Beiträge

Teil 04

»Wie haben Sie Ihre Nonne –«, Renni räusperte sich, »ich meine, wie ist die Frau verschwunden?«

»Das wissen wir nicht.« Angelika zuckte die Schultern. »Sie hatte Dienst im Büro, während alle anderen damit beschäftigt waren, die Weihnachtsmessfeierlichkeiten vorzubereiten. Schon seit Tagen sind wir eigentlich nur damit beschäftigt, aber abwechselnd ist jemand für die Klosterpforte zuständig, neben der das Büro liegt. Gerade an Weihnachten geschehen oft die merkwürdigsten Dinge vor unserer Tür –«

»Anscheinend«, bestätigte Renni trocken. »Aber wenn sie schon an der Pforte war, kann sie dann nicht einfach hinausgegangen sein, irgendjemand besuchen oder etwas erledigen? Vielleicht noch ein paar Geschenke einkaufen oder so?«

Mutter Angelika lächelte milde. »So handhaben wir das nicht. Wir haben hier im Kloster alles, was wir brauchen. Niemand muss das Kloster verlassen. Es gibt Ausnahmen, wenn beispielsweise unsere Novizinnen außerhalb des Klosters Kurse absolvieren müssen oder Ordensschwestern ein Studium, aber das ist lange vorher bekannt und geplant. Keine Schwester verlässt das Kloster einfach so spontan und dazu noch, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen.«

»Klingt nach ziemlich harten Regeln«, sagte Renni.

»Das finden wir nicht. Ein ungeregeltes Leben ist viel härter«, erwiderte Angelika würdevoll.

Sie öffnete eine dicke, eichene Tür, hinter der sich eine Kapelle auftat, deren hohe Fenster in einem schön geformten Kreuzrippengewölbe endeten. Da es draußen bereits dunkel war und Angelika das Licht eingeschaltet hatte, konnte man die bunten Bilder in den Glasfenstern nur erahnen, aber das Ganze strahlte eine Ruhe und Harmonie aus, wie man sie selten fand.

»Wir benutzen die große Kapelle im Winter nicht«, sagte Mutter Angelika. »Es ist praktisch unmöglich, sie zu heizen. Deshalb haben wir das Verschwinden unserer Schwester und auch den Blutfleck erst sehr spät bemerkt. Als sie nicht zur Andacht erschien.«

»Und das war wann?«, fragte Renni.

»Zur Mittagshore.«

Renni blickte fragend.

»Das Gebet vor dem Mittagessen. Sie würden wohl einfach sagen, um zwölf Uhr«, erklärte Angelika. »Die Zeit zwischen Frühstück und Mittagshore ist Arbeitszeit, da sehen die Schwestern, die an unterschiedlichen Orten arbeiten, sich nicht.«

Sie betraten die Kapelle, in der es mindestens so kalt war wie außerhalb des Gebäudes. »Brr!«, machte Renni und rieb sich die Hände. »Ist wahrscheinlich wirklich schwer zu heizen.«

Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie Monika sich, ebenso wie die Mutter Oberin, vor dem Altar bekreuzigte, bevor sie davor in die Hocke ging, um den Blutfleck zu betrachten. »Da sind auch ein paar Blutstropfen«, stellte sie fest, während sie ihren Blick den Gang hinunterschweifen ließ, »als ob jemand gelaufen wäre und dabei Blut verloren hätte.«

Sie öffnete ihre Tasche, zog Handschuhe an und nahm dann eine Probe von dem Blut.

Mittlerweile war Renni hinzugetreten und schaute von oben auf den Fleck hinunter. »Viel ist das nicht«, bemerkte sie, warf ebenfalls einen Blick zurück auf den Gang und dann auf die Steine in der Nähe des Altars. »Da ist auch noch etwas.« Sie ging langsam links am Altar vorbei auf eine Tür zu.

»Das Blut kann auch von jemand anderem stammen«, meinte Monika und richtete sich auf. »Das muss nicht mit dem Verschwinden der Nonne zusammenhängen.«

»Hmhm.« Renni nickte. Sie schaute die Schwester Oberin an. »Es wäre gut, wenn wir etwas von der Nonne hätten, ein Haar zum Beispiel, dann könnten wir das vergleichen.« Sie wies auf den Blutfleck. »Sie haben keine Erklärung dafür?«

»Nein.« Die Oberin schüttelte den Kopf. »Die Kapelle wird zwar normalerweise nicht benutzt, aber an Weihnachten wird sie ebenfalls geschmückt. Nur deshalb haben wir das entdeckt.«

»Was ist hier drin?« Renni wandte sich der Tür zu, auf die sie zuvor bereits zugegangen war.

