sah sich selbst herausfordernd in die Augen. Was hatte sie zu verlieren? Lena war eine gutaussehende Frau, die ihr ebenfalls nicht abgeneigt schien. In ein paar Tagen würde sie die Insel wieder verlassen und in ihr altes Leben zurückkehren – oder zumindest das, was davon übriggeblieben war. Wäre es so schlimm, sich bis dahin etwas abzulenken?

Nein, gab sich Carla die Antwort selbst. Sie würde es einfach auf sich zukommen lassen.

Zufrieden mit diesem Entschluss ging sie hinunter in die Wirtschaft. Lena hatte bereits ihren Tisch eingedeckt; in der Mitte leuchtete eine Kerze, und auch die Blumen waren frisch. Lena selbst stand hinter dem Tresen, mit dem Rücken zu ihr, und hielt den Telefonhörer in der Hand. Carlas Herz machte einen Salto, als sie sie entdeckte.

Auch an diesem Abend hatte Lena ihre Locken zusammengebunden. Unter der enganliegenden weißen Bluse zeichnete sich ihre weibliche Figur ab. Wie es sich wohl anfühlen mochte, mit den Fingerspitzen diesen Rücken hinunterzufahren . . .?

Wenn das so weiterging, brauchte Carla nach dem Abendessen eine eiskalte Dusche. Sie rief sich zur Ordnung, räusperte sich und nahm Platz. In diesem Moment wurde auch Lena auf sie aufmerksam und lächelte sie an, während sie sich den Hörer weiterhin ans Ohr hielt. Ihre Lippen formten etwas wie: »Ich bin sofort bei dir.«

Und das war sie dann auch. Nur wenige Sekunden später hatte sie aufgelegt und kam auf Carla zu. »Wie war dein Tag?«

Obwohl Carla sonst wirklich keine Plaudertasche war, kamen die Worte wie von selbst: »Sehr gut, danke. Ich habe mir zwei Pullis und eine Jeans gekauft, damit sollte ich erst einmal ausgerüstet sein. Und dann habe ich einen ausgedehnten Strandspaziergang gemacht und am Nachmittag versucht, mich in der Inselsauna ein bisschen zu entspannen. Der Blick von dort aufs Meer ist wirklich atemberaubend.« Sie verschwieg, dass es ihr trotz der großartigen Atmosphäre schwergefallen war, wirklich abzuschalten. Wegen der ständigen Gedanken an Nadia – und der an Lena, die sich immer wieder dazwischengeschlichen hatten.

Lena zwinkerte ihr zu. »Du siehst heute auch deutlich besser aus als gestern.«

»Danke.« Das Blut schoss Carla in die Wangen.

Ihre Blicke trafen sich. In Carlas Magengegend zog es.

Unvermittelt wandte Lena ihre Augen ab und räusperte sich. »Was darf ich dir denn heute bringen?«, fragte sie, wieder ganz die gute Gastgeberin. »Ein Glas Wein?«

»Ich nehme lieber ein großes Wasser. Und beim Essen würde ich mich auf dein Urteil verlassen. Bring mir einfach, was du empfehlen kannst. Außerdem . . .« Carla stockte. Ihr war eine Idee gekommen, aber sie war sich ganz und gar nicht sicher, ob sie damit nicht vielleicht eine Grenze überschritt. Sie holte einmal tief Luft, doch ihre Zunge war wie gelähmt.

»Was brennt dir auf der Seele?«, fragte Lena, als sie nicht weitersprach.

Carla nahm erneut Anlauf. So unverschämt konnte ihr Anliegen auch wieder nicht sein. »Also . . . Ich habe mich gefragt . . . nur, wenn du Lust hast . . . Möchtest du mit mir essen?« Ihre Finger spielten mit dem Tischtuch, aber sie zwang sich, Lena anzusehen. »Wenn du Zeit hast, meine ich.«

Da war es wieder, dieses Funkeln in Lenas grünen Augen, das das Kribbeln in Carla rasant anschwellen ließ. Es strafte die geschäftsmäßige Sachlichkeit in Lenas Stimme Lügen, als sie antwortete: »Sehr gern. Dann verschwinde ich mal schnell hinter den Herd und koche uns etwas.«

»Mach dir aber bitte nicht zu viele Umstände.« Carla musste lächeln, als sich die Küchentür hinter Lena schloss. Es war schon komisch, eine Frau zum Essen einzuladen und sich dann von ebendieser Frau bekochen zu lassen.

Sie ging zu einem kleinen Tisch beim Eingang, auf dem einige Tageszeitungen ausgelegt waren, und las, während Lena in der Küche beschäftigt war. Immerhin hatte sie schon fast zwei Tage nicht mehr mitbekommen, was in der Welt geschah, und sie war über aktuelle Ereignisse immer gern auf dem Laufenden. Doch ganz gegen ihre Gewohnheit konnte sie sich diesmal kaum auf die Nachrichten konzentrieren. Statt die Argumentation für einen neuen Einsatz von UN-Friedenstruppen nachzuvollziehen, sah sie dauernd dieses grüne Funkeln von Lenas Augen vor sich.

Irgendwann kam Lena mit zwei köstlich duftenden Tellern aus der Küche. »Rindersteak à la Lena mit Kartoffelpuffern und diversen Bohnen«, verkündete sie, als sie den einen Teller vor Carla und den anderen ihr gegenüber abstellte. »Ich hoffe, das magst du.« Sie lächelte ein wenig unsicher.

Lena war wirklich süß, wie sie so schüchtern vor ihr stand, dachte Carla. Ihr Herz wurde warm. »Bestimmt«, versicherte sie und erwiderte das Lächeln. »Es riecht fantastisch. Und jetzt setz dich zu mir, und wir genießen den Abend.«

Als Lena Platz genommen und sie beide zu essen begonnen hatten, erkundigte sich Carla: »Bist du eigentlich hier aufgewachsen?«

Lena nickte. »Ja, geboren und aufgewachsen. Nur zur Ausbildung war ich ein paar Jahre in Hamburg.«

»Ich habe in Kiel studiert«, erklärte Carla. »Das war bisher mein einziger längerfristiger Kontakt zur Küste.« Sie grinste. »Ich bin eher eine Landratte.«

Lena zog eine komische Grimasse. »Das würde für mich nicht in Frage kommen.«

»Mir hat die Fährfahrt fürs Erste gereicht«, entgegnete Carla. Dann nahm sie den Faden wieder auf: »Was hast du für eine Ausbildung gemacht?«

Lena schob mit dem Messer ihre Bohnen hin und her. »Eine Ausbildung zur Hotelfachfrau.«

»Weil du wolltest oder weil du musstest?«, bohrte Carla nach. So wie Lenas Vater am Morgen aufgetreten war, konnte sie sich vorstellen, dass er ziemlich dominant war.

