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Teil 03

»Die starken Schneefälle in der vergangenen Nacht haben in der Region den Verkehr zum Erliegen gebracht«, begann der Sprecher. Stellenweise sei der Strom wegen umgeknickter Masten ausgefallen. Chaos hier, Chaos da, ein paar Kurzmeldungen aus aller Welt und der Wetterbericht mit weiteren Schneefällen – damit waren die Nachrichten zu Ende. Der Moderator empfahl scherzhaft, sich darauf einzustellen, die nächsten Tage zu Hause zu verbringen und möglichst nicht vor die Tür zu gehen. Er versprach gute Unterhaltung mit Musik, und schon erklangen die ersten Takte von Rudolph, the red-nosed reindeer.

Blondi waren die Gesichtszüge entgleist, und Rotkämmchen bekam einen Lachanfall. »Tja, meine Schöne, du musst dich damit abfinden, mit mir die nächsten Tage zusammen zu verbringen. Wir sitzen hier fest.«

»Da sterbe ich lieber.« Blondi stand auf, schwankte, kippte um und blieb bewusstlos am Boden liegen.

4.

»In der Austelvilla wurde eingebrochen«, flüsterte die Sekretärin und reichte den Hörer an die Kommissarin weiter. »Der Graf möchte eine Anzeige machen.«

»Kommissarin Tannert am Apparat. Guten Morgen, Graf Austel, was kann ich für Sie tun?«

»Letzte Nacht wurde bei mir eingebrochen. Der Dieb hat wertvollen Schmuck gestohlen und meine Frau gekidnappt.«

Kommissarin Tannert sah auf die Uhr. Halb elf. »Warum rufen Sie erst jetzt an?«

»Nun, ich dachte, nach einer Stunde ist sie sowieso wieder da, weil es kein anderer länger als sechzig Minuten mit ihr aushält.«

Die beiden Frauen sahen einander ungläubig an. Die Kommissarin hatte das Gespräch auf laut gestellt, damit die Sekretärin sich Notizen machen konnte. Dann fragte die Kommissarin: »Wie spät ist denn eingebrochen worden?«

»Also, ich habe gerade noch gesehen, wie der Typ sie auf seinem Schneemobil mitgenommen hat. Das war so gegen viertel zwei.«

»Sie haben den Einbrecher gesehen?«

»Ja.«

»Können Sie ihn beschreiben?«

»Ja. Er war so etwa einsfünfundsiebzig groß, kräftig, breite Schultern, weiße Haare. Muss schon älteres Kaliber sein, aber ungewöhnlich stark, so wie der meine Frau unter den Arm geklemmt hat.«

»Was hatte er denn an?«

»Also, schwarze Stiefel, rote Hosen, einen roten Mantel und eine rote Zipfelmütze.«

Kommissarin Tannert rollte ungläubig die Augen. »Das klingt ja ganz nach dem Weihnachtsmann!«

»Könnte man so sagen. Ja, wenn Sie das so sagen, genau so sah der Typ aus.« Nichts in Graf Austels Stimme deutete darauf hin, dass er es im Scherz meinte.

»Okaayyy . . .«, sagte die Kommissarin langgezogen. Sie fühlte sich auf den Arm genommen. Oder der Graf war betrunken. Sie mussten dringend einen Alkoholtest machen. »Besteht die Möglichkeit, dass Ihre Frau einen Liebhaber hat?«

Der Graf kicherte. »Das wüsste ich. Wenn, dann kann das nur einer sein, der taub ist.«

»Also gut. Wir versuchen, so schnell wie möglich bei Ihnen vorbeizukommen und die Spuren zu sichern. Vielleicht fallen Ihnen noch ein paar Details von dem Täter ein, und wir können ein Phantombild erstellen.«

»Ein Phantombild vom Weihnachtsmann«, kicherte die Sekretärin, als Kommissarin Tannert sich verabschiedet und aufgelegt hatte. »Was glauben Sie, was dann hier los sein wird . . .«

Die Kommissarin starrte sie an und wusste nicht, ob sie lachen oder eine Schimpftirade loslassen sollte. »Große Sorge scheint der Graf ja nicht um seine Frau zu haben«, sagte sie schließlich. »Als Erstes meldet er den Schmuck als vermisst und dann erst seine Frau. Und dann diese lapidaren Aussagen und die oberflächliche Beschreibung des Täters – das erscheint mir eher, als sei der Graf froh, dass seine Frau weg ist. Wie auch immer, wir müssen uns trotzdem vor Ort überzeugen.«

Die einzige Möglichkeit, derzeit zur Austelvilla zu gelangen, war auf Skiern. Die Straßen waren unbefahrbar, nicht einmal der Schneepflug schaffte es, die weißen Massen zu bewegen. Man wartete auf die Schneefräse.

