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Teil 12

Die starrte sie verblüfft an. »Bitte was?«

Nele lachte. »Ich bin Trendscout für alkoholische Getränke, Fachgebiet Whiskey. Ich habe gerade Ihre Qualität als Whiskey beschrieben. Tut mir leid, ich wollte Sie nicht beleidigen.«

Jetzt war es an der Rothaarigen zu lachen. »Das ist ja mal ganz was Neues. Aber . . .« Sie schien kurz nachzudenken. »Sie haben völlig recht. Meine Vorfahren stammen aus Irland. Grün ist meine Lieblingsfarbe. Und das Geburtsjahr stimmt auch. Na ja, fast – 1988, um genau zu sein. Ich bin übrigens Liz.« Sie reichte Nele fröhlich die Hand.

»Hi, ich bin Nel. . ., also, Nelly«, gab Nele lächelnd zurück, um sich dann mit wieder erwachter Neugier zu erkundigen: »Und? Reitest du hier im Turnier mit?«

»Ich?«, lachte Liz auf. »Wohl kaum. Bei meiner Statur!« Ihr breites Lächeln gab zwei Reihen tadellos weißer Zähne frei.

Lacalut Fluor – eine Zahncreme zum Verlieben, schoss Nele unvermittelt ein uralter Werbeslogan durch den Kopf, den ihre Großmutter immer zitiert hatte. Dann sah sie an Liz herunter. Nicht ganz so groß wie sie selbst war sie und kräftig gebaut, aber eher muskulös als stämmig. Zumindest soweit man das unter der Jacke beurteilen konnte.

»Ja, so ganz die zarte Jockeyelfe bist du vielleicht nicht unbedingt«, gab sie schmunzelnd zu.

»Na, danke auch für das Kompliment. Wo kommst du eigentlich her? Aus Kentucky sicherlich nicht, deinem Akzent nach zu urteilen«, vermutete Liz, während sie beim letzten Satz selbst in einen breiten Kentucky-Akzent verfiel.

»New York«, beschied ihr Nelly ganz automatisch. Erst als sie Liz’ zweifelnden Blick sah, bemerkte sie, was sie da gesagt hatte. »Also eigentlich aus Deutschland«, korrigierte sie sich schnell. »Ich arbeite nur gerade in New York.«

»Wow, cool. Ich dachte mir schon, dass du aus Deutschland bist. Ihr Deutschen seid immer so direkt«, konstatierte Liz lachend.

»Was für dich zum Glück überhaupt nicht zutrifft.« Grinsend schüttelte Nele den Kopf. »Wenn du nicht mitreitest, was machst du dann hier?«

»Ich bin für eine Freundin eingesprungen«, erklärte Liz, »als Begleitreiterin. Die Reitpferde sind – egal ob beim Rennen oder beim Springreiten – immer so nervös, dass ein Begleitreiter sie zum Wettkampfort bringt. Die meisten sind ziemlich divenhaft. Die wissen genau, dass alle auf sie schauen.«

»Okay, klingt interessant. Und wo ist nun dein Begleitpferd?« Jetzt war Nele wirklich interessiert. Liz hatte etwas an sich, das sie faszinierte. Sie hätte gar nichts dagegen gehabt, in der kommenden Woche noch mehr von ihrer Gesellschaft zu genießen.

»Rocana steht drüben im Stall, bei den anderen. Wenn du magst, zeig ich sie dir«, schlug Liz vor. »Oder hast du etwas anderes vor?«

Nele kippte den Rest ihres Whiskeys mit einem Schluck. »Nein, so wie es aussieht nicht. Mein Tag ist gelaufen. Eigentlich kann er nur noch besser werden.« Sie rutschte von ihrem Barhocker, schwankte leicht – und landete prompt in Liz’ Armen.

Eine Sekunde lang war Liz ihr plötzlich so nahe, dass sie ihren aufregend herben Duft nach frischem Gras, Luft, Sonne und Pferdestall wahrnehmen konnte. Er strömte ihr durch die Nase, kitzelte sie im Hirn und löste ein so erotisches Prickeln in ihrem ganzen Körper aus, dass sie erschauerte.

»Alles okay?«, fragte Liz und half Nele in die Senkrechte.

»Alles bestens. Diese verflixten Pumps«, murmelte Nele verlegen und zupfte ihre Kostümjacke zurecht.

»Na dann – auf zu den Pferden, Miss Germany!« Vergnügt hakte Liz Nele unter und zog sie mit sich.


Liz führte Nele in den Bereich der Stallungen, wo sie ihr eine Exklusivführung gönnte. Sie zeigte Nele einige berühmte Turnierpferde, die genüsslich Heu aus ihren Raufen kauten. Während sie die Gasse zwischen den Boxen entlangliefen, nannte sie ein paar Namen und erzählte, was sie über die Pferde wusste.

»Schau, der da drüben, der Schimmel, das ist ein kleiner Schisser. Hat Angst vor jedem Hindernis. Der springt nur, weil er in seine Reiterin verknallt ist.«

»Ehrlich? Das kann ich mir ja nun kaum vorstellen«, kommentierte Nele lachend.

»Doch, kannst du glauben. Und der Braune da drüben, das ist ein richtiger Rambo. Wenn du bei dem nicht aufpasst, dann bricht der durch die Hindernisse durch. Einfach so, mit breiter Brust. Und der schmale Fuchs da drüben, der liebt die Turniere. Der macht das, weil er richtig Spaß daran hat.«

»Und wahrscheinlich keine Wahl«, bemerkte Nele trocken und gab dann zu: »Ehrlich, Pferde sind nicht ganz so meins. Zumindest nicht, wenn es um diesen teuren Schickimicki-Kram hier geht.«

»Oh, das enttäuscht mich jetzt aber«, gab Liz zurück, ohne jedoch im Geringsten so auszusehen. »Bist du als Kind niemals auf einem Pony geritten und hast dich wie eine Prinzessin gefühlt?«

Lachend schüttelte Nele den Kopf. »Ich glaube nicht, dass ich jetzt so der Prinzessinnentyp bin. Klar saß ich als Kind mal auf einem Pferd. Das fand ich schon cool. Bis mir dann irgendwann ein Pony auf den Fuß gestiegen ist. Ich hatte wochenlang einen blauen Fuß, und alle nannten mich Krümelmonster.«

»Oje. Ja, kindliche Traumata wird man nicht so schnell los.« Liz nickte verständnisvoll. »Komm, ich zeige dir meine Rocana. Die ist wirklich die Sanftmut in Person. – Vorsicht!« Liz hatte über die Schulter geschaut und zog Nele nun hastig beiseite, da einige Reiter ihre Pferde an ihnen vorbeiführten.

Respektvoll schaute Nele die großen Tiere an. So in unmittelbarer Nähe machten sie ihr fast ein wenig Angst. Vielleicht bewegte sie sich deshalb etwas zu hektisch. Ein brauner Hengst scheute jedenfalls direkt neben ihr, stieg auf die Hinterbeine und wieherte.

Nele erschrak so sehr, dass sie zwei Schritte nach hinten machte, taumelte und gegen das Hinterteil eines anderen Pferdes stolperte, das prompt ebenfalls erschrak und nach hinten auskeilte. Dabei erwischte es Nele mit einem heftigen Tritt, der sie gegen die Boxenwand schleuderte. Nele schrie auf. Ihr wurde schwarz vor Augen, und sie spürte vage, dass sie zu Boden rutschte.

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 11

Sofort zauberte Olivia ein Lächeln auf ihre Züge. »Ja, ja, selbstverständlich. Ich habe nur einen dringenden Anruf bekommen. Familiensache. Meine Mutter. Sie ist schwer krank – Sie verstehen.« Ihr Gesicht überzog sich mit Betrübnis. »Ihr geht es sehr schlecht. Ich wurde gebeten, nach Hause zu kommen.«

»Oh, natürlich, das verstehen wir sicher alle hier.« Jerry Simmons machte eine Bewegung, die den gesamten Raum einschloss. »Gehen Sie nur. Ihre bezaubernde Kollegin wird uns doch sicherlich noch ein wenig Gesellschaft leisten?«

»Aber selbstverständlich.« Olivia lächelte verbindlich. Dann wandte sie sich leise an Nele: »Ich muss jetzt wirklich los. Ich melde mich . . . Und du mach deinen Job. Nicht nur heute, sondern auch in den nächsten Wochen. Vergiss nicht die Zwischenberichte zu liefern. Mach uns bloß keine Schande.«

Nele blieb buchstäblich die Luft weg, so empört war sie über diese implizierte Unterstellung. Außerstande, auch nur ein Wort zu sagen, blickte sie Olivia nach, die eilig die Suite verließ. Sie hatte das Gefühl, jeden Moment explodieren zu müssen.

»Schlimm, wenn es jemanden aus der Familie trifft, nicht wahr?«, hörte sie wie durch einen Nebel die Stimme von Jerry Simmons. »Wie geht es Ihrer Familie? Lebt sie in Deutschland?«

Mit aller Macht zwang sich Nele zu ihrem freundlichsten Geschäftslächeln. Olivia ließ sie hier also einfach sitzen und befürchtete auch noch, sie könnte der Firma Schande machen? Da kannte sie Nele aber schlecht. Sie würde es allen zeigen. Jetzt erst recht.


Es war früher Abend, als sich die letzten Vertreter der Brennereien verabschiedeten. Müde und ein bisschen angetrunken blieb Nele allein in der Suite zurück.

Das konnte doch alles nur ein schlechter Traum sein. Eben noch hatte sie sich auf ein wunderbares Wochenende mit Olivia gefreut, von dem sie sich versprochen hatte, dass sie ihre Beziehung auf eine mehr als nur sexuelle Basis stellen konnten, und nun . . .

Sie trank ihren letzten Mint Julep leer, obwohl sie wusste, dass Wasser vermutlich die bessere Wahl gewesen wäre. Tränen stiegen in ihr hoch. Was sollte sie jetzt bloß tun?

Zurück ins Hotel fahren? Würde sie denn überhaupt ein Taxi bekommen?

Und dann – allein im Hotelzimmer?

Das konnte sie nicht. Nicht jetzt!

Nele wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann schniefte sie einmal kräftig und straffte sich. Sie würde sich jetzt einfach noch ein bisschen amüsieren. Dazu war sie schließlich hier!

Etwas unsicher auf den Beinen ging sie hinunter, um sich unter das allgemeine Publikum zu mischen. Da die Wettkämpfe vorbei waren, tummelte sich die bunte Menschenmenge jetzt in den Bars und Geschäften. Zunächst zog es Nele zu dem großen Souvenirladen direkt am Eingang. Doch dort schoben und quetschten sich die Leute dermaßen drängelnd hindurch, dass sie rasch die Flucht ergriff. Sie suchte sich einen Platz an einer der vielen Bars und bestellte sich einen Whiskey – ohne Eis, nur mit einem Tropfen Wasser.

