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Teil 12

Josephine hatte Franziska in die den Raum dominierende Sitzecke dirigiert. Dort saßen nun beide nebeneinander in großen Ohrensesseln, jede ein Bier und einen Teller mit Sandwiches vor sich.

»Sind Sandwiches okay für dich? Cookie ist gerade mit dem Essen der Gäste beschäftigt, da wollte ich sie nicht stören und hab mich selbst mal nützlich gemacht«, erklärte Josephine mit einer Bewegung in Richtung der Sandwiches.

»Nein, nein. Alles gut. Das reicht mir völlig«, erwiderte Franziska ein wenig geistesabwesend.

Schweigend kauten sie eine Weile.

»Geht es dir gut?«, erkundigte sich Josephine schließlich vorsichtig, während sie einen großen Happen von ihrem Sandwich abbiss.

Franziska nickte, doch ihre Blässe schien das wenig glaubhaft zu machen. Sie kaute mit vollen Wangen, um nicht gleich antworten zu müssen. Erst nach einer ganzen Weile wischte sie sich gedankenverloren den Mund mit einer Serviette ab.

»Bist du dir sicher, dass Max nichts dagegen hat, wenn ich hier arbeite?«, wandte sie sich zögernd an Josephine.

»Natürlich nicht! Warum sollte sie? Die Saison geht gerade erst los. Du wirst merken, dass es hier mit jedem Tag voller wird. Wir sind in diesem Jahr recht gut gebucht. Keine Sorge, du wirst genug zu tun haben.«

Franziska schüttelte den Kopf. »So meinte ich das nicht.« Sie zögerte. »Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie nicht gerade begeistert war, als du mich ihr vorgestellt hast.«

»Ach Unfug. Maxine ist einfach so. Es dauert immer ein bisschen, bis sie mit anderen warm wird.«

Während Josephine mal wieder ohne rot zu werden log, schoss es ihr durch den Kopf: Was zur Hölle erzähle ich bloß für einen Unsinn. Wen Maxine einmal nicht mag, der hat nie eine Chance! Die arme Franzi. Irgendwie scheine ich ihr nichts Gutes getan zu haben.

Franziska nahm die Auskunft mit einem leichten Nicken zur Kenntnis. Dann plätscherte das Gespräch träge und belanglos vor sich hin, bis sich Franziska schließlich nach oben verabschiedete.

Als Josephine sehr viel später neben Maxine mit verschränkten Armen im Bett lag, sagte sie in die Dunkelheit: »Übrigens habe ich Franziska erzählt, dass du dich Fremden gegenüber immer etwas schwer tust.«

Eine Weile herrschte tiefe Stille, die nur von Maxines regelmäßigen Atemzügen und dem Ticken des Weckers unterbrochen wurde.

Schon wollte Josephine erneut ansetzen, als Maxine unvermittelt sarkastisch bemerkte: »Und hat deine Kleine das geglaubt?«

»Ach Max. Sie ist nicht meine Kleine. Das weißt du genau.« Josephine drehte sich zu Maxine und versuchte in der Dunkelheit ihr Profil auszumachen.

»Ist sie nicht? Dann küsst sie dich wohl nur so zum Spaß?«, kam es unvermittelt und schneidend zurück.

»Was tut sie?«, fuhr Josephine entsetzt hoch und setzte sich auf.

»Sie hat dich geküsst. Draußen, im Hof, als ihr angekommen seid«, tönte es ungerührt zurück.

»Ach Max. Was soll denn der Unsinn. Sie war einfach von dem Hotel so begeistert und hat sich bedanken wollen. Es war ihr selbst peinlich. Sie ist nervlich eben einfach noch ein bisschen instabil. Sei doch nicht so kindisch.«

Josephine sprach begütigend wie zu einem trotzigen Kind.

Doch dieses Kind schien auf Krawall gebürstet und schnappte zurück: »Ah, nervlich instabil. Da musst du natürlich trösten. Das sehe ich schon ein.«

»Maxine Charlotte Gloria Olivia Hamilton!« Mit einem wütenden Aufschrei stürzte sich Josephine völlig unverhofft auf Maxine. Selbst im Dunkeln konnte diese ihre Augen gefährlich funkeln sehen. »Wenn du nicht sofort aufhörst, diesen völlig unangebrachten Unfug zu erzählen . . .«, fauchte Josephine die Frau unter ihr an, die sie fest zwischen den Laken eingeklemmt hielt.

»Was dann?«, keuchte Maxine zurück.

»Dann werde ich dir zeigen, was es heißt, sich mit mir anzulegen.« Josephines Gesicht hatte sich bei diesen Worten dem Maxines bis auf wenige Zentimeter genähert, sodass diese Josephines heißen Atem spürte.

»Das würdest du nie wagen!«, stieß Maxine kurzatmig hervor. Da Josephine ihr gesamtes Gewicht auf sie verlagert hatte, war sie ihr völlig ausgeliefert.

»Du bist so ein verfluchtes Biest!«, zischte Josephine Maxine heiser keuchend ins Ohr. »Mit dir werde ich allemal fertig.«

Maxine wand sich, doch Josephine schien nicht gewillt, sie aus dem Griff zu lassen. Stattdessen biss sie ihr ins rechte Ohrläppchen und ließ gleich darauf ihre Zunge heiß und sanft Maxines Ohr erkunden.

»Du wirst das nicht tun!«, brachte Maxine schwer atmend hervor.

»Oh doch!«, gab Josephine flüsternd zurück und ließ ihre Lippen zärtlich Maxines Hals entlang wandern. Obwohl diese versuchte, sich ihr zu entwinden, konnte Josephine spüren, wie ihr lustvoll Gänsehaut den Hals hinunterlief.

»Siehst du«, flüsterte Josephine ihr heiser ins Ohr. »Es wirkt schon.« Sie begann, Maxine zärtlich in den Hals zu beißen und ihr kleine Boshaftigkeiten ins Ohr zu flüstern.

Maxine spürte, wie ein wohliges Kribbeln ihren Körper überlief, während sie sich unter Josephines Berührungen wand. Das Gefühl, Josephine so wehrlos ausgeliefert zu sein machte sie wütend und gleichzeitig turnte es sie an. Sie spürte, wie sich dieses Kribbeln in ihrem Schoß zentrierte, wie dieser nach einer Berührung gierte. Ihr Körper führte wellenartige Bewegungen aus, um sich an Josephine zu reiben, während sie mühsam hervorstieß: »Du bist so eine verdammte Bitch! Wie konnte ich mich nur . . .«

Ein heftiger Kuss verschloss ihr den Mund und nahm ihr den Atem. Was folgte, war ein heftiges Gerangel, bei dem es Maxine gelang, sich von dem Laken zu befreien. Hastig zerrte sie Josephine das Nachthemd über den Kopf, die sich dies nur allzu gern gefallen ließ, während sie nun ebenfalls Maxine von ihrem T-Shirt befreite.

Voller Begierde stürzten sich die beiden Frauen aufeinander. Ihre warmen, weichen Körper rieben sich heftig und begehrlich aneinander, forderten Berührungen ein, erhielten Küsse und Bisse. Unterdrücktes Stöhnen füllte den Raum, bis schließlich beide Frauen mit einem beinahe synchronen zweistimmigen Aufschrei ineinander zu versinken schienen.

Schweißgebadet gab Josephine Maxine einen langen sanften Kuss, wobei sie der weichen Fülle ihrer schöngeschwungen Lippen nachspürte.

»Ich hab dich vermisst«, flüsterte sie erschöpft.

»Ich dich auch«, gab Maxine nicht minder ermattet zurück.

Josephine löste sich von Maxine und rollte sich auf den Rücken, während sie das Laken über ihre beiden nackten Körper zog.

»Puh!«, stöhnte sie. »Das war heftig.«

Maxine schwieg einen Moment. Dann gab sie zögernd zurück: »Und du hast wirklich nichts mit dieser kleinen Deutschen?«

»Oh Max! Nein, nichts, absolut nichts. Warum sollte ich, wo ich doch so ein wildes Weib an meiner Seite habe.«

Zufrieden kuschelte sie sich an Maxine, deren Körper plötzlich Widerstand signalisierte.

»Aber sie ist auch rothaarig. Genau dein Typ!«, hielt Maxine Josephine vor.

Diese biss sie spielerisch in die Schulter.

»Gut, dann haben wir eben jetzt zwei Hexen im Haus. Aber ich steh nicht auf Selbstmörderinnen. Ich brauche Frauen, die mitten im Leben stehen. So wie du.«

Maxine entspannte sich spürbar und kuschelte sich nun ebenfalls eng an Josephine. Sie seufzte beruhigt auf, und es dauerte nicht lange, bis ihr Atem ruhig und gleichmäßig ging.

Josephine lag noch eine Weile wach und starrte schmunzelnd in die Dunkelheit. Es war alles wie immer. Sie war wieder zu Hause.

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 11

Josephine und Franziska, die inzwischen auch ihr schmales Gepäck wieder hatte, waren mit Josephines Wagen in Richtung des nordwestlichen Dartmoors gefahren, wo sie am späten Nachmittag eintrafen.

Der Empfang durch Maxine war ziemlich unterkühlt gewesen. Sie hatte Josephine mit einer distanzierten Umarmung sowie einem flüchtigen Kuss auf die Wange begrüßt.

»Hi, Josie. Schön, dass du wieder da bist«, war alles gewesen, was sie an Begrüßungsfreude hatte zeigen können. Stattdessen hatte sie Franziska von oben bis unten gemustert und ihr selbst für englische Verhältnisse recht kühl die Hand gereicht. »Willkommen im Old Manor House.”

Aus ihrem Munde hatte sich das tatsächlich so angehört, als würde ihre Ladyschaft ein neues Dienstmädchen begrüßen.

Bei der Erinnerung daran musste Josephine etwas kläglich grinsen. Dass Max so sein konnte . . . Unbewusst schüttelte sie den Kopf.

Nach der etwas unbehaglichen Begrüßung hatte sie Franziska erst einmal aus der Schusslinie genommen und ihr das Haus sowie die Zimmer gezeigt. Danach war sie zu Maxine zurückgegangen und hatte sich von ihr ins Schlafzimmer ziehen lassen, wo sie keineswegs sexuelle Freuden, wohl aber eine gehörige Standpauke erwartet hatte.

Entschlossen erhob sich Josephine vom Bett. Das letzte Wort über Franziska war noch nicht gesprochen. Diesmal würde sie nicht nachgeben. Und wenn Franziska das lausigste Zimmermädchen des Empire sein sollte – schon aus Prinzip würde sie sie nicht fortschicken!

Josephine straffte sich. Maxine würde sich sicherlich beruhigen. Das hatte sie schließlich immer getan.

Forschen Schrittes verließ sie das Schlafzimmer, um beim Abendbetrieb des Hotels mitzuhelfen.

