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Teil 04

Das erschien ihr im Rückblick fast am schlimmsten. Es klang so, als ob der Fehler bei ihr lag und sie die Schuld an den verbrannten Nudeln trug. So, als ob Kay als Geliebte und als Mitbewohnerin so sehr versagt hatte, dass die beiden keine andere Wahl hatten und fremdgehen mussten. So, als ob sie als Wiedergutmachung nur anbieten konnte, die verbrannten Nudeln aus dem Topf zu kratzen und sich gleichzeitig für ihr Versagen zu schämen.

Am Ende hatte sie genau das tatsächlich getan. Nach zwei Stunden mit ihrem MP3-Player und Amy Winehouse war sie zurück in die Küche gegangen. Die Wohnung fühlte sich leer an, und in ihrem Inneren war noch eine viel größere Leere. Sie hatte den Topf mit den verbrannten Nudeln in der Spüle umgedreht, die Nudeln mit der Hand in den Mülleimer geworfen und die festgebrannten Reste mit einem Stahlschwamm vom Boden des Topfes gescheuert. Trotz all ihrer Mühen waren schwarze Flecken und Kratzspuren auf dem Silber des Topfbodens zurückgeblieben.

Nein. Daran wollte sie jetzt nicht denken. Für einen Moment presste sie die Lippen zusammen und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Sie wollte nicht weinen. Zwei Wochen Urlaub warteten auf sie. Das war genug Zeit, um Marion und Giselle zu vergessen und endlich wieder eine Nacht durchzuschlafen.

Vielleicht würde es ihr nie gelingen, eine Frau zu finden, mit der sie mehr als ein paar leidenschaftliche Nächte teilen würde. Vielleicht zog sie Leute an, die sich nach einem unverbindlichen Abenteuer ohne Verpflichtungen sehnten. Vielleicht trug ihr Herz einen Aufdruck mit den Worten »Bitte spiele mit mir und wirf mich danach wieder weg«.

Beruhige dich, wisperte eine Stimme in Kays Haaren. Du wirst wieder lieben. Und geliebt werden.

Kays Herz wurde warm. War die Windfrau tatsächlich zurückgekehrt?

Es war lange her, dass Kay sich vorgestellt hatte, der Wind sei in Wahrheit eine unsichtbare Frau, die sie streichelte und zu ihr sprach. Vor drei Jahren, als Kay das erste Mal ins Workcamp auf die Vogelschutzinsel gefahren war, hatte sie die Stimme der Windfrau oft im Ohr gefühlt. Damals, als alles angefangen hatte. Als Kay begriffen hatte, dass nicht sie selbst falsch tickte, sondern all die anderen mit ihrer aufgesetzten Hetero-Norma¬lität.

Ich fühle mich so einsam, dachte Kay und spürte, dass die Windfrau sie hören konnte. Was mache ich falsch?

Sei wählerisch, wisperte die Windfrau. Es kam Kay so vor, als sei die Stimme zwischen dem Brummen des Motors und dem gleichmäßig an- und abschwellenden Rauschen der Wellen ganz real zu hören.

Wählerisch? Was meinst du?, fragte sie. Muss ich nicht dankbar sein, wenn ich überhaupt eine Frau finde, für die ich mehr bin als ein Experiment in Bisexualität? Da darf man sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Es gibt eh zu wenig Lesben da draußen. Oder?

Die einzige Antwort waren das Wellenrauschen und das Motorengeräusch. Kay stellte sich vor, dass die Windfrau sie auslachte und ihr einen salzig-feuchten Kuss auf die Nase drückte, bevor sie davonflog. Der Gedanke brachte sie zum Lächeln.


»Gleich sind wir da!«, rief Beate.

Kay schreckte aus ihrer Träumerei von größeren und weiteren Reisen über das Meer und die ganze Welt zurück in das kleine Boot. Suchend sah sie sich um. »Wo denn? Ich kann die Insel nicht sehen.«

»Es ist keine Insel, sondern eine Hallig«, korrigierte eine andere Frau mit feinen braunen Löckchen. Susanne, wenn Kay sich vom Vorabend richtig erinnerte.