»Das ist aber mal ein hartes Getränk für eine Lady!«

Als die spöttischen Worte an ihr Ohr drangen, beobachtete Nele gerade mit traurigem Interesse, wie die zugesetzten Wassertropfen in ihrem goldbraun schimmernden Whiskey eine leicht dunstige Eintrübung auslösten. Erschrocken wandte sie sich um. Vor ihr stand eine junge Frau in Reitkleidung, die sie amüsiert anlächelte. Ein Namensschild an ihrer Jacke wies sie als »E. Taylor« aus. Unter ihrer schwarzen Reitkappe quoll lockiges, kupferfarbenes Haar hervor, und auf ihrer Stupsnase leuchteten freche kleine Sommersprossen. Ihre grünen Augen blitzten.

»Meinen Sie mich?«, stotterte Nele etwas verunsichert.

Ihr Gegenüber konterte trocken: »Sehen Sie sonst noch irgendwo eine Lady hier am Tresen?«

Irritiert blickte Nele sich um. Außer ihr saßen reichlich zwei Dutzend Männer an der Bar. Dazwischen sah Nele zwei, drei Frauen, doch diese trugen allesamt Jeans und Bluse oder Pullover.

Sie schaute verlegen an ihrem engen, schwarzen Kostüm hinunter bis zu den Spitzen der flachen, schwarzen Schuhe. Dann wanderte ihr Blick zurück zu dem amüsierten Grinsen. Etwas selbstbewusster gab sie zurück: »Nein, eigentlich nicht.«

»Na, sehen Sie!«, lächelte die Stupsnasige und steckte die Hände in ihre wattierte, dunkelgrüne Jacke, unter der ein weißes Hemd hervorlugte.

Nele hatte den Eindruck, dass sie sich abwenden wollte, und aus einem unerfindlichen Grund wollte sie das unbedingt verhindern. Also erkundigte sie sich herausfordernd: »Was sollte ich denn Ihrer Meinung nach trinken? So als Lady?«

»Wie wäre es mit einem Mint Julep?«, schlug die Frau prompt vor.

Unwillkürlich musste Nele kichern. »Tut mir leid. Davon hatte ich heute schon mindestens vier. Ich brauche jetzt etwas Richtiges zu trinken.«

»Ah ja«, nickte die junge Frau und kratzte mit ihrem tadellos geputzten Reitstiefel auf dem Betonfußboden einen imaginären Fleck weg. »Wohl Pech beim Wetten gehabt?«

»Ist das hier der Standardgrund zum Trinken?«, fragte Nele zurück und starrte auf die enganliegenden weißen Reithosen der jungen Frau. Die wohlgeformten Oberschenkel ließen sie an Olivia denken. Sie schluckte und schaute rasch wieder in das Gesicht ihres neugierigen Gegenübers.

Die nickte und antwortete: »Ja, schon. Zumindest meiner Erfahrung nach.«

»Okay, ich habe gestern gewonnen und heute nicht gespielt. Das kann es also nicht sein«, gab Nele zu bedenken. »Außerdem trinke ich beruflich.« Sie nippte demonstrativ an ihrem Drink.

»Wow, das ist mal neu. Darf ich fragen, was Sie machen?« Die Rothaarige zog sich einen Barhocker heran, schob ihn in die denkbar enge Lücke zwischen Nele und ihrem Nachbarn und setzte sich. Dann winkte sie dem Barkeeper und bestellte eine Cola.

Sobald der Barkeeper sich mit einem Nicken wieder entfernt hatte, erklärte Nele: »Klar dürfen Sie. Ist ja ein freies Land, wie es immer so schön heißt. Ich bin Trendscout.«

Mit etwas müdem Interesse beobachtete sie die Reaktion, die diese Offenbarung bei der jungen Frau hervorrief. Sie hatte schon eine ganze Reihe von Varianten erlebt, und die der jungen Frau entsprach so etwa dem Durchschnitt. Sie riss verwundert die Augen auf, konnte ein Lachen nicht ganz unterdrücken und fragte schließlich ungläubig und mit einem etwas abschätzigen Unterton: »Ehrlich? Sie sind also unterwegs und schauen sich coole Leute an, was die so anziehen, essen, trinken und in ihrer Freizeit tun? Und wenn sie was Tolles finden, greift das dann irgendeine Firma auf und verdient sich damit eine goldene Nase?«

Nele nickte. »So in etwa.« Allmählich verlor sie nun doch das Interesse an diesem Gespräch. Sie hatte nicht die geringste Lust, mit wildfremden Leuten über ihren Beruf zu sprechen. Das hatte sie in den letzten Stunden zur Genüge getan. Eigentlich wollte sie nur in Ruhe ihren Whiskey trinken, danach zurück ins Hotel fahren und sich so richtig ausheulen. Sie seufzte hörbar.

Doch die junge Frau schien das nicht zu stören. Sie grinste so breit, dass ihre Sommersprossen zu hüpfen begannen. »Und?«, wollte sie wissen. »Bin ich trendy?« Dabei legte sie keck den Kopf schief.

»Nun ja«, sagte Nele und musterte die junge Frau mit Kennermiene. »Ich schätze mal irischer Single Malt, bernsteinfarbener bis dunkelroter Farbton, etwa Jahrgang 1987. Für die Veranstaltung hier ganz passend abgefüllt. Keenelandgrün passt gut.« Sie schaute der Rothaarigen herausfordernd in die Augen.

Teil 10

»Und könntest du bitte Englisch reden? Wenn du Deutsch sprichst, habe ich immer den Verdacht, du denkst dir gerade irgendetwas Fürchterliches gegen mich aus.«

Nele schüttelte den Kopf. »Paranoid bist du gar nicht.« Sie lächelte Olivia an und war erleichtert, in deren Augen die gleiche warme Zuneigung zu sehen, die sie selbst empfand. Dann hakte sie sich bei Olivia unter und ging mit ihr zum Wagen. Sie würde Olivia noch dazu bringen, eine eindeutige Aussage zu treffen. Und bis dahin würde sie das, was sie hatten, genießen – und zwar in vollen Zügen.


Die Suite in Keeneland war wirklich beeindruckend. Im vierten Stock des Gebäudes gelegen, bot sie einen beeindruckenden Blick auf die Rennbahn. Der zuständige Kellner begrüßte die beiden Frauen mit ausgesuchter Höflichkeit, verwies auf das köstlich aussehende Buffet, das sich an einer Wand erstreckte, und zog sich anschließend diskret zurück. Nach und nach trafen dann auch die Vertreterinnen und Vertreter der Brennereien ein. Olivia und Nele hießen sie gemeinsam willkommen, und bald erging man sich im allgemeinen Smalltalk. Trotz der oberflächlichen Ebene, auf der sich die Gespräche bewegten, konnte Nele sehr schnell spüren, zwischen welchen Vertretern wirkliches Wohlwollen vorherrschte und wo unterschwellige Animositäten die Atmosphäre trübten.

Als alle eingetroffen waren, begrüßte Olivia die Anwesenden. Sie sprach einnehmend und gewandt, mit professioneller Freundlichkeit und sogar ein paar ironischen Scherzen – eine Seite, die Nele noch gar nicht an ihr kannte. Zunächst richtete sie Grüße der Geschäftsleitung aus, leitete dann zum weiteren Verlauf des Nachmittags über und bat schließlich, das Buffet möglichst gründlich zu plündern. Als krönender Abschluss ihrer kleinen Eröffnungsrede kam schließlich der Kellner wieder herein und servierte einem jeden Anwesenden einen Silberbecher, der vor Kälte beschlagen war.

Sofort merkte Nele, dass aller Blicke auf ihr ruhten. Sie wurde rot. Aber da sie ahnte, was man von ihr erwartete, gewann sie die Fassung schnell zurück.

Schmunzelnd begann sie: »Ich vermute, Sie versuchen gerade herauszufinden, ob die Deutsche auch wirklich etwas von Whiskey versteht.«

Die Umstehenden lächelten freundlich zurück.

»Also, das hier kann nur ein Mint Julep sein.« Sie hob den Becher und betrachtete ihn fachmännisch. »Im Silber- oder Zinnbecher serviert, Minze, Straight Bourbon, Zucker oder Zuckersirup auf gecrushtem Eis. Dazu noch ein Minzstängelchen zur Dekoration. Und – nicht zu vergessen – ein Strohhalm.«

Sie roch an ihrem Becher, nahm einen kleinen Schluck. »Ich schätze mal, das ist ein vier Jahre alter Bourbon, Einzelfassreife selbstverständlich. Dass es sich um einen aus einer Lexingtoner Destille handelt, versteht sich vermutlich von selbst«, gab sie sich betont selbstbewusst. Ein bisschen Bluffen konnte nie schaden. Sie hob ihren Becher. »Auf Ihr Wohl, meine Damen und Herren. Auf gute Zusammenarbeit.« Dann nahm sie einen genüsslichen Schluck. Kühl und erfrischend rann er ihr durch die Kehle, während beifälliges Gemurmel ringsum deutlich machte, dass sie diesen kleinen Eingangstest bestanden hatte.

Nun begab man sich an das Buffet, und bald saßen kleine Gruppen plaudernd und Häppchen knabbernd beisammen. Man beobachtete die Pferde, und manchmal verschwand der eine oder andere, um eine Wette zu setzen. Gelegentlich brach Jubel aus, wenn jemand gewonnen hatte, häufiger jedoch flog ein zusammengeknüllter Wettschein mehr oder weniger elegant in den Papierkorb. Nele und Olivia gingen von einer Gruppe zur anderen, setzten sich überall ein paar Minuten dazu und scherzten und lachten mit allen Anwesenden. Ganz nebenher erfüllten sie dabei auch ihre Geschäftspflichten, vereinbarten Termine, sprachen über Preise.

Nele war in ihrem Element. Es war, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie hatte Olivia am Vortag nicht zu viel versprochen: Die Whiskeybrennerei und der Vertrieb waren einfach ihr Thema, sie kannte sich aus und liebte es, ihr Wissen einzusetzen.

Alles lief gut, bis plötzlich Olivias Handy klingelte. Sie warf einen Blick darauf, entschuldigte sich kurz und verließ zum Telefonieren den Raum. Als sie zurückkam, wirkte sie blass und nervös.

Nele sah sie alarmiert an. Aber es dauerte eine Weile, bis sie die Chance bekam, Olivia wie zufällig allein zu sprechen.

»Was ist los? Ist was passiert?«, fragte sie besorgt und konnte gerade noch dem Impuls widerstehen, ihre Hand beruhigend auf Olivias Arm zu legen.

Olivia schüttelte knapp den Kopf. »Nichts weiter, nur ein Anruf von der Firma. Erzähle ich dir später.«

Sie gab sich betont ruhig, doch Nele kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie etwas beschäftigte. Sie hütete sich jedoch, weiter in Olivia zu dringen.