»Die Sakristei.« Mit Ornatrauschen glitt Angelika an Renni vorbei und öffnete auch diese Tür. »Dahinter geht es dann hinaus in den Garten.«

In der Sakristei gab es etliche Schränke und Regale und auch ein Schlüsselbrett. Die Blutstropfen führten dorthin. An einem der kleinen Haken, an denen verschiedene Schlüssel hingen, wenn auch an diesem nicht, war ebenfalls eine rostbraune Stelle.

Monika, die ihnen langsam gefolgt war und von mehreren der Tropfen Proben genommen hatte, betrachtete die Stelle genau. »Könnte natürlich nur Rost sein«, sagte sie.

»Oder sie hat etwas vom Haken genommen.« Renni schaute Angelika an. »Was für ein Schlüssel hängt da normalerweise?«

In diesem Moment wurden sie von der Schwester unterbrochen, die Renni Fledermaus getauft hatte. Sie blieb im Türrahmen stehen und schaute die Mutter Oberin an.

»Sprich, meine Tochter«, sagte Angelika, obwohl sie eher die Tochter der anderen hätte sein können.

»Die Polizisten haben etwas gefunden«, verkündete Schwester Fledermaus indigniert. »Sie sagten mir, ich sollte es der Kommissarin mitteilen, sonst würden sie reinkommen.«

Renni musste schmunzeln. Ihre Kollegen wollten sich wohl ein wenig rächen. Sie hätten sie genausogut anrufen können, aber dass ihnen der Eintritt in dieses Kloster verwehrt wurde, ärgerte sie.

»Was haben sie gefunden?«, fragte sie die ältere Schwester.

»Sagen sie nicht«, erwiderte die noch mehr indigniert. »Sie sollen rauskommen.«

Renni hob die Augenbrauen. Was war da los? Entwickelte sich das hier vielleicht doch noch zu einem Fall? »Bleibst du hier?«, fragte sie Monika.

Monika nickte. »Ich werde noch ein paar Proben nehmen. Und dann brauche ich auch noch die Haare zum Vergleich.«

»Ist gut.« Renni nickte und ging schnellen Schrittes los.

Draußen angekommen blickte sie ihre Kollegen fragend an. »Was ist?«

»Hier.« Einer der beiden führte sie auf einen Weg, der vom Kloster wegführte. »Ein Fahrrad. Und da ist Blut dran. Sieht jedenfalls so aus.«

Das Fahrrad lag an einer Böschung. Da das Kloster etwas erhöht auf einem Hügel stand, war das Rad nicht sofort zu sehen gewesen. Durch den Schnee von letzter Nacht war dieser Weg sehr glatt geworden, und es sah so aus, als hätte jemand die Glätte unterschätzt. Oder jemand anderer hatte die Wetterbedingungen ausgenutzt und den Fahrradfahrer zu Fall gebracht.

Wahrscheinlich eher die Fahrradfahrerin, denn es war ein Damenrad, ein ziemlich altes noch dazu, jedoch offensichtlich gut in Schuss gehalten. Die Kette schien neu und auch der Sattel war kürzlich erst ersetzt worden. Aber obwohl sie neu war, war die Kette abgesprungen.

Renni betrachtete den Fundort des Fahrrades genau, ohne zu nah heranzugehen, denn ringsum gab es einige Fußspuren. Ihr Blick fiel auf die Schuhe des Polizisten, der neben ihr stand. »Sind das deine Abdrücke?«, fragte sie misstrauisch.

Er zog ein wenig die Schultern ein. »Ich wollte es erst aufrichten und zum Kloster bringen, aber dann fiel mir ein, dass man da vielleicht noch was untersuchen muss«, gab er kleinlaut zu.

»Wenn noch was zu untersuchen ist.« Renni seufzte. »Ich weiß nicht, ob sich das jetzt noch lohnt.« Sie trat etwas näher. Außer den Fußabdrücken ihres Kollegen sah sie die von kleineren Füßen, weitere sah sie nicht. »Aber vielleicht hast du auch noch mal Glück gehabt. Sperr das ab und lass niemand an das Fahrrad heran. Außer Dr. Kowalski, die wird da vielleicht noch Proben nehmen wollen.«

Der Polizist nickte und ging zum Wagen zurück, um das Absperrband zu holen.

Kurz darauf trat Monika aus der Klosterpforte und kam auf Renni zu. »Die Haarprobe habe ich«, sagte sie, »und was den Schlüssel betrifft, der nicht am Schlüsselbrett hing: Der steckt in dem Schloss des alten Schuppens, zu dem er gehört, und da fehlen zwei Fahrräder.«

»Zwei?« Renni runzelte die Stirn.