Kommissarin Tannert und ein uniformierter Kollege machten sich mit den Brettern auf den Weg zur Villa. Graf Austel öffnete ihnen im Bademantel, als sei er eben erst aus dem Bett gefallen. Dabei war seit dem Telefonat bereits eine halbe Stunde vergangen. Er legte eine Gemütlichkeit an den Tag, die ganz und gar nicht davon zeugte, dass er seine Frau vermisste.

»Können Sie uns zeigen, wo es passiert ist?«

»Sicher. Hier entlang.« Graf Austel schlurfte in seinen Pantoffeln voran ins Wohnzimmer. Dort trafen sie eine junge Frau beim Putzen an. »Das ist unser Hausmädchen Susi«, stellte er sie den Beamten vor.

Die Kommissarin zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Was tut sie da? Ich denke, hier ist der Einbruch begangen worden?«

»Ist er doch auch. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Alles umgeworfen, zum Teil kaputt. Susi hat erstmal aufgeräumt und alles wieder in Ordnung gebracht. So, wie es hier aussah, kann ich doch keine Fremden hereinlassen. Sie müssen wissen, dass meine Frau sehr viel Wert auf Ordnung legt. Was sollen denn sonst die Leute von uns denken?«

»Das glaub ich jetzt nicht, oder?« Kommissarin Tannert schlug sich vor die Stirn und sah ihren Kollegen an, der genauso bedröppelt dreinschaute. Zu Graf Austel sagte sie ernst: »Damit haben Sie alle verwertbaren Spuren verwischt.« Das Zimmer sah aus wie auf Hochglanz poliert. Da gab es mit Sicherheit keinen einzigen Fingerabdruck mehr.

»Wo befand sich der Schmuck?«

Graf Austel zeigte den beiden Beamten die Kommode mit dem Geheimversteck. Auch alles fein säuberlich an Ort und Stelle, nichts deutete auf ein gewaltsames Öffnen hin.

»Ihre Frau wurde hier aus diesem Zimmer entführt?«

»Ja. Er hat sie zum Fenster hinausgezerrt und ist mit einem Schneemobil davongefahren.«

Die Kommissarin ging zum Fenster. Frisch geputzt. Sie öffnete es und sah hinaus. Keine Fußspuren. Der Wind und die Schneefälle in den letzten Stunden hatten alles verweht.

Sie drehte sich wieder zum Grafen um und hob resignierend die Hände. »Es tut mir leid, aber wir haben aufgrund Ihrer peniblen Gründlichkeit nicht einen Anhaltspunkt, der uns weiterhelfen könnte. Weder zu Ihrer Frau noch zum Schmuck.«

»Ich habe Ihnen doch die Personenbeschreibung gegeben.«

»Ja, vom Weihnachtsmann. In diesem Monat gibt es nicht gerade wenige von dieser Sorte. Im Sommer wäre das schon einfacher.«

»Aber dafür sind Sie doch Polizistin, um auch komplizierte Fälle zu lösen. Warum sollte ein Verbrecher es der Polizei einfach machen?«

Kommissarin Tannert war kurz davor, ihm an die Gurgel zu springen. Um nicht im Dienst ausfallend zu werden, wechselte sie das Thema. »Haben Sie Fotos von dem gestohlenen Schmuck, beziehungsweise können Sie mir eine Liste machen, was fehlt und wie es aussieht?«

»Wie es genau aussieht, könnte Ihnen meine Frau sagen. Die kennt sich damit bestens aus.«

Aber die ist leider nicht da, dachte die Kommissarin und unterdrückte ein genervtes Schnaufen.

