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Teil 04

Aber die Frau ging mit einem abfälligen Grunzen an ihr vorbei und stülpte das Rohr über eines der Enden am kreuzförmigen Werkzeug. Sie fing an, am Rohrende zu drücken, dass ihr die Muskeln an den Oberarmen anschwollen. So viel war Maia klar, dass sie jetzt einen längeren Hebel hatte und damit mehr Kraft auf die festsitzenden Schrauben ausüben konnte. Kurz war sie von der Cleverness der anderen beeindruckt. Bis die Frau wieder anfing zu fluchen.

»Verdammte Bullenscheiße.«

Ihr Vokabular sprach nicht gerade für gute Manieren und gepflegten Umgang. Was für ein derber, roher Klotz diese Frau doch war. Aber Maia musste dankbar sein, dass sie gehalten hatte und ihr half. Auch wenn es nicht so aussah, als ob das mit dem Reifenwechsel etwas werden würde.

Die Frau steckte das Rohr noch einmal in ein anderes Ende des Radkreuzes ein, so dass es tiefer und parallel über dem Boden lag. Maia beobachtete verwundert, wie sie mit ihren derben Arbeitsstiefeln schwungvoll auf das Rohrende sprang. Mit einem ohrenbetäubenden, quietschenden Geräusch gab die Schraube unter ihrem Gewicht nach.

»Na also«, brummte ihre Helferin zufrieden und machte sich daran, den anderen vier Schrauben genauso zu Leibe zu rücken. Mit einer gewissen Faszination sah Maia ihr dabei zu. Ungläubigkeit paarte sich mit Bewunderung. Die andere war inzwischen an Händen und Kleidung ziemlich mit schwarzer Schmiere versaut. Sogar im Gesicht hatte sie einen Streifen.

Sie müsste der Frau Geld für ihre Mühen geben, beschloss Maia. Die Kleider würde die Landwirtin wahrscheinlich wegwerfen müssen. Maia verstand zwar nicht ganz, warum sie sie nicht zum nächsten Telefon oder der nächsten Werkstatt gebracht hatte oder auch einfach nur zum nächsten Taxi, aber vielleicht war das so eine Art Ehrenkodex auf dem Land. Oder – die Erkenntnis kam unvermittelt und löste ein beklemmendes Gefühl aus – vielleicht war das hier draußen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, am späten Abend auch gar nicht so einfach.

Eigentlich hatte sie viel früher in Frankfurt wegkommen wollen. Sie hatte sich verschätzt, wie lange die Fahrt hierher in den abgelegensten Winkel des Odenwalds dauerte. Schließlich war sie schon Jahre nicht mehr hier gewesen. Genauer gesagt waren es exakt elf Jahre, seit sie Willi zuletzt besucht hatte. Zu seinem Siebzigsten. Deshalb plagte sie schon die ganze Zeit das schlechte Gewissen – seit sie krankgeschrieben war und Zeit hatte, über so einiges nachzudenken. Und umso mehr, seit sie von ihrer Mutter erfahren hatte, dass es ihm nicht gutging.

Willi war nicht wirklich ihr Großonkel. Sie waren weitläufiger verwandt. Ihre Mutter war seine Cousine zweiten Grades – oder irgend so was. Trotzdem war sie als Kind häufig bei ihm gewesen. Er hatte sich nicht daran gestört, dass sie ihre Nase die ganze Zeit in Büchern gehabt hatte. Es war ihm sogar recht gewesen, dass sie wenig redeten. Plappernde Kinder hatte er nicht leiden können, und Maia war das genaue Gegenteil gewesen. Der Rest der Welt fand die kleine Maia zu introvertiert. »Verstockt«, hatte ihre verhasste Tante Edeltraut immer gesagt. Aber Großonkel Willi war damals ihr Verbündeter gewesen.