Erst als diese immer häufiger auf die Uhr schaute, nahm Nele sie schließlich beiseite: »Sagst du mir jetzt endlich, was los ist?« Nach mehreren Mint Juleps, die sie zu trinken genötigt worden war, hatte sie bereits einen leichten Schwips. Umso mehr bemühte sie sich, klar zu reden und gerade zu stehen.

»Es ist nichts weiter«, wehrte Olivia fahrig ab. »Es gibt nur ein paar Probleme in der Firma. Ich muss heute noch zurück, weil sich morgen früh das Management trifft. Tut mir leid.«

Nele starrte sie entgeistert an. »Und das nennst du nichts weiter?«

»Nelly«, sagte Olivia, eher genervt als beschwichtigend, »nun reg dich nicht auf. Ich würde auch lieber den Rest des Wochenendes mit dir verbringen. Aber so ist das nun mal. Wenn die Firma ruft, dann springt man. Immerhin hängt auch dein Arbeitsplatz davon ab . . . Leider ist der letzte Flug nach New York schon weg, und der erste morgen früh ist zu spät. Ich nehme den Wagen und fahre zurück. Du kommst doch zurecht, oder? Die bleiben bestimmt nicht mehr lange. Das Hotelzimmer ist bis Montag früh gebucht und bezahlt. Und du hast ja die Firmenkreditkarte. Nimm dir einfach einen neuen Wagen.« Schon wieder blickte Olivia hastig auf ihre Armbanduhr.

»Natürlich komme ich zurecht«, gab Nele ungehalten zurück. »Darum geht es gar nicht. Aber was um alles in der Welt kann so schlimm sein, dass du hier alles hinwirfst?« Sie fasste Olivia am Arm.

Diese machte sich mit einem wütenden Ruck los und zischte: »Fass mich nicht an!« Dann schien sie zu merken, wie überzogen ihr Verhalten war. Sie atmete tief durch und erklärte dann etwas ruhiger: »Es gibt wohl einen Skandal wegen Bestechungsgeldern innerhalb der Firma. Jetzt will man herausfinden, wer darin verwickelt ist. Das ist alles.«

»Und? Bist du?«, wollte Nele flüsternd wissen, jetzt erst recht fassungslos.

Olivia schaute sie verwundert an. »Bin ich was?«

»Na, in diesen Skandal verwickelt.«

»Spinnst du? Wie kannst du so was auch nur von mir denken!«, fauchte Olivia sie an.

Nele setzte gerade zu einer Entschuldigung an, obwohl sie inzwischen schon nicht mehr schockiert, sondern zunehmend wütend war. Doch da sagte eine männliche Stimme neben ihr: »Alles in Ordnung bei Ihnen?« Ein älterer Herr mit hohem Stirnansatz, den Nele vor einer Stunde als Jerry Simmons von der Early Times Distillery kennengelernt hatte, war an die beiden herangetreten.

Teil 09

»Es sind auch zwei Frauen dabei«, erklärte Olivia, noch immer sichtlich fassungslos.

»Na bitte.« Nele lachte schon wieder. »Da kann ja nichts mehr schiefgehen. Außerdem haben wir ja noch den ganzen Sonntag für uns. Oder hast du da auch schon ein Meeting geplant?«

»Nein, da steht nichts an.« Olivia schüttelte den Kopf. Langsam bekam ihr Gesicht wieder Farbe.

»Dann lass uns den Rest des Turniers genießen«, sagte Nele aufmunternd. »Schau mal, Dusty Boy hat gerade seinen letzten Auftritt. Und . . . das gibt es doch nicht, er ist der Schnellste . . . uuuund hopp! . . . na los! . . . mach schon! . . . wirst du wohl! . . . nicht verweigern . . . wage es nicht!« Mit einem Mal war sie wie hypnotisiert. Sie sah Dusty Boy beim Springen zu, sah ihn elegant die Hindernisse nehmen, und dann sprang sie jubelnd auf.

»Ja! Gut gemacht, mein Junge! Liv, hast du das gesehen? Er hat gewonnen. Er hat wirklich gewonnen!« Sie fiel Olivia begeistert um den Hals. Die ließ sich mitreißen und sprang nun ebenfalls strahlend auf.

»Komm«, rief sie freudig, »lass uns deinen Wettschein einlösen. Ich weiß gar nicht, wie die Quoten stehen. Lass uns mal nachschauen.«

Abends, als die beiden nach einem guten Essen bei einem Glas Wein im Hotelrestaurant saßen, war von der beim Rennen aufgekommenen Missstimmung schon längst nichts mehr zu spüren. Nele legte ihre Hand auf Olivias und scherzte: »Und du denkst nicht, dass ich das Essen heute Abend bezahlen soll? Immerhin habe ich fast hundert Dollar gewonnen. Ganz unprofessionell.« Sie lachte Olivia herausfordernd ins Gesicht.

Doch die ging gar nicht auf die Stichelei ein. »So weit käme es noch«, widersprach sie. »Das hier ist ein Geschäftsessen. Das kann die Firma schon bezahlen.« Sie hielt kurz inne und meinte dann versonnen: »Es sei denn, du bestehst auf Champagner. Den würde ich dich schon zahlen lassen.«

»Na, das ist doch mal ein Angebot. Wie könnte ich da nein sagen«, gab Nele mit vielsagendem Grinsen zurück.


Am nächsten Morgen bummelten die beiden einträchtig und vergnügt durch Lexingtons große Fayette-Mall. Das hatte sich Nele ausgebeten. Sie brauchte zwar nichts, was unbedingt einen Einkaufsbummel erfordert hätte, aber dem Flair amerikanischer Malls konnte sie nicht widerstehen. Auch Olivia war der Idee nicht abgeneigt gewesen, behauptetet sie doch, in New York niemals Zeit zum Einkaufen zu haben.

Schließlich saßen sie, beide umringt von einigen großen Einkaufstüten, im Food Court, dem Restaurantbereich der Mall. Geschafft vom Bummeln stocherte Nele schweigend mit ihren Stäbchen in ihrem chinesischen Chicken Teriyaki und ließ ihre Gedanken schweifen, während Olivia ebenfalls schweigend aus einer Chicken Burrito Bowl gabelte.

Einem plötzlichen Einfall folgend, fragte Nele: »Hattest du eigentlich schon einmal eine längerfristige Beziehung? Ich meine, so mit sich fast täglich sehen, manchmal zusammen aufwachen und darüber nachdenken, zusammenzuziehen?« Sie schaute Olivia nachdenklich an.

Diese war so überrascht, dass sie sich verschluckte und heftig zu husten anfing. »Wie kommst du denn jetzt darauf?«, keuchte sie, nach Luft schnappend und hochrot im Gesicht.

Mit solch einer Reaktion hatte Nele nicht gerechnet. Sie klopfte Olivia sanft auf den Rücken. »Einfach so. Interessiert mich eben. In New York haben wir ja nie Zeit, über solche Dinge zu reden – da sind wir ja anderweitig beschäftigt.« Sie lächelte ein wenig anzüglich. »Also, nicht, dass ich damit nicht zufrieden wäre.«

Als sie sah, dass Olivia sie noch immer entsetzt anschaute, fügte sie rasch hinzu: »Keine Panik, ich wollte dich nicht fragen, wann ich bei dir einziehen darf. Ich werde dir doch nicht nach acht Wochen deine heißgeliebte Freiheit rauben.« Sie zögerte kurz, konnte es sich dann aber doch nicht verkneifen zu ergänzen: »Boss!«

Olivia, die inzwischen wieder Luft bekam, schien die Antwort auf Neles Frage in ihrem Essen zu suchen. Jedenfalls trieb sie eine Kidneybohne ein paar Sekunden lang energisch mit der Gabel durch ihre halbleere Schüssel, bis Nele mit einer flinken Bewegung ihrer Stäbchen die Bohne schnappte und sie sich in den Mund steckte.

Kauend meinte sie: »Tut mir leid. Ich dachte ja nicht, dass eine so simple Frage gleich dein Universum zum Einstürzen bringt. Ich wollte dir wirklich nicht zu nahetreten.«

»Tust du nicht. Wirklich nicht«, entgegnete Olivia nun deutlich entspannter, richtete sich auf und sah Nele an. »Es ist nur . . .« Sie zögerte. »Ich habe schon sehr lange nicht mehr an Alice gedacht. Und als ich das jetzt gerade tat, hat es mir noch genauso weh getan wie vor fünfzehn Jahren.« Sie schluckte hart. Ihr Blick war wehmütig.

»Fünfzehn Jahre?«, platzte Nele heraus. »Du hattest seit fünfzehn Jahren keine Beziehung mehr?« Das Entsetzen stand ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben.

»Nein, nein, so ist das nicht«, beeilte sich Olivia zu relativieren, »ich hatte schon Beziehungen. Oder Affären. Wie immer du das nennen willst. Mal länger, mal kürzer. Aber richtig ernst war es mir damals nur mit Alice. Mit ihr hätte es etwas werden können.«

»Und was ist passiert?«, hakte Nele neugierig nach, ermutigt durch Olivias Offenheit.

Doch damit war es jetzt offensichtlich vorbei. »Das erzähle ich dir vielleicht später mal irgendwann. Jetzt müssen wir aber gehen. Oder willst du nachher in Jeans zum Meeting erscheinen?« Olivia wischte sich energisch den Mund mit einer Serviette ab.

»Also, ich hätte mit Jeans kein Problem«, lächelte Nele. »Du weißt, dass ich dieses ganze Business-Outfit-Gehabe nervig finde. Aber wenn es der Sache dient . . .« Sie hielt kurz inne. »Darf ich dir noch eine Frage stellen?«

»Sicher doch«, nickte Olivia großzügig. »Schieß los.«

Nele holte tief Luft. Es auszusprechen, kostete sie nun doch etwas Überwindung: »Was bin ich für dich? Temporäre Bettgeschichte, Affäre oder potentielle Beziehung?«

»Das willst du hier in der Mall geklärt haben?«, fragte Olivia zurück, sichtlich irritiert.

»Nenn mir einen besseren Ort«, gab Nele angriffslustig zurück. Sie war sich des Risikos bewusst, dass Olivia nach dieser Provokation vielleicht völlig dichtmachen würde. Aber sie konnte ihr doch nicht für immer ausweichen, sobald es um mehr als Sex ging.

»Na gut«, seufzte Olivia. »Heute Nachmittag bist du meine wunderschöne Kollegin, die sich hoffentlich fachlich kompetent unterhalten kann. Immerhin hängt davon viel für uns alle ab. Und sonst?« Sie runzelte die Stirn, als habe sie ein schier unlösbares Problem zu bewältigen.