»Ja, zwei.«

»Eins haben sie gefunden«, sagte Renni, »aber wo ist das zweite?«

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 03

»Hm.« Renni nickte. »Nicht viel allerdings, soweit ich verstanden habe.«

»Aber du brauchst jemanden, der das untersucht. Und es sollte eine Frau sein.«

»Monika, das musst du nicht.« Renni schaute sie an. »Du bist nicht im Dienst. Es gibt keinen Grund, warum du dir Weihnachten auch noch verderben lassen solltest.«

»Stimmt, ich hatte ganz vergessen, dass ich mich die ganze Zeit darauf gefreut habe, hier allein unterm Baum zu sitzen und Geschenke auszupacken«, erwiderte Monika ironisch. Sie seufzte. »Also wenn es denn schon sein muss, gehen wir wenigstens zusammen da hin. Wer weiß, wie lange es dauert.« Sie drehte sich zur Tür. »Ich stelle nur den Ofen ab und ziehe mir was anderes an.«


Als sie vor dem Kloster ankamen, wurden sie bereits von zwei uniformierten Polizisten im Streifenwagen erwartet.

»Gut, dass ihr da seid«, bemerkte der eine erleichtert, als Renni sich nach dem Stand der Dinge erkundigte. »Das ist eine haarige Angelegenheit.«

»Wie wäre es mit einer Vermisstenanzeige, und wir verschieben das Ganze bis nach Weihnachten?«, fragte Renni.

»Haben wir auch vorgeschlagen, aber das wollen sie nicht«, erklärte der Polizist. »Sie sagen, keine Nonne würde das Kloster einfach so verlassen, schon gar nicht an Weihnachten. Es muss etwas passiert sein.«

»Das stimmt«, bestätigte Monika, die dazugetreten war.

»Na ja, vielleicht hatte sie noch was Dringendes vor«, vermutete Renni, »und konnte nicht Bescheid sagen.«

»Du bist nicht katholisch, oder?«, fragte Monika mit einem unschuldigen Augenaufschlag.

»Nein«, gab Renni zu, »aber –«

»Aber ich«, fuhr Monika fort, »und ich kann dir versichern, eine Nonne, die an Weihnachten und auch noch ohne Bescheid zu sagen das Kloster verlässt, ist undenkbar.«

Renni betrachtete sie etwas zweifelnd. »Bist du sicher?«

»Absolut«, nickte Monika. »Lass uns in der Kapelle nachsehen. Je eher wir wissen, was passiert ist, desto eher sind wir hier weg.« Sie lächelte leicht. »Vielleicht schmeckt das Essen dann noch.«

Renni versuchte ein allzu zärtliches Zurücklächeln vor den beiden Kollegen zu vermeiden, aber es gelang ihr nicht ganz. »Okay, gehen wir rein«, sagte sie in einem etwas schroffen Ton, um so amtlich wie möglich zu erscheinen.

Sie gingen zum Tor und klingelten. In der Mitte des altehrwürdigen Holzeinganges öffnete sich auf Augenhöhe ein kleines Fenster. Graue Augen musterten Renni misstrauisch.

»Kommissarin Schneyder.« Renni hielt ihren Ausweis hoch. »Sie vermissen eine Nonne?«

Ein Glucksen kam von der Seite, wo Monika stand. Als Renni irritiert einen Blick zu ihr warf, sah sie, wie Monika sich die Hand auf den Mund presste, um nicht laut zu lachen, obwohl Renni nicht verstand, was an dem, was sie gefragt hatte, so lustig sein sollte.

Sie wurde keiner Antwort gewürdigt, aber das kleine Fenster wurde geschlossen, und kurz darauf knarrten die dicken Bohlen der Tür, die in der Mitte in das Tor eingelassen war, in den Angeln. Langsam wurde die Tür nach innen aufgezogen.

Renni und Monika traten über die Schwelle, und nachdem die alte Nonne, die sie hereingelassen hatte, auch Monika mit einem misstrauischen Blick gemustert hatte, schloss sie die Tür wieder und sagte: »Die Ehrwürdige Mutter erwartet Sie bereits«, und es lag eindeutig ein Vorwurf in ihrer Stimme, als hätten sie die Dame unnötig aufgehalten und sich ruhig ein wenig mehr beeilen können, um ihren Respekt zu zeigen.