»Nun, soweit es mir möglich ist, werde ich versuchen, eine Liste der gestohlenen Dinge zusammenzustellen.« Graf Austels Körperhaltung ließ darauf schließen, dass er fest davon überzeugt war, die Polizei damit bestens zu unterstützen.

»Haben Sie auch ein aktuelles Foto von Ihrer Frau?«

»Ja, sicher.« Graf Austel öffnete eine Schublade der Kommode und zog ein Fotoalbum heraus. »Suchen Sie sich eines aus.«

Die Kommissarin öffnete das Album und hielt die Luft an. Alles Nacktfotos! »Die können wir aber schlecht zur Suche herausgeben.«

»Warum? Sieht man zu wenig darauf? Ich finde die Bilder gut getroffen. Meiner Frau haben sie auch gefallen.«

»Gut.« Sie suchte sich ein Bild heraus, wo Gräfin Austel den Oberkörper mit einem Handtuch verhüllt hatte. Das konnten sie zumindest so ausschneiden, dass es als Porträt verwertbar war. »Wir werden sehen, was wir tun können, und halten Sie auf dem Laufenden. Sollte sich Ihre Frau melden oder ein Lösegeld gefordert werden, informieren Sie uns bitte umgehend.« Wobei sie das Gefühl hatte, dass er wahrscheinlich eher noch Geld dazugeben würde, damit seine Frau wegblieb.

Sie verabschiedeten sich. Draußen meinte der Kollege: »Waren wir jetzt bei Verstehen Sie Spaß?«

»Nein«, versetzte die Kommissarin. »Das wird Aktenzeichen XY ungelöst.«

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 02

»Gut aufgehoben.«

»Diese Abstellkammer nennst du gut aufgehoben?«

»Hmm. Du hättest es schlimmer treffen können.« Die Frau kaute weiter an ihrem Apfel.

»Mach mich sofort los.«

»Warum?« Gleichgültig sah die Frau zu ihr herüber.

»Weil ich es so will!«

»Du bekommst immer, was du willst, hm?«

»Sicher.«

»Aha.« Der Apfel war aufgegessen. »Außerdem gibt es dafür ein Zauberwort.«

Blondi stellte sich stur. »Wie hast du überhaupt die Handschellen aufbekommen ohne Schlüssel?«

»Gaunergeheimnis.«

»Mach mich los.«

Die Frau ignorierte den Befehl. »Du hast meinen Bart ruiniert«, warf sie ihr vor.

»Dann warst du dieser diebische Weihnachtsmann? Habe ich mir fast gedacht bei diesem roten Lappen da.« Blondi nickte zu dem Weihnachtsmannkostüm hin.

Die Frau stand auf und goss aus einer Thermoskanne Tee in eine Tasse. Er dampfte noch. Sie brachte Blondi die Tasse ans Bett und sagte: »Trink das, sonst hast du morgen eine ordentliche Erkältung.«

»Ich will jetzt nichts trinken!« Erst jetzt bemerkte sie die kräftige Statur der Frau. Und dann dieses burschikose Auftreten . . . Das reinste Mannweib!

Die Frau zuckte nur mit den Schultern und stellte die Tasse Tee auf das kleine Tischchen neben dem Bett. Dann legte sie sich auf die Couch vor dem Kamin und verschwand so aus Blondis Blickfeld.

»Hey, du falscher Santa Claus, du kannst dich doch jetzt nicht einfach hinlegen und schlafen! Mach mich gefälligst los!«

Gemächlich deckte sich die Frau mit einer Decke zu, rückte sich das Kissen zurecht und räkelte sich, dem Quietschen der Couch nach zu schließen, in der Wärme des prasselnden Feuers.

»He, hallo, Rotkämmchen! Ich schreie gleich die ganze Umgebung zusammen!«

Der rote Kamm tauchte auf und schaute über die Rückenlehne. »Da kannst du lange schreien. Es wird dich keiner hören.«

»Das werden wir ja sehen.« So laut sie konnte, begann Blondi um Hilfe zu schreien. Mit ihrem Organ kam sie gut über einhundertzwanzig Dezibel.

Auf der Couch schüttelte Rotkämmchen nur den Kopf, legte sich wieder gemütlich hin und packte sich noch ein Kissen aufs Ohr.