Jetzt war sie die Abgesandte der Familie. Niemand anderes durfte ins Haus, der Rest der spärlichen Verwandtschaft hatte noch immer Besuchsverbot. Bisher hatte ihn eine Nachbarin mehr schlecht als recht versorgt. Wahrscheinlich irgendeine ältliche Witwe, die sich Hoffnungen auf eine Heirat mit Onkel Willi gemacht hatte. Die arme Frau konnte ihre Träume begraben: So wie Maia es verstanden hatte, war Willi nicht mehr der Alte. Sie würde sein Haus so weit auf Vordermann bringen, dass der Pflegedienst es betreten konnte. Und dann müsste man mal sehen. Vielleicht müsste sie auch ein Heim suchen. Das würde natürlich das Erbe schmälern, und wenn sie ihre Tante Edeltraut richtig verstanden hatte, sollte sie das um jeden Preis vermeiden. Aber ihre Tante konnte sie mal. Maia würde das machen, was für Willi am besten war. Wie praktisch, dass ich gerade jetzt Burnout gekriegt habe, dachte sie sarkastisch.

Ihre miesepetrige Retterin hatte inzwischen alle Schrauben gelöst und brachte das Ersatzrad in Position. Tatsächlich ging es jetzt ganz fix. Zügig drehte die Frau die Schrauben wieder hinein und zog sie an. Dann rollte sie den Reifen mit dem Platten um Maia herum und wuchtete ihn in den Kofferraum. Gott, musste die Muskeln haben, so leicht, wie das bei ihr aussah. Wahrscheinlich sah sie unter ihrer Kleidung aus wie eine russische Diskurswerferin der siebziger Jahre. Maia mochte Frauen lieber feminin. Obwohl sie wusste, dass viele Lesben auf durchtrainierte Körper standen und auch viele ihrer Bekannten bei den Nacktfotos von Abby Wambach glasige Augen bekamen. Die amerikanische Fußballerin hatte sich in Kämpferinnenpose ablichten lassen, jeder wohldefinierte Muskel zeichnete sich ab, und Maia war bei dem Anblick das Wort Kriegsgöttin in den Sinn gekommen. Ästhetisch, zweifellos, aber nicht ihr Beuteschema.

Die Frau, die sich gerade die Schmiere von den Händen wischte, war jedoch sowieso mit Sicherheit eine Hetera. Hier auf dem Land gab es bestimmt gar keine Lesben. Außerdem brauchte die Lesbenwelt keinen so ungehobelten Klotz in ihren Reihen. Es gab schon genügend Vorurteile. Da musste so eine sie nicht auch noch bestätigen.

Maia zog schnell einen Fünfziger aus ihrer Geldbörse. Die Frau hatte sich schon ohne ein weiteres Wort zu ihrem Auto gewandt und wollte sie offensichtlich nach getaner Arbeit einfach stehenlassen.


»Warten Sie«, rief es hinter ihr.

Theresa wischte sich die Hände mehr schlecht als recht an einem alten Lappen ab und rollte die Augen. Was war denn nun noch? Sollte sie der anderen auch noch das Gepäck wieder einräumen, war Madame sich auch dazu zu schade? Nicht genug, dass sie die ganze Zeit glotzend danebengestanden hatte, während Theresa sich an den blöden Radmuttern fast einen Bruch geholt hätte. Sie hatte auch nicht ein einziges Mal gefragt, ob sie mit irgendwas zur Hand gehen konnte, und sei es nur irgendetwas halten oder reichen. Wie eine Bedienstete hatte sie Theresa behandelt. Als ob sie in der Werkstatt einen Service durchführen ließe.

Die Schmiere wollte einfach nicht abgehen, und Theresa gab den Versuch auf, ihre Hände einigermaßen sauber zu kriegen. Sie würde daheim mit einer Spezialpaste ans Werk gehen müssen. Wortlos drehte sie sich um, warf den Lappen in den Kofferraum und wartete, was kommen würde. Sie würde es ihrem Gegenüber nicht leicht machen. Wenn sie mit dem Gepäck anfinge, würde sie ihr die Meinung geigen.

