Beiträge Laura Michaelis: Wind, Sand und Freiheit

Teil 12

In diesem Moment kam jemand durch die Zeltöffnung. Doch es war nur Marco, der Gruppenleiter. Kay wollte sich nicht eingestehen, dass sie enttäuscht war. Sie spähte an Marco vorbei und erhoffte sich einen Blick auf Danielas schlanke Silhouette, aber vergebens.

Marco hatte ihre Frage offenbar mitbekommen. »Meinst du die kurzhaarige Brünette, die mit uns im Wasser war?«, fragte er und sah sich auf dem Tisch nach Tee um.

»Ja, genau die.« Kay überkam ein Anflug von schlechtem Gewissen, weil sie dem ebenfalls ausgekühlten Marco den letzten heißen Tee stibitzt hatte. Sie griff nach einem unbenutzten Becher, goss ihren Tee hinein und drückte ihn Marco in die Hand: »Hier, der ist für dich. Du warst länger im kalten Wasser als ich. Teile ihn mit deiner Freundin, ich setze neues Wasser auf.«

»Danke.« Erfreut schloss Marco die Hände um seine Tasse, während Kay über die Sitzbank kletterte und im Kochbereich zu ergründen versuchte, wie sie Trinkwasser aus dem blauen Plastikkanister in den Wasserkocher bekommen konnte.

»Nein, nicht der Kanister, da ist Salzwasser drin«, mischte sich Susanne vom Tisch her ein. »Nimm den daneben.«

Kay erinnerte sich jetzt wieder, dass Trinkwasser auf der Hallig mit Booten herangeschafft werden musste und kostbar war. Zum Abwaschen verwendete man daher Nordseewasser. Ein damit zubereiteter Tee hätte grausig geschmeckt.

Unterdessen beantwortete Marco Kays Frage: »Daniela schläft inzwischen. Michelle und ich haben unsere Sachen in ihr Zelt geräumt, da war am meisten Platz. Wir haben sie gefragt, ob sie mitwollte, aber sie war nicht mehr wirklich ansprechbar.«

Kay zuckte mit den Schultern und konzentrierte sich auf den Plastikverschluss, aus dem das Trinkwasser in den Wasserkocher plätscherte. »Da kann man nichts machen«, sagte sie und schaffte es, ihre Stimme ganz unbeteiligt klingen zu lassen. Doch das Küchenzelt kam ihr mit einem Mal leer vor, obwohl mehr als zehn Leute auf den Bänken saßen und sich unterhielten.

Auch Marcos Freundin Michelle kam jetzt herein und erkundigte sich: »Haben wir noch heißen Tee?« Ihre nassen Haarsträhnen ringelten sich um ihre Schultern und durchnässten ihren dunkelgrauen Strickpullover.

»Ich setze gerade Wasser auf«, sagte Kay. Ihr Blick wanderte von einem Gesicht zum anderen und blieb nirgendwo hängen. »Aber es wäre schön, wenn jemand anders den Tee macht. Ich glaube, ich lege mich hin.«

»Jetzt schon?«, fragte Beate und machte einen Schmollmund. Nils saß immer noch neben ihr, unterhielt sich aber eifrig mit Susanne. Beate sah einsam aus.

Kay fragte sich unwillkürlich, ob ihre roten Haare natürlich oder gefärbt waren. Über dem blauen Trainingsanzug wirkte ihr blasses Gesicht zart und verloren, auch wenn Kay in ihren Augen ein verstohlenes Blitzen zu erkennen glaubte. Mit einem Mal tat die Rothaarige ihr leid.

Doch sie sagte nur: »Bin müde.« Dann musste sie ein Gähnen unterdrücken und zuckte mit den Schultern. »Wir haben morgen viel vor.«

Beate gähnte ebenfalls und hielt sich eine Hand vors Gesicht. Anscheinend war das Rot tatsächlich ihre Naturhaarfarbe. Ihr heller Hautton passte jedenfalls dazu. »Du hast recht«, pflichtete sie Kay bei. »Ich glaube, ich geh dann auch bald ins Zelt.«

Kay ging zur Tür und winkte in die Runde an den Tischen: »Gute Nacht euch allen!«

Dann ging sie mit wiegenden Schritten über den schmalen Holzpfad, der in der immer tiefer herabsinkenden Dunkelheit kaum noch zu erkennen war, zu den Zelten. Eine Taschenlampe hatte sie nicht dabei. Das dunkle Blau des Himmels schimmerte nur noch so schwach, dass sie bereits die ersten Sterne in den Wolkenlöchern erkennen konnte. Außer den inzwischen gedämpften Stimmen aus dem Küchenzelt war nur noch das Rauschen des Meeres zu hören.

Es war genau wie damals. Abenddämmerung über der Nordsee . . . Wenn sie nicht so müde wäre, hätte sie sich an den Steg gesetzt und über das sinkende Wasser bis zur Horizontlinie geschaut. Aber dafür würde es in den kommenden zwei Wochen sicher noch viele Gelegenheiten geben.

Im Zelt ertastete sich Kay den Weg zu ihrem Schlafsack, ohne nach der Taschenlampe zu suchen. Das harte Seegras unter ihren Fingern fühlte sich an wie eine feine Säge und schrammte eine brennende Linie in ihre Hand. Sie führte die Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger an den Mund. Es schmeckte salzig und bitter zugleich.

Sie öffnete den Reißverschluss des Schlafsacks zur Hälfte und setzte sich auf die Matte. Die Schnürsenkel ihrer Turnschuhe hatten sich ineinander verheddert und ließen sich mit ihren feuchten und immer noch klammen Fingern kaum lösen. Für einen Moment brannte die Schnittverletzung am Zeigefinger, als der Schnürsenkel durch ihre Finger glitt, und sie hob ihn erneut an den Mund.

Der Geschmack des Salzes ließ die Erinnerungen unausweichlich emporsteigen. Den ganzen Tag hatte Kay sich davor gedrückt, doch jetzt, allein im Zelt, ließen sie sich nicht mehr beiseiteschieben. Sheryls Haut . . . Sie hatte ebenfalls nach Nordseesalz geschmeckt. Bitterer als das normale Salz auf der Haut einer verliebten Frau. Dennoch hatte Kay nie zuvor etwas Süßeres geschmeckt.

Sheryl. Kay wollte nicht an sie denken. Dabei war es nicht nur schlimm gewesen. Im Gegenteil. Auch wenn es hinterher wehgetan hatte, gehörte der Tag mit Sheryl zu den schönsten Erinnerungen ihres Lebens. Und sie war nicht abgenutzt, verfälscht oder verklärt wie viele Erinnerungen, die man sich täglich ins Gedächtnis ruft; denn Kay hatte den Tag mit Sheryl damals ganz bewusst und auch erfolgreich verdrängt. Doch jetzt, da die Barriere des Ozeans sie nicht mehr davon trennte, kamen die Träume zurück.

Kay schlüpfte in ihren Schlafsack und zog den Reißverschluss an der Seite hoch. Fast schien es ihr, als wäre sie nur hierhergekommen, um die Erinnerung an Sheryl wiederzuerwecken. Die erste Liebe ihres Lebens. Und jetzt war es das erste Mal, dass zu dem Schmerz des Alleinseins das Wissen kam, dass es einmal anders gewesen war.

Wie hatte sie Sheryl bloß vergessen können?

Vielleicht war es genau an dieser Stelle passiert. Alle anderen Campteilnehmer hatten das schöne Wetter des Samstags genutzt, um eine Wattwanderung zur nahegelegenen Nordseeinsel zu unternehmen und ein paar Dinge einzukaufen. Nur Sheryl war zurückgeblieben, weil sie angeblich eine Blase hatte, und Kay, deren Muskelkater von der harten Arbeit der vorigen Tage ihr eine Wattwanderung wenig verlockend erscheinen ließ.

Damals hatte Kay noch nicht regelmäßig im Schwimmverein trainiert und wenig Ausdauer gehabt. Außerdem hatte sie in Sheryls Augen eine Einladung gesehen, die verführerischer war als eine stundenlange Wattwanderung.

Verträumt fuhr Kay sich durch die Haare und ließ die Hände sanft über ihren Hals zu den Schultern gleiten. Seitdem hatte sie viel erlebt. Trotzdem war es seltsam, dass sie das mit Sheryl so völlig verdrängt hatte. Welcher Liebeskummer rechtfertigte es, die Erinnerung an die süßesten Küsse in ihrem einundzwanzigjährigen Leben zu verbannen? War Sheryls Lächeln nicht wunderschön gewesen, egal, was nachher passiert war?

Kay reckte sich und legte sich auf der Isomatte bequemer zurecht. Der Schlafsack war eng, aber nicht so eng, dass ihre Hände nicht über ihren vom regelmäßigen Schwimmtraining trainierten Bauch wandern konnten, über die ausgeprägte Rundung ihrer Hüften und die empfindliche Innenseite ihrer Oberschenkel.

Sheryl hatte rote Haare und Sommersprossen gehabt . . .

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 11

Daniela zuckte mit den Schultern. Es war ihr egal. Sie wollte Kays Fürsorglichkeit nicht. Irgendwie war im Moment alles egal. Sie wollte nur ihre Ruhe.

Kay kniete sich neben ihr auf den Boden und kramte in Danielas Reisetasche. Fast konnte Daniela den Duft ihrer Haut riechen. Mit einem Mal brodelte Wut in ihr auf. Kay sollte sie in Ruhe lassen. Hatte Kay nicht auf der Hinfahrt gesagt, sie sei froh, dass Isa krank wäre? War sie jetzt auch noch in Danielas Zelt gekommen, um Isas Platz einzunehmen? Schlimmer noch – wollte sie Daniela zeigen, dass Isa sich niemals so liebevoll um sie kümmern würde, weil Isa lieber Spaß hatte, als in schlechten Zeiten zu ihrer Partnerin zu stehen?

Sie spürte die Tränen erneut in der Kehle hochsteigen. Ärgerlich schluckte sie sie weg.

»Hier, ich habe dir Unterwäsche und eine Trainingshose rausgelegt. Und die schwarze Strickjacke. Soll ich dir beim Anziehen helfen? Du musst raus aus dem nassen Zeug.«

»Ist ja gut«, nuschelte Daniela. »Ich ziehe es an. Aber du musst aus dem Zelt raus. Ich mag es nicht, wenn jemand mich nackt sieht.«

»Okay. Aber zieh dich bitte sofort um. Ich will nicht, dass du gleich am ersten Abend krank wirst.«

Ha, ha. Über Isas Krankheit hatte sie sich gefreut. Was für eine scheinheilige Zicke.

Kay verschwand durch die Zeltöffnung. Daniela setzte sich auf, steif wie eine achtzigjährige Großmutter. Sie biss die Zähne zusammen und zog den Badeanzug aus. Ihre Haut war kalt und fast gefühllos, aber die trockene Unterwäsche war herrlich warm. Schaudernd und immer noch zitternd löste Daniela sich aus ihrem Handtuch und griff nach der Jogginghose.

