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Teil 12

»Schon gut«, beendete sie das Thema. »Ich war eh schon dabei.« Jetzt wusste Willi ja, dass sie es nicht tat, weil er es befohlen hatte. Das genügte ihr. Die Nachbarin schien zwar etwas anderes zu denken, aber das war ihr vollkommen egal. Sollte die doch denken, was sie wollte. Maia bezweifelte, dass Theresa Späth im Großen und Ganzen überhaupt viel dachte, so einfach gewickelt, wie sie war. Sie würde ihr also eine Tasse Kaffee servieren, weil es das Mindeste war. Und vor allem würde sie sie vor ihren Karren spannen, was den medizinischen Check-up von Willi anging.

»Sie könnten mir behilflich sein und meinen Großonkel dazu überreden, endlich zum Arzt zu gehen.« Maia stellte den mit Kaffee gefüllten Humpen mit dem Logo des hiesigen Futtermittellieferanten vor die Nachbarin und schob Zucker und Milch von Willis Tischseite zu ihr rüber.

»Pah«, unterbrach Willi und winkte unwirsch ab. Dabei wischte er wie nebenbei die Krümel, die sein Frühstück weiträumig um seinen Teller produziert hatte, vom Tisch auf den Boden. Diese Schweinereien würden aufhören, wenn es nach Maia ginge.

Theresa Späth sah sie beide nur fragend an, und Maia fuhr fort mit ihrer Argumentation: »Er muss durchgecheckt werden. In seinem Alter kann man doch nicht einfach alles ignorieren, was man an körperlichen Problemen hat. Damit ist nicht zu spaßen.« Dabei sah sie zuerst die Besucherin und dann Willi an, Letzteren mit strafendem Blick, weil er schon wieder unwillig das Gesicht verzog.

»Übertreib doch nicht so maßlos«, gab er auch gleich Widerworte.

»Das ist die Realität, Großonkelchen«, konterte Maia, ein wenig frustriert, weil das endlose Gezerre mit ihm sich einfach fortsetzte. Diese Theresa war absolut keine Hilfe, die kriegte die Klappe nicht auf. Durch besondere Sprachgewandtheit war sie ihr sowieso noch nicht aufgefallen. Eingeschränkter Wortschatz – bedauerlich, aber als Landwirtin brauchte sie sicherlich auch nicht mehr als fünftausend Wörter.

Willi unterbrach ihre bösartigen Gedankengänge: »Ich war mein Lebtag nicht beim Arzt. Ich werde jetzt nicht damit anfangen. Alles Quacksalber. Da wird man krankgemacht.« Dieses Argument hatte sie heute bereits zehnmal gehört. Es hing ihr zum Hals raus und war einfach nur albern. Aber Willi beharrte darauf, egal, was sie dagegen vorbrachte.

»Sehen Sie, wie stur er ist?«, wandte sie sich an die Nachbarin. So viel gesunden Menschenverstand würde die ja wohl haben, ihr da jetzt beizustehen. Wie viel Gehirnschmalz brauchte man schon dafür, zu sagen: »Geh zum Arzt, Willi«? Nicht sehr viel, ihrer bescheidenen Meinung nach.

»Ja, das ist er«, nickte Theresa Späth nachdenklich. Maia nickte zurück, aber dann legte die Nachbarin nach: »Aber er hat recht.«

»Was?« Maia klappte die Kinnlade hinunter. Soviel Blödheit konnte es doch gar nicht geben. »Das glaub ich jetzt nicht. Sind Sie wahnsinnig, ihn auch noch zu unterstützen?«

Willi lachte gackernd. »Resi ist eben auf meiner Seite.«

Die Nachbarin sagte einfach gar nichts. Maia warf entnervt die Hände hoch. In welchem Irrenhaus war sie hier eigentlich gelan-det? Offensichtlich bei Dumm und Dümmer. »Herrgott noch mal«, machte sie laut ihrem Unmut Luft, »seid doch beide nicht so unvernünftig!« Willi war ja schon immer ein Spezialfall gewesen, und offenbar tickte die einzige Person aus dem Dorf, die er um sich duldete, ganz genauso. Kein Wunder, dass die beiden sich verstanden.

»Ich finde, es ist Willis Entscheidung«, sagte Theresa Späth seelenruhig und sah sie an, als sei das das Selbstverständlichste der Welt.

Hugh, ich habe gesprochen, äffte Maia in Gedanken. Fast hätte sie es ausgesprochen. Stattdessen schnaubte sie nur: »Das ist doch kompletter Irrsinn.«

»Wenn man die Entscheidungsgewalt über das eigene Leben verliert, ist es kein Leben mehr, sondern nur noch ein bloßes Existieren«, erwiderte die Nachbarin mit derselben, an Apathie grenzenden Gelassenheit.

Maia starrte diese Theresa Späth an, als sei sie ein Geist. War das gerade allen Ernstes aus dem Mund dieser schlichten Einsiedlerin gekommen? Bestimmt hatte diese Weisheit heute im Bauernkalender gestanden, und sie hatte sie auswendig gelernt. Konnte gar nicht anders sein.