Nach minutenlanger stoischer Ignoranz ihrerseits gab Blondi ihr Geschrei schließlich auf und fügte sich in ihr Schicksal. Frustriert trank sie den lauwarmen Tee und starrte an die Decke, bis das Feuer im Kamin immer kleiner wurde und der Raum schließlich in Dunkelheit gehüllt war. Irgendwann schlief sie ein.

3.

Etwas landete auf Rotkämmchens Bauch. Sie zog sich das Kissen vom Kopf. Im selben Moment segelte knapp darüber eine Tasse hinweg und ging neben ihr auf dem Boden zu Bruch. Sie fuhr hoch.

Blondi griff bereits nach dem nächsten Teil, das sie erreichen konnte, einem Kerzenständer.

»Hör sofort auf«, befahl Rotkämmchen.

»Ich muss mal«, kam es von Blondi, krächzend und kaum hörbar.

Rotkämmchen stand auf. Mit einem Dietrich öffnete sie die Handschellen und wies mit dem Kopf zu einer Tür. »Dort ist das Klo. Und da sind Filzschuhe, wenn du dir nicht die Füße erfrieren willst.«

Blondi rieb sich das schmerzende Handgelenk. »Diese Mottenschüsseln soll ich anziehen?« Es war mehr ein rauchiges Flüstern als das laute Fauchen, das es hätte werden sollen.

»Du musst nicht.«

Widerwillig fuhr Blondi in die Schuhe und schlurfte zum Klo. Keine zwei Sekunden später war sie wieder draußen. »Das ist ja ein Plumpsklo!«, keifte sie erneut, wenn auch immer noch ohne Stimme.

Rotkämmchen lachte. »Was hast du denn erwartet? Das hier ist kein Fünfsternehotel.«

»Da drin ist es arschkalt! Da gefrieren einem ja die Eierstöcke!« Das kratzige Röcheln war kaum zu verstehen.

»Ein Grund mehr, sich zu beeilen«, sagte Rotkämmchen trocken.

»Da gehe ich lieber ins Freie.« Schon war Blondi auf dem Weg zum Ausgang.

»Wie du willst. Die Schneeschippe steht gleich da neben der Tür.« Rotkämmchen ignorierte Blondis gedämpften Ausbruch, der ihren Worten folgte, und setzte seelenruhig Wasser auf.

Blondi riss die Tür auf und stand im nächsten Moment bis zur Hüfte im Schnee. Die Tür war bis gut zur Hälfte zugeschneit, und immer noch fielen dicke Flocken vom Himmel. Sie sah über die Schulter zum Fenster, doch auch das war über dem Schnee nur zur Hälfte zu sehen.

»Was ist das?«

»Schnee.« Rotkämmchen brühte frischen Tee auf. »Kannst dir ja einen Weg schippen und dir hinter dem Haus eine Latrine schaufeln. Hauptsache, du scheißt mir nicht vor die Tür.«

»Das darf doch alles nicht wahr sein!« Erschüttert schlug Blondi die Tür wieder zu und ging mit angewidertem Gesichtsausdruck auf das Plumpsklo. Rotkämmchen bereitete unbeirrt weiter das Frühstück vor.

Wenig später war Blondi wieder zurück. Sie schlurfte zu ihrem Bademantel, nahm ihn von der Leine und zog ihn sich über.

»Frühstück?« Mit einer einladenden Geste wies Rotkämmchen auf den Tisch.

Lustlos setzte Blondi sich zu ihr. Rotkämmchen schob ihr einen Teller mit Toast, Rührei und Speck hin sowie eine Tasse Tee.

»Gibt es keinen Kaffee?«, krächzte Blondi.

»Wenn du wieder schreien willst, solltest du den Tee trinken.«

Blondi spießte mit der Gabel den Toast an und begutachtete ihn von allen Seiten, bevor sie sich heiser beschwerte: »Der ist älter als drei Tage. Gibt es nichts Frisches?«

»Tut mir leid. Ich habe letzte Nacht keinen Bäcker überfallen, sondern nur dein Haus.«

»Ich habe keinen Hunger.« Blondi schob den Teller von sich weg.

»Auch gut. Da habe ich mehr.« Rotkämmchen zog den Teller zu sich heran und hatte binnen kürzester Zeit beide Portionen verspeist.