Lena hob eine Augenbraue. »Bist du immer so direkt?«

Schuldbewusst senkte Carla den Blick. Das war wirklich unangemessen gewesen. Schließlich kannten sie sich nicht wirklich . . . noch, fügte sie in Gedanken hinzu. »Entschuldige, das hätte ich nicht fragen sollen. Und um deine Frage zu beantworten: nein, eigentlich nicht. Aber im Moment ist alles anders – irgendwie.«

»Entschuldigung angenommen.« Lena grinste. »Und um deine Frage zu beantworten: Eigentlich hat sich für mich nie die Frage gestellt, etwas anderes zu machen, als irgendwann hier in der Pension zu arbeiten. Ich habe schon als Kind und später als Jugendliche viel mitgeholfen. Es hat mir immer Spaß gemacht. Das war, und ist immer noch, mein Leben. Ich habe die Ausbildung also ganz freiwillig gemacht.« Sie nahm einen großen Schluck Wasser.

Carla nickte. »Man merkt, wie viel Spaß dir das hier macht. Du scheinst richtig darin aufzugehen.«

Teil 07

Der alte Griesgram war also Lenas Vater. Carla musterte ihn unauffällig etwas genauer. Sie konnte nicht viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden entdecken.

»Ja, ich weiß«, erwiderte Lenas Vater nicht etwa anerkennend, sondern eher mürrisch. »Denk nur an die Medikamente.«

Lena nickte. »Ich muss weiterarbeiten.«

Ihr Vater verstand das Signal offensichtlich und rutschte von seinem Hocker. Mit mühevollen Schritten machte er sich auf den Weg zur Küche. Auch sein linker Arm schien nicht so zu funktionieren, wie er sollte, fiel Carla auf. Sie sah ihm nach, bis sich die Küchentür hinter ihm schloss.

»Er hatte vor zwei Jahren einen Schlaganfall«, hörte sie Lenas Stimme dicht neben sich. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass Lena näher gekommen war. »Seitdem ist er linksseitig gelähmt.«

Carla sah zu ihr auf und meinte mitfühlend: »Das muss schwer sein.«

»Ja, das ist es.« Lena begann das benutzte Geschirr zu stapeln. »Vor allem für jemanden wie ihn, der immer über alles die Kontrolle braucht.«

»Dabei machst du doch einen fantastischen Job«, sagte Carla und meinte das durchaus nicht nur als leeres Kompliment. Von Lenas fürsorglicher Art und ihrer Liebe zum Detail hätte sich so mancher Caterer oder Ausstatter, mit dem sie in ihrem Beruf zusammenarbeitete, eine Scheibe abschneiden können.

Lena errötete. »Das versuche ich zumindest.«

»Hast du Zeit, mir noch ein wenig Gesellschaft zu leisten?« Die Frage war Carla einfach herausgerutscht. Eigentlich mochte sie am Morgen keine große Konversation und begnügte sich gern mit der Gesellschaft ihrer Kaffeetasse. Doch sie sagte sich rasch, dass es in diesem Fall tatsächlich etwas zu besprechen gab: »Ich brauche deinen Rat.«

Ein Lächeln huschte durch Lenas Gesicht. »Natürlich. Ich bringe das eben in die Küche, dann bin ich sofort bei dir.« In Windeseile verschwand Lena mit dem Geschirrstapel, um sich kurz darauf neben Carla zu setzen. »Wie kann ich dir helfen?«

»Sagen wir mal so«, begann Carla, »mein Reisegepäck war nicht auf einen Besuch an der Küste ausgelegt. Dem müsste ich Abhilfe schaffen. Gibt es hier irgendwo einen Laden, wo ich etwas Brauchbares finde?«

Lena legte sich den Zeigefinger ans Kinn. »Die Auswahl ist nicht sehr groß, aber ein paar gibt es schon.« Sie erklärte Lena den Weg zu mehreren kleinen Boutiquen im Ort und schloss mit den Worten: »Und wenn du sonst noch etwas brauchst, lass es mich einfach wissen.«

Da war sie wieder, diese geradezu rührende Hilfsbereitschaft – von der sich Carla allmählich wirklich fragte, ob Lena sie allen anderen Gästen im selben Ausmaß zuteilwerden ließ. Lächelnd antwortete sie: »Vielen Dank. Ich werde einfach versuchen, mich heute ein wenig abzulenken.«

Lena nickte. »Aber zieh dich warm an, es ist ziemlich stürmisch im Moment.«

»Ja, ich habe gelesen, dass es um diese Jahreszeit hier viele Stürme gibt. Wenn ich mich recht erinnere, gab es 2006 an Allerheiligen eine schwere Sturmflut.« Plötzlich sprudelten die Worte aus Carla hervor, als habe Lena mit ihrer freundlichen Mahnung einen Schalter umgelegt: »Das war das Orkantief Britta, oder? Dabei gab es schwere Schäden an den Dünen.«

Lena grinste sie an. »Du scheinst eine wandelnde Enzyklopädie zu sein. Das hätten vermutlich die meisten Einheimischen nicht so gut zusammengebracht.«

Verlegen murmelte Carla: »Ich merke mir einfach viel von dem, was ich lese.«

»Beeindruckend. Ich wünschte, das könnte ich auch«, meinte Lena, dann stand sie auf. »Ich muss leider noch arbeiten, sonst hätte ich dich gern begleitet. Wir sehen uns später. Und viel Spaß.«

***

Nachdem Carla den Raum verlassen hatte, folgte Lena ihrem Vater in die Küche. Sie musste noch einmal mit ihm sprechen. Dass er sie vor Carla wie ein störrisches kleines Kind behandelt hatte, ging einfach nicht an.

Etwas zu kräftig stieß sie die Küchentür auf.

»Ich sehe, du denkst doch noch daran zu arbeiten«, bemerkte Friedrich Peters. Er war gerade dabei, die Küchenschränke zu inspizieren. »Das sah auch schon einmal ordentlicher aus.«

Lena spürte einen scharfen Stich in ihrer Brust. Sie gab ihr Bestes, jeden Tag. Aber ihrem Vater konnte sie es niemals recht machen. Er fand immer irgendwo ein Haar in der Suppe – wenn auch glücklicherweise nie im wörtlichen Sinn. »Ach, Papa«, war alles, was sie ein wenig resigniert erwiderte.