»Meine ich doch. Insel, Hallig, das ist das Gleiche.«

»Das stimmt nicht. Die Halligen haben keine Deiche und sind nur große Sandbänke, auf denen Salzgräser wachsen und die bei Sturmfluten unter Wasser liegen.«

»Das weiß ich doch«, sagte Kay genervt und fragte sich, ob Susanne Lehramt studierte. In Wahrheit hatte sie den Unterschied zwischen einer Hallig und einer Insel tatsächlich vergessen. Aber trotzdem: Was musste diese Susanne so oberlehrerhaft tun? »Die Inseln in der Südsee haben auch keine Deiche, und trotzdem nennt man sie nicht Hallig. Also ist unser Ziel auch eine Art Insel.«

»In der Südsee gibt es aber keine Sturmfluten wie in der Nordsee«, setzte Susanne an, unterbrach sich dann aber. »Im Grunde ist es egal. Die Hallig ist backbord vom Boot, siehst du? Wir sind nicht direkt darauf zugefahren, weil die Fahrrinne anders verläuft.«

Kay grinste und hob kapitulierend die Hände. »Ist ja gut.«

Als das Boot sich drehte und auf den Anlegesteg zufuhr, machte Kay sich klar, dass ihr Zielort tatsächlich keine Insel war. Die Hallig war flach, im Grunde tatsächlich nur eine bessere Sandbank, und wirkte fast wie ein Schaumfleck auf den Wellen, den ein Windhauch hätte davontragen können. Nur die kleine Pfahlhütte in der Mitte bezeugte, dass jemals Menschen hier gewesen waren.

Je näher der Sandfleck rückte, desto winziger kam er ihr vor. Seltsam. In ihrer Erinnerung war das Workcamp voller lachender Gesichter, voll mit Musik im Küchenzelt, durchweht von Wind, Sonnenstrahlen und dem Glitzern der Wellen. Der Kontrast ließ sie daran denken, wie sie einmal als Erwachsene zurück in ihre einstige Grundschule gekommen war und entdecken musste, dass die früher unendlich erscheinende Bibliothek nur aus drei Regalen bestand. Jetzt, da sie dieses Tüpfelchen Sand mit der Insel aus ihrer Erinnerung verglich, ging es ihr genauso. Nicht einmal Büsche wuchsen da.

Es fühlte sich an, als schließe sich die Nordsee um sie wie ein Gefängnis. Sie hatte sich für das Workcamp angemeldet, um das Glück wiederzufinden, das sie mit achtzehn Jahren in Sheryls Armen erlebt hatte. Doch stattdessen fuhr das Boot sie unaufhaltsam zu einem wackelig wirkenden Steg ohne Geländer. Für die kommenden zwei Wochen war sie hier gestrandet. Ohne Straßen, durch die man laufen konnte, wenn einem zu Hause die Decke auf den Kopf fiel, ohne Fernseher und Computer, um der Wirklichkeit zu entfliehen.

War es das, was sie gewollt hatte?

Keiner ihrer Freunde fuhr mit, mit denen sie den Trennungsschmerz hätte wegtrinken können. Die nächsten zwei Wochen hatte sie niemanden außer den Fremden, die mit ihr in dem weißen Boot saßen. Es gab nur die grasbewachsene Sandbank mit den Zelten darauf, graue Wellen und den bleiernen Himmel, der gleichgültig und unbarmherzig ihre Erinnerungen ausbreitete und ihnen die ganze Weite des Meeres gab, um sich zu entfalten.

3.
Nur ein Stück Stoff unterm Himmel

Daniela stand auf dem Steg und kämpfte mit ihrem Gleichgewicht. Sie fragte sich, ob in den Sand gerammte Pfosten mit daraufgenagelten und vom Salzwasser angegriffenen Brettern unter den Füßen besser waren als das endlose Schaukeln des Bootes. Die Übelkeit war jedenfalls noch nicht besser geworden. Der Boden schwankte fast so schlimm wie das Boot. Außerdem merkte man die Kälte im Stehen noch mehr als im Sitzen.

Wie hielt die blonde Kay es bloß in ihrer kurzen Hose und dem Spaghetti-Top aus? Gegen ihren Willen musste Daniela immer wieder zu ihr hinübersehen, während sie gemeinsam das Gepäck aus dem Boot luden. Schließlich mahnte sie sich zur Selbstdisziplin. Kay war schließlich eine Zicke, mit der sie nichts zu tun haben wollte. Auch nicht, wenn Kay einen hübschen Hintern und ein warmes Lächeln hatte. Das interessierte Daniela nicht. Wirklich nicht.