»Braust du noch lange?«, rief Kay vor dem Zelt.

»Nur noch eine Minute.« Daniela zog die Hose hoch und ließ sich wieder auf die Isomatte sinken. Vielleicht sollte sie ihren Schlafsack ausrollen, solange es noch hell war. »Geh ruhig vor und hol dir deinen Tee!«

Sollte sie mit ihrem Tee glücklich werden. Daniela hatte keine Lust, zusammen mit Kay ins Küchenzelt zu gehen. Dann würden die anderen denken, dass Daniela sie mochte. Wie würde das aussehen?

Stattdessen griff sie nach dem Schlafsack und befreite ihn von seiner lilafarbenen Nylonhülle. Er bauschte sich auf und versprach Wärme. Mehr Wärme als das dünne T-Shirt, dessen Jerseystoff sich kühl anfühlte, als er über Danielas Haut glitt. Als sie sich in Jogginghose und T-Shirt erneut auf die Isomatte setzte und den geöffneten Schlafsack um sich zog, war ihr zum ersten Mal nicht mehr kalt.

Das war der beste Moment dieses ganzen verpfuschten Tages.

Im Grunde hatte sie überhaupt keine Lust, zu den Fremden ins Küchenzelt zu gehen. Ihre Füße in den dünnen Baumwollsöckchen tauten langsam wieder auf, zumindest schmerzten sie nicht mehr vor Kälte und Steifheit. Sie malte sich aus, aufzustehen, ihre Turnschuhe vom Fußende der Isomatte zu angeln, sie überzuziehen und durch den kalten Wind bis zum Küchenzelt zu laufen. Die Vorstellung ließ sie schaudern. Eigentlich war es doch viel gemütlicher, sich in den mit weicher Baumwolle gefütterten Schlafsack zu wickeln und den Kopf auszuschalten. Der Stoff roch muffig, morgen würde sie ihn auslüften müssen. Aber jetzt war jetzt. Jetzt war sie von Wärme umhüllt, ihr Magen rebellierte nicht mehr, und die Muskeln schmerzten nicht mehr von der hinterhältigen Nordseekälte.

Wenn sie ins Küchenzelt ging, würde sie sich bei Kay für ihre schnippische Antwort entschuldigen müssen. Kay war freundlich zu ihr gewesen und hatte es nicht verdient, dass Daniela sie so angemotzt hatte. Sie sollte sich wohl doch aufraffen und ihre Turnschuhe anziehen. Ja, das würde sie tun. Gleich. Gleich würde sie ihre warme Höhle verlassen, aufstehen und nach draußen gehen. Nur noch eine Minute. Unter dem Schlafsackzelt war es so behaglich, während das durch die weiße Zeltwand hineinsickernde Licht langsam weniger wurde und eine geheimnisvolle Dämmerung sich ausbreitete.

Die frische Salzluft wehte unter dem Rand des Zeltes hindurch. Der Lufthauch roch nach Wasser und Freiheit. So hatte sie sich die Reise über die Nordsee vorgestellt. Das war das Gefühl, nach dem sie sich gesehnt hatte. Es war, als puste der Wind ihre Seele frei und nehme alten Ballast mit sich. Eingehüllt in das sich unmerklich bläulich verfärbende Licht des Nordseehimmels über ihrem Zelt spürte Daniela, wie ihre Muskeln sich allmählich entspannten. Endlich fühlte sie sich geborgen und beschützt. Isa war weit fort, aber am Ende würde alles gut werden.

Sie legte sich hin. Nur für einen Moment . . . Ihr Blick wanderte zum Zeltdach, das ihr so viel näher war als die Decke ihres Zimmers daheim. Ihre winzige Wohnung war trotz des großen Fensters nie von diesem bläulichen Dämmerlicht erfüllt. Dort hatte sie sich nie so lebendig gefühlt wie in diesem Augenblick.

Nein, sie würde nicht einschlafen. Ganz sicher nicht. Sie wollte schließlich zu den anderen ins Küchenzelt. Daniela zog den Schlafsack noch etwas enger um sich. Gleich, gleich würde sie wieder aufstehen. Nur noch ein klein wenig Wärme musste sie tanken, bevor sie sich dem Wind wieder stellte, der beständig über das Wasser wehte und Atlantikkälte mit sich brachte.

Mit geschlossenen Augen spürte sie, wie der Wind ihre Haut berührte. Er war nicht länger kalt. Mit sicherem Griff fasste er unter ihre Arme und hob sie empor, ließ sie zwischen den Wolken treiben und sich verströmen, bis ihr Geist sich auflöste und mit ihm alle Kälte und Sorgen. Isa war weit fort.

Danielas Hand rutschte über den Rand der Isomatte und berührte die scharfen Kanten der Salzgräser. Sie rochen frisch. Nach Salz und Wind, nach Erde und Wachstum.

6.
Erinnerungen

Kay griff nach der Thermosflasche auf dem Tisch und schenkte sich erneut ein.

»Hey, warum kriegst du den letzten Tee?«, protestierte Nils, der ihr gegenüber saß, eingeklemmt zwischen Susanne und Beate. »Mir ist auch kalt!«

»Ich war heute im Wasser«, entgegnete Kay und ließ den letzten Tropfen in ihre Tasse laufen. Die Wärme tat gut. Vorhin hatte sie es nicht gespürt, aber sie war von der Überfahrt und der Schiebeaktion im Wasser fast genauso durchgefroren wie Daniela. »Wenn du morgen rausgehst und in Badehose gegen die kalte Strömung kämpfst, koche ich Tee für dich und schenke dir persönlich ein. Versprochen.«

»Aber ich kann Gitarre spielen. Ich habe ein Recht auf heißen Tee, sonst frieren meine Finger ein«, tat Nils empört.

Beate nahm seine Hand, die auf dem Tisch lag. »Du spielst aber gerade nicht. Soll ich dir deine Finger wärmen, damit du uns nachher mit Musik beglücken kannst? Sonst spiele ich. Es ist schließlich meine Gitarre.«

»Lass mal, ist nicht so wild.« Nils entzog Beate seine Hände.

Kay runzelte die Stirn. Beate hatte es freundlich gemeint und schien eine nette Frau zu sein. Musste ihr Freund so abweisend reagieren?

Und wo blieb eigentlich Daniela?

Suchend schaute sie zum Eingang. »Hat jemand Daniela gesehen? Sie war vorhin unterkühlt und wollte ins Küchenzelt kommen, wenn sie sich umgezogen hat. Kann jemand nach ihr sehen? Oder muss ich durchgefrorene Nordseetaucherin meine steifen Knochen von dieser Bank erheben und selbst nach ihr schauen?«

Teil 10

Und anstatt in Gedanken in jeder einzelnen Sekunde bei Isa zu sein, hatte Daniela bereits am ersten Tag mit einer anderen Frau geflirtet . . . Okay, es war nur eine harmlose Wasserschlacht gewesen, und Kay war eine verkappte Tussi und hetero, also zählte es nicht. Auch nicht, wenn Kay verführerische runde Brüste und starke, braungebrannte Arme hatte. Trotzdem war ihr Verhalten nicht in Ordnung gewesen. Daniela wollte keine Schlampe sein. Gerade wenn sie sich durch widrige Umstände für so einen langen Zeitraum nicht sehen konnten, musste sie treu bleiben, auch in Gedanken. Das war selbstverständlich. Das gehörte sich, wenn man jemanden liebte.

»Kommst du klar, oder soll ich mit reinkommen und dir etwas Trockenes raussuchen?«, unterbrach Kay ihre Grübeleien. Sie war neben dem Eingang zu Danielas Zelt stehen geblieben. Ihre Hand lag zwischen Danielas Schulterblättern und strahlte Wärme aus, genau wie vorhin während der Überfahrt. Es kam Daniela so vor, als sei das die einzige Stelle ihres Körpers, an der sie nicht fror.

Gereizt drehte sie sich aus der Berührung heraus. Sie wollte nicht, dass sie bei einer anderen Frau die Wärme fand, die ihr bei Isa fehlte. Das wäre Verrat. »Danke, das krieg ich schon hin«, sagte sie knapp. Eigentlich hätte sie sich nun bei Kay für die Hilfe bedanken müssen. Stattdessen sagte sie: »Wir hätten auch noch helfen können, das Boot durch das Wasser zu schieben. Ich bin kein Schwächling.«

Kay stemmte die Hände in die Hüften und pustete abfällig durch die Nase. »Dann eben nicht. Ich hole dich ab, wenn ich ins Küchenzelt gehe, da haben sie warmen Tee. Bleib nicht zu lange in den nassen Sachen, Fräulein Mir-ist-nicht-kalt!« Damit drehte sie sich um und marschierte zu ihrem eigenen Zelt.

Daniela seufzte und ließ die Schultern hängen. Das hatte sie wohl gründlich vergeigt. Blöde Kälte. Da konnte man nicht mehr klar denken.

Mit steifen Gliedern stieg sie durch den Eingang in ihr Zelt und ließ sich auf ihre Isomatte sinken. Es war ihr egal, dass die Matte dadurch feucht wurde. Darum würde sie sich später kümmern. Müde und lustlos zog sie am Reißverschluss ihrer Tasche und kramte nach dem großen Badetuch. Mit ungeschickten Fingern zog sie es heraus und wickelte sich auf der Isomatte darauf ein.

Ihr war so schrecklich kalt. Bestimmt würde ihr nie wieder warm werden. Dabei war heute der erste Tag. Wie sollte sie es aushalten, die kommenden zwei Wochen Tag und Nacht in diesem Eiswasser und kalten Wind zu frieren? Es gab hier nirgendwo eine Heizung und auch kein kuscheliges Lagerfeuer. Nur Nässe, schneidend kalten Wind und Dreck.

Daniela wusste, dass sie den nassen Badeanzug loswerden und etwas Trockenes anziehen musste. Sie sagte es sich wieder und wieder. Aber dazu müsste sie aufstehen, unter der schützenden Hülle ihres Handtuchs hervorkommen und den nasskalten Badeanzug über ihre inzwischen trockenen und nicht mehr ganz so kalten Beine ziehen. Dann würde das Zittern wieder beginnen.

Und sie müsste zu den anderen ins Küchenzelt gehen. Dann würde jeder sehen, dass sie zu schwach für die Kälte der Nordsee war und keine Frau an ihrer Seite hatte, die sie wärmte. Jeder würde die Lücke wahrnehmen, die unsichtbar neben ihr schwebte. Isa war nicht da. Was für einen Sinn hatte es, sich um Freundschaften zu bemühen?

Herzschlag für Herzschlag schob Daniela das Aufstehen vor sich her. Das Handtuch hatte sie um ihre Schultern gezogen wie eine schützende Decke, unter der niemand sie sehen konnte.