Leicht angewidert beobachtete Blondi sie dabei und rang sich schließlich durch, den Tee zu trinken. Das Schlucken bereitete ihr Schmerzen. Sie hielt sich den Hals.

»Was hast du überhaupt mit mir vor?«, fragte sie mit gequälter Miene.

»Mal sehen. Vielleicht bei eBay verkaufen.«

»Blöder Witz. Das ist Freiheitsberaubung, was du hier tust.«

»Nö. Du kannst gehen, wenn du willst. Du weißt ja, wo die Tür ist.«

»Das werde ich auch tun.« Entschlossen zog sich Blondi den Bademantelgürtel straffer um den Bauch, stieg ungefragt in die Stiefel, die neben der Tür standen, und verließ das Haus. Krachend fiel die Tür hinter ihr zu.

Ruhig blieb Rotkämmchen sitzen und trank ihren Tee. Als sie zwanzig Minuten später den Tisch abräumte, klopfte es an der Tür. Sie öffnete. Blondi stand mit verschwitztem Haar davor.

»Warum hast du mir nicht gesagt, dass wir mitten im Wald sind?«

»Du hast mich ja nicht gefragt.«

»Außerdem habe ich nicht die geringste Ahnung, in welche Richtung ich laufen muss. Abgesehen davon, dass man in dem Schnee keinen Schritt vom Fleck kommt. Wo hast du das Schneemobil versteckt, mit dem du mich verschleppt hast?«

»Oh, das musste ich im Wald stehen lassen. Der Sprit war alle. Ich habe dich das letzte Stück getragen.«

»Wie gnädig. Warum hast du mich nicht gleich mit im Wald zurückgelassen?«

»Damit die Tiere des Waldes vor Schreck tot umfallen? Das kann ich nicht verantworten. Außerdem hätte ich zusätzlich mit einer Anzeige vom Tierschutz zu rechnen.«

»Wieso? Ich wäre doch bestimmt schnell abgekratzt. Wär doch in deinem Sinne gewesen, oder?«

»Dann würde ich dir sicher nichts zu essen und zu trinken geben.«

Blondi winkte ab. »Du willst mich nur noch eine Weile quälen, vielleicht sogar noch foltern. Das ist doch typisch für Entführer. Und dann eine fette Summe Lösegeld absahnen. Na, egal auch.« Entkräftet schlurfte sie ins Haus und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Die Polizei wird sicher schon nach mir suchen und die Spur aufnehmen. Sie werden bald hier sein.«

»Ich glaube nicht, dass jemand freiwillig nach dir sucht«, meinte Rotkämmchen trocken.

»Die Nachrichten werden voll von dieser Entführung sein. Spätestens heute Mittag steht die Polizei hier vor der Tür. Du wirst schon sehen.«

»So, meinst du.« Rotkämmchen lächelte süffisant, stand auf und nahm ein altes Radio vom Regal. Sie stellte den regionalen Sender ein. Weihnachtsmusik erfüllte den Raum. Um fünf vor neun kamen endlich die Nachrichten.

Teil 01

1.

Ein Geräusch ließ sie wach werden.

Angestrengt lauschte sie in die Stille hinein. Da. Da war es wieder! Sie kannte dieses Geräusch nur zu gut. Das Reiben von Holz aneinander. Jemand war im Wohnzimmer und machte sich an den Schubladen der Kommode zu schaffen!

Sie rüttelte an der großen Wulst, die neben ihr lag, und flüsterte: »Schatz, wir haben einen Einbrecher im Haus!«

Der Wulstberg rührte sich nicht.

»Scha-hatz! Da ist ein Einbrecher!« Sie rüttelte erneut. Unter der Decke des Wulstberges war nur ein Grunzen zu vernehmen.

Wieder rumorte es im Wohnzimmer.

»Schatz, jetzt wach endlich auf!« Aus dem Rütteln wurde ein Schütteln.

Schatz bewegte sich. Kaum spürbar. Ein unverständliches Brabbeln kam unter der Decke hervor, dann schlief Schatz weiter.

Missmutig schwang sie sich aus dem Bett und warf sich den Bademantel über. Sie schlich zur Tür und öffnete sie leise. Vorsichtig spähte sie durch den Spalt. Da sie nichts erkennen konnte, wagte sie sich weiter hinaus.