Willi nickte zu dem Gesagten zustimmend wie ein Wackeldackel. Ganz begeistert war er davon. »Sag ihr das Sprichwort von dieser Frau, die Philosophin war«, forderte er dann seine Nachbarin auf. »Das passt zu mir.«

Maia kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hatten die beiden etwa schon des Öfteren pseudophilosophische Gespräche geführt? Es wurde immer besser.

»Hannah Arendt war das.«

Woher kannte dieses Landei Hannah Arendt? Das konnte doch gar nicht sein.

Doch bevor Maia den Mund öffnen konnte, um zu fragen – und sich damit zu blamieren –, fuhr die Nachbarin fort: »Weisheit ist eine Tugend des Alters, und sie kommt wohl nur zu denen, die in ihrer Jugend weder weise waren noch besonnen.« Ihr Ton zeigte, dass sie ganz genau verstand, was sie da zitierte.

»Genau«, stimmte Willi mit Inbrunst zu. »Meine Rede. So bin ich.«

Ein großes Fragezeichen breitete sich in Maia aus. Was ging denn hier ab? Allmählich wurde ihr einiges klar. Sie war vollkommen ihren eigenen Vorurteilen aufgesessen. Diese Frau hatte gerade mal einfach so das eindimensional strukturierte Bild, das Maia von ihr gehabt hatte, über den Haufen geworfen.

Es war also möglich, auf dem Land zu leben und die großen Philosophen zitieren zu können, obwohl man aussah, als könne man nicht bis drei zählen. Neue Erkenntnis.

Fast musste Maia über sich selbst lachen. War sie in ihrem Job so verbohrt geworden, dass sie die Fähigkeit verloren hatte, Menschen nach mehr als ihrem äußeren Erscheinungsbild zu beurteilen? Sie grübelte vor sich hin, während Willi und seine Nachbarin sich noch eine ganze Weile in tiefsinnigen Gedanken ergingen und in kurzen Sätzen kommunizierten, fast wie in Geheimsprache.

Immer wieder verfielen sie in harmonisches Schweigen und schlürften geräuschvoll Kaffee. Das hieß – Theresa Späth trank eigentlich lautlos, wie es sich gehörte, Willi dafür umso geräuschintensiver, weil er das Getränk durch sein Gebiss zog. Furchtbare Angewohnheit. Die er aber schon hatte, solange Maia denken konnte. Als er noch eigene Zähne gehabt hatte, war es nicht ganz so abstoßend gewesen. Merkwürdigerweise jedoch war das Geräusch so vertraut, dass es jetzt regelrecht entspannend wirkte. Sogar das Arztthema konnte Maia für den Augenblick zur Seite legen.

Doch so schnell gab sie nicht auf. Sie würde es schon schaffen, Willi zu seiner Untersuchung zu schleppen. Schließlich hatte sie ja vor, noch ein paar Wochen hierzubleiben. Und Maia bekam normalerweise alles, was sie wollte. Wenn sie nicht gerade Burnout hatte, war sie zielgerichtet und forsch – und das würde sie auch wieder werden, wenn sie zu ihrer alten Form zurückfand, so viel war sicher.

Wie sie so zufrieden dasaß, fiel ihr auf, dass sie vor lauter Tohuwabohu ganz vergessen hatte, auch nur eine Sekunde an ihre eigenen Psychoprobleme zu denken. Während des ganzen Vormittags hatte sie nicht ein einziges Mal hysterisch loslachen wollen. Ihr Kopf fühlte sich ganz klar und kein Stück wuschig an. Ihr Herz hatte ganz normal geschlagen. Na ja, als sie sich aufgeregt hatte, schon ein bisschen schneller, aber immer noch im grünen Bereich. Willi und seine Resi taten ihr auf recht absurde Art gut.

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 11

»Resi, da ist zu wenig drin. Was mache ich jetzt?«, fragte Johnny in diesem Moment und betrachtete skeptisch die Skala der Waage.

»Warte, ich füll dir in eine Schüssel eine kleine Menge Honig ab. Dann kannst du mit einem Löffel zugeben.« Theresa tat genau das und reichte Johnny das Edelstahlschüsselchen. »Alles klar?«, fragte sie dann.

»Macht Spaß. Kann ich hinterher den Löffel ablecken?« Johnny warf ihr einen hoffnungsvollen Blick unter dunklen Augenbrauen zu.

»Natürlich, wie immer«, bestätigte Theresa ernst ihren seit langem gültigen Deal.

Johnny grinste zufrieden und machte sich wieder ans Wiegen der Honiggläser. Auch Theresa drehte sich wieder zum Abfüllbehälter um und unterdrückte ihr Lächeln.