»Und sonst?«, echote Nele atemlos.

Olivia zog hörbar tief die Luft ein. »Nennen wir es Affäre mit Aussicht. Mehr kann ich dir aktuell nicht bieten.« Mit rascher Bewegung stand sie auf, griff nach ihrem Teller und begab sich in Richtung Geschirrrückgabe.

Nele tat es ihr gleich, wobei sie auf Deutsch leise murmelte: »Affäre mit Aussicht. Na prima. Da bin ich ja viel weiter als vorher. Affäre mit Aussicht . . . Tss!«

»Nell, beeil dich, wir müssen los«, drängelte Olivia, die ihr Geschirr schon auf den Stapel gestellt hatte.

»Ja, ja, bin ja schon da«, brummelte Nele immer noch auf Deutsch.

Teil 08

»Dieses Vogelnest ist ein Fascinator«, gab Olivia spitz zurück. »Das trägt man eben beim Rennen. Schau dich um und lerne!«

»Ja, Boss«, nickte Nele ergeben.

Die Fahrt dauerte erwartungsgemäß nicht lange. Sie stiegen aus und ließen sich mit dem Strom der anderen Besucher durch das große Haupttor treiben, vorbei an den älteren Herren in schmucken dunkelblauen Blazern und mit kreisrunden Hüten auf dem Kopf, die die Eintrittskarten verkauften. Nele ließ neugierig ihre Blicke schweifen. Die Menschenmenge um sie herum war bunt und vielfältig. Da gab es viele Damen, die trotz der Aprilkühle in leichten Kleidern erschienen waren und auf deren Köpfen die verwegensten Hutkreationen thronten. Herren im Frack sogen an dicken Zigarren. Andere wiederum, egal ob männlich oder weiblich, waren in Jeans und Holzfällerhemden erschienen. Anscheinend konnte hier jeder nach seinem Gusto auftreten.

Nele war fasziniert. Niemals zuvor war sie bei einem Pferderennen oder Reitturnier gewesen. Alles war neu und spannend: der Platz, auf dem die teilnehmenden Pferde der neugierigen Menge vorgestellt wurden, die Jockeyfiguren, die die erfolgreichsten Reiter repräsentierten, und – immer wieder von neuem – die bunte Menge.

»Wenn man dich so sieht, könnte man meinen, du kommst aus irgendeinem kleinen Dorf tief in den deutschen Wäldern«, meinte Olivia, halb amüsiert, halb tadelnd.

Nele strahlte sie entwaffnend an. »Na ja, irgendwie ist das ja auch so. Wo gehen wir jetzt hin?«

»Ich habe uns Karten für den Block D besorgt. Magst du vorher noch wetten?«

»Wetten?«, fragte Nele verdutzt. »Worauf?«

»Auf die Pferde natürlich, du Landei.« Olivia grinste. Sie schien endgültig davon überzeugt, dass Nele vom Ende der Welt stammte. »Kannst du ab zwei Dollar, wenn du magst. Soll ich dir zeigen, wie es geht?«

Begeistert sagte Nele: »Au ja! Ich habe noch nie Geld auf irgendwas verwettet.« Ihre Augen blitzten.

Wenig später saßen die beiden mit der Turnierzeitung bewaffnet im Block D, wo sie einen phantastischen Blick auf das Turniergelände hatten. Nele studierte eifrig die Zeitung. Schließlich entschied sie: »Also, ich würde gern ein paar Dollar auf Al Bundy, Dusty Boy, Nightmare und Midnight Dreamer setzen. Ist das okay?«

»Oh, Nelly«, grinste Olivia, »du hast wirklich ein Händchen für Pferde. Du hast mit traumtänzerischer Sicherheit die absoluten Außenseiter herausgesucht. Ich würde dir ja den, den und den hier empfehlen . . .« Sie deutete auf einige Namen. »Die gelten in diesem Jahr als Favoriten.«

Nele lachte. »Da kannst du mal sehen, dass ich keine Ahnung von Männern habe. Ich nehme jetzt die vier, die ich dir genannt habe. Ich habe eben ein Herz für Außenseiter. Außerdem war Nightmare vorhin bei der Vorführung so widerborstig, ich denke mal, der hat den richtigen Willen zu gewinnen.«

»Seltsame Logik, aber wenn du meinst«, war Olivias Kommentar. »Soll ich uns noch was zu essen mitbringen?« Sie stand auf.

»Gern! Ich sterbe vor Hunger.« Nele grinste vielsagend: »Du hast mir vorhin immerhin einiges abverlangt.«

Der Rest des Nachmittags verging wie im Flug. Obwohl Nele keine Ahnung von Pferden hatte, schaute sie dem Turnier mit Begeisterung zu. Am meisten jedoch genoss sie Olivias Anwesenheit.

»Liv, weißt du eigentlich, wie sehr ich es genieße, hier mit dir zu sein?«, fragte sie gegen Ende des Turniertages, als die letzten Pferde an den Start gingen.

»Da du mir das heute bereits gefühlte tausend Mal gesagt hast – ja. Und ich finde es auch sehr schön, mit dir hier zu sein.« Olivia lächelte sie liebevoll an.

»Warum unternehmen wir in New York nicht mal was zusammen?«, hakte Nele nach. Sie wusste genau, dass dies Olivias wunder Punkt war. Aber die vertraute Atmosphäre machte ihr Mut.

Allerdings vergeblich. »Oh, bitte«, entgegnete Olivia unwirsch, »darüber haben wir schon hundertmal gesprochen. Verdirb uns jetzt nicht den Tag. Ich dachte, wir genießen das Wochenende zusammen.«

»Ich genieße es ja. Ich frage mich nur, was das zwischen uns ist«, murmelte Nele. Das war die Frage, die sie zunehmend beschäftigte und auch belastete.

»Ach, Nell. Es ist wunderschön zwischen uns. Was willst du denn noch? Ein Heiratsversprechen? Das werde ich dir garantiert nicht geben.« Olivia schüttelte ungehalten den Kopf.

Nele war klar, dass sie auf dünnes Eis geraten war. Sie seufzte innerlich und machte dann einen Rückzieher. »Entschuldige, ich wollte dich nicht nerven. Immerhin hast du uns ja für morgen eine Suite gebucht. Das finde ich sehr löblich.« Sie grinste breit. »Wo sind die eigentlich?«

»Da oben, über uns.« Olivia deutete nach oben. »Hinter der Glasfront. Es wird dir gefallen. Tolle Sicht, ein eigener Kellner.«

»Mh, klingt romantisch. Hat sicher eine Stange Geld gekostet«, freute sich Nele.

Olivia schaute sie irritiert an. »Nell, ich glaube, du verwechselst da was. Die Suite ist nicht für uns allein. Wir werden uns dort mit den führenden Repräsentanten der wichtigsten zwölf Whiskeybrennereien treffen. Das ist ein geschäftlicher Termin. Den nehmen unsere Trendscouts jedes Jahr wahr. Wusstest du das etwa nicht?«

Nele wurde blass. »Nein, bis gerade eben nicht. Da bin ich ja froh, dass ich das auch noch erfahre.« Das konnte doch nicht wahr sein. Warum sagte ihr das denn niemand? Sie war so wütend, dass sie am liebsten irgendetwas kaputtgemacht hätte.

»Du hast doch aber mit Jane gesprochen«, forschte Olivia, »oder nicht? Sie hätte dir das sagen müssen!« Ihr Ton war nun hart. So kannte Nele sie nur als Chefin.

Sie schluckte ihre Wut hinunter und bemühte sich, sich das Treffen bei Subway genau ins Gedächtnis zu rufen. »Natürlich habe ich mit Jane gesprochen. Sie hat mich zwischendurch mal gefragt, ob ich zum Pferderennen fahre. Ich habe das bejaht. Sie fragte nach, ob ich denn bereits eine Suite habe, was ich bestätigt habe. Sie schien sich darüber zu freuen. Natürlich habe ich ihr nicht gesagt, dass du die Suite gebucht hast. Ich würde ja nie wagen, uns beide in Verbindung zu bringen!«

Olivia atmete tief durch, ehe sie kühl sagte: »Nelly, ich hatte dir eine Kopie der Reservierung sowie die Liste der Gäste in die Akte gelegt. Du musst dich besser vorbereiten und professioneller arbeiten.«

»Da war keine Kopie! Hundertprozentig nicht!«, begehrte Nele auf. »Ich habe die Akte mit, wir können im Hotel nachschauen. Vielleicht hast du ja vergessen, die Kopie hineinzulegen.« Sie schaute Olivia herausfordernd an.

Die schüttelte unwillig den Kopf. »So ein Unsinn. Ich weiß genau, dass ich dir die Papiere ausgedruckt habe, als du . . .« Jetzt war es an Olivia, kreidebleich zu werden. Tonlos beendete sie ihren Satz: ». . . als du zu mir ins Büro gekommen bist.«

»Und dann hast du dich von mir ablenken lassen«, ergänzte Nele. Ihr Ärger war verraucht, jetzt hatte sie fast ein schlechtes Gewissen. »Wir sind wohl beide nicht so professionell, wie wir dachten.« Sie griff nach Olivias Hand. »Liv, mach dir jetzt mal keine Gedanken. Mit einem Dutzend Männer über Whiskey, Verkaufszahlen und die letzte Mais- und Gersteernte zu plaudern, ist nun wirklich eine meiner leichtesten Übungen. Da muss ich mich nicht tagelang darauf vorbereiten.«

Teil 07

Weiter kam sie nicht, denn jetzt ließ Nele ihre Finger auf- und niedergleiten wie schlanke, gut geölte kleine Kolben einer Maschine. Tiefer und heftiger drang sie ein, während sie die Finger schwirrend in Olivias Schoß bewegte. Olivia stöhnte dumpf. Da sie sich nicht länger auf dem einen absatzbewehrten Fuß halten konnte, hob sie den zweiten Fuß vom Bett, um besseren Halt zu finden. Zitternd und breitbeinig stand sie nun vor Nele.

Diese ließ in ihren Bemühungen nicht nach. Während sie weiter mit nachdrücklicher Sanftheit die Tiefen von Olivias Schoß massierte, zog sie Olivia mit der anderen Hand fest an sich. Sie leckte ihr lasziv den Bauchnabel und spürte, wie sie selbst mehr und mehr in Ekstase geriet. Halb von Sinnen vor Begierde vergrub sie stöhnend den Kopf in Olivias Busen, sog tief deren warmen Duft ein. Ihre Zunge rutsche unter die kühle Seide des BHs, traf auf das weiche Fleisch der Brüste, schließlich auf den harten Nippel, umrundete den dunklen Hof, der sich fest zusammengezogen hatte.