Teil 03

»Was ist das Problem?«, fragte sie ziemlich barsch. Diese Aktion hier musste jetzt wirklich nicht sein. Hoffentlich ließ sich das Ganze in fünf Minuten über die Bühne bringen. Sie war erledigt und auch ein bisschen in Missstimmung, nachdem sie hatte feststellen müssen, dass eines ihrer besten Völker geschwärmt war. Eine hervorragende Königin war ihr damit abhanden gekommen, und sie hatte den Schwarm trotz intensiver Suche nirgends gefunden. Sie hatte sich über sich selbst geärgert. Denn hätte sie das Volk in letzter Zeit besser kontrolliert, hätte sie die Schwarmstimmung bemerken müssen. Aber die letzten Wochen waren anstrengend gewesen. Jeden Tag zweimal zu Willi rüber, ihm Essen bringen, ihn je nach Stimmungslage zum Anziehen frischer Kleider animieren, die gröbste Schweinerei in seinem Häuschen wegräumen . . . Und es war gerade Hochsaison in der Imkerei. Ihre hundert Völker hielten sie auf Trab. Aber geschwärmt war ihr schon seit langem kein Volk mehr, Zeitsorgen hin oder her.

Die Frau neben dem schicken, dunkel glänzenden Wagen sah ihr mit großen Augen entgegen. »Oh mein Gott«, stieß sie atemlos hervor, »bin ich froh, dass Sie angehalten haben. Ich habe einen Platten, und mein Handy schafft es nicht, zum Pannendienst durchzukommen. Haben Sie ein Handy dabei? Oder können Sie mich zur nächsten Werkstatt bringen?«

Theresa hätte fast losgelacht, so viel Unsinn war in diese paar Sätze gepackt. Aber was sollte man auch von so einer erwarten. Businessanzug, hochhackige Schuhe, kein Haar in Unordnung. Die Frau sah aus, als hätte sie in ihrem ganzen Leben noch nie an irgendwas Hand anlegen müssen, weil immer irgendjemand da war, der das machte. Wahrscheinlich hätte sie es lieber gehabt, dass ein Mann angehalten hätte. Der wäre auf das Hilflose-Frauchen-Schema mit Sicherheit ganz anders eingestiegen als Theresa. Sie war gegen so was hochgradig allergisch.

»Haben Sie ein Ersatzrad?«, fragte sie ungeduldig. Je schneller sie dieser Frau den Reifen gewechselt hätte, desto schneller wäre sie daheim und könnte endlich etwas essen. Ihr Magen knurrte, seit sie das ganze Gelände rund um ihren Bienenstand abgestiefelt war und alle Äste und Baumhöhlen nach ihrem Bienenschwarm abgesucht hatte. Und das war schon wieder Stunden her.

Mit einem irritierten Stirnrunzeln erklärte die Frau: »Ich habe keine Ahnung. Ich glaube nicht. Ich hab noch nie eines bemerkt.« Ihr war offensichtlich nicht klar, dass man einen Platten durchaus auch selbst beheben konnte. Solche hilflosen Pflänzchen lösten bei Theresa immer Unverständnis aus. Da kämpften Frauen nun schon so lange um ihre Gleichstellung, wollten emanzipiert sein und nicht als unterlegenes Geschlecht gelten, aber sobald es bei solchen Weibchen wie dieser hier um einen Glühbirnenwechsel ging, wurde nach einem Mann gerufen. Lächerlich und kontraproduktiv. So würden Frauen nie ernst genommen werden. Aber der anderen das jetzt zu erklären, würde sie nur Nerven kosten, und die Frau in den Pumps würde es vermutlich noch nicht einmal verstehen.

Theresa besah sich den Reifen vorn rechts. Tatsächlich, einfach nur platt. Dann trat sie zum Kofferraum. »Aufmachen okay?« Sie deutete auf den Kofferraumdeckel.

»Ja, aber da ist alles voll mit meinem Gepäck«, kam die zögerliche Antwort.

Theresa ignorierte das, öffnete den Kofferraum und fing an, die Taschen der Frau auf die Straße zu räumen.