Willis Großnichte Maria Ossola kam ihr in den Sinn. Die hielt sie mit Sicherheit für ein weltfremdes Landei, das hatte Theresa ihren abschätzigen Blicken angesehen. Normalerweise machte ihr das überhaupt nichts aus, so von anderen Menschen wahrgenommen zu werden, es amüsierte sie sogar. Aber bei Willis Maia hatte es sie kolossal geärgert. Weil die ebenso danebenlag mit ihrer Einschätzung. Weil sie, Theresa, sich bewusst für dieses Leben entschieden hatte. Weil sie mal ganz anders gewesen war.

Früher hatte sie regelmäßig die Frankfurter Clubszene unsicher gemacht. Hatte wild gefeiert, teilweise exzessiv mit viel Alkohol.

Rückblickend konnte sie sagen, dass ihr das nicht gutgetan hatte, sonst hätte sie vielleicht schon viel früher einen Schlussstrich unter ihre Wissenschaftslaufbahn gezogen. Wenn sie an diese Zeiten zurückdachte, wie sie die Nacht zum Tag gemacht und so einiges ausprobiert hatte, kam ihr das alles unwirklich vor. Ihr jüngeres Selbst war schrecklich unreif gewesen.

Jetzt war sie als Person viel ausgewogener, wie sie fand. Nur eines fehlte eigentlich: eine Frau, die ihr Leben teilte. Das gestand sie sich heimlich ein. Doch sie hatte sich damit abgefunden, dass das unrealistisch war. Zumal ihre zurückliegenden Beziehungen alle nicht so wahnsinnig erfolgreich gewesen waren.

Außerdem – wer würde schon hierher ins Nirgendwo ziehen? Und zurück in die Stadt wollte sie auf gar keinen Fall. Noch nicht einmal für die Liebe. Die kam entweder auf den Hof oder eben gar nicht. Dann wohl gar nicht, war das Ergebnis ihrer langen, gewundenen Gedankengänge. Und im Grunde war sie ja auch zufrieden.

Sie ließ das nächste Glas mit Honig volllaufen. Eine kleine Menge ging daneben und bildete ein Rinnsal das Glas hinab. Mist. Sie sollte sich wirklich konzentrieren. Für diese Menge mussten ihre Bienen fünftausend Mal hin und her fliegen.

Dip me in honey and throw me to the lesbians – das war ein geflügeltes Wort in den USA, das ihr während ihres Aufenthalts an der Uni in Berkeley begegnet war. Es hatte sogar T-Shirts mit dem Spruch gegeben. Wenn sie gewusst hätte, dass sie eines Tages Imkerin werden würde, hätte sie sich bestimmt eines gekauft.

Vielleicht sollte sie das mal versuchen – sich nackt mit Honig übergießen und sich in eine größere Versammlung lesbischer Frauen begeben. Könnte ja sein, dass sie auf diese Weise eine Frau fände.

Theresa musste grinsen bei der Vorstellung: Sicherlich nicht nur eine. Aber was würde passieren, wenn der Honig wieder weg war?


Maia versuchte bereits den ganzen Vormittag, Willi zu überreden, zum Arzt zu gehen. Er weigerte sich standhaft. Sie hatte das Gefühl, schon seit Stunden hier in der Küche zu hocken und gegen eine Wand zu reden. Natürlich würde sie ihn dazu bringen müssen, sich vorher zu waschen und sich zu rasieren und, und, und. Wie sie das schaffen sollte, war ihr momentan noch ein Rätsel, aber Ärzte waren schließlich einiges gewohnt. Immerhin hatte selbst sie sich an den immer vorhandenen Geruch hier angepasst. Ihre Nase schien bereits abzustumpfen. Sie durfte nur nicht zu viel darüber nachdenken, sonst wurde ihr doch wieder schlecht.

Als sie den Jeep auf den Hof fahren hörte, witterte Maia Morgenluft. Vielleicht wäre die stoffelige Theresa imstande, etwas in Sachen Arzt zu erreichen.

»Ich glaube, da kommt deine Nachbarin«, verkündete sie und stellte im gleichen Atemzug den Wasserkessel auf den Herd, falls die unentbehrliche Helferin eine Tasse Kaffee oder Tee wollte.

»Sie heißt Resi.« Ihr Großonkel grinste sie an. Seinen Humor hatte er bereits wiedergefunden, zusammen mit seiner widerborstigen Art.

Sie grinste zurück: »Von wegen. So heißt sie nur für dich.«

Willi gackerte amüsiert und tunkte sein Honigbrot in den kalt gewordenen Kaffee. Wegschütten kam bei ihm nicht in Frage. Willi war so ziemlich der geizigste und sparsamste Mensch, den Maia je erlebt hatte.

Auf der Treppe erklangen Schritte, und ein fragendes »Guten Morgen?« war zu hören. Maia hatte gleich nach dem Aufstehen die Haustüre aufgerissen, um für Durchzug zu sorgen. Aber sie hatte sich doch vorgenommen, über Nacht zukünftig abzuschließen. Alles andere war ihr ein bisschen zu gruselig. Selbst hier im tiefsten Odenwald.

»Guten Morgen«, antworteten Willi und Maia unisono.