~*~*~

Indessen saß Franziska auf dem geblümten Überwurf ihres großen Bettes und sah sich um. Das Zimmer war nicht sonderlich groß – Bett, Stuhl, Schreibtisch, Schrank, Fernseher. Das war alles, was sich an Mobiliar darin befand. Dazu kam ein kleines Bad. Ein typisches Hotelzimmer eben. Aber eines, was sie bis dato so noch nicht gesehen hatte. Er erschien ihr so englisch wie es nur sein konnte.

Nicht nur auf dem Überwurf des Bettes prangten große rote Rosen, sondern auch auf den Vorhängen, der Tapete, ja sogar auf dem Toilettenpapier tummelten sie sich.

Seltsamerweise fand Franziska dies keineswegs kitschig. Im Gegenteil. Es schien den Reiz dieses Zimmers auszumachen, verlieh ihm ein ganz besonderes Flair. Irgendwie altmodisch und gemütlich.

Dazu trug wohl auch der Blick in den Garten des Hotels bei. Franziska konnte auf streng geordnete Rosenbeete blicken, durchzogen von unzähligen Wegen und Pfaden, die zu drei ebenfalls rosenüberwucherten Lauben führten. Dazwischen fanden sich mehrere Flächen englischen Rasens, der in seiner Korrektheit aussah, als sei er künstlich.

Franziska starrte sehnsuchtsvoll hinaus und versuchte sich vorzustellen, wie dieser Garten wohl aussehen würde, wenn alles in voller Blüte wäre. Es musste fantastisch sein. Wie verwunschen. Was würde sie darum geben, dies einmal zu sehen. Doch dafür bestand wohl wenig Hoffnung.

Seufzend zog Franziska ihr Handy hervor. Vielleicht wurde es ja Zeit, dass sie endlich einen Flug suchte und zurück nach Hause flog. Sie hatte sehr wohl gespürt, dass Maxine keineswegs begeistert gewesen war, als sie mit Franziska hier angekommen war. Die Eifersucht hatte ihr förmlich aus den Augen geschaut.

Vielleicht war es ja ein Fehler gewesen, Josephines Angebot überhaupt in Betracht zu ziehen. Wie verzweifelt musste man sein, um von einer Wildfremden einen Job anzunehmen.

Ihre Mutter wäre entsetzt gewesen, wenn sie das wüsste. Tja, ihre Mutter . . .

Rasch verdrängte Franziska ihre Erinnerung an sie. Stattdessen kehrten ihre Gedanken zum Haus zurück. Es hatte ihr auf den ersten Blick gefallen. Schon als Josephine von der Straße in die lange, schmale Allee, die zum Hotel führte, abgebogen war, war sie fasziniert gewesen. Der knirschende Kiesweg hatte nach mehreren sanften Biegungen direkt auf das Haus aus dem achtzehnten Jahrhundert hingeführt, das wie geduckt zwischen hohen, sonnenbeschienenen Kastanienbäumen hockte.

Kletterrosen bedeckten die Fassade aus dunklem Granit beinahe vollständig. Einige Scheunen und Schuppen schienen wie ein schützender Gürtel um drei Seiten des Hotels gelegen.

Links des Weges jedoch eröffnete sich ein grandioser Blick über den Garten und die Weiden, die offensichtlich zum Grundstück gehörten.

»Wow!«, war es Franziska entfahren, als sie ausstiegen. »Was für ein Blick! Gehört das alles zum Hotel?« Sie hatte eine ausschweifende Armbewegung gemacht, die die Welt einzuschließen schien.

Josephine hatte amüsiert gelächelt. »Nicht alles. Nur etwa anderthalb Hektar. Da drüben«, sie hatte nach links gedeutet, »ist Cornwall. Rechts«, ein weiteres Deuten folgte, »wo du die Hecken siehst, da ist Dartmoor. Wir liegen sozusagen an der Grenze. Max und ich haben lange gesucht, bis wir dieses herrliche Fleckchen Erde gefunden haben. Ehrlich, jeden Morgen wenn ich aufstehe und zu meinem Fenster hinausblicke, weiß ich, dass ich hierher gehöre und nirgendwo anders sein möchte.«

Stolz war in Josephines Erläuterung spürbar mitgeschwungen, und ihre Augen hatten geleuchtet.

Franziska hatte sich beim Anblick dieser scheinbar so perfekten Idylle so überwältigt gefühlt, dass Tränen in ihr aufgestiegen waren. Verstohlen hatte sie versucht, diese mit dem Jackenärmel abzuwischen, was ihr nicht wirklich gelungen war.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«, hatte sich Josephine erschrocken erkundigt.

»Sicher, ja, natürlich.« Franziska hatte versucht, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. »Es ist nur . . . Ich bin dir so unendlich dankbar, dass du mich hierher gebracht hast. Ich hätte nie geglaubt, dass ich . . . Du wirst es nicht bereuen, bestimmt nicht!«

Aus einem plötzlichen Impuls heraus hatte sich Franziska zu Josephine hingewandt und war ihr um den Hals gefallen, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Freundschaftlich und voller Dankbarkeit.

Allerdings hatte sich Josephine in diesem Moment ebenfalls zu ihr hingewandt, und so war der eigentlich freundschaftlich gemeinte Kuss mitten auf Josephines Lippen gelandet.

Beide waren sie davon so überrascht gewesen, dass sie ihre Umarmung sekundenlang nicht lösen konnten und einander nur erschrocken anblickten. Schließlich war es Josephine gewesen, die sich löste und sich räuspernd meinte: »Ich hol dann mal unser Gepäck aus dem Kofferraum.«

Franziska war hochrot geworden.

»Entschuldige, so war das nicht gemeint«, hatte sie verlegen gemurmelt und dabei aus den Augenwinkeln gesehen, wie ein hellroter Haarschopf hinter einer Gardine zu verschwinden schien.

Und jetzt saß sie also hier auf ihrem breiten Bett, inmitten von Rosen und starrte hinaus in den verwunschenen Garten. Noch immer hatte sie die Erinnerung an Josephines weiche Lippen auf ihren eigenen. Noch immer spürte sie die Erregung, die dieser flüchtige Kuss in ihr hervorgerufen und die sie völlig überrascht hatte.

Durfte sie so fühlen, gerade jetzt, so kurze Zeit nachdem sie sich eigentlich das Leben hatte nehmen wollen, weil es ihr so sinnlos und voller Plagen erschienen war?

Verwirrt fuhr sich Franziska mit beiden Händen über das Gesicht, als könne sie die bohrenden Gedanken einfach wegwischen.

Da klopfte es leise an der Zimmertür. »Franziska, wenn du etwas essen magst, komm mit hinunter.«

Erschrocken sprang die Gerufene auf, warf einen Blick in den Spiegel am Schrank und raffte ihr Haar zusammen.

»Komme gleich! Moment!«

Kurz darauf saßen Josephine und sie in einem kleinen Raum rechts der Eingangstür, der offensichtlich als Rezeption diente. Die Wände waren etwa bis zur Hälfte aus Granitsteinen gemauert, was dem Raum eine dunkle Schwere verlieh. Diese Schwere wurde von einer Bar aus dunklem Holz noch verstärkt.

Teil 10

~*~*~

»Verdammt Josie! Das ist nicht dein Ernst!? Jetzt bringst du deine Affären schon mit nach Hause! Wie tief willst du eigentlich noch sinken!? Glaubst du allen Ernstes, ich lasse mir das gefallen und zahle auch noch dafür, dass sie hier ist? Du scheinst doch wohl von allen guten Geistern verlassen zu sein! Schick sie fort! Auf der Stelle!«

Aufgebracht stemmte Maxine ihre Fäuste in die Hüften und sah Josephine wütend an. Ihr sommersprossiges Gesicht war rot angelaufen. Einzelne Strähnen ihres blassroten Zopfes hingen ihr wirr ins Gesicht. Ihre Stimme bebte vor Zorn und hallte merkwürdig dumpf in dem kleinen Schlafzimmer wider.

»Max! Bitte! Hör mir doch zu! Es ist nicht wie du denkst. Diesmal definitiv nicht.« Josephine versuchte, ihrer Stimme einen besänftigenden Klang zu geben, etwa so als würde sie mit einer wütenden Bulldogge reden. »Franziska hatte vor, im Minack Theatre von der Klippe zu springen. Ich wollte gerade los, als ich das gesehen habe.«

»Natüüürlich. Und dann kommt die hehre Ritterin und rettet das arme verlassene Mädchen! Wie nobel von dir. Hat dir die Prinzessin auch gleich ihre Hand und ihr Königreich versprochen?«

Maxines Stimme troff vor Ironie.

»Max, nun mach aber mal einen Punkt! Ich hab sie dort gefunden, mit ins Hotel genommen und ihr ein Bett für die Nacht besorgt. Und nein, es war nicht meins.«

»Verstehe, da lag sicherlich schon eine andere drin.«

Maxine verschränkte die Arme und musterte Josephine abschätzig von oben bis unten.

»Max, weshalb kannst du mir nicht einmal vertrauen!? Warum glaubst du mir nicht einfach, dass es so ist, wie ich sage. Frag Franziska!«

»Oh sicher, die Kleine ist doch so in dich verschossen, die würde alles erzählen vor lauter Glück, dass du sie gerettet hast.« Wütend schüttelte Maxine den Kopf. »Was meinst du wohl, weshalb ich so misstrauisch bin? Denkst du, ich habe die Sache mit Tara vergessen? So lange ist das ja nun auch nicht her.« Sie bemühte sich, etwas ruhiger zu werden und band sich den Zopf neu. »Josie, wie kann ich dir vertrauen, wenn du monatelang mein Vertrauen missbrauchst!?«

Josephine kannte diese Diskussion nur allzu gut. Zu oft hatten sie sie bereits geführt, zu häufig hatten sie ihre Argumente ausgetauscht, als dass noch Neues zu erwarten gewesen wäre. Sie sah, dass Maxine des Diskutierens müde war und ergriff ihre Chance.

Versöhnlich streckte sie die Hand aus und fasste Maxine am Arm.

»Süße, ich dachte, wir wären damit durch. Ich hab dir versprochen, dass so etwas wie mit Tara nie wieder passiert. Ehrlich. Ich will doch nur dich.«

Josephine zog Maxine an sich heran, die sich das widerstrebend gefallen ließ.

»Zu wie vielen Frauen hast du eigentlich schon Süße gesagt?«, murrte diese erschöpft.

»Ach Schatz, so etwas würde ich doch nie tun. Du weißt, du bist für mich die einzige, die zählt. Weshalb müsst ihr Engländerinnen immer so eifersüchtig sein.«

Josephine tupfte Maxine einen Kuss auf die Stirn.

Maxine verzog das Gesicht: »Komisch, früher hast du dich selbst als Engländerin betrachtet. Jetzt plötzlich nicht mehr? Sind das jetzt deine deutschen Gene, die da aufwallen?« Nachdrücklich entwand sie sich der Umarmung und strebte zur Tür. »Ich muss nach unten, die ersten Abendgäste werden bald kommen. Cookie kann schließlich nicht alles allein machen.«

Ihre Bewegungen wirkten müde, doch als sie die Tür öffnete, straffte sie sich sichtlich und verließ den Raum erhobenen Hauptes.