»Helena, du weißt, wie wichtig diese Pension für mich, für unsere Familie ist. Lass sie nicht den Bach runtergehen.« Der Tonfall ihres Vaters war streng. Als sei Lena immer noch die kleine Fünfjährige, die sich beim Herumtoben die Hose zerrissen hatte.

Sie gab sich Mühe, nicht trotzig, sondern ruhig und sachlich zu antworten: »Natürlich weiß ich das. Du erinnerst mich jeden Tag daran. Aber du musst mich auch machen lassen. Du kannst mir vertrauen.« Denn genau das war das Problem. Nach dem Schlaganfall hatte er ihr zwar nach und nach alle Aufgaben übertragen, auch wenn die Pension offiziell noch ihm gehörte – doch er konnte einfach nicht loslassen. Er war noch immer der Chef, das rief er Lena bei jeder Gelegenheit in Erinnerung. Und alles, was Lena an Neuerungen vorschlug, blockte er ab.

»Ja, ja«, grummelte er nun.

»Und bitte führe in Zukunft keine Diskussionen mehr mit mir vor unseren Gästen. Was sollen sie von uns denken?« Lena sah ihren Vater eindringlich an. Sie wusste, dass dieses Argument zog.

Er lächelte ein wenig. »Du kennst mich doch. Einen alten Hund wie mich kann man nicht so leicht ändern.«

»Aber versuchen kann ich es doch wenigstens.« Lena lächelte zurück.

»Was macht denn eigentlich Tillmann?«, wechselte ihr Vater abrupt das Thema.

Der kurze Moment der Entspannung zwischen ihnen war vorüber. Lena merkte richtig, wie sich in ihr alles verschloss. Tillmann war das Letzte, worüber sie in diesem Moment reden wollte. »Fang nicht schon wieder damit an«, sagte sie mühsam beherrscht.

»Es interessiert mich eben.«

»Mich nicht«, war alles, was Lena noch dazu zu sagen hatte. Dann drehte sie sich um und verließ die Küche. Sie hätte es wissen müssen. Gespräche mit ihrem Vater liefen immer nach dem gleichen Muster ab. Nach über dreißig Jahren sollte sie sich endlich daran gewöhnen.

***

Den ganzen Tag über hatte Carla dieses seltsame Kribbeln gespürt – eine innere Unruhe, die sie sich nicht erklären konnte. Es war keine unangenehme Empfindung, ganz und gar nicht. Aber es war verwirrend. Unerwartet. Es ergab keinen Sinn.

Jetzt, wo das Abendessen anstand, nahm das Kribbeln sogar noch zu. Allein der Gedanke an die Wirtschaft und Lena, die sie dort erwartete, zauberte ein Lächeln in Carlas Gesicht.

Das war doch nun wirklich nicht normal. Vor gerade einmal etwas mehr als vierundzwanzig Stunden hatte sie erfahren, dass ihre langjährige Freundin sie schamlos betrog. Sollte sie da nicht in ein tiefes Loch fallen? Oder zumindest traurig sein? Sicher, sie war normalerweise kein Mensch, der zu übermäßigen Gefühlsausbrüchen neigte. Aber gerade das machte auch diese Aufwallungen von – ja, man musste es wohl so nennen – Vorfreude um so unverständlicher.

Auf dieser Insel schien tatsächlich nichts mehr normal zu sein.

Teil 06

***

Carla erwachte mit Kopfschmerzen. Die Nacht war viel zu kurz gewesen. Nachdem sie auf ihr Zimmer gekommen war, war die rauschartige Wirkung des Weins verflogen und auch die angenehme Wärme und Zuversicht, die sie in Lenas Nähe gespürt hatte. Ihr Handy hatte mehrere Anrufe und SMS von Nadia angezeigt, aber Carla hatte sie nicht lesen wollen. Sie hatte das Handy einfach ausgeschaltet und in die hinterste Ecke ihrer Nachttischschublade geschoben. Hier brauchte sie es nicht. Nadia konnte ihr gestohlen bleiben.

Dann hatte sie sich lange im Bett hin und her gewälzt. Die Gedanken wollten einfach nicht aufhören zu kreisen. Ausgerechnet so ein junges Flittchen hatte sich Nadia ausgesucht . . . diese Frau konnte ihr doch niemals ebenbürtig sein. Immer wieder hatte Carla darüber nachgedacht, was bei ihnen beiden schiefgelaufen war, an welchem Punkt sie die entscheidende Veränderung nicht mitbekommen hatte. Aber sie hatte keine Klarheit gewonnen.

Jetzt richtete sie sich in ihrem Bett auf. Es war gerade acht Uhr, aber wozu sollte sie länger liegen bleiben?

Schnell sprang sie unter die Dusche und machte sich ein wenig zurecht. Viel Kosmetik hatte sie nicht dabei. Üblicherweise teilte sie sich das meiste mit Nadia, das hatte sie auch dieses Mal vorgehabt. In Nadias Hotelzimmer. Nicht in einer kleinen Pension auf Juist.

Ihr Spiegelbild machte einen ziemlich mitgenommenen Eindruck. Auch die getönte Tagescreme konnte keine Abhilfe schaffen.

Die Wahl eines passenden Outfits für den Tag war schwierig. Die wenigen Kleidungsstücke, die Carla mitgenommen hatte, waren weniger für einen Inselausflug geeignet als für einen Theaterbesuch. Also entschied sie sich für die einzige Jeanshose, die sie dabeihatte, und den einzigen Pullover. Vielleicht konnte sie Lena fragen, wo sie hier etwas Geeigneteres kaufen konnte.

Der Gedanke an Lena erhellte augenblicklich ihr Gemüt. Sofort erschien Lenas bezauberndes Lächeln vor ihrem inneren Auge. Die wunderschön geschwungenen Lippen, die ebenmäßigen Zähne. Lena hatte etwas an sich, das sie faszinierte, das konnte Carla nicht leugnen. War das nur ihr attraktives Äußeres – oder noch etwas anderes?

Nein, sagte sich Carla. Sie interpretierte in Lena sicher nur etwas hinein, was sie bei Nadia vermisst hatte.