Die Nachbarin betrat die Küche. Sie sah gesund und handfest aus, ihr Gesicht strahlte die Frische des Morgens aus. Maia gewöhnte sich so langsam an den Anblick dieser kantigen Frau. Wie sie sie für abgearbeitet und vorzeitig gealtert hatte halten können, konnte sie jetzt schon nicht mehr nachvollziehen. Die erste Begegnung mit ihr hatte einfach unter keinem guten Stern gestanden. Und Landfrauen waren nun mal eine fremde Gattung für Maia.

»Ich war gerade unterwegs. Einkaufen.« Damit legte Theresa Späth einen frischen Laib Brot auf den Tisch. Das kam sehr gelegen, denn Maia hatte den letzten Rest heute Morgen verbraucht.

»Setz dich, Resi. Maia kocht dir einen Kaffee«, lud Willi ein. Er war heute Morgen quicklebendig. Die Veränderung in seinem Leben schien ihm gutzutun, dachte Maia. Sie war froh, dass sie gekommen war. Willi hatte neuen Lebenswillen gewonnen, auch wenn er weiterhin verboten aussah mit seinen Bartstoppeln und den ungepflegten Haaren. Aber immerhin hatte er sein Gebiss drin und war einigermaßen sauber angezogen. Das konnte sie sich schon mal auf die Fahne schreiben.

»Das kann ich auch selbst machen, Willi. Kommandier sie nicht rum.« Die Nachbarin bedachte ihren Großonkel mit einem bösen Blick. Der rümpfte nur die Nase. Maia wusste genau, dass er es sich verkniff, »Weiber!« zu sagen.

Sie blinzelte ihm zu. Und Willi verstand und grinste. Bei Maia kam er mit nichts durch, das wusste er – schon gar nicht mit seinem Patriarchen-Gehabe. Das hatte schon nicht funktioniert, als sie noch ein kleines Mädchen war.

Teil 10

»Ist ja gut. Es gibt gleich was, ihr Rabauken.« Die Honigabfüllung musste noch zehn Minuten länger warten. Ihre drei Schätze gingen vor.

Als hätte sie ihr aufgelauert – was sie vermutlich auch getan hatte –, kam Johnny um die Ecke gebogen. Das Nachbarskind wohnte gute zwei Kilometer entfernt, schneite aber trotzdem immer vorbei, als mache man das einfach so. Johnny, die eigentlich Johanna hieß, war ein echter Tomboy und hatte allein da­durch Theresas Herz erobert. So war sie selbst früher auch gewesen. Bei jedem anderen Kind wäre sie an einem Tag wie heute ziemlich genervt gewesen, es jetzt auch noch am nicht vorhandenen Rockzipfel hängen zu haben.

»Hallo, Resi, brauchst du Hilfe bei etwas?«, fragte ihre kleine Freundin enthusiastisch.

Johnny liebte es, in der Imkerei mitzuhelfen. Zu den Bienen nahm Theresa sie aber nur von oben bis unten verschleiert mit, weil Bienenstiche bei Kindern zu Allergien führen konnten und sie eine potentielle Jungimkerin nicht dadurch berufsunfähig machen wollte. Die anstehende Honigabfüllung war also ideal, um Johnny an die süßen Seiten der Imkerei heranzuführen. Das kleine Schleckermaul würde wahrscheinlich mehr naschen als abfüllen, aber damit konnte Theresa leben. Sie hatte die Kleine schlicht gern um sich, wie sie sich eingestehen musste – und das, obwohl Johnny sie wie Willi hartnäckig Resi nannte.

»Ich heiße Theresa«, erklärte sie zum gefühlt hundertsten Mal mit wenig Nachdruck. »Du kannst mir helfen, den Frühjahrshonig in Gläser zu füllen.«

Johnnys Augen leuchteten auf. Sie sah aus wie eine kleine Ausgabe von Theresa: Jeans, T-Shirt, wuchtige Arbeitsschuhe. Eine fast zu Tode geliebte Baseballkappe auf den kurz geschnittenen, dunklen Haaren rundete das Bild ab. Seit neuestem imitierte die Zehnjährige sogar ihren Gang. Wobei sich Theresa fragte, ob sie selbst wirklich so breitbeinig daherstapfte.

Mit Johnny im Schlepptau fütterte sie zuerst ihre geliebten Schafe, die sich zum Dank von ihnen beiden ausführlich streicheln und Stroh und Kletten aus dem Fell entfernen ließen. Theresa untersuchte bei dieser Gelegenheit auch ihre Klauen und beschloss, dass es bald an der Zeit war, sie zu schneiden. Sie zeigte Johnny, woran sie das erkannte, und das Mädchen verfolgte konzentriert jedes ihrer Worte. Dann gingen sie in die Imkerei. Eigenhändig hatte Theresa hier vor sechs Jahren alles weiß gekachelt. Ihre Geräte stammten von einem alten Imker, der aufgehört hatte, und alles sah entsprechend gebraucht aus und war auch nicht unbedingt auf dem neuesten Stand der Technik. Theresa träumte von einer neuen Honigschleuder. Aber die, die sie wollte – motorbetrieben, vollautomatisch und computergesteuert –, kostete dreitausend Euro. Es stand in den Sternen, wann sie sich die jemals leisten könnte. Aber sie kam schließlich auch so zurecht. Das war im Grunde nur Luxusdenken.