The show must go on, fuhr es Josephine durch den Kopf, als sie Maxine gedankenverloren nachblickte.

Max war bereits für den Abend umgezogen gewesen. Sie hatte gut ausgesehen in ihrer schwarzen Hose und der weißen Bluse. Josephine mochte es, dass sie etwas üppiger war. Sie sah ihr auch gern zu, wenn sie servierte. Trotz ihrer Üppigkeit hatten ihre Bewegungen stets etwas tänzerisch-schwebendes.

Josephine kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum. Was lief bloß zwischen ihnen schief? Sie waren jetzt seit fast vier Jahren zusammen, hatten sich beide mit dem Hotel einen Traum erfüllt.

Natürlich waren sie beide sehr eingespannt. Weil das Hotel noch nicht genug abwarf, übernahmen sie wann immer es ging, besonders in der Vorsaison, noch einige Reisegruppen, um das Budget aufzubessern.

So hatten sie sich auch kennengelernt. Damals, in London. Maxine war ihr gleich aufgefallen. Sie hatten beide bei Madame Tussauds die Karten für ihre Gruppen abholen wollen. Irgendetwas war wohl bei Maxines Reservierung nicht in Ordnung gewesen, und es hatte Probleme gegeben.

Josephine hatte eindrucksvoll miterleben können, was es hieß, Maxine in Rage zu versetzen. Fast hatte ihr die Schalterangestellte leid getan, über die sich Maxines aufgeregte Schimpftiraden ergossen.

Am Ende hatte Maxine ihre Karten erhalten, und sie wollte gerade triumphierend davonrauschen, als sie Josephines süffisantes Grinsen bemerkt hatte.

»Was gibt’s da zu grinsen?«, hatte sie Josephine angefaucht.

Die hatte nur noch breiter gegrinst und ihr lässig entgegengeworfen: »Mit Ihnen würde ich gern mal einen Kaffee trinken gehen.«

Verblüfft hatte Maxine den Kopf schief gelegt und Josephine eingehend gemustert. Schließlich hatte sie wortlos in ihre Tasche gegriffen, aus der sie mit nonchalanter Geste eine Visitenkarte hervorzog.

»Wenn du dich traust«, hatte sie geblafft und Josephine die Karte in die Brusttasche ihres Hemdes gesteckt. Dann war sie davongeeilt.

Eigentlich als Scherz gemeint, hatte es Josephine sehr gereizt, diese Frau wiederzusehen. Also hatte sie sie angerufen.

Eine Woche später hatten sie gemeinsam zwar keinen Kaffee aber ein immerhin ein Bier in einem gemütlichen Londoner Pub getrunken. Drei Tage später waren sie das erste Mal gemeinsam im Bett gelandet.

Seit dieser Zeit führten sie eine wilde und stürmische Beziehung. Maxine hatte sich als hochgradig eifersüchtig entpuppt, auch wenn sie selbst nicht gerade ein Kind von Traurigkeit war. Vielleicht gerade wegen dieser Eifersucht flüchtete sich Josephine stets aufs Neue in Affären, die ihr zumeist belanglos aber doch irgendwie notwendig erschienen.

Irgendwann fand Maxine es meist heraus, und sie stritten sich bis aufs Blut. Darauf folgten Tage gegenseitiger Nichtbeachtung und eine tränenreiche Versöhnung, die mit Sex endete, der genauso wild und heftig war wie der Streit im Vorhinein.

Fast schon erschien es Josephine als eine Art Ritual, das zu ihrer beider Leben gehörte wie nunmehr dieses Hotel.

Dass sich Maxine jedoch derart über Franziskas Ankunft aufregte, ausgerechnet jetzt, da doch wirklich nichts passiert war, das konnte Josephine nicht verstehen.

Nach ihrer Rückkehr aus Trebah Garden hatte Franziska viel entspannter und gelöster gewirkt. Sie hatten beide gemeinsam im Restaurant zu Abend gegessen und sich über Gärten im Allgemeinen und jene in Cornwall unterhalten. Danach hatte Josephine ihr ein wenig über Maxine, das Hotel und ihre zukünftigen Aufgaben erzählt. Es schien für beide ein angenehmer Abend zu sein, jedenfalls soweit Josephine das hatte einschätzen können.

Bevor Franziska zu Bett gegangen war, hatte sie sich noch einmal vorsichtig erkundigt, ob es wirklich kein Problem für Maxine sein würde, wenn sie so plötzlich dort auftauchte. Josephine hatte das nachdrücklich verneint und anschließend die Nacht erneut mit Sharon verbracht. Von dieser wusste Maxine nichts, so dachte Josephine zumindest.

Morgens dann war der Reisebus nach Bristol aufgebrochen, von wo die Gruppe zurück nach Deutschland flog.

Teil 09

»Was ist mit der Kamelie? Blüht sie hier regelmäßig?«, hakte Franziska eifrig nach.

»Aber natürlich! Du solltest ihre Farbenpracht sehen!«

»Ich habe bisher nur einmal eine in Dresden im Pillnitzer Park blühen gesehen. Es war fantastisch.«

»In Pillnitz? Da war ich auch schon mal vor langer Zeit.«

Im Handumdrehen waren die beiden Frauen in ein Gespräch über Gärten im Allgemeinen und Pflanzen im Besonderen vertieft.

Eine schien so überrascht wie die andere, dass ihr Gegenüber so viel davon verstand.

Es war Josephine, die mitten im Gespräch innehielt und Franziska verblüfft, aber auch ein wenig bewundernd anschaute. »Woher weißt du so viel über Pflanzen? Bist du Gärtnerin?«

Dabei zeigte sie auf Franziskas Hände, die sehr kräftig und trotz ihrer Jugend merkwürdig abgearbeitet aussahen.

Voller Verlegenheit versuchte Franziska ihre Hände zu verbergen. »Nein, ich arbeite nicht als Gärtnerin. Ich bin . . ., also früher war ich mal Physiotherapeutin. Das macht einem die Hände auf Dauer kaputt«, bekannte sie fast schüchtern. »Aber wir hatten einen Garten, früher, bevor meine Mutter krank wurde. In den letzten Jahren dann nicht mehr. Das habe ich nicht mehr geschafft.«

Josephine horchte auf. Bereits zum zweiten Mal hatte Franziska früher gesagt und zwar so, als spräche sie von einer Zeit, die lange vorüber und in der sie glücklich gewesen war. Sie schien dieser Zeit nachzutrauern, legte sich doch jedes Mal, wenn sie davon sprach, ein dunkler Schleier über ihre Züge.

»Du sagst früher. Was ist passiert?«, erkundigte sich Josephine und schob hastig nach: »Wenn ich das fragen darf.«

»Sicher doch«, gab Franziska milde mit plötzlich müder Stimme zurück. »Meine Mutter ist an Brustkrebs gestorben. Vorige Woche war die Beerdigung.«

»Oh!« Josephine fühlte sich plötzlich ziemlich unwohl in ihrer Haut. Sie fröstelte, als hätte sich die Sonne verdunkelt. »Das muss furchtbar für dich sein. Aber . . .« Sie zögerte. »Aber stellt man sich deshalb auf eine Klippe in Cornwall?«

Franziska gab ein raues Lachen von sich und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar.

»Hört sich verrückt an. Nicht wahr?«

»Nein, natürlich nicht. Ich wüsste auch nicht, was ich tun würde, wenn meiner Mutter so etwas zustößt.« Wieder zögerte Josephine. Dann bekannte sie leise: »Aber von der Klippe springen? Nein. Das vermutlich nicht. Das könnte ich meinem Vater nicht antun.«

»Mein Vater hat sich schon vor zwanzig Jahren aus unserem Leben davongestohlen. Da gab es also nicht viel Rücksicht zu nehmen. Ich habe meine Mutter beinahe drei Jahre gepflegt. Dafür habe ich meinen Beruf aufgegeben, und meine Beziehung ist daran zerbrochen. Seit Mutter tot ist, habe ich nichts mehr. Gar nichts mehr.«

Aufsteigende Tränen verwandelten Franziskas Augen in glitzernde Smaragde. Sie schniefte und wischte sich mit dem linken Ärmel über die Augen. Dann lächelte sie Josephine schief an.

»Tut mir leid, dass ich dich mit meinem Privatkram belästige. Dabei kennen wir uns doch eigentlich gar nicht.«

»Daran liegt es ja vielleicht gerade«, gab Josephine ebenfalls lächelnd zurück und griff nach Franziskas Hand. »Es ist meist viel leichter, sich Fremden zu offenbaren als Freunden. Die mag man oft nicht mit seinen Problemen belästigen. Ein Fremder geht und mit ihm manchmal auch die Probleme, die man ihm anvertraut hat.«

»Tja, wenn das so einfach wäre . . .« Franziska entzog ihre Hand, schaute sinnend auf das Meer hinaus und nagte an ihrer Unterlippe.

Während Josephine sich dabei ertappte, wie sie hingebungsvoll Franziskas Profil betrachtete, verspürte sie wieder dieses merkwürdige Gefühl, von dem sie nicht so genau sagen konnte, was es war – Mitleid, Zuneigung, Neugier, Bewunderung, eine Mischung aus allem?

Ein bisschen zu rasch erkundigte sie sich: »Und, was hast du jetzt vor?«

Es schien, als hätte sie Franziska aus tiefer Versunkenheit geweckt.

»Jetzt vor?«, entgegnete diese langsam und mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sie die Frage nicht verstanden.

Josephine beeilte sich, ihre Frage zu präzisieren: »Ich meine, was wirst du jetzt tun, wenn du wieder nach Deutschland zurückkehrst?«

Franziskas Gesicht spiegelte plötzlich völlige Leere, so als begriffe sie gar nicht, was Josephine von ihr wollte. Erst nach und nach schien sie zu verstehen.

»Wenn ich nach Deutschland zurückkehre?« Sie zögerte. »Darüber habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht nachgedacht. Eigentlich habe ich dort nichts weiter.« Nachdem sie einen Moment lang geschwiegen hatte, fuhr sie nachdenklich fort: »Vielleicht sollte ich mich erst einmal um einen Rückflug kümmern. Ich hatte ja nur den Hinflug gebucht.« Wieder zögerte sie und brachte schließlich ein kleines, mutiges Lächeln zustande. »Alles andere wird sich sicher finden.«

Josephine zerriss es beinahe das Herz, als sie sah, wie hilflos Franziska erschien und wie wenig Lebensmut sie hatte. Fast wirkte sie wie ein kleines Kind – so naiv und schutzbedürftig.