Seufzend, keuchend und stöhnend rieb sie sich an Olivia und nahm wahr, wie diese ihren Rhythmus aufnahm und sich ebenfalls an ihr zu reiben begann – was ihre Erregung nur stärker anfachte. Olivias Haar wallte über Neles Gesicht, und ihre Hände krallten sich in Neles Rücken. Schmerz durchschoss Nele, ließ sie aufstöhnen. Doch wie im Rausch bewegte sie weiter ihre Hand in Olivias Schoß. Immer schneller und fester stieß sie zu, bis Olivia mit einem erlösenden Schrei über ihr zusammenrutschte und sich noch fester an sie klammerte.

Mit sicherem Griff zog Nele Olivia aufs Bett, ohne ihre Hand aus deren Schoß zurückzuziehen. Sie lächelte genießerisch, als sie sich über sie schob. Das Gefühl ihrer heißen, nackten Haut auf Olivias verschwitztem Körper war einfach unbeschreiblich.

Gierig begann sie ihre Hände erneut zu bewegen und trieb Olivia von einem Orgasmus zum nächsten, ohne ihr Zeit zu lassen, auch nur einen Augenblick Luft zu holen. Dabei rieb sie sich selbst an Olivias Oberschenkel. Bald stöhnte sie im Gleichklang mit Olivia, bis die heiße Welle der Lust auch in ihr anrollte. Mit einem dunklen Aufstöhnen sank sie schließlich über Olivia zusammen.

»Nell«, japste diese atemlos, »Nell, du bist völlig wahnsinnig.«

»Nein, nicht wahnsinnig«, murmelte Nele dumpf aus Olivias Busen, wo sie den Kopf gebettet hatte. »Höchstens wahnsinnig verliebt.« Dann hob sie den Kopf, atmete tief durch und lächelte Olivia strahlend an, bevor sie vorsichtig von Olivia herunterrutschte. Als sie ihre Hand aus deren Schoß zurückziehen wollte, presste Olivia die Schenkel fest zusammen.

»Ich lass dich hier nie wieder raus. Das ist einfach zu gut«, schmunzelte sie. Gleich darauf zuckte sie heftig zusammen. Nele hatte spielerisch ihre Finger bewegt.

»Ahhhh«, seufzte Olivia erschöpft. »Ich kann nicht mehr.« Sie lockerte die Spannung ihrer Schenkel, so dass Nele ihre Hand befreien konnte.

Nun war es Nele, die schmunzelte: »Nett, dass du dein Höschen so weit gekauft hast.« Sie ließ ihre feuchten Finger auf Olivias Bauch zärtliche Runden ziehen.

»Gern. Aber eigentlich war das ja anders gedacht.« Olivia kuschelte sich eng an Nele und brummte: »Ich bin wohl die schlechteste Stripperin aller Zeiten.«

»Nicht doch, Sweetheart, nicht doch«, flüsterte Nele beruhigend. »Das war der heißeste Strip, den ich je gesehen habe.«

Ein dumpfes Poltern ließ sie zusammenschrecken. »Was war das?«, fragte sie stirnrunzelnd.

Olivia kicherte. »Meine Schuhe. Ich hatte sie immer noch an.«

»Oh, du bist so heiß. Hab ich dir das eigentlich je gesagt?«, wisperte Nele, während sie Olivia am Ohr knabberte.

Zärtlich antwortete Olivia: »Mehr als einmal.« Sie richtete sich auf.

»Was ist?«

»Ich möchte dich auch noch ein wenig glücklicher machen«, erklärte Olivia mit warmem Lächeln. »Aber dazu möchte ich dich ganz spüren. Machst du mir bitte mal den BH auf?«

»Nichts lieber als das«, gab Nele zurück.

Ohne viel Federlesens streifte Olivia nun Strümpfe und Unterwäsche gänzlich ab, und Nele sah ihr erwartungsvoll zu. Dann begann sich Olivia ihr mit Leidenschaft und Hingabe zu widmen.

Später, als sie erschöpft nebeneinander einschliefen, murmelte Nele glücklich: »Kentucky!« Aber das hörte Olivia schon nicht mehr.


Als sie am frühen Nachmittag eng umschlungen erwachten, schien die Sonne aufmunternd ins Zimmer.

Nele gähnte und blinzelte. »Liv, das ist jetzt schon das beste Wochenende, das wir je hatten.«

»Scheint mir auch so, Honey«, gab Olivia zurück. »Zumal es das erste ist.« Sie lächelte keck. »Ich hoffe, du hast noch ein bisschen Kraft für Keeneland?«

»Aber sicher doch! Nichts powert mich mehr auf als Sex mit einer tollen Frau.« Nele strahlte Olivia an, gab ihr einen Kuss und verschwand im Badezimmer.

Eine knappe Stunde später parkten sie den Mietwagen zwischen vielen anderen Autos auf den grünen Hügeln unweit der berühmten Pferderennbahn und stiegen aus. Hamburgerduft lag in der Luft. Nele schnupperte.

»Wow, hier riecht es aber gut. Das erinnert mich daran, dass ich einen Mordshunger habe.« Übermütig hakte sie sich bei Olivia ein.

Die erklärte mit einem Schulterzucken: »Ach, das sind nur Tailgate Partys.«

»Tailgate-was?«

»Tailgate Partys. Die Leute machen so was auf dem Parkplatz vor einem Event. Sie öffnen die Heckklappe ihrer Autos, also das Tailgate, werfen den Grill an und machen ein Barbecue mit Familien und Freunden. Schöne Sache, haben wir früher mit unserem Pick-up auch gemacht. Mom, Dad, meine Geschwister und ich . . . Ich habe das geliebt.« Versonnen starrte Olivia zu einem anderen Teil des großflächigen Parkplatzes hinüber, wo tatsächlich lange Reihen von Pick-ups mit geöffneter Heckklappe standen.

Nele bedauerte: »Schade, dass wir das nicht auch machen können. Warum hast du uns keinen Pick-up gemietet? Ich hätte das cool gefunden.«

»Süße, du sollst nicht alles cool finden«, rügte Olivia belustigt. »Du sollst auftreten wie die Repräsentantin einer großen, weltweit agierenden Firma. Komm, hier lang. Da vorn fährt der Shuttlebus zum Haupteingang ab.«

»Ist das dort drüben der Haupteingang?« Nele deutete auf ein flaches Gebäude, auf das von allen Seiten Menschen zuströmten.

»Ja, klar.«

»Und warum laufen wir nicht? Ist doch nicht weit.« Schon wollte Nele Olivia mit in Richtung des Eingangs ziehen. Doch Olivia hielt sie zurück.

»Nelly, wir sind nicht in New York. Hier läuft man nicht. Gewöhn dich dran. Außerdem – du trägst ja flache Schuhe und Hosenanzug, aber glaubst du wirklich, dass ich mit diesen Pumps mehr als nötig gehen möchte?« Vorwurfsvoll deutete sie auf ihre schwarzen Pumps mit dem hohen Pfennigabsatz.

»Oh, ich vergaß. Tut mir leid«, entschuldigte sich Nele und drehte sich zu ihr um. »Du siehst wirklich mehr als repräsentabel aus.« Bewundernd musterte sie Olivias schwarzes Etuikleid mit der ebenfalls schwarzen Bolerojacke. Dann musste sie jedoch kichern.

»Was ist?«, fragte Olivia streng, während sie sie in den Shuttlebus drängte. »Ist mein Lippenstift etwa verschmiert?«

»Nö.« Nele gluckste vergnügt. »Aber an das Vogelnest auf deinem Kopf werde ich mich wohl nie gewöhnen.«

Teil 06

Nele überlief ein wohliger Schauer. Sie schloss die Augen und lächelte genießerisch, als Olivia ihr sanft den Hals küsste. Kitzelnd und kosend zog die aufreizende Zungenspitze ihre feuchte Spur. Schließlich biss Olivia ihr nachdrücklich in die Halsbeuge.

»Oh Nell«, klang es dumpf von dort hervor, »du ahnst gar nicht, wie sehr ich mich auf diesen Augenblick gefreut habe.«

»Das ist nichts im Vergleich dazu, wie ich mich nach dir gesehnt habe«, gab Nele heiser flüsternd zurück. Sie vergrub beide Hände in Olivias Haar und löste geschickt den straffen Zopf. Als Olivia den Kopf hob, flossen ihr die Haare wie blonde Seide übers Gesicht.

Gierig umschloss Nele es mit den Händen, und ihre Lippen suchten Olivias Mund. Ihre Lippen fanden sich in einem ebenso innigen wie verlangenden Kuss. Fast gleichzeitig entrang sich ihnen ein tiefer Seufzer.

Dann begann Olivia mit fliegenden Händen Neles Bluse aufzuknöpfen. Als ihr dies vor lauter Hast nicht gleich gelingen wollte, flüsterte sie drängend: »Los, hilf mir!«

Während Nele gehorsam ihre Knöpfe öffnete, griff Olivia hastig nach dem Bund ihrer Jeans. Rasch öffnete sie den Knopf und zog den Reißverschluss auf. Mit einer geschickten Bewegung streifte sie Nele Jeans und Slip gleichzeitig über den Po, bis beides in ihre Kniekehle hängenblieb.

Am liebsten hätte sich Nele auf sie gestürzt. Von der Heftigkeit ihres Begehrens überrascht, geriet sie ein wenig ins Schwanken und griff Halt suchend nach Olivias Schultern. Engumschlungen fielen beide auf das hinter ihnen stehende Bett.

Olivia kam halb über Nele zu liegen und stemmte die Arme rechts und links neben Neles Kopf in die Matratze. Ihr Haar kitzelte Neles Wangen.

»Nell, meine süße Nell«, stöhnte sie Nele ins Ohr. »Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich begehre!«

Nele antwortete nicht. Zu sehr war sie damit beschäftigt, ihre Hände unter Olivias Rock und in ihren Slip zu schieben, um ihren Po zu umfassen. Mit festem Griff presste sie Olivia an sich, wand sich unter ihr, rieb sich an ihr. All das steigerte ihr Verlangen nur, half aber nicht, es zu stillen.

»Komm schon, Liv«, keuchte sie, »zieh dich aus! Ich will, nein, ich muss dich spüren.« Sie drängte sich noch enger an Olivia, fast verrückt vor Begierde.

Wie in Zeitlupe löste sich Olivia ein Stück von ihr. Sie lächelte hintergründig. »Honey, du willst mich nackt? Dann verdiene dir das auch! Wir machen einen Deal. Ich ziehe mich für dich aus – und du versprichst mir, dich nicht zu rühren. In Ordnung? Egal, was passiert. Verstanden?« Jetzt klang sie richtig streng. So streng, wie sie manchmal mit ihren Mitarbeitern sprach, wenn diese etwa eine Deadline nicht eingehalten oder eine Aufgabe nachlässig erledigt hatten.