Es war nicht so, dass diese Einsamkeit völlig neu wäre. Sie war seit über einem Jahr mit Isa zusammen, aber dieser Urlaub war nicht das erste Mal, dass Isa sie versetzt hatte. Isa mit den lockenden grünen Augen, die Daniela in einer Disco geküsst hatte, um einen Mann anzubaggern.

Daniela hatte damals erst nicht verstanden, was Isa beabsichtigte. Es war ein Samstagabend gewesen, an dem ihre Kommilitoninnen sie dazu überredet hatten, mit in die Disco zu gehen, obwohl sie das normalerweise verabscheute. In ihren flachen Stiefeln und dem unauffälligen schwarzen Shirt hatte Daniela sich die ganze Zeit fehl am Platz gefühlt – bis Isa neben ihr erschien und sie mit einem unschuldigen und gleichzeitig verführerischen Lächeln antanzte. Plötzlich schien die Welt rundherum in Ordnung zu sein. Daniela hatte mit der schönen Grünäugigen getanzt und mit klopfendem Herzen genossen, wie sie sich näherkamen. Als Isa sie zum ersten Mal küsste, schwebte sie im siebten Himmel – bis Isa sich lächelnd von ihr löste, ihr ein schnelles »Danke« zurief und ihre Aufmerksamkeit einem dunkelhaarigen Mann zuwandte. Einem von der Sorte, die es heißmachte, zwei Frauen beim Knutschen zuzuschauen.

Normalerweise verdrängte Daniela die Erinnerung daran. Isa war bisexuell. Damals hatte sie als Singlefrau jedes Recht der Welt gehabt, einen Mann zu küssen, wenn ihr danach war. Isas und Danielas offizieller erster Kuss hatte erst drei Wochen später am Mainufer stattgefunden, auf einer kleinen weißen Bank an einem warmen Juniabend vor einem Jahr. Es war der Beginn einer anstrengenden Zeit gewesen. Auch wenn sie immer wieder verliebte Höhenflüge erlebten, solange sie unter vier Augen waren.

In der Öffentlichkeit sah das leider anders aus. Daniela nahm wieder und wieder Rücksicht darauf, dass Isa sie vor anderen verleugnete und als »normale« Freundin bezeichnete. Isa musste noch lernen, zu ihrer lesbischen Seite zu stehen. Das war ein langer Prozess. Daniela konnte sich gut daran erinnern, wie schwer ihr selbst das am Anfang gefallen war. Daher wollte sie nachsichtig sein und Isa die Zeit geben, die sie brauchte – auch wenn es wehtat.

Daniela schüttelte den Kopf und biss die Lippen aufeinander, um nicht zu weinen. Isa liebte sie, das wusste sie doch. Inzwischen hatte Isa Danielas Eltern kennengelernt, und bald würden sie auch Isas Eltern besuchen. Der Weg zu ihnen dauerte beinahe vier Stunden mit dem Auto. Eine solche Fahrt bewältigte man nicht mal eben so im Uni-Alltag. Vielleicht würde es dieses Jahr an Weihnachten klappen.

Wenn Daniela nicht so frieren würde, würden diese Zweifel an Isas Liebe und der Zukunft ihrer Beziehung von allein verschwinden. Wenn ihr nicht so kalt wäre, würde sie auch nicht weinen. Das kam alles nur von dieser verdammten Kälte . . . Wütend und hilflos wischte sie die Tränen mit ihrem Handtuch weg.

»Bist du so weit?« Ungeduldig klang Kays Stimme durch die dünne Zeltwand. »Ich könnte jemanden umbringen für eine heiße Tasse Tee!«

Daniela gab ein unbestimmtes Brummen von sich. Kay schlug die Zeltklappe zur Seite und kam herein.

»Herrje, willst du dir eine Lungenentzündung einfangen? Hast du immer noch deinen Badeanzug an?«

»Was geht dich das an?« Daniela wollte nicht, dass jemand sie beim Weinen erwischte. Kay würde es bestimmt dem ganzen Camp erzählen. Die anderen würden denken, dass Daniela vor Heimweh weinte wie ein kleines Kind. Das würde sie nicht ertragen.

Mit besorgter Stimme sagte Kay: »Daniela, du bist unterkühlt. Komm, zieh dir was an, damit du endlich Tee trinken kannst. Ich suche dir etwas raus. Ist das deine Reisetasche?«

Teil 09

»Hältst du noch eine halbe Stunde durch?«, fragte sie mitfühlend. »Gibt deinem inneren Schweinehund einen Tritt und hilf mir beim Pfostenschleppen, damit dir wieder warm wird. Das schaffen zwei Powerfrauen wie wir, wenn wir uns zusammenreißen. Oder willst du lieber gleich zurück und heißen Tee trinken?«

Daniela presste die Lippen aufeinander, setzte sich auf und reckte den Kopf in einer eleganten Bewegung nach oben. »Natürlich schaffe ich die letzte halbe Stunde. Sorry, dass ich mich so hängen lasse.«

Kay grinste. Aber auch sie spürte die Kühle des Windes wieder, auch wenn sie den streichelnden, fordernden Lufthauch auf ihrer Haut erregend fand. Nicht jeder war so vom Wind fasziniert wie sie, das wusste Kay. Kein Wunder, dass Daniela fror.

Aufmunternd sagte sie: »Dann pack noch mal kräftig mit an, meine stolze Schönheit. Wenn du dich bewegst, wird dir warm.«

Doch obwohl sie sich offensichtlich anstrengte, blieben Danielas Bewegungen schlaksig und steif. Kay beobachtete besorgt, dass das Zittern von Danielas schmalen Fingern nicht aufhörte und ihre helle Haut zu blass wirkte. Sie hätte wirklich nicht mitgehen sollen, dachte sie.

Als sie das nächste Bündel Reisig von Marco entgegennahm, fragte sie ihn leise: »Kannst du das Boot mit Michelle allein zur Arbeitsstelle schieben? Ich lasse euch nicht gern im Stich, aber Daniela hat blaue Lippen und zittert. Ich möchte sie so schnell wie möglich zurück ins Lager schaffen. Wenn du mich fragst, hat sie sich im Wasser nach allen Regeln der Kunst unterkühlt. Wir sollten nicht riskieren, dass sie krank wird.«

Marco zögerte, dann schüttelte er den Kopf. »Ich möchte den Rest ungern mit Michelle allein stemmen. Das Boot ist schwer, wenn es voll beladen ist. Da brauchen wir schon vier Leute für den Transport. Ich glaube, dass Daniela wieder warm wird, wenn wir aus Leibeskräften schieben.«

Kay wies auf die blasse Daniela. Der fiel just in diesem Moment erneut ein Reisigbündel aus der Hand, und sie bückte sich unbeholfen, um es aufzuheben.

Marco seufzte und nickte. »Du hast mich überzeugt. Bring sie zurück ins Lager. Michelle und ich gehen dann mit dem halb beladenen Boot zur Arbeitsstelle, sonst wird es zu schwer. Aber dann müssen wir gleich morgen neues Material holen. Eigentlich wollte ich das vermeiden.«

Kay sah ihn bittend an: »Ich möchte wirklich nicht, dass Daniela gleich am ersten Tag krank wird.«

Marco hob mit einem weiteren Seufzer die Schultern. »Na ja. Immerhin haben wir genug Material im Boot, damit wir morgen früh bei Niedrigwasser mit der Arbeit anfangen können.«

»Das ist echt korrekt von dir!«

»Na los, bring sie ins Lager, und seht zu, dass ihr heißen Tee bekommt.« Marco boxte Kay leicht auf den Oberarm. »Du siehst nämlich auch ein bisschen unterkühlt aus.«

Kay nickte ihm dankbar zu, holte die bibbernde Daniela und kletterte mit ihr zurück ins Wasser. Als sie sich hineinsinken ließ, biss die Nordsee unbarmherzig zu. Das Wasser schien viel kälter zu sein als auf dem Hinweg. Daniela gab sich alle Mühe, tapfer und gleichgültig auszusehen, aber Kay sah trotzdem, wie ihr Zittern immer stärker wurde. So ein Mist! Es war doch Sommer.

Schützend legte sie Daniela den Arm um die Schultern. Sie hatte recht gehabt vorhin: Daniela war zu dünn, um stundenlang durch das kalte Wasser zu laufen. Wenn sie die hübsche Frau auf dem Hinweg doch bloß nicht zu dieser Wasserschlacht verleitet hätte . . . Vielleicht würde Daniela weniger zittern, wenn ihr Badeanzug am Oberkörper trocken geblieben wäre und sie keine nassen Haare hätte.

Aber es war einfach so verlockend gewesen. Und für die Dauer der ausgelassenen Planscherei hatte Kay die Tragödie mit Marion tatsächlich vergessen.

5.
Heimweh

Daniela fror. Es war nicht nur so ein kleines Frösteln, wie sie das aus dem Winter kannte, wenn ihre Füße im Schneematsch nass geworden waren. Nein, sie fror bitterlich. Die Kälte hatte sich in ihren Knochen festgesetzt und ließ ihre Muskeln erstarren. Jeder Schritt über den Holzpfad zu den Zelten tat weh. Das passte nicht zu der Vorstellung, die sie sich von einem Sommercamp auf der Vogelinsel gemacht hatte. Sie war davon ausgegangen, dass es warm sein würde. Immerhin war es August und nicht Februar.

Aber in ihrer Vorstellung war Isa mit ihr gefahren und hatte sie gewärmt. Das war das Problem. Und deswegen wollte Daniela sich nicht bewegen, um die Wärme zurück in ihre Adern zu holen. Dann würde Isas Fehlen noch stärker schmerzen als ohnehin.

Es hätte Isa sein sollen, die sie mit Wasser bespritzte, die Arme um sie schlang und mit ihr untertauchte. Isa, die ihr den Arm um die Schultern legte, wenn sie nicht mehr durch das kalte Wasser waten wollte, und die sich Sorgen um ihre bläulichen Lippen machte. Wenn Isa dabei gewesen wäre, wäre Daniela sicher auch nicht seekrank geworden. Und dann wäre sie nicht so erschöpft, dass sie nicht einmal mehr zittern wollte, weil das zu sehr anstrengte.

Stattdessen ging diese Fremde neben ihr. Diese Kay. Auch wenn sie mit ihrem nassen Zopf und den durchnässten Turnschuhen nicht mehr wie die Zicke aussah, als die sie Daniela auf der Überfahrt erschienen war. Aber vermutlich war das nur Tarnung. Dieses pseudofreundliche Gehabe, mit dem sie sich um Daniela sorgte . . . Nein. Daniela wollte sie nicht nett finden. Das wäre zu gefährlich.

Mit diesem tollen Busen und ihrem selbstsicheren Gang wusste Kay bestimmt nicht, was es bedeutete, sich fehl am Platz und wie eine Versagerin zu fühlen. So leicht, wie es der anderen fiel, auf Menschen zuzugehen . . . Kay fror auch nicht, obwohl kleine Wasserbäche aus ihrem nassen Zopf über ihren Rücken flossen. Das war ungerecht.