Die protestierte: »Hey! Was machen Sie denn da?«

»Ersatzrad rausholen. Liegt unter der Kofferraumabdeckung«, gab Theresa knapp Auskunft. Nerviger ging es wirklich nicht. Wenn diese feine Madame mithelfen würde, ginge alles doppelt so schnell, aber die stand nur rum und schaute ungläubig auf ihre Taschen und Koffer.

Nachdem sie endlich den Boden des Kofferraums freigelegt hatte, hob Theresa die Abdeckung an, unter der wie vermutet das typische dünne Ersatzrad zusammen mit dem Radkreuz und dem Wagenheber lag. Sie selbst hatte ja für ihren Jeep immer ein normales Rad zum Auswechseln dabei. Doch dass Madame mit dem Ersatzrad nur langsam weiterfahren konnte und bald eine Werkstatt aufsuchen musste, war nicht ihr Problem. Immerhin: Alles war in einem gepflegten Zustand. Offensichtlich hatte die Dame eine gute Werkstatt. Oder der Wagen war so neu, dass alles noch frisch aus der Montagehalle war.

Wie auch immer, der Reifen würde sich nicht von selbst montieren. Theresa wuchtete das Rad heraus und rollte es nach vorn. Reifenwechsel war eine absolut einfache Angelegenheit, man wurde nur saumäßig dreckig dabei. Sie seufzte. Was soll’s. Ein paar Flecke mehr oder weniger auf ihrer Arbeitsjeans waren jetzt auch vollends egal.


Maia beobachtete, wie ihre gute Samariterin sich mit aller Kraft in das kreuzförmige Werkzeug stemmte – wie auch immer dieses Teil hieß, mit dem man Schrauben am Auto öffnete – und sich zum wiederholten Male nichts tat. Die Frau hatte Kraft, das war deutlich zu sehen. Und sie schien das auch nicht zum ersten Mal zu machen. Trotzdem rührten sich die Schrauben kein Stück. Ihre Helferin fluchte vor sich hin. Irgendwas von wegen Idioten, Pressluft und sollte unter Strafe stehen. Maia hatte keine Ahnung, was sie damit meinte.

»Ihre Scheißwerkstatt hat die Muttern mit Pressluft angezogen. Die sitzen bombenfest«, stieß die Fremde schließlich ärgerlich hervor und stapfte zu ihrem eigenen Auto.

Ein paar Herzschläge lang befiel Maia Panik. Wollte diese Frau sie jetzt etwa hier zurücklassen? Sie kam sich so hilflos und dämlich vor. Die Frau war nicht gerade freundlich und zeigte offen, dass sie Maia für beschränkt hielt. Überhaupt war sie ein ganz und gar gefühllos wirkendes Exemplar ihrer Gattung. Ihr Gesicht sah im Licht der Autoscheinwerfer hart und vollkommen humorlos aus. Eine Meisterin der Kommunikation war sie auch nicht gerade. Bisher hatte sie keine fünf Sätze mit ihr gewechselt, obwohl sich Maia doch durchaus bemüht hatte, nachdem der erste Schock überwunden war. Waren die Frauen hier auf dem Land alle so wie ihre ungewollte abendliche Retterin? So abgearbeitet, so vorzeitig gealtert, so herb? Die Jeans und das T-Shirt machten den Eindruck, als würde sie jeden Tag darin arbeiten. Landwirtschaft vermutlich. Kurze, dunkle Haare – war wohl praktisch so. Zumindest sah die Frisur nicht nach mehr aus.

Maia beobachtete, wie die grobe Landwirtin in ihrem dreckigen alten Geländewagen herumwühlte und Sachen beiseiteräumte, deren Verwendungszweck ihr ein Rätsel war. Holzkisten, merkwürdige Werkzeuge, dann zog sie ein metallenes Rohr hervor. Für einen Moment bekam Maia es erneut mit der Angst zu tun. Würde die Grobe damit jetzt auf sie losgehen? Aus Rache für die Pressluft?