Nele nickte schmunzelnd. Das sah nach einem prickelnd-erregenden Vorspiel aus. »Klingt gut, Boss. Ich werde mich nicht rühren. Versprochen.«

»Gut«, nickte Olivia. In ihren Augen glommen kleine begehrliche Funken. »Dann nimm jetzt gefälligst deine Hände von mir!«

Folgsam zog Nele die Hände aus Olivias Rock und hielt sie hoch, als wolle sie sich ergeben. Olivia glitt von ihr herunter, stand auf und richtete ihren Rock und ihre Frisur. Schon wollte Nele protestieren, da hob Olivia gebieterisch die Hand.

»Du sagst nichts. Zieh dich aus, lehn dich zurück und genieße. Immerhin habe ich dir ein besonderes Wochenende versprochen.« Ihr Ton war warm und lockend. »Und wehe, du lachst.« Das Letzte klang schon weniger selbstbewusst.

Eilig streifte Nele ihre Sachen ab und schlüpfte freudig erschauernd zwischen die Laken.

Da stand Olivia nun in ihrem dunkelgrünen Kostüm auf dazu passenden High Heels. Ihre Augen glitzerten wie Aquamarine durch den dichten Vorhang langer Wimpern. Mit einem sinnlichen Lächeln und aufreizender Langsamkeit öffnete sie die Knöpfe ihrer Kostümjacke. Wie in Zeitlupe streifte sie das Kleidungsstück über ihre Schultern und ließ es in ihre Hände gleiten. Sie zwinkerte Nele zu, während ihre Zungenspitze neckisch ihre Lippen streifte. Schließlich ließ sie die Jacke achtlos zu Boden fallen.

Mit forscher Geste öffnete sie nun den Reißverschluss ihres Rockes. Langsam, ganz langsam, verführerisch den Po drehend, streifte sie ihn sich über die Hüften, ließ ihn fallen und stieg elegant aus dem am Boden liegenden Stoffring. Langbeinig stand sie da in ihren Seidenstrümpfen, auf hohen Absätzen, in schimmernd grauer Seidenbluse, unter der ein dunkelgrünes Seidenhöschen mit Spitzenbesatz hervorlugte.

Nele musste schlucken. Ihr war heiß, brennend heiß, als sie Olivia in dieser verlockenden Pose sah. Ausgerechnet Olivia. Die Kühle. Die Selbstbeherrschte. Deren größte Angst es war, die Fassung zu verlieren.

Was musste sie, Nele, ihr bedeuten, dass sie ihr ein solches Geschenk machte!

Getrieben von diesem Gedanken ließ Nele eine Hand über ihren eigenen Körper gleiten, vom Hals abwärts zwischen ihren Brüsten hindurch. Sie erzitterte unter der Berührung. Der Wunsch, Olivia möge sie jetzt so berühren, nahm ihr fast den Atem.

»Nicht«, flüsterte Olivia. »Noch nicht!« Es steckte so viel Erotik in diesen drei Worten, dass Nele das Blut in ihrem Schoß pulsieren spürte. Schweren Herzens hielt sie inne und richtete ihren Blick wieder begehrlich auf Olivia.

Diese gab nun Knopf für Knopf den Blick auf einen unglaublich sexy Seiden-BH frei. Nele konnte ein leises Stöhnen nicht zurückhalten, was Olivia mit einem Lächeln quittierte. Mit zwei eleganten Schritten war sie am Bett, stellte einen Fuß auf die Bettkante und bat Nele: »Ziehst du mir die bitte aus?«

Das ließ sich Nele nicht zweimal sagen. Sie richtete sich auf, kniete sich vor Olivia auf das Bett und rollte ihr sanft den ersten Strumpf hinunter. Ihre Hände schmeichelten dem festen und doch so zarten Fleisch, streichelten die zarten Innenseiten der Oberschenkel. Dabei blickte sie Olivia unverwandt ins Gesicht, sah, wie sich deren Wimpern genussvoll senkten, wie sich ihre Lippen leicht öffneten und wie sie schließlich den Kopf in den Nacken legte.

Mit einem kleinen, triumphierenden Lächeln nutzte Nele die Gunst der Stunde und glitt mit der Hand wie zufällig in Olivias weites, grünes Seidenhöschen. Olivia reagierte nicht, doch ein kurzes Zusammenzucken verriet, dass sie die Berührung sehr wohl spürte.

Neles Finger trafen aufquellende Nässe. Sie streichelte die zarten Lippen, die sich durch die sanfte Berührung öffneten wie Blütenblätter. Zärtlich massierte sie das schwellende Fleisch, verteilte die Feuchtigkeit, wo immer sie konnte.

Olivia stöhnte laut auf. Ihre Hände hatten sich in Neles Haar festgekrallt, während Nele nun endlich die feste Knospe erreichte. Jede noch so winzige Berührung ließ sie fester aufrecht stehen, stärker anschwellen, empfindlicher werden.

»Nicht, Nelly, nicht doch. Ich war doch noch nicht fertig«, stöhnte Olivia und senkte den Kopf mit lustvoll geschlossenen Augen auf die Brust. Sie holte Luft. Ihre Beine zitterten.

Wie von selbst fanden Neles Finger ihren Weg zwischen den Blütenblättern hindurch, drängten hinein in die feuchte Dunkelheit. Ein heller kleiner Quiekser entrang sich Olivias Kehle.

»Nell! Was tust . . .«

Teil 05

Jane Cunningham, dunkelhaarig und ebenfalls Anfang dreißig, war recht klein und sah aufgrund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft ein wenig aus wie ein Ball auf Beinen. Da konnte auch das Designerkostüm nicht mehr viel kaschieren. Das hinderte sie jedoch nicht daran, beim Reden stets heftig zu gestikulieren und eine umwerfende Fröhlichkeit auszustrahlen.

»Ganz ehrlich«, sagte sie und hakte sich bei Nele unter, »am liebsten wäre mir jetzt ein halber Meter Sandwich, Chicken Teriyaki. Da ist ein Subway gleich um die Ecke.« Sie setzte sich ohne weiteres in Bewegung, und Nele blieb gar nichts anderes übrig, als sich mitziehen zu lassen.

»Also, Nelly«, begann Jane, während sie sich schnellen Schrittes durch die Menschenmassen auf dem Gehweg drängelten, »du machst in diesem Jahr die Kentucky-Runde? Da haben sie dir ja ganz schön was aufgehalst.« Sie lachte und musterte Nele von der Seite.

»Weshalb das denn?«, erkundigte sich Nele misstrauisch. »Gibt es da irgendwo einen Haken?«

»Ach wo, keine Angst. Ich mache nur Spaß. Ist allerdings eine Menge Arbeit, auf die du dich da gefasst machen kannst. Bevor ich dir das erkläre, brauche ich aber mein Sandwich.«

Zehn Minuten später hatten sie in einem übervollen Subway-Restaurant einen der wenigen Tische ergattert und jede ein gigantisches Sandwich und einen XXL-Becher Cola vor sich. Jane redete ununterbrochen, wobei sie vergnügt mit vollen Wangen kaute.

»Kentucky ist toll. Du wirst es mögen. Die Landschaft – ein Traum! Wenn du auf Natur und Wanderungen stehst, dann sind die Appalachen genau dein Ding. Du solltest mal im Herbst dort sein, wenn der Indian Summer die Wälder färbt. Einfach genial. Und die Leute in Kentucky, die haben den Whiskey einfach im Blut. Es gibt mindestens zwölf größere Brennereien. Manche mit bis zu zehn verschiedenen Whiskeysorten. Also nimm dir Zeit. Koste. Und vergiss nicht, dir auch deren Süßigkeiten zum Kosten geben zu lassen. Ich liebe ja die Bourbon Balls . . .«

Jane biss voller Begeisterung in ihr Sandwich, kaute und spülte den Bissen mit einem großen Schluck Cola hinunter, bevor sie ihren Vortrag fortsetzte. »Aber du darfst nicht nur zu den großen Destillen gehen. Inzwischen gibt es auch in den kleineren Städten ein paar. Und hier fängt die Arbeit an: recherchieren, verlässliche Kontakte knüpfen, um die schwarzen Schafe auszusortieren. Das sind nämlich oft Moonshiners. Nichts für den Katalog.«

»Moonshiners?«, echote Nelly verwundert.

»Mhm. Moonshine ist schwarz gebrannter, klarer Whiskey. Wird meist aus Mais destilliert und nur wenige Wochen gelagert. Ziemlich teuflisches Zeug, wenn du mich fragst. Und vor allem illegal. Viele brennen den zu Hause und verkaufen ihn schwarz in Einweckgläsern.«

Nele lachte. »Ehrlich? Das klingt ziemlich verrückt.«

»Oh ja, verrückt sind die Leute da unten schon ein bisschen. Nimm dich in Acht. Die Jungs dort tun gern so, als hätten sie nicht nur den Whiskey, sondern auch das Schießpulver erfunden. Tritt ihnen bei Bedarf in die Eier, dann haben sie auch Respekt vor dir.«

Nele verschluckte sich fast vor Lachen an ihrer Cola, als sie sich vorstellte, wie die kleine, resolute Jane es mit den Kentucky-Machos aufnahm. »Zu Befehl, Captain«, grinste sie.

Jane grinste zurück. »Weißt du, ich bin wirklich froh, dass Liv dir den Job gegeben hat.«

»Warum eigentlich?«, erkundigte sich Nele.

»Ach, in der Firma sind wir Frauen doch sowieso in der Minderheit. Da müssen wir zusammenhalten. Ich hätte es furchtbar gefunden, wenn Charlie Sanchez den Job bekommen hätte. Seine Geschmacksknospen sind doch vom Budweiser völlig zerfressen. Und Johnny White kann einen irischen nicht von einem amerikanischen Whiskey unterscheiden. Außerdem«, Jane lächelte verschwörerisch, »außerdem habe ich so wenigstens eine Chance, nicht auf ewig in der Kundenabteilung zu versauern, sondern Kentucky wieder zurückzubekommen. Ist nicht persönlich gemeint. Ehrlich nicht.« Sie zwinkerte Nele zu.

Diese nickte verstehend. »Klar. Ich wäre auch sauer, wenn man mir zu Hause meinen Job wegnehmen würde, nur weil ich ein Kind hätte. Und ich verschwinde hier definitiv eines Tages wieder.«

Jane zwinkerte erneut verschmitzt. »Warten wir’s ab. Wenn du dich einmal mit dem Amerika-Virus infiziert hast, dann bekommst du den so schnell nicht wieder los. Wirst sehen.« Sie griff nach ihrer Tasche, während Nele einen beträchtlichen Rest ihres Riesensandwiches in Papier einwickelte und in ihre eigene Tasche stopfte, um ihn für später aufzuheben. »Gehen wir noch ein Stück? Sozusagen dienstlich? Dann erzähle ich dir noch ein wenig über das raue Kentucky und seinen Whiskey.«


Kentucky! Kentucky!, sang es in Neles Kopf, als sie abends müde mit der U-Bahn nach Hause fuhr und sich erstmals zwischen all den Menschen so vieler Hautfarben, Kulturen und Religionen heimisch fühlte.