Rasch wickelte sie sich noch ein farblich abgestimmtes Halstuch um und verließ das Zimmer. Im Flur duftete es bereits herrlich nach frischem Kaffee. Ein bisschen Koffein würde sicherlich ihre Lebensgeister wecken und die dunklen Schatten unter ihren Augen vertreiben.

Als sie die Treppe hinunterging, hörte sie ein gemurmeltes »Guten Morgen«. Ein älteres Paar kam ihr entgegen. Das mussten die anderen Gäste sein, von denen Lena gestern gesprochen hatte. Carla grüßte freundlich zurück. Dann stieß sie die Tür zum Gastraum auf.

Lena stand hinter der Theke und ging irgendwelche Papiere durch. Doch Carla blieb keine Zeit, sie aus der Entfernung zu studieren, denn das Zuschlagen der Tür hatte ihr Kommen verraten. Lena sah auf.

»Du bist ja schon wach.« Sie strahlte Carla entgegen. »Du hättest doch ausschlafen können.«

Carla zuckte mit den Schultern. »Danach stand mir der Sinn nicht so wirklich.«

»Ja, das kann ich verstehen. Konntest du denn trotzdem ein wenig schlafen?« Lena kam hinter dem Tresen hervor.

»Ich habe mehrere tausend Schäfchen gezählt«, behauptete Carla und versuchte ein Lächeln. »Aber das Bett war sehr bequem.«

»Wenigstens etwas.« Lena deutete auf einen gedeckten Tisch – denselben, an dem sie am Abend zuvor gesessen hatten. »Dieser Tisch ist für dich. Kaffee oder Tee?«

»Kaffee, wenn es geht.«

Lena zwinkerte ihr zu. »Ich habe dir doch versprochen, dir alle Wünsche zu erfüllen, wenn es möglich ist. Kaffee ist jedenfalls kein Problem. Darf ich dir ein Rührei machen?«

Carla setzte sich. Auch wenn sie nicht allzu viel Appetit hatte – Lenas Angebot, oder vielleicht auch dem bezaubernden Augenaufschlag, der es begleitete, konnte sie nicht widerstehen. »Gern.«

»Prima.« Lena strahlte wieder. »Ansonsten kann ich dir außer Brötchen, Aufschnitt, Käse und Marmelade nicht viel bieten. Ich würde aber heute einkaufen. Möchtest du Müsli? Frischen Saft? Lachs?«

Jetzt musste Carla wirklich lachen. »Bist du zu allen Gästen so fürsorglich?«, fragte sie. »Oder willst du mich einfach mästen?«

Zu ihrer Überraschung entgleiste Lenas Lächeln. Mit einem Mal sah sie regelrecht hilflos aus. »Ja . . . nein . . . also . . .«, stammelte sie, als sei sie bei etwas Schlimmem ertappt worden.

»Mach dir bitte keine Umstände wegen mir«, warf Carla schnell ein. »Du musst dich nicht immer für das Essen entschuldigen.« Sie deutete auf den Korb mit den frischen Brötchen: »Brötchen reichen mir völlig. Und alles, was ich bisher hier probieren durfte, war großartig.«

Das schien Lena zu beruhigen. Sie lächelte Carla noch einmal zu und zog sich dann wieder hinter die Theke zurück.

Carla beschloss, nicht weiter über Lenas merkwürdige Reaktion nachzudenken, und genoss stattdessen lieber ihren Kaffee. In den letzten Monaten hatte sie sich nur selten die Zeit für ein ausgiebiges und entspanntes Frühstück genommen. In der Woche war sie meist vor Nadia aufgestanden und gleich in die Agentur gefahren, wo sie dann zwischendurch einen von zu Hause mitgebrachten oder unterwegs schnell gekauften Imbiss zu sich genommen hatte. Und auch am Wochenende war sie meist vor Nadia wach gewesen und hatte rasch allein gefrühstückt. Hätte sie auf ihre Freundin gewartet, wäre sie verhungert.

Sie sah auf, als ein älterer Mann den Gastraum betrat. Es war nicht der Gast, dem sie vorhin auf der Treppe begegnet war, stellte sie fest. In der rechten Hand hielt er eine Krücke, auf die er sich beim Laufen abstützte, und das linke Bein zog er etwas nach. Er nickte Carla zu und nuschelte ein »Moin«, aber sein Gesichtsausdruck blieb dabei grimmig.

Carla, die gerade auf einem Stück Brötchen kaute, konnte den Gruß nicht sofort erwidern und nickte nur zurück, aber das schien dem Mann egal zu sein. Zielstrebig steuerte er auf Lena zu und fragte in scharfem Ton: »Und, gibt es etwas Neues?« Er sprach so laut, dass Carla nicht weghören konnte.

Sie konnte deutlich sehen, wie Lena leicht die Augen verdrehte, als sie zurückgab: »Wie wär es mit ›Guten Morgen, schön, dich zu sehen?‹« Fast als täte ihr die impulsive Antwort im nächsten Moment leid, fügte sie noch hinzu: »Willst du dich nicht setzen?«

Der Mann nickte, und Lena half ihm auf einen der Barhocker am Tresen. Mit gerunzelter Stirn sah er sich im Raum um und brummte: »Ist ja nicht gerade voll hier.«

»Du weißt doch selbst, wie es Ende Oktober und im November ist.« Lena versuchte ruhig zu sprechen, das war ihr deutlich anzumerken. Wie zufällig schaute sie zu Carla hinüber. Als ihre Blicke sich begegneten, sagte sie mit gedämpfter Stimme: »Wir sollten nicht hier vor den Gästen diskutieren.«

Der Mann schien sich daran keineswegs zu stören. Er fuhr in der gleichen Lautstärke fort: »Du musst mir heute ein paar Medikamente aus der Apotheke besorgen. Und dann musst du unbedingt gucken, dass die Vorräte aufgestockt werden. Sind die Zimmer alle sauber? Hast du die Küche aufgeräumt?«

Lena atmete hörbar durch. »Papa, ich mache das nicht erst seit ein paar Tagen. Du weißt doch, dass du dich auf mich verlassen kannst.«

Teil 05

»Aber ein bisschen Wein geht noch, oder?« Ohne Carlas Antwort abzuwarten, füllte Lena ihre Gläser nach und setzte sich wieder. Dann fragte sie leise: »Und hast du dir überlegt, ob Reden nicht vielleicht helfen würde?«

Carlas Finger trommelten auf die Tischplatte. »Das ist eine komplizierte Geschichte«, murmelte sie, ohne Lena anzusehen.