Teil 02

»Frau Ossola, die Zahlen stimmen hinten und vorn nicht.« Einer der Aufsichtsräte plusterte sich auf. »So können Sie wirklich nicht hier in der Sitzung auftauchen. Bei allem Verständnis für die kurze Zeit, die Sie zur Verfügung hatten.«

Sie hatte den Typen noch nie leiden können. Außerdem hatte er wohl auch noch recht. Das Schlimme war, dass ihr das fast gänzlich egal war. Diese Erkenntnis riss sie kurz aus ihrer Gleichgültigkeit – denn normalerweise war ihr nichts wichtiger als ihre Karriere, ihr Erfolg, ihr berufliches Standing. Sie war die geborene Managerin. Hatte sie zumindest immer gedacht.

Aber ihr Kopf fühlte sich mal wieder an, als sei er in Watte verpackt, und ihr Herz hämmerte schon seit dem frühen Morgen wie bei einem Marathon. Herzrasen, analysierte sie mit erstaunlicher Klarheit, während um sie herum Stimmen auf sie zubrandeten und wieder abebbten.

So ging das jetzt schon seit Wochen. Mal mehr, mal weniger. Sonst ignorierte sie diese Revolte ihres aufmüpfigen Körpers einfach. So wie sie in den letzten Jahren Schlafmangel, übermäßigen Stress und Verspannungskopfschmerzen übergangen hatte. Sich stets gezwungen hatte weiterzumachen, egal wie beschissen es ihr ging. Mit purem Willen. Und davon hatte sie Unmengen.

Aber dass der sich irgendwann verabschieden würde, war nicht eingeplant gewesen. Schon gar nicht jetzt gerade, in diesem chromblitzenden, pompösen Besprechungsraum im achtzehnten Stock auf einer Sitzung mit den Aufsichtsräten, bei der es um die anstehende Messe in Hongkong ging und den sich rasant entwickelnden chinesischen Markt. Für dessen Einschätzung sie zuständig war. Sie sollte China von hinten aufrollen, am besten flächendeckend mit den von ihrem Unternehmen hergestellten Heizkörpern überziehen und damit eine Gewinnmarge produzieren, die den Herren Aufsichtsräten die Dollarnoten aus den Ohren quellen lassen sollte.

Wenn es allerdings so weiterging wie die letzten Wochen, würde der Gewinn kleiner ausfallen. Sie war nicht in bester Verfassung, das musste sie sich zähneknirschend eingestehen. Das Gefühl der absoluten Überforderung überkam sie wieder, während die Zahlen, die der Beamer an die Wand warf, vor ihren Augen flirrten. Wenn sie jetzt nicht alles zusammennahm, was sie an Selbstbeherrschung und Konzentration noch übrig hatte, ergaben die verdammten Zeichen und Tabellen noch nicht einmal Sinn. Obwohl sie normalerweise für Zahlen lebte. Sie liebte es, mit ihnen zu jonglieren. Doch heute waren sie überhaupt nicht ihre Freunde. So mies hatte sich Maia noch nie gefühlt: vollständig energielos und gleichzeitig kurz vor der Explosion.

Ihr Chef schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, und versuchte ihr beizustehen auf seine unfähige Art: »Von jemandem mit Ihren italienischen Wurzeln hätte ich mehr Leidenschaft für die Sache erwartet, Frau Ossola.« Er grinste in die Runde und fand seinen Witz über ihren italienischen Nachnamen wahrscheinlich gelungen.

Den Versuch musste sie ihm wohl anrechnen. Aber Herrgott noch mal, sie stammte aus einer Familie von Waldensern und war so deutsch, wie es nur ging. Ihre Vorfahren waren seit dem 17. Jahrhundert im Land. Sie sprach noch nicht einmal italienisch. Und das wusste er auch – oder sollte er zumindest wissen.

Sie fing an, im Kopf zu zählen. Das half ihr normalerweise immer, sich zu beruhigen. Heute war es vergebens. Sie kam bis zwölf. Dann fing sie an zu kichern.