Sie hatte fürs Abfüllen am Abend zuvor noch alles vorbereitet, obwohl sie wirklich erschöpft gewesen war nach dem Reifenwechsel und allem anderen. Die Gläser standen sauber in Reihen, die Deckel lagen bereit, und der Honig war auf exakt 40 Grad erwärmt, damit er besser floss, aber die wertvollen Inhaltsstoffe nicht kaputtgingen. Es konnte losgehen. Johnny würde sie an die Waage stellen, um zu kontrollieren, dass 500 Gramm in jedem Glas waren. Mehr durfte es sein, nur nicht weniger. Das war eine der vielen Verordnungen, die sie akribisch einhalten musste als Imkerin. Aber es war ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen.

Theresa nahm das erste Glas, hielt es unter den Edelstahlbehälter und öffnete den Quetschverschluss. Ihr heller Blütenhonig, den sie im Mai geerntet hatte, floss duftend ins Glas. Er war wieder ausgesprochen lecker geworden. Mit dem Geschmack nach tausend Blüten, die ihre fleißigen Bienchen angeflogen hatten: Apfel, Kirsche und Wiesenblüten. Johnny stibitzte mit dem Finger einen Tropfen, der am Glas hinabrann.

»Hier. Wiegen, Deckel drauf, kurz abwischen. Schaffst du das?«, fragte sie mit gespieltem Ernst, obwohl sie wusste, dass Johnny diese Arbeit lieben würde.

Die wurde auch gleich zwei Zentimeter größer. Ihre Ehre stand auf dem Spiel. »Hältst du mich für ein Baby?«, fragte sie empört. »Das schaff ich mit links.« Mit aller Entschiedenheit machte sie sich ans Werk.

Während sie zufrieden vor sich hinarbeiteten, kam Theresa der Gedanke, wie extrem sich ihr Leben im Vergleich zu früher verändert hatte. Und wie sie kein bisschen davon rückgängig machen würde, so glücklich war sie in diesem Moment hier, umgeben von Honigdüften zusammen mit der kleinen Johnny. Dafür hätte sie allerdings nicht Philosophie studieren müssen. Theresa Späth, Imkerin und Landwirtin am Existenzminimum. Aber auch promovierte Philosophin – was für eine Farce! Und die große Enttäuschung ihres Lebens.

Sie hatte lange Zeit gedacht, es sei vollkommen ausreichend, brillant zu sein. Aber dann hatte sie die bittere Erfahrung machen müssen, dass auch im Wissenschaftsbetrieb nur Beziehungen, Ellenbogen und Auftreten zählten. Alles andere war zweitrangig, das konnte man zur Not auch die Studenten machen lassen. Sie hatte oft genug erlebt, wie Kollegen an ihr vorbeizogen und die lukrativen Stellen besetzten, die genau nach diesem Muster vorgingen, obwohl sie Theresa fachlich nicht das Wasser reichen konnten. Ohnehin war die Philosophie immer noch eine Männerdomäne, auch wenn es ein paar wenige Frauen von Rang und Namen gab. Die gläserne Decke war noch intakt. Frauen kamen an der Uni nur schwer nach oben. Theresa war es überhaupt nicht gelungen, und vor sechs Jahren hatte sie schließlich frustriert ihre akademische Arbeit und damit auch ihre nicht vorhandene Karriere als Wissenschaftlerin aufgegeben. Sie hätte Sekretärin in der Industrie werden können, wie eine ihrer ehemaligen Kolleginnen am Institut in Frankfurt. Sekretärin mit Doktortitel. Aber sie hatte sich einfach nicht vorstellen können, für einen Typen Kaffee zu kochen und Notizen zu machen, dessen IQ nur die Hälfte des ihren betrug. Das ging gar nicht in ihrer Welt.

Stattdessen hatte sie billig den heruntergekommenen Hof hier am Arsch der Welt gekauft, wofür sie trotzdem einen sauteuren Kredit hatte aufnehmen müssen. Sie hatte das ganze Anwesen mühsam selbst renoviert, alles autodidaktisch gelernt inklusive der Imkerei, die sie sich aus Büchern angeeignet hatte. Dabei hatte sie viel Lehrgeld bezahlt. Inzwischen kam sie gerade so über die Runden. Aber ihre wenigen Ersparnisse waren komplett aufgebraucht, und der Kredit schrumpfte wesentlich langsamer, als es ihr lieb war.

Sie sah prüfend zu Johnny hinüber und stellte wieder einmal fest, dass das Mädchen wirklich in allem sehr geschickt war. Der konzentrierte Ausdruck auf ihrem Gesicht war so süß wie der Honig, den sie abfüllten.