»Ich habe Zeit.«

Carla war nicht gut darin, über ihre Gefühle zu sprechen. Mit Fremden schon gar nicht. Und das war Lena – trotz dieser eigentümlichen Vertrautheit, die von ihr ausging und Carla den Eindruck vermittelte, sie schon länger zu kennen. Das musste an Lenas fürsorglicher Art liegen. So etwas war Carla einfach nicht gewohnt, dass jemand ihr alle Wünsche von den Augen ablas. Von Nadia schon gar nicht. Meist war es Carla, die herauszufinden versucht hatte, wie sie Nadia eine Freude machen konnte. Doch eigentlich waren sie beide vor allem um sich selbst gekreist, musste Carla jetzt zugeben.

Verdammt, musste sie denn ständig wieder bei Nadia landen? Nadia war im Augenblick die Böse. Jede würde im Moment besser dastehen als Nadia, nicht bloß Lena. Immerhin hatte Nadia sie hintergangen, betrogen. Und wer weiß, wie lange das schon ging . . . Unwillkürlich betrachtete Carla ihren Finger, an dem sie vor kurzem noch Nadias Ring getragen hatte. Jetzt war nur noch ein weißer Streifen vom letzten Sommerurlaub zu sehen.

»Liebeskummer?«, riet Lena, die Carlas Blick und den hellen Streifen bemerkt haben musste.

Carla seufzte. »Ja, so in etwa.« Sie stockte, plötzlich erschrocken von ihrer eigenen Courage. Konnte sie Lena die Wahrheit sagen? Würde sie es verstehen? Aber aus irgendeinem Grund wollte sie auf einmal darüber sprechen. Es war, als dränge die ganze traurige Geschichte mit aller Macht nach draußen. »Ich bin . . .«, begann sie und merkte, wie ihr erneut Tränen in die Augen schossen.

Lena langte über den Tisch herüber und ergriff ihre Hände. Eine angenehme Wärme ging von dieser Berührung aus. »Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht möchtest. Das war nur ein Angebot.«

Carla schloss die Augen, schluckte die Tränen hinunter und sammelte sich. »Doch«, murmelte sie. »Ich habe nur das Gefühl, erst wenn ich es ausspreche, ist es wirklich wahr.« Sie hielt den Kopf ein wenig schief und sah Lena traurig an. »Albern, oder?«

Lena schüttelte den Kopf. »Nein, ich kann das verstehen.«

Carla holte noch einmal tief Luft, und dann kamen die Worte wie von selbst: »Ich bin betrogen worden. Wahrscheinlich schon länger. Dabei wollte ich Nadia einfach zu ihrem dreißigsten Geburtstag überraschen . . . Und sie vergnügt sich mit einer anderen im Hotelzimmer.« Sie starrte in die Ferne. Ihre Hände lösten sich aus Lenas und ballten sich zu Fäusten. »Sie hat behauptet, es sei eine Dienstreise. Und ich habe es ihr auch noch geglaubt. Immerhin hatten wir viele Kunden in Bremen. Wir sind immer mal wieder beruflich dort gewesen. Aber meistens zusammen.« Eine Träne kullerte ihre Wange hinunter. Sie griff nach einer Serviette, um sie abzuwischen.

Lena stand auf, kam um den Tisch herum und setzte sich neben Carla. Ganz selbstverständlich legte sie den Arm um sie und sagte mitfühlend: »Das tut mir leid.«

Carla ließ es einfach geschehen. Die Tränen flossen jetzt ungehemmt. Aber eigenartigerweise spürte sie fast so etwas wie Erleichterung. Lenas Wärme tat gut. Sie war nicht allein.

»Wie konnte sie mir das nur antun?«, schluchzte sie. »Ich war fest davon überzeugt, dass uns so etwas nicht passieren kann.« Sie schmiegte ihren Kopf an Lenas Schulter. Es tat so gut. Lena roch nach einem Hauch von Apfel.

Sanft streichelte sie durch Carlas Haare. »Sie muss sehr dumm sein, dich einfach gehen zu lassen.«

Carlas Herz schlug schneller. Was war nur los mit ihr? Ihre Hormone mussten heute verrückt spielen. Sie durfte sich nicht so gehen lassen. »Schluss jetzt«, ermahnte sie sich laut. »Ich sollte dich nicht mit meinen Gefühlsduseleien belästigen. Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.« Sie stand auf. »Deswegen versuch ich jetzt ein wenig zu schlafen.« Mit einem Mal hatte sie nur noch den Wunsch, sich möglichst schnell aus dieser peinlichen Situation zu befreien.

Lena war von dieser plötzlichen Wandlung sichtlich irritiert. »In Ordnung«, sagte sie langsam und erhob sich ebenfalls. »Komm einfach morgen zum Frühstück runter, wenn du wach bist. Ich bin sowieso hier. Du kannst ruhig ausschlafen, wenn dir danach sein sollte.«

Carla stand bereits vor dem Treppenabsatz, als sie sich noch einmal umdrehte. Leise sagte sie: »Danke fürs Zuhören. Du hattest recht, manchmal tut Reden wirklich gut.« Sie schenkte Lena ein Lächeln. »Schlaf gut.«

***

Lena nahm die leeren Weingläser und brachte sie in die Küche. Es war Teil ihrer abendlichen Routine, die Wirtschaft aufzuräumen und die Küche zu säubern. Am Morgen alles dreckig vorzufinden war ihr zuwider. Sie stellte die Gläser in die Spülmaschine und startete das Spülprogramm.

Carla hatte sich also frisch getrennt. Kein Wunder, dass sie so durch den Wind war. Lena nahm einen Lappen und die Flasche mit dem Putzmittel und begann die Arbeitsfläche sauberzuwischen. Und offensichtlich war Carla lesbisch, zumindest war sie mit einer Frau zusammen gewesen.

Dass das Schicksal so grausame Scherze mit Lena treiben musste . . . Wann verirrte sich schon einmal eine äußerst ansehnliche, lesbische Frau zu ihr? Niemals – nur jetzt.

Ausgerechnet jetzt! Ausgerechnet hier! Hätte es nicht wenigstens eine hässliche Frau sein können? Eine langweilige? Eine, die ihren Puls nicht bei jeder Berührung zum Rasen brachte?