Sie wusste noch nicht einmal, weshalb. Die Runde dachte zuerst, sie lache über den Scherz, und stimmte mit aufgesetztem Lachen ein. Als sie aber immer weiter kicherte und sich das Ganze noch steigerte, während die anderen alle angemessen schnell aufhörten mit ihrem künstlichen Amüsement, erntete sie ungläubige und zunehmend irritierte Blicke. Aber sie konnte beim besten Willen nicht aufhören. Ihre Gesichtsmuskeln schmerzten bereits, ihre Zähne schlugen immer wieder hart aufeinander, sie spürte unfeine Spuckefäden an ihren Mundwinkeln. Und obwohl sie all das in ihrem abgedrehten Zustand bemerkte, musste sie hysterisch weiterlachen. Tief aus dem Bauch, mit verzerrt klingenden Lauten.

Sie sah die entsetzten Mienen ihrer Vorgesetzten und Kollegen, und ihr Lachen wurde noch lauter. Ihr Würmer, schoss es ihr durch den Kopf, und gleichzeitig sah sie die Köderdose von Großonkel Willi vor sich, wenn sie mit ihm zum Angeln gegangen war in ihrer Kindheit. Wieso musste sie gerade so viel an Willi denken? Sie hatte ihn bestimmt schon zehn Jahre nicht gesehen. Dann kehrte wieder der Gedanke an die Würmer zurück. Wie sie sich gewunden hatten, bevor er sie auf den Haken gespießt hatte. Das war immer eklig gewesen. Die Erinnerung ließ sie abrupt verstummen.

Sie erhob sich, ließ ihre Unterlagen und ihren Laptop liegen und ging ohne ein Wort zu sagen aus dem Raum. Im Rücken spürte sie die Blicke der anderen, aber jetzt musste sie nur noch hier raus. Ihr Herz hämmerte in einem Tempo, dass sie das Gefühl hatte, es würde ihr gleich aus der Brust springen. Sie bekam keine Luft, und ihr Kopf wollte wie ein heliumgefüllter Ballon davonfliegen.

Noch im Hinauslaufen riss sie sich ihr Jackett vom Leib. Sie hielt es nicht mehr aus, darin eingezwängt zu sein. Über mit tiefem, weißem Teppich ausgelegte Flure mit teurer Kunst an den Wänden wankte sie planlos davon, bis die Rettung in Form der nächstgelegenen Toilette auftauchte. In dem stilvollen Raum zwängte sie ihren Kopf unter den Designer-Wasserhahn, der dafür nicht vorgesehen war und entsprechend wenig Platz bot. Eiskaltes Wasser lief auf ihre kunstvoll modellierte, blondgefärbte Hochsteckfrisur.

Während sie bis zweihundert zählte und sich ihr Puls dabei langsam beruhigte, wurde ihr klar, dass sie gerade so eine Art Nervenzusammenbruch gehabt hatte. Sie starrte in den Abfluss, wo das Wasser in stetem Strom verschwand. Das Wort Burnout schien über ihrem Kopf zu hängen wie ein Damoklesschwert.

Dann fing sie wieder an zu lachen. Sie riss den Kopf hoch, dass das Wasser nur so in dem eleganten Toilettenraum herumspritzte und ihr in Bächen auf die teure Seidenbluse hinunterfloss. Alles scheißegal.

1
In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit . . .

Die Frau am Fahrbahnrand hämmerte auf ein Smartphone ein. Hier draußen so tief im Odenwald hatte es keinen Empfang, das hätte Theresa ihr vorher sagen können. Und im Dunkeln auf der abgelegenen Landstraße konnte sie lange warten, bis jemand vorbeikommen würde. Theresa seufzte schicksalsergeben: außer ihr. Sie kam gerade vorbei. Ihr Gewissen ließ es nicht zu, dass sie einfach weiterfuhr.

Sie hielt ihren verbeulten Jeep rechts am Straßenrand und stieg aus.

