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Teil 12

Da sah sie plötzlich Frau Gäbler auf den Flügel zusteuern, mit einer bedenklichen Miene statt des sonst so heiteren Gesichtsausdrucks. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Jetzt hatte sie sich gerade auf diesen Job eingestellt und mochte ihn sogar irgendwie . . . Womöglich war sie nicht adrett genug gekleidet in ihrem Herrenhemd? Oder hatte zu oft Take Five gespielt? Oder war es etwa verboten, Trinkgelder anzunehmen? Elf gab sich gedanklich einen Tritt in den Hintern, während sie weiterklimperte. Werd nicht hysterisch. Du wirst gleich erfahren, was los ist. Sie wird dich schon nicht rauswerfen. Gekonnt ließ sie das Lied ausklingen und wandte sich Frau Gäbler zu, die mittlerweile neben dem Flügel stand.

»Frau Suchaschewski, es tut mir leid, dass ich Sie unterbrechen muss. Da ist jemand am Empfang für Sie. Eine junge Dame. Wegen einer dringenden Familienangelegenheit.«

Elf hatte sich mental bereits auf eine Standpauke eingestellt. Mit dieser Information konnte sie erst einmal nichts anfangen. Eine junge Dame? Wer konnte das sein? Vielleicht war es eine Verwechslung. Es wusste ja eigentlich niemand, dass sie hier spielte. Außerdem kannte sie kaum jemanden in Stuttgart, schon gar keine jungen Damen.

Aber als sie beim Empfang ankam, stand da tatsächlich eine junge Frau. Ungefähr ihre Größe, sehr kurze braune Haare, modische Klamotten, Sonnenbrille auf und unangezündete Zigarette in der Hand. Als die Frau sich ihr zuwandte und die Brille abnahm, erkannte Elf sie: Das war Lizzy, die beste Freundin ihres Bruders. Sie hatte sie auf dem Fest kennengelernt, und einmal war sie auch zusammen mit ein paar anderen abends zu Besuch gekommen. Elf erinnerte sich, dass sie sie als nett eingestuft hatte, obwohl Lizzy sie ziemlich unverblümt abgecheckt hatte. Fritz hatte ihr später erzählt, dass Lizzy ein schlimmer Finger sei, und sich über seinen eigenen Witz halb totgelacht.

»Verstehst du nicht, Elf, eine Lesbe als schlimmen Finger zu bezeichnen ist irgendwie superkomisch!«

Als Elf nur abfällig gegrunzt hatte, hatte er aufgegeben und ihr stattdessen Einzelheiten über Lizzys Liebesleben erzählt. Beeindruckend, aber nicht ihr Fall – weder die Frau noch ihr Paarungsverhalten. Aber als Kumpel von Fritz fand sie sie definitiv passend.

Lizzy lächelte leicht gequält, als Elf nun auf sie zutrat. Elf reagierte mit einem fragenden Gesichtsausdruck. »Hallo«, grüßte sie. »Lizzy, stimmt’s? Woher weißt du, wo ich arbeite?«

Die Frage kam etwas schärfer als beabsichtigt. Aber es konnte ja sein, dass Lizzy sie womöglich als ihr nächstes Opfer auserkoren hatte und Fritz ihr dabei geholfen hatte, sie zu finden. Er wollte sie ja anscheinend unbedingt verkuppeln.

Lizzy schien kurz konsterniert wegen des strengen Tons, fing sich aber schnell wieder. »Äh, hallo, Elf. Fritz hat mir erzählt, dass du hier Klavier spielst. Und jetzt bin ich hier, weil . . . oh je, das ist echt schwierig.«

Elf starrte sie unerbittlich an. Nach einer Sekunde unbehaglichen Schweigens gab sich Lizzy einen Ruck.

»Fritz hatte einen Unfall und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Er ist vor ein paar Stunden operiert worden. Ich bin hier, um dich abzuholen und hinzubringen.«

Elf starrte sie einen Moment nur an. Ihr Verstand konnte den Worten keinen Sinn entnehmen. »Was?«, brachte sie mühsam heraus.

»Fritz ist im Krankenhaus«, wiederholte Lizzy. »Es ist nichts Lebensgefährliches. Er wurde operiert, und du sollst am besten gleich hinkommen.«

Elfs Gedanken standen still. Ihr Inneres schien zu gefrieren. Ihr großer Bruder hatte einen Unfall . . . Erst alle Fakten sammeln, ermahnte sie sich. Schnell zu ihm fahren. Jetzt musste sie ausnahmsweise mal für ihn stark sein. Plötzlich sprudelten die Worte regelrecht aus ihr heraus: »Wo, wann, wie, welches Krankenhaus, wie geht es ihm?«

»Ich hab keine Ahnung, was passiert ist. Ich weiß nur, dass er im Hildegardhospital ist«, antwortete Lizzy. »Wenn das geht, kann ich dich jetzt gleich hinfahren. Ich bin mit dem Auto gekommen.«

Elf schluckte. Ihr war schwindlig. Wie ferngesteuert ließ sie Lizzy stehen und machte sich auf die Suche nach Frau Gäbler, um ihr Bescheid zu sagen. Was ihre Chefin zu ihr sagte, nahm sie kaum richtig wahr: Dass es in Ordnung sei, sie könne gehen. Dass sie Verständnis habe, dass es schrecklich sei, dass der Bruder im Krankenhaus liege. Und sie hoffe, es sei nichts Schlimmes. Sie solle doch dann bitte anrufen und mitteilen, wann sie wieder käme.

Etwas ruhiger ging Elf zu Lizzy zurück, und gemeinsam verließen sie das Hotel. Elf ging stumm hinter Lizzy her auf einen dunkelblauen Kleinwagen zu.

»Hab ich mir extra von meiner Mitbewohnerin geliehen. Meiner ist in der Werkstatt«, versuchte Lizzy das drückende Schweigen zu brechen.

»Gut«, kommentierte Elf.

Sie war ja in der Tat dankbar, dass Lizzy sie abholte. Aber Small Talk ging jetzt gerade so gar nicht. Vielleicht sollte sie ihrer Fahrerin das sagen . . . »Sorry, Lizzy. Ich bin echt froh, dass du gekommen bist. Ich bin nur gerade nicht in Gesprächslaune.«

Lizzy war sichtlich erleichtert. Ihre Körperhaltung lockerte sich. »Alles klar. Kein Problem. Mach dir keinen Kopf. Sieh mich einfach als dein Taxi an.«

Schweigend fuhren sie durch die Stadt, wesentlich schneller als erlaubt. Lizzy kannte alle Blitzen auf dem Innenstadtring und bremste jedes Mal rechtzeitig ab. Am Krankenhaus angekommen, parkte sie das Auto im Halteverbot und legte einen Presseausweis auf das Armaturenbrett. »Auch von meiner Mitbewohnerin«, erklärte sie der skeptisch blickenden Elf.

An der Anmeldung der Unfallstation empfing sie eine resolut wirkende Frau, die, wie sich herausstellte, die Oberschwester der Station war. Nachdem Elf sich als die Schwester von Herrn Suchaschewski zu erkennen gegeben hatte, klärte sie sie bereitwillig über seinen Zustand auf. Keine ernsten Verletzungen bis auf den komplizierten Bruch – das war beruhigend. Aber Elf wollte ihn jetzt doch gern persönlich begutachten.

»Zimmer null-fünfzehn. Dr. Felsberg ist auch gerade bei ihm«, sagte die Oberschwester.

Elf nickte. Das war praktisch, dann könnte sie ja gleich mit seinem behandelnden Arzt sprechen. Warum Lizzy so dämlich grinste, kapierte sie nicht.

Sie öffnete die Tür zu Zimmer null-fünfzehn. Das Erste, was sie sah, war die arrogante Blonde vom Sofa, die am Bett ihres schwer geschundenen Bruders stand. Komplett in Arztmontur, Stethoskop um den Hals, schwarze Hornbrille auf der Nase – von oben bis unten die kompetente Ärztin, die sie offensichtlich war.

Das darf ja wohl nicht wahr sein, war alles, was Elf denken konnte. Das ist also Dr. Felsberg. Passt ja.

Sie konnte sich nicht helfen, sie musste Hanna anstarren. Und das lag nur zum Teil an der unerwarteten Situation. Nicht nur, dass sie nicht damit gerechnet hatte, die andere wiederzusehen, schon gar nicht hier als Ärztin – vielmehr wurde ihr siedend heiß, als sie daran dachte, dass sie im Prinzip mit dieser Frau geschlafen hatte. Verdammt noch mal, sie sah noch viel besser aus als Elf sie in Erinnerung hatte. Die schöne Hanna, hatte Fritz gesagt . . . Sie schluckte schwer. Ihr ganzes Blut schien sich in ihrem Gesicht zu sammeln. War es möglich, in einem Arztkittel sexy auszusehen? Für Dr. Felsberg offenbar schon.

Reiß dich am Riemen, Elf. Dein Bruder ist verletzt, und du sabberst wegen einer Blondine. Einer Ärztin, die irgendwelche Spielchen mit dir getrieben hat, nicht zu vergessen.

Sie versuchte, eine gefasste Miene aufzusetzen, und positionierte sich am Fußende des Bettes, während Hanna ins Krankenblatt starrte.

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 11

Wahrscheinlich ist sie daheim sehr einsam. Hier hat sie wenigstens Menschen um sich rum. Für die dynamische Guste Doll war das vermutlich ein Lebenselixier. Vielleicht musste Hanna lediglich dafür sorgen, dass Frau Doll etwas hatte, wofür es sich lohnte aufzustehen. Sie nahm sich vor, der alten Dame zu versichern, dass sie nach ihrem Krankenhausaufenthalt nicht einfach nur daheim abgeliefert und sich selbst überlassen würde – jedenfalls nicht von ihr. Vielleicht könnte Guste Doll sogar die Großmutter sein, die Hanna nie gehabt hatte.

Nachdem sie diesen hehren Vorsatz gefasst hatte, wandte sie der Patientin wieder ihre volle Aufmerksamkeit zu. Wieder einmal hatte Frau Doll voll ins Schwarze getroffen. So spitz, wie sie das Wort »Nuklearmedizin« ausgesprochen hatte, war Hanna klar, was sie von Professor Wertheimers Steckenpferd und Hannas Wechsel hielt: nichts.

»Ja, Nuklearmedizin«, antwortete sie freundlich. »Das ist eine große Chance für mich. Oder sehen Sie das anders, Frau Doll?« Sie setzte sich ans Fußende des Bettes, vorsichtig darauf bedacht, Frau Doll nicht zu berühren und ihr Schmerzen zu bereiten. Eigentlich war es aus hygienischen Gründen nicht gestattet, dass sich Personal zu den Patienten aufs Bett setzte, aber Hanna machte in diesem Fall eine Ausnahme. Sie fragte sich, ob Frau Doll das wusste.