Teil 03

Kay nickte. »Eigentlich darf man es auch nicht. Die Organisatoren müssen ja vorher wissen, für wie viele Teilnehmer man Essen kaufen muss. Aber ich hatte echt Glück. Eine andere Teilnehmerin ist krank geworden, und ich konnte kurzfristig ihren Platz übernehmen.«

Das konnte doch nicht wahr sein! Daniela rückte von Kay ab. Isas Erkrankung war also ein Glücksfall? Freute sich diese Kay allen Ernstes darüber, dass Isa zu Hause bleiben musste? Wie konnte sie nur!

Ganz offensichtlich war Kay eine Frau von der Sorte, die sich von ihrem reichen Freund einen Urlaub mit Flugzeug und Hotel spendieren ließ, statt sich selbst einen Job zu suchen. Auch wenn sie vor drei Jahren bereits im Workcamp gewesen war – sie hatte ja schon durchblicken lassen, dass es ihr offenbar nicht um die Vögel und den Naturschutz ging, sondern um das Feiern und die Jagd nach Männern.

Mit halbem Ohr hörte sie, wie Beate sagte: »Es ist jedenfalls schön, dass du dabei bist. Du wirst sehen, es gibt nichts Besseres als zwei Wochen auf der Insel, um über Liebeskummer hinwegzukommen.«

»Danke schön! Es ist auch schön, dass du dabei bist. Ich freue mich auf die zwei Wochen mit euch. Wir werden bestimmt eine Menge Spaß haben . . . Vor drei Jahren gab es sogar einige Romanzen.«

Das reichte Daniela. Sie verstopfte innerlich die Ohren und heftete ihre Augen wieder fest auf den Horizont. Was für eine Tussi diese Kay doch war mit ihrer quietschbunten Kleidung, die sicher nicht dreckig werden durfte, und ihren Markenturnschuhen. Garantiert hatte sie keine Ahnung von Naturschutz. Sollte sie ruhig versuchen, in den zwei Campwochen nach einem Ersatz für ihren Freund zu suchen. Die würde schon merken, was sie davon hatte, wenn sie sich über Isas Krankheit freute. Bestimmt würde sie heftig auf die Klappe fliegen. Das geschähe ihr recht. Vielleicht waren es ihre negativen Gedanken gewesen, die Isa überhaupt erst krank gemacht hatten.

Schwachsinn, rief sich Daniela innerlich zur Räson. Irgendwie steigerte sie sich gerade in etwas hinein. Sie konnte doch nicht ernsthaft Kay die Schuld für Isas passgenaue Samstagserkältung geben, oder? Aber es war schwer, an der Logik festzuhalten, wenn der Boden unter ihren Füßen so ekelhaft wackelig war und sie ohne Isa zwischen Küste und Horizont zu einem unbekannten Ziel schipperte. Der Himmel schwankte. Wie sollte Daniela einen klaren Gedanken fassen, wenn nicht einmal der Boden ihr noch festen Halt bot?

2.
Wind im Haar

Die Sitzbank vibrierte unter dem Brummen des Bootsmotors. Kay lächelte. Sie ließ einen Arm über den Bootsrand hängen und spürte, wie schnell das Wasser durch ihre Finger glitt.

Natürlich saß sie nicht in einem Hochgeschwindigkeits-Sportboot, hinter dem das Wasser meterhoch aufspritzte und dessen Dröhnen bis an den weit entfernten Strand zu hören war. Es war nur ein kleines Boot, das bei größerer Windstärke sicher gar nicht hinausdurfte. Trotzdem schenkte die Überfahrt ihr ein Gefühl von Freiheit, das sie lange vermisst hatte. Das letzte Mal hatte sie es erlebt, als sie sich von Lisa, ihrem nervigen, aber manchmal ganz tauglichen Schwesterherz, deren Sportcabrio ausgeliehen hatte. Aber das war lange her.

Kay mochte schnelle Autos, und sie mochte es, das Tempo bis an die Grenzen der eigenen Fähigkeiten zu steigern. Nur schade, dass sie sich noch für viele Jahre keinen eigenen Sportwagen würde leisten können. Aber auf diesem Boot über die Wellen zu gleiten mit einem Tempo, das wohl dessen Höchstgeschwindigkeit darstellte, war ein kleiner Ersatz dafür. Es bot immerhin die Illusion, über die Wellen zu fliegen.