Teil 01

Prolog

Theresa betrat das Haus ihres Nachbarn mit einem unguten Gefühl. Willi war einundachtzig und ein echter Eigenbrötler. Er kam mit niemandem aus. In der ganzen Umgebung war er verhasst, und niemand kümmerte sich um ihn. Nicht, dass er das überhaupt gewollt hätte. Dass er heute nicht schon misstrauisch aus der Tür geschaut hatte, als sie auf den Hof fuhr, war ungewöhnlich. Niemand betrat sein Grundstück, ohne dass Willi das kontrollierte und absegnete.

Theresa war die Einzige, die unangekündigt kommen durfte. Aus ihr nicht ganz einleuchtenden Gründen war sie in Willis Augen in Ordnung. Vielleicht lag es daran, dass sie beide so weit außerhalb des Dorfes wohnten und dadurch eine Art Zweckgemeinschaft bildeten. Vielleicht auch daran, dass sie beide ähnlich weltabgewandt lebten und er in ihr eine verwandte Seele sah. Oder daran, dass Willi auf sie zugekommen war und nicht umgekehrt – nachdem sie bereits ein Jahr lang fünfhundert Meter von ihm entfernt gewohnt hatte. Sie hatte ihn nicht bedrängt.

Was auch immer es war, in den letzten sechs Jahren hatte sich so etwas wie eine zurückhaltende Freundschaft entwickelt. Und jetzt, da Willi immer mehr abbaute, fühlte sie sich verpflichtet, ab und an nach dem Rechten zu sehen. Aber inzwischen war sie schon ein paar Wochen nicht mehr bei ihm gewesen und hatte ihn auch nicht zufällig in Feld und Flur getroffen, wenn sie nach ihren Bienenvölkern schaute.

Die alte Haustür hatte offen gestanden. Sie hatte angeklopft, aber keine Antwort erhalten. Zögerlich trat sie nun weiter in den Hausflur. Sie hatte immer das Gefühl, sich bücken zu müssen, wenn sie Willis Haus betrat, so niedrig war das alte Bauernhäuschen. Obwohl sie sich noch im Eingangsbereich befand, schlug ihr eine Welle von Mief entgegen. Das ganze Haus schien nach altem Mann zu stinken. Nach dreckigem altem Mann. Eine Mischung aus Urin, Schweiß, Alter, verkommenen Lebensmitteln und schlicht und ergreifend Dreck. Theresa versuchte nicht durch die Nase zu atmen. Sie ging die quietschende alte Holztreppe hoch – immer dem Geruch hinterher.

»Willi? Bist du da? Ich bin’s. Die Resi.«

Keine Antwort. Sie sah in die Küche und erschrak über den Zustand des Raumes. Überall vergammeltes Essen und Fliegen. Ein grün verschimmelter Rest Brot lag auf dem Küchentisch, und wie es aussah, war erst vor kurzem ein Stück davon abgeschnitten worden. Theresa wurde es fast übel bei dem Anblick. Die Rillen des alten Metallgriffs an der Tür schnitten ihr in die Hand, so fest hielt sie ihn. Dann schloss sie die Küchentür mit ihren Butzenfenstern wieder und wandte sich in dem verwinkelten, dunklen Flur zum Wohnzimmer.

»Willi?«, rief sie noch einmal.

Dieses Mal kam eine Antwort, ein heiseres »Ja«. Es hörte sich schwach an. Sie öffnete die Wohnzimmertür und hätte fast gewürgt.

Der Gestank war hier um ein Vielfaches potenziert. Und der Verursacher, der in einem alten Ohrensessel am Ofen saß, sah auch entsprechend aus. Willi war total verwahrlost. Seine Kleider wirkten, als habe er sie schon seit Wochen nicht gewechselt – vollkommen verdreckt. Die Hose hatte im Schritt verdächtige dunkle Flecke. Essensreste klebten an seinem karierten Hemd, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Er war unrasiert, seine Haare eine graue, ungekämmte und fettige Matte. Seine Augen schimmerten glasig, und seine Wangen wirkten eingefallen. Theresa war geschockt. Dass die Lage hier so bedenklich war, hätte sie nicht erwartet.