Aus einem Impuls heraus machte sie Franziska mit fester Stimme ein Angebot. »Du weißt, Max und ich haben ein kleines Hotel. Nichts Exklusives, nur neun Zimmer. Zumindest vorerst. Letzte Woche hat sich Janet, die die Zimmer sauber macht und das Frühstück serviert, den Fuß gebrochen. Sie fällt für sechs Wochen aus. Max und ich haben bisher noch keinen Ersatz, weil Max momentan keine Reisegruppe hat und sich selbst darum kümmern kann. Ab nächster Woche ist sie aber auch wieder unterwegs, und ich habe ein paar Tagestouren. Die Bezahlung ist nicht so berauschend, aber Kost, Logis und ein angemessenes Taschengeld könnte ich dir schon bieten. Was hältst du davon, vorübergehend für uns zu arbeiten?« Josephine hielt inne, um Franziskas Reaktion abzuwarten.

Diese sah sie mit großen Augen an und konnte erst einmal gar nichts sagen.

Josephine deutete das zunächst falsch und schob deshalb eilig hinterher: »Das heißt, wenn es dir nichts ausmacht, Betten zu machen und Zimmer zu putzen. Du hättest immerhin etwas Zeit gewonnen, um dir darüber klar zu werden, wie es bei dir weitergehen soll.«

Franziska sah sie noch immer ein wenig verdattert an, räusperte sich und haspelte dann: »Nein, nein. Zimmer saubermachen ist kein Problem. Ich habe drei Jahre lang meine Mutter gepflegt. Glaub mir, da ist mir beinahe nichts Menschliches fremd. Putzen, Waschen und Servieren waren genau genommen meine Haupttätigkeiten. Wenn ich etwas kann, dann das.« Sie lächelte schüchtern. »Ich könnte mir das gut vorstellen. Aber . . .«, Franziska machte eine unbeholfene Geste, »Was wird deine Freundin dazu sagen? Musst du das nicht erst mit ihr absprechen?«

Der Gedanke war Josephine auch schon gekommen. Max würde sicherlich nicht sonderlich begeistert sein, wenn sie Franziska einfach so mit nach Hause brachte. Das würde vermutlich zu Diskussionen führen, auf die sie eigentlich keine Lust hatte. Doch jetzt, da sie das Angebot nun einmal unterbreitet hatte, konnte sie schlecht einen Rückzieher machen.

Sie winkte ab. »Keine Sorge. Das ist kein Problem. Sie wird froh sein, dass ich mich endlich um eine Aushilfe gekümmert habe.«

Insgeheim aber sandte Josephine ein Stoßgebet nach oben: Oh, bitte lass es wirklich so sein. Erspar mir den Ärger.

Sie reichte Franziska die Hand. »Also abgemacht?«

»Abgemacht.«

Ein hoffnungsfrohes Leuchten verschönte Franziskas Gesicht.

Teil 08

Franziska ließ sich nicht beirren. Während sie an ihrem Toast knabberte, schweiften ihre Blicke über die zahlreichen Menschen im Restaurant. Sie staunte über die Berge von Nahrung, die sich viele der zumeist älteren Leute auf ihre Teller türmten, und lächelte schwach über die Kellner, die dem morgendlichen Ansturm offenbar nicht wirklich gewachsen waren. Dabei schaffte sie es gerade so, Josephines Smalltalk zu folgen.

Bei alldem fühlte sich Franziska seltsam fremd. Sie kam sich vor wie ein Alien, das versehentlich auf einem fremden Planeten vergessen worden war. Dabei spürte sie eine merkwürdige Verletzlichkeit, als könnte jede Berührung, jeder Laut sie verwunden.

Am liebsten hätte sie sich wieder in ihr Bett verkrochen und den Tag dort verdämmert, ohne über irgendetwas nachdenken zu müssen.

Doch dazu hatte sie fraglos keine Chance. Ehe sie es sich versah, saß sie wieder auf ihrem Platz im Bus, und Jens steuerte diesen in Richtung Trebah Garden.

Insgeheim fühlte Franziska unendliche Erleichterung darüber, dass Josephine arbeiten musste.

Wenn sie nicht gerade Erklärungen zu den Ortschaften am Wegesrand und über ihr Reiseziel abgab, war sie damit beschäftigt, den älteren Herrschaften Piccolos und kleine Schnäpse zu servieren.

Nie hätte Franziska geglaubt, wie fidel und unternehmungslustig man auch noch im höheren Alter sein konnte. Fast fühlt sie so etwas wie Schuld, dass sie sich still in ihre Ecke drückte und Schlaf vortäuschte, um jegliche Konversation zu vermeiden.

Auch an diesem Morgen hatte das sanfte Rollen des Busses etwas Versöhnliches an sich, das sie beruhigte. So erschien es ihr beinahe enttäuschend, dass der Bus bereits eine halbe Stunde später auf den Parkplatz von Trebah Garden rollte.

Geborgen in der Menge ließ sich Franziska einfach treiben, auch wenn sie weiterhin jeglichen Kontakt mit ihren Mitreisenden vermied. Mit freundlicher, wenn auch ein wenig unnahbarer Mimik wartete sie ab, bis Josephine die Eintrittskarten erworben und verteilt hatte. Dann gab diese noch einige Erklärungen zum Park und zum weiteren Tagesverlauf ab. Die Mitglieder der Reisegruppe zeigten sich mehr als interessiert und bedrängten Josephine förmlich mit Fragen, die diese durchweg souverän beantwortete.

Nachdem die Ereignisse des vergangenen Tages Franziska auf irritierende Weise verschwommen und unscharf erschienen, hatte sie nun erstmals die Zeit, sich Josephine bewusst anzusehen.

Eher mittelgroß schien sie die Gabe zu haben, allein schon durch ihr selbstbewusstes Auftreten stets im Mittelpunkt zu sein. Ihre rote Wetterjacke leuchtete, während ihre dunklen Locken neugierig unter dem schwarzen Bandana hervorlugten.

Josephine erzählte mit leuchtenden Augen und weit ausholenden Gesten die Geschichte von Trebah Garden, einem der bekanntesten Schluchtengärten Cornwalls. Sie verwies auf die Vielfältigkeit der Flora, egal zu welcher Jahreszeit man den Garten besuchte. Ihre Ausführungen garnierte sie stets mit diversen Anekdötchen und einem verschmitzten Lächeln.

Nach einer Weile stellte Franziska völlig überrascht fest, wie sie Josephine förmlich an den Lippen hing und ihre Augen gar nicht von ihr abwenden konnte. Ein Blick aus den Augenwinkeln verriet ihr, dass es den anderen Gästen nicht anders ging, was ihr ein beruhigtes Lächeln entlockte.

Wehmütig überlegte Franziska, wann sie selbst wohl das letzte Mal so unbeschwert aufgetreten war. Sie zögerte. Vielleicht damals, bevor ihre Mutter erkrankt war und sie selbst noch gearbeitet hatte. Als sie mit Sophie noch gemeinsame Pläne geschmiedet hatte.

Franziska seufzte und schüttelte unbewusst den Kopf. Das schien ihr so lange her zu sein, beinahe wie aus einem anderen Leben.

Als sie hochschaute, bemerkte sie, wie die Gruppe gerade im Begriff war, sich aufzulösen.

Rasch nutzte Franziska die Gelegenheit. Während die meisten Josephine nach rechts in Richtung des Koiteiches folgten, schlug sie unbemerkt von den anderen und vor allem von Josephine einen schmalen Pfad nach links ein.

Sehr bald schon war sie von der sanften Stille des Waldes umgeben. Kräftige Aprilsonne strahlte aus blauem Frühlingshimmel herab auf die hohen Bäume, deren Kronen sich kaum merklich in der kühlen Meeresbrise wiegten.

Franziska atmete tief die würzige Luft ein und fühlte sich plötzlich wie befreit. Schon immer hatte sie sich in der Natur am wohlsten gefühlt, doch hier, an diesem besonderen Ort, weg von allem, was sie bedrückte, war es, als würde eine Last von ihr genommen.

Nach kurzem Spaziergang passierte Franziska Alice’ Seat, eine strohgedeckte Lehmhütte, die ihr jedoch zum Verweilen zu dunkel erschien. Sie schlenderte weiter, stieg mal den Hang hinunter in die Schlucht, um den Irrweg durch den Bambusgarten zu nehmen, mal erklomm sie die andere Hangseite, um den Ausblick auf die uralten Rhododendronbüsche und Magnolien zu genießen.

Während sie so ging und schaute, hin und wieder auf einer Bank ausruhte und ihren Gedanken nachhing, bemerkte sie kaum, wie die Zeit verging.

Gegen eins fand Josephine Franziska unten am Strand auf einem Plastikstuhl in der Nähe von Healey’s Boathouse. Sie hatte die Beine lang ausgestreckt und hielt die Augen genießerisch geschlossen, während der Wind ihre Haare zauste. Neben ihr, auf einem wackligen Plastiktisch, stand ein halb geleerter Becher mit Kaffee. Daneben lag eine angebissene Hühnersandwichhälfte in ihrer Verpackung.

Josephine betrachte dieses idyllische Bild mit einem befriedigten Lächeln, als Franziska die Augen aufschlug.

»Bist du jetzt immer da, wenn ich die Augen öffne?«, fragte sie scheinbar ärgerlich. Josephine jedoch entging das freudige Aufblitzen in ihren Augen nicht.

»Wenn du das wünscht – warum nicht. Diese Art Service biete ich doch gern.« Sie grinste breit zurück.

»Das kann ich mir denken. Wenn selbst Rezeptionistinnen den in Anspruch nehmen.«

»Touché!« Ungerührt zog Josephine sich einen der Plastikstühle heran. »Darf ich mich zu dir setzen?«

»Tust du doch gerade. Außerdem ist das hier ein öffentlicher Platz. Warum also nicht.«

Franziska richtete sich in ihrem Stuhl auf, griff nach ihrem Kaffee und trank einen Schluck. Dabei verzog sie ihr Gesicht zu einer Grimasse.

»Instant?«, erkundigte sich Josephine mitfühlend.

Franziska nickte und lächelte schief. »Auch, aber vor allem kalt. Ich sitze offensichtlich schon zu lange hier. Auch hätte ich wohl auf deinen Frühstücksrat hören sollen. Toast und Obst waren eindeutig zu wenig.«

Josephine sprang auf. »Ich hol uns einen frischen. Hier kann man gar nicht zu lange sitzen.« Dabei machte sie eine der für sie so typischen, weit ausholenden Gesten und verwies auf das dunkelblaue Meer, das spiegelglatt vor ihnen lag.

Ehe Franziska etwas entgegnen konnte, war sie bereits davongeeilt und kam wenig später mit zwei Bechern zurück.

Ein paar Minuten saßen sie stumm nebeneinander, schlürften ihren nunmehr heißen Kaffee und starrten gedankenversunken auf das Wasser.

Schließlich brach Josephine die Stille. »Gefällt dir Trebah Garden

»Er ist wunderbar. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine so eindrucksvolle Gartenanlage gesehen zu haben. Er hat so eine schroffe Anmut, die einen die Welt da draußen vergessen lässt. Ich könnte ganze Tage hier verbringen.«

Ganz ungewollt euphorisch waren diese Sätze aus Franziska herausgebrochen. Fast schämte sie sich für ihre überschwängliche Begeisterung, doch Josephine schien nichts dabei zu finden. Im Gegenteil. Wieder stimmte sie ein Hohelied auf den Garten an, verwies auf die uralten Rhododendren und Magnolien und deren üppige Blütenpracht, die im Sommer wieder zu erwarten sei.