Teil 09


Maia kam dazu, als die unfreundliche, aber hilfsbereite Nachbarin das Fenster in der Kammer öffnete und im Zuge dessen gleich das versiffte Bettzeug hinaus in den Hof warf. Sie hatte sich Arbeitshandschuhe angezogen und ein Tuch vors Gesicht gebunden. Das hätte Maia auch machen sollen, aber jetzt war es wohl zu spät. Wenn sie nicht gleich mit anpackte, stand zu befürchten, dass diese Theresa schneller verschwunden wäre als eine Fata Morgana.

Beherzt griff sie sich den ersten Teil der uralten dreiteiligen Rosshaarmatratze und wollte sie mit dem gleichen Schwung und Elan wie die andere in Richtung Fenster zerren, aber das Miststück widersetzte sich. Ehe sie sich ausbalancieren konnte, schnellte Maia wie an einem Gummiband zurück und landete unsanft und unelegant neben dem Bett auf ihrem Hintern. Natürlich drehte sich genau in dem Augenblick die Nachbarin um und beobachtete das Ganze. Wenn sie lachen würde, war es mit der Dankbarkeit vorbei. Egal, was sie für Willi getan hatte, Maia würde ihr an den Hals gehen.

Ein Funkeln lag in den sonst so humorlosen Augen. Und zuckte es da verdächtig hinter dem Tuch? Maia starrte die stoffelige Person herausfordernd an. Eigentlich hatte sie in letzter Zeit schon genügend Peinlichkeiten für ihr restliches Leben produziert, sie sollte also abgehärtet sein. Trotzdem war dieser Moment fast schlimmer als die Kichersitzung vor ein paar Wochen. Weil sie jetzt gerade nicht hysterisch war, sondern sich einfach nur dusslig angestellt hatte. Sie war nicht für praktische Arbeiten gemacht, aber selbst ihr sollte es doch noch einigermaßen reibungslos gelingen, Müll durch ein Fenster zu werfen.

Entschlossen rappelte sie sich auf und schaffte es mit Theresa Späths Hilfe, die drei Teile der Matratze aus dem Fenster zu befördern. Es staubte in wahren Wolken, als sie unten aufschlugen. In der Kammer war die Luft nicht nennenswert besser. Maia musste niesen.

»Wie wäre es mit einem Container?«, meinte Willis Nachbarin nebenbei und riss ohne viel Aufhebens die von Motten zerfressenen Gardinen herunter. Sie folgten den Matratzenteilen und flatterten hinunter in den Hof.

Maia suchte in ihren Hosentaschen vergeblich nach einem Taschentuch. »Das werde ich machen«, murmelte sie, von einem erneuten Niesen unterbrochen. »Welches Unternehmen würden Sie empfehlen?«

»Es gibt nur eins in der Nähe. Container-Horst. Willi kennt ihn.« Die Antwort der Nachbarin war knapp wie immer, aber sie streckte Maia gleichzeitig ein Tempo entgegen. Maia putzte sich trompetend die Nase und griff dann nach dem Kehrbesteck.

»Oh mein Gott«, jammerte sie angewidert, »was ist das hier nur? Waren das mal Mäusenester? Oder was macht sonst so einen Dreck? Bitte sagen Sie nicht, dass es Rattenscheiße ist!«

»Stellen Sie sich nicht so an«, blaffte Theresa. »Sie kehren das weg, und ich hole meinen Kärcher.« Und schon verschwand sie aus dem Zimmer.

Ein Schritt vor, drei zurück. Maia seufzte. Und was bitte war ein Kärcher? Widerstrebend machte sie sich mit dem Handfeger daran, die mit Nagetierexkrementen verschmierten Haufen aus altem Papier und Stoffresten auf ihre Kehrschaufel zu bugsieren. Dass sie ihre Arme maximal lang ausstreckte und immer wieder angeekelt wegschauen musste, erleichterte die Sache nicht gerade. Ihr war schon wieder elendiglich schlecht. Sie verfrachtete die erste Schaufel voll in einen Eimer und machte weiter, todesmutig, wie sie selbst fand.

Die Nachbarin kam wieder ins Zimmer mit einem Gerät in der Hand, das aussah wie ein Hochdruckreiniger. Zumindest vermu-tete Maia, dass es sich darum handelte. Sie hatte so etwas noch nie in der Anwendung gesehen. Wer hatte denn so ein Ding zufällig im Auto?

»Haben Sie das immer mit dabei? Weil man immer mal hier und da etwas gründlich reinigen muss?«, fragte Maia scherzend.

Das kam aber offensichtlich nicht so an wie beabsichtigt. Theresa Späth warf ihr einen ablehnenden Blick zu. »Das geht Sie gar nichts an«, schnauzte sie zurück.

»Jetzt fassen Sie doch nicht alles gleich als Angriff auf. Ich wollte doch nur einen Witz machen. Ich bin dankbar. Für alles. Wirklich.« Maia schenkte ihr einen ehrlichen Blick und versuchte, nicht zu sehr mit den Wimpern zu klimpern. Das hatte gestern Abend während der Reifenpanne eine paradoxe Reaktion ausgelöst. Theresa Späth hatte reagiert, als hätte sie ihr ins Gesicht gespuckt.