Daniela zwang sich zum Weitergehen. Sie wollte sich nicht die Blöße geben, sich jetzt auch noch auf dem Weg zusammenzukauern, weil sie nicht mehr konnte. Aber sie hätte auf der Stelle einschlafen können. Die beiden Wochen vor der Fahrt waren anstrengend gewesen. Sie hatte jede Nacht bis um eins an ihrer Hausarbeit gesessen und höchstens sechs Stunden Schlaf gefunden, weil sie neben der Arbeit für die Uni auch im Job eine zusätzliche Schicht pro Woche schob, um den finanziellen Verlust durch die zwei Urlaubswochen auszugleichen.

Vielleicht wäre es klüger gewesen, nicht gleich nach ihrer Ankunft auf der Insel weiterzuarbeiten. Aber nach der Seekrankheit auf der Überfahrt hätte Daniela es nicht ertragen, wenn sich bei allen der Eindruck festgesetzt hätte, sie sei schwach. Darin lag eine gewisse Ironie, wurde ihr klar, denn jetzt wirkte sie noch viel schwächer und hilfloser.

Morgen würde sie darüber lachen können – normalerweise wusste sie Situationsironie durchaus zu schätzen. Nur nicht heute. Heute überlagerte diese verdammte Kälte in ihrem Blut alle anderen Gedanken. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr je wieder warm würde. Die Kälte schien fast schon zu einem Teil von ihr geworden zu sein.

Das Schlimmste war, dass sie Isa in den letzten zwei aufreibenden Wochen nur an drei Tagen gesehen hatte, und zwei dieser Begegnungen hatten beim Mittagessen in der Mensa stattgefunden. Für Liebe war keine Zeit geblieben. Daniela hatte sich die ganze Zeit damit getröstet, dass Isa und sie anschließend zwei Wochen im Workcamp auf der Vogelinsel in einem Zelt schlafen und vor allen Leuten dazu stehen würden, dass sie ein Pärchen waren.

Stattdessen lagen zwei weitere Wochen ohne Isa vor ihr.

Teil 08

»Lass dich nicht so hängen«, neckte Daniela sie. »Oder soll ich die ganze Arbeit allein machen, nur damit mir kuschelig warm wird?«

»Das kriege ich auch anders hin«, nuschelte Kai und ruderte mit den Füßen, um den Sand wiederzufinden und bei dem Tempo, das Daniela plötzlich vorlegte, noch mitschieben zu können.

»Was hast du gesagt?«

»Äh, nichts.« Hitze strömte Kay ins Gesicht. »Ich meine, ich habe gesagt, dass du deine Wette bestimmt verlieren wirst.« Wäre ja noch schöner, wenn sie sich von so einem Landei abhängen ließe!

Zusammen mit Daniela stemmte sie sich so fest gegen das Boot, dass Marco ihnen von vorn zurief, sie sollten ihre Kräfte schonen und es langsamer angehen lassen. Erhitzt drehte sich Kay zu Daniela und sah, dass die Blässe aus ihrem Gesicht verschwunden war. Ihre Wangen leuchteten richtig.

Marcos Rat erwies sich jedoch als sinnvoll, denn Kays Beine ermüdeten schneller als sie gedacht hatte. Im Verein war sie als ausdauernde Schwimmerin bekannt, deswegen hätte sie nicht damit gerechnet, dass das Gehen und Schieben im Wasser sie so anstrengen würde. Bald reichte ihre Energie nicht mehr für Gespräche und Blödeleien.

Und dennoch: Es war gut, dass sie hier war. Egal in welche Richtung sie blickte, immer war der Horizont sichtbar. Es war, als spüle das Meer den Schmerz über Marions Verrat davon. Das Wasser war zwar deutlich kälter als in ihrer Erinnerung, aber sie spürte ihren Körper, spürte, dass sie am Leben war. Ihre Beine mussten sich auf jeden Schritt konzentrieren, mit dem sie das Salzwasser verdrängte, und der schlammige Boden unter ihren Füßen forderte ihren Gleichgewichtssinn heraus. Die kleinen Wellen spritzten bis zu ihrem Bauchnabel. Der Wind auf ihrer Haut streichelte und kühlte gleichzeitig.

Das war es, was sie gesucht hatte. Zum ersten Mal seit der Katastrophe mit den verbrannten Nudeln schien sie wieder vollständig zu sein, eins mit ihrem Körper. Endlich wich die seltsame Betäubung, die sie nach dem Betrug von Marion und Giselle niedergedrückt hatte. Ja, es tat immer noch weh, aber mit einem Mal konnte sie sich den Schmerz vergegenwärtigen wie etwas, was einer anderen Frau passiert war. Das kalte Wasser und der klebrige Schlamm unter ihren Turnschuhen waren die Wirklichkeit, zusammen mit den blassen, blaugrauen Wolken am Himmel, dem nachmittäglichen Licht auf den braungrauen Nordseewellen und der rauen Oberfläche des Bootes unter ihren Fingern. Marion dagegen war nur ein Teil ihrer Vergangenheit.

»Hey, wir sind da!«, unterbrach Daniela ihre Grübeleien und stieß Kay in die Seite. »Was müssen wir jetzt machen?«

Marco knotete gerade das kleine Boot an der Leiter fest, die nach oben zur Reling der Schute führte. Michelle, in Badeanzug und Turnschuhen, begann an der Leiter emporzuklettern.

Kay nickte zu ihr hin und erklärte Daniela: »Wir klettern nach oben und laden Pfähle und Reisigbündel in das Boot.« Oben schob sich Michelle bereits über die Reling.

»Du gehst vor«, sagte Daniela.

»Damit du mir auf den Hintern schauen kannst? Schönen Dank auch! Klettere du doch als Erste«, neckte Kay und spritzte eine Handvoll Wasser nach Daniela. Täuschte sie sich, oder errötete Daniela bei ihren Worten erneut?

Aber sie hatte keine Zeit, ihre Beobachtung zu intensivieren, denn schon spritzte die kurzhaarige Brünette zurück. »Untersteh dich!«, quietschte sie. »Sonst werden meine Haare nass.«

»Na und? Deine Haare sind kurz, die trocknen sofort.« Kay grinste und warf sich nach hinten, um mit den Beinen zu strampeln und einen Wasserschwall aufzuwühlen, der Danielas schwarzen Badeanzug von oben bis unten durchnässte.

»Warte nur! Dir werde ich es zeigen!« Daniela kämpfte sich durch das sprudelnde Wasser und packte Kay an der Schulter, um sie unterzutauchen. Kay griff nach ihren Armen, und sie rangelten, bis Kay schließlich nachgab und sich untertauchen ließ. Damit war ihr Zopf nun zwar hoffnungslos durchnässt, aber der Wind würde die Haare schnell wieder trocknen. Niemand fror in der Nordsee, wenn man lachte und Spaß hatte, dachte Kay. Im Gegenteil. Wir sind wie zwei Seejungfrauen. Die können das ab.

»Sagt Bescheid, wenn ihr fertig seid«, rief Marco feixend von der Schute herunter. »Dann können wir mit der Arbeit anfangen.«

»Sorry«, rief Kay nach oben. »Es war zu verlockend.«

Marco grinste: »Bevor ich mit Michelle die ganze Arbeit allein mache, komme ich wieder nach unten und tauche euch beide ein!«

»Bloß nicht«, rief Daniela und lächelte Kay an. »Ich lass mich nicht von jedem untertauchen.«

Damit bewegte sie sich schnell von Kay fort und griff nach der Leiter. Kay hastete mit zwei Sprüngen, die halbe Schwimmzüge waren, hinterher, doch Daniela hatte die Leiter schon erreicht und griff nach den Sprossen.

»Ich habe dich nicht untergetaucht«, stellte Kay klar und griff nach Danielas schlanken Oberschenkeln, die sich gerade über die Wasseroberfläche hoben und auf denen das Wasser Perlen bildete. »Aber das hole ich nach.«

Daniela quietschte erneut auf und ließ die Sprossen los. Kay fing sie auf, indem sie die Arme fest um Danielas Hüften schlang. Sie holte tief Luft, griff mit einem Arm um Danielas Schultern und warf sich mit Schwung nach hinten. Das kalte Salzwasser schloss sich um sie und die wild strampelnde Daniela, aber Kay lockerte ihren Griff nicht, bis sie mit dem Hintern auf dem Meeresboden aufsetzte. Erst dann ließ sie los. Für eine Sekunde spürte sie die Rundung von Danielas kleinem Busen über ihren Unterarm gleiten, als diese sich zappelnd befreite.

Beim Auftauchen schluckte sie erst einmal eine Portion bitteres Salzwasser. Daniela hatte die Unterarme wie beim Volleyball zusammengelegt und spritzte sie mitleidlos mit kaltem Wasser voll. Kay hustete erst einmal kräftig, dann hob sie die Arme und flehte lachend um Gnade.


Oben auf der Schute zogen sie zu dritt Pfähle und Reisigbündel vom Haufen und gaben sie an Michelle weiter, die nach einer kurzen Besprechung hinunter in das Boot geklettert war und die angereichten Materialien auf dessen Boden stapelte. Der Wind war kalt auf der Haut, und da Kays zusammengebundene Haare nicht trocknen wollten, war die Kälte jetzt doch ein wenig unangenehm. Sie zwang sich dazu, sich schneller zu bewegen, damit ihr warm wurde.

Nach einiger Zeit fiel ihr auf, dass Daniela sich auf ein Reisigbündel gesetzt und die Arme um den Körper geschlungen hatte.

»Alles klar bei dir?«, fragte Kay und ging zu ihr hinüber.

Daniela zitterte und presste die Knie aneinander. »Geht schon«, sagte sie mit einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. »Vielleicht hätte ich mich nach der Seekrankheit auf der Hinfahrt doch ins Zelt legen sollen.«

»Ist dir wieder schlecht? Hier, auf der Schute? Die schwankt doch gar nicht.«

Daniela schüttelte den Kopf und bemühte sich sichtlich, ihr Lächeln aufrechtzuerhalten. Ihre Lippen zitterten und hatten sich bläulich verfärbt. »Ich glaube, es ist mein Kreislauf. Mir ist einfach kalt. Das hört gleich wieder auf.«

»Nicht, wenn du dich hier zusammenkauerst und dich nicht bewegst. Wo soll die Wärme herkommen?« Kay musterte Danielas Gesicht aufmerksam – das stolze Kinn und die süße Stupsnase mit den Sommersprossen. Der Impuls, Daniela fest in den Arm zu nehmen und über ihren Rücken und ihre schlanken Oberarme zu streicheln, um die Kälte zu vertreiben, war plötzlich fast unwiderstehlich. Kay musste ihn mit aller Kraft zurückdrängen.