Mit einem Schwamm scheuerte Lena die Armaturen. Sie durfte sich gar nicht erst in irgendetwas hineinsteigern. Das würde ohnehin zu nichts führen. Und was sollte das auch? Ihr Leben war glücklich, so wie es war. Sie musste endlich lernen, sich mit dem zufriedenzugeben, was sie hatte. Alles andere war nur eine unsinnige Spinnerei.

Lena polierte die Flächen mit einem trockenen Tuch, bis alles glänzte. Eigentlich war es nicht die richtige Zeit für einen so gründlichen Putz. Aber sie konnte nicht anders. An Schlaf würde ohnehin nicht zu denken sein.

In der blitzblanken Spüle schien sich Carlas Gesicht zu spiegeln. Diese wunderschönen blauen Augen, die sie so traurig angesehen hatten. Das makellose Gesicht, umrahmt von den kurzen, blonden Haaren. Nur wenige Frauen schafften es, mit einem solchen Haarschnitt so elegant auszusehen.

Lena wischte schneller, um das Bild zu vertreiben.

Sie würde nur noch rasch das Frühstück für morgen vorbereiten und dann ins Bett gehen. Morgen früh sah die Welt sicher ganz anders aus, das hatte auch Carla gerade noch gesagt.

Schon wieder Carla . . .

Sie nahm Geschirr aus dem Schrank. Auch wenn sie nur für wenige Gäste eindecken musste, so wollte sie es lieber noch am Abend erledigen. Mit geübten Bewegungen verteilte sie die Teller und Tassen. An dem Platz, an dem Carla vorhin gesessen hatte, gab sie sich besonders viel Mühe. Immer wieder hatte Carla das Besteck, ihr Glas und die Serviette entlang der Tischdecke oder der Tischkante ausgerichtet. Es war beinahe ein wenig zwanghaft gewesen. Aber nur beinahe. Und auf der anderen Seite auch unglaublich süß, wenn sich dabei diese kritische Falte auf Carlas Stirn gebildet hatte.

Lena seufzte. Was hatte das nur zu bedeuten?

Teil 04

Carla nippte an ihrem Wein. Er schmeckte wunderbar. Und schon nach wenigen Schlucken bereute sie es, an diesem Tag nicht mehr gegessen zu haben. Der Alkohol stieg ihr sofort zu Kopf. Aber wenigstens fühlten sich ihre Gedanken ein wenig leichter an.

Sie wandte den Kopf zur Seite und sah aus dem Fenster. Doch draußen war es zu dunkel, um viel zu erkennen. Morgen würde sie die Gegend ein wenig erkunden, vielleicht einen Strandspaziergang machen. Mit wenigen Schritten war man in den Dünen, und dahinter musste der Strand liegen. Genau genommen konnte man ihn auf einer Insel, die teilweise gerade fünfhundert Meter schmal war, von überall aus in kürzester Zeit erreichen.

Ein herrlicher Duft zog aus der Küche zu ihr herüber. Diese Lena schien eine gute Köchin zu sein. Erneut ließ Carlas Magen ein lautes Knurren hören. Wenn es nur halb so gut schmeckte, wie es roch, konnte sie sich auf ein ausgezeichnetes Essen freuen – und das tat sie sogar, stellte sie überrascht fest. Es musste die Seeluft sein, die ihren Appetit anregte.

Nadia hatte nie gern in der Küche gestanden, ging es ihr durch den Sinn, und den Kochlöffel hatte sie gar nicht erst angefasst . . .

Sie seufzte. Das konnte ja heiter werden, wenn sie bei jeder Kleinigkeit an Nadia denken musste. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Hände im Nacken.

Jetzt war sie also wieder Single. Eine einunddreißigjährige, intelligente Frau, erfolgreiche Eventmanagerin, die alles schaffte, was sie sich vornahm – nur in ihrem Privatleben nicht. Dort versagte sie regelmäßig.

»Voilà!« Lena stellte einen Teller und eine kleine Schüssel Salat vor ihr ab.

Carla schrak aus ihren Grübeleien auf. Sie hatte Lena gar nicht kommen hören. Überrascht starrte sie auf die enorme Portion auf ihrem Teller. »Das sieht sehr gut aus. Aber wer soll das alles essen?«

»Das schaffen Sie schon. Seeluft macht hungrig.« Lena lachte und nahm das leere Weinglas in die Hand. »Noch eins?«

Carla schüttelte den Kopf. Sie hatte schon genug getrunken. »Besser nicht.«

Doch Lena schien sich nicht so schnell geschlagen zu geben. Sie sah Carla direkt in die Augen: »Und wenn ich eins mit Ihnen trinke?«

Erst in diesem Moment fiel Carla auf, wie schön Lena war. Ihre Gesichtszüge waren zart, ganz anders als die wilde Lockenmähne, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Und ihre grünen Augen funkelten Carla herausfordernd an. Plötzlich war Carla schwindelig. Was waren das bloß für Gedanken? Daran konnte nur der Wein schuld sein.

Als Carla nichts erwiderte, räusperte sich Lena und schlug die Augen nieder. »Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.« Eine leichte Röte überzog ihre Wangen. Sie wandte sich zum Gehen.

»Warten Sie«, hörte Carla sich selbst sagen. »Ich würde mich freuen.« Sie war sich nicht sicher, was plötzlich in sie gefahren war und was sie hier eigentlich tat. Aber ein wenig Gesellschaft konnte vermutlich nicht schaden. Sie fuhr fort: »Allerdings nur unter der Bedingung, dass wir uns duzen. Sonst ist das irgendwie merkwürdig für mich.«

Lenas Miene hellte sich schlagartig auf. »Ich bin sofort wieder bei dir.« Nur Sekunden später trat sie mit einer Flasche Wein und zwei sauberen Gläsern wieder an den Tisch, schenkte ihnen beiden ein und setzte sich dann Carla gegenüber. Mit einer nachdrücklichen Geste in Richtung des gut gefüllten Tellers sagte sie: »Du solltest langsam anfangen zu essen, sonst wird es kalt.«

Carla hob entschuldigend die Schultern. »Ist heute einfach nicht mein Tag.« Sie nahm Messer und Gabel und begann zu essen.

Erst beim Essen merkte sie, wie hungrig sie war. Und es war köstlich. Sie musste sich regelrecht bemühen, nicht zu schlingen. Dabei wanderte ihr Blick immer wieder verstohlen zu Lena – die sie immer genau in diesem Moment auch zu beobachten schien. Sobald sich ihre Augen trafen, schaute Lena rasch weg.