Kentucky!, summte das mehrgeschossige Backsteinhaus in Hoboken, in dem sich ihr kleines Apartment befand. Ihre Schuhschachtel, wie sie diesen winzigen Raum mit Kochnische, Bad und einem noch winzigeren Schlafzimmer meist lachend nannte. Eine ziemlich teure Schuhschachtel noch dazu. Mindestens von Manolo Blanik oder Jimmy Choo. Eigentlich nichts, was sie sich leisten konnte.

Kentucky! Kentucky!, klapperte die Tastatur ihres Bürocomputers in den nächsten Tagen.

Kentucky!, tröstete die Hoffnung in ihr, als Olivia sich den Rest der Woche rarmachte, sie einander nicht sahen und auch die SMS nur spärlich kamen.

»Kentucky!«, seufzte Nele schließlich glücklich, als sie am Freitagvormittag neben Olivia im Flugzeug saß und sie sich gerade im Landeanflug auf Lexington befanden.

»Schön, nicht wahr?«, lächelte Olivia und griff nach Neles Hand. »Siehst du all die weißen Zäune, die sich über die grünen Weiden erstrecken? Das sind die Pferdekoppeln. Da werden die besten Pferde gezüchtet. Hast du mal den Film Secretariat gesehen? Dieses Pferd war der Wahnsinn. Hat 1973 die Triple Crown gewonnen. Vielleicht können wir uns den Film am Wochenende mal anschauen.«

Nele sah Olivia ein wenig irritiert an, hatte diese sich doch richtig in Begeisterung geredet. Das war neu. Sie streichelte Olivias Arm und beugte sich zu ihr hinüber, um ihr ins Ohr zu flüstern: »Eigentlich hatte ich gedacht, wir vertreiben uns die Zeit am Wochenende anderweitig.«

Olivia löste sich unwillig aus der Berührung und blickte sich verstohlen um. »Nelly, nicht. Nicht hier. Wir fliegen nach Kentucky. Da ist man nicht so liberal wie in New York«, wies sie Nele leise, wenn auch nachdrücklich zurecht.

Nele blies die Wangen auf. Dann ließ sie die Luft hörbar entweichen und murmelte auf Deutsch: »Na, das kann ja heiter werden.«

»Was? Hast du was gesagt?« Olivia schaute sie fragend an.

»Nein, nichts von Belang«, gab Nele kopfschüttelnd zurück. »Du solltest dich anschnallen. Die Flugbegleiterin kommt schon durch.«

Eine Stunde später, sie hatten problemlos ihr Gepäck erhalten und den Mietwagen abgeholt, checkten sie in ihrem Hotel ein, dem Guesthouse Inn & Suites.

»Na prima, getrennte Betten«, entfuhr es Nele enttäuscht, als sie die beiden Kingsize-Betten in dem hellen, freundlichen Hotelzimmer sah.

Olivia ließ ihre Tasche fallen und nahm Nele in den Arm. »Kann das sein, dass du an allem etwas herumzunörgeln hast?«, fragte sie ein wenig vorwurfsvoll, ohne jedoch wirklich ärgerlich zu klingen. »Die meisten Hotelzimmer sind so ausgestattet. Das ist einfach so und hat nichts mit dir und mir zu tun. Aber ich denke, so ein Kingsize-Bett ist groß genug für uns beide.« Sie schaute Nele verlangend an, strich ihr die Haare hinter das linke Ohr und küsste es zärtlich.

Teil 04

»Das sind ja eine Menge Fragen.« Olivia schüttelte amüsiert den Kopf. »Meine kleine Nichte ist auch immer so aufgeregt, wenn es ans Verreisen geht.« Sie griff nach einem Stift und begann damit zu spielen.

Verdutzt fragte Nele: »Du hast eine Nichte? Wusste ich gar nicht.«

»Du weißt vieles nicht von mir«, bestätigte Olivia mit nachdenklicher Miene.

Nele sah sie herausfordernd an. »Vielleicht solltest du mir dann ab und zu mal etwas über dich erzählen. Zum Beispiel, wann wir mal ein Wochenende gemeinsam verbringen.«

»Puuuh, ihr Deutschen.« Wieder schüttelte Olivia den Kopf. »Ihr wollt immer alles gleich und sofort. Warum lässt du die Dinge nicht einfach so, wie sie sind, und genießt, was du hast? Reicht man dir den kleinen Finger, beißt du einem den Arm kurz hinterm Ohr ab.«

»Ach, jetzt spielst du die Deutsch-Karte? Darauf habe ich schon lange gewartet!« Neles Augen blitzten.

Aber Olivia war offensichtlich nicht gewillt, den verbalen Schlagabtausch fortzusetzen, denn sie blickte demonstrativ auf die Uhr. »Nelly, so gern ich auch mit dir noch weiter plaudern würde – ich habe einen Termin. Um es kurz zu machen: Wir fliegen am Freitag und bleiben übers Wochenende. Ich habe ein Motelzimmer für uns beide gebucht. Am Montag fliege ich dann wieder nach Hause, und du machst Kentucky unsicher. Zum Whiskeyverkosten brauchst du mich nicht. Du kannst übernachten, wo du willst, du darfst nur dein Spesenkonto nicht überziehen. In vier, spätestens in sechs Wochen bist du wieder hier. In der Zwischenzeit erwarte ich den einen oder anderen Bericht. Alles klar?«

Nele waren während Olivias kurzer Ansprache die Gesichtszüge entgleist. Die wunderbare, aber kurzfristige Aussicht auf schier endlose Zeit mit Olivia war wie ein Kartenhaus in sich zusammengebrochen. Tonlos antwortete sie: »Alles klar.«

»Ich habe dir alles noch einmal zusammengestellt«, erklärte Olivia, jetzt ganz im Business-Modus. »Du solltest den Rest der Woche nutzen, um dich einzuarbeiten. Am besten, du redest auch mal mit Jane Cunningham. Die gibt dir sicher noch ein paar Tipps.« Sie reichte Nele eine Aktenmappe über den Tisch. Dann schaute sie erneut auf die Uhr und stand auf. »Tut mir leid, aber ich muss dich jetzt hinauskomplimentieren.«

Auch Nele erhob sich. Sie starrte auf die Mappe, als hätte sie so einen Gegenstand noch nie gesehen. Schließlich fasste sie sich und lächelte Olivia schwach zu. »Danke dir«, sagte sie leise. »Ich werde dich sicher nicht enttäuschen.«

»Davon bin ich überzeugt«, entgegnete Olivia förmlich.

Nele ging zur Tür. Ehe sie sie öffnete, drehte sie sich noch einmal um. »Liv?«

Olivia, die sich bereits in einige Unterlagen vertieft hatte, schaute kurz hoch: »Ja?«

»Warum hast du mir das alles nicht schon gestern Abend erzählt?«

»Weil ich Berufliches und Privates grundsätzlich trenne. Ich gedenke nämlich, meinen Job noch eine Weile zu behalten«, gab Olivia freimütig zurück.

»Okay. Und was ist mit heute Abend? Sehen wir uns?«

Olivia schüttelte den Kopf, so dass ihr blonder Zopf hin und her flog. »Ich denke nicht. Ich habe noch ein Geschäftsessen. Vielleicht morgen. Ich sag dir Bescheid. In Ordnung?«

»Ja, sicher doch. Du bist der Boss«, seufzte Nele ergeben und verließ das Büro.


Als Nele Olivias Bürotür hinter sich schloss, nahm sie alles um sich herum nur noch wie durch einen dichten Nebel wahr. In ihrem Inneren tobte ein wahrer Gefühlssturm. Da war die Freude darüber, dass Olivia ihr eine so wichtige Aufgabe übertrug. Da war unfassbares Glück, dass sie beide immerhin ein ganzes Wochenende für sich allein haben würden. So etwas hatte es überhaupt noch nie gegeben in ihrer kurzen Beziehung.

Alles, was sie bisher voneinander gehabt hatten, war Sex. Sehnsuchtsvoller, gieriger, überwältigend erfüllender Sex. Geredet hatten sie dabei kaum – weder davor noch dabei noch danach. Und wenn, dann waren es Liebkosungen gewesen. Geflüsterte Zärtlichkeiten, glutvolle Koseworte, die beide nur noch mehr in Ekstase versetzt hatten.

»Hey, Nelly! Hat sie dir den Kopf abgerissen?«

»Ähm, was?« Erschrocken stotternd tauchte Nele aus ihrer Traumwelt auf. Vor ihr stand Stewart Higgins, ein junger, athletischer Kollege aus der Werbeabteilung, und grinste sie breit an.

»Ich habe gefragt, ob der Eisberg dir den Kopf abgerissen hat. Du siehst ganz blass aus«, wiederholte er seine Frage und schaute sie forschend an.

Nele setzte ein breites Lächeln auf. »Was du gleich wieder denkst, Stew. Kleine deutsche Mädchen stehen unter Artenschutz, denen reißt niemand etwas ab. Im Gegenteil – sie hat mich nach Kentucky zum Whiskeyverkosten geschickt. Heute muss mein Glückstag sein.«

»Dein Glückstag?« Stewart legte seine hohe Stirn in Falten. »Na, ich weiß ja nicht. Ehrlich, Honey, es gibt wirklich interessantere Staaten als ausgerechnet Kentucky. Aber der Whiskey ist toll, das stimmt schon. Da wirst du richtig feine Sachen finden. Trink nicht so viel!« Er lächelte, winkte und ging seiner Wege.

»Von wegen viel trinken. Ich muss den guten Stoff ja immer wieder ausspucken«, grummelte Nele vor sich hin und ging in ihr Büro. Sie legte ihre Akte auf den Schreibtisch, dann rief sie Jane Cunningham an.

»Hi, hier ist Nelly Wagner. Sie wissen schon, der Neuzugang aus Deutschland.«

»Oh, hi, Nelly, wie geht es Ihnen? Haben Sie sich gut bei uns eingelebt?«

»Sehr gut, danke vielmals. Und Ihnen? Alles in Ordnung mit dem Baby?«

»Ja, fabelhaft. Sie tritt schon kräftig, die Kleine. Wie kann ich Ihnen helfen, Nelly?«

Froh, die obligatorische Smalltalkphase überwunden zu haben, kam Nele zum Wesentlichen: »Ich wollte fragen, ob Sie heute Lust und Zeit hätten, mit mir zum Lunch zu gehen? Olivia meinte, Sie könnten mir ein bisschen was über Kentucky erzählen.«

»Oh, Sie dürfen das dieses Jahr tun?« Jane Cunningham klang beinahe erleichtert. »Natürlich gehe ich gern mit Ihnen zum Lunch. Um eins? Wir treffen uns unten am Eingang?«

»Perfekt. Bis dann. Und vielen Dank schon mal.«

Erleichtert legte Nele auf. Sie musste sich noch immer große Mühe geben, nicht mit der berühmt-berüchtigten deutschen Direktheit auf ihr Ziel zuzupreschen. Auch nach mehr als drei Monaten fiel ihr das manchmal noch schwer. Vor allem machte es sie kribbelig, wenn ihr etwas unter den Nägeln brannte und sie einfach nur vorankommen wollte, sich aber stattdessen erst durch endlose Floskeln quälen musste. Sie öffnete die Akte und begann, die Liste kentuckyanischer Whiskeybrennereien zu studieren.