Teil 07

Innerlich schüttelte Kay über sich den Kopf. Diese Unsicherheit war ihre eigene Schuld. Wenn sie auf der Überfahrt selbstbewusst genug gewesen wäre, offen zuzugeben, dass ihre ExfreundIN sie verlassen hatte, hätte sie vielleicht an Danielas Reaktion erkannt, ob diese auch lesbisch war. Dann wüsste sie jetzt, wie sie Danielas flirtende Blicke einordnen sollte. Stattdessen hatte sie sich das Leben selbst schwergemacht, indem sie nur geschlechtsneutral von ihrem Ex-Schatz gesprochen hatte. Bestimmt dachten jetzt alle, sie sei hetero. Normal. Sexuell uninteressant für die Frauen, selbst wenn unter ihnen noch andere Lesben waren.

Wenn sie doch bloß wirklich so selbstsicher wäre, wie sie sich anderen gegenüber gab.

Verstohlen schaute Kay erneut hinter sich. Dabei hätte sie Danielas Körper zu gern eingehender betrachtet. Deren Formen waren nicht unbedingt klassisch weiblich, dafür hatte sie zu wenig Busen, aber ihre Figur war einfach toll. Schlank, auch wenn ihre Muskeln nicht ausgeprägt waren und sie sicher nicht ins Fitnessstudio ging. Die kleinen Brüste brauchten wahrscheinlich nicht mal einen BH. Außerdem hatte sie einen anmutigen Hals, der das stolze Kinn und die nicht dazu passende Stupsnase mit den Sommersprossen betonte und durch den dunklen Kurzhaarschnitt noch eleganter wirkte.

»Hoffentlich frierst du nicht im Wasser«, sagte Kay. Es war das Erstbeste, was ihr einfiel. Sie wusste nicht, was sie sagen konnte, um herauszufinden, ob Daniela an anderen Frauen interessiert war – aber irgendwie musste sie ja anfangen.

»Warum?«, fragte Daniela zurück.

»Du bist so schlank.«

Daniela errötete. Das sah niedlich aus, weil es nicht zu ihrer sonst so stolzen Aura passte.

Kay konnte nicht wegsehen. »Nicht, dass du denkst, ich hab irgendwelche Hintergedanken, wenn ich dir Komplimente mache«, setzte sie hastig hinzu, obwohl genau das der Fall war. »Ich schwimme im Verein, da lernt man, auf so etwas zu achten. Je dünner du bist, desto schneller kühlst du aus, weil deine Isolierschicht nicht ausreicht.«

»Ich wiege eigentlich zu viel«, sagte Daniela und starrte auf den Boden.

Kay lachte auf. »Warum glauben alle Frauen, dass sie zu dick sind? Das ist doch Quatsch. Schau mich an, ich wiege bestimmt zehn Kilo mehr als du. Trotzdem mag ich meinen Körper! Frauen sollten viel selbstbewusster mit ihrem Körper umgehen, statt sich von männlichen Modeschöpfern einreden zu lassen, dass sie alle Kleidergröße 32 tragen sollten.«

»Bei dir sieht es ja auch gut aus«, meinte Daniela.

Kay hätte jubeln können, als sie die zarte Röte sah, die bei diesen Worten in Danielas Wangen aufstieg. War das der Wind? Oder errötete Daniela, weil sie Kay hübsch fand und es nicht zugeben wollte?

Mit einem Mal war die Welt schön. Kay warf ihren Pferdeschwanz über die Schulter, zog das Haargummi heraus und flocht die Haare mit schnellen Bewegungen zu einem Zopf, während der Wind sie ihr zu entreißen versuchte. Fast hörte sie ein verspieltes Lachen in der Luft. War das wieder die Windfrau, die sie ermutigend streichelte? Hieß das vielleicht, sie sollte es bei Daniela versuchen? Mehr als scheitern konnte sie nicht. Immerhin hatte Daniela ihr ein Kompliment gemacht.

Am Steg trafen sie wie vereinbart auf Marco und Michelle und wateten gemeinsam ins Wasser. Kay schauderte, als das kalte Salzwasser in ihre Turnschuhe lief. Sie hatte vergessen, wie grauenhaft es sich anfühlte, wenn die trockenen Schuhe innerhalb von Sekunden durchweichten und sich mit Wasser füllten. Die Nordsee wusste nichts davon, dass Sommer war. Das Wasser war kalt wie flüssiges Eis, und diese Kälte war gnadenlos. Das Gefühl der eisigen Nässe zwischen ihren Zehen, in ihren Strümpfen und zwischen Fuß und Turnschuh war einfach widerlich. Aber Nordseewasser in den Turnschuhen war besser, als sich den Fuß an einer Muschel aufzuschneiden. Nicht umsonst hatte es bei der Anmeldung geheißen, dass alle Teilnehmer zwei Paare einpacken sollten.

Zu viert stapften sie Schritt für Schritt über den unsichtbaren Meeresboden, auf zwei kleine Boote zu, die an Pfählen zwischen den Reisigreihen festgezurrt waren. Das Wasser reichte ihnen hier bis zu den Oberschenkeln, und die Pfähle waren vollständig davon umspült und kaum zu erkennen.

Marco löste eines der Taue mit geübten Bewegungen von seinem Pfahl. Ganz offensichtlich machte er das nicht zum ersten Mal. Gemeinsam mit Michelle zog er das Boot in Richtung der Schute, die weiter draußen lag. In stellenweise angerostetem Gelbschwarz erhob sie sich über die Wasserfläche. Daniela und Kay schoben das kleine Boot von hinten.

Kay lächelte darüber, wie schnell ihr die seemännischen Begriffe wieder einfielen, die sie drei Jahre lang nicht benutzt hatte. Eine Landratte hätte einfach nur von einem Schiff gesprochen, bestenfalls noch von einem Transportboot für Holzbalken, Reisig und Trinkwasser. Aber genau das war eben eine ›Schute‹.

Und die Reisigbarrieren, die überall am Rand der Hallig aus dem Wasser ragten, waren Faschinen. Sie bestanden aus zwei Pfahlreihen, zwischen denen der Reisig gebündelt und mit Draht festgezurrt wurde. Genau, und die Reisigfüllungen nannte man auch ›Matratzen‹. Diese Aufbauten sollten verhindern, dass die Nordsee Sediment davontrug.

»Das Meer hat ganz schön Strömung«, sagte Kay zu Daniela, die neben ihr schob. Geduldig pflügten sie Schritt für Schritt gegen den Strom über den schlammigen Meeresboden.

»Ja, das trainiert die Oberschenkel«, erwiderte Daniela. Sie schien kurzatmig, auch wenn sie zu lächeln versuchte. »Bestimmt nehme ich gerade ab. Ob wir bei Ebbe wattwandern gehen?«

Kay unterdrückte ein Grinsen. »Wir werden so häufig durchs Watt laufen, dass du in einer Woche das Wort ›Wattwandern‹ nicht mehr hören willst. Aber momentan steigt die Flut noch, glaube ich. Die Strömung geht in Richtung Festland. Wenn ich mich richtig erinnere, dürfen wir bei ablaufender Tide nicht ins Wasser und zur Schute gehen, weil es zu gefährlich ist.« In Gedanken überschlug Kay die Zeit, die seit ihrer Abfahrt auf dem Festland vergangen war, und den Stand der Tide. Es schien zu stimmen. Die Flut hatte jeden Tag immerhin zwölf Stunden Zeit, um zu kommen und wieder zu gehen.

»Kann sein«, sagte Daniela kurz angebunden und hielt den Blick weiter auf das Boot gerichtet, das sie schoben. »Ist mir gerade auch egal.«

»Ist irgendwas?« Kay warf Daniela einen prüfenden Seitenblick zu und stolperte prompt, als sie nicht mehr jedem Schritt ihre volle Aufmerksamkeit widmete. Sie fiel gegen das Boot und schlug sich die Lippe am Eisen auf. Trotzdem entging ihr nicht, dass Daniela missmutig wirkte und die Ellenbogen beim Gehen zu eng an den Körper drückte.

Doch nun straffte sich Daniela und richtete den Kopf auf. »Mir ist kalt«, sagte sie, presste die Lippen aufeinander und holte tief Luft. »Aber es geht schon. Ich freue mich jedenfalls, dass wir hier sind. Ich hätte nur nicht damit gerechnet, wie kalt das Wasser tatsächlich ist.«

Kay nickte. »Sollen wir einen Zahn zulegen? Dann wird dir warm.«

»Immer doch.« Daniela wirkte blass, aber ihre Augen blitzten auf. »Wetten, dass ich schneller bin als du?« Sie stemmte die Arme gegen das Boot. Kay konnte die Muskeln ihrer schlanken Schultern arbeiten sehen. Besser, sie ließ sich nicht davon ablenken.

Als das Boot einen Satz nach vorn machte, verlor Kay den Boden unter den Füßen und konnte sich nur mit Mühe festhalten. Salzwasser spritzte nach oben und füllte ihren Mund mit dem bitteren Geschmack.

Teil 06

Am Ende des Holzweges öffnete Daniela das erste Zelt auf der linken Seite und lugte hinein. »Ist hier noch frei?«, fragte sie. Im nächsten Moment sah sie erstaunt, dass es keinen Zeltboden gab. Sie kannte vom Camping mit ihren Eltern nur Zelte mit Boden und einer doppelten Zeltwand. Dieses Zelt hier hatte nur eine einfache Wand, und zwischen den Zeltheringen auf dem Salzgras konnte man nach draußen sehen.

»Klar, komm rein. Bisher schlafen hier nur Beate und ich.« Die Antwort kam von Nils, einem der drei Männer im Camp abgesehen von Marco. Frauen interessierten sich offenbar mehr für ihre Umwelt als Männer. Nicht, dass sich Daniela daran gestört hätte. Sie wusste, das Frauen oft ausdauernder und stärker als Männer waren – und außerdem waren die meisten Heten viel sympathischer und weniger zickig, wenn sie nicht die ganze Zeit um die Gunst von Männern buhlten.

Aber sich zwischen ein Liebespärchen drängen, das wollte Daniela dann auch wieder nicht. Sie zog den Kopf zurück, um sich ein anderes Zelt zu suchen. »Ich will euch nicht stören . . .«

»So ein Unsinn. Natürlich kommst du zu uns«, unterbrach Bea¬te. Mit ihrem kurzen Pferdeschwanz sah die Rothaarige sehr selbstbewusst aus, als sie den Kopf durch die Öffnung herausstreckte, um Daniela aufzuhalten. »Wir sind viel zu viele Teil¬neh¬mer, um für uns als Pärchen ein Sonderzelt zu beanspruchen.«

Daniela fragte sich, warum Beate ihr trotz der offenkundigen Freundlichkeit so unsympathisch erschien. War es ihr Lächeln? Irgendetwas schien damit nicht zu stimmen. Doch sie schüttelte das merkwürdige Gefühl ab. Wahrscheinlich erinnerte die rothaarige Frau sie bloß an jemanden, den sie nicht mochte. Gehorsam schob sie sich wieder ins Zelt.