Als Carlas Teller fast leer war, hob Lena ihr Glas. »Und nun stoßen wir darauf an, dass du in der Nebensaison ausgerechnet den Weg zu uns gefunden hast.« Sie prostete Carla zu.

»Bin ich etwa die Einzige, die hier wohnt?«, fragte Carla kauend.

»Nicht ganz. Ein älteres Ehepaar macht hier auch gerade Urlaub, sie werden aber morgen früh abreisen. Die nächsten Gäste sind erst in einigen Tagen angekündigt. Aber manchmal verirren sich ja auch Touristen zufällig zu uns.« Sie grinste Carla an. »Darüber freue ich mich besonders.«

Carla erwiderte das Grinsen nicht, sondern verzog die Mundwinkel. »Obwohl ich im Moment alles andere als eine angenehme Gesellschaft bin.« Sie spießte das letzte Stückchen Schnitzel auf ihre Gabel.

»Na ja«, lenkte Lena ein. »Du siehst bedrückt aus, das stimmt. Aber du bist höflich und freundlich, das ist nicht für jeden selbstverständlich.« Sie nahm einen großen Schluck Wein, als wolle sie weitere Worte, die ihr auf der Zunge lagen, damit hinunterspülen.

Carla legte das Besteck ab und achtete ganz automatisch darauf, dass Messer und Gabel genau im richtigen Winkel auf dem Teller ausgerichtet waren und den Tellerrand exakt gleich weit überragten. Merkwürdige und verrückte Angewohnheiten, so nannte Nadia diese kleinen Eigenheiten. Ach, verflixt. Immer wieder Nadia . . . alle Gedanken führten zu ihrer Partnerin.

Expartnerin. Schmerzerfüllt stöhnte sie auf.

»Einen Cent für deine Gedanken«, holte Lena sie wieder in die Realität zurück. »Ich würde wirklich gern wissen, was in deinem Kopf vor sich geht.« Ihre Stimme war sanft.

Carla machte eine wegwerfende Handbewegung. »Nicht so wichtig.«

»Aber wichtig genug, dass du die ganze Zeit damit beschäftigt bist.« Lena nahm ihr Glas in die Hand und beobachtete, wie der Wein kleine Wellen schlug. »Weißt du«, sagte sie, den Blick unverwandt auf den Wein gerichtet, »manchmal hilft es einfach, darüber zu reden. Und manchmal ganz besonderes mit einer Fremden . . . jemand Außenstehendem.«

Lenas Finger, die den Stiel des Glases umfasst hielten, waren feingliedrig und zart. Sie passten genau zu dieser sehr femininen Frau mit den filigranen Gesichtszügen und der zierlichen Figur. Ein Ring war nicht zu sehen, fiel Carla auf.

Als ihr bewusst wurde, dass sie schon seit einer ganzen Weile Lenas Hand anstarrte, statt auf ihre Bemerkung zu reagieren, senkte sie hastig den Blick und sah stattdessen ihren Teller an. Etwas Unverfänglicheres.

Unvermittelt sprang Lena auf. »Oh mein Gott, ich bin eine schlechte Wirtin«, rief sie und nahm den benutzten Teller vom Tisch. »Das war wirklich unaufmerksam von mir. Entschuldige.«

»So ein Quatsch. Ist doch überhaupt kein Problem.« Es war richtig süß, dachte Carla, wie Lena um sie herumwuselte, als sei die Gaststätte bis auf den letzten Platz gefüllt.

Lena entschwand mit dem schmutzigen Geschirr in die Küche, um kurz darauf hinter der Tür hervorzulugen: »Möchtest du noch einen Nachtisch?«

Carla hielt sich den Bauch. »Das ist wirklich nett. Aber wenn ich nur noch ein klitzekleines bisschen esse, platze ich.«

Lächelnd kam Lena wieder auf den Tisch zu. »Das wäre zu schade.« Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte.

Fast hätte Carla glauben können, dass Lena mit ihr flirtete.

Teil 03

Nanu? Das war merkwürdig. Normalerweise plante man seinen Urlaub doch zumindest so weit, dass man dessen Länge konkret benennen konnte. Doch Lena ließ sich nichts anmerken. »Kein Problem. Sie können so lange bleiben, wie Sie möchten. Ich erwarte erst einmal keine Gästeflut.« Sie zog das Buch mit den Reservierungen aus seinem Fach und legte es auf die Theke. »Ich nehme an, ein Einzelzimmer?«

Carla nickte.

Lena schrieb Carlas Namen und eine Zimmernummer auf. Dann reichte sie ihrem Gast den Schlüssel. »Die Zimmer sind in der ersten Etage«, erklärte sie dabei. »Die Treppe ist direkt am Eingang. Aber ich kann Sie gern auf Ihr Zimmer begleiten und Ihnen alles zeigen.«

»Das ist nicht nötig.«

»Ach, ich mache das gern.« Lena deutete mit dem Kopf in Richtung Treppe und lief los, ehe Carla protestieren konnte. »Kommen Sie.«

Carla folgte ihr ohne weiteren Widerstand. Irgendetwas bedrückte sie, da war Lena sich sicher. Die hochgewachsene, blonde Frau machte ein wenig den Anschein, als sei sie auf der Flucht. Doch Lena war zuversichtlich, dass sie herausfinden würde, was ihr auf dem Herzen lag. Sie war eine gute Zuhörerin. Vielleicht könnte sie Carla sogar etwas aufheitern.

Sie schloss die Zimmertür auf. Das Zimmer war nicht sehr groß und eher zweckmäßig eingerichtet, aber Carla wirkte nicht so, als hätte sie große Ansprüche. Lena streckte einladend den Arm aus und sagte: »Richten Sie sich doch ein, und dann kommen Sie noch einmal runter, damit ich Ihnen Abendessen kochen kann.«

Carla schüttelte leicht den Kopf. »Ich bin nicht hungrig.«

»Eine warme Mahlzeit wird Ihnen guttun.« Instinktiv legte Lena die Hand auf Carlas Oberarm. Sie wusste selbst nicht, warum sie das tat. Normalerweise wahrte sie den angemessenen Abstand zu ihren Gästen. Doch sie zog die Hand nicht weg, sondern sagte nur mit fester Stimme: »Ich warte unten auf Sie. Und lassen Sie mich wissen, wenn Sie sonst noch etwas brauchen.«

Carla zog ihre Jacke aus, wodurch Lenas Hand von ihrem Arm rutschte, und legte sie auf einem Stuhl ab. »Ich überlege es mir«, sagte sie leise. »Vielen Dank.«

Die schöne Fremde trug einen grauen Blazer, darunter eine enganliegende hellblaue Bluse und eine dunkle Stoffhose. Das passte ebenso wenig zu einem Urlaub auf einer ostfriesischen Insel wie ihre schwarzen Pumps. Aber Lena konnte nicht leugnen, dass Carla eine äußerst attraktive Frau war. Eine Frau, wie sie schon lange keine mehr gesehen hatte.

