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Teil 01

1.

Solveig Steffens nahm noch einmal den Ordner mit den Tagungsunterlagen zur Hand und blätterte im Flyer. Eva Werner. Konnte das wirklich die Eva Werner sein? Der Name hatte Herzklopfen in ihr ausgelöst, als sie letzte Woche in den Unterlagen unvermutet darauf gestoßen war. Auch jetzt beschleunigte sich ihr Puls wieder. Dabei war das nun wirklich kein besonders ausgefallener Name. Am wahrscheinlichsten war, dass es sich um jemand ganz anderen handelte.

So lange hatte sie nicht mehr an die Zeit in England gedacht. Fünfundzwanzig Jahre war es jetzt her . . . Verträumt sah Solveig aus dem Zugfenster und schob die Kopfhörer ihres MP3-Players zurecht.

Sie war auf dem Weg nach Berlin, um dort auf einer interdisziplinären Tagung zum Thema Gewalt einen Vortrag zu halten. Da sie aus Erfahrung wusste, dass es im Großraumabteil des ICE geschäftig zuging und zuweilen laut sein konnte, hatte sie die Vorbereitung bereits vor ein paar Tagen abgeschlossen und konnte nun mit ihrer Lieblingsmusik noch ein wenig entspannen. Vor ihrem vierzigsten Geburtstag vor zwei Jahren hatte sie sich diese Playlist zusammengestellt, die sie »40+« genannt hatte: nicht nur deshalb, weil sie vierzig geworden war, sondern weil die Liste etwas über vierzig Titel enthielt, die sie im Laufe der Jahre begleitet hatten. Bei der Auswahl der Songs hatte sie festgestellt, dass sie fast alle aus den Siebzigern stammten. Kein Wunder – sie selbst war ein Kind dieses Jahrzehnts. Gerade erklang You’ve Got A Friend von Carole King, ihrer Lieblingssängerin in ihrer Teenagerzeit.

Eine tolle Stimme. Ein fantastisches Lied. Solveig schloss die Augen. Sofort tauchte ein Bild von damals auf. Sie und Eva waren zusammen durch London gezogen und in den schier endlosen Gängen der Tube auf zwei Musikerinnen gestoßen, die genau dieses Lied spielten. Die eine begleitete ihren Gesang auf der Gitarre, während die andere zwischendurch ein Saxophonsolo einlegte. Eva hatte damals hinter Solveig gestanden und sie umarmt. Solveigs Hände hatten auf Evas Armen geruht, Evas Wange hatte an ihrer gelegen. Und am Ende hatte sie das Gefühl gehabt, Eva hätte sie vorsichtig auf die Wange geküsst – aber sie war sich nicht ganz sicher gewesen, ob das vielleicht doch nur Wunschdenken war.

Jetzt, fünfundzwanzig Jahre später, ließ dieser intime Moment ihr Herz erneut höher schlagen. Im Geiste spürte Solveig Evas Umarmung nach, während sie stumm den Refrain mitsang: »Du rufst nur meinen Namen, und, egal wo ich bin, ich komme zu dir, um dich wiederzusehen. Winter, Frühling, Som¬mer oder Herbst – du brauchst nur anzurufen, und ich werde da sein, ganz bestimmt! Du hast eine Freundin.«

In den folgenden Jahren war Solveig dieses Lied immer wieder begegnet. Jedes Mal hatten sie schon die ersten Klänge in diese Umarmung mit Eva zurückversetzt und in das Gefühl, das damals ihren Körper durchströmt hatte: Wärme und Vertrauen. Geborgenheit und Nähe. Viel Nähe. Und jedes Mal hatte sie sich gewünscht, Eva würde tatsächlich vor ihr stehen, wenn sie ihren Namen riefe. Eva würde sie in die Arme nehmen, und alles wäre gut. Aber schließlich hatte die Zeit alles überdeckt, und der Song war viele Jahre in Vergessenheit geraten – bis zu ihrem runden Geburtstag.

Auch die Szene in dem U-Bahn-Gang war irgendwann allmählich aus ihrem Bewusstsein verschwunden. Anfangs hatte sie oft davon geträumt. Kurz nach den Ferien, in denen sie Eva kennengelernt hatte, hatte sie diesen Traum fast jede Nacht gehabt. Irgendwann hatte er sich verselbständigt: Solveig hatte sich umgedreht und Eva tief in die Augen geschaut, und Eva hatte sich über sie gebeugt, um sie zu küssen. Nur ihre Zungenspitzen hatten sich berührt. Und als das Lied zu Ende war, hatten sie sich umgedreht und waren Hand in Hand in den langen, halbdunklen Gängen verschwunden. In Wirklichkeit hatte es zu dem Zeitpunkt keinen Kuss gegeben – noch nicht.