Von innen erschien es sehr geräumig, stellte sie überrascht fest. Vom Steg aus hatten die Zelte ausgesehen wie winzige weiße Dreiecke, die sich vor dem Himmel verloren. Daniela suchte sich eine Ecke und rollte ihre Isomatte aus. Auf dem harten Salzgras wirkte die Unterlage ziemlich dünn. Aber bestimmt würde diese Grasschicht sie bei Nacht vor der Kälte des Sandbodens schützen.

Den Schlafsack ließ sie in seinem Beutel. Dafür war nachher auch noch Zeit. Marco würde gleich am Steg auf sie warten – und Kay ebenso.

Was für einen Badeanzug Kay wohl trug?

»Kannst du dich umdrehen?«, bat Daniela ihren neuen Mitbewohner und zog den Reißverschluss ihrer Tasche auf, um nach ihrem Badeanzug zu kramen.

Nils erwiderte: »Wenn du eine Minute wartest, gehen Beate und ich ins Küchenzelt und helfen beim Kochen. Dann hast du das Zelt für dich allein.« Er holte ein Kissen aus Beates großem Seesack, das er auf das Kopfkissen seines Schlafsacks legte.

»Natürlich.« Daniela setzte sich auf ihre Isomatte und ließ ihren Finger über die straff gespannte Zeltwand gleiten. Sie fühlte sich an wie Baumwolle. Aber das konnte doch sicher nicht stimmen? Würde Baumwolle nicht viel zu schnell durchweichen, wenn es regnete? Oder war der Stoff auf irgendeine Weise behandelt worden, so dass er wasserabweisend war?

Es war ein seltsames Gefühl, dass sich nur ein dünnes, weißes Stück Stoff zwischen ihr und der Weite des Himmels und des Meeres befand, die sich rund um sie in alle Richtungen ausdehnte. Die Menschen waren hier nur zu Gast, ging es ihr durch den Kopf. Sie mochten gegen die Stürme und die Fluten kämpfen und kleine Erfolge erringen, aber dieser Himmel und dieses Meer waren schon vor Daniela da gewesen und würden bleiben, wenn sie und irgendwann auch die grasbewachsene Sandbank verschwunden sein würden. Egal, was sie taten – nichts hier würde von Dauer sein. Die Menschen schütteten Sandbänke auf, die der nächste schwere Sturm wieder abtragen würde. Die Vögel flogen davon. Nur die Menschen glaubten, dass ihre Bemühungen eine Rolle spielten und etwas veränderten.

Sie lehnte die Stirn an die Zeltwand und schloss für einen Moment die Augen. Dann raffte sie sich auf und zog endlich ihren Badeanzug aus der Reisetasche.

Als Daniela aus dem Zelt trat, bekleidet nur mit Badeanzug und ihren Gummibadelatschen, verstärkte sich das Gefühl der Vergänglichkeit noch. Wie vorhin schon erstaunte es sie, wie winzig diese Vogelinsel war. Es gab nicht einmal eine klare Trennung zum Meer. Beim momentanen Wasserstand schwappten die kleinen Wellen über die Gräser hinweg, die gerade einmal zehn Meter von den Zelten entfernt wuchsen. Auf den meisten Landkarten tauchte die Vogelinsel mit ihren fünf Hektar nicht einmal auf.

»Ein Anblick zum Träumen, nicht?« Kays Stimme riss sie aus ihren Überlegungen. Sie war unbemerkt neben Daniela getreten. »Sieh nur, wie das Licht hinter den Wolken schimmert und vom Meer reflektiert wird. Es sieht aus wie Licht aus einer anderen Welt, so hell und klar. Dabei ist es wirklicher als alles, was wir zu Hause in den Städten anknipsen.«

Daniela nickte. Sie hätte keine Worte finden können, um die Schönheit von Himmel und Meer treffender zu beschreiben. Es war eine Weite, die sie erschreckte und gleichzeitig beruhigte. In diesem Moment spielte es keine Rolle, dass der Weg hierher sie krank gemacht hatte und sie in zwei Wochen auf dem Heimweg vermutlich erneut seekrank werden würde. Die Wolken bildeten ein zartes Pastellgemälde am Himmel und umarmten die Sonne vorsichtig, während die Vögel über der im fahlen Spätnachmittagslicht schimmernden Nordsee Kreise zogen. Der unangenehm kühle Wind wurde zu einer Nebensächlichkeit, und die Luft roch endlich nach Salz.

»Wollen wir? Marco wartet schon«, sagte Kay schließlich.

Wieder nickte Daniela. Als Kay mit ihren schnellen, wiegenden Schritten vor ihr über den Holzpfad nach vorn zum Steg und zum Küchenzelt ging, konnte Daniela nicht anders, als auf ihre braungebrannten Beine zu schauen. Und auf ihren Hintern, der in dem aprikosenfarbenen Badeanzug genauso rund und schön war wie vorhin in der Shorts.

4.
Wassernixen

Kay liebte das Gefühl des Windes auf ihrer Haut. Die Kälte, die es mit sich brachte, ignorierte sie. Keine Jeans, die an den Hüften kniffen, keine BHs, die ihre Brüste in eine vorgegebene Form pressten, und kein Haarspray, damit ihre Haare anständig an Ort und Stelle blieben. Wie sehr ihr diese Freiheit gefehlt hatte!

Ihre Nippel stellten sich auf. Vermutlich konnte man das unter dem dünnen Badeanzug sehen, aber hier störte sich Kay nicht daran. Auf der Vogelinsel musste sie sich keine Sorgen um ihr Aussehen machen. Hier zählte nur, dass sie stark war, mit anpacken und abends mit ihrer guten Singstimme zur Atmosphäre beitragen konnte.

Kay hatte in den letzten Jahren verdrängt, wie stark sie sich danach gesehnt hatte: nach der Freiheit und dem Wind. Sie drehte sich zu der Frau um, die hinter ihr ging. Daniela.

Bildete sie es sich nur ein, oder sah Daniela sie tatsächlich auf diese besondere Weise an, die . . . anders war? Kay konnte diesen Blick nicht beschreiben. Doch er fühlte sich nicht so an wie der einer Hete, die ihren Körper prüfend musterte, ohne mehr als milde Konkurrenz in Bezug auf die Jagd nach Männern im Sinn zu haben. Schaute Daniela so, weil sie Kays Hintern zu dick fand? Oder weil ihr gefiel, was sie sah?

Teil 05

Sie sehnte sich nach ihrer Isomatte. Alles, was sie brauchte, war ein stilles Eckchen, in dem sie sich hinlegen konnte, bis die Welt nicht mehr schwankte und ihr Gleichgewichtssinn zurückkehrte. Dazu musste sie ihr Gepäck aber erst einmal vom Boot an Land befördern.

Wieder drehte Daniela sich nach links, um von Kay eine weitere Reisetasche entgegenzunehmen. Kay wartete auf ihre Vorfrau, so dass Danielas Blick erneut zu ihrem Hintern wanderte. Es war wirklich ein knackiger Hintern, und in dieser Shorts kam er besonders gut zur Geltung.

Der Gedanke ließ Daniela erröten. Warum schaute sie fremden Frauen auf die Beine? Sie war vergeben. Im kommenden Herbst würde sie mit Isa auf Wohnungssuche gehen. Außerdem war Kay eine dumme Tussi – und obendrein eine Hete. Da sollte es keine Rolle spielen, dass dieser Hintern in der Shorts in braungebrannte, kräftige und zugleich schlanke Beine überging. Beine, auf denen Daniela immer noch, oder schon wieder, eine Gänsehaut erkennen konnte. Anscheinend war Kay doch nicht immun gegen den kalten Nordseewind.

Ob sie fror? Sollte Daniela ihr anbieten, sie zu wärmen? Daniela sah, dass sich die feinen, hellen Härchen zwischen Kays Schulterblättern unter der auffrischenden Brise erneut aufstellten. Sie könnte ihr ihre Fleecejacke anbieten . . .

Ach was. Sie kannte Kay überhaupt nicht. Eine solche Geste würde wirken, als ob sie sie anbaggern wollte.

Andererseits konnte es auch einfach normale Freundlichkeit sein, kein Anbaggern. Sollte sie Kay in die warme Jacke helfen und ihr dabei beiläufig mit den Händen über die Schultern gleiten? Ganz aus Versehen natürlich . . .

Kays Schulter- und Rückenmuskulatur schien so durchtrainiert zu sein wie ihre Beine. Sie war keine Bodybuilderin, aber ihr Körper war athletisch und wirkte kraftvoll. Ihre Schultern, Arme und die bei jeder Taschenübergabe mit der Bewegung mitwippenden Brüste hatten eine verlockend weibliche Rundlichkeit, die viele andere Frauen bereits für zu dick halten würden. Doch offensichtlich mochte Kay ihren Körper, sonst würde sie ihn nicht so offen zeigen. Dieses Selbstbewusstsein hatte etwas verdammt Anziehendes.

»Das ist die letzte Tasche«, sagte Kay und lächelte wieder dieses verwirrend strahlende Lächeln. »Sag mal, habe ich einen Fleck auf dem Rücken oder so?«

Danielas Gesicht wurde warm, und das lag nicht nur am Gewicht der Tasche, die sie gerade in Empfang genommen hatte. »Wie kommst du darauf?«

»Du guckst mich die ganze Zeit an!«

»Stimmt nicht.« Daniela blickte verlegen an Kay vorbei. »Ich habe auf die nächste Tasche gewartet.«

»Dann solltest du sie weitergeben, damit wir von diesem Steg runterkommen. Ich brauche endlich festen Boden unter den Füßen.«

Daniela drehte sich so heftig um, dass die Tasche die hinter ihr wartende Susanne fast von den Füßen gerissen hätte. »’tschuldigung«, nuschelte sie.

Festen Boden – ja, den brauchte sie auch. Dieses ständige Vor und Zurück der Wellen unter ihren Füßen war nicht gut für ihren Magen. Er fühlte sich ganz verknäuelt an. Fast so, als . . . als ob sich ein Schwarm Schmetterlinge darin niedergelassen hätte.

Und das konnte ja nun wirklich nicht sein.


Als alle vor dem Stapel Reisetaschen standen und Daniela mit den Augen ihr Gepäck zusammensuchte, hielt ihr Gruppenleiter, Marco, eine kurze Ansprache: »Wartet einen Moment, bevor ihr in die Zelte verschwindet. Zwei Sachen muss ich euch noch mitgeben, bevor ihr Freizeit habt und euch einrichten könnt. Erstens treffen wir uns heute Abend im Küchenzelt, Susanne wird für uns alle Tee und ein Abendessen zubereiten. Dann erkläre ich euch mehr darüber, wie die Tage hier verlaufen. Für den Anfang achtet bitte darauf, dass ihr auf den Holzpfaden bleibt, damit ihr die Wurzeln der Gräser nicht lockert und der Boden dann im Winter weggespült wird. Den Grasboden zu betreten, wenn es auch anders geht, ist tabu.«

Daniela blickte sich um. Sandstrände gab es nicht. Die Hallig war zur Gänze mit gelbgrünen Gräsern bewachsen. Vom Landesteg zu den Zelten, die sie weiter rechts erspähte, lagen Bretter auf dem Boden und bildeten einen Holzpfad, über den man laufen konnte. Daniela nickte. Es war einleuchtend, dass ein Trampelpfad an dieser Stelle im Herbst eine unwillkommene Angriffsstelle für Sturmfluten war, die die Hallig davonspülen würden.