Willi sah sie mit unstetem Blick an und schien etwas zu suchen. »Hast du heute Wolfi gar nicht dabei?«, fragte er schließlich mit undeutlicher Aussprache.

Wolfi, Theresas Hund, war schon seit drei Jahren tot. Und Willi hatte sein Gebiss nicht drin. Es lag vor ihm auf dem Tisch. Fliegen scharten sich darum und veranstalteten ein Volksfest.

Theresa überwand sich und trat in das stickige, stinkende Zimmer. »Wolfi? Der ist doch an Altersschwäche gestorben. Erinnerst du dich nicht?«, fragte sie Willi vorsichtig, während sie auf ihn zutrat. Der Ofen war kalt, und es war kühl im Raum, trotz der frühsommerlichen Wärme draußen. Da Willi anscheinend mit allem einschließlich persönlicher Pflege überfordert war, hatte er wohl auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr gelüftet. Vorsichtig sog Theresa die Luft zwischen den Zähnen ein, hatte aber trotzdem das Gefühl, hier drin ersticken zu müssen.

»Quatsch«, fuhr Willi plötzlich unerwartet kraftvoll auf. »Du warst doch noch gestern mit ihm zusammen hier. Da ist er doch noch draußen rumgesprungen wie ein junger Hund.« Merkwürdig, für dieses verärgerte Blaffen schien er noch Energie zu haben.

»Wolfi ist schon lange tot«, insistierte sie und flehte innerlich, dass bei ihm wieder so weit Klarheit einziehen möge, dass sie vernünftig mit ihm reden könnte. Dann wäre schon viel gewonnen. Aber ihre Hoffnung war vergebens.

»Wenn du mich weiter verarschen willst, kannst du dich auf was gefasst machen. So wie der Rest von der Saubande.« Willi drohte ihr jetzt sogar mit der geballten Faust. Er hatte ein fast unheimliches Funkeln in den Augen.

Vorsicht war angebracht, das wusste Theresa. Willi war schon öfter mal verwirrt gewesen, und das war bei ihm häufig gepaart mit Aggressivität. Heute schien es besonders schlimm zu sein. Und sie hatte keine Lust, mit einem stinkenden, gebrechlichen Greis ringen zu müssen, den sie eigentlich als Freund betrachtete.

»Scherz«, verkündete sie deshalb mit einem Grinsen und log um Willis Seelenfrieden willen: »Wolfi ist zu Hause und hütet die Schafe.« Es hatte keinen Zweck, auf der Realität zu beharren. Die war Willi offensichtlich abhanden gekommen. Zusammen mit dem Rest seines Verstandes und seiner Würde.

Statt einer Antwort brummelte Willi – jetzt wieder friedlich – nur vor sich hin.

Es führte kein Weg dran vorbei: Sie müsste die Nummer seiner Nichte heraussuchen und sie anrufen. Seit einiger Zeit schob sie das nun schon vor sich her. Willi hatte keine eigenen Kinder, war auch nie verheiratet gewesen. So viel wusste Theresa. Er hasste seine ganze restliche Verwandtschaft. Deshalb wollte sie ihm das eigentlich nicht antun. Aber wenn es so weiterging, läge er eines schönen, ziemlich nahen Tages hier tot in seinem Häuschen, und sie würde sich bittere Vorwürfe machen.


Maria Ossola, von allen außerhalb der Geschäftswelt Maia genannt, saß in der gefühlt fünftausendsten Sitzung ihres dreiunddreißig Jahre zählenden Lebens und fragte sich, ob sie etwas anderes hätte studieren sollen. Augen auf bei der Berufswahl, hatte Großonkel Willi immer gesagt. Jetzt war sie Managerin in einem international tätigen Unternehmen, das Heizkörper produzierte, und konnte sich in diesem Moment nichts Unsinnigeres auf der Welt vorstellen.

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