Ein lautes »Entschuldigung!« schreckte sie auf. Es war der Schaffner, der ihre Fahrkarte sehen wollte. Verwirrt blickte Solveig sich um. Sie hatte tatsächlich geschlafen – und geträumt. Bestimmt zwanzig Jahre hatte sie diesen Traum nicht mehr gehabt. Wie konnte es sein, dass er gerade jetzt wieder auftauchte? Sie brauchte einen Moment, um wieder in der Gegenwart anzukommen.

Verwundert schüttelte sie den Kopf. Verrückt, dachte sie. Das ist doch alles so lange her, dass es schon gar nicht mehr wahr ist. Und wenn sie es wirklich sein sollte, wird es keinen Grund für Nostalgie oder Melancholie geben. Wir werden über den Zufall lachen und vielleicht ein bisschen über alte Zeiten reden, und damit hat es sich. Noch einmal schüttelte sie den Kopf und reichte dem Schaffner die Fahrkarte.

2

In Berlin nahm Solveig ein Taxi zum Tagungshotel. Eigentlich hätte sie für das Einchecken im Hotel mehr als genug Zeit gehabt, aber wegen einer technischen Panne bei der Bahn war sie mit über einer Stunde Verspätung angekommen. Dadurch erschien sie so gerade eben noch vor dem ersten Vortrag im Tagungssaal, nachdem sie das Auspacken im Zimmer auf später verschoben und ihren Trolley einfach an der Rezeption abgestellt hatte.

Mit einem erschöpften Aufseufzen ließ sie sich auf einen der letzten Plätze in den hinteren Reihen fallen und ihren Blick über das Publikum vor ihr gleiten. Unter den Anwesenden entdeckte sie die eine oder andere Bekannte, die sie nach dem laufenden Beitrag begrüßen würde. Plötzlich freute sie sich darauf, zu plaudern und alte Kontakte aufzufrischen.

Aber zunächst wollte sie sich auf den Einführungsvortrag konzentrieren. Sie blätterte in ihren Unterlagen. Gemäß dem Tagungsprogramm hätte eine Wissenschaftlerin vortragen sollen, die Solveig gut kannte, aber offenbar hatte es eine Umstellung gegeben. Die Stimme, die jetzt durch das Mikrofon klang, war nicht die, die Solveig erwartete – aber sie war ihr auch keineswegs unbekannt.

Solveig erstarrte. Ihr Herz schlug bis zum Hals.

Tatsächlich: Am Pult stand Eva Werner. Die Eva Werner, mit der sie vor fünfundzwanzig Jahren ihre Ferien verbracht hatte.

Was soll denn das?, rief sich Solveig zur Vernunft. Dieses Herzklopfen . . . das ist doch völlig unangebracht. Aber wahrscheinlich ist es nur die Eile. Ja, das muss es sein. Bei der ganzen Hektik mit der Verspätung muss man ja außer Atem geraten.

In diesem Moment sagte Evas rauchige, fast erotische Stimme: »Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich etwas wünschen . . .«

Solveig schloss die Augen. Fast dasselbe hatte Eva damals auch gesagt, an ihrem letzten Abend in Weymouth, als sie Solveig zu einem nächtlichen Wettschwimmen überredet hatte. Solveig schloss die Augen, ließ sich in den Klang dieser elektrisierenden Stimme fallen und gab sich ihrem Tagtraum hin, der sie fünfundzwanzig Jahre zurückkatapultierte.

»Wer gewinnt, darf sich etwas wünschen, ja?«, hatte Eva gerufen und sich blitzschnell im Wasser am Strand von Weymouth umgedreht, um so schnell wie möglich zu dem weißen Boot zu schwimmen. Das war das einzig sinnvolle Ziel, weil es in der Dunkelheit gut zu erkennen war. Kurz bevor sie mit kraftvollen Zügen loskraulte, hatte sie noch gerufen: »Auf die Plätze, fertig, los!« Dann war sie Solveig davongeschwommen. Doch lange hatte es nicht gedauert, bis Solveig ihr dicht auf den Fersen war. Schließlich betrieb sie Schwimmen damals als Leistungssport.

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