Direkt vor ihnen ragte das Gebälk der Pfahlhütte auf, die sie vom Wasser aus gesehen hatten. Die Hütte war das einzige menschliche Bauwerk auf der Hallig, das nicht so wirkte, als würde der nächste Windstoß es einfach wegpusten. Die fünf kleinen Zelte daneben erschienen winzig, und das große, viereckige Zelt links von der Hütte, das wohl das Küchenzelt sein musste, wirkte vergänglicher als die Grashalme. Schon in wenigen Wochen würde all das wieder verschwinden.

Ein seltsames Gefühl überkam Daniela. Konnte man einsam und glücklich zugleich sein?

Sie zwang sich, wieder auf Marcos Ankündigungen zu achten. Es würde noch genug Zeit bleiben, um die Hallig zu erkunden. Plötzlich bemerkte sie, dass Kay direkt neben ihr stand.

Zufall oder nicht?

»Zweitens«, fuhr Marco fort, »brauchen wir einen oder zwei Freiwillige. Ihr sollt mit Michelle und mir die hohe Tide ausnutzen, um Nachschubmaterial von der großen Schute zu holen. Die vorherige Gruppe hat an der Arbeitsstelle nicht viel übriggelassen, und ich möchte morgen früh beginnen. Also, wer meldet sich freiwillig?« Er schaute auffordernd in die Runde.

»Was sollen wir tun?«, fragte Daniela. Der feste Boden zeigte bereits Wirkung. Die Seekrankheit hatte endlich nachgelassen, und ihre Stärke kehrte zurück – und damit auch das Bedürfnis, den anderen zu zeigen, dass sie kein Schwächling war, der sich von ein bisschen Übelkeit einfach fällen ließ. Immerhin hatte sie in ihrem Studium eine wirklich zufriedenstellende Zwischenprüfung geschafft und im Aikido bereits den braunen Gürtel.

Marco erklärte: »Wir ziehen unsere Badesachen an und befördern das kleine Boot von der Arbeitsstelle zur Schute. Ihr habt hoffentlich ein zweites Paar Turnschuhe dabei, um eure Füße zu schützen. Die werden dann allerdings nass. Ich will in spätestens zwanzig Minuten los. Bist du dabei?«

Daniela lächelte und nickte. Endlich ging es los. »Ich ziehe mich gleich um.«

»Ich merke schon, ihr seid eine engagierte Gruppe«, freute sich Marco. »Wir werden bestimmt ein tolles Team. Hilft noch jemand mit?«

Daniela sah sich um. Viele Mitreisende schielten zu ihren Taschen und den Zelten. Waren die nur hier, um Urlaub zu machen? Sollte sie etwa ganz allein mit anpacken?

Da hob Kay die Hand. Ausgerechnet Kay, die Daniela als die schlimmste Partymaus von allen eingeschätzt hatte.

Vielleicht war sie ja doch nicht so schlimm, wie Daniela zunächst gedacht hatte. Umso besser. Es wäre wirklich schade gewesen, dieser Frau mit dem Lächeln wie Milch und Honig die ganze Zeit aus dem Weg zu gehen. Obwohl es vielleicht auch sicherer wäre. Zwei Wochen ohne Isa und so . . .

Marco nickte. »Prima, damit sind wir genug. Sucht euch eure Zelte und kommt in einer Viertelstunde hierher zum Steg.«

Daniela griff nach ihrer Reisetasche und warf sie sich über die Schulter. »Wollen wir zusammen in ein Zelt?«, fragte sie Kay – nur, weil sie ohnehin schon nebeneinander standen. Aber ihr Herz klopfte heftig.

Kay zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Susanne hat mich gestern schon gefragt. Ich glaube, wir sind schon fünf Leute in dem Zelt. Sorry!«

»Kein Problem«, murmelte Daniela und drehte sich um, damit ihr die Röte nicht schon wieder in die Wangen stieg. Verflixt. Wieso hatte sie überhaupt gefragt?

Teil 04

Das erschien ihr im Rückblick fast am schlimmsten. Es klang so, als ob der Fehler bei ihr lag und sie die Schuld an den verbrannten Nudeln trug. So, als ob Kay als Geliebte und als Mitbewohnerin so sehr versagt hatte, dass die beiden keine andere Wahl hatten und fremdgehen mussten. So, als ob sie als Wiedergutmachung nur anbieten konnte, die verbrannten Nudeln aus dem Topf zu kratzen und sich gleichzeitig für ihr Versagen zu schämen.

Am Ende hatte sie genau das tatsächlich getan. Nach zwei Stunden mit ihrem MP3-Player und Amy Winehouse war sie zurück in die Küche gegangen. Die Wohnung fühlte sich leer an, und in ihrem Inneren war noch eine viel größere Leere. Sie hatte den Topf mit den verbrannten Nudeln in der Spüle umgedreht, die Nudeln mit der Hand in den Mülleimer geworfen und die festgebrannten Reste mit einem Stahlschwamm vom Boden des Topfes gescheuert. Trotz all ihrer Mühen waren schwarze Flecken und Kratzspuren auf dem Silber des Topfbodens zurückgeblieben.

Nein. Daran wollte sie jetzt nicht denken. Für einen Moment presste sie die Lippen zusammen und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Sie wollte nicht weinen. Zwei Wochen Urlaub warteten auf sie. Das war genug Zeit, um Marion und Giselle zu vergessen und endlich wieder eine Nacht durchzuschlafen.

Vielleicht würde es ihr nie gelingen, eine Frau zu finden, mit der sie mehr als ein paar leidenschaftliche Nächte teilen würde. Vielleicht zog sie Leute an, die sich nach einem unverbindlichen Abenteuer ohne Verpflichtungen sehnten. Vielleicht trug ihr Herz einen Aufdruck mit den Worten »Bitte spiele mit mir und wirf mich danach wieder weg«.

Beruhige dich, wisperte eine Stimme in Kays Haaren. Du wirst wieder lieben. Und geliebt werden.

Kays Herz wurde warm. War die Windfrau tatsächlich zurückgekehrt?

Es war lange her, dass Kay sich vorgestellt hatte, der Wind sei in Wahrheit eine unsichtbare Frau, die sie streichelte und zu ihr sprach. Vor drei Jahren, als Kay das erste Mal ins Workcamp auf die Vogelschutzinsel gefahren war, hatte sie die Stimme der Windfrau oft im Ohr gefühlt. Damals, als alles angefangen hatte. Als Kay begriffen hatte, dass nicht sie selbst falsch tickte, sondern all die anderen mit ihrer aufgesetzten Hetero-Norma¬lität.

Ich fühle mich so einsam, dachte Kay und spürte, dass die Windfrau sie hören konnte. Was mache ich falsch?

Sei wählerisch, wisperte die Windfrau. Es kam Kay so vor, als sei die Stimme zwischen dem Brummen des Motors und dem gleichmäßig an- und abschwellenden Rauschen der Wellen ganz real zu hören.

Wählerisch? Was meinst du?, fragte sie. Muss ich nicht dankbar sein, wenn ich überhaupt eine Frau finde, für die ich mehr bin als ein Experiment in Bisexualität? Da darf man sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Es gibt eh zu wenig Lesben da draußen. Oder?

Die einzige Antwort waren das Wellenrauschen und das Motorengeräusch. Kay stellte sich vor, dass die Windfrau sie auslachte und ihr einen salzig-feuchten Kuss auf die Nase drückte, bevor sie davonflog. Der Gedanke brachte sie zum Lächeln.


»Gleich sind wir da!«, rief Beate.

Kay schreckte aus ihrer Träumerei von größeren und weiteren Reisen über das Meer und die ganze Welt zurück in das kleine Boot. Suchend sah sie sich um. »Wo denn? Ich kann die Insel nicht sehen.«

»Es ist keine Insel, sondern eine Hallig«, korrigierte eine andere Frau mit feinen braunen Löckchen. Susanne, wenn Kay sich vom Vorabend richtig erinnerte.

»Meine ich doch. Insel, Hallig, das ist das Gleiche.«

»Das stimmt nicht. Die Halligen haben keine Deiche und sind nur große Sandbänke, auf denen Salzgräser wachsen und die bei Sturmfluten unter Wasser liegen.«

»Das weiß ich doch«, sagte Kay genervt und fragte sich, ob Susanne Lehramt studierte. In Wahrheit hatte sie den Unterschied zwischen einer Hallig und einer Insel tatsächlich vergessen. Aber trotzdem: Was musste diese Susanne so oberlehrerhaft tun? »Die Inseln in der Südsee haben auch keine Deiche, und trotzdem nennt man sie nicht Hallig. Also ist unser Ziel auch eine Art Insel.«

»In der Südsee gibt es aber keine Sturmfluten wie in der Nordsee«, setzte Susanne an, unterbrach sich dann aber. »Im Grunde ist es egal. Die Hallig ist backbord vom Boot, siehst du? Wir sind nicht direkt darauf zugefahren, weil die Fahrrinne anders verläuft.«

Kay grinste und hob kapitulierend die Hände. »Ist ja gut.«

Als das Boot sich drehte und auf den Anlegesteg zufuhr, machte Kay sich klar, dass ihr Zielort tatsächlich keine Insel war. Die Hallig war flach, im Grunde tatsächlich nur eine bessere Sandbank, und wirkte fast wie ein Schaumfleck auf den Wellen, den ein Windhauch hätte davontragen können. Nur die kleine Pfahlhütte in der Mitte bezeugte, dass jemals Menschen hier gewesen waren.

Je näher der Sandfleck rückte, desto winziger kam er ihr vor. Seltsam. In ihrer Erinnerung war das Workcamp voller lachender Gesichter, voll mit Musik im Küchenzelt, durchweht von Wind, Sonnenstrahlen und dem Glitzern der Wellen. Der Kontrast ließ sie daran denken, wie sie einmal als Erwachsene zurück in ihre einstige Grundschule gekommen war und entdecken musste, dass die früher unendlich erscheinende Bibliothek nur aus drei Regalen bestand. Jetzt, da sie dieses Tüpfelchen Sand mit der Insel aus ihrer Erinnerung verglich, ging es ihr genauso. Nicht einmal Büsche wuchsen da.