Die alte Patientin sah sie nachdenklich an. »Ist das das Richtige für Sie, meine Liebe? Sie sind viel zu feinfühlig für so ein Fachgebiet. Ich kenne mich ja in der Tat nicht besonders gut aus, aber mir scheint, dass Sie dort nicht sehr viel Kontakt mit Patienten haben.«

»Das stimmt«, gab Hanna zu. »Durch die Medikation sind die Strahlenwerte meistens zu hoch für einen direkten Umgang. Ärzte und Schwestern müssen hinter Schutzmauern bleiben, und Patienten dürfen bestimmte Bereiche nicht betreten. Aber ich sehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen?«

»Das ist doch klar wie Kloßbrühe! Sie taugen nicht für die Apparatemedizin. Das ist Verschwendung. Sie müssen mit Menschen arbeiten. Das können Sie.«

Die Vehemenz, mit der Frau Doll diese Auffassung vertrat, war überraschend. Hanna wollte gar nicht darüber nachdenken, ob die alte Frau vielleicht recht hatte. In lockerem Tonfall versuchte sie dem Gespräch den Ernst zu nehmen: »Ich weiß nicht, Frau Doll. Sie wollen mich nicht nur für sich selbst behalten?«

»Sehr gern.« Die alte Frau lachte in ihrem rauen Bariton. Hanna hatte einmal in einem Roman von einer solch tiefen, ausdrucksvollen Stimme gelesen, die »an Einhörner im Mondlicht« erinnerte. Diese Beschreibung passte bei Frau Doll perfekt, fand sie. Und was die alte Frau mit dieser Stimme sagte, ergab durchaus auch Sinn. Meistens zumindest. Heute jedoch konnte Hanna sich mit Frau Dolls Ansagen nicht anfreunden.

Sie öffnete gerade den Mund, um ihr das mitzuteilen, als die Tür aufging und eine der Stationsschwestern den Kopf hereinsteckte. »Dr. Felsberg, die Ambulanz hat für Sie angerufen. Sie sollen runterkommen. Da wurde wohl jemand eingeliefert, der Ihre Adresse bei sich hatte.«

Eingeliefert? Ihre Adresse . . .? Hanna begriff nicht. »Wie bitte?«, stammelte sie und starrte die Schwester an.

Guste Doll berührte sie an der Hand, die in ihrer Reichweite auf der Bettdecke lag. »Jemand, den Sie kennen, hatte wohl einen Unfall. Gehen Sie nachsehen«, sagte sie in einem weichen Tonfall, den Hanna bisher nicht von ihr kannte.

Die Schwester schien erleichtert, dass Frau Doll die Erklärung übernommen hatte. »Sie sollen sich bei Oberschwester Berger melden«, sagte sie hastig, dann war sie bereits wieder verschwunden.

Verstörende Bilder jagten Hanna durch den Kopf. Ihr Vater, blutüberströmt . . . ein Autounfall . . . er war geschäftlich ständig unterwegs. Dann fiel ihr ein, dass es auch Lizzy sein könnte. Viel wahrscheinlicher sogar. Lizzy war regelrecht leichtsinnig, wenn sie nachts auf der Straße war. Es war Samstagmorgen, und freitags ging sie immer aus.

Um Gottes willen. Das durfte nicht sein. Genau so etwas hatte sie immer befürchtet: Jemand, an dem ihr lag, wurde schwer verletzt eingeliefert, und sie musste zusehen. Die Bilder in ihrem Kopf rasten immer schneller, immer blutrünstiger. Hanna schnappte nach Luft. Sie musste ihre Panik in den Griff kriegen.

Da spürte sie, wie Frau Doll ihre Hand drückte. Hörte ihre leise Stimme: »Sie können nicht sicher sein, was passiert ist. Machen Sie es nicht schlimmer, als es mit großer Wahrscheinlichkeit ist.« Sie schien genau zu wissen, was sich in Hanna abspielte. »Gehen Sie nachschauen. Das ist das Beste.«

Gehorsam erhob sich Hanna, warf Frau Doll noch einen kurzen, dankbaren Blick zu und ging aus dem Zimmer.

 

Elf spielte eine verswingte Variation von You are my sunshine, ließ ihre Blicke schweifen und hing ihren Gedanken nach. Ihr war aufgefallen, dass ihre Trinkgelder exponentiell zunahmen, wenn sie ab und zu in die Runde lächelte. Kurz ging ihr durch den Kopf, dass sie ganz schön tief gesunken sei: Jetzt spielte sie hier in einem Hotel zum Nachmittagstee für alte Damen und deren Begleitung, angezogen wie aus einem Katalog für Berufsbekleidung, und lächelte breit, um ein paar Euro mehr aus den Taschen besagter Damen zu ergattern. Von der Königlichen Akademie Stockholm ins Kurhotel in Bad Cannstatt. Erstklassige Laufbahn als Musikerin, Elf.

Sie grinste in sich hinein, froh darüber, dass sie ihren Sarkasmus noch nicht ganz verloren hatte. In letzter Zeit hatte sie schon befürchtet, ins Lager der Tränenausbrüche und Heularien überzuwechseln. Sie hatte zwar ab und zu melancholische Anwandlungen, aber die letzten Wochen, das war eine echte Krise.

Wobei das Gespräch mit Fritz vor ein paar Tagen einiges entkrampft hatte. Sie würde sich selbst nicht mehr so unter Druck setzen. Alles erst mal ganz locker angehen. Dieser Einstellungswechsel wirkte bereits: Sie hatte einige Stücke fertig komponiert und zwei ganz neue angefangen. Ihre Eltern hatte sie auch angerufen. Ihr Vater hatte im Hintergrund herumgebrummelt, während ihre Mutter besorgt gefragt hatte, was sie so mache. Elf hatte versucht, alles so gut es ging zu erklären. Warum sie aus Stockholm wegmusste, die Akademie verlassen hatte, zu Fritz gezogen war. Ihre Mutter war wirklich bemüht gewesen, das hatte sie gemerkt. Aber so ganz verstanden hatte sie sie nicht.

Es war nicht so, dass ihre Eltern verständnislos gewesen wären. Im Gegenteil. Als sie damals mit der Neuigkeit ankam, dass sie auf Frauen stand, waren sie wirklich cool gewesen. Ihr Vater hatte es sogar geschafft, einen Scherz zu machen, von wegen, er könne sie gut verstehen, er stehe auch auf Frauen. Und ihre Mutter hatte ihren Schock hervorragend vertuscht und gefragt, wer denn die Auserwählte sei. Dass es keine gab beziehungsweise gleich mehrere, hatte sie nicht wirklich souverän verarbeitet. Aber sie hatte sich bemüht, auch damals.

Das jetzt schien die beiden allerdings gewaltig aus der Bahn geworfen zu haben. Die talentierte Tochter, zu der sie von aller Welt beglückwünscht wurden – so hübsch und so eine begnadete Musikerin –, wich von ihrem vorgezeichneten Weg ab und machte sich davon. Ohne Geld, ohne Berufsperspektiven. Das war wohl schwer zu verkraften, das sah Elf ein.

Sie probierte eine kleine Improvisation und leitete über zu Take Five. Gerade hatte sie gesehen, dass die Dame mit der Schmetterlingsbrille wieder an ihrem üblichen Platz saß. Und sie tat ihr den Gefallen nicht nur wegen des Trinkgelds, sondern auch, weil das kleine Lächeln, mit dem die Dame dem Lied jedes Mal andächtig lauschte, sie wärmte. Dann fand sie den Job gar nicht mehr so übel. Alten Damen eine Freude bereiten nach bester Pfadfinderinnen-Tugend. Ist doch nicht das Schlechteste.

Teil 10

»Das ist prinzipiell immer tadellos. Du weißt schon, gute Erziehung, gute Schule. Ganz fein. Und dann ihr Aussehen – genau dein Fall eigentlich, nordischer Wikingertyp. Die schöne Hanna. Wie wär’s?« Er blinzelte erneut.

Elf runzelte die Stirn: »So, super Erziehung? Aber nicht bei mir. Was ihr Benehmen angeht, hab ich da andere Erfahrungen.«

Fritz merkte offenbar, dass sie keine Lust hatte, das Thema zu vertiefen, und dass er auch mit Flachserei nicht weiterkam. Er zuckte mit den Schultern und wandte sich dem Mandelkuchen zu. »Dann eben nicht. Wer nicht will, der hat schon«, brummte er kauend.

Der Kuchen war genauso kalt wie er sein musste, der Kaffee heiß und stark, süß und bitter zugleich. Elf nutzte den genussvollen Moment, um unauffällig das Thema zu wechseln: »Von wegen haben. Die ganze Kontakterei hier hat eigentlich immer nur ergeben, dass ich unbedingt mal ein Demoband schicken soll. Ich bin jetzt am Überlegen, wie ich an ein Demoband kommen kann.«

Fritz schaute hoch und sagte mit vollem Mund: »Ich kenn da ’nen Typen, Tim, ich geb dir mal seine Nummer. Da sollten dann aber auch ein paar eigene Sachen drauf sein, oder? Ich kenn mich da nicht so genau aus. Aber du komponierst doch?«

Diese direkte Frage erwischte Elf unvorbereitet. »Äh, ja, eigentlich schon . . . so ein paar Stücke habe ich. Aber noch nichts Richtiges.«

Etwas überrascht legte Fritz seine Gabel hin. »Aber als du vor vier Wochen angekommen bist, hast du doch gesagt, dass du jetzt was Eigenes machen willst. Dass Stockholm und die Akademie vorbei sind. Was willst du denn dann jetzt machen? Ich meine, einen Job hast du ja erst mal, das ist doch schon was. Dass die klassische Schiene nicht dein Weg ist, das habe ich auch verstanden. Aber irgendwelche Alternativen musst du doch im Kopf haben?«

Er bewegte sich gefährlich nahe auf ihre eigenen Ungewissheiten zu. Doch jetzt konnte Elf sich nicht mehr so elegant aus der Affäre ziehen. Sie antwortete zögerlich: »Ich weiß es nicht. Ich schreibe. Ein paar Texte, aber sie sind noch irgendwie unfertig. Und schwedisch singen, das klingt hier so fremd. Nach Folklore. Und meine Musik . . . ich bin mir immer noch nicht im Klaren, was ich selbst will.«

»Na ja«, sagte Fritz aufmunternd, »jetzt warte erst mal ab. Komm erst mal an. Ich finde, du hast schon sehr viel geschafft. Da kannst du dich ruhig erst mal drüber freuen. Aber spiel weiter, schreib und hör dir immer wieder selbst zu. Und ich höre dir auch gern zu, das weißt du. Setz dich doch nicht so unter Druck! Du kannst was, das weiß ich. Jetzt musst du einfach lernen, deiner Stimme zu vertrauen. Wenn du überzeugt bist, dann ist es auch gut.«

Elf stiegen die Tränen hoch. Sie versuchte es zu unterdrücken. Verdammt, sie war nun wirklich keine von den Frauen, die bei der erstbesten Gelegenheit losheulten.

»Aber ich fühle mich als Versagerin«, nuschelte sie. »Weil ich von der Akademie weg bin. Mama und Papa waren so sauer am Telefon.«

»Du hättest ihnen vielleicht eher Bescheid geben sollen, dass du Schweden verlässt, und sie nicht einfach vor vollendete Tatsachen stellen.« Fritz stand auf, ging um den großen Tisch und nahm seine Schwester in den Arm.

Das ließ bei Elf alle Dämme brechen. Sie weinte bitterlich. So kannte sie sich selbst gar nicht. Schluchzend stieß sie hervor: »Aber ich weiß einfach nicht, wie ich klinge. So richtig ich. Ich habe die ganzen Jahre doch immer nur so Zeug gecovert. Nachgespielt. Von Debussy bis Massive Attack.«

Beruhigend strich Fritz ihr übers Haar. »Machen, kleine Schwester. Einfach machen. Was soll schon schief gehen.« Er drückte sie noch einmal, dann stand er auf und stellte die Musik lauter. Elf war dankbar, dass er ihr die Gelegenheit gab, sich zu fangen. Allmählich hörte sie auf zu schluchzen. Fritz kam wieder an den Tisch und reichte ihr ein Taschentuch.