Am Treppengeländer konnte sie in die untere Etage schauen. Und was sie da sah, ließ ihr den Atem stocken. Die Wohnzim-mertür stand ein Stück offen, der Lichtkegel einer Taschenlampe wanderte durchs Zimmer. Zwischendurch wieder die Geräusche des Öffnens und Schließens von Schubladen und Türen.

Was sollte sie nur tun? Die Polizei anrufen? Das Haustelefon und das Handy lagen ausgerechnet im Wohnzimmer.

Schatz wecken? Eh der in die Gänge kam, war der Einbrecher mit seiner Beute längst weg.

Mit dem Schürhaken zuschlagen, wie sie es in Fernsehkrimis taten? Das Ding hing auch im Wohnzimmer, gleich neben dem Einbrecher.

Ihr kam eine andere Idee. Sie schlich zu der kleinen Abstellkammer neben dem Bad und fand das Gesuchte. Mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht machte sie sich auf den Weg in die Höhle des Löwen.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie wusste, dass sie nur eine Chance hatte, den Überraschungsmoment zu nutzen. Eine Weile verharrte sie vor dem Wohnzimmer, um sich zu vergewissern, dass es nur ein Einbrecher war und nicht mehrere. Umso überraschter war sie, als sie die Silhouette des Einbrechers sah. Es war ein Weihnachtsmann!

Aha, so läuft das also, dachte sie. Sie klauen sich von dem einen die Sachen, um sie dann an andere als Geschenke zu verteilen. Da hatte dieser Weihnachtsmann aber die Rechnung ohne sie gemacht! Was im Haus war, blieb auch hier!

Ihre Hand tastete um die Ecke nach dem Lichtschalter. Im selben Augenblick, als sie das Licht anknipste, stürzte sie todesmutig ins Zimmer. Erschrocken fuhr der Weihnachtsmann herum – und bekam sofort ihre Waffe ins Gesicht.

»Was zum Teufel . . . hatschi . . . ist das . . . hatschi . . .«

Volltreffer! Sie fuchtelte noch ein wenig mit dem Staubwedel vor seinem Gesicht herum. Das Mottenpulver, mit dem sie die Waffe vorher »geladen« hatte, hatte sich so richtig in seinem Bart verfangen. Doch als sie nach dem Schürhaken griff, kam er ihr trotzdem zuvor. Mit einer Hand hielt er sie am Arm fest, mit der anderen riss er sich den Bart vom Gesicht, um den Niesattacken ein Ende zu bereiten.

»Mein Schmuck bleibt hier!«, geiferte sie, als sie sah, dass er ihr Geheimfach geknackt und schon die Hälfte des Inhalts eingesackt hatte.

Sie rangen miteinander, ein Stuhl flog um, eine Vase ging zu Bruch. Er hielt immer noch ihr Handgelenk mit eisernem Griff umklammert.

Im Flur ging das Licht an. Durch die offene Tür konnte sie erkennen, wie sich oben auf der Treppe ein Bierbauch um die Ecke schob.

»Schatz, hilf mir!«, schrie sie.

Der Weihnachtsmann hielt ihr mit der freien Hand den Mund zu. Sie wand sich unter seinem Klammergriff, versuchte zu beißen. Inmitten des Gerangels hörte sie ein leises Klirren in der Tasche ihres Bademantels.

Das war die Lösung. Na warte, du Weihnachtsmann. Ein Klicken ertönte, dann noch eines.

Verdattert sah der Einbrecher auf seine Hand, mit der er sie nach wie vor festhielt. Rosa Plüschhandschellen fesselten sie beide aneinander. Sie grinste ihn schadenfroh an.

»Du bleibst hier!« Dann wandte sie sich zur Tür und rief nach draußen: »Schatz, beeil dich doch!«

Der Bierbauch schob sich weiter vor. Unter ihm konnte man die unterste Hälfte von gestreiften Shorts ausmachen, der restliche Teil wurde von dem überhängenden Bauch verdeckt. Aus den Shorts ragten zwei haarige Beine, die wie Sauerkrautstampfer aussahen und sich in Zeitlupe bewegten.