Pünktlich um kurz vor eins stand sie dann vor dem Eingang des One World Trade Center. Sie atmete tief ein und lächelte. Das emsige Treiben um sie herum – die hastenden New Yorker, die bummelnden Touristen, der rauschende Verkehr –, davon konnte sie gar nicht genug bekommen. In dieser lauten, hektischen Stadt fühlte sie sich lebendig. Und bei diesem wunderschönen Frühlingswetter erst recht. Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nase, so dass sie niesen musste.

»Bless you! Gesundheit!«, sagte jemand neben ihr.

»Oh, danke.« Nele blinzelte gegen die Sonne und erkannte Jane Cunningham, die rund und rosig vor ihr stand. »Hallo, Jane. Schön, dass Sie Zeit für mich haben. Worauf haben Sie und der Nachwuchs Appetit?« Sie schüttelte ihrer Kollegin die Hand.

Teil 03

»Ach, Nelly, red keinen Unsinn.« Olivia hatte ihre Fassung offensichtlich wiedergefunden. »Ich könnte dich genauso gut fragen, ob du nur mit mir zusammen bist, weil du dir so eine gute Ausgangsposition für dein Vorankommen in der Firma sichern willst. Ich meine, weshalb sonst lässt du dich auf eine Affäre mit einer älteren Frau ein?«

»Ha, ha. Ich höre immer ältere Frau. Liv, du bist achtunddreißig! Und was das Vorankommen in der Firma betrifft – ich bin doch sowieso bald wieder zurück in Deutschland. Denen ist dort völlig egal, mit wem ich hier geschlafen habe.« Nele verdrehte mit gespielter Empörung die Augen.

»Siehst du, dann hätten wir ja auch das geklärt.« Olivia griff nach einem Stoß Akten und begann ihn offenbar zu durchsuchen. »Eigentlich wollte ich dir wirklich eine Neuigkeit mitteilen. Aber danke für diese kleine morgendliche Aufheiterung.« Sie sah auf und blickte sich um. »Wo ist übrigens mein Slip abgeblieben?«

»Keine Ahnung«, beteuerte Nele und hob unschuldig die Arme. »War viel zu beschäftigt, um auch noch auf den achtzugeben.«

»Nelly, komm! Rück ihn wieder raus. Ich habe nachher noch eine Sitzung mit der Geschäftsleitung.«

Nele grinste breit. »Na, dann viel Spaß. Genieß es.«

Olivia schien einzulenken. Sie nahm ein Taschentuch, stand auf und ging um den Tisch herum auf Nele zu: »Du hast da noch Lippenstift.«

»Aber nicht draufspucken!«, wehrte Nele ab, nahm eilig das Taschentuch und rieb sich vorsichtig die angedeutete Stelle. »Und was wäre diese Neuigkeit?«

Mit raschem Griff fasste Olivia in Neles Jacketttasche und zog ihren Slip heraus. »Punkt eins: Meine Sitzung ist gerettet.« Sie lächelte triumphierend. »Für Punkt zwei: Setzt du dich bitte?« Und als Nele bereits Anstalten machte, sich erneut auf der Tischkante niederzulassen, fügte sie hastig hinzu: »Aber auf die andere Seite. Weitere Handgreiflichkeiten würden jetzt wirklich nur stören.«

»Ja, Boss.« Mit geheuchelter Unterwürfigkeit ließ sich Nele auf den Stuhl fallen und blickte Olivia neugierig an.

Diese griff nach einer Akte, die sie nun plötzlich ganz ohne weiteres Suchen gefunden hatte, blätterte sie scheinbar ziellos durch und erkundigte sich wie nebenbei: »Wie lange bist du jetzt bei uns? Drei Monate?«

»Drei Monate und vier Tage«, präzisierte Nele.

»Mhm. Und du fühlst dich wohl?«, hakte Olivia nach.

Irritiert runzelte Nele die Stirn, ehe sie zweideutig antwortete: »Nun ja, privat kann ich nicht klagen, beruflich wäre ich gern ein wenig stärker gefordert.«

»So, so. Privat kannst du nicht klagen.« Olivia strich sich eine lose Strähne aus der Stirn und zeigte ein warmes Lächeln. »Dann hoffen wir mal, dass das so bleibt. Aber vielleicht kann ich dich ja auch beruflich ein wenig glücklicher machen.«

»Oh, jetzt bin ich aber gespannt.« Interessiert stützte Nele die Ellbogen auf die Tischplatte und legte ihren Kopf in die Hände. »Haben wir jetzt häufiger Sex im Büro? Da wartete ja noch dieses Lineal . . .«

Olivia ignorierte geflissentlich den Einwurf und fuhr unbeirrt fort: »Wir sind mal wieder dabei, unseren Katalog zu überarbeiten. Du weißt, manche Produkte sind nicht mehr so gefragt, die müssen wir herausnehmen. Andererseits müssen wir neue Trendprodukte finden und aufnehmen.«

»Klar. Das war ja zu Hause in Deutschland mein Gebiet.« Jetzt war Neles berufliche Neugier geweckt. Sie setzte sich aufmerksam aufrecht. Jeder Anflug von Ironie war aus ihrem Gesicht verschwunden.

Olivia nickte. »Eben, deshalb haben wir an dich gedacht. Wir brauchen mal wieder eine Überprüfung des Whiskeysortiments. Eigentlich macht das Jane Cunningham. Aber die ist schwanger, wie du weißt.«

Nele nickte verstehend. »Da macht es sich schlecht, Whiskey zu verkosten.«

»Genau. Außerdem ist sie bei den Anbietern bereits bekannt wie ein bunter Hund. Du bist neu, hast aber trotzdem Erfahrung. Wie ich aus deinen Unterlagen ersehen konnte, warst du schon in Irland und Schottland auf der Suche nach neuen Whiskeysorten und Trends. Ich dachte, es wäre für uns alle hilfreich, wenn du nach Kentucky fährst, ein paar Destillen abklapperst und uns dann deine Vorschläge unterbreitest. Vielleicht findest du ja das eine oder andere lohnenswerte neue Produkt. Außerdem kannst du so ein paar Beziehungen für dich knüpfen und für uns pflegen.« Olivia legte die Hände gefaltet vor sich auf den Schreibtisch und schaute Nele erwartungsvoll an.

Diese schluckte irritiert, wurde rot. »Wow . . . das nenne ich mal einen Vorschlag«, war alles, was sie sagen konnte. Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

Olivia, sichtlich zufrieden mit der Wirkung ihres Angebots, schmunzelte und fragte: »Warst du schon mal in Kentucky?«

»Nö, noch nie.« Nele schüttelte den Kopf. »Allerdings mag ich den Bourbon, den sie dort herstellen, ganz gern. Obwohl er natürlich nicht mit dem irischen Whiskey mithalten kann.« Sie zog eine Braue hoch und betrachtete Olivia prüfend.

Die hob nur unbeteiligt die Schultern. »Das ist dein Fachgebiet, dazu kann ich nichts sagen. Ich bin hier nur für das Personal zuständig. Außerdem mache ich mir nichts aus Whiskey. Ich bin mehr der Weintrinker.«

»Na, da habe ich doch wieder etwas gelernt«, kommentierte Nele und lächelte zufrieden. »Übrigens – darf ich Jim Beam aus dem Sortiment nehmen? Den finde ich einfach scheußlich. Den erträgt man höchstens in der Cola.«

Olivia zog die Augenbrauen hoch, dann sagte sie kühl und gelassen: »Nell, wenn du das tust, dann sehe ich mich leider gezwungen, dich rauszuwerfen. Jim Beam ist Kult.«

»Auch, wenn er schmeckt, als hätten sie damit die Destillierbottiche gereinigt?«, feixte Nelly. Als sie Olivias warnenden Blick sah, beeilte sie sich hinzuzufügen: »Keine Sorge, ich werde die heilige Kuh selbstverständlich nicht schlachten.«

Olivia ging nicht darauf ein. Stattdessen fragte sie scheinbar nebenher: »Wer sagt denn eigentlich, dass ich dich allein dorthin schicke?«

»Wie, nicht?« Nele horchte auf. »Wer kommt noch mit? Charlie Sanchez? Oh, bitte nicht! Der ist so anhänglich. Der arme Kerl hat noch immer nicht begriffen, dass ich für Männer nicht zu haben bin. Oder ist es Johnny White? Der ist ganz nett. Vielleicht ein bisschen großväterlich.« Während Nele wild herumriet, übersah sie zunächst völlig Olivias breites, fröhliches Lächeln. Erst nach einer Weile bemerkte sie es und stutzte.

»Was ist?«, fragte sie überrascht. »Machst du dich über mich lustig?«

Jetzt lachte Olivia vergnügt auf. »Nell, manchmal bist du wirklich naiv.« Sie lehnte sich entspannt in ihrem Sessel zurück. »Eigentlich hatte ich gedacht, dass wir beide zusammen nach Kentucky fahren. Nächstes Wochenende ist Pferderennen in Keeneland – das heißt, eigentlich ist es das Vier-Sterne-Vielseitigkeitsturnier. Aber egal, ich habe jedenfalls schon eine Suite für Samstag gebucht. Wir werden einen Wahnsinnsblick auf die Rennbahn haben. Wer Keeneland nicht kennt, wer dort noch nicht zum Rennen war, der wird Kentucky nie verstehen.« Mit einem verschwörerischen Zwinkern fügte sie hinzu: »Und wir wollen dir doch einen perfekten Einstand bieten.«

»Wow!« Mehr brachte Nele erst einmal nicht hervor. Sie strich sich fahrig durchs Haar, zupfte an ihrem Jackett und schaute Olivia schließlich mit leuchtenden Augen an. »Und du veralberst mich nicht? Ich denke, du hast keine Ahnung vom Whiskey? Und trotzdem willst du mitfahren? Wie lange bleiben wir denn dort? Und wo übernachten wir?« Vor lauter Aufregung verschluckte sie sich und musste husten. Als sie wieder Luft bekam, ergänzte sie, noch ganz rot im Gesicht: »Und überhaupt – wie erklärst du das den anderen?«

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