Wieder einmal gab der ungehobelte Klotz nur eine Art Grunzen von sich und machte mit den Aufräumarbeiten weiter. Aber Maia hatte das Gefühl, dass dieser Grunzer etwas versöhnlicher geklungen hatte als die vorigen.

Und ihr Eindruck schien zutreffend zu sein. »Der Schrank ist auch nicht mehr zu retten. Der zerbröselt«, kam das Friedensangebot durch die Hintertür.

»Aber wie kriegen wir den nur raus?«, fragte Maia und beäugte das alte Möbel skeptisch. In solchen Sachen war sie noch nie gut gewesen. Aber sie wusste, dass Schränke sich für gewöhnlich aus Einzelteilen zusammensetzten, und mit etwas Glück ließ sich dieser hier einfach abbauen.

Theresa antwortete ihr gar nicht, sondern trat einmal kräftig in die Seitenwand des Schrankes. Primitiv, aber effektiv, dachte Maia bei sich, als das morsche Möbelstück krachend in sich zusammenfiel.


Theresa bog in ihre Hofeinfahrt ein und war gottfroh, endlich wieder zu Hause zu sein. Das Blöken ihrer Schafe hieß sie willkommen. Sie atmete einmal tief durch, als sie die Autotür öffnete: guter, ehrlicher Schafsgeruch. Nach zwei Stunden, und nicht wie versprochen nur einer, hatte sie einen Schlussstrich gezogen. Sie hatte Willis Großnichte die restliche Organisation ihrer Dachkammer überlassen. Aus Willis Beständen ein Bett zu improvisieren, konnte nicht allzu schwer sein. Zur Not musste sie eben im dreißig Kilometer entfernten Städtchen zum Möbel-Dieterich gehen und sich eins kaufen. Ein Auto hatte sie ja.

Sie hatten zusammen alles Gerümpel hinausgeworfen, und Theresa hatte die ganze Kammer mit Dampf gekärchert. Vor allem der alte Linoleumboden war erstaunlich sauber geworden. Unter den Dreckschichten kam eine Art Grün zutage, das trotz seiner Jahre ganz frisch aussah. Natürlich musste die Großnichte die Sauerei noch aufwischen, den ganzen abgegangenen Schmutz, aber nach den Startschwierigkeiten hatte sie sich nur halb so dämlich angestellt, wie Theresa befürchtet hatte. Nachdem sie sich umgezogen hatte und in praktischen Jeans mit zupackte, war Theresa der Meinung, dass noch nicht alles verloren war. Das konnte doch noch ein gutes Ende haben, das mit Willi und seiner Maia. Sie wünschte es ihm.

Lakki, Lexi und Lucy blökten wie verrückt und fragten sich wahrscheinlich, wann sie endlich aus dem Auto steigen würde. Und wann es endlich etwas zu fressen gab. Ihre Kamerunschafe waren komplett verwöhnt. Es war ja nicht so, dass sie nicht ihr Heunetz im Gehege hängen hatten. Und man hätte sich ja auch mal bequemen und ein bisschen grasen können. Aber sobald die drei sie sahen, erhofften sie sich etwas Besonderes, Apfelschalen oder Salatblätter.

Teil 08

Das Häufchen Elend, das ihr Onkel war, grinste sie noch immer an, und die Tränen kullerten ihm nach wie vor in die grauen Bartstoppeln. Auch Maia schossen jetzt die Tränen in die Augen. Sie hatte sich bemüht, das alles hier gelassen zu nehmen, um Willi nicht aufzuregen. Aber sie selbst war eben immer noch nicht wieder die starke Frau, die alles wegstecken konnte. Das hier war eine schwächere, anfälligere Version ihrer selbst. Wenn er nicht so stark gestunken hätte, dass sie sich fast übergeben musste, hätte sie sich Willi in die Arme geworfen wie früher als kleines Kind.

»Jetzt wird alles gut«, sagte sie, sowohl für ihn als auch für sich selbst zur Beruhigung. »Wir beide kriegen das zusammen hin. So wie früher. Erinnerst du dich?« Die erste Träne bahnte sich ihren Weg über ihre Wange. Weitere wollten folgen.

»Natürlich erinnere ich mich«, versuchte Willi den alten flapsigen Ton wiederzufinden. »Ich bin doch nicht senil.«

»Da habe ich aber Gegenteiliges gehört. Und du riechst entsprechend«, gab sie im selben Stil zurück, obwohl sie beide immer noch mit den Tränen kämpften. Und ständig verloren.

»Wirst du mir helfen?« Willis Stimme kippte.

Dass er zugab, nicht allein zurechtzukommen, Hilfe zu brauchen, war ein Alarmsignal für Maia. Willi war immer stark gewesen. Hatte alle Welt vor den Kopf gestoßen, wenn es nötig war. War sich stets selbst genug gewesen. Um Hilfe zu bitten, musste ihn viel kosten.