»Ehrwürdige Mutter?« Renni warf einen verwirrten Blick auf Monika, während sie der kleinen, alten Frau, die wie eine Fledermaus in ihrem Ornat vor ihnen herflatterte, folgten.

»Die Mutter Oberin«, erklärte Monika, und da Renni immer noch verwirrt blickte, fügte sie hinzu: »Die Chefin des Klosters, wenn du so willst.«

»Ah.« Renni hob den Kopf und nickte. »Gut, dass du dich da auskennst. Mir sagt das alles nichts.«

»Eigentlich gehört das zur Allgemeinbildung«, bemerkte Monika belustigt, »das hat nichts mit der Konfession zu tun.«

»Ist mein erster Fall im Kloster«, verteidigte Renni sich. »Ich musste das bisher nicht wissen.«

Monika lächelte, sagte aber nichts mehr dazu. Sie schaute zu Renni hoch, und sie konnte nicht anders, als sie süß zu finden. So groß, so stark, so keine Herausforderung scheuend, eine Beschützerin der Armen und Schwachen, Verteidigerin von Recht und Ordnung, aber einfach – süß.

Am schönsten war es, wenn diese große, starke Frau in ihren Armen schwach wurde, wenn sie sich Monika hingab und ganz auslieferte, wenn nichts mehr zwischen ihnen stand, sie zu einer Einheit verschmolzen, die Welt vergaßen.

Niemals zuvor hatte Monika eine solche bedingungslose Vereinigung erlebt, so ein Ineinanderaufgehen. Renni war immer für sie da, in ihren stärksten wie in ihren schwächsten Momenten, beschützend und doch so liebevoll. Manchmal erschien es ihr so unglaublich, als ob sie träumte.

Am liebsten hätte sie jetzt ihre Hand in Rennis geschoben, sie berührt, sich vergewissert, dass dies alles kein Traum war, aber das war unter diesen Umständen wohl nicht angebracht. Bei keiner Ermittlung, aber ganz sicher noch viel weniger in einem Kloster, in dem Frauen miteinander lebten, aber nicht so, wie Renni und Monika es taten.

Sie folgten etlichen Gängen, die von schweren alten Mauern eingegrenzt wurden. Ein Garten im Zentrum der Gänge schlummerte unter einer wie Zuckerwatte scheinenden weißen Schicht. Es hatte letzte Nacht geschneit, und während die leichte Schnee-decke überall sonst fast schon wieder verschwunden war, schien sie hier von allen äußeren Einflüssen ungestört auf die nächsten Flocken zu warten.

Die Fledermaus stieß vor ihnen eine Tür auf. »Die Polizei ist hier, Ehrwürdige Mutter«, warf sie etwas ziellos in den Raum hinein, bevor sie zurücktrat und Renni und Monika mit einer ungeduldigen Geste dazu aufforderte einzutreten.

Sie gingen an ihr vorbei, und hinter ihnen schloss sich die schwere Holztür mit einem dumpfen Laut, als wären sie in ein Gefängnis geworfen worden.

Vor ihnen an einem Schreibtisch saß eine Nonne, genauso angezogen wie diejenige, die sie in diesen Raum geführt hatte, aber wesentlich jünger.

Sie stand auf und kam auf ihre beiden Besucherinnen zu. »Grüß Gott, ich bin Mutter Angelika. Es freut mich, dass Sie kommen konnten.«

»Kriminalpolizei. Schneyder«, stellte Renni sich vor, »und das ist Dr. Kowalski, unsere Gerichtsmedizinerin. Sie würde sich gern den Blutfleck ansehen, von dem die Rede war.«

Mutter Angelika lächelte. »Sie kommen direkt zur Sache, das gefällt mir.«

»Es ist Weihnachten«, erwiderte Renni. »Dr. Kowalski ist eigentlich gar nicht im Dienst. Deshalb wäre es schön, wenn wir die Sache schnell hinter uns bringen könnten. Sie haben eine Nonne verloren?«

Monika stieß ihren Ellbogen in Rennis Seite.

Renni unterdrückte einen Schmerzenslaut, sah Monika aber mit einem eindeutigen »Was?« im Gesicht an.

Die Mutter Oberin schien jedoch keinesfalls beleidigt. »Verloren ist glaube ich nicht das richtige Wort«, entgegnete sie. »Uns kommt es so vor, als hätte sie sich einfach in Luft aufgelöst. Wenn der Blutfleck nicht wäre . . .«

»Ja«, mischte Monika sich ein. »Das ist wohl der einzige Anhaltspunkt.« Sie hob fragend eine Augenbraue.