Teil 07

»Josie, bitte! Ich kann wirklich nicht mehr.« Sharon holte tief Luft. Ihr Gesicht war hochrot. Ihr Körper glühte. »Außerdem . . . außerdem musst du mir schon noch ein bisschen Kraft für dich lassen.« Sie lächelte vielversprechend und rieb sich wohlig an Josephine.

Diese grinste fröhlich zurück.

»Bist du sicher, dass das alles war?« Ihre Finger führten Schmetterlingsflügelschläge aus, was Sharon sofort zusammenzucken ließ.

»Wirklich, Josie. Es reicht.« Wieder zog Sharon scharf die Luft ein. Sie griff nach Josephines Handgelenk.

»Süße, wenn du meinst, dass es reicht, dann müsstest du mich schon auch rauslassen.« Josephine schmunzelte wieder und bewegte die Finger aufreizend.

»Oh!« Irritiert löste Sharon die Spannung ihrer Schenkel, die Josephine ein Entkommen unmöglich gemacht hatten. »Besser so?«

»Viel besser«, erwiderte Josephine und löste ihre Hand mit aufreizender Langsamkeit aus Sharons Schoß, was diese erneut zu lustvollen Schauern trieb. Dann ließ Josephine ihre feuchten Finger in kleinen Trippelschritten über Sharons Bauch wandern. Sie umkreisten ihren Nabel, wobei sie einen kleinen Stepptanz aufzuführen schienen.

»Josie, du sollst nicht spielen!«, mahnte Sharon mit beinahe mütterlicher Zärtlichkeit und griff nach Josephines Handgelenken. Nach einem kurzen Gerangel hatte Sharon die Überhand gewonnen, und nun war es Josephine, die sehr bald die verräterische Nässe zwischen ihren Beinen spürte. Also überließ sie sich Sharons kundigen Händen, die ihr sehr schnell tiefe Seufzer des Entzückens entlockten, welche letztlich in einem kurzen spitzen Schrei gipfelten.

Schließlich lagen die beiden Frauen schwer atmend beieinander. Sharon malte zärtlich Kringel auf Josephines Bauch, während diese ihre Arme hinter dem Kopf verschränkt hielt.

»Jo!?«

»Mh?«

»Was meinst du? Ob wohl je etwas aus uns wird?«

Josephine nahm die Arme nach vorn und drehte sich Sharon zu, sodass sie Brust an Brust lagen.

»Was soll denn noch aus uns werden? Haben wir nicht die schönste Bettgeschichte der Welt? Mit Sex in guten Hotels?«

Das brachte ihr einen zarten Klaps ein.

»Du weißt schon, was ich meine. Warum ist aus uns eigentlich nie etwas Richtiges geworden?«

Josephine räusperte sich. Sie gab Sharon einen Kuss auf die Nase und fasste sie zärtlich an der Hüfte.

»Weil du ohne deinen Jim nicht sehr glücklich gewesen wärst und Maxine auch nicht kampflos das Feld geräumt hätte?«

»Ach Max«, wehrte Sharon murrend ab. »Als ob ihr eine Beziehung hättet.«

Josephine wurde plötzlich ernst.

»Das kannst du nicht beurteilen. Also tu es auch nicht«, entgegnete sie beinahe harsch und rückte ein wenig von Sharon ab.

Diese griff entschuldigend nach ihr und zog sie wieder an sich.

»Tut mir leid. Du hast ja recht.« Sharon gab Josephine einen Kuss. »Es ist alles gut so, wie es ist. Immerhin haben wir mehr Spaß als die meisten.«

»Sollte man meinen.« Josephine grinste und zog die Decke über beide. »Aber ich denke, wir sollten ein bisschen schlafen. Du musst morgen noch früher raus als ich.«

»Was kümmert mich morgen«, murmelte Sharon. Sie rollte sich an Josephines Seite zusammen, und wenige Minuten später verriet ihr gleichmäßiger Atem, dass sie eingeschlafen war.

Josephine hingegen lag noch eine ganze Weile mit offenen Augen und starrte gedankenverloren in die Nacht.

~*~*~

Als Josephine am nächsten Morgen vorsichtig und leise die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, erschien es ihr so still, dass sie zusammenschrak. Konnte es sein, dass Franziska sich davon gemacht hatte?

Eine Sekunde lang spürte Josephine ein unangenehmes Frösteln.

Mit langen geschmeidigen Schritten schlich sie sich zu Franziskas Bett und musste erleichtert lächeln.

Franziska schlief noch tief und fest, zusammengerollt wie ein Igel. Die Konturen ihres Körpers zeichneten sich leicht unter der Decke ab. Franziskas Kopf wirkte wie von einem roten Heiligenschein umflossen, ihre mädchenhaften Gesichtszüge strahlten eine seltsame Friedlichkeit aus.

Einen Herzschlag lag verspürte Josephine das Bedürfnis, diese so anmutig wirkende Frau wach zu küssen. Doch sie hielt sich zurück, grübelnd, wie sonst sie Franziska wecken könnte.

Gerade als sie sich dafür entschieden hatte, Franziska vorsichtig an der Schulter zu rütteln, schlug diese die Augen auf.

»Stehst du schon lange dort?«, erkundigte sie sich mit klarer Stimme, so gar nicht als sei sie gerade erst erwacht.

»Ich . . . ähm . . . nein. Ich bin gerade erst . . .«, stotterte Josephine und machte eine unbestimmte Handbewegung hin zur Tür.

Franziska schien scheinbar unbeeindruckt von dem Gestotter. Sie sah sich suchend um und fragte: »Wie spät ist es?«

»Ähm . . . kurz vor acht. In einer halben Stunde gibt es Frühstück. Um halb zehn fährt der Bus.« Josephine musterte Franziska kurz und schob hastig nach: »Falls du noch mit möchtest.«

Franziska setzte sich auf, wobei sie sorgsam darauf achtete, dass das Laken der Decke sie weiterhin bedeckte. »Natürlich möchte ich noch mit. Falls du mich mitnimmst.«

Sie schenkte Josephine ein kleines Lächeln, das einen Hauch wirklicher Freude zu zeigen schien.

Josephine atmete erleichtert auf. »Gut, dann geh ich mal, mich um meine Senioren kümmern. Brauchst du noch was?« Ein wenig verlegen trat sie von einem Fuß auf den anderen und sah sich wie suchend im Zimmer um.

Franziska schüttelte den Kopf, blieb jedoch steif in ihrem Bett sitzen.

Josephine, die sie sekundenlang erwartungsvoll angeblickt hatte, zuckte plötzlich verstehend zusammen und murmelte: »Sorry, bin schon weg. Bis gleich unten im Restaurant.«

Damit verschwand sie eiligen Schrittes.

Minuten später rührte sie in einer Tasse Instantkaffee und sah sinnend zu, wie die Milch einen blassen Strudel um den kreisenden Löffel bildete.

Weshalb nur brachte Franziska sie so aus dem Gleichgewicht? War es Mitgefühl, das sie ihr entgegenbrachte oder gar so etwas wie ein Beschützerinstinkt? Auch wenn bisher nichts passiert war, was auch nur annähernd unpassend gewesen wäre, hatte Josephine das diffuse Gefühl, dass sie mit der Situation nicht so professionell und pragmatisch umging, wie sie es sonst gewohnt war.

Seufzend biss sie in ihren Toast und begann, in ihrem Rührei herumzustochern.

»Darf ich mich zu dir setzen?«

Josephine blickte ein wenig erschrocken hoch. Vor ihr stand Franziska. Sie trug logischerweise die gleichen Sachen wie am Vortag, jedoch wirkte sie viel frischer. Die dunklen Ringe unter ihren Augen waren etwas verblasst. Das Grün ihres Blickes strahlte eine merkwürdige Milde aus, die auf eine gewisse Sanftheit ihres Wesens hinzudeuten schien.

»Bitte, gern doch. Magst du auch Rührei und Schinken? Ich sag dem Kellner Bescheid.«

Franziska wehrte entsetzt ab. »Um Gottes Willen! Rührei zum Frühstück!? Da bin ich den Rest des Tages nicht mehr zu gebrauchen. Mir reichen Toast und ein bisschen Obst vollkommen.«

»Wenn du meinst.« Josephine zuckte mit den Schultern. »Aber sag später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Es wird ein langer Tag. Da brauchst du eine gute Grundlage. Außerdem«, sie strahlte Franziska begeistert an, »du bist in einem englischen Hotel, da solltest du ruhig ein wenig der Tradition folgen.«

Teil 06

Es klang mehr wie eine Feststellung als eine Frage. Sharon nippte an ihrem Drink und schaute Josephine mit hochgezogenen Brauen an, während diese die Tür hinter sich schloss.

Josephine blieb scheinbar ungerührt. Sie ließ sich mit ausgebreiteten Armen auf das Doppelbett fallen, das zwar nicht so nobel war, wie das in ihrem Zimmer, aber ebenfalls englische Gediegenheit ausstrahlte.

»Oh Sharon, Süße. Das war wirklich ein seltsamer Tag. Gib mir auch einen Brandy, und ich erzähl dir die ganze grässliche Wahrheit.« Sie stützte sich auf ihre Ellenbogen und schaute Sharon, die abwartend am Fenster stand, mit breitem Lächeln an.

Diese gab das Lächeln mit einem wissenden So, so. zurück. Dann nahm sie eine Flasche vom Tisch und goss einen ausgesprochen großen Schluck der goldgelb schimmernden Flüssigkeit in ein zweites Glas.

Mit wippenden Hüften trat sie vor Josephine und drückte ihr beide Gläser in die Hand.

»Hier, halt mal.«

Nun schob sie ihren engen Rock soweit in die Höhe, dass sie ihre Knie links und rechts von Josephine platzieren konnte und auf ihrem Schoß zu sitzen kam.

Josephine lächelte süffisant, als sie ihr Gesicht plötzlich auf Höhe von Sharons Brüsten wiederfand.

»Schöne Aussicht«, murmelte sie, »Blöd nur, dass ich gerade zwei Gläser in der Hand habe.«

Schon wollte sie ihre Nase schnuppernd in den ihr so wohlvertrauten Busen stecken, da hatte Sharon ihr schon ein Glas wieder abgenommen und drückte ihr den Kopf sanft aber bestimmt wieder nach hinten.

»Nichts da. Erst hätte ich gern eine Erklärung.«

Murrend nahm Josephine einen tiefen Schluck, der ihr weich und warm die Kehle hinunter rann. Sie seufzte selig auf.

»Ah! Besser als ein Orgasmus.«

Das brachte ihr prompt eine Kopfnuss ein.