Rasch riss sie sich aus diesen Überlegungen und meinte: »Dann bis gleich.« Leise schloss sie die Tür hinter sich. Auf der Treppe schüttelte sie energisch den Kopf: Solche Gedanken sollte sie gar nicht erst haben. Aber wahrscheinlich war es einfach nur eine Art Beschützerinstinkt, weil diese Carla trotz ihrer eleganten Erscheinung so zerbrechlich wirkte.

***

Carla spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, um die roten Flecken und die geschwollenen Augen ein wenig abzumildern.

Was für ein Tag. Als sie vor elf Stunden aufgestanden war, hätte sie sich nicht im Entferntesten vorstellen können, dass sie am Abend Single sein würde. Sie hatte immer gedacht, dass Nadia glücklich mit ihr war, so wie sie es auch mit Nadia war. Natürlich, die Aufregung und das Kribbeln der Anfangszeit waren gewichen, aber das war doch normal nach ein paar Jahren. Sie hatten ein beständiges, zufriedenes Leben geführt, und Carla war überzeugt gewesen, dass sie sich auf Nadia verlassen konnte. Dass sie ihr blind vertrauen konnte.

Darin hatte sie sich offensichtlich getäuscht.

Sie trocknete sich das Gesicht ab. Nachdenklich sah sie sich selbst im Spiegel in die Augen. Ihre Erfahrung hätte sie warnen müssen: Jacqueline, ihre erste große Liebe, hatte sie damals ebenfalls Knall auf Fall verlassen. Sie habe Carlas emotionale Zurückhaltung nicht mehr ausgehalten. So ähnlich hatte sie es ausgedrückt.

Carla seufzte tief und musterte ihr Spiegelbild stirnrunzelnd. Sie lernte schnell, war belesen und klug – das wurde ihr zumindest nachgesagt. Nur in Gefühlsangelegenheiten ließ ihre Intelligenz sie offenbar komplett im Stich. In dieser Hinsicht kam sie sich manchmal wie eine Erstklässlerin vor.

Sie seufzte noch einmal, wandte sich vom Spiegel ab und machte sich daran, ihre Sachen in den Kleiderschrank zu räumen. Das Zimmer war ziemlich klein, aber mit Liebe zum Detail eingerichtet: Kleine Bilder von bunten Blumen dekorierten die Wände, die warmen Brauntöne der Vorhänge und des Teppichbodens waren perfekt aufeinander abgestimmt, sogar die Bettwäsche passte dazu. Und die Besitzerin schien sehr nett zu sein.

Genau in diesem Moment erinnerte das Knurren ihres Magens Carla daran, dass Lena unten mit dem Essen auf sie wartete. Appetit hatte sie zwar nicht, aber es wäre unhöflich gewesen, das Angebot nicht anzunehmen. Auf dem Zimmer würde sie ohnehin nur grübeln. Etwas Ablenkung würde ihr guttun.

Sie gab sich einen Ruck und ging hinunter in die Wirtschaft. Dort war niemand außer Lena, die Besteck in die Schublade eines massiven, dunklen Holzschranks einsortierte. Sie hob den Kopf, als Carla den Raum betrat.

»Da sind Sie ja!« Lena lächelte freundlich. Dabei tanzten die winzigen Sommersprossen, die ihre Nase zierten, durch ihr Gesicht. »Suchen Sie sich ein schönes Plätzchen aus. Was möchten Sie trinken?«

Mit so viel guter Laune konnte Carla heute nur schwer umgehen. Sie würde sicherlich kein besonders liebenswürdiger Gast sein. Suchend sah sie sich um. Fast bereute sie nun doch, nicht einfach im Zimmer geblieben zu sein.

Lena hatte ihre Unentschlossenheit offenbar bemerkt. »Ich sitze am liebsten hier, am Fenster«, meinte sie und deutete auf einen Tisch in einer Ecke.

Carla ging langsam dorthin und nahm Platz. Was spielte es schon für eine Rolle, wo sie saß? Lena folgte ihr und reichte ihr einen Zettel, der sich als improvisierte Speisekarte herausstellte.

»Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich, »aber da wir im Moment nur wenige Gäste haben, ist das Angebot sehr reduziert. Wenn Sie spezielle Wünsche für die nächsten Tage haben, kann ich das sicherlich einrichten. Sagen Sie einfach Bescheid.«

Carla studierte die Speisen. Schnitzel in verschiedenen Variationen, Bohnensuppe, Bratkartoffeln. Das passte genau in das Bild, das die Wirtschaft selbst bot, mit den dunklen Holzvertäfelungen und schweren, dunklen Vorhängen vor den Fenstern: gutbürgerlich, konservativ, bodenständig, vielleicht etwas altmodisch.

Lena stellte ungefragt ein Glas Rotwein vor Carla ab und zwinkerte ihr zu. »Sie sehen so aus, als könnten Sie das gebrauchen.«

Diese Frau schien nichts aus der Ruhe bringen zu können, ihre Freundlichkeit wirkte unerschütterlich. Vorhin hatte Carla das noch gestört. Doch jetzt hatte sie das Gefühl, die Heiterkeit der anderen übertrage sich auf sie selbst und überdecke die Wunde in ihrem Herzen wie eine wohltuende Salbe.

»Vielen Dank«, antwortete sie. »Sehr aufmerksam. Ich würde dann das Schnitzel mit Bratkartoffeln und Spiegelei nehmen.« Es war das erste Mal an diesem Abend, dass ihr Lächeln nicht nur Schau war.

»Kommt sofort.«

Während Lena in der Küche verschwand, sah Carla sich etwas genauer um. Offensichtlich hatte Lena versucht, mit hellen Tischdecken, vielen Kerzen und frischen Blumen Akzente zu setzen und dem Raum mit seinen eher düsteren Farben etwas Wärme zu verleihen. Und zumindest ein bisschen Modernität. Ähnlich wie in ihrem Zimmer schien die Dekoration mit viel Bedacht ausgewählt worden zu sein.

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