Angelika nickte. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Kapelle. Auf dem Weg dorthin können wir uns unterhalten.«

»Können Sie mir irgendetwas zu der Angelegenheit sagen?«, fragte Renni, während sie über die Steingänge schritten.

Monikas Pumpsabsätze durchbrachen die Stille in einem regelmäßigen Rhythmus, und Renni bemerkte, dass Monika versuchte leiser aufzutreten. Rennis Schritte und die der Oberin waren praktisch unhörbar.

Teil 02

»Das tut er ja auch.« Rennis Stimme klang ausgesprochen weich. »Aber du gefällst mir noch viel besser.« Sie öffnete ihre Arme ein Stück weiter. »Nun komm schon, von hier kannst du ihn in all seiner Pracht bewundern.«

Monika kam zu ihr und glitt in ihre einladenden Arme.

»Jetzt fehlt nur noch ein knisterndes Feuer im Kamin«, sagte Renni und drückte Monika liebevoll an sich.

»Wir haben keinen Kamin.«

»Nein.« Renni lächelte leicht. »Mein Vater hat ihn immer angezündet, als ich ein Kind war. Damals hatten wir einen. Es ist eine der schönsten Kindheitserinnerungen, die ich habe.«

Monika kuschelte sich an sie. »Das ist das erste Mal, dass du von deinem Vater sprichst«, stellte sie fest, nachdem sie eine Weile stumm dagesessen hatten. »Oder überhaupt von deiner Familie.«

»Da ist nicht mehr viel Familie«, sagte Renni und wirkte auf einmal etwas einsilbig.

Monika blickte von der Seite zu ihr auf. Wie es schien, hatte sie wohl einen wunden Punkt getroffen. Und in diesem Punkt konnte sie Renni auch ohne Worte gut verstehen. »Du musst nicht darüber reden«, sagte sie leise und schmiegte sich erneut in Rennis so vertrauenerweckend muskulösen Arm.

Immer, wenn sie in diesem Arm lag, fühlte sie sich einfach nur geborgen. So ein Gefühl hatte sie vorher nicht gekannt. Die ganzen letzten Monate erschienen ihr geradezu unwirklich. Alles hatte sich geändert, und nur wegen der großen, dunkelhaarigen Frau, die neben ihr saß.

»Kannst du dich noch an das erste Mal erinnern, als wir uns getroffen haben?«, fragte sie plötzlich.

»Könnte ich das je vergessen?« Renni beugte sich zu ihr und hauchte einen Kuss auf ihre Wange.

»Es ist unhöflich, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten«, sagte Monika.

Sie lächelte. Das war typisch Renni. Vielleicht waren es die Verhörtechniken, die sie ihr auf der Polizeischule beigebracht hatten, oder einfach nur angeborene Vorsicht. Sie beantwortete nicht gern Fragen, insbesondere dann nicht, wenn sie persönlicher Natur waren. Auch wenn sie beruflich oft andere über ihr Privatleben ausfragen musste, sprach sie höchst ungern über sich selbst.

»Ich glaube, du sagtest so etwas wie: Verschwinden Sie hier und lassen Sie mich in Ruhe«, antwortete Renni jetzt grinsend.

»Du warst aber auch eine Pest.« Monika lächelte noch mehr. »Das hattest du verdient.«

»Also bitte, Frau Chef-Rechtsmedizinerin, ich hatte einen Fall zu bearbeiten und brauchte deine Untersuchungsergebnisse. Wen hätte ich sonst fragen sollen?«

»Ich glaube nicht, dass du meinen Vorgänger derartig belästigt hast«, bemerkte Monika mit einem amüsierten Zucken um die Mundwinkel.

Renni drehte sich leicht und wandte ihr Gesicht Monika zu. »Soll ich dir mal zeigen, was Belästigung ist?«

»Nein, nein.« Monika lachte, schlüpfte aus ihrem Arm und stand auf. »Heute Abend kannst du den Weihnachtsmann belästigen, wenn du dich unbedingt beschäftigen willst.«

Rennis Mundwinkel verzogen sich breit nach oben. »Also was auch immer du mir zutraust, aber der Weihnachtsmann hat entschieden das falsche Geschlecht für mich.« Sie hob die Augenbrauen. »Wenn es eine Weihnachtsfrau wäre, wäre es natürlich etwas anderes.«

Monika nahm ein Kissen vom Sessel und warf es auf sie.

Renni schützte sich lachend, indem sie einen Arm hob. »Ich dachte, du hättest so ein Kostüm im Schrank, ich habe natürlich nur dich gemeint.«

»Natürlich.« Monika schmunzelte.

