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Teil 01

So war das nicht geplant. Ein wenig Rauch unter dem Feuermelder, die Alarmglocken sollten schrillen, und das Treffen im ersten Stock wäre beendet gewesen. Stattdessen . . .

Warum konnte sie einen Plan niemals bis zu Ende denken? Nein, eine Mika David hatte das nicht nötig. Einfach schnell los, es würde sich schon irgendetwas ergeben. Wozu sich darüber Gedanken machen, ob es in so einem großen Firmengebäude eine Sprinkleranlage geben könnte?

Und jetzt hatte sie die Bescherung: Klatschnass baute sich vor ihr eine Rachegöttin auf, die eben dem Meer entsprungen sein musste.

Wie vom Donner gerührt standen sie sich gegenüber: die Göttin in ihren nassen Klamotten, erhaben wie Neptuns Tochter, und Mika in ihren, wie ein begossener Pudel. Das Wetterleuchten aus den dun¬kelbraunen Augen ließ Mika immer mehr schrumpfen. Bis sie das Gefühl hatte, nur noch ein Staubkorn in der Wasserpfütze zu ihren Füßen zu sein.

»Sie . . .!«, grollte es tief aus dem Brustkorb der Fremden. Das Echo hallte von den Wänden.

»Ich . . .«, wisperte Mika wie ein kleines Kind, das bei etwas Verbotenem ertappt wurde. Was in ihrem Fall ja auch zutraf.

Eigentlich hatte sie Übung darin, sich aus solchen Situationen raus¬zureden. Eigentlich. Aber sie brachte keinen Ton heraus. Sie starrte das aufregende Wesen vor sich nur an – mit immer heftiger klopfendem Herzen. Denn gerade wurde ihr vor Augen geführt, dass weiße Kleidung bei Nässe irgendwie . . . verschwand.

Wow! Was für ein Anblick. Mika wurde es plötzlich furchtbar heiß. Die Hitze musste das Wasser auf ihr zum Verdampfen bringen. Beinahe war sie versucht, das zu überprüfen. Aber sie konnte ihre Augen nicht bewegen, konnte nicht schauen, ob Dampf von ihrem Körper aufstieg.

Ob sie Neptuns Tochter sagen sollte, dass sie keine weiße Bluse und auch keinen weißen BH mehr anhatte? Vielleicht sollte sie das. Aber dazu müsste Mika den Mund schließen, um Worte bilden zu können. Auch das schaffte sie nicht. Sie blieb weiter stehen. Erstarrt. Wie eine hormongesteuerte Sechzehnjährige und nicht wie die Frau, die sie eigentlich war. Sechsundzwanzig, selbstbewusst und in der Lage, einer Gesprächspartnerin in die Augen zu schauen.

Das musste sie doch hinbekommen. Den Kopf zu heben, durfte doch nicht so schwer sein.

Fast war sie soweit – gleich hatte sie es geschafft.

Das erste, was Mika wahrnahm, waren zusammengepresste Lippen. Das nächste waren Augen – und diesmal waren es wirklich die Augen – die nur noch zwei schmale Schlitze waren. Sie sahen aus wie polierte Speerspitzen. Glänzend. Gefährlich.

Wie peinlich! Mika drehte sich rasch zur Seite. Die Frau hatte ihre Blicke offensichtlich bemerkt. Es war nur schade, dass Wasser blauen Blazern nichts anhaben konnte, wie Mika aus den Augenwinkeln feststellte.

»Frau David!«, donnerte es durch die Flure.

Mika zuckte zusammen. Erst jetzt bemerkte sie, dass aus der Sprink¬leranlage kein Wasser mehr kam. Nun folgte des Dramas zweiter Akt. Anstatt, wie geplant, auf dem Weg in ihre Wohnung zu sein, schaute Mika geradewegs ihrem Chef entgegen.

»Sind Sie dafür verantwortlich?« Seine buschigen Augenbrauen berührten sich beinahe, so fest kniff er sie zusammen.

Mika schaute auf den verkohlten Lumpen in ihrer Hand, auf die fremde Frau, wieder auf ihren Chef und zuckte mit den Schultern.

»Wir sprechen uns noch«, zischte ihr Chef, beziehungsweise bestimmt demnächst Ex-Chef.

Mika hob wieder nur die Schultern. Im Stillen schwor sie sich, beim nächsten Mal einen Plan B im Ärmel zu haben. Heute war es dafür leider zu spät. Also sah sie stumm zu, wie ihr wahrscheinlich bald Ex-Chef Neptuns Tochter zur Seite zog und ihr etwas zuflüsterte, das wie »zwei Monate« klang.

Sie gehört also auch zu dieser Gesellschaft von habgierigen und selbstsüchtigen Menschen, dachte Mika traurig. Wie konnte jemand wie sie dazugehören? Eine Frau, die so verletzlich wirken konnte, wie sie – jetzt in diesem Moment.