Der Weihnachtsmann hob die Hand mit den Handschellen hoch und deutete mit einem Blick darauf. »Wo ist der Schlüssel?«

»Oben, im Schlafzimmer.« Ein breites Grinsen legte sich über ihr Gesicht.

Der Weihnachtsmann sah sie an, überlegte kurz. »Du kommst mit«, legte er fest und zog sie mit sich Richtung Fenster.

»Das hättest du wohl gern!« Mit ihrer freien Hand trommelte sie wild auf ihn ein. Doch er war kräftiger als sie und zog sie unerbittlich mit sich fort, kletterte aus dem Fenster, und sie hatte keine andere Wahl, als dicht hinter ihm hinauszusteigen.

»Iiiiiihhh, ist das kalt!«, kreischte sie, als sie barfuß im Schnee landete. »Ich habe nichts anzuziehen!«

»Ihr reichen Schnösel habt immer ein halbes Dutzend Schränke voll Nichts anzuziehen«, zischte er und zerrte sie grob hinter sich her. »Das hast du dir selber eingebrockt.« Er hielt erneut die Hand mit den Handschellen hoch, um ihr ihre Situation zu verdeutlichen.

Dann standen sie vor einem Schneemobil.

Sie rammte ihre nackten Füße in den Boden. »Da fahre ich aber nicht mit!« Nie im Leben würde sie sich darauf verfrachten lassen. Nur über ihre Leiche.

Im nächsten Moment setzte sie ein ordentlicher Kinnhaken außer Gefecht.

Das Schneemobil verschwand mit zwei Personen darauf durch das einsetzende dichte Schneegestöber im Dunkel der Nacht. Schatz, der es endlich bis ans Wohnzimmerfenster geschafft hatte, schaute verdattert hinterher.

2.

Als sie die Augen aufschlug, fand sie sich in einem Bett wieder. Ungläubig blickte sie sich um. Sie befand sich in einem Zimmer mit Holzwänden, Regalen mit allerlei Krimskrams darauf, einem Schrank und einem Tisch mit zwei Stühlen, an dem eine Frau saß und einen Apfel zerteilte. Eine Wäscheleine war quer durchs Zimmer gespannt, auf der ein Weihnachtsmannkostüm und ein Bademantel zum Trocknen hingen.

Ihr Bademantel. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie entführt worden war und nichts weiter auf dem Leib getragen hatte als diesen Bademantel. Sie wollte unter ihre Decke schauen, aber ihre rechte Hand war mit den Handschellen an einen der hölzernen Bettpfosten gekettet. Sie bemerkte einen gestreiften Ärmel. Unter der Decke tastete sie mit der linken Hand ihren Körper ab. Sie hatte ein Oberteil und eine Hose an, wahrscheinlich einen Pyjama. Und dicke Wollsocken an den Füßen, die kratzten.

Sie sah wieder zu der Frau am Tisch, die einen blauweißen Rollkragenpulli aus Wolle mit Norwegermuster trug. Das war das einzig Normale an ihr. Zahlreiche Kreolen zierten ihr Ohr, und im Gesicht glitzerte an jedem dazugehörigen Körperteil ein Piercing. Die Frisur bestand aus einem knallroten Bürstenkamm in der Mitte, der in einem kleinen Pferdeschwanz endete, und tiefschwarzem kurzgeschnittenem Haar an den Seiten. Sie mochte etwa Ende zwanzig sein.

Die Frau schnitt sich eine Apfelscheibe ab und steckte sie sich mit dem Messer in den Mund. Dabei sah sie zu ihr herüber. »Oh, Barbie ist wach geworden«, sagte sie kauend.

»Ich verbitte mir diesen Vergleich. Wenn ich Barbie bin, bist du ganz sicher nicht Ken. Nur weil ich ein bisschen Ähnlichkeit mit ihr habe, gibt es dir noch lange nicht das Recht, mich so zu nennen.«

»Ein bisschen Ähnlichkeit ist gut. Man könnte meinen, du hast für dieses Püppchen Modell gesessen. Aber du kannst mir auch gern deinen richtigen Namen verraten.«

»Pah. Das hättest du wohl gern.«

»Wie wäre es mit Blondi?« Die Frau grinste breit.

»Ich verklage dich!« Sie zerrte wütend an den Handschellen. »Wo bin ich hier eigentlich?«

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