Sie konnte gar nicht beschreiben, wie wohl sie sich fühlte, wenn sie so mit Renni herumspielte. Sie hätte nie gedacht, dass zwei erwachsene Menschen immer noch so albern sein konnten – besonders sie selbst. Bevor sie nach Konstanz gekommen war, hatte sie sich uralt gefühlt und ganz sicher nicht aufgekratzt oder offen für die Leichtigkeit des Seins, wie sie sie gerade hier auslebten.

Aber die Begegnung mit Renni hatte alles geändert. Auch wenn sie sich anfangs gegen ihre Gefühle gewehrt hatte. Manchmal versuchte sie immer noch, Renni auf Abstand zu halten, wenn es ihr zu eng wurde. Dabei ließ Renni ihr alle Freiheit, die sie brauchte, denn sie brauchte gar nicht viel. Nur das Gefühl, nicht eingesperrt zu sein. Das reichte schon.

»Ich muss mich ums Essen kümmern«, sagte sie immer noch leicht lachend und drehte sich um.

Aber diesmal ließ Renni sie nicht so einfach gehen. Sie sprang schnell auf und erwischte Monika, bevor sie das Zimmer verlassen konnte. »Bekomme ich noch nicht einmal einen Kuss, Frau Doktor?«, fragte sie flüsternd an Monikas Ohr, während ihre Arme Monika mit leichtem Griff von hinten umfangen hielten.

»Frau Doktor ist nicht mehr im Dienst«, erwiderte Monika lächelnd.

»Liebling . . .« Rennis Lippen fuhren sanft über ihren Hals.

»Das klingt schon besser.« Monika drehte sich in Rennis Arm um. »Aber nur einen. Ich will nicht, dass das Essen verbrennt.«

Weiche Lippen trafen sich, und beide versanken in einem innigen Kuss.

Bis plötzlich eine Polizeisirene losging.

Erschrocken fuhren sie auseinander, und Monika schimpfte: »Irgendwann werfe ich das Ding in den See!«

Renni griff schnell in ihre Tasche. »Ist doch nur ein Handy. Ich habe Bereitschaft, ich muss erreichbar sein.«

»Dann ändere wenigstens den Klingelton!« Monika atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Wenn Renni eins konnte, dann das: ihre Polizeiarbeit nicht aus ihrem Privatleben heraushalten.

»Schneyder?«, meldete Renni sich, nachdem sie das Gespräch angenommen hatte. Kurz hörte sie zu. »Und warum ruft ihr dann mich an? Das ist eine Sache für die uniformierten Kollegen.« Mit gerunzelter Stirn lauschte sie der Antwort aus dem Hörer. »Hmhm.« Sie nickte etwas widerstrebend. »Na gut, ich komme.« Sie legte auf.

Monika hob die Augenbrauen. »Was?«

»Eine Nonne ist aus dem Kloster verschwunden«, sagte Renni.

»Verschwunden?« Monika schüttelte irritiert den Kopf. »Was hat das mit dir zu tun, mit der Mordkommission?«

»Eigentlich gar nichts. Allerdings hat man wohl etwas Blut in der Kapelle gefunden.« Nachdenkliche Zähne malträtierten Rennis Unterlippe.

»Sonst nichts? Nur ein bisschen Blut?«

Renni verzog das Gesicht. »Ich weiß, dass dich so ein bisschen Blut nicht erschüttert, weil du den ganzen Tag darin watest, aber die Nonnen sind wohl völlig aus dem Häuschen.«

»Ich wate nicht den ganzen Tag –« Monika brach ab. »Aber trotzdem ist das kein Fall für die Mordkommission, solange es keine Leiche gibt. Wie du sagtest: Sollen sich die uniformierten Kollegen darum kümmern und eine Vermisstenanzeige aufnehmen.«

»Das Problem ist: Die Nonnen lassen keine Männer ins Kloster, damit die Kollegen die Kapelle untersuchen können«, sagte Renni. »Sie öffnen das Tor nur für Frauen.«

Monika warf den Kopf zurück und lachte. »Ja, das ist ein Argument, aber es gibt schließlich auch weibliche Uniformierte.«

»Die haben nur leider alle aus familiären Gründen frei, weil Weihnachten ist«, erklärte Renni. »Die einzige Frau, die im Dienst ist, bin ich.«

Mit einem weiteren Kopfschütteln ging Monika zum Baum, und es sah so aus, als ob sie nach einem leeren Plätzchen suchte, um noch etwas aufzuhängen. »Und du hast natürlich keine familiären Verpflichtungen«, sagte sie. »Ist schon klar.«

»Im Prinzip kann ich nein sagen«, überlegte Renni, »weil keine Leiche da ist, aber jetzt habe ich schon versprochen –«

»Richtig.« Monika drehte sich um. »Und da du deine Versprechen nie brichst, musst du jetzt da hin.« Sie schien ebenfalls zu überlegen. »Da ist Blut in der Kapelle, sagtest du?«

Teil 01

1

Monika legte leicht den Kopf schief und befestigte die letzte Kerze auf einem großen Baum im Wohnzimmer, der bereits mit Kugeln, Lametta und vielen anderen glitzernden Figuren übersät war.