Es fühlte sich an, als schließe sich die Nordsee um sie wie ein Gefängnis. Sie hatte sich für das Workcamp angemeldet, um das Glück wiederzufinden, das sie mit achtzehn Jahren in Sheryls Armen erlebt hatte. Doch stattdessen fuhr das Boot sie unaufhaltsam zu einem wackelig wirkenden Steg ohne Geländer. Für die kommenden zwei Wochen war sie hier gestrandet. Ohne Straßen, durch die man laufen konnte, wenn einem zu Hause die Decke auf den Kopf fiel, ohne Fernseher und Computer, um der Wirklichkeit zu entfliehen.

War es das, was sie gewollt hatte?

Keiner ihrer Freunde fuhr mit, mit denen sie den Trennungsschmerz hätte wegtrinken können. Die nächsten zwei Wochen hatte sie niemanden außer den Fremden, die mit ihr in dem weißen Boot saßen. Es gab nur die grasbewachsene Sandbank mit den Zelten darauf, graue Wellen und den bleiernen Himmel, der gleichgültig und unbarmherzig ihre Erinnerungen ausbreitete und ihnen die ganze Weite des Meeres gab, um sich zu entfalten.

3.
Nur ein Stück Stoff unterm Himmel

Daniela stand auf dem Steg und kämpfte mit ihrem Gleichgewicht. Sie fragte sich, ob in den Sand gerammte Pfosten mit daraufgenagelten und vom Salzwasser angegriffenen Brettern unter den Füßen besser waren als das endlose Schaukeln des Bootes. Die Übelkeit war jedenfalls noch nicht besser geworden. Der Boden schwankte fast so schlimm wie das Boot. Außerdem merkte man die Kälte im Stehen noch mehr als im Sitzen.

Wie hielt die blonde Kay es bloß in ihrer kurzen Hose und dem Spaghetti-Top aus? Gegen ihren Willen musste Daniela immer wieder zu ihr hinübersehen, während sie gemeinsam das Gepäck aus dem Boot luden. Schließlich mahnte sie sich zur Selbstdisziplin. Kay war schließlich eine Zicke, mit der sie nichts zu tun haben wollte. Auch nicht, wenn Kay einen hübschen Hintern und ein warmes Lächeln hatte. Das interessierte Daniela nicht. Wirklich nicht.

Teil 03

Kay nickte. »Eigentlich darf man es auch nicht. Die Organisatoren müssen ja vorher wissen, für wie viele Teilnehmer man Essen kaufen muss. Aber ich hatte echt Glück. Eine andere Teilnehmerin ist krank geworden, und ich konnte kurzfristig ihren Platz übernehmen.«

Das konnte doch nicht wahr sein! Daniela rückte von Kay ab. Isas Erkrankung war also ein Glücksfall? Freute sich diese Kay allen Ernstes darüber, dass Isa zu Hause bleiben musste? Wie konnte sie nur!

Ganz offensichtlich war Kay eine Frau von der Sorte, die sich von ihrem reichen Freund einen Urlaub mit Flugzeug und Hotel spendieren ließ, statt sich selbst einen Job zu suchen. Auch wenn sie vor drei Jahren bereits im Workcamp gewesen war – sie hatte ja schon durchblicken lassen, dass es ihr offenbar nicht um die Vögel und den Naturschutz ging, sondern um das Feiern und die Jagd nach Männern.

Mit halbem Ohr hörte sie, wie Beate sagte: »Es ist jedenfalls schön, dass du dabei bist. Du wirst sehen, es gibt nichts Besseres als zwei Wochen auf der Insel, um über Liebeskummer hinwegzukommen.«

»Danke schön! Es ist auch schön, dass du dabei bist. Ich freue mich auf die zwei Wochen mit euch. Wir werden bestimmt eine Menge Spaß haben . . . Vor drei Jahren gab es sogar einige Romanzen.«

Das reichte Daniela. Sie verstopfte innerlich die Ohren und heftete ihre Augen wieder fest auf den Horizont. Was für eine Tussi diese Kay doch war mit ihrer quietschbunten Kleidung, die sicher nicht dreckig werden durfte, und ihren Markenturnschuhen. Garantiert hatte sie keine Ahnung von Naturschutz. Sollte sie ruhig versuchen, in den zwei Campwochen nach einem Ersatz für ihren Freund zu suchen. Die würde schon merken, was sie davon hatte, wenn sie sich über Isas Krankheit freute. Bestimmt würde sie heftig auf die Klappe fliegen. Das geschähe ihr recht. Vielleicht waren es ihre negativen Gedanken gewesen, die Isa überhaupt erst krank gemacht hatten.

Schwachsinn, rief sich Daniela innerlich zur Räson. Irgendwie steigerte sie sich gerade in etwas hinein. Sie konnte doch nicht ernsthaft Kay die Schuld für Isas passgenaue Samstagserkältung geben, oder? Aber es war schwer, an der Logik festzuhalten, wenn der Boden unter ihren Füßen so ekelhaft wackelig war und sie ohne Isa zwischen Küste und Horizont zu einem unbekannten Ziel schipperte. Der Himmel schwankte. Wie sollte Daniela einen klaren Gedanken fassen, wenn nicht einmal der Boden ihr noch festen Halt bot?

2.
Wind im Haar

Die Sitzbank vibrierte unter dem Brummen des Bootsmotors. Kay lächelte. Sie ließ einen Arm über den Bootsrand hängen und spürte, wie schnell das Wasser durch ihre Finger glitt.

Natürlich saß sie nicht in einem Hochgeschwindigkeits-Sportboot, hinter dem das Wasser meterhoch aufspritzte und dessen Dröhnen bis an den weit entfernten Strand zu hören war. Es war nur ein kleines Boot, das bei größerer Windstärke sicher gar nicht hinausdurfte. Trotzdem schenkte die Überfahrt ihr ein Gefühl von Freiheit, das sie lange vermisst hatte. Das letzte Mal hatte sie es erlebt, als sie sich von Lisa, ihrem nervigen, aber manchmal ganz tauglichen Schwesterherz, deren Sportcabrio ausgeliehen hatte. Aber das war lange her.

Kay mochte schnelle Autos, und sie mochte es, das Tempo bis an die Grenzen der eigenen Fähigkeiten zu steigern. Nur schade, dass sie sich noch für viele Jahre keinen eigenen Sportwagen würde leisten können. Aber auf diesem Boot über die Wellen zu gleiten mit einem Tempo, das wohl dessen Höchstgeschwindigkeit darstellte, war ein kleiner Ersatz dafür. Es bot immerhin die Illusion, über die Wellen zu fliegen.

Die erste Nacht war die schlimmste gewesen. Kay hatte in die Schwärze hinter ihren ordentlich zugezogenen Vorhängen gestarrt und sich gefragt, warum sie nicht weinen konnte. In der zweiten Nacht war es besser geworden. Sie konnte zwar immer noch nicht weinen, aber irgendwann schlief sie wenigstens ein. Doch immer, wenn sie dachte, dass sie jetzt drüber weg war – immerhin hatte das mit Marion nur zwei Monate gedauert –, brachte ein verirrter Gedanke die Erinnerung an Marions Lächeln zurück.

Zwei Wochen waren seitdem vergangen.

Kay wünschte sich, niemals an ihrem Ziel anzukommen. Hier auf dem Meer, weit weg von der Wirklichkeit, hatten die Erinnerungen weniger Kraft. Die kurzhaarige, hochgewachsene Brünette neben ihr war hübsch und machte einen sympathischen Eindruck, auch wenn sie die meiste Zeit auf den Horizont starrte. Auch die rothaarige Beate hatte Sexappeal. Sie erinnerte Kay ein wenig an Sheryl, auch wenn Beate bestimmt eine Hete war. Gestern beim Kennenlernabend hatte sie sich jedenfalls bei einem der Männer an die Schulter gelehnt. Oder war es eine von den anderen Frauen gewesen?

Egal. So wichtig war das nicht. Kay wollte ohnehin noch keine neue Frau, der Schock saß viel zu tief. Hier auf dem Wasser konnte sie für kurze Zeit den Moment vergessen, in dem sich alles geändert hatte. An den sie nicht denken wollte, auch wenn die Erinnerungen sich immer wieder von selbst in ihren Kopf drängten.

Dieser Moment, als sie von der Arbeit nach Hause gekommen war und auf dem Herd ein Topf mit Nudeln anbrannte. Das Erste, was sie beim Aufschließen der Wohnungstür wahrgenommen hatte, war dieser Geruch gewesen. Beißend. Widerlich. Die ganze Wohnung hätte abbrennen können.

Als sie den Topf vom Herd zur Spüle transportiert hatte, um Wasser hineinlaufen zu lassen, hatte sie sich gleich zweimal verbrannt. Zuerst am Griff des Topfes und dann noch einmal am Wasserdampf, der zischend nach oben stieg, als das kalte Wasser die braun und schwarz gewordenen Nudeln und das heiße Metall traf. Sie hatte geflucht und die eingeweichte Bescherung schließlich stehen lassen, um sich im Badezimmer kaltes Wasser über die verbrannte Hand laufen zu lassen.

Sie hatte nicht einmal ihre Straßenschuhe ausgezogen, daran erinnerte sie sich noch ganz genau. Als sie gerade die Badezimmertür öffnen wollte, hatte irgendein Instinkt sie dazu gebracht, sich umzudrehen. Zur Zimmertür ihrer Mitbewohnerin, dieser apfelgrünen Tür, die sie gemeinsam angestrichen hatten. Sie war geschlossen gewesen, aber jetzt drückte jemand die alte und unpassende Messingklinke nach unten. Dann erschien das wunderschöne Gesicht von Marion.

Erhitzte Wangen und leuchtende Augen. Feucht schimmernde Lippen, auf denen das Lächeln gefror, als sie Kay anblickte. Marions Hände, die sich um die Klinke krampften. Außerdem hing dieser Duft nach Pheromonen in der Luft, nach Erregung und Lust und Weiblichkeit, der Marion einhüllte und trotz des verbrannten Gestanks aus der Küche bis hin zu Kay waberte. Fast konnte sie den Vanilleduft von Marions Haut quer durch den Flur riechen.

Kay hatte den Verbrennungsschmerz in der Hand vergessen und zu begreifen versucht. Oder zu verdrängen. So ganz konnte sie das in diesem Moment nicht auseinanderhalten. »Es ist okay, ich verstehe das«, hatte sie mechanisch gemurmelt. »Ich meine, wir sind erst zwei Monate zusammen. Da ist es noch nichts Ernstes.«

Der einzige Gedanke, den sie sich in diesem Moment erlaubt hatte, war, wie peinlich die Situation war. Sie wollte nicht fragen, was ihre Freundin und ihre Mitbewohnerin hinter der verschlossenen Tür miteinander getrieben hatten. Sie wollte sich die Küsse nicht vorstellen, die die beiden getauscht hatten, sie wollte die Entschuldigungen, Ausreden und Lügen nicht hören, die unweigerlich als Antwort kommen mussten.

»Ich habe den Topf eingeweicht. Lass ihn einfach in der Spüle stehen, ich wasche nachher ab«, hatte sie noch gesagt.

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