Mika beobachtete die Wassertropfen, die sich aus dem dunklen Haar der Frau lösten. Einzelne fielen direkt zu Boden und verursachten leichte Wellen in der Pfütze am Boden. Andere bildeten Rinnsale über die Schläfen, Wangen, den Hals und verschwanden unter dem blauen Blazer und dem, was die Frau darunter trug.

Mika schluckte.

Bevor sie ihre Phantasien weiterspinnen konnte, nahm Neptuns Tochter wieder eine stolze Haltung an. Ohne Mika auch nur eines Blickes zu würdigen, entschwand sie.

So lange es ging, sah Mika ihr hinterher.

Bis ihr Noch-Chef plötzlich in ihr Sichtfeld trat. »Nun zu Ihnen!«, polterte er los. Er kam auf sie zu wie ein Kampfhahn.

Die Pfütze um ihre Schuhe verhinderte zum Glück, dass er Mika zu nah kommen konnte. Aber es war immer noch nah genug, um den Geruch von Alkohol und Zigarrenrauch wahrzunehmen. Die Genugtuung, sich wegzudrehen, gab sie ihm nicht. Sie hielt seinem Blick und seinem Atem stand. Und sie nahm die Worte: »Sie sind gefeuert. Ihre Papiere werden Ihnen zugestellt. Und jetzt raus hier!«, gelassen entgegen.

Das war das einzige, mit dem Mika an diesem Abend gerechnet hatte. Welcher Chef sah es schon gern, wenn eine kleine Angestellte seinen großen Tag zerstörte? Dabei wollte er heute irgendetwas Bedeutendes vollbringen.

»Diesmal kann sie mein Angebot nicht ablehnen«, hatte er heute Mittag seiner Assistentin zugeflüstert. Sein breites Grinsen, das vor Selbstgefälligkeit nur so gestrotzt hatte, hatte Mikas Meinung von ihm noch bestärkt. Gernot Hampf war ein Ekelpaket. Wozu sollte der sich über seine Mitmenschen den Kopf zerbrechen? Hauptsache, die Profite stimmten.

Wie hatte Astrid Fritsche unter Tränen erzählt? »Herr Hampf hat gemeint, dass es sich in der heutigen Zeit einfach nicht rechnet, drei Empfangsdamen zu beschäftigen.«

»Du nimmst ihn doch jetzt wohl nicht in Schutz?«, hatte Mika entgeistert gefragt.

»Was soll ich denn machen?«, war die Antwort gewesen. »Gegen die zwei jungen, hübschen Frauen habe ich mit meinen fünfzig doch keine Chance.«

Diese Ungerechtigkeit hatte Mika so aufgeregt, dass sie ohne nachzudenken in Gernot Hampfs Gespräch mit seiner Assistentin geplatzt war. Auf Mikas Vorwürfe hatte er erwidert, dass das Alter von Frau Fritsche bei seiner Entscheidung keine Rolle gespielt hatte.

Aber sicher doch!

Mika spürte wieder den Zorn in sich hochsteigen. Vielleicht war die Aktion mit dem Feuermelder etwas übereilt gewesen, aber Gernot Hampf brauchte einen Denkzettel. Und fertig!

Und sie . . . brauchte mal wieder einen neuen Job.

~*~*~

»Das hier ist definitiv Ihre letzte Chance«, sagte Frau Schneider vom Jobcenter zwei Tage später. Sie fixierte Mika wie eine Schlange das Kaninchen, und genauso fühlte die sich.

Vielleicht konnte Mika ihre Sachbearbeiterin noch umstimmen? Bisher war ihr das doch immer gelungen. Also machte sie erst einmal ein angemessen schuldbewusstes Gesicht.

Frau Schneider blieb unerbittlich. »Ihr unschuldiger Augenaufschlag hilft nicht.« Der Stuhl ächzte, als sie sich langsam zu Mika beugte. »Was gibt es diesmal für eine Ausrede?«, fragte sie.

Mika öffnete den Mund. Von wegen Ausrede, wollte sie anfangen, da schnellte wie bei einem Verkehrspolizisten eine Hand in die Höhe. Halt, signalisierte sie. Mika legte eine Vollbremsung hin. Ihre Stimmbänder mussten gequietscht haben, so abrupt, wie sie am Sprechen gehindert wurden.

»Ich will es gar nicht hören«, sagte Frau Schneider. »Seit drei Jahren führen wir dieses Gespräch in regelmäßigen Abständen. Ich habe jetzt genug.«

Mika tat, als hätte sie das eben nicht gehört. »Man muss doch etwas gegen die Willkür solcher Arbeitgeber tun«, versuchte sie sich zu erklären.

»Man vielleicht«, erwiderte Frau Schneider. »Aber nicht Sie. Hören Sie endlich damit auf, die Welt verbessern zu wollen.« Sie lehnte sich wieder zurück. »Wie gesagt: Bis jetzt habe ich Ihre Aktionen gebilligt. Aber jetzt ist es genug.« Sie rückte sich umständlich in ihrem Stuhl zurecht. »Wissen Sie, was für ein Glück Sie haben, dass Herr Hampf Sie nicht angezeigt hat?«

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