»Wenn du noch etwas aufhängst, wird der Baum zusammenbrechen«, grinste Renni, die durch die Tür hereinkam.

»Och, du solltest das doch noch gar nicht sehen.« Monika schaute sich stirnrunzelnd um. »Wo kommst du denn so plötzlich her?«

»Ich dachte, ich mache mal etwas früher Schluss an Weihnachten. Ist doch ein Familienfest. Sollte man da nicht mit seiner Familie zusammen sein?« Renni kam lächelnd auf Monika zu. »Mit meiner reizenden Frau zum Beispiel?« Vor Monika angekommen hauchte sie einen Kuss auf ihre Nase. »Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.«

Monika blickte zu ihr auf. »Du hast mir die ganze Überraschung verdorben. Du solltest es erst sehen, wenn der Baum angezündet ist, zur Bescherung. Solange . . .«, sie begann zu schmunzeln, »müssen die Kinder nämlich eigentlich draußen bleiben.«

»Und dabei starre ich schon die ganze Zeit auf die Geschenke und wollte dich fragen, ob ich sie bald aufmachen darf.« Rennis Augen blitzten genauso vergnügt wie Monikas, während ihr Blick über die Pakete unter dem Baum schweifte.

»Hast du denn gar nichts mehr zu tun im Präsidium?«

»Ach, Weihnachten ist immer ruhig.« Renni winkte ab und ging zur Couch hinüber, um sich mit einem tiefen Seufzer darauffallen zu lassen und ihre langen Beine auszustrecken. »Die Studenten sind alle nach Hause gefahren, es ist nicht mehr viel energiegeladenes Jungvolk in der Stadt, nur noch Rentner.« Sie streckte eine Hand aus. »Komm, setz dich zu mir.«

Monika warf einen zweifelnden Blick zur Tür. »Ich habe noch eine Menge in der Küche zu tun. Du bist viel zu früh gekommen.«

»Ich habe Bereitschaft. Ob ich da nun im Präsidium sitze oder zu Hause . . . was macht das? Es passiert sowieso nichts.« Renni begann zu lächeln. »Und mit dir kann ich meine Zeit doch viel angenehmer verbringen.«

»Da täuschst du dich.« Monika ging zur Tür. »Es sei denn, du willst mir beim Kochen helfen, was –«, sie machte eine kleine, bedeutungsvolle Pause, »nicht dein Spezialgebiet ist, wenn ich das mal so vorsichtig ausdrücken darf.«

»Du schneidest jeden Tag aus beruflichen Gründen Lebern, Nieren, Herzen und was weiß ich noch alles klein«, verteidigte Renni sich. »Du hast viel mehr Übung in so was.«

»Das sind Gewebeproben von Leichen«, erwiderte Monika trocken. »Ich mache kein Gulasch daraus.«

»Es gibt Gulasch?« Renni, die mittlerweile aufgestanden war, folgte ihr schnuppernd.

Monika drehte sich mit einem Ruck um und legte ihre Hand auf Rennis Brustbein, um sie aufzuhalten. »Im Moment gibt es noch gar nichts. Mach dich nützlich und gib dem Baum Wasser. Er sollte nicht gleich in Flammen aufgehen, wenn wir nachher die Kerzen anzünden.«

»Echte Kerzen sind doch der Wahnsinn«, brummelte Renni protestierend. »Elektrische sind viel praktischer.«

»Wie viele Weihnachtsbäume hattest du noch mal in den letzten Jahren?«, fragte Monika süffisant.

»Öhm, ja.« Renni gab sich geschlagen. »Ich geb’s zu, ich hatte nie einen. Aber deshalb kann ich mich doch zu der grundsätzlich geringeren Brandgefahr durch nicht offene Lichtquellen äußern.«

»Kannst du, aber ist irrelevant«, erwiderte Monika. »Vergiss den Baum nicht!«, warf sie über die Schulter zurück, während sie weiter zur Küche ging und Renni stehenließ.