»Fritz, du bist ein Schatz«, murmelte sie. »Machen . . . du hast recht. Wie blöde, wie einfach. Ja, ich muss einfach nur machen.« Sie schnäuzte sich kräftig und lachte. »Komisch. Irgendwie habe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen. Und eigentlich mache ich ja sogar schon. Schon länger. Aber ich habe das nicht so ernst genommen. Das war eher so für mich, verstehst du? Und jetzt, als immer wieder die Frage nach diesem Scheiß-Demoband kam, habe ich einfach Panik bekommen. Aber ich muss ja nichts, was ich nicht will.«

Fritz nickte bekräftigend.

»Und jetzt brauche ich einen dicken Schnaps«, verkündete Elf.

»Zu Befehl, Maestra.« Fritz holte den Aquavit und zwei kleine Gläser aus der Tiefkühltruhe und schenkte ein. »Skål, Salute, Cheers!«

Elf grinste ihn an und leerte das Glas in einem Zug.

2

»Hallo, Frau Doll. Wie geht es Ihnen?« Hanna hatte sich kurz Zeit genommen, auf der Medizinischen vorbeizuschauen, bevor ihr Dienst in der Nuklearmedizin losging. Es war erst sieben Uhr morgens, aber Frau Doll hatte um diese Zeit bereits ihr Frühstück bekommen.

Jetzt sah sie von ihrem Tablett auf. »Ah, Frau Doktor, welche Ehre. Sie waren ja schon lange nicht mehr bei uns simplen Fällen. Wir sind eben bar jeglicher medizinischen Herausforderung.« Sie zwinkerte Hanna zu. »Wie ich gehört habe, muss ich gratulieren? Nuklearmedizin?«

Die alte Frau nahm wirklich kein Blatt vor den Mund. Eine Eigenschaft, die Hanna zu schätzen wusste. Oft genug reichte der weiße Arztkittel schon aus, dass man behandelt wurde, als könne man über Leben und Tod entscheiden. Dabei war Hanna gerade einmal seit einem halben Jahr approbierte Ärztin.

Frau Doll jedoch war erfrischend. Mit ihrer tiefen Reibeisenstimme sagte sie Hanna auf gepflegte Art und Weise stets, was sie dachte. In ihrem Krankenblatt hatte Hanna gelesen, dass sie bereits 89 Jahre alt war. Das hätte sie nie vermutet; sie hätte sie höchstens auf Mitte siebzig geschätzt. Kurze, graue Haare, verschmitzte stahlblaue Augen, eine kleine Person, die in einem seidenen Herrenpyjama im Bett thronte – Frau Doll war definitiv nicht so, wie Hanna bisher alte Frauen erlebt hatte. Manchmal erinnerte sie in ihrer direkten Art fast schon an eine steinalte Version von Lizzy. Die behandelte sie mit genauso wenig respektvoller Distanz. Und wie bei Lizzy hatte Hanna das Gefühl, die alte Patientin lese in ihr wie in einem Buch. Am Anfang hatte Hanna das etwas unangenehm gefunden und sie auf Abstand zu halten versucht, was Frau Doll in vollem Bewusstsein von Hannas Strategie ignoriert hatte. Inzwischen war auf der ganzen Station bekannt, dass Guste Doll Hannas Spezialpatientin war.

Lieber hätte es Hanna jedoch gesehen, wenn Frau Doll überhaupt nicht mehr Patientin wäre. Der Oberschenkelhalsbruch, den sie sich bei einem Sturz in ihrem Badezimmer zugezogen hatte, heilte nicht so gut wie er sollte. Bei einer Frau in diesem Alter war das nicht unbedingt verwunderlich, aber Hanna machte sich doch Sorgen um Frau Doll. Sie musste aus dem Krankenhausbett raus und wieder laufen. Sonst bestand die Gefahr von Komplikationen, etwa eines Wundliegegeschwürs oder einer Thrombose, die schlimmstenfalls zu einer Lungenembolie führen konnte. Hanna hatte bisher immer diplomatisch versucht, Frau Doll zu motivieren, ohne sie zu verängstigen. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Lieblingspatientin das Krankenhaus überhaupt nicht verlassen wollte.

Teil 09

Sie goss die Sahne über die Kartoffeln, Zwiebeln und Anchovis in der Auflaufform und schmunzelte in sich hinein. Janssons Versuchung – ihr Lieblingsgericht. Es war das Erste, was sie kochen gelernt hatte, und sie wusste, dass Fritz es ebenso mochte.

Die alte Dame mit dem unmöglichen Outfit hatte durch die Kellnerin anfragen lassen – mit einem Fünf-Euro-Schein verziert –, ob es möglich wäre, einmal das Stück Take Five zu spielen. Das hatte Elf getan und die Dame dabei beobachtet. Bei den ersten Takten hatte ein Lächeln deren Gesicht erhellt, aber ganz zurückhaltend. Dann hatte sie mit geschlossenen Augen zugehört und schon während der letzten Töne zu klatschen begonnen. Ganz leise. Elf hatte einen wehmütigen Ausdruck auf ihrem Gesicht zu erkennen geglaubt, aber sie war sich nicht ganz sicher.

Zufrieden beschaute sie ihr Werk. Jetzt musste das Ganze nur noch in den Ofen. Sie öffnete den neu erworbenen Wein, deckte noch schnell den Tisch und ließ sich dann mit einem Glas in der Hand nieder. Köstlich. Jetzt fehlte nur noch Musik. Sie schnappte sich die Fernbedienung und stellte die Stereoanlage an. Dann holte sie ihre Gitarre, klimperte die zweite Stimme dazu und summte mit.

Die Haustür wurde krachend zugeschlagen, und sie hörte, wie Fritz laut singend hereinkam. Der Gesang stoppte abrupt und und ging in ein fragendes »Elf?« über.

»Ich bin in der Küche«, rief sie zurück. Was so nicht ganz stimmte, da die Küche eigentlich eine Wohnküche war: ein großer Holztisch in der Mitte, links und rechts zwei lange Bänke, und ein paar Holzsessel standen ebenfalls herum. Ziemlich zusammengewürfelt, aber insgesamt eine harmonische Einheit bildend. Und seitdem Elf ihre Stereoanlage aus Schweden in die Küche eingebaut hatte, war an der zentralen Kommunikationsstelle im Haus endlich auch gute Musik zu hören. An einer Seite gingen Türen direkt auf eine Terrasse, und an der anderen Wand standen noch ein altes Sofa und Sessel.

Fritz kam schnuppernd in die Küche, krauste die Nase und sagte mit extra tiefer Stimme: »Ich rieche, ich rieche, ich rieche gutes Essen.« Er drückte seiner Schwester einen Kuss auf die Wange.

»Lass dich überraschen«, erwiderte Elf.

»Mich überrascht nix mehr bei dir. Außerdem weiß ich, was es gibt: Janssons Frestelse.« Er wechselte ins Schwedische. »Und wieso habe ich die Ehre?«

Elf antwortete ebenfalls auf Schwedisch: »Ich habe mein erstes Geld bekommen. Ich verdiene jetzt tatsächlich. Weißt du, ich habe es noch gar nicht richtig geglaubt, bis ich das Geld in den Händen hatte. Ich konnte es heute Morgen abholen.« Sie schenkte Fritz einen Wein ein. »Deswegen gehört es jetzt gefeiert, dass ich endlich auch was habe. Und du hast recht: Es gibt Janssons.«

Elf verteilte den heißen Kartoffelauflauf. Fritz freute sich unbändig. »Skål!«, brummte er in tiefem Bass und hob sein Glas.

»Skål«, antwortete Elf und lachte. Dann griffen sie zu.

Nach einer Weile gefräßiger Stille war der erste Hunger gestillt. Beide nahmen eine zweite Portion, aßen jetzt aber langsamer.

»Und, wie viel war’s?« Der pragmatische Fritz.

Elf grinste: »450 Euro. Bar auf die Hand.«

»Und wie viel ist davon noch übrig?«, fragte Fritz streng.

Elf rechtfertigte sich sofort. »Ich musste mir noch neue Schuhe kaufen, fürs Hotel. In den dünnen Schlappen kann ich nicht spielen, und meine alten Reeboks kann ich da nicht anziehen. Und der Wein und so . . . Also so circa 350.«

»Bitte, Elf«, sagte Fritz ernst, »es wäre ganz gut, wenn das nächste Mal nicht sofort so viel weg wäre. Du musst es schließlich auch noch versteuern am Ende des Jahres.«

»Klar.« Elf sackte ein wenig zusammen und schaute weg.

Er lenkte sofort ein: »Ach, komm schon, Schwesterchen, das macht doch nichts. Wir schaffen das schon. Aber weißt du, ich wollte mal wieder raus und malen.«

Elf schaute ihn verwundert an. »Wie, immer noch?« Sie wusste, was »Malen« bei Fritz bedeutete: Graffitis. Ihr Bruder hatte seine ganze Jugend über in Stockholm gesprayt, aber sie war der Meinung gewesen, jetzt, als Sozialarbeiter im Jugendhaus, habe er das Thema hinter sich gelassen. In Stockholm hatten sie ihn ein paarmal fast geschnappt. Die Eltern hatten dann irgendwann mit ihm vereinbart, dass sie ihm das Studium bezahlten, sofern er dafür keine Häuser mehr verunstaltete, wie sie es genannt hatten. Fritz hatte dann Sozialarbeit und Drama studiert und war nach Deutschland gegangen. Und Elf war ohne brüderliche Zuwendung in Schweden bei den Eltern zurückgeblieben.

Seine Graffitis waren klasse gewesen. Wenn er Zeit für ein Piece hatte, waren das oft coole Figuren gewesen; seinen Tag, also sein Zeichen, hatte er in ganz Stockholm verteilt. So richtige Burner hatte er nicht so häufig gemacht, die brauchten zu viel Zeit. Das Beste war mal ein gigantischer Chromerunner gewesen. Ein riesiger nackter Frauenkörper, ganz silbrig, und die Haare und Schamhaare hatte er aus seinem Tag gestaltet. Irrsinnig eindrucksvoll . Man konnte es immer sehen, wenn man mit der roten T-Bana – nein, verbesserte Elf sich innerlich, das heißt ja Stadtbahn hier – in Richtung Universität/Mörby fuhr. Vielleicht war es heute noch da.

»Weißt du noch, dein Chromerunner?«, sprach sie ihre Gedanken aus. »Der war noch jahrelang zu sehen. Irgendwie hat den nie jemand weggemacht.« Sie grinste ihren Bruder an: »Und jetzt hier, fängst du wieder an?«

»Na ja, was heißt anfangen . . . Ich mache das eigentlich schon eine Weile wieder. Hast du mein Tag noch nicht entdeckt?«

»Nee, wie auch? Ich habe gar nicht danach geschaut.« Elf stand auf. »Jetzt gibt es noch eine Überraschung«, verkündete sie, räumte ab, schaltete die Espressomaschine an und stellte Tellerchen und Kaffeetassen auf den Tisch.

»Wow«, kommentierte Fritz gespannt. Als sie zum Kühlschrank ging, hob er die Stimme ein wenig, um die Musik zu übertönen: »Aber um noch mal darauf zurückzukommen – ich kann es nicht lassen. Ich weiß auch nicht. Ab und zu muss ich raus und an eine Wand, auch wenn’s nur ein schneller Throw-up ist. Im Jugendzentrum weiß niemand davon. Also bitte, verrate es nicht. Auch nicht versehentlich.«

Elf schob einen imaginären Riegel vor ihren Mund und drehte einen unsichtbaren Schlüssel im Schloss, den sie mit einer pompösen Geste hinter sich warf. Sie breitete die Arme aus und grinste ihren Bruder an. Fritz lachte.

»Gerade bereite ich mal wieder einen Burner vor«, erzählte er dann. »Ziemlich groß und diesmal nur schwarzweiß, ein paar Tupfer Silber und Grau mit dabei. Ein riesiger Kopf. So ganz nackte Frauen, das finde ich nicht mehr so hip.«

Elf kommentierte die Bemerkung lediglich mit einer skeptischen Miene und servierte den Mandelkuchen. Fritz vergaß seine Graffiti-Pläne sofort und bekam große Augen.

»Wann hast du den denn gemacht? Für mich allein?« Gierig wollte er den Kuchen zu sich ziehen.

»Aber hallo, ich will auch was Süßes«, protestierte Elf.

Fritz blinzelte anzüglich: »Noch nix gefunden? Die Freundin von Lizzy – Hanna, du weißt schon, die vom Fest –, die steht auch auf Frauen. Und ich dachte . . .«

»Liebes Bruderherz, bitte nicht kuppeln. Das steht dir nicht.« Elf strafte ihn mit einem finsteren Blick. »Kann ja sein, dass sie ganz gut aussieht, aber ihr Benehmen . . .«

Teil 08

Hanna grinste sie an. »Ja, leg schon los. Ich will dich ja nicht frustrieren.«

»Schätzchen, wer hier frustriert ist, steht außer Frage. Overworked and underfucked, sag ich nur«, schoss Lizzy zurück.

»Hey, pass auf. Du weißt, dass man mit einem gut gezielten, genügend schnell gespielten Tischtennisball jemanden ohne große Vorwarnung töten kann? Zack, an die Nasenwurzel, und ab in die Pathologie.«

»Oh Gottchen, sind wir heute wieder charmant. Nichtsdestotrotz werd ich dich jetzt über das Neueste aus dem Hause Suchaschewski informieren«, verkündete Lizzy.

Trotz ihres zur Schau gestellten Desinteresses war Hanna nun tatsächlich neugierig. »Wenn du deine üblichen Methoden angewandt hast, kann’s tatsächlich spannend werden«, meinte sie.

Die implizite Aufforderung ließ sich Lizzy nicht zweimal geben. »Also, Elf und Fritz sind als Kinder von ihren Eltern nach Stockholm mitgenommen worden, da ihr Vater beruflich dahin versetzt worden ist. Am Anfang sind sie noch zusammen in die deutsche Schule gegangen. Dort wurde bei den vielen Feiern von deutschen und schwedischen Feiertagen die musische Begabung von Klein-Elfriede entdeckt. Absolut süße Vorstellung, oder?« Sie bemühte sich gar nicht, ihren schwärmerischen Tonfall zu vertuschen.

»Wenn man Blockflöte spielende Kinder süß findet, ja.« Hanna musste diesem Überschwang an Begeisterung einen Dämpfer aufsetzen. Das war ja unerträglich.

»Und stell dir vor, nach ein paar Jahren Unterricht ist sie dann an der Königlichen Akademie Stockholm angenommen worden. Vor kurzem hat sie allerdings ihre Ausbildung abgebrochen und ist zu ihrem geliebten Bruder nach Stuttgart geflüchtet. Laut Fritz ist klassische Musik auf Dauer nichts für seine Schwester. Was sie jetzt machen will, weiß sie aber anscheinend auch noch nicht. Auf jeden Fall will sie versuchen, mit ihrer eigenen Musik Erfolg zu haben – du weißt schon, so mit Gitarre und Gesang.«

Lizzy hielt inne und sah Hanna auffordernd an. Offensichtlich erwartete sie tiefe Ehrfurcht. Königliche Akademie, nicht schlecht – das beeindruckte Hanna tatsächlich. Musste man dafür nicht ziemlich gut sein? Wie konnte man eine Ausbildung dort nur abbrechen? Das ist ja komplett irre. Ihr erster Eindruck, dass Elf schräg drauf war, hatte sich also bestätigt. Immerhin.

»Wird’s noch spannender?«, provozierte sie Lizzy.

»Aber sicher, das Beste kommt noch.« Lizzy machte eine wirkungsvolle Pause. »Sie steht auf Frauen.«

»Wusst’ ich schon.« Das war Hanna rausgerutscht, bevor sie darüber nachdenken konnte.

»Ach, woher denn?«, wollte Lizzy sofort wissen. »Schließlich hat sie kein leuchtendes L auf die Stirn tätowiert.«

Tja, woher wusste sie, dass Elf auf Frauen stand? Wohl nur deshalb, weil sie Erfahrungen aus erster Hand hatte – sozusagen. Hanna geriet ins Stottern. »Äh . . . ja . . . dachte ich mir eben. Fritz hat mal so eine Bemerkung gemacht . . .« Puh, noch mal Glück gehabt, dass ihr diese Ausrede in letzter Sekunde eingefallen war.

Und Gott sei Dank, dass Lizzy nicht weiter nachhakte. Sie meinte nur: »Na ja, jedenfalls ist sie wohl eher der ernste Typ, was Beziehungen angeht. Fritz meinte, dass sie zwar in der Schule nichts ausgelassen hat, aber inzwischen richtig zölibatär lebt. Und außerdem steht sie nicht auf kleine, asphaltgraue Großstadtlesben, sondern mehr auf Wikingerschönheiten. Also, summa summarum, die Frau ist genau richtig für dich und umgekehrt.« Triumphierend grinste sie in Hannas Richtung.

Mit dieser Wendung des Gesprächs hatte Hanna nicht gerechnet. »Spinnst du jetzt komplett? Willst du mich verkuppeln oder was?!«

»Meine Fresse, reg dich doch nicht gleich so auf«, gab Lizzy zurück. »Wäre ja wohl mal an der Zeit für eine neue Freundin. Von Olivia hast du dich schließlich schon vor einem Jahr getrennt. Nicht, dass es ein Verlust war.«

Das war ein Thema, mit dem Hanna noch immer zu kämpfen hatte. Stirnrunzelnd sagte sie: »Das ist genau der Punkt. So eine Frau brauch ich wirklich nie wieder.« Damit war dieser Gesprächszweig für sie beendet.

Leider war Lizzy heute ausnahmsweise nicht bereit, das zu akzeptieren. »Nicht alle Frauen sind Nullnummern, so wie deine Exfreundin«, wandte sie ein.

Hanna schnaubte. »Nullnummer ist gut. Man könnte auch sagen: Totalversagerin, Schmarotzerin, charakterschwach. Ich könnte das endlos fortsetzen.«

Ihre Exfreundin Olivia hatte Hannas Ansicht nach durchaus ein großes L auf der Stirn gehabt, und zwar für ›Loserin‹. Ihr größtes Talent war, sich durchs Leben zu lavieren und keine Verantwortung zu übernehmen: Ausbildungsweg chaotisch, Finanzlage immer schwierig und Problemlösung meist auf Kosten anderer, hochfliegende Träume ohne eine Chance auf Verwirklichung. Olivia hatte sich von Hanna erhofft, dass diese alle ihre Ideen und ihren nicht gerade bescheidenen Lebenswandel finanzieren würde, war aber nicht bereit gewesen, selbst etwas dafür zu tun – außer bereit zu sein. Irgendwann hatte es Hanna gereicht, und seitdem war sie sehr skeptisch gegenüber Frauen, die nicht mit beiden Beinen im Leben standen.

Immerhin konnte Olivia sehr charmant sein, zumindest anfangs. Das war klasse gewesen. Aber nur verbale Tünche, wie Hanna im Rückblick erkannt hatte.

»Wie oft hab ich Olivia Geld geliehen und niemals wiedergesehen?«, fragte sie, rein rhetorisch natürlich. Sie merkte, wie sie sich in Rage redete.

Lizzy seufzte. »Oft!«

»Zu oft. Und deshalb hab ich mir geschworen, von bestimmten Frauentypen die Finger zu lassen. Sobald mich eine um Geld anpumpt, heißt es ›Auf Wiedersehen‹. Fertig.«

Verwundert starrte Lizzy sie an. »Ist das dein Ernst?« Offenbar kam Hannas Ausbruch etwas unerwartet.

»Vollkommen«, bekräftigte Hanna. »Nie wieder lass ich mich ausnehmen.« Die gerechte Empörung pochte auf ihr Recht. Schmarotzerin oder gescheitertes Wunderkind – wo war der Unterschied?

Als hätte Lizzy diesen Gedanken erraten, fragte sie: »Wie kommst du jetzt überhaupt darauf? Elf ist Musikerin. Sie scheint mir nicht derselbe Typ wie Olivia zu sein.«

»Musik!« Hanna schnalzte abschätzig mit der Zunge. »Kann man davon leben? Wohl eher nicht.«

»Schön für dich, dass du als Ärztin später mal Kohle scheffeln kannst«, bot Lizzy ihr Paroli. »Und auch noch edel, hilfreich und gut sein.«

»Verschon mich bitte mit deinem Sarkasmus. Ich weiß, was ich will. Und dazu gehört bestimmt keine Frau, die von einer Musikkarriere träumt. Das ist doch kindisch.« Hanna wollte nicht weiter darüber nachdenken, die schöne Ordnung der Schubladen in ihrem Kopf nicht in Frage stellen. Elf steckte in der mit der Aufschrift »Verantwortungslose Traumtänzerin«.

Lizzy seufzte. »Ach, liebe Freundin. Dass du das Leben immer so pragmatisch sehen musst.«

Aber Hanna ließ sich nicht von ihrem Hundeblick erweichen. Ihr Leben lief erstklassig, sie brauchte keine Lizzy, die sie vom Gegenteil überzeugen wollte. »Ich geh jetzt rüber zu Vera und hol mir meine Revanche«, erklärte sie und marschierte los, zwei Tische weiter, wo Vera trainierte. »Bis später.«

Lizzy starrte ihr nachdenklich nach.

 

Elf packte ihre Einkäufe aus. Sie hatte alles bekommen, was sie brauchte, um ein echt schwedisches Abendessen zu machen: Annas Mandelkuchen und Janssons Versuchung. Auf das Gesicht von Fritz freute sie sich jetzt schon. Er wusste noch nichts davon, dass sie das Geld für die ersten drei Tage im Hotel heute Morgen schon bekommen hatte. Frau Gäbler war zufrieden mit ihr und der Chef wohl auch – obwohl sie ihn noch nicht gesehen hatte –, und bisher lief alles ganz gut.

Während sie die Kartoffeln schnitt, ließ sie die älteren Damen, die im Hotelcafé ihre Törtchen und Kuchen verzehrten, Revue passieren. Eine sah aus wie im falschen Film: eine Schmetterlingsbrille, richtig mit Strass besetzt, und dazu gekleidet in Ensembles in Bonbon-Pastell-Farben. Das Grauen. Elf hätte sie ohne weiteres nach Florida versetzt. Aber nein, diese Dame war jeden Tag Punkt halb vier gekommen, hatte sich stets an den gleichen Tisch gesetzt und bekam, soweit Elf das beobachten konnte, umgehend ein Kännchen Tee und einen Teller mit Keksen. Ab und zu setzten sich andere Damen dazu und einmal auch ein netter alter Herr mit Fliege. Gepunktet.

Teil 07

»Also«, begann Frau Gäbler, »wir haben hier einen sehr guten Konditor, einen sehr schönen Cafébereich, wo morgens auch gefrühstückt wird, und wir möchten eine angenehme Umgebung schaffen. Das heißt für uns, nicht nur leise Musik aus der Konserve abspielen, sondern auch ein wenig Live-Atmosphäre und eine exklusivere Stimmung bieten. Daher möchten wir jemanden am Klavier, der die verschiedenen Stile ganz gut beherrscht, auch mal Musikwünsche unserer Gäste erfüllen kann, sowohl was den klassischen Bereich als auch was den modernen –«, sie lächelte, »– in Anführungszeichen moderneren betrifft. Eine kleine Notenauswahl haben wir schon besorgt. Sollten Sie mehr benötigen, sagen Sie einfach Bescheid.«

Sie blickte Elf erwartungsvoll an. Elf nickte.

»Ja, und wir stellen uns vor, so wie wir in diesem Hause Kontinuität vermitteln wollen, sowohl was die hohe Qualität des Services als auch alles weitere betrifft, so wollen wir auch jemanden finden, der recht regelmäßig für die musikalische Unterhaltung sorgt. Und das auf einem gewissen Niveau.«

Wieder ein erwartungsvoller Blick. Elf nickte erneut. Frau Gäbler redete nicht lange herum, sie kam sofort zum Punkt. Elf wusste gar nicht, was sie sagen sollte.

»Wegen der Bezahlung«, fuhr Frau Gäbler auch schon fort, »wir zahlen ein Tageshonorar von 150 Euro. Und Probezeit.«

Wieder nickte Elf.

Auszahlung jede Woche, und versteuern müsse sie selbst. Damit erhob sich Frau Gäbler. »Natürlich müssen wir auf angemessener Kleidung bestehen, aber wir können Ihnen auch etwas zur Verfügung stellen: weiße Blusen und dunkle Röcke oder Hosen. Da haben wir genug in unseren Wäschekammern.« Sie lächelte wieder. »Und wenn Sie dann heute schon mal anfangen können, dann zeige ich Ihnen noch Ihren Spind und wo Sie sich umziehen können.« Sie blickte mit leicht hochgezogener Braue auf Elfs zerrissene Jeans.

Dann führte Frau Gäbler Elf in die Katakomben des Hotels, händigte ihr einen Schlüssel aus und bat um ihren Personalausweis, um sich eine Kopie machen zu können und die weiteren Arbeitspapiere vorzubereiten. »Jetzt wissen Sie ja Bescheid«, sagte sie abschließend. »Sollten Sie noch Fragen haben, wenden Sie sich gern jederzeit an mich, ich stehe Ihnen zur Verfügung. Wenn alles gut geht, können wir ja bald alles unterschriftsreif machen.«

Sie verabschiedete sich höflich von Elf, übergab sie einer Mitarbeiterin, die sie zu den Kleidern führen und ausstaffieren sollte, und ging.

Eine Viertelstunde später schlug Elf die ersten Akkorde an – leicht betäubt von dem Tempo, mit dem sie den Job ergattert hatte. Seit ihrem Telefonat mit Frau Gäbler waren gerade drei Stunden vergangen. Jetzt saß sie hier, einen schönen Flügel vor der Nase, gekleidet in eine schwarze Bundfaltenhose und eine weiße Bluse. Unbequem. Das musste sie morgen anders machen. Irgendwas von Fritz leihen oder sonstwie.

Sie spielte alles, was ihr in den Sinn kam. Rauf und runter. Jede Stunde hatte sie fünf Minuten Pause und bekam alkoholfreie Getränke, so viel sie wollte. Sogar ein Personalessen konnte sie sich bestellen.

Sie hatte einen Job. Heureka. Es war nicht viel, aber es war ein Anfang, und sie konnte zumindest Fritz etwas zurückzahlen von der Kohle, die er ihr geliehen hatte. Er hatte ja selbst nicht so viel. Und das Haus kostete auch.

 

In den letzten zwei Wochen hatte Hanna sich mit Arbeit überhäuft, indem sie zusätzlich zu ihren regulären Schichten im Krankenhaus weitere Dienste übernommen hatte. Ihr Professor hatte das mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen und ihr bescheinigt, dass sie, wenn sie so weitermache, eine gute Karriere in Aussicht habe. Zur Belohnung hatte er sie mit in die Nuklearmedizin genommen: seine Vorzeigestation, die mit der neuesten Technik ausgestattet war. Er überreichte Hanna ihren Dosimeter, als handele es sich um das Bundesverdienstkreuz. Hanna fühlte sich auch fast genauso geehrt, als sie den Strahlenmesser an ihrem weißen Kittel befestigte. Nur medizinisches Personal, das sich öfter in der nuklearmedizinischen Abteilung aufhielt, musste einen Dosimeter tragen, um kein gesundheitliches Risiko einzugehen. Sobald die Strahlenmenge, der man ausgesetzt war, einen bestimmten Grenzwert überschritt, wurde man sofort ausgewechselt.

Dass sie nun einen Dosimeter erhalten hatte, bedeutete, dass sie nach den Wünschen von Professor Wertheimer in Zukunft öfters hierherkommen sollte. Hanna war mit sich selbst zufrieden. Die ganzen Überstunden hatten sich ausgezahlt. In jedweder Hinsicht: Nicht nur hatte sie beruflich einen großen Schritt vorwärts getan, sie hatte auch Abstand von ihrer privaten Konfusion gewonnen. Für ein Treffen mit Lizzy oder Fritz hatte sie keine Zeit gehabt. Noch nicht einmal für ihren Sport hatte sie sich freigenommen. Das war selten, aber sie hatte das Gefühl, dass ihr die kleine Auszeit gutgetan hatte. Sie war wieder ausgeglichen. Jetzt würde kein Thema, das Lizzy während des Trainings anschneiden mochte, sie mehr kalt erwischen.

 

Vera winkte ihr zu, als sie die Halle betrat. Hanna musste daran denken, wie Vera sie beim letzten Training nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen hatte, nachdem sie sie herausgefordert hatte. Heute zahle ich es ihr zurück, beschloss sie. Ihre sonst so weichen Lippen verzogen sich zu einem entschlossenen Grinsen.

»Na, führen wir Selbstgespräche?«, riss Lizzys Stimme sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um, leicht irritiert über Lizzys triefenden Sarkasmus. Aber ihre gute Laune war nicht zu erschüttern.

»Liebste Freundin Lizzy, schön, dich zu sehen.« Sie grinste Lizzy an. Das Leben war schön.

»Nett, auch dich zu sehen, Workaholic. Ist Tischtennisspielen mit deiner alten, vernachlässigten Freundin dir zu öde, oder warum warst du nicht da und hast dich nicht mal gemeldet?« Lizzy schien tatsächlich ein bisschen angefressen zu sein.

Hanna schlug einen versöhnlichen Ton an: »Sei nicht so empfindlich, jetzt bin ich ja da. Ich spiel die ersten paar Runden nur mit dir. Obwohl Vera mir noch eine Revanche schuldet. Na, was sagst du?« Sie klimperte mit den Wimpern. »Ich gehöre ganz dir!«

Lizzy blinzelte verdutzt. Normalerweise gingen solche scherzhaften Flirtversuche eher von ihr aus. Sie musterte Hanna abschätzend von oben bis unten und fragte: »Muss das Tischtennisspielen mit einschließen?«

»Lizzy!« Sofort bereute Hanna ihre Strategie. Sie hatte nun wirklich nicht beabsichtigt, von ihrer Freundin so schamlos abgecheckt zu werden.

»Wusst’ ich’s doch, dass du’s nicht ernst meinst«, flachste Lizzy.

»Halt die Klappe und lass uns spielen, bevor ich mir das auch noch mal anders überlege.«

Beim Einspielen schwiegen sie, was sehr ungewöhnlich war. Irgendwann konnte Hanna es nicht länger ertragen. »Okay, schon verstanden«, sagte sie. »Verzeih meine harschen Worte. Rede wieder mit mir.«

Wie erwartet ging Lizzy darauf ein: »Na gut, vergeben.«

»Was hast du die letzten zwei Wochen gemacht?«, lieferte Hanna ihr die Vorlage für ausführlichere Erzählungen.

»Dies und das. War ein paarmal an der Uni. Muss ja irgendwie dranbleiben.« Lizzys Journalismusstudium war eine endlose Geschichte. Hanna hatte ihr deswegen schon mehr als einmal die Leviten gelesen. Inzwischen hatte sie es aufgegeben bis auf die ein oder andere bissige Bemerkung, die sie sich ab und zu nicht verkneifen konnte.

Jetzt warf sie ironisch ein: »Wohl wahr.«

Lizzy fuhr unbeirrt in ihrer Aufzählung fort. »Hab Fritz besucht«, sagte sie in bedeutungsschwangerem Ton.

Hanna zog die Augenbraue hoch, kommentierte diese Aussage aber nicht weiter.

»Sie war nicht da – leider. Aber ich hab Fritz natürlich ausgequetscht.«

»Ach ja? Ist ja interessant.« Hannas Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass sie genau das Gegenteil dachte.

»Ja, in der Tat sehr interessant«, betonte Lizzy. Als Hanna ihr einen skeptischen Blick zuwarf, maulte sie: »Soll ich dir jetzt all die spannenden Details erzählen oder nicht, du alte Miesmacherin?«

Teil 06

Sie musste ihre Arbeitsliste durchtelefonieren. So langsam wurde es dringend, ihr Geld war ziemlich am Ende. Bisher waren ihre Anrufe immer nach demselben Schema abgelaufen: Ich möchte, ich kann, hätten Sie etwas. Sie können Gitarre spielen? Das ist nett. Klavier auch? Gut. Singen, ach ja? Wir melden uns bei Ihnen. Kommen Sie doch mal bei Gelegenheit vorbei, damit wir Sie kennenlernen können. Oder besser noch, schicken Sie ein Demoband und Ihre Bio. Dann melden wir uns.

Seit anderthalb Wochen ging das so. Die Clubs hatten so schnell auch keine Möglichkeiten. Wie denn ihr Repertoire wäre? Darauf konnte sie gar keine genaue Antwort geben: Blues, ein wenig Punk, folkmäßig manchmal, auch so moderneren Popkram konnte sie ganz gut. Einige Balladen hatte sie selbst geschrieben und auch fetzigere Stücke. Aber die musikalische Stimmung hier in Stuttgart war schwer einzuschätzen, und deutsche Sachen, da war sie nicht so drin.

In Stockholm hatte sie klassisch studiert: Klavier und ein wenig Marimba, dieses riesige Xylophon – eine Art Tisch mit Holzplatten, unter denen Klangröhren angebracht sind. Die Töne hatten sie so berührt. Aber das Instrument war ihr zu klobig, man konnte es nicht einfach mitnehmen.

Und hier in Stuttgart war das Arbeitsamt offenkundig überfordert. Musikpädagogische Frühförderung für Vorschulkinder in Heidelberg – das war alles, was sie ihr bisher angeboten hatten. Sie hatte keinerlei pädagogische Ausbildung und, verdammt noch mal, auch keine Neigung, kleinen Kindern im Stuhlkreis irgendetwas beizubringen. Und dann noch Heidelberg. Die Schnepfe vom Arbeitsamt hatte keine Vorstellung davon, was Elf wollte. Aber vielleicht war das auch zu viel verlangt. Sie wusste es schließlich selbst nicht genau.

Sie beschloss, einem der Tipps aus dem Musikladen nachzugehen, und rief im Kurhotel in Bad Cannstatt an. Als sich jemand meldete, verlangte sie Frau Gäbler zu sprechen.

Frau Gäbler riefe zurück, ließ man sie wissen. Ja, wann denn? Innerhalb der nächsten halben Stunde. Das sei sehr nett. Die professionelle Hotelfreundlichkeit tat Elf gut. Sie holte sich einen neuen Kaffee. Vielleicht würde sich bald etwas Konkreteres ergeben und nicht immer nur diese leeren Standardantworten. Sie überlegte, kurz unter die Dusche zu gehen. Aber was, wenn die Tante doch zurückrief?

In diesem Moment klingelte es tatsächlich. Frau Gäbler war persönlich am Apparat. Elf Suchaschewski? Sie können Klavier spielen, Potpourris, Klassiker aus Jazz und Blues, vielleicht auch mal ein Freddy-Quinn-Lied? Bei Freddy Quinn zuckte Elf leicht zusammen. Na ja, das wüsste sie jetzt nicht so, aber im Prinzip sei das kein Problem.

Es wäre für die Kaffeezeit, erklärte die Dame, die Lobby gehe in einen schönen Cafébereich über, da stehe ein Schimmel. Den habe der Herr Direktor angeschafft, weil die wohl einen sehr schönen Klang hätten. Bechsteins wären ja wohl auch gut. Elf bejahte. Wie lange sie schon spielen würde? Siebzehn Jahre. Siebzehn Jahr, blondes Haar . . . Frau Gäbler kicherte leise: So etwas würden sie sich vorstellen. Ihre Ausbildung? Königliche Akademie Stockholm. Den Abbruch des Studiums verschwieg Elf.

Sehr nett, das sei doch ein prima Hintergrund. Frau Gäbler meinte, Donnerstag bis Samstag von drei bis sechs. Ob ihr das recht sei. Sie wollten dreimal in der Woche für drei Stunden jemanden am Klavier.

Na, das wäre ja was: Klavier spielen zum Apfelstrudel mit Sahne.

Für ihre Ohren würden sich die Auskünfte schon ganz gut anhören, sagte Frau Gäbler, aber sie müsse doch darum bitten, ob Elf nicht für eine Woche mal Probe spielen könne. Gegen Bezahlung selbstverständlich. Die meisten Musiker wollten ja nicht im Hotel spielen. Das wäre wohl unter ihrer Würde. Oder so gescheiterte, die schon mit einem Weinbrand am Klavier säßen, noch bevor der erste Ton gespielt sei – das hätten sie nicht so gern. Es täte ihr ja auch leid, dass sie das so direkt erwähnen müsse, aber die Erfahrungen seien nicht so gut gewesen. Eigentlich wollten sie den Gästen einen netten Hintergrund bieten, der ihren gehobenen Ansprüchen im Hotel entspreche. Das hätten sie sich nicht so kompliziert vorgestellt. Wie schnell sie sich denn treffen könnten?

Elf schluckte. Jetzt war keine Zeit mehr, zimperlich zu sein. »Ich könnte direkt heute Nachmittag vorbeikommen.«

Frau Gäbler war entzückt: ein nettes Telefonat, informativ, und sie würde sich freuen, wenn sie sich heute noch treffen könnten. Wie wäre es um halb drei? Dann könnte sie sich ja eventuell schon heute ans Klavier setzen.

Elf stimmte zu. Das ging jetzt aber ziemlich fix. Sie verabschiedeten sich freundlich.

Nach den mühseligen Gesprächen mit den unverbindlichen, bohrenden Fragen, die ihr bisher immer gestellt worden waren, war das hier etwas Neues. Ziemlich klare Ansagen, superschneller Termin. Über das Geld würden sie dann persönlich sprechen. Endlich ein Lichtblick.

Sie sprang unter die Dusche. Mit Fritz hatte sie eine Woche Eingewöhnung vereinbart, Party, damit sie ein paar Leute kennenlernen konnte, und dann Jobsuche. Heute war schon Donnerstag, und bisher war nur dabei herausgekommen, dass sie a) unbedingt Bewerbungsunterlagen brauchte und b) unbedingt ein Demoband. Beides war nicht so einfach. Wobei das Demoband noch problematischer war. Sie hatte zwar ein paar Aufnahmen aus Stockholm, aber das waren Stücke von Chopin und zwei irische Folksongs, mit denen sie nicht hausieren gehen wollte, weil sie außer ihrer Technik nicht ihre Musik vorstellten. Nur: was war überhaupt ihre Musik? Der Gedanke schwebte vorbei und ließ sie ratlos zurück.

Sie schüttelte sich. Da kam richtig viel Arbeit auf sie zu. Einiges hatte sie zwar schon komponiert, sowohl ein paar Klavierstücke als auch ein paar Sachen für die Gitarre, aber war das ihre Musik? Oder ihre Schubladensongs? Irgendwie widerstrebte es ihr, darüber nachzudenken. Sie wusste nur ganz genau, dass eine weitere klassische Ausbildung ihr nichts genutzt hätte. Sie wollte keine klassische Karriere machen, obwohl sie das schwedische Pendant von Jugend musiziert gewonnen hatte.

Sie seifte sich ausgiebig ein. Wasser war immer gut. Das Rauschen der Dusche verwob sich mit der Melodie, die sie kurz nach dem Aufwachen entwickelt hatte. Darin war beides: Melancholie und Witz. So etwas Sehnsuchtsvolles mit dem Versprechen einer besseren Zukunft. Das Lied könnte gut werden.

Das kalte Wasser würde sie noch mal richtig wach machen. Sie drehte es voll auf. Es wirkte. Jetzt musste sie sich schon fast beeilen, sie hatte ein wenig getrödelt. Sie wollte Frau Gäbler nicht warten lassen. Ihr Herz begann aufgeregt zu klopfen: Sie sollte Barpianistin werden. Na, wenigstens etwas.

 

Frisch geschniegelt betrat sie das Hotel und meldete sich am Empfang. Die Rezeptionistin winkte ihrem Kollegen. »Könnten Sie Frau Suchaschewski bitte zu Frau Gäbler bringen?«

Der junge Mann lächelte freundlich: »Das wird nicht nötig sein. Hier ist sie schon.« Er deutete auf eine sehr gepflegt und elegant wirkende Frau, die quer durch die Lobby auf sie zukam.

»Sie sind Frau Suchaschewski? Wie schön. Und pünktlich.« Sie strahlte Elf herzlich an. »Etwas zu trinken? Ein Wasser oder etwas anderes?«

»Wasser wäre nett. Danke.«

Frau Gäbler strebte einer Sitzgruppe zu, ganz in der Nähe des Flügels. »Wollen Sie direkt loslegen«, erkundigte sie sich, »oder wie wollen wir es machen?« Dann korrigierte sie sich: »Nein, ich erkläre Ihnen jetzt nochmals genau, was wir von Ihnen erwarten.«

Sie deutete einladend auf die Sitzgruppe, und sie setzten sich.

Teil 05

»11 zu 6«, rief Hanna, während sie mehr oder weniger hart trainierten. »Der Satz geht an mich. Du bist nicht richtig bei der Sache. Du hast dich wohl gestern zu sehr amüsiert.«

Tatsächlich war sie noch ganz frisch, während Lizzy deutliche Zeichen von Anstrengung zeigte – ihre Haare waren durcheinander, sie schwitzte und war außer Atem. Sichtlich froh über die Unterbrechung, lehnte Lizzy sich schwer atmend an die Platte.

»Ich amüsiere mich eben gern«, meinte sie und begutachtete betont interessiert die Gummibeschichtung ihres Schlägers. »Besonders, wenn attraktive Frauen anwesend sind.«

»Aha. Wer denn?«

Bei Lizzy konnte man nie genau wissen, wen sie als Nächstes ins Visier nahm. Sie wickelte auch gestandene Heteras gekonnt um den Finger. Da bewies sie eine unglaubliche, fast sportliche Eleganz. Hanna beobachtete Lizzys Liebesleben immer mit einer gewissen Faszination. Auch jetzt war ihre Neugier geweckt, wen Lizzy mit dem Attribut »attraktiv« versah. Meinte sie die Glutäugige, an der sie mit Fritz um die Wette gegraben hatte?

Lizzy grinste Hanna breit an. »Fritz’ Schwester ist doch lecker. Elf – sieht aus wie eine Elfe.«

Diese Auskunft war wie ein gut gezielter Faustschlag in Hannas Solarplexus. Einen Moment lang konnte sie Lizzy nur anstarren.

Die ließ sich dadurch nicht beirren. »Hmm«, schwärmte sie. »Eine empfindsame Musikerin, direkt aus Schweden. Und kann auch gut Klavier spielen. Das ist doch schon mal einiges . . .« Sie wedelte mit den Fingern und klimperte mit den Augen.

Hanna hatte den starken Drang zu flüchten. Vor diesem Gespräch, vor ihren Gedanken. Lizzys flapsiges Gerede wühlte alles wieder auf: ihr schlechtes Gewissen, die angenehmen Erinnerungen und die an das üble Ende. Gut, dass Lizzy nichts davon wusste. Und wenn es nach Hanna ging, sollte das auch so bleiben. Sonst würde Lizzy sie bis in alle Ewigkeit mit ihrem nächtlichen Abenteuer aufziehen und mit schlechten Witzen quälen.

Um sich zu sammeln, nahm Hanna betont lässig einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Dann ging sie auf Lizzys Seite der Platte hinüber und lehnte sich neben sie. Scheinbar uninteressiert kommentierte sie Lizzys Überschwang: »Na ja.«

»Was heißt da na ja? Gib’s doch zu: Elf könnte dir auch gefallen.« Lizzy runzelte die Stirn und sah sie herausfordernd an. »Wenn du so zickig auf eine Frau reagierst, stehst du auf sie. Ich kenn dich besser als du dich selbst. Oder war da nicht was, gestern Abend, Frau Doktor?«

Hanna schnaubte: »So gut kennst du mich also. Ist ja beruhigend. Zu deiner Information – ich war distanziert, weil ich die Frau unverschämt finde. Ich hab versehentlich meine Tasche neben ihre Gitarre geworfen, als ich ankam.« Diese kleine Verfälschung der Wirklichkeit gönnte sie sich. »Und daraufhin hat Fritzens ›elfenhafteʻ Schwester mich angeschnauzt, als ob ich debil wäre. Anmaßend. So eine Frau kann mir gar nicht gefallen.«

Lizzy wollte protestieren, aber Hanna kam ihr zuvor, indem sie ihren Schläger hob und Lizzys Mund damit abdeckte. »Und wenn überhaupt nur äußerlich«, beendete sie ihre Ausführungen. »Was sagt das schon.«

Besser, sie warf Lizzy einen Brocken hin, sonst würde sie nie lockerlassen. Wer weiß, was sie ihr dann noch alles aus der Nase ziehen würde. Lizzys Verhörkünste waren effektiver als die chinesische Wasserfolter. Hanna hatte ihr schon Dinge erzählt, die sie vorher geschworen hätte niemals preiszugeben.

Jetzt lachte sie auch schon triumphierend, als überlege sie sich schon die nächste Verhörrunde. Hanna betonte sicherheitshalber noch einmal: »Nur äußerlich, liebe Lizzy.«

Selbstzufrieden grinsend baute Lizzy sich vor Hanna auf. »Mal ganz davon abgesehen, dass sie dich eh total bescheuert findet. ›Elf wie die Tankstelle‹ . . .« Sie tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.

Wurde sie jetzt von allen Seiten gemein angemacht? Hanna pustete die Luft aus. »Ist ja auch egal. Sie sei dein.«

Das hätte sie vielleicht nicht sagen sollen. So eine Gelegenheit aufzutrumpfen ließ sich ihre Freundin nie entgehen. »Wird sie auch bestimmt«, war Lizzys trockener Kommentar.

Zu Hannas Erleichterung wurde ihre Unterhaltung in diesem Moment unterbrochen. Ihre Trainerin und Teamkollegin Vera kam zielstrebig an ihren Tisch. »So, ihr zwei«, rief sie, »Schluss mit dem Gequatsche. Jetzt wird trainiert. Lizzy, du gehst rüber zu Micha, und ich spiel ’ne Runde mit Hanna. Ich glaub, in Zukunft trennen wir euch beide gleich von Anfang an.«

Lizzy und Hanna setzten gleichzeitig an zu protestieren, aber Vera hob abwehrend die Hände. »War ja nur ein Scherz, keine Panik! Wir wollen euch ja nicht euer ganzes Vergnügen nehmen.«

»Könntet ihr auch gar nicht. Stimmt’s, Hanna-Schätzchen?« Lizzy musste das letzte Wort haben, bevor sie sich davonmachte.

Hanna war froh, mit Vera zu trainieren. Nicht nur, weil ihr dadurch die Fortsetzung des Gesprächs über Elf erspart blieb, sondern auch, weil Vera eine bessere und schnellere Spielerin war als Lizzy. Hanna wollte jetzt die sportliche Herausforderung einer gleichwertigen Gegnerin. Mit voller Absicht servierte sie Vera ihren ersten Aufschlag extrem niedrig, angeschnitten und schnell, wohl wissend, dass die andere auf die Provokation eingehen würde. Für die nächste Stunde würde ihr Gehirn auf Tischtennis schalten und nur noch ihre Motorik den Takt angeben. Keine weiteren Gedanken zum Thema letzte Nacht und Fritz’ Schwester. Das war passé.

 

Die Morgensonne kitzelte Elf wach. Wie üblich erwachte sie nur langsam, tauchte erst allmählich aus ihren strudeligen Träumen auf: einer Mischung aus schwedischen Erinnerungen, Zukunftsvisionen, Melodien, Ängsten und Glücksmomenten. In dieser Nacht waren auch wieder die Erinnerungen an die Berührungen gekommen. Sie verfolgten sie seit jener unsäglichen Nacht, die sie am liebsten komplett vergessen hätte. Elf wischte diese physischen Eindrücke beiseite. Das war jetzt das Letzte, was sie brauchte.

Es ging seit Tagen so: aufwachen, das Traumkaleidoskop abschalten – diese verwirrende Vermischung von Bildern und Empfindungen, Sehnsüchten und Schuldgefühlen. Mehr oder weniger erfolgreich versuchte sie sich selbst gegenüber konsequent durchzugreifen: Melodien behalten, alles andere wegdrücken. Sie griff nach ihrer Gitarre. Die E-Saite war wieder aufgezogen und hatte ihr sogar ein paar neue Eindrücke von Stuttgart beschert. Der Mann in dem Laden hatte nicht nur eine gute Auswahl von verschiedenen Stahl- und Darmsaiten gehabt und sie kompetent beraten, sondern ihr auch gute Tipps im Hinblick auf Jobs geben können. Wie gut, das würde sich herausstellen. Auf jeden Fall wollte sie mit Musik ihr Geld verdienen. Viel mehr konnte sie auch nicht. Aber momentan hatte sie weder Kontakte noch einen Namen, nur ein paar Telefonnummern, die Fritz und jetzt der Typ aus dem Laden ihr gegeben hatten.

Sie klimperte. Wiederholte die melancholische Melodie, die in ihrem Kopf noch aus der Nacht herüberwehte. Dann nochmals, jetzt mit einer beschwingten Erweiterung. Sie spielte, setzte ab, begann von vorn, ergänzte, baute aus. Leise summte sie mit. Irgendwann schnappte sie sich einen Zettel, notierte die Griffe und machte weiter. Allmählich nahm es Konturen an. Sie gab sich ihrer Musik hin und hatte eine halbe Stunde später schon eine ganz brauchbare Version geschaffen.

Ihr Magen beschwerte sich mit lautem Knurren darüber, dass sie noch nicht gefrühstückt hatte. Sie legte die Gitarre zur Seite und ging in die Küche. Fritz musste längst auf der Arbeit sein, aber er hatte ihr einen Zettel dagelassen und sogar ein kleines Frühstück gerichtet; der Kaffee in der Thermoskanne war noch heiß. Es war fast zwölf Uhr. Elf schnappte sich den Milchkaffee und das Mobiltelefon und setzte sich auf die Terrasse.

Teil 04

Der Mond schien nicht mehr direkt ins Zimmer, das Licht war diffuser geworden. Elf zuckte zusammen, als sich ihr Körper an das erinnerte, was sie im Kopf in den gerade geträumten Traum zurückschubsen wollte: Diese Frau hatte sie berührt. Sehr intim berührt. Doch sie war in Stuttgart – nicht in ihrem schwedischen Bilitis-Sommer. Diese leicht geteilten Zärtlichkeiten damals waren schön gewesen, wie eine Schule in Sachen Liebe. Sie hatten nie darüber sprechen müssen, das war später passiert. In diesem einen Sommer hatten sie sich gegenseitig verschenkt ohne Forderungen. Doch danach hatten alle aus ihrem Kreis exklusive Liebesbeziehungen gehabt, und die zwanglosen Zärtlichkeiten hatte es nie wieder gegeben.

Das war doch schon lange vorbei. Das war nicht jetzt. Wieso war es dann trotzdem so gegenwärtig?

 

Hanna wollte irgendetwas sagen. Verworren war die Situation auch so, aber wenn sie gar nicht darüber sprachen, konnte es nur noch peinlicher werden. Sie setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Sofa und meinte: »Es ist doch sehr schön gewesen – bis jetzt.«

Das fahle, indirekte Mondlicht erleuchtete Elfs schmales Gesicht. Ihre Haare waren verwuschelt, und ihre Augen erschienen riesig groß.

Hanna versuchte es mit kühler Analyse: »Hast du irgendein Problem damit?« So ganz war ihr immer noch nicht klar, warum die zierliche Frau so panisch aussah. Doch dass es ein Problem gab, stand praktisch mit Leuchtbuchstaben in Elfs Gesicht.

 

Elf schüttelte sich. Dann fand sie endlich ihre Sprache wieder: »Warum hast du das gemacht? Was sollte das?« Ihre Stimme spiegelte wie immer ihre Seelenlage: hilflos, anklagend, aber auch ein wenig schuldbewusst.

Hanna sah sie verblüfft an. »Das ging doch von dir aus. Du hast es doch gewollt – zumindest am Anfang.«

Elf errötete und senkte den Kopf. Ja, so war es früher oft gewesen: Mitten in der Nacht waren sie wach geworden, ineinander verschlungen, hatten ihren Spaß aneinander gehabt und waren dann sofort wieder völlig entspannt eingeschlafen. Doch das hier war kein schwedisches Sommerhaus, und das war auch keine Mina oder Lena. Das war die Frau, die ihr arrogant gekommen war, nachdem sie fast ihr Instrument zerstört hatte.

Die totale Konfusion wollte einfach nicht weichen. Die Berührungen, die weichen Hände auf ihren Brüsten, das Kneten ihrer Pobacken liefen wie Schauerschatten in ihrem Nervenkostüm herum, die Küsse kühlten auf ihrer Haut noch ab. Gleichzeitig donnerte es in ihrem Kopf. Sie hatte so etwas schon sehr lange nicht mehr gemacht – und in dieser Art noch nie. Das hier, mit dieser Frau, das war zu viel.

»Smit. Stick!«, schrie sie Hanna an. Erst eine Sekunde später wurde ihr klar, dass sie Schwedisch sprach. Also wiederholte sie: »Hau ab. Hau bloß sofort ab.«

 

Hanna schluckte. »Was ist denn mit dir los?«

Sie spürte, dass Elf es furchtbar ernst meinte. Spürte, wie verwirrt sie war, wie orientierungslos. Dennoch, damit hatte sie nichts zu tun. Sie hatte sich ja nur kurz ausruhen wollen, wurde dann unerwartet in ein – sie musste es sich eingestehen – sehr erfreuliches, aufregendes sexuelles Zusammentreffen verwickelt, um daraus dann umso unerfreulicher und vor allem unbefriedigt herausgerissen zu werden und sich jetzt auch noch von der Verursacherin all der verzwickten Umstände anschreien zu lassen. Sie war kurz davor zurückzuschreien.

Aber was sollte sie sich hier mit Fritz’ eindeutig verrückter Schwester herumstreiten? Rausschmeißen wollte die sie. Das ließ sich Hanna nicht zweimal sagen. Auch wenn ihr Gegenüber sehr durcheinander aussah und sogar etwas verloren.

 

Als die Tür hinter Hanna ins Schloss fiel, wollte Elf sich am liebsten verkriechen. Erst jetzt wurde ihr so richtig klar, wie tierisch peinlich das alles war.

Warum lag die überhaupt bei mir auf dem Sofa?

Mit einem arroganten Blick war sie gegangen, diese Hanna. Elf brach in Tränen aus. Es war total verrückt, dass sie sich nicht nur benutzt und gedemütigt fühlte, sondern vor allem einsam. Dabei hatte sie die Frau doch selbst rausgeschmissen. Aber jetzt schrie ihr ganzer Körper nach weiteren Berührungen.

Sie kroch unter die Decken zurück, zurrte sie fest um sich, so dass niemand einfach drunterkriechen konnte, und weinte sich leise in den Schlaf. Das war alles nicht wahr.

 

So unauffällig wie möglich huschte Hanna die Treppen hinunter. Sie schnappte sich ihren Mantel und die verfluchte Tasche, die so viel Schwung in ihre Ankunft hier gebracht hatte. Ihre Müdigkeit war verflogen, aber ihre Lust zum Feiern auch. Unerkannt verließ sie das Haus, schloss ihr Fahrrad auf und verstaute ihre Tasche. Nach Hause fuhr sie einen Umweg – durch den Schlossgarten, am Staatstheater vorbei. Die Enten waren schon wieder zurück und schliefen am Ufer des kleinen Sees. Ausnahmsweise gab es kein Spektakel irgendeiner Art, bei dem sich teuer, aber geschmacklos angezogene Stuttgarter und Stuttgarterinnen schlechten Sekt für teuer Geld einflößten und einem den Aufenthalt im Park so verleideten. Da waren die im Gebüsch stöhnenden Schwuletten viel amüsanter. Wobei auch sie Hanna in diesem Moment nicht wirklich brennend interessierten. Diese müßigen Überlegungen sollten lediglich vom Kernproblem ablenken: Was in aller Welt war da eigentlich gerade passiert?

Nach dem Rest einer ruhelosen Nacht, angefüllt mit verwirrenden Träumen von gesichtslosen Frauenkörpern, und einer Horrorschicht im Krankenhaus freute sich Hanna enthusiastisch auf ihr Tischtennistraining. Das würde sie wieder ins Gleichgewicht bringen. Die erotische Begegnung mit Fritz’ Schwester war für sie der schlagende Beweis dafür, in welche verzwickten Situationen man geraten konnte, wenn man aus dem Bauch heraus entschied. Als typischer Kopfmensch vermied sie das normalerweise – aus gutem Grund. Aber das gestern Abend war wohl mehr dem Umstand zu verdanken, dass sie geschlafen hatte. Dabei konnte man sich ja nicht auch noch kontrollieren.

Sie hatte bereits versucht, während ihrer Mittagspause zu meditieren und die unangenehmen Erinnerungen zu bändigen. Ohne Erfolg. Sie riefen auch am Nachmittag noch Herzklopfen und Verlegenheit hervor, vor allem aber Wut. Auf sich selbst, weil sie sich von ihren Hormonen hatte steuern lassen. Auf Elf, weil die das Chaos von vorn bis hinten verursacht hatte. Fritz’ Schwester mit dem unmöglichen Namen und der unverschämten Art.

Eindeutig gestört aus medizinischer Sicht. Das war eine zufriedenstellende Diagnose. Kann aber unverschämt gut küssen.

Woher dieser Gedanke nun wieder kam, wollte Hanna gar nicht wissen. Sie schob ihn weit weg. Das Gehirn ist eines der am wenigsten erforschten menschlichen Organe, sagte sie sich. Ihres war keine Ausnahme. Das von Elf wohl auch nicht. Devianz und erotische Ausstrahlung schließen sich nicht unbedingt gegenseitig aus, dafür gibt es ja in der Medizingeschichte zahlreiche Beispiele . . . Mit solchen fachlichen Erörterungen verdrängte sie die Erinnerungen einigermaßen erfolgreich, bis sie in der Sporthalle eintraf.

Die Tischtennisplatten waren bereits aufgestellt und ihre Mitspielerinnen in ihren Trikots. Hanna zog sich rasch um und krempelte den rechten kurzen Ärmel ihres weißen T-Shirts komplett hoch, so dass ihr ganzer Arm bis zur Schulter freigelegt war – ihr Markenzeichen beim Spielen neben ihrem unglaublich fiesen angeschnittenen Aufschlag. Sie holte ihre Schläger aus der Tasche, legte sie bereit und wärmte sich auf.

Der Tischtennisverein und seine Frauenmannschaft, mit der sie zweimal die Woche trainierte, waren der Ort, an dem sie ihren Kopf abschalten und sich körperlich auspowern konnte. Hier brauchte sie nicht streng und kompetent zu sein, sondern konnte lachen und sogar albern sein, fernab von beruflichen Normen und Ansprüchen. Und da Lizzy in der gleichen Mannschaft spielte, nutzte Hanna die Trainingsstunden nicht nur für ihren Lieblingssport, sondern auch für ausführliche Gespräche über belanglose Dinge. Lizzy war seit unendlichen Zeiten ihre beste Freundin. Besser als jeder andere wusste sie, was hinter Hannas Fassade der zielgerichteten Pragmatikerin lag: außen tiefgekühlter Eisbecher, innen warmes Flammeri.

Teil 03

Irgendjemand schlief schon auf dem Sofa, fiel ihr jetzt auf. Am anderen Ende, bis zum Hals in Decken eingemummelt. Hanna beschloss, dass es ihr egal war, schließlich war genügend Platz. Mittlerweile spürte sie ihre Müdigkeit noch mehr. Später würde sie sich noch ein wenig amüsieren. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, schlief sie auch schon ein.

 

Elf träumte. Vom Engelspark in Stockholm, den skurrilen Figuren dort von Niki de St. Phalle und Jean Tinguely. Von den Seefahrern, die früher auf dieser Insel gehaust hatten. Von den Spaziergängen mit Frauen, die sie ersehnt und geliebt hatte. Von Würstchen und Limonade. Das flüchtige Begehren, das sie in den schwedischen Sommern verspürt hatte, gesellte sich als Traumgefühl dazu. Die Unbeschwertheit, die damit verbunden gewesen war, als sie noch nichts entscheiden musste; nicht gegen jemanden oder etwas. Schule, musizieren, die vielen Feste, die Liebeleien, freudvoll, aber nicht so tief. Unproblematische Zärtlichkeiten. Es war einfach gar keine Frage gewesen, ob sie nun einen Freund hatte oder nicht. Sie hatte Freundinnen gehabt, viele. Es war so selbstverständlich gewesen – die Berührungen von Ewa, Pernilla, Mina, Lena.

Sie träumte auf Schwedisch. Eine melodische, singende Sprache, nicht so trocken wie das Deutsche. Die Sommerferien in der Stuga von Lenas Eltern: wie sie sich nach dem Baden gestreichelt hatten. Durch den Wald gelaufen waren, sich gegenseitig mit Blaubeeren gefüttert hatten. Nachts in einem Bett geschlafen mit karierter Wäsche. Morgens Flingor gegessen. Die meisten Sommarstugas sahen ähnlich aus: dunkles Falunrot, mit weißen Tür- und Fensterrahmen und einer Veranda. Die Kinder hatten im Dach ihre Zimmer, und morgens holte irgendjemand mit dem Fahrrad Milch und Brot. Sie spürte die Hände von Ewa auf ihrer Haut. Der warme Atem in ihrem Nacken ließ sie an Lena denken. Wer war es diesmal? Sehnsuchtsvoll erwiderte sie die Berührungen der anderen. Sie stritt mit sich selbst, halb träumend, halb bewusst: Warum bist du abgehauen, das war doch in Stockholm viel einfacher – sieh doch, fühl doch, was du hast. Das ist in Stuttgart nicht so.

Sie drängte die negativen Gedanken zurück. Sie wollte einen unbeschwerten Traum haben.

Ihre Forschungen drangen in tiefere Bereiche vor. Das ist Heimat, Frauenhaut spüren ist zu Hause sein. Sie gluckste leise. Das hatte Mina mal gesagt. Ihre Hand fand eine weiche Brust, umschloss sie. Sie stöhnte leise. Was für ein schöner Traum.

 

Hanna schlief unruhig. Eine Hand schob sich unter ihren Pullover. Da war eine Frau . . . sie roch gut. Wo kam sie her? Der Geruch war fremd und vertraut zugleich, die Hand war zart und fest, wie sie über Hannas Körper wanderte. Erst warm den Rücken hinauf, dann umschmeichelte sie ihren Hals, um anschließend wieder mit einzelnen Fingern sanft die Wirbelsäule entlangzukratzen. Hanna schmiegte sich den Bewegungen entgegen. Gleich, gleich wollte sie küssen, diesen süßen Mund, die Brustwarzen mit ihrer Zunge umspielen.

Diese leisen, fremden Liebeslaute waren schön. Was für eine entzückende Frau. Hanna verabschiedete sich langsam aus ihrem Traum. Doch es blieb dabei: Berührungen, Gemurmel, Atmen. Das war wirklich. Da machte sich tatsächlich jemand an ihr zu schaffen. Es fühlte sich gut an, die Hände und Finger wurden frecher und drangen tiefer. Hanna seufzte. Sie wollte nicht, dass es aufhörte.

So ganz war ihr immer noch nicht klar, ob sie nun träumte oder nicht. Sie war in ihrer Ausbildung so oft innerhalb von Sekundenbruchteilen vom Tiefschlaf in den totalen Wachzustand übergewechselt, dass sie eigentlich keinerlei Probleme hatte, sich unvorbereitet in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Diese Frau war süß: auch bekleidet wie sie selbst, eine feste, schmale Person, der lange, braune Haare ums Gesicht spielten, mit hellen Strähnen drin. Das Gesicht selbst sah sie nicht. Wollte sie gerade auch nicht mehr, da die Unbekannte mittlerweile Zugang zu allen wichtigen Bereichen ihres Körpers gefunden hatte. Hanna schaltete ihren Verstand aus und ließ ihren Körper übernehmen. Verschwommen schwirrten noch Gedanken an One-Night-Stands in ihrem Kopf herum und daran, dass sie so etwas eigentlich kategorisch ablehnte, zumindest für sich selbst. Aber dies hier fühlte sich richtig an. Eine erregende Situation, wie sie sie noch nie erlebt hatte. Sie wollte nicht mehr nachdenken, nur noch fühlen, Haut, Haare, Mund, Hals, Ohren, Brüste, Hände. Sie schloss die Augen fester und bahnte sich mit der Zunge ihren Weg.

 

Elf verlor sich in ihrem herbeigesehnten Traum. Es war so wunderschön. Aber irgendetwas stimmte nicht ganz. Was war es? Sie konnte es nicht einordnen. Etwas war nicht so vertraut, wie es sein sollte. Die unbekannten Gesten und Gerüche vertrieben den Traum allmählich.

Wer war das? Wo war sie? Alles fühlte sich schwedisch an, so wie früher in der Schulzeit, aber es war doch heute . . . das konnte nicht sein. Und da war noch etwas anderes. Ein fremder Geruch – schön, aber fremd. Da passte nichts mehr in ihre Erinnerungen, da mischte sich zu viel Bekanntes mit Exotischem. Elf schreckte hoch. Sie versuchte sich von der Decke und dem fremden Körper zu befreien. Dabei verhedderte sie sich in Decken, ihren eigenen Haaren und in ihrer Verwirrung.

 

Unsanft wurde Hanna bei ihrer Erforschung der weichen Brüste unterbrochen. Die andere versuchte sich plötzlich von ihr loszumachen. Ihre ineinander verschlungenen Körper verwandelten sich in ein chaotisches Knäuel aus Gliedmaßen und Decken. Hanna spürte das Erschrecken der Frau, ohne es zu verstehen. Was war nur los? Hatte sie etwas falsch gemacht, eine unsichtbare Grenze überschritten? Oder hatte die Frau nur antesten wollen, wie weit sie gehen würde, und machte jetzt einen Rückzieher?

Elf hatte sich mittlerweile freigewühlt und ihre Orientierung halbwegs zurückgewonnen. Eine außerordentlich peinliche Lage, in der sie sich da wiederfand: Irgendjemand hatte sie gerade gestreichelt, es war lustvoll, innig und unbekannt zugleich gewesen. Das war es, was sie geweckt hatte. Das Unstimmige, Fremde, das aber eben auch vertraut war.

»Was war denn das?« Sie konnte sich nicht zwischen angenehmer Überraschung, Empörung und Verwirrtheit entscheiden, und genauso klang ihre Stimme auch. Ihre Augen begannen sich in der Dunkelheit zurechtzufinden. Und im nächsten Moment verschlug es ihr den Atem.

»Du?«, bekam sie nur noch heraus.

 

Hanna hatte sich von dem wühlenden Sofagespenst weg in die Ecke gesetzt und ihre derangierte Kleidung in Ordnung gebracht. Ihr gegenüber kämpfte die andere Frau immer noch mit der Decke. Als Hanna erkannte, wer sich da gerade aus dem Knäuel herausschälte, klappte ihr Mund auf und zu wie bei einem Fisch auf dem Trockenen.

Fritz’ Schwester. Frisch aus dem Ausland. Ach du liebes bisschen. Mit allem hatte sie gerechnet, aber nicht mit der Frau, der sie vor kaum zwei Stunden fast die Gitarre zertrümmert hätte. Sie glotzte sie an, sekundenlang. Als es ihr bewusst wurde, stand sie auf und begann nervös herumzulaufen.

 

Elf schnappte immer noch nach Luft, fand keine richtigen Worte. Mit dem gestammelten »Aber . . . du . . .« kam sie auch nicht weiter. Hilflos griff sie sich die Decke und zog sich in die gegenüberliegende Ecke des Sofas zurück.

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