»Das will ich doch nicht hoffen. Komm, erzähl schon, ehe mir die Beine einschlafen und ich mich nur nach einem Stuhl sehne.«

Doch Josephine schien es mit dem Erzählen nicht so eilig zu haben. Betont langsam nahm sie einen zweiten Schluck, wobei sie Sharon tief in die Augen sah. Währenddessen wanderte ihre freie Hand langsam über Sharons nackten Schenkel, streifte über den hochgerutschten Rock und tastete sich schließlich vorsichtig unter die geöffnete Bluse vor. Doch hier war dann auch endgültig Schluss.

Mit festem Griff stoppte Sharon Josephines Vordringen und schüttelte den Kopf. »Denk nicht mal dran. Erst deine Geschichte.«

Seufzend ergab sich Josephine. Zwar dachte sie nicht daran, ihre Hand zurückzuziehen, aber immerhin fing sie an und erzählte in knappen Sätzen vom Verlauf des Nachmittags und Abends.

Als sie geendet hatte, blickte Sharon sie vorwurfsvoll an. »Und du hast sie jetzt da oben ganz allein in deinem Zimmer gelassen?!«

»Ja, sicher doch.« Josephine zuckte mit den Schultern. »Ich hatte das Gefühl, dass sie mehr als froh war, mich los zu sein. Glaubst du etwa, sie tut sich was an?«

Es sollte spöttisch klingen, aber insgeheim beschlich Josephine ein ungutes Gefühl.

Sharon gab ihr einen Kuss auf die Nase und wuschelte ihr durchs Haar. »Ach Josie. Du bist unmöglich. Erst Mutter Theresa spielen und sich dann davonschleichen. Was hast du nur wieder angestellt.«

»Denkst du, ich sollte wieder nach oben und nach ihr sehen?«, gab Josephine kleinlaut zurück.

Sharon lachte. »Ich denke nicht. Was soll sie schon tun? Sich aus dem Fenster stürzen? Da bricht sie sich höchstens ein Bein. Nein, nein. Für heute hat sie sicher genug erlebt. Lass sie schlafen. Aber hast du dir mal überlegt, wie es morgen weitergehen soll?«

Josephine leerte ihr Glas endgültig und nickte.

»Sie kommt erst mal mit nach Trebah Garden. Dann sehen wir weiter.«

»Oh!«, bemerkte Sharon süffisant. »Wie nobel von dir. Die edle Ritterin wacht über die Schwachen. Fast könnte man meinen, du hältst sie dir warm.«

»Quatsch. Aber ich kann sie doch nicht so einfach aussetzen. Sie hat offenbar nicht mal einen Rückflug gebucht.«

»Versteh schon.« Sharon griente. »Aber sehen wir es doch mal positiv. Dann haben wir zwei Hübschen wenigsten noch eine zweite Nacht zusammen.«

Sie rekelte sich lasziv auf Josephines Schoß, sodass deren Nase wieder Kontakt zu ihren Brüsten bekam.

Josephine atmete genießerisch ihren Duft ein, wobei sie wohlig schnurrte. Dann begann sie, mit ihrer Zunge zärtlich Sharons Brüste zu liebkosen, während sie ihren Körper immer fester an sich drückte.

Einen Moment lang schien Sharon sich ihren Zärtlichkeiten ergeben zu wollen, doch dann griff sie Josephine mit festem Griff ins Haar und zog ihren Kopf zurück.

»Warte eine Sekunde. Ich muss die Gläser noch wegstellen«, flüsterte sie mit schnellgehendem Atem.

Rasch glitt sie von Josephines Schoß, griff sich auch deren Glas und stellte beide auf den Schreibtisch. Dann schob sie sich wieder über Josephine, die sich nicht gerührt hatte.

»So, jetzt können wir da weitermachen, wo wir gerade aufgehört haben.«

Sharon umschlang Josephine heftig und küsste sie gierig. Diese erwiderte ihren Kuss mit hungrigem Verlangen, hielt sich jedoch nicht lange damit auf. Sie begann, mit heißem Atem Sharons Hals zu liebkosen, ihre Nase in ihrem Kragen zu vergraben, während ihre Hände heftig an ihrer Uniformjacke zerrten.

»Oh, Sharon«, stöhnte sie lustvoll, »Ich liebe es, wenn du Uniform trägst, vor allem, weil ich es liebe, sie dir auszuziehen.«

Schon fiel die Jacke zu Boden, Bluse und BH folgten wenig später. Auch Sharon machte sich mit fliegenden Händen an Josephines Pullover zu schaffen. Es dauerte nicht lange, da waren beide nackt. Mit gieriger Entschlossenheit schob sich Josephine über Sharon, die das Gefühl von Josephines nacktem Körper auf ihrer Haut mit wohligem Stöhnen quittierte.

Josephine vergrub ihre Hände in Sharons blondem Haar, das sich wie ein Fächer auf dem Kissen ausbreitete. Sie biss ihr liebeshungrig in den Hals, während sie sich heftig an ihr rieb.

Plötzlich jedoch schien Josephine sich zu besinnen. Sie hielt kurz inne, schaute Sharon einen Augenblick lang tief in die von Begierde verschleierten Augen und begann schließlich, ihren Körper zärtlich mit Lippen und Händen zu liebkosen.

Sie spürte, wie Hitze in Sharon aufstieg, sah, wie unter ihren streichelnden Händen die Knospen ihrer kleinen Brüste hart wurden und dunkelrot erblühten.

Sharons Atem ging flach, ihr Bauch hob und senkte sich hastig. Ihre Hände versuchten Josephines Kopf in ihren Schoß zu drängen, während sie ihr diesen heftig entgegen hob. Dabei presste sie durch die Zähne: »Oh, komm schon Josie! Worauf wartest du noch!? Du musst mich nicht erst . . .«

Scharf zog Sharon die Luft durch die Zähne ein, hatte Josephine doch ihren Kopf in ihren Schoß versenkt und ihre Zunge zart über ihre Perle bewegt. Mit geschickten Zungenschlägen gelang es Josephine nun in kürzester Zeit, Sharon in einen ekstatischen Zustand zu versetzten. Sanft drängte sie ihre Finger in die feuchten Tiefen von Sharons Schoß und trieb sie mit zielstrebiger Unnachgiebigkeit zum Höhepunkt.

Sharon kam mit einem gedämpften Aufschrei.

Noch während sie nach Luft rang, drängte Josephine ihren Körper an Sharons zitternden Leib. Ihre Finger waren noch immer in der pulsierenden Weichheit ihres Schoßes gefangen und gönnten Sharon keine Pause. Wieder und wieder bog sich deren Körper unter immer neuen Wellen von Lust, bis sie schließlich völlig erschöpft um Einhalt bat.

Teil 05

Die Aussicht, einen weiteren Tag in Josephines Gesellschaft zu verbringen, mutete da weitaus verlockender an. Was hatte sie schon zu verlieren, jetzt, da sie sowieso schon mit allem abgeschlossen hatte?

Beinahe träumerisch hob Franziska ihre langbewimperten Lider, registrierte lächelnd, dass Josephine sie noch immer interessiert musterte und sagte schließlich: »Ich würde gern nach Trebah Garden fahren. Mutter hat mir immer davon vorgeschwärmt. Es muss dort wirklich toll sein. Wenn ich dir nicht zur Last falle . . .?«

»Zur Last fallen?« Josephine lachte amüsiert auf. »Ich betreue einen Bus mit fünfundvierzig Leuten, die alle über sechzig, die ältesten sogar fünfundachtzig sind. Die sitzen beinahe alle in diesem Bus, weil sie zu Hause einsam sind und weil sie einfach mal rauswollen. Glaubst du ernsthaft, mir würde eine verlorene Seele mehr etwas ausmachen?«

Josephine nahm einen letzten Schluck Guinness und stand auf.

»So siehst du mich also, als verlorene Seele?« Nachdenklich neigte Franziska ihren Kopf zur Seite, sodass ihr Haar ihr wallend über die Schulter fiel. Dabei öffnete sich ihr Bademantel ein wenig und gab den Blick auf makellose weiße Haut und den Ansatz einer wohlgeformten Brust frei.

Josephine musste schlucken. Hastig wandte sie sich ihrem Rucksack zu und kramte darin herum.

Als sie sich wieder herumdrehte, hatte Franziska den Bademantel zusammengerafft und hielt ihn nun mit der Hand zusammen. Ihr Gesicht war von zarter Röte der Verlegenheit überzogen.

Dabei überhörte Josephine Franziskas Frage geflissentlich. Stattdessen erkundigte sie sich erneut nach der Adresse des B&B, rief einen Kollegen an und verkündete schließlich freudestrahlend, dass Franziska am nächsten Tag auf der Rückfahrt nach Redruth unterwegs auf einem Parkplatz ihre Tasche bekäme. Es sei zwar ein wenig kniffelig gewesen, aber zwei Kollegen würden sie weiterreichen, wann und wo sei egal, wichtig sei schließlich, dass es funktionierte.

Franziska nahm diese Mitteilung mit einem vagen Nicken zur Kenntnis. Noch immer schien es ihr unmöglich, die Geschehnisse, die den von ihr seit langem sorgfältig geplanten Verlauf des Nachmittags so grundlegend veränderte hatten, einzuordnen und zu werten. Alles, was sie zunächst hervorbrachte, war ein schwaches: »Danke.«

Allerdings konnte sie trotz ihrer Müdigkeit sehen, dass Josephine einen Moment lang enttäuscht darüber war, dass ihre Bemühungen nicht stärker gewürdigt wurden. Franziska rang sich ein zaghaftes Lächeln ab und ergänzte: »Tut mir leid. Ich sollte wohl dankbarer sein, aber . . .«

Josephine schüttelte unwillig ihre Locken.

»Ach wo. Du solltest gar nichts. Mach dir keine Gedanken.« Sie sah sich wie suchend im Zimmer um. »Brauchst du noch irgendetwas?«

Franziska verneinte, zog den Bademantel noch enger um sich und sah Josephine mit bittendem Blick an: »Ich bin wirklich sehr müde. Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich schlafen gehe?«

Fast schien es, als würde Josephine erleichtert aufatmen.

»Nein, nein, keineswegs. Es ist immerhin schon nach zehn. Ich bin auch ziemlich kaputt.« Sie zögerte. »Denkst du, dass du allein zurechtkommst? Ich möchte dich nicht stören und habe mir ein anderes Zimmer gesucht.«

Der Anflug eines wissenden Lächelns glomm in Franziskas Augen auf, als sie beinahe gleichmütig nachfragte: »Die Blonde von der Rezeption?«

Röte ergoss sich über Josephines Gesicht. Sie fühlte sich ertappt. Von ihrer sonstigen Coolness war nichts mehr zu spüren, als sie verlegen haspelte: »Ja, Sharon. Wir kennen uns schon lange. Sie hat mir ein anderes Zimmer besorgt, so wie dir die Handtücher. Ist schließlich ihr Job.«

Josephine versuchte, glaubhaft zu klingen, doch sie spürte selbst, wie lau sich die Ausrede anhörte. Offensichtlich fiel es ihr schwer, Franziska anzulügen. Den Bruchteil einer Sekunde lang grübelte sie darüber nach, ob es an deren zerbrechlicher Schönheit oder aber an der Aura von Todessehnsucht und Trauer lag, die sie zu umgeben schien.

Um die merkwürdige Stimmung, die sich plötzlich zwischen ihnen beiden aufgebaut hatte, zu brechen, schüttelte Josephine lachend den Kopf.

»Sie ist wirklich nur eine Freundin. Und sie hat den besten Brandy im Umkreis von fünfzig Meilen. Genau das Richtige nach so einem langen Tag. Schlaf gut. Ich komm dich morgen gegen acht wecken. Ist das okay für dich?«

»Ja, sicher doch. Gute Nacht«, entgegnete Franziska mit einer unbestimmten Geste. Als Josephine sich abwandte, rief sie ihr plötzlich halblaut hinterher: »Und danke für alles.«

Josephine drehte sich noch einmal um, nickte und schenkte ihr ein warmes Lächeln. Dann verließ sie wortlos das Zimmer.

~*~*~

Kaum hatte Josephine die Tür hinter sich geschlossen, stand Franziska auf und trat ans Fenster. Für den Moment fühlte sie sich regelrecht erleichtert darüber, allein zu sein. Dies ersparte ihr die Mühen einer höflichen Konversation. Sie musste nicht länger Dankbarkeit zeigen, von der sie nicht einmal wusste, ob sie echt war.

Hätte sie nicht vielmehr wütend auf Josephine sein müssen? Wütend darüber, dass sie ihr das Leben gerettet hatte?

Franziska zögerte. Vielleicht musste sie ja nur auf sich wütend sein. Hätte sie nur mehr Mut gehabt! Hätte sie es nur gewagt zu springen! Hätte sie nur eine andere Stelle ausgesucht. Hätte, hätte, hätte!

Erschöpft vergrub sie das Gesicht in ihren Händen und ließ ihren Tränen freien Lauf. Schluchzend und mit zuckenden Schultern stand sie mehrere Minuten einfach da und weinte, bis sie schließlich keine Tränen mehr hatte. Sie fühlte sich ausgebrannt und leer, ein Gefühl, das ihr mehr als vertraut erschien. Mit matter Geste streifte sie den Bademantel ab und ließ ihn gedankenlos zu Boden gleiten. Nackt wie sie war schlüpfte sie zwischen die Laken, wo sie sich wie ein Embryo zusammenrollte.

Ihr letzter Gedanke galt Josephines Lächeln, dann schlief sie erschöpft ein.

Währenddessen hatte Josephine mit freudigen kleinen Hüpfern die langen Flure durcheilt. Ihr war, als hätte man eine Last von ihr genommen. Sharon und ein Brandy, das war genau das, was sie jetzt brauchte.

Schließlich bog sie in einen etwas dunkleren Gang in einen Seitentrakt des Gebäudes ab. Im Dienstbotengang, wie er von allen nur genannt wurde, befanden sich Zimmer für die Angestellten des Hauses. Diese übernachten dort, wenn ihre Dienstzeiten die etwas längere Heimfahrt nach Redruth oder in eines der umliegenden Dörfer beinahe unmöglich machten.

Josephine hämmerte ein kleines Trommelsolo an eine der Türen, die sich ihr sofort öffnete.

»Oh, Josie, du! Ich dachte schon, du kommst nicht mehr.«

Vor Josephine stand Sharon mit einem Glas in der Hand und einem amüsierten Lächeln im Gesicht. Das am Nachmittag so straff nach hinten gekämmte Haar fiel ihr locker auf die Schultern. Noch trug sie ihre Uniform. Sie hatte Jacke und Bluse bereits aufgeknöpft, sodass Josephine einen Blick auf ihren knappen BH erhaschen konnte, der zwei kleine Brüste heftig nach oben drückte.

»Hi Sharon! Seit wann zweifelst du an meiner Treue?« Josephine grinste spitzbübisch und versuchte Sharon um die schlanke Taille zu fassen. Sharon jedoch entzog sich mit einer flinken Bewegung ihrem Griff und eilte zurück ins Zimmer.

»Vielleicht, seitdem du Damenbesuch mit auf dein Zimmer nimmst und mich auch noch dazu verdonnerst, für ihr Wohlbehagen zu sorgen?«

Teil 04

»Mh. Tut mir leid. Ich fürchte, ich war ein bisschen überschwänglich bei meinem Lieblingsthema. Das mit der englischen Küche müssen wir aber noch genauer untersuchen. Magst du dich anziehen, und wir gehen hinunter etwas essen?«

Franziska zuckte erneut hilflos mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Ich glaube, meine Hose und meine Schuhe sind noch ganz nass.«

Josephine, mehr als hungrig und müde nach diesem anstrengenden Tag, fühlte, wie Unmut in ihr aufstieg. Sie selbst war jemand, der anpacken konnte und zumeist fröhlich und unbeschwert auftrat. Wann immer sie Probleme hatte, versuchte sie, diese auf den Tisch zu packen und wenn es sein musste, auch lautstark zu lösen.

Verhuschte Sprach- und Entschlusslosigkeit war ihr mehr als verhasst. Sie zögerte einen Moment, dann griff sie nach der Hotelmappe.

»Hier, die Speisekarte.« Josephine reichte sie Franziska hinüber. »Such dir was aus. Dann essen wir eben auf dem Zimmer.« Sie versuchte ein aufmunterndes Lächeln, doch es wirkte leicht genervt.

Franziska schien das nicht zu bemerken. Zu sehr war sie mit sich und ihrer Situation beschäftigt, als dass sie auf andere hätte zu achten vermocht. Ihr Körper fühlte sich ausgelaugt, beinahe taub an. In ihrem Kopf dröhnte es dumpf.

Mit schwacher Stimme antwortete sie: »Du hast gesagt, es gibt Clubsandwich. Ist das in Ordnung?«

Josephine nickte. »Sicher doch, da kannst du nichts falsch machen.«

Sie telefonierte, und eine Viertelstunde später saßen beide gemeinsam an dem kleinen Tischchen, jede ein solches Sandwich vor sich. Dazu hatte sich Josephine ein großes Guinness sowie ein rötlich schimmerndes Kilkenny für Franziska bestellt.

Mit fast schon wölfischem Hunger schlang sie das dreistöckige Hühnersandwich hinunter, wobei sie Mengen der mitgelieferten Saucentütchen darüber ausquetschte.

»Schmeckt’s?«, fragte sie mit vollem Mund, während sie Franziska beobachtete.

Diese knabberte nur zaghaft an dem kulinarischen Riesen. »Mh, geht schon. Ehrlich gesagt, habe ich irgendwie doch nicht so viel Hunger.«

Kraftlos ließ Franziska ein Stück Hühnerbrust zurück auf den Teller fallen und sich selbst zurück in den Sessel sinken. Sie schloss die Augen, während sie versuchte, einen Augenblick lang an nichts zu denken.

Der Anblick ihrer zarten Gestalt im weißen Bademantel, deren rotes Haar nun endgültig trocken war und wild um ihren Kopf wallte, rührte Josephine. Sie würgte hastig ihren Sandwichrest hinunter, spülte mit einem Schluck Bier nach und wischte sich Mund und Hände mit der Serviette ab.

»Darf ich dich etwas fragen?«, erkundigte sie sich vorsichtig.

»Sicher«, gab Franziska spürbar erschöpft zurück.

Josephine zögerte einen Moment, gab sich einen Ruck und fragte dann doch: »Weshalb standst du heute Abend dort auf der Klippe?«

Franziska öffnete die Augen und musterte mit mattgrünem Blick ihr Gegenüber. Sie war überrascht, wie weich Josephines Züge im gedimmten Licht der Stehlampe wirkten, wie sanft ihre sonst so scharfen grauen Augen sie anschauten. Nichts in ihr verlangte danach, irgendjemandem über sich und ihre Probleme zu erzählen, doch Josephines Blick ließ sie nicht los. Er saugte sich förmlich an ihr fest, sodass sie das Gefühl hatte, ihm unmöglich entkommen zu können.

Auch hatte sie die Empfindung, Josephine etwas schuldig zu sein. Also setzte sie sich ein wenig mühsam in ihrem Sessel auf und musterte Josephine eindringlich, bevor sie mit überraschend fester Stimme sagte: »Das ist wohl nicht so schwer zu erraten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich ein Bad nehmen wollte, erscheint mir doch eher gering.«

Josephine schluckte überrascht und musste an ihre unüberlegte Bemerkung denken, ehe sie verlegen zurückgab: »Sicher. So meinte ich das auch nicht. Ich dachte nur, es gäbe sicher einen Grund weshalb . . . Aber du musst natürlich nicht . . .«

Sie sah Franziska taxierend an.

Diese schüttelte den Kopf: »Nein, muss ich wirklich nicht. Will ich auch nicht . . . Jedenfalls nicht jetzt«, ergänzte sie begütigend, als sie bemerkte, wie schroff sie geklungen hatte.

Bei ihren Worten war Josephine zusammengezuckt, doch sie hatte sich schnell wieder im Griff. Sachlich erkundigte sie sich: »Du hast sicherlich ein paar Sachen mitgebracht. Wo sind die jetzt?«

Franziska lächelte ein kaum sichtbares trauriges Lächeln, als ob sie einer besonderen Erinnerung nachhing. Schließlich erwiderte sie: »Ich habe eine kleine Reisetasche in einem kleinen Bed and Breakfast in Saint Buryan. Das Zimmer ist noch für zwei Tage bezahlt. Nur für den Fall . . .«

Franziska zögerte, und es schien, als wolle sie etwas erklären. Dann jedoch holte sie nur tief Luft und erkundigte sich: »Weshalb fragst du?«

»Ach nur so. Ich dachte, es wäre vielleicht ganz nützlich, wenn du deine Sachen wieder hast. Irgendwann braucht man schließlich auch frische Socken.« Josephine deutete auf Franziskas Strümpfe, die zum Trocknen auf dem Heizkörper lagen. Als sie sah, wie Franziska verlegen die Augen niederschlug, stand sie auf und kramte in ihrer eigenen Reisetasche, aus der sie schließlich einen kleinen Beutel herauszog.

»Hier.« Sie reichte ihn Franziska hinüber. »Meine Notreserve. Irgendein Gast braucht immer mal ein paar Socken oder einen Slip. Ich habe stets welche dabei. Nur für den Fall . . .«

Erneut schrak Josephine ein wenig zusammen, als sie bemerkte, dass sie Franziskas Worte wiederholt hatte. Sie hätte sich für ihre Gedankenlosigkeit ohrfeigen können, doch Franziska schien nichts bemerkt zu haben. Sie kramte in der Tüte und zog ein paar neue Ringelsocken sowie einen noch frisch verpackten Slip heraus.

»Und so etwas hast du immer dabei?« Franziska konnte ihre Überraschung nur schlecht verbergen.

»Ja, schon.« Josephine zuckte leichthin mit den Schultern »Als Reiseleiter erlebst du so viel, da musst du einfach gewappnet sein. Hier, fang!«

Sie warf Franziska ein Taschenmesser zu, damit diese die Verpackung aufschneiden konnte.

»Das gehört auch zu deiner Grundausrüstung?«, erkundigte sich Franziska nunmehr lächelnd.

»Sicher doch.« Josephine grinste breit, froh zu sehen, dass sie ihr Gegenüber ein wenig aus ihrer Lethargie hatte reißen können. »Gibst du mir die Adresse und die Nummer deines Bed and Breakfasts? Dann kann ich eventuell organisieren, dass du deine Tasche bekommst.« Josephine zögerte. »Falls du willst, könntest du morgen mit uns weiterfahren. Dann wärst du erst mal nicht so allein. Wir fahren nach Trebah Garden. Der ist wirklich toll. Den muss man einfach gesehen haben, wenn man in Cornwall ist. Hast du Lust, oder soll ich dir lieber eine Mitfahrgelegenheit nach Saint Buryan organisieren?«

Wie immer, wenn sie über Cornwall sprach, leuchteten Josephines Augen voller Begeisterung. Franziska spürte, wie sehr sie diese Gegend liebte. Das erste Mal seit langem spürte sie auch, dass sich in ihr selbst so etwas wie ein Gefühl regte. Unter all der Taubheit, die ihren Körper und Geist befallen zu haben schien, fühlte sie zarte Neugier sprießen.

Die Frau, die ihr so lässig in sandfarbenen Cargohosen und rotem Sweatshirt gegenüber saß, schien so viel Lebenslust und Unbekümmertheit auszustrahlen, dass selbst sie, die dachte, dass ihr Herz erfroren sei, sich dem nicht völlig entziehen konnte.

Unter dem taxierenden Blick Josephines wägte sie ab, wie es weitergehen sollte. Es erschien ihr nicht sonderlich verlockend, nach Saint Buryant zurückzukehren. Zurück in das leere Zimmer, wo sie wieder allein auf ihrem Bett hocken würde, grübelnd, was zu tun sei, unfähig, einen kurzfristigen Entschluss oder gar einen von größerer Tragweite zu fassen.

Teil 03

Josephine seufzte erleichtert auf. »Nichts lieber als das. Dann kann ich ihr wenigstens mein Zimmer überlassen.« Sie schmunzelte und fügte neckend hinzu: »Und nimm den guten Brandy. Letztens der war nicht mal dritte Wahl.«

Franziska indessen hatte von dem Gespräch nichts weiter mitbekommen. Nicht, dass sie kein Englisch gesprochen hätte. Aber sie fühlte eine unendliche Müdigkeit in sich, die nur von dem nagenden Hungergefühl übertroffen wurde.

Es hatte ihr gut getan, dass sich jemand um sie kümmerte und sorgte. Sie hätte nicht zu sagen gewusst, wann dies das letzte Mal geschehen war. Deshalb nahm Franziska es willig hin, als Josephine sie sanft am Arm berührte.

»Komm, mein Zimmer ist oben. Ich denke, du kannst eine Dusche gut gebrauchen. Die weckt die Lebensgeister.« Kaum war ihr der letzte Satz entschlüpft, biss sich Josephine verlegen auf die Lippen. Wie konnte sie nur so gedankenlos daherreden, nach dem, was heute passiert war. Rasch fuhr sie deshalb fort: »Und anschließend gibt’s auch das versprochene Clubsandwich . . . Oder was immer du willst.«

Sie schaute Franziska gespannt von der Seite an, doch diese reagierte nur mit einem leichten Nicken, ohne dass ihre Miene verraten hätte, was sie dachte.

Schweigend liefen sie nebeneinander die langen Flure entlang, die nur vom düsteren Schein kleiner Lampen erhellt wurden. Auch das war etwas, was Josephine an diesem Hotel so mochte. Sie liebte die gediegene Vornehmheit der alten Möbel, die hier und da auf den Fluren standen, den leicht muffigen Geruch, der aus den dunkelroten Seidentapeten aufstieg, den Türknauf mit dem Löwenknopf, der so elegant in der Hand lag, wenn man die Zimmertür öffnete.

Als Josephine genau dies tat und Franziska vor sich ins Zimmer schob, zeigte diese erstmals seit ihrem Zusammenbruch im Minack Theatre eine sichtbare Reaktion.

»Oh, wie schön«, entschlüpfte es ihr, und ihre Augen wurden groß und rund.

Der dunkelblaue Teppichboden unter ihren Füßen gab angenehm weich nach. Die Terrakottafarbe der Wände verlieh dem Raum eine anheimelnde Atmosphäre.

Schwer lagen die ebenfalls dunkelblauen Tagesdecken, verziert mit schmalen Silberstreifen, auf den beiden durch einen Nachttisch getrennten Betten. Auf den gleichfarbigen Schmuckkissen lockte jeweils ein Täfelchen Schokolade.

Josephine wies mit raumgreifender Geste um sich.

»Dies ist also mein Reich. Zumindest für drei Nächte. Übermorgen ist diese Tour zu Ende, dann fahre ich zurück.« Sie deutete auf das linke Bett. »Du kannst das da drüben haben. Handtücher müssten gleich kommen.«

Als wäre das der passende Zauberspruch gewesen, klopfte es an der Tür.

»Zimmerservice!«, war gedämpft zu vernehmen.

Josephine eilte zur Tür, wechselte ein paar englische Worte mit dem Zimmermädchen und kam mit einem Stapel blütenweißer Handtücher, einem ebensolchen, flauschigen Bademantel sowie Pantoffeln in Plastikverpackung zurück. Das Ganze wurde gekrönt von einer Zahnbürste, Zahnpasta und einem Kamm.

All das hielt sie Franziska entgegen. »Hier, das dürfte erst mal reichen. Wenn du magst, nimm ein Bad. Die Wanne hat epische Ausmaße.«

Josephine schmunzelte wissend, wurde jedoch sofort wieder ernst, als sie sah, welche tiefe Verlorenheit Franziskas Gesicht überschattete. Müdigkeit hatte ihr dunkle Ränder unter die Augen gemalt, während möglicherweise Hoffnungslosigkeit oder Trauer – da war sich Josephine nicht ganz sicher – ihr tiefe Furchen um die Mundwinkel grub.

Sicher war sich Josephine jedoch in einem – diese junge Frau mit dem sonst vermutlich wallenden roten Haar und der beinahe porzellanzarten Haut wirkte so hilfsbedürftig, dass sie sie am liebsten in den Arm genommen und zärtlich wie ein Kind gewiegt hätte.

». . . lebst du hier in der Nähe?«

Franziskas unverhoffte Frage riss Josephine aus ihren Gedanken.

»Tut mir leid, was hast du gefragt? Ich war in Gedanken gerade bei meiner Reisegruppe«, log sie geübt.

»Entschuldige. Ich fragte nur, ob du hier in der Nähe lebst.« Franziskas Stimme klang, als bereite ihr bereits das Sprechen große Mühe.

»Oh ja, das tue ich. Max und ich haben drüben in Dartmoor ein Hotel. Nicht besonders groß, neun Zimmer, aber für uns reicht’s.« Stolz schwang in Josephines Stimme, als sie das sagte.

»Max ist dein Mann?« Fast schien es, als schwang Enttäuschung in Franziskas Frage.

»Mein Mann?«, echote Josephine irritiert. Dann lachte sie verstehend. »Nein, nicht mein Mann. Max, also eigentlich Maxine, ist meine Freundin. Zumindest die meiste Zeit.«

Den letzten Satz nuschelte Josephine so stark, dass Franziska erstaunt aufblickte. Sie wagte jedoch nicht, nachzufragen.

Das Thema schien Josephine ein wenig unangenehm zu sein. Jedenfalls lenkte sie ab, indem sie Franziska sanft in Richtung Bad schob. »Genieß das Bad. Es ist wirklich sehenswert.«

Es dauerte dann auch wirklich eine ganze Weile, ehe Franziska nur mit dem weißen Badmantel angetan das Bad verließ. Ihre roten Locken schienen noch ein wenig feucht.

»Das Bad ist wirklich toll. Du musst deinen Job schon deshalb mögen, weil du so erstklassig wohnen kannst.« Sie lächelte verlegen, setzte sich in einen der beiden Sessel und zog die Knie an. »Ich hoffe, ich habe nicht zu sehr herumgeplanscht.«

Josephine winkte ab. »Kein Problem. Das bin ich von zu Hause gewöhnt. Außerdem – besser hier als in Porthcorno vor der Küste.« Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund und murmelte: »Tut mir leid, das war gedankenlos. Ich würde jetzt gern meine Worte essen, wie der Engländer so schön sagt. Manchmal sollte ich wohl denken, bevor ich rede.«

Ehe Franziska etwas erwidern konnte, verschwand sie im Bad. Nur das Rauschen der Dusche war noch zu hören.

Als Josephine aus dem Badezimmer kam, fand sie Franziska blicklos starrend am Fenster vor. Sanft legte sie ihr die Hand auf die Schulter.

»Schön, nicht wahr?«

»Bitte?« Erschrocken fuhr Franziska, die immer noch im Bademantel war, herum.

»Ich sagte Schön, nicht wahr«, wiederholte Josephine mit freundlicher Stimme. »Ich meinte den Blick in den Park. Ich liebe diese englischen Gärten. Ihr Symmetrie erscheint mir stets so friedlich und beruhigend.«

»So habe ich das noch nie gesehen. Ich halte sie eigentlich eher für kitschig.« Mit dem Kinn deutete Franziska auf zwei bemooste steinerne Putten, die mit verträumtem Blick eine verwitterte Holzbank flankierten.

»Kitschig! Wohl kaum. Das ist reine Poesie. Sieh nur, wie sehnsüchtig sie schauen. Und der Park – lädt er nicht förmlich zum Flanieren ein? Stell dir vor, du spazierst im Frühling mit jemandem, den du wirklich magst, all diese wunderbaren Alleen entlang. Ihr verliert euch im Heckenlabyrinth, findet euch wieder, verirrt euch erneut, um am Ende an einem schattigen Fleckchen unter den alten Eichen ein stilvolles Picknick mit all den englischen Köstlichkeiten zu machen, während euch eine dieser Putten verschmitzt lächelnd zuschaut. Klingt das nicht romantisch?«

Josephine schien bei diesem Thema geradezu euphorisch geworden zu sein und strahlte Franziska erwartungsvoll an.

Diese zuckte nur müde mit den Schultern. »Kann schon sein. Ehrlich gesagt, ist mir derzeit nicht sehr nach Romantik. Außerdem glaube ich nicht, dass ich je gehört habe, dass jemand die englische Küche als köstlich bezeichnet hat.«

Franziska schlang die Arme enger um sich und starrte erneut ins Nichts.

Für den Moment fühlte sich Josephine, als hätte sie vom Zehnmeterbrett eine Bauchladung vollzogen. Doch sie verzog keine Miene.

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