Die erste Nacht war die schlimmste gewesen. Kay hatte in die Schwärze hinter ihren ordentlich zugezogenen Vorhängen gestarrt und sich gefragt, warum sie nicht weinen konnte. In der zweiten Nacht war es besser geworden. Sie konnte zwar immer noch nicht weinen, aber irgendwann schlief sie wenigstens ein. Doch immer, wenn sie dachte, dass sie jetzt drüber weg war – immerhin hatte das mit Marion nur zwei Monate gedauert –, brachte ein verirrter Gedanke die Erinnerung an Marions Lächeln zurück.

Zwei Wochen waren seitdem vergangen.

Kay wünschte sich, niemals an ihrem Ziel anzukommen. Hier auf dem Meer, weit weg von der Wirklichkeit, hatten die Erinnerungen weniger Kraft. Die kurzhaarige, hochgewachsene Brünette neben ihr war hübsch und machte einen sympathischen Eindruck, auch wenn sie die meiste Zeit auf den Horizont starrte. Auch die rothaarige Beate hatte Sexappeal. Sie erinnerte Kay ein wenig an Sheryl, auch wenn Beate bestimmt eine Hete war. Gestern beim Kennenlernabend hatte sie sich jedenfalls bei einem der Männer an die Schulter gelehnt. Oder war es eine von den anderen Frauen gewesen?

Egal. So wichtig war das nicht. Kay wollte ohnehin noch keine neue Frau, der Schock saß viel zu tief. Hier auf dem Wasser konnte sie für kurze Zeit den Moment vergessen, in dem sich alles geändert hatte. An den sie nicht denken wollte, auch wenn die Erinnerungen sich immer wieder von selbst in ihren Kopf drängten.

Dieser Moment, als sie von der Arbeit nach Hause gekommen war und auf dem Herd ein Topf mit Nudeln anbrannte. Das Erste, was sie beim Aufschließen der Wohnungstür wahrgenommen hatte, war dieser Geruch gewesen. Beißend. Widerlich. Die ganze Wohnung hätte abbrennen können.

Als sie den Topf vom Herd zur Spüle transportiert hatte, um Wasser hineinlaufen zu lassen, hatte sie sich gleich zweimal verbrannt. Zuerst am Griff des Topfes und dann noch einmal am Wasserdampf, der zischend nach oben stieg, als das kalte Wasser die braun und schwarz gewordenen Nudeln und das heiße Metall traf. Sie hatte geflucht und die eingeweichte Bescherung schließlich stehen lassen, um sich im Badezimmer kaltes Wasser über die verbrannte Hand laufen zu lassen.

Sie hatte nicht einmal ihre Straßenschuhe ausgezogen, daran erinnerte sie sich noch ganz genau. Als sie gerade die Badezimmertür öffnen wollte, hatte irgendein Instinkt sie dazu gebracht, sich umzudrehen. Zur Zimmertür ihrer Mitbewohnerin, dieser apfelgrünen Tür, die sie gemeinsam angestrichen hatten. Sie war geschlossen gewesen, aber jetzt drückte jemand die alte und unpassende Messingklinke nach unten. Dann erschien das wunderschöne Gesicht von Marion.

Erhitzte Wangen und leuchtende Augen. Feucht schimmernde Lippen, auf denen das Lächeln gefror, als sie Kay anblickte. Marions Hände, die sich um die Klinke krampften. Außerdem hing dieser Duft nach Pheromonen in der Luft, nach Erregung und Lust und Weiblichkeit, der Marion einhüllte und trotz des verbrannten Gestanks aus der Küche bis hin zu Kay waberte. Fast konnte sie den Vanilleduft von Marions Haut quer durch den Flur riechen.

Kay hatte den Verbrennungsschmerz in der Hand vergessen und zu begreifen versucht. Oder zu verdrängen. So ganz konnte sie das in diesem Moment nicht auseinanderhalten. »Es ist okay, ich verstehe das«, hatte sie mechanisch gemurmelt. »Ich meine, wir sind erst zwei Monate zusammen. Da ist es noch nichts Ernstes.«

Der einzige Gedanke, den sie sich in diesem Moment erlaubt hatte, war, wie peinlich die Situation war. Sie wollte nicht fragen, was ihre Freundin und ihre Mitbewohnerin hinter der verschlossenen Tür miteinander getrieben hatten. Sie wollte sich die Küsse nicht vorstellen, die die beiden getauscht hatten, sie wollte die Entschuldigungen, Ausreden und Lügen nicht hören, die unweigerlich als Antwort kommen mussten.

»Ich habe den Topf eingeweicht. Lass ihn einfach in der Spüle stehen, ich wasche nachher ab«, hatte sie noch gesagt.