Renni begab sich verträumt lächelnd zur Couch zurück, erinnerte sich dann aber daran, was Monika gesagt hatte und dass es immer besser war, Monikas Wünschen Folge zu leisten, wenn man sich den Abend nicht verderben wollte.

Sie ging ins Bad, nahm einen kleinen Eimer und füllte ihn mit Wasser. Nachdem sie den metallenen Standfuß des Baumes ausreichend mit Flüssigkeit versorgt hatte, stellte sie den Rest hinter die weit ausladenden Zweige. Sicher war sicher, man konnte nie wissen.

Sollte sie zu Monika in die Küche gehen? Nein, das war wohl keine gute Idee, und helfen konnte sie ihr sowieso nicht. Abgesehen davon hatte Monika ganz feste Vorstellungen vom Ablauf, egal, was sie tat, ob sie nun kochte oder ihre Leichen auseinandernahm. Dabei störte man sie lieber nicht.

Noch einmal warf Renni einen Blick auf die Geschenke unter dem Baum. Einige davon waren von Monika für sie, einige von Renni für Monika. Es sah ein bisschen so aus, als würden heute Abend mehr als zwei Personen beschenkt, aber was sollte es? Es war ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest, das war schon etwas Besonderes.

Die Zeit, seit sie sich kennengelernt hatten, war nur so dahingeflogen, es schien ihr fast wie gestern, seit sie das erste Mal von der neuen, bärbeißigen Rechtsmedizinerin im Gerichtsmedizinischen Institut gehört hatte, die alle mit ihrer schlechten Laune verprellte.

Es ließ sich dennoch nicht vermeiden, dass sie zusammenarbeiteten, und so waren sie sich nähergekommen. Sogar sehr nah, obwohl Renni das am Anfang nicht gedacht hätte.

Und nun feierten sie Weihnachten zusammen. Renni lächelte erneut, während sie sich neben dem Beistelltischchen, in dem ihre Motorradmagazine lagen, auf die Couch fallen ließ. Sie griff sich ein Magazin und schlug es auf.

Das Irritierende an Motorradmagazinen war, dass kaum ein Bild ohne ein leicht bekleidetes Mädchen auskam, das hatte schon zu etlichen Auseinandersetzungen zwischen ihr und Monika geführt, weil Monika vermutete, nur deshalb schaute Renni diese Magazine an.

»Wenn ich das wollte, was du mir unterstellst, würde ich mir Pornos kaufen«, hatte Renni versucht zu erklären, aber das reichte Monika nicht. Am Anfang waren deshalb etliche der Magazine im Müll gelandet, bevor Renni sie gelesen hatte.

Glücklicherweise hatte sich Monikas Eifersucht jedoch mittlerweile soweit gelegt, dass Renni ihre Magazine nicht mehr wie tatsächliche Pornos unter dem Bett verstecken musste – wo Monika sie ohnehin immer fand.

Sie schaute noch einmal auf das Foto mit dem zierlichen Girl auf der heißen Maschine, die so groß war, dass man sich kaum vorstellen konnte, wie eine so zarte Frau sie beherrschen sollte, und blätterte um. Da war sie – das Weihnachtsgeschenk, das Renni sich wünschte, aber bestimmt nie bekommen würde. Und ihre eigenen mageren Einkünfte als Kriminalbeamtin ließen eine solche Anschaffung bei weitem nicht zu.

Sie seufzte. Also würde das alles wohl ein Traum bleiben. Sie mit Monika auf dem Sozius im Süden der Sonne entgegen.

Monika kehrte aus der Küche zurück. Als sie das Wohnzimmer betrat, schaute Renni hoch und lächelte. »Brandgefahr soweit wie möglich gebannt«, meldete sie. »Obwohl natürlich immer noch die Gefahr besteht, dass er unter der Last von allem, was an ihm hängt, zusammenbricht.«

»Pass bloß auf, du!« Monika blitzte sie an. »Sonst bricht er über dir zusammen.«

»Schon gut.« Renni hob beschwichtigend die Hände. »Das hast du wunderbar gemacht, Schatz, sieht toll aus.«

»Meinst du das wirklich?« Jetzt schien Monika doch Zweifel zu haben, und der Blick, mit dem sie den Baum begutachtete, wirkte unentschlossen, so als wollte sie gleich alles wieder abnehmen.

»Komm her.« Renni breitete die Arme aus. »Das Wichtigste an Weihnachten ist doch nicht der Baum, das Wichtigste ist, dass wir zusammen sind.«

»Es ist unser erstes gemeinsames Weihnachten«, Monika runzelte die Stirn, »und ich wollte nur – Ich dachte, der Baum gefällt dir.«

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche