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Teil 06

Die Hundebesitzerin stand immer noch hilflos daneben und wimmerte. »Oh mein Baby, tun Sie meinem Baby nicht weh.«

Lilly sah die Frau fassungslos an. »Ihm ist nichts geschehen. Da hat er selbst mehr Schaden angerichtet.« Sie deutete auf Sinas Bein, auf deren Hose ein Blutfleck sichtbar wurde.

»Das hat er noch nie gemacht«, wimmerte die Hundebesitzerin weiter.

»Ja, das sagen sie alle«, sagte Sina mit wütender Stimme und schmerzverzerrtem Gesicht. Sie hielt sich das verletzte Bein. Der Blutfleck auf der Jogginghose vergrößerte sich. »Fehlt bloß noch der Spruch: Er wollte doch nur spielen . . . Ich sollte Sie anzeigen!«

»Ist Ihr Hund gegen Tollwut geimpft?«, wollte Lilly von der Hundebesitzerin wissen.

»Ja, natürlich.«

»Schreiben Sie bitte Ihren Namen und Ihre Anschrift auf, falls es noch Fragen wegen der Versicherung gibt.« Lilly ging zu Sina und widmete sich deren Bein. »Darf ich?«, fragte sie Sina, der Tränen in den Augen standen. Ob vor Schmerz oder vor Wut konnte Lilly nicht ausmachen.

Sina nickte.

Lilly krempelte das Hosenbein hoch. Das Bein hatte leichte Bissspuren und einen Riss von etwa zwei Zentimetern, der noch heftig blutete.

»Das muss auf jeden Fall desinfiziert und vielleicht sogar genäht werden«, bemerkte Lilly. Sie zog ein sauberes Taschentuch hervor und drückte es auf die Wunde.

»Autsch!, fuhr Sina sie an. »Lassen Sie das, das geht schon!«, wehrte sie Lilly ab und versuchte aufzustehen. »Ist doch bloß ein Kratzer.«

»Wenn Sie sich eine Blutvergiftung zuziehen wollen, reicht auch ein Pflaster«, sagte Lilly trocken. Am liebsten hätte sie Sina auf der Straße sitzengelassen und wäre gegangen. Aber das brachte sie nicht übers Herz.

Bei dem Versuch aufzustehen rutschte Sina aus, weil sie keinen Halt mit dem schmerzenden Bein fand.

Lilly half ihr hoch. »Ich fahre Sie ins Krankenhaus.«

Widerwillig ließ Sina sich darauf ein. Sie hasste es, so hilflos zu sein und ausgerechnet Lilly als Stütze an ihrer Seite zu haben.

Lilly nahm von der Hundebesitzerin die Notiz mit deren Adresse entgegen und riet ihr freundlich zu einem Besuch in der Hundeschule. Dann half sie Sina über die Straße und in ihr Auto hinein.

Sina schnallte sich die Skater ab und sank kraftlos in den Beifahrersitz.

Schweigend startete Lilly den Wagen und fuhr in die Notaufnahme des Krankenhauses. Ein Pfleger kam sofort mit einem Rollstuhl. Mühevoll hievte Sina sich vom Auto in den Stuhl.

Lilly rang mit sich selbst, ob sie warten oder gehen sollte. Sie hatte ihre Pflicht getan und Erste Hilfe geleistet. Alles Weitere oblag nicht mehr ihren Aufgaben. Dennoch . . .

»Soll ich noch warten und Sie anschließend nach Hause bringen?« Im Grunde rechnete Lilly wieder mit einer pampigen Antwort seitens Sina. Das war sie ja schon gewöhnt.

Sina holte bereits tief Luft.

Instinktiv zog Lilly den Kopf ein, doch dann kam ein weiches: »Das wäre sehr nett von Ihnen.«

Lilly glaubte, sich verhört zu haben. Überrascht sah sie Sina an. Die schaute sofort weg und begutachtete ihr blutdurchtränktes Hosenbein.

Der Pfleger rollte Sina in die Notaufnahme. Sina war froh, dass sie damit weg von Lilly kam, damit diese ihre kurz aufgekommene Verlegenheit nicht mitbekam.

Ein paar Minuten wartete Lilly auf dem Parkplatz, in Gedanken versunken an ihr Auto gelehnt. Zum ersten Mal hatte sie ein wenig Menschlichkeit an Sina entdeckt. Das war so komisch und fremd für sie, dass es ihr lieber gewesen wäre, Sina hätte sie wieder von oben herab behandelt. Da wusste Lilly zumindest, woran sie war. Aber das jetzt . . .

Gemächlich ging sie hinein und nahm im Wartezimmer vor der Notaufnahme Platz. Eine knappe Stunde später wurde Sina entlassen. Ihr Unterschenkel war bandagiert, das Hosenbein hochgekrempelt. Sie humpelte auf der Zehenspitze.

»Bitte achten Sie darauf, dass sie sich am Wochenende schont, damit die Naht nicht wieder aufreißt«, sagte der Arzt an Lilly gewandt.

Lilly verschlug es die Sprache. Sie brachte es nicht fertig, zu sagen, dass sie nur das Taxi sei, nichts weiter. Dachte der Arzt etwa, sie sei eine Familienangehörige? Sie nickte nur.

Eine erneute Hilfe mit Lilly als Stütze lehnte Sina ab. Mit zusammengebissenen Zähnen humpelte sie zum Auto. Schweigend fuhren sie zu ihr nach Hause.

Als Sina ausstieg, fragte sie Lilly: »Möchten Sie noch auf einen Kaffee mit hereinkommen?«

Das liegt bestimmt an dem Betäubungsmittel, was sie ihr beim Nähen gegeben haben, dachte Lilly. Das hat mit Sicherheit ihren Verstand getrübt, auch wenn es nur eine örtliche Betäubung war. »Ähm, nein, danke, ich muss meine Einkäufe im Kühlschrank unterbringen, damit sie nicht verderben.«

Zum ersten Mal sah Sina Lilly mit anderen Augen an. Lilly fühlte sich unter diesem Blick alles andere als wohl.

»Danke!«, sagte Sina mit weicher Stimme und hielt Lilly die Hand hin.

Lilly erwiderte unsicher den Händedruck. Dann drehte sie sich um und ging zu ihrem Auto. Bloß schnell weg hier!

Sina schaute ihr nach, bis das Auto ihrem Blick entschwunden war. Sie schloss die Tür, ging in ihr Wohnzimmer und schenkte sich einen Whisky ein. Mit dem Glas in der Hand ließ sie sich in den Sessel fallen und starrte auf den Grund des Gebräus, als könne sie darin irgendetwas lesen.

4.

Seit sie von Sina weggefahren war, machte sich Zerstreuung in Lilly breit. Bei nichts, was sie an diesem Wochenende tat, war sie mit den Gedanken so richtig bei der Sache. Immer wieder schweiften diese zu Sina und deren merkwürdigem Benehmen.

Sollte diese Frau tatsächlich ein Herz besitzen? Bisher hatte Lilly nur verbale Schläge von ihr eingesteckt. Und was sie sonst so mitbekam von Sinas Verhalten den anderen Mitarbeitern gegenüber war nicht minder brutal. Eigentlich war sie ein Teufel in Menschengestalt.

Aber diesmal hatte sie eine andere Seite gezeigt.

Lilly wunderte sich selbst darüber, dass sie an Sina dachte. Im Prinzip konnte ihre Chefin ihr egal sein. Ihr Vorgesetzter war in erster Linie Tilo, von dem sie ihre Aufträge bekam. Auch wenn diese letztendlich von ganz oben, also von Sina, abgesegnet wurden. Bisher hatte es darüber keine Klagen oder Beschwerden gegeben. Also schien die Firmenchefin zufrieden mit Lillys Arbeit zu sein.

Nach außen hin war Sina eine faszinierende Frau. Lange, schwarze Haare, haselnussbraune Augen, dezent geschminkt. Sina trug kaum Schmuck, nur eine dünne silberne Kette und eine weißes ledernes Armband. Ganz gleich, ob sie Rock oder Hose an hatte, sie machte in allem eine gute Figur, bewegte sich geschmeidig wie eine Katze. Eine Frau, der sicher jeder Mann vom Aussehen her schon verfiel. Ganz sicher auch so manche Frau, wenn sie denn Frauen bevorzugte.

Ob es je schon einmal jemanden an ihrer Seite gegeben hatte? Vielleicht sollte sie sich bei Bianca nach Sinas Privatleben erkundigen. Aber das würde bestimmt eine neugierige Gegenfrage nach sich ziehen, und Lilly wollte es vermeiden, sich zu outen. Es ging niemanden an, dass sie auf Frauen stand. Außerdem war Sina sowieso unerreichbar für sie.

Lilly seufzte. Warum war das Leben manchmal nur so schwer?

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 05

»Sie hat mir nur einen guten Appetit gewünscht«, sagte Lilly betont gleichgültig, obwohl sie am liebsten das Weite gesucht hätte. Hoffentlich war dieser komische Tag bald zu Ende!

»Dafür ist sie aber wie ein ICE abgezischt . . . Nun, diesmal dürfte es spannend werden, wer den Wettbewerb gewonnen hat.«

»Wieso?« Lilly zupfte sich einige Weinbeeren von ihrer Traube.

»Sonst hat jedes Jahr die Chefin mit Moni gewonnen. Das wird aber heute mit Sicherheit nicht der Fall sein, weil die beiden unglaublich viel Zeit im Wald verloren haben. Keine Ahnung, wie Moni das mit ihrer Höhenangst geschafft hat. Vielleicht hat Medusa sie bewusstlos geschlagen und dann mitgeschleppt. Zuzutrauen wäre es ihr. Jedenfalls hat sie sich mit ihren blöden Ideen zum Sportfest dieses Jahr so richtig ein Eigentor geschossen.«

Lilly musste über Biancas direkte Art lachen. »Wenn die Chefin jedes Jahr gewonnen hat, beschenkt sie sich ja selbst mit dem Hauptpreis. Sie dürfte sich so etwas doch locker selbst leisten können.«

»Eben. Und so spart sie schon einmal zwei Plätze, weil sie selbst die Reise nicht macht. Aber dieses Jahr muss sie vier Plätze sponsern, da bin ich mir sicher, hihi.« Bianca konnte ihr kleines fieses Lachen nicht zurückhalten.

Plötzlich ebbten die Gespräche im Zelt ab. Das Trainerteam kam mit der Auswertung herein. Der Leiter bestätigte den ordnungsgemäßen Ablauf des Events und lobte den Teamgeist aller Teilnehmer. Er begann, die Platzierungen zu verlesen und fing mit Platz fünf an.

Bianca lag mit ihrer Kollegin auf Platz vier. »Wie gern hätte ich meinen Urlaub auch einmal in der Karibik verbracht.« Bianca seufzte leise.

»Was hält dich davon ab?«, flüsterte Lilly zurück. »Es gibt doch auch gute Schnäppchen in den Reisebüros.«

»Das Geld ist es nicht. Ich habe Flugangst.«

»Dagegen gibt es Medikamente.«

»Bei mir hilft nicht einmal eine Überdosis.«

Als auf dem zweiten Platz Sina und Moni verlesen wurden, hielten alle den Atem an. Man hätte eine Maus rascheln hören können. Alle applaudierten höflich.

»Wer wird denn nur gewonnen haben?« Bianca schaute sich fragend in der Runde um. Und sie war nicht die einzige, die das tat. Die bereits vier genannten Teams der Top Fünf schieden ja schon mal aus . . .

Gespannt warteten alle auf die Verkündung des Siegerpaares. Dann endlich . . .

»Das Gewinnerteam des heutigen Tages sind . . . Lilly und Tilo. Darf ich euch nach vorn bitten?«

Völlig verblüfft lösten sich die beiden aus der Menge. Unter tosendem Applaus nahmen sie jeder ihren Gutschein für die Urlaubsreise in Empfang.

Lilly wusste nicht, wie ihr geschah. Sie hatte noch nie etwas gewonnen. Um sie herum schien sich alles zu drehen. Sie nahm die Gesichter kaum wahr. Nur an einem Gesicht in der Menge blieb ihr Blick haften: Sina. Diese stand wie zur Salzsäule erstarrt. Die einzige Person, die nicht applaudierte.

Die Kollegen drängten sie um sie, um zu gratulieren. Die Glückwünsche kamen von Herzen. Es wurden Sektgläser verteilt, und man stieß auf das Siegerteam und das gelungene Event an.

Plötzlich tauchte Sina vor Lilly und Tilo auf. »Meinen Glückwunsch, ihr beiden. Hast du es endlich auch mal aufs Siegertreppchen geschafft«, sagte sie an Tilo gewandt. Dann drehte sie sich zu Lilly. »Und Sie können von Glück reden, dass Tilo das alles gerissen hat, sonst würden Sie nicht hier stehen.«

»Du irrst dich, liebste Sina«, korrigierte Tilo. »Ich habe es Lilly zu verdanken, dass ich hier stehen darf.«

»Hast du Luftballons an ihr befestigt, damit sie schneller durch den Parcours fliegen konnte?«

»Du bist gerade sehr unfair«, nahm Tilo Lilly in Schutz und legte einen Arm um sie.

»Liegt bestimmt an dem Sekt.« Sina grinste. »Aber ich gönne dir die Karibik.« Sie drehte sich um und ging.

»Nehmen Sie es nicht persönlich«, tröstete Tilo Lilly. »Sie ist so.«

»Sie kann mich nicht ausstehen«, antwortete Lilly.

»Das wird sich ändern, wenn sie Ihre wahren Werte erkennt. Zumindest haben Sie einen schönen Karibikurlaub als kleine Entschädigung.«

»Ja, für zwei Personen. Ich dachte schon, ich muss mit Ihnen in die Karibik fliegen.«

Tilo lachte. »Nein, die Reise gibt es zweimal für zwei Personen. Meine Frau wird sich sehr darüber freuen, mit mir in diese Gefilde zu fliegen.«

Die Busse fuhren vor, und alle wurden wieder zurück zum Firmengelände gebracht. Lilly verabschiedete sich dort von Bianca und drückte ihr den Gutschein in die Hand. »Hier, die Reise schenke ich dir. Ich brauche sie nicht; mein Urlaub ist schon verplant.«

Bianca bekam große Augen. »Wie das denn? Gibt es noch was Besseres als die Karibik?«

»Ich fliege jedes Jahr im Herbst für drei Wochen nach Kanada auf eine Ranch zum Viehabtrieb. Da sortieren wir die Kälber aus. Sie werden von ihren Müttern getrennt, bekommen ein Brandzeichen und werden dann verkauft.«

»Das ist ja ein richtiges Cowboyleben.«

»Ja. Es macht unwahrscheinlich viel Spaß, auf dem Rücken eines Pferdes die endlose Landschaft zu genießen.«

Bianca starrte auf den Gutschein in ihrer Hand. »Ich kann das nicht annehmen. Du weißt doch, ich habe Flugangst.«

»Das bekommen wir hin. Ich kenne einen Arzt, der sich gut mit Hypnose auskennt. Der kann dir helfen, die Flugangst zu besiegen.«

»Hypnose? Was, wenn er mir was Falsches suggeriert?«

»Das wird er nicht. Du kannst die Sitzungen auch auf Video aufzeichnen lassen. Oder ich komme mit, wenn du möchtest.«

Skepsis lag in Biancas Blick.

»Überleg es dir in Ruhe«, sagte Lilly, »und dann gib mir Bescheid, ob ich einen Termin bei ihm für dich machen soll.«

»Okay. Ich werde das mit meinem Freund besprechen. Wenn es nach ihm geht, könnte ich wohl gleich zusagen.«

Sie verabschiedeten sich voneinander. Lilly wollte jetzt nur noch nach Hause, sich duschen und die Beine hochlegen. Als sie in der Tiefgarage zu ihrem Auto lief, entging ihr die Frau, die im Schutze eines Jeeps lehnte und sie beobachtete.

3.

Lilly war überrascht, als sie am nächsten Morgen kaum Muskelkater verspürte. Sie hatte es sich wesentlich schlimmer vorgestellt. Sie war erleichtert, zudem freute sie sich nach dieser stressigen Woche auf das freie Wochenende.

Nach dem Frühstück fuhr sie mit dem Auto in die Stadt, um einige Einkäufe zu tätigen. Eben verstaute sie ihre Einkaufstüte im Kofferraum, als sie auf der gegenüberliegenden Seite sah, wie ein Skater auf dem Radweg angerast kam und plötzlich von einem freilaufenden Pudel angegriffen wurde. Der Skater überschlug sich und blieb liegen, der Pudel verbiss sich in seinem Bein.

Der Skater schrie vor Schmerz und Panik. Die Stimme entpuppte sich als die einer Frau. Lilly eilte über die Straße. Eine vornehm angezogene Dame stand daneben und schluchzte. »Oh nein, Johnny, was tust du nur? Lass los.«

Geistesgegenwärtig packte Lilly den Hund an den Hinterbeinen. Der ließ von der Frau am Boden ab. Blitzschnell hatte Lilly ihn am Halsband, nahm Augenkontakt mit ihm auf und befahl energisch: »Sitz!«

Überrascht tat der Hund, wie ihm befohlen. Die Frau am Boden rutschte schnell weg. Unter dem Sturzhelm erkannte Lilly auf einmal Sina. Lilly lobte den Hund für den Gehorsam auf ihr Kommando und streichelte ihm über die Schulter.

Teil 04

Völlig verdutzt starrte Tilo auf die Zeichnung. »Was heißt denn, ›dem Verlauf des Bildes folgen‹? Hier ist kein Wegweiser und nix eingezeichnet. Es zeigt nur die Landschaft, die wir hier vor uns haben – und das ist Wald.«

»Und irgendwo in diesem Wald gibt es eine Lichtung, wo wir den nächsten Hinweis finden.«

»Aber wir können doch nicht aufs Geradewohl durch das Dickicht kraxeln!«

Lilly sah sich um und entdeckte eine Strickleiter an einem Baum. »Da!« Sie schaute auf die Zeichnung und fand dort tatsächlich die Leiter.

»Sie sind der Navigator in Menschengestalt. Gehen wir.« Tilo bekam so langsam Spaß an dieser Schatzsuche.

Sie kletterten die Strickleiter hinauf und fanden sich auf einer Plattform wieder, von der aus eine schmale Hängebrücke zum nächsten Baum führte. »Das ist ja wie im Kletterwald«, murmelte Lilly vor sich hin.

Tilo ging voran, Lilly folgte ihm.

In der Mitte der Hängebrücke warf sie zufällig einen Blick zur Seite und hatte von da oben volle Sicht auf den Irrgarten, in dem eben Sina und ihre Sekretärin herumirrten. Wie zwei aufgescheuchte Hühner wuselten sie dort durch und verliefen sich in Sackgassen.

»Alles in Ordnung?«, rief Tilo vom anderen Ende der Hängebrücke.

»Ja, ich komme schon.« Lilly überquerte die Brücke zügig.

Verschiedene Hindernisse in den Bäumen kamen noch auf sie zu. Zuletzt trafen sie auf ein Seil, mit dem sie sich über einen breiten Bach schwingen mussten. Ließ man zu zeitig los, fiel man ins Wasser. Doch beide kamen trocken auf der anderen Seite an, und die Lichtung war in Sicht.

»Ich staune, wie Sie sich da oben in den Bäumen entlanggehangelt haben. Das hätte ich Ihnen, ehrlich gesagt, nicht zugetraut.«

Lilly sah Tilo an. »Danke«, sagte sie verlegen.

Das nächste Hindernis wartete. Blindes Vertrauen. Auf der Lichtung waren in einem Viereck Schnüre kreuz und quer in verschiedenen Höhen gespannt. Einer vom Team bekam die Augen verbunden, der andere musste ihn über diese Schnüre lotsen. Ein Streckenposten achtete darauf, dass alles korrekt ablief.

»So wie Sie uns durch den Irrgarten geleitet haben, vertraue ich Ihnen, dass Sie mich sicher durch dieses Netzwerk lotsen. Ich würde den Part der blinden Kuh übernehmen, wenn Sie damit einverstanden sind«, schlug Tilo vor.

»Ich habe nichts dagegen«, antwortete Lilly. Aber freiwillig hätte ich es nicht gemacht. Lilly bekam feuchte Hände. Wenn Sie nicht die richtige Ansage machte und ihr Vorgesetzter stolperte . . . Oh Gott!

Langsam, wie hoch und weit er sein Bein heben musste, um die jeweilige Schnur zu übersteigen, gab Lilly Tilo die Richtung vor. Manchmal haarscharf am Stolpern vorbei, leitete sie ihn jedoch sicher hindurch.

Mit Schweißperlen auf der Stirn zog er sich anschließend die Binde vom Kopf. »Ich hoffe nur, dass diese Hindernisbahn bald zu Ende ist. Das ist ganz schön anstrengend. Aber ich muss sagen, wir sind ein gutes Team.«

»Noch sind wir nicht am Ziel«, entgegnete Lilly.

Der Streckenposten übergab ihnen die nächste Karte. Sie mussten zum Bach zurück und mit einem Kanu dem Verlauf des Wassers folgen. An dessen Ende war der Zieleinlauf.

Sie paddelten los. Tilo gab den Takt vor. Nach etwa zwanzig Minuten erreichten sie mit schweren Armen das Ziel. Der Streckenposten trug die Ankunftszeit ein. Erschöpft fielen beide ins Gras. Sie hatten den Hindernismarathon geschafft. Zwei Teams waren schon vor ihnen angekommen. Auch sie ruhten sich im Gras aus.

Eine junge Frau vom Versorgungsteam brachte den beiden Mineralwasser und sammelte die Checkkarte ein.

Tilo unterhielt sich mit den anderen gelandeten Kollegen darüber, wie sie durch den Parcours gekommen waren. Lilly hörte schweigend zu und sah auf den Bach, dessen leises Dahinplätschern eine beruhigende Wirkung hatte.

Es mochte eine knappe Viertelstunde vergangen sein, als das nächste Kanu in Sicht kam. Lilly erkannte Sina schon von weitem. Je näher sie kamen, umso mehr war die gespannte Stimmung im Kanu zu spüren. Sina kochte sichtlich, und ihre Sekretärin Moni, mit knallrotem Gesicht, schien völlig fertig zu sein. Dennoch hielt sie bis zum Anlegen straff durch.

Sina sprang aus dem Kanu mit einer Geschmeidigkeit und einem Elan, als hätte sie den Parcours eben erst begonnen. Moni hingegen stieg aus und fiel um.

Sofort war Lilly auf den Beinen und bei ihr. Sie stützte sie, hielt ihr die Wasserflasche an den Mund, und die Frau trank in großen Schlucken.

Als sie sich etwas beruhigt hatte, sagte Moni: »Diese Frau ist der Teufel. Dieses Jahr hat sie dem ganzen die Krone aufgesetzt. Wir sind alles nur Bürohasen, keine Olympioniken. Ich glaube, sie hat den Bogen etwas überspannt. Wie sehen Sie das?«

Lilly hütete sich, einen Kommentar abzugeben, noch dazu gegenüber jemandem, der so eng mit der Chefin zusammenarbeitete. Vielleicht war das ja alles nur gespielt, um herauszufinden, was Lilly über Sina dachte? Dann würde Moni ihr alles brühwarm erzählen, und Sina hätte einen Grund, Lilly zu kündigen. »Ich kann dazu nichts sagen. Ich bin das erste Mal dabei.«

Eine Stunde später trafen auch die letzten Teams ein. Fast alle waren ausgepowert. Man traf sich in einem großen Zelt, wo für kleine Snacks, Getränke und frischem Obst gesorgt war.

Am Buffet traf Lilly auf Bianca.

»Ich bin völlig fertig«, sagte Bianca, während sie verschiedenes Obst auf ihren Teller legte. »Ich habe das Gefühl, Affenarme zu haben und mich im Stehen an den Fußsohlen kratzen zu können. Die Kletterei in dem Wald war übel. Das Schlimmste war, sich wie Tarzan von einem Baum mit der Liane in das Spinnennetz zu schwingen. Dort dachte ich echt, ich falle gleich runter. Ich hab mich wie besessen in die Seile gekrallt, weil alles schaukelte. Wie geht es dir?«

»Ich bin froh, es hinter mir zu haben«, antwortete Lilly erleichtert.

»Dieses Jahr setzt dem allen die Krone auf. Dagegen waren die letzten Jahre der reinste Spielplatz. Die Moni ist fix und fertig. Sie leidet an Höhenangst, aber Medusa hat sie ohne Rücksicht auf Verluste da durchgejagt.«

In diesem Moment wurde Bianca von ihrer Kollegin gerufen.

»Bin gleich wieder bei dir«, sagte Bianca und ging.

Lilly suchte sich noch einige Kleinigkeiten zusammen, als sie hinter sich eine bekannte Stimme vernahm.

»Sie müssen wohl Ihren Kalorienhaushalt wieder auffüllen, weil Sie zu viel Bewegung hatten?«

In Lilly wuchs das leise Verlangen, Sina den Teller mit den Baguettehäppchen ins Gesicht zu drücken. Sie drehte sich um. Ruhig sagte sie: »Möchten Sie?« und bot Sina mit einem freundlichen Lächeln den Teller an.

Verdutzt starrte Sina sie für Bruchteile von Sekunden an, dann lehnte sie dankend ab. »Essen Sie mal lieber. Sie werden es brauchen, wenn Sie die nächsten Monate im Fitnessstudio zubringen.«

»Das klingt, als wäre mein Job bereits sicher und ich kann die Probezeit übergehen.«

Funkelnden Blickes durchbohrte Sina Lilly. »Keiner kann sich je in meiner Firma sicher sein«, fauchte sie, drehte sich um und ging.

Lilly biss gelassen in ein Lachsschnittchen und gesellte sich zu Bianca, die sich noch mit ihrer Kollegin unterhielt.

»Hey, Lilly, hat dich die Chefin wieder gemobbt? Hab gesehen, wie sie dich von hinten angequatscht hat.«

Teil 03

»Hui, welcher Tornado weht dich denn herein?« Tilo zuckte erschrocken zusammen.

»Falls du dieses Schrapnell da draußen nächste Woche immer noch dort sitzen hast, kannst du gleich mit ihr die Firma verlassen!« Sina kochte vor Wut.

»Wieso? Was hat sie dir denn getan?«, wollte Tilo wissen.

»Wenn sie so schnell arbeitet, wie sie reagiert, leben wir bald in Zeitlupe.«

»Sie ist gut«, sagte Tilo.

»Gut nennst du das? Da rennt ja eine Schnecke schneller über die Straße!«

»Ich habe lange keine solch fähige Mitarbeiterin gehabt. Sie hat eine hervorragende Auffassungsgabe, verfügt über ein hohes Maß an Selbständigkeit und bringt gute Ideen ein. Wenn du auf solche Mitarbeiterinnen in deiner Firma verzichten kannst . . .«

Sina winkte ab. »Manieren scheint sie jedenfalls keine zu haben. Egal jetzt. Ich habe Änderungen für das Heymann-Projekt. Bekommst du das bis Montag hin?«

»Ich denke schon.« Tilo nickte zuversichtlich.

Lächelnd verließ Sina sein Büro. Als sie an Lilly vorbeikam, gefror ihr Lächeln, denn Lilly würdigte sie keines Blickes.

Den Rest des Tages konnte Lilly sich mit ihrer Arbeit ganz gut ablenken. Abends wuchsen wieder Zweifel in ihr, ob sie das Sportfest am nächsten Tag schaffen oder als Niete dastehen würde. Sie würde sich sicher blamieren. Letztendlich kam sie zu dem Schluss, dass alles im Leben seinen Sinn hatte. Wenn es nicht anders ging, würde sie den Wettkampf halt verlieren und ihren Job ebenso. Dann hatte es eben nicht sein sollen. Irgendwo anders wartete sicher eine neue Herausforderung.

2.

Bei ihrem Eintreffen auf dem Firmengelände am Freitagmorgen konnte Lilly sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sonst in Anzug und Krawatte beziehungsweise in Rock und Blazer, waren viele der Männer und Frauen in ihren Jogginganzügen nicht wiederzuerkennen.

»Guten Morgen, Lilly«, begrüßte Tilo sie. »Sie sehen sehr sportlich aus.«

Lilly erwiderte den Gruß und fügte hinzu: »Sieht das in einem Jogginganzug nicht jeder?«

»Übrigens ist Ihre PowerPoint-Präsentation sehr gut geworden. Den Termin für die Vorstellung mussten wir allerdings auf Dienstag verschieben. Der Kunde ist seit gestern Morgen auf Geschäftsreise im Ausland.«

Inzwischen waren die restlichen Mitarbeiter der Firma eingetroffen sowie auch die Chefin selbst. Sie war in ihrem sportlichen engen Outfit ein absoluter Hingucker, und Lilly konnte den Blick nicht von ihr lassen. Eine solch traumhafte Figur lag für sie Lichtjahre entfernt. Aber nicht nur das. Sina König hatte etwas, das Lilly faszinierte, trotz der arroganten Art, die sie an den Tag legte.

Sina begrüßte ihre Untergebenen und stimmte sie auf das kommende Event ein. »Es gibt in diesem Jahr die gewohnten Einzeldisziplinen wie Einhundertmetersprint, Weitsprung und Kugelstoßen, wobei für das einzelne Team das jeweilige Mittel errechnet wird. Hinzu kommt diesmal eine Disziplin Typisch Mann und Typisch Frau. Last, but not least ein Orientierungslauf. Ich erwarte von jedem Bestleistungen!«

Die Belegschaft bestieg die beiden bereits wartenden Busse, die sie zum Sportpark brachten. Dort übergab Sina das Wort an den leitenden Trainer, der eine detaillierte Einweisung vornahm.

Als die Teams an ihre Plätze gingen, schüttelte Lilly mit dem Kopf. »Auf solch eine Idee muss man erst mal kommen. Disziplin Typisch Mann, Typisch Frau.«

»Das ist Sina.« Tilo lachte. »Solche verkorksten Einfälle kommen jedes Jahr von ihr.«

Sie waren an der Sprintstrecke angekommen und machten sich mit einigen gymnastischen Übungen warm. Lilly sah skeptisch auf die Laufbahn. »Sprint war noch nie meine Sache. Ein Schnitzel läuft schneller als ich.«

»Ich nehme Sie eben Huckepack«, sagte Tilo.

»Davon würde ich abraten. Davon ziehen Sie sich womöglich einen Bandscheibenvorfall zu, und wir sind aus dem Rennen. Dann müssen wir die nächsten zwölf Monate gemeinsam ins Fitnessstudio.«

»Eine gesunde Alternative.« Tilo lachte.

Lilly wurde das Gefühl nicht los, dass er mit ihr flirtete. Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Vielleicht konnte dieser Gedanke ihre Beine dazu animieren, schneller zu rennen, um dem zu entgehen.

Der Startschuss fiel. Tilo sprintete in einem Tempo los, das Lilly ihm gar nicht zugetraut hätte. Sie selbst lief mit knapp dreizehn Sekunden über die Ziellinie und war total außer Atem.

Sina kam eben mit ihrer Sekretärin an der Sprintstrecke an und bekam das Ergebnis mit.

»Na, mein Lieber, damit wirst du in diesem Jahr wohl kaum unter den Top Five landen«, sagte sie zu Tilo, während Lilly etwas abseits immer noch versuchte, ihre Atmung wieder zu normalisieren. Sina lächelte süffisant zu ihr hinüber. »Mit ihr wirst du nicht einmal einen Blumentopf gewinnen.«

»Das macht nichts«, antwortete Tilo. »Du weißt doch – Dabeisein ist alles.«

Lilly hatte die Unterhaltung mitgehört, ließ sich aber nichts anmerken, als Sina weg war. Sie gingen zum Kugelstoßen, wo sie gute Werte erzielten. Beim Weitsprung lagen sie im Mittelfeld.

Die Disziplin Typisch Mann beinhaltete Gewichtheben. Jeder musste mindestens die Hälfte seines Körpergewichtes stemmen, für jedes weitere Kilo gab es Zusatzpunkte. Tilo brachte es auf zehn Kilo mehr.

Typisch Frau wartete mit Hula auf. Gemessen wurde die Zeit, bis der Reifen zu Boden fiel. Lilly nahm mit hochgezogenen Augenbrauen den Reifen auf. Verrückter ging es wohl kaum.

Tilo hob beide Hände zum Zeichen, dass er ihr die Daumen drückte. Lilly begann, und die Zeit lief. Und lief und lief und lief.

Bei der Art wie hüftschwingend Lilly den Reifen um ihre Taille hielt, wurden Tilos Augen immer größer. Minute um Minute verging.

Nach zehn Minuten brach der Trainer ab. »Das reicht. Sie haben das Maximum an Punkten herausgeholt«, sagte er anerkennend und trug das Ergebnis in Lillys Wertungskarte ein.

»Wow, wie haben Sie das nur gemacht?«, staunte Tilo.

Wie sollte sie ihm das erklären? Lilly zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Vielleicht weil es Typisch Frau war?«

»Der Punkt geht an Sie.« Tilo klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter.

Die letzte Disziplin, der Orientierungslauf, erforderte geistige und körperliche Aktivitäten. Sie bekamen den Plan von einem Irrgarten gezeigt, den sie sich zehn Sekunden lang ansehen durften. Danach mussten sie in den Irrgarten hinein. In dessen Mitte wartete die nächste Aufgabe auf sie.

»Das ist ja wie Geocaching ohne GPS-Daten«, meinte Tilo. »Ich glaube, da muss ich passen.«

»Ich hätte vielleicht einen Plan. Würden Sie mir folgen?«

»Wenn wir irgendwie vorankommen, folge ich Ihnen überall hin.«

Lilly lächelte und leitete ihn zielsicher durch das Labyrinth. In wenigen Sekunden hatten sie den Pavillon in der Mitte erreicht.

Erstaunt sah Tilo sie an. »Das geht jetzt nicht mit rechten Dingen zu.«

»Wieso? Der Typ hat uns doch die Karte gezeigt«, antwortete Lilly wie selbstverständlich.

»Ja, aber da war ja kein Weg eingezeichnet, wie wir hierher kommen. Es sei denn, Sie haben so etwas wie ein fotografisches Gedächtnis.«

»Das ist mir noch nicht aufgefallen. Früher habe ich gern Irrgartenrätsel in Zeitschriften gelöst. Vielleicht kommt es daher.«

Sie betraten den Pavillon und fanden dort eine Schatzkarte vor. Über einen unterirdischen Gang führte der Ausgang aus dem Labyrinth. Draußen angekommen, sollten sie dem Verlauf des Bildes folgen.

Teil 02

»Die meisten schon, weil Medusa sowieso immer das letzte Wort hat und somit jedes Gegenargument in Grund und Boden tritt. Sie hat immer Recht. Das Dumme ist, dass es zu achtundneunzig Prozent auch stimmt.«

»Und die restlichen zwei Prozent?«

»Die werden geschickt kaschiert, damit keiner ihren Fehler bemerkt. Ich muss wieder los.« Bianca war schon auf dem Weg zur Tür. »Wenn du eine Verbündete brauchst: Ich sitze eine Etage höher, Zimmer fünfzehn. Ach übrigens, weißt du schon von dem betriebsinternen Sportfest am Freitag? Kommen ist Pflicht.«

»Ein Sportfest? Davon hat mir noch keiner was gesagt.«

»Ja, Medusa legt Wert darauf, dass ihre Angestellten und Mitarbeiter fit sind. Daher findet jedes Jahr ein solches Sportfest statt. Der Gewinner bekommt eine vierzehntägige Urlaubsreise in die Karibik. Und der Verlierer ein Jahres-Abo fürs Fitnessstudio.«

»Na toll!«

»Erkundige dich mal bei Tilo nach den Einzelheiten. Ich muss jetzt wirklich los. Bis später.«

Verdattert saß Lilly an ihrem Schreibtisch. Ihre erste Woche war der Horror!

In der Ruhe ihres Büros aß sie ihre Brötchen und ließ sich dabei die Begegnungen mit der Chefin durch den Kopf gehen. Sollte sie ihr Kontra geben? Das hätte mit Sicherheit ihren Rauswurf zur Folge. Sie war froh, endlich einen Job gefunden zu haben. Außerdem war das nicht Lillys Art. Sie mochte keinen Streit heraufbeschwören. Lieber steckte sie ein.

Lilly widmete sich wieder ihrer Arbeit. Bis zum frühen Nachmittag hatte Lilly ihren Auftrag fertig und überbrachte das Ergebnis Tilo.

»Die Skizzen sind fertig. Das sind die Ausdrucke. Wenn Sie bitte nachsehen würden, ob sie Ihre Zustimmung finden?«

Tilo zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Sie sind aber schnell. Ich schaue es sofort durch und gebe Ihnen dann Bescheid.«

Mit einem Nicken verließ Lilly sein Büro und machte sich wieder an ihrem Schreibtisch zu schaffen. Ihr war nicht entgangen, wie er sie gemustert hatte. Nun, Biancas Bluse war figurbetont, während Lilly eher nicht so enge Kleidung bevorzugte. Aber sie konnte ja schlecht mit der beschmutzten Bluse ihrem Vorgesetzten gegenübertreten.

Wenig später kam Tilo aus seinem Büro.

»Sie haben gute Arbeit geleistet«, lobte er Lilly, die verlegen nach unten schaute. »Ihre Ideen sind hervorragend. Ich würde die Punkte, die Sie zusätzlich vorgeschlagen haben, gern in dem Projekt unterbringen. Ist es zu viel verlangt, wenn Sie mir dazu noch eine PowerPoint-Präsentation erstellen? Dann können wir morgen unserem Kunden schon die Ergebnisse offerieren.«

Lilly fiel ein Stein vom Herzen. Das Lob ihres Vorgesetzten war Balsam für ihre Seele. Die erste Hürde in dieser Firma hatte sie geschafft!

»Ich denke schon, dass ich das bis morgen schaffe.« Glücklicherweise kannte sie sich mit dem Programm gut aus und sah darin kein Problem.

»Gut. Ich schicke Ihnen gleich die Kalkulationen dazu via Mail, damit Sie alle nötigen Daten zur Verfügung haben.«

»Geht in Ordnung.«

Kurz bevor Tilo in seinem Büro verschwand, drehte er sich noch einmal um. »Übrigens . . . die Bluse steht Ihnen gut.« Damit schloss er die Tür.

Lilly spürte die Röte in ihrem Gesicht aufsteigen und war froh, dass ihr Vorgesetzter das nicht mehr gesehen hatte. Er mochte zwar zwanzig Jahre älter als sie sein, so in etwa in den Fünfzigern, dennoch waren ihr solche Blicke unangenehm.

Sie ging auf die Toilette, wusch sich die Hände und betrachtete dabei kritisch ihren Oberkörper im Spiegel. Ihre üppigen Brüste waren in der engen Bluse ein Blickfang. Genau das war es, was Lilly eigentlich nicht wollte: Die Blicke der Männer auf sich ziehen. Bisher konnte sie geschickt mit die Figur umspielenden Blusen ihr breites Becken kaschieren. Sie war nun mal ein Vollweib, nicht dick, aber einige Kilo weniger an der einen oder anderen Stelle würde sie sich schon wünschen.

Unzufrieden biss sie sich auf die Unterlippe. Morgen würde sie wieder in ihrem eigenen, unscheinbaren Outfit erscheinen und sich ein zweites im Schreibtisch verstauen, falls irgendwann wieder ein Wechsel nötig war. Auffallen war das Letzte, was sie wollte.

Als sie ins Büro zurückkam, blinkte auf ihrem Computer das E-Mail-Postfach. Tilo hatte ihr die Zahlen geschickt. Sofort machte sich Lilly an die Erstellung der PowerPoint-Präsentation.

Gegen vier verließ Tilo sein Büro. Beim Abschied fragte Lilly ihn: »Wie ist das eigentlich mit Freitag?«

»Freitag? Wieso? Ach – das Sportfest. Das habe ich glatt vergessen.« Tilo schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Ja, da müssen wir beide wohl irgendwie durch.«

»Beide?«

»Ja. Es wird in Teams angetreten. Jede Abteilung bildet ein Team, und alle treten gegeneinander an.«

»Aha. Was werden denn für sportliche Disziplinen verlangt?«

»Das ist jedes Jahr unterschiedlich. Die Chefin lässt sich jedes Mal etwas Neues einfallen. Es kommt ihr dabei auf das Teamwork an. Eine Grundvoraussetzung, damit in ihrer Firma Höchstleistungen erbracht werden.«

»Da werden wir wohl nicht besonders gut abschneiden«, meinte Lilly.

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Die anderen sind ja alle schon aufeinander eingespielt . . . Ich weiß noch gar nicht so recht, wo der Hase langläuft«, meinte Lilly etwas deprimiert.

»Lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen. Wir schaffen das schon.«

»Ich bin keine Sportskanone.«

»Sie werden sich wundern, wer alles zwei linke Füße in dieser Firma hat!« Tilo lachte herzlich. »Das allein ist der Spaß schon wert.«

Ich habe bestimmt nicht nur zwei linke Füße, sondern zwei Holzbeine noch dazu, dachte Lilly von sich. »Muss ich was Spezielles mitbringen?«

»Treten Sie pünktlich um acht in Jogginganzug und Turnschuhen an. Alles Weitere ist eine Überraschung.«

Lilly war nicht wohl bei dem Gedanken an den kommenden Freitag. Sich davor zu drücken ging auch nicht, sonst konnte sie ihren Job gleich vergessen. Es blieb ihr nichts weiter übrig, als der Dinge zu harren, die auf sie zukommen würden.

Den Donnerstag widmete Lilly der Fertigstellung der PowerPoint-Präsentation.

Gegen Mittag kam Sina König herein, eine Akte unter dem Arm.

»Sie schon wieder«, konnte sie sich nicht verkneifen, ihre Einstellung zu Lilly zu offenbaren.

»Guten Tag«, antwortete Lilly, als hätte sie diese Bemerkung nicht gehört, und arbeitete weiter an ihrem Computer.

Erstaunt blieb Sina stehen. Mit derartiger Ignoranz hatte sie bei dieser unscheinbaren Sekretärin nicht gerechnet. Ein solches Verhalten war Sina neu. Die Angestellten in der Firma ließen sofort alles aus den Fingern fallen, wenn sie aufkreuzte, und standen zu ihrer Verfügung. Aber diese graue Maus hier . . . Nun, das würde sie auch noch lernen! Ansonsten hatte sie in der Firma keine Zukunft.

»Ist Tilo in seinem Büro?«

»Ja.« Lillys Blick haftete weiter konzentriert auf dem Computerbildschirm. Wann würde diese Person endlich wieder verschwinden? Lange konnte Lilly diese äußere Ruhe nämlich nicht mehr aufrechterhalten. Diese Sina König machte sie nervös.

»Unerhört!« Sina holte tief Luft. Sie stand kurz vor der Explosion.

Lilly beachtete sie weiterhin nicht. Ihre Finger glitten unentwegt über die Tastatur.

Mit zornesrotem Gesicht rauschte Sina in Tilos Büro und ließ die Tür hinter sich lautstark ins Schloss krachen.

Teil 01

1.

Der Zusammenprall war unvermeidlich. Akten flogen durch die Luft und verstreuten ihren Inhalt über den Fußboden.

»Können Sie nicht aufpassen, Sie blindes Huhn?«, ging Sina König die kleinere Frau vor sich an, deren Brille auf die Nasenspitze gerutscht war und nur noch an einem Ohr festhing.

Lilly Neumeier richtete ihre Brille, ging sofort zu Boden und sammelte die losen Papierseiten ein. Die Frau war doch um die Ecke geschossen gekommen und hatte Lilly angerempelt!

»Suchen Sie sich gefälligst einen anderen Spielplatz für Ihr Papiermikado, aber nicht in meiner Firma!«, fuhr diese Lilly erneut an.

Noch ehe Lilly darauf etwas erwidern konnte, sah sie die Firmenchefin mit wehendem Rock um die nächste Ecke entschwinden.

»Oh je, Medusa hat ein neues Ablassventil gefunden«, hörte Lilly hinter sich eine Stimme sagen. Sie drehte sich um und sah in ein Paar warme grüne Augen. »Hi, ich bin Bianca.«

»Lilly.«

Bianca bückte sich und half Lilly beim Einsammeln. »Ich habe dich hier noch nie gesehen.«

»Es ist mein erster Arbeitstag. Und der fängt nicht besonders gut an.« Lilly war zerknirscht.

»Nur nicht gleich unterbuttern lassen. Wenn du hier durchhalten willst, brauchst du ein dickes Fell, am besten mehrere Schichten. Medusa zieht jedem regelmäßig mindestens einmal am Tag das Fell über die Ohren.« Bianca grinste breit.

Lilly sah Bianca erschrocken mit großen Augen durch ihre Brille an. »Wieso Medusa?«

Bianca musste bei diesem Anblick lachen. »Weil jeder, der sie anschaut, zu Stein erstarrt, so hart ist ihr Blick. Du wirst dich dran gewöhnen. Irgendwo mag sie außer ihrem guten Aussehen vielleicht auch einige menschliche Eigenschaften besitzen, aber die hat bisher noch keiner kennengelernt. In welcher Abteilung arbeitest du eigentlich?«

»Ich bin Sachbearbeiterin bei Tilo Schmidt.«

»Ach, unser Werbespezialist. Wenigstens hast du bei ihm keine Zickereien zu erwarten. Er ist in der Firma der Fels in der Brandung. Ganz anders als die Chefin. Da müssen mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden.«

»Mir macht Arbeit nichts aus. Besser als herumsitzen und nichts zu tun haben.«

»Kommt auf die Arbeit an.« Bianca lachte. »Du, ich muss los. Wir sehen uns. Ich wünsch dir viel Glück.«

»Danke.«

Lilly ging in ihr Büro und sortierte die losen Papierblätter wieder in der richtigen Reihenfolge, heftete sie ab und stellte die Ordner ins Regal.

»Frau Neumeier?« Tilo Schmidt stand in der Verbindungstür zu seinem Büro, das gleich neben Lillys lag. »Haben Sie sich bereits mit dem Grafikprogramm vertraut gemacht, damit Sie die Skizzen in den Computer übertragen können?«

»Meine . . .« Lilly räusperte sich kurz. ». . . Vorgängerin hat mich kurz eingewiesen. Ich denke schon, dass ich alles behalten habe, auch wenn es mir vielleicht noch nicht so schnell von der Hand gehen wird wie ihr.«

»Nun, Sie werden das schon hinbekommen. Ich hoffe nur, dass Sie in nächster Zeit nicht auch schwanger werden. Ich kann nicht ständig neue Sachbearbeiterinnen einarbeiten. Das kostet mich wertvolle Zeit.«

Ein Fels in der Brandung hat aber doch alle Zeit der Welt, dachte Lilly. »Keine Sorge, das wird mit Sicherheit nicht geschehen.«

Tilo sah Lilly mit zusammengezogenen Augenbrauen an. So richtig hatte er nicht verstanden, was sie damit meinte, hatte aber auch kein Interesse daran, es zu hinterfragen. Er ging an seinen Schreibtisch, nahm die Papierbögen und gab sie Lilly.

Lilly überflog die Skizzen mit einem Blick und fragte: »Bis wann müssen die fertig sein?«

»Donnerstagmittag.«

Ein kurzes Nicken war Lillys Antwort.

Konzentriert arbeitete sie verbissen daran, die Skizzen ihres Vorgesetzten in den Computer zu bringen. Die ersten beiden Tage machte sie Überstunden, doch dann hatte sie sich so gut eingearbeitet, dass es ihr zusehends schneller von der Hand ging.

Am Mittwoch gönnte Lilly sich zum ersten Mal die ihr zustehende Mittagspause. In der kleinen Kantine kaufte sie sich zwei belegte Brötchen und eine große Tasse Kaffee. Mit dem Tablett balancierte sie zwischen den besetzten Tischen zu einem freien Stuhl. Als sie dicht an einem Tisch vorbei musste, an dem angeregt diskutiert wurde, stand eine Frau auf, als Lilly gerade hinter ihr war.

Lilly stolperte über den Stuhl, den diese Frau zurückgeschoben hatte. Ihre Kaffeetasse fiel um, Kaffee schwappte über Lillys Bluse.

»Nicht schon wieder Sie!«, entfuhr es der Frau, die den Unfall verursacht hatte.

Lilly erkannte in ihr die Firmenchefin.

»So etwas tollpatschiges wie Sie ist mir auch noch nicht begegnet«, fuhr Sina König Lilly an und überprüfte ihr eigenes Kostüm nach Kaffeespritzern. »Wenn Sie in Ihrer Arbeit auch so schusselig sind, haben Sie hier keine Zukunft. Wer hat Sie überhaupt eingestellt?«

»Sie, Frau König.«

»Ich kann mich nicht entsinnen, dass Sie bei mir vorgesprochen haben.« Sina König musterte Lilly von oben bis unten. Etwas geringschätzig, wie Lilly schien. Sina überlegte krampfhaft, wann sie diese graue Maus mit dem streng zu einem Knoten zusammengesteckten Haar eingestellt haben sollte.

»Sie haben es Herrn Schmidt überlassen, die Wahl zu treffen«, antwortete Lilly wahrheitsgemäß.

»Ich werde nie wieder eine Blankounterschrift unter eine Bewerbungszustimmung geben«, fasste Sina diesen Entschluss mehr für sich selbst, als dass es eine Antwort war. Damit ließ sie Lilly mit ihrer verschmutzten Bluse stehen und verschwand aus der Kantine.

Während jener wenigen Sekunden hatte es keiner gewagt, Lilly zur Seite zu stehen. Erst als die Chefin außer Hörweite war, boten sie Hilfe an.

Lilly wehrte dankend ab. Ihr war der Appetit vergangen. Sie stellte das Tablett auf dem Tisch ab und rannte mit Tränen in den Augen aus der Kantine. An der Tür stieß sie fast mit Bianca zusammen, die gerade hereinkam. Lilly hatte sich noch nie so erniedrigt gefühlt. Auch wenn sie neu in der Firma war, gab es der König nicht das Recht, sie vor all den anderen so herunterzuputzen!

Schluchzend saß sie an ihrem Schreibtisch, das Gesicht in ihren Händen vergraben.

Es klopfte leise an der Tür. Bianca steckte ihren Kopf herein. »Darf ich reinkommen?«

Lilly sah auf und wollte eigentlich den Kopf schütteln. Momentan mochte sie niemanden sehen. Schließlich brachte sie dennoch ein tränenersticktes »Ja« zustande.

Mit dem Fuß schob Bianca die Tür auf und kam mit einem Tablett herein, das sie vor Lilly auf dem Schreibtisch absetzte. Lilly sah ihre beiden Brötchen darauf und eine frische Tasse Kaffee.

»Du solltest nicht nur arbeiten, sondern auch was essen«, sagte Bianca fürsorglich.

»Ach, du bist lieb! Aber ich bringe gerade keinen Bissen runter. Mir ist der Appetit vergangen.«

»Trink zumindest den Kaffee. Hier, ich habe dir noch was mitgebracht.« Bianca zog eine unter ihren Arm geklemmte zusammengelegte Bluse hervor. »Ich habe immer Wäsche zum Wechseln in meinem Büro.« Sie legte die Bluse neben das Tablett auf den Tisch.

»Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Ich danke dir.« Lilly stand vor Rührung bereits wieder das Wasser in den Augen.

»Kollegen sollten zusammenhalten. Wäre ich vorhin dabei gewesen, hätte ich Medusa schon einige Takte gesagt.«

»Mir kommt es eher so vor, als würde sich hier keiner trauen, sich gegen sie aufzulehnen.« Ich getraue es mir ja auch nicht, dachte Lilly. Sie nippte an dem heißen Kaffee und bemühte sich, ihre Fassung wiederzugewinnen.

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