Teil 02

Immerhin hatte Isa nicht verlangt, dass Daniela ihretwegen auf ihre lange ersehnten zwei Wochen im Workcamp verzichtete. »Ich weiß, dass dir dieser Urlaub mehr bedeutet als mir«, hatte Isa am Telefon gesagt. »Deswegen möchte ich, dass du ohne mich fährst und die Zeit so sehr genießt wie möglich. Schreib mir eine Karte aus den Niederlanden!«

Daniela hatte erwidert, dass es auf der Hallig kein Postamt gäbe, aber sie würde die Karte gern einer der Möwen für die europäische Vogelbriefpost mitgeben. Das hatte Isa zum Lachen gebracht. Sie hatte so ein wunderbares Lachen. Daniela würde alles tun, um Isa glücklich zu machen.

Normalerweise jedenfalls.

Zum Glück hatten sie die Zugfahrkarten nicht im Voraus gekauft, ging es ihr durch den Kopf. Sonst wäre das Geld für Isas Karte verschwendet gewesen.

Die blonde Frau trug ein helloranges Spaghetti-Top über einem grünen BH zu einer blauen Shorts und weißen Turnschuhen. Offenbar hatte sie keine Scheu vor kräftigen Farben. Doch obwohl sich auf den festen und durchtrainierten Beinen Gänsehaut abzeichnete, schien sie nicht zu frieren. Daniela seufzte zum zweiten Mal. Sie spürte den Nordseewind trotz ihrer Fleecejacke.

»Ich bin übrigens Kay«, stellte sich die Blondine vor. Sie hatte ein fröhliches Gesicht mit Grübchen in den Wangen. Bestimmt lachte sie oft. »Vor drei Jahren war ich schon einmal dabei.«

Daniela machte ein zustimmendes Geräusch und hoffte, dass es Kay dazu animieren würde, die Hand auf ihrem Rücken liegen zu lassen. Die Berührung war so beruhigend. Ein Fixpunkt in dieser schwankenden und schaukelnden Welt. Danielas Leben schwankte schon viel zu lange wie ein Boot auf den Wellen, das den Hafen nicht finden konnte.

»Ich war auch schon mal auf der Hallig«, mischte sich die Mitfahrerin auf Kays anderer Seite ein. Sie trug einen dunkelblauen Trainingsanzug, der ihre lockigen roten Haare gut zur Geltung brachte. »Letztes Jahr. Das Workcamp ist eine einzigartige Erfahrung. Man bricht für zwei Wochen komplett aus seinem Alltag aus und ist hinterher körperlich topfit. Etwas Besseres kann einer Studentin gar nicht passieren.«

»Ja, es ist wirklich eine tolle Gelegenheit.« Kay grinste und wandte sich zu der Frau im Trainingsanzug um. »Vor drei Jahren haben wir eine Menge Spaß gehabt. Und jeden Abend gefeiert.«

Daniela schluckte und blickte mit zusammengepressten Lippen auf den Horizont. War Kay auch eine von den Frauen, die ständig Party machen und etwas erleben wollten? So wie Isa? Sie selbst war eher ein ruhiger Typ. Abende im Park, am Fluss, in einem gemütlichen Restaurant oder einfach bei Kerzenschein daheim, das war ihre Vorstellung von Romantik. Sie wollte nicht ständig beweisen, dass sie up to date war, und hatte keine Lust auf die ständige Suche nach neuen Klamotten, weil sie das Kleid mit den Spaghettiträgern vor zwei Wochen schon einmal angezogen hatte. Daniela konnte auch nicht nachvollziehen, wieso es Spaß machen sollte, in unbequemen Schuhen vor einer Disco zu stehen und anderen Leuten beim Rauchen zuzusehen. In dieser Zeit könnte sie auch ein gutes Buch lesen.

Unwillkürlich schüttelte sie sich, was Kays Hand von ihren Schultern gleiten ließ. Plötzlich fror Daniela noch viel mehr. Auch die Übelkeit kehrte zurück.

So hatte sie sich diese Fahrt beim besten Willen nicht vorgestellt. Sie fuhr nicht auf die Hallig, um zu feiern und sich abends zu betrinken. Und eigentlich hatte sie angenommen, dass sie im Vogelschutzcamp Gleichgesinnte kennenlernen würde, die sich wie sie für Naturschutz interessierten und dafür einsetzen wollten. Schließlich wurde dieses Workcamp aus europäischen Fördergeldern finanziert – und zwar nicht, damit die Teilnehmer die ganze Zeit einen draufmachen konnten, sondern damit die Sturmfluten im Winter nicht immer mehr Sand von der Küste davontrugen und die Nistplätze für die Seevögel weniger wurden. Vogelschutz war Küstenschutz, und dafür gab es spezielle Förderprogramme, besonders in den Niederlanden.

Insgesamt waren es achtzehn Leute, die jetzt mit drei Booten auf die kleine Hallig fuhren. Sie lag in der Nähe des Ijsselmeeres und wurde jeden Sommer von Freiwilligentrupps instand gehalten. Neben dem Gepäck hatten die Teilnehmer Trinkwasserkanister und Kisten mit Lebensmitteln dabei. Auf der Hallig gab es keinen Supermarkt, keinen Laden, kein Restaurant und auch keine Quelle, nicht einmal einen Tiefkühlschrank. Es gab nichts als ein paar Zelte und einen elektrischen Generator für das Küchenzelt. Für ihr Überleben würden sie auf sich selbst und ihre mitgebrachten Vorräte angewiesen sein. Sie alle würden leben wie die Menschen in alten Zeiten.

Mit einem weiteren tiefen Seufzer versuchte Daniela eine bequemere Sitzposition zu finden und die Situation von der positiven Seite zu sehen: Immerhin wärmte sich das Wasser in ihren Turnschuhen langsam auf, solange nicht durch eine unbedachte Bewegung neues hineinfloss. Einfach nicht bewegen, sagte sie sich. Irgendwann würde es vorübergehen.

Die beiden anderen Boote waren hinter ihnen zurückgeblieben. Offensichtlich war der Fahrer von Danielas Boot ehrgeizig und pflügte so schnell über die Wellen, wie er konnte. Vielleicht mochte er das Gefühl von Freiheit. Die anderen Mitfahrer schienen damit kein Problem zu haben.

»Da, ein Vogel!«, rief die blonde Kay und zeigte halbrechts nach vorn. »Das ist bestimmt eine Küstenseeschwalbe. Ob die dieses Jahr auf unserer Hallig geschlüpft ist?«

Die rothaarige Frau im dunkelblauen Trainingsanzug blickte ebenfalls konzentriert in diese Richtung und fing nach wenigen Momenten an zu lachen. »Das ist doch nur eine Möwe. Das erkennst du an der Form der Einkerbung im Schwanz und an der Schnabelform.«

»Kannst du das wirklich erkennen?« Kay klang beeindruckt. »Ich hatte gehofft, dass es eine Küstenseeschwalbe sein würde. Das wäre doch ein gutes Omen.«

Die Rothaarige lächelte und legte ihre Hand auf Kays Oberarm. »Letztes Jahr hatten wir ein Mädchen dabei, das ein freiwilliges ökologisches Jahr im Vogelschutz machte. Die hat mir ein bisschen beigebracht.«

»Cool.« Kay lächelte die Frau an und zog ihre Hand jetzt endgültig von Danielas Rücken weg. »Kannst du mir ein paar Vögel zeigen und erklären, wenn wir da sind?«

»Gern. Ich bin übrigens Beate.«

»Kay.« Die beiden schüttelten sich die Hände.

Wenn Daniela sich nicht so elend gefühlt hätte, hätte sie sich am Gespräch beteiligt. Aber wie konnten die bei diesem Geschaukel im schneidenden Wind so ekelhaft fröhlich sein?

»Ich habe mich erst in letzter Minute für das Workcamp angemeldet«, erzählte Kay. »Eigentlich hatten mein Schatz und ich einen Pärchenurlaub geplant und gebucht. Aber vor zwei Wochen kam dieses Miststück auf die Idee, dass ich nicht mehr gut genug für eine Beziehung wäre, und hat mich abserviert. Ich hätte trotzdem noch mit nach Mallorca fahren dürfen, mein Ex-Schatzi war da sehr großzügig, aber . . . Nee. Ich habe auch meinen Stolz. Also habe ich das Flugticket und die Hotelreservierung demonstrativ in der Luft zerrissen und die Tür hinter mir zugeknallt.«

»Das ist übel«, kommentierte Beate.

»Ich komm schon klar.« Kays vorhin so fröhliches Gesicht verdüsterte sich. Daniela hätte ihr gern den Arm um die Schultern gelegt, doch sie wollte sich nicht zwischen Kay und die Rothaarige drängeln. So elend, wie ihr selbst zumute war, konnte sie ohnehin nur wenig Trost für andere erübrigen.

Beate bemerkte: »Ich wusste gar nicht, dass man sich so kurzfristig noch für das Workcamp anmelden kann.«

Teil 01

1.
Überfahrt

Das Problem war nicht das Schwanken des Bootes, sagte sich Daniela. Es wäre die Krönung ihrer Misere, wenn sie jetzt auch noch seekrank würde. Nein: Die Wurzel des Problems lag darin, dass heute Samstag war. Von einem Samstag konnte man nichts Besseres als Übelkeit erwarten.

Wie an so vielen Wochenenden verbrachte Daniela auch diesen Samstag ohne Isa. Man hätte meinen sollen, dass sie sich inzwischen daran gewöhnt hätte. Aber dieses Mal war der Samstag nur der Auftakt zu ganzen zwei Wochen ohne ihre Freundin – zwei Wochen, die eigentlich ihr gemeinsamer Urlaub hat¬ten werden sollen.

Der Boden des weißen Metallbootes war schmutzig. Auch Danielas Turnschuhe waren schon von Nässe und braunem Modder bedeckt. Es waren alte Turnschuhe, keine teure Marke und nicht besonders sauber, aber jetzt waren sie auch noch nass. Bereits am ersten Tag. Das fing ja großartig an. Vermutlich würde die Nacht nicht ausreichen, um die Schuhe trocknen zu lassen. Außerdem musste sie zur Toilette. Und die permanente Seitwärtsbewegung in diesem blöden Boot bekam ihrem Magen gar nicht gut.

Natürlich fuhr das Boot in Wahrheit vorwärts, nicht seitwärts, und die Passagiere saßen wie Hühner auf zwei Stangen entlang der Bootswände und blickten ins Innere des Bootes auf den Kofferhaufen. Aber es fühlte sich an wie ein außer Kontrolle geratener Rückwärtskreisel auf dem Rummelplatz. Zum Kotzen, ganz wörtlich.

Wie fast jeder Samstag.

Isa liebte Samstage. Das war ein Teil des Problems. Isa war eine echte Partymaus. Wenn es nach Isa ginge, müsste jeden Tag Samstag sein. Party ohne Ende, trinken, feiern, tanzen, noch mehr trinken . . .

Sie hatten sich mehr als einmal deswegen gestritten.

Natürlich hätte Daniela zu Hause bleiben können, als Isa vorgestern krank geworden war. Dass sie Isa deswegen angeschrien hatte, verursachte auch jetzt noch ein dumpfes, schuldbewusstes Drücken in ihrer Magengegend. Aber schließlich hatte sie sich seit sieben Monaten auf das Workcamp mit Isa gefreut. Zwei Wochen lang nichts als Wind, Wellen und Vögel. Eine Nordseeinsel weit draußen vor der Küste von Holland, die so klein war, dass sie nicht einmal einen Deich besaß. Abschalten und zurück zu sich selbst finden. Es sollte eine Reise weit fort von allen Hausarbeiten und Prüfungen werden, die ihr die Semesterferien ruinierten und meist sogar die Wochenenden ausfüllten. Sie hatte während des vergangenen halben Jahres so hart gearbeitet . . .

Trotzdem hätte ich zu Hause bleiben sollen, dachte Daniela missmutig und blickte wieder auf den Boden des Bootes. Es war egal, wie oft Isa gerade dann krank geworden war, wenn sie einen gemeinsamen Museumsbesuch oder Ausflug in den Tierpark geplant hatten. Es sollte auch keine Rolle spielen, dass Isa an ihrer Erkältung eigentlich selbst schuld war. Daniela war Isas Freundin. Sie hätte zu Hause bleiben und sie pflegen müssen.

Wenn sie nur hätte glauben können, dass Isa auf ihre Pflege Wert legte.

Nicht auf den Boden sehen, ermahnte sie sich. Davon wird es nur schlimmer.

Sie hob den Kopf und blickte stattdessen konzentriert auf den Horizont. Er bewegte sich ständig hin und her. Fast eineinhalb Stunden sollte die Überfahrt noch dauern. Ihr graute vor jeder Minute. Wenn alle drei Sekunden eine Welle gegen das Boot rollte und es leicht hob und wieder senkte, dann schwankte das Boot zwanzig Mal pro Minute. Und bei neunzig Minuten Fahrt machte das viel zu viele schwankende Bewegungen für Danielas Magen.

Die anderen Passagiere schienen keine Probleme mit dem permanenten Auf und Ab zu haben. Sie blickten entspannt ins Wasser oder unterhielten sich leise. Daniela hätte gern mit einem von ihnen getauscht.

Mit dem Salzwasser in ihren Turnschuhen würde sie bald genauso erkältet sein wie Isa. Nur dass Daniela nichts für ihre nass gewordenen Schuhe konnte. Isa dagegen hatte abends am Baggersee darauf bestanden, im feuchten Bikini auf dem Badetuch liegen zu bleiben, und Danielas vorsichtige Hinweise auf die kühle Abendluft ignoriert. Gleichzeitig hatte sie immer wieder zu einer Gruppe von Motorradfahrern hinübergeschaut, die gerade höchstens zehn Meter entfernt ihren Grill aufstellten. Und anders als sonst hatte Isa von sich aus begonnen, Daniela zu küssen.

Am liebsten hätte Daniela sich auf dem Boden des Bootes zusammengerollt. Dort wäre sie in Sicherheit vor dem ständigen Schwanken des Himmels. Dort könnte sie so lange mit geschlossenen Augen liegen, bis die Überfahrt vorbei wäre. Aber auf dem Boden war diese Pfütze aus schmutzigem Wasser. Und in der Pfütze lag ihre Reisetasche. Hoffentlich war sie wasserdicht.

»Ist das Meer nicht beeindruckend?«, fragte Danielas Sitznachbarin und ließ die Hände durch das Wasser gleiten. Sie hatte lange, blonde Haare, eine kurvige Figur und ein offenes Lächeln. Und viel zu gute Laune für Danielas Geschmack. Daniela seufzte. Die Wellen sahen so harmlos aus. Aber sie reichten bis zum Horizont und hörten einfach nicht auf.

»Finde ich nicht«, brummte sie, schluckte die Übelkeit hinunter und richtete den Blick wieder starr auf den Horizont.

»Warum? Bist du seekrank? Bei diesem harmlosen Wellengang?«

Daniela zuckte mit den Schultern, drehte sich von der hübschen Blondine weg und hob die Hand zu ihrem Magen. Doch dann ließ sie sie wieder sinken. Sie wollte kein Mitleid, nur weil ihr Gleichgewichtssinn mit dieser wackeligen Nussschale auf dem weiten Meer, das sich von Horizont zu Horizont erstreckte, nicht zurechtkam. Alles, was sie wollte, war ein Ende dieser Unsicherheit. Fester Boden unter den Füßen. Halt und Verlässlichkeit.

All das, was ihr bei Isa fehlte, wenn sie ganz ehrlich war. In letzter Zeit ging alles schief. Außerdem hatte das Wasser den falschen Geruch. Nicht nach Salz und Freiheit, sondern nach Moder. Wie ein Teich, den man im Sommer zu lange nicht gereinigt hatte.

Ja, gut, es roch auch nach Salz und sicherlich frischer und natürlicher als ein Weichspüler mit dem Namen ›Meeresbrise‹, aber der Eindruck von vermoderndem Grünzeug war schwer zu ignorieren. Er war nicht so schlimm wie im Baggersee, aber er passte nicht in das Bild, das Daniela sich von der Nordsee gemacht hatte. Nicht einmal der Wind auf ihren Wangen war so sanft, wie sie ihn sich vorgestellt hatte.

Die Blonde neben ihr bot an: »Wenn du magst, kannst du eine Tablette von mir haben. Ich habe welche dabei, und sie scheinen zu wirken.«

»Geht schon«, nuschelte Daniela und verschränkte die Arme auf der Brust. Was sie sich wünschte, war ein Halstuch, denn der Wind war wirklich kühl. Im ersten Moment merkte man das nicht, aber wenn man eine Weile still saß, breitete sich das fröstelige Gefühl im ganzen Körper aus. Dabei war es Sommer. August.

Die blonde Frau legte eine warme Hand auf Danielas Rücken und ließ sie für einen Moment zwischen Danielas Schulterblättern ruhen. Es tat gut. Fast war es, als hielte das Boot still und gewährte Daniela eine Verschnaufpause vom ständigen Schaukeln. Ihre verkrampften Schultern lockerten sich.

So schlimm war Isas Erkältung nicht, wenn sie es bei Licht betrachtete. Isa würde gut ohne sie zurechtkommen, das hatte sie selbst gesagt. Sie wollte nur sichergehen, dass sie sich auch wirklich gründlich auskurierte.

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