»Deshalb bin ich da«, versicherte sie, mühsam beherrscht. »Ich bleibe, Onkelchen. So schnell wirst du mich nicht wieder los.«

Willi heulte unkontrolliert schluchzend los. Und auch bei ihr brachen alle Dämme. Scheiß drauf. Maia stürzte zum Bett und um-armte Willi ungestüm. In dem Moment nahm sie die Gerüche nicht einmal mehr wahr.


Zeichen und Wunder, dachte Theresa, als sie das Tableau vor sich betrachtete. Die Großnichte Maia kniete vor dem Bett, Willi umklammerte sie wie ein Ertrinkender, und beide heulten wie Schlosshunde. Noch vor zwei Sekunden hätte sie das keinem von beiden zugetraut. Dass die Anzugfrau einen alten, schmuddeligen Mann auch nur mit der Kneifzange anfassen würde, war ein abwegiger Gedanke gewesen. Dass sie auf die genau richtige, vertraute Art mit ihm reden konnte, ebenso. Die beiden verband etwas ganz Tiefes, das war in dem kurzen Gespräch klargeworden. Erstaunlich.

Aber umso besser. Das hieß, dass jetzt jemand da war, der in Zukunft für alles Weitere sorgen würde. Sie hatte ihre Zeit wieder zur freien Verfügung. Keine schwärmenden Völker mehr. Sie konnte sich endlich um ihren Honig kümmern. Die zweite Schleuderung stand bevor. Sie war noch nicht einmal dazu gekommen, den Honig der ersten Schleuderung in Gläser abzufüllen, obwohl ihre Kunden schon darauf warteten.

Theresa ließ die beiden zurück und beschloss, noch ein letztes Mal das Frühstück für Willi vorzubereiten. Danach wären die beiden hier auf sich allein gestellt. Bevor sie die Küche betrat, fiel ihr die Tür zum Gästezimmer ins Auge. Einen Augenblick sah sie unschlüssig darauf, dann entschied sie, sich einen kurzen Blick hinein zu gönnen. Aus purer Neugier. Diese Maia hatte bestimmt maßlos übertrieben. Mehr als ein bisschen Gerümpel zu viel war dort sicherlich nicht zu finden.

»Heilige Scheiße«, entfuhr es ihr, als sie die Tür aufgestoßen hatte und das ganze Ausmaß der Verwahrlosung wahrnahm. Da wäre mit einem Besen nicht viel erreicht. Vielleicht müsste Frau Ossola einen Container kommen lassen für die Entrümpelung. Insgesamt war das vielleicht keine schlechte Idee. Willis Häuschen war bis unters Dach voll mit altem Zeug. Aber das war ja Gott sei Dank nicht ihr Problem.

In der Küche holte Theresa das Brot aus dem Kasten und schmierte zwei Butterbrote. Auf einem verteilte sie einen Klecks ihres Honigs – sie brachte Willi immer mal wieder ein Glas vorbei, weil er zu geizig gewesen wäre, ihn ihr abzukaufen –, auf dem anderen deponierte sie eine Scheibe Käse. Fertig. Genau so wollte Willi es jeden Morgen. Nebenher brühte sie eine Kanne Kaffee.

Mit einem Schlurfen über den Gang kündigten sich Willi und seine Großnichte an. Willi ließ sich schwer atmend am Küchentisch nieder, und Maria Ossola verschwand durch die Küche im Bad. Theresa stellte Willi den Teller mit den Broten hin und schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein. Laut schlürfend begann er zu trinken.

Als die Großnichte zurückkam, sah ihr Gesicht frisch geschrubbt aus, und ihre Haare waren offensichtlich mit nassen Händen nach hinten gekämmt worden. So ohne ihr maskenhaftes Make-up sah sie schon ein kleines bisschen sympathischer aus. Ihre auffallend hellblauen Augen kamen besser zur Geltung. Theresa konnte es nicht verstehen, wenn es Frauen nicht in den Sinn kam, dass weniger mehr war. Aber es ging sie schließlich nichts an, wenn Maria Ossola nicht wusste, was ihr stand. Und bestimmt hätte sie dazu auch eine ganz andere Meinung als Theresa, die alles Künstliche schrecklich fand. Silikontitten waren in dieser Hinsicht der Gipfel der Abartigkeit. Aber Willis Großnichte sah zumindest nicht so aus, als ob sie das für nötig befunden hätte – so viel verriet ein fachkundiger Blick auf die weiße Bluse und das, was sie bedeckte. Sah vollkommen normal und echt aus. Immerhin.

»Ich kann noch kurz mit dem Gästezimmer helfen«, bot Theresa an, sogar für sie selbst etwas unerwartet. »Nicht länger als eine Stunde.« Hatte sie etwa ein Helfersyndrom entwickelt, oder was war mit ihr los?

»Wie? Sofort?« Maria Ossola sah sie verblüfft an und dann an ihrem rettungslos verknautschten Outfit hinunter. Wahrscheinlich wollte sie es erst mal wieder in Form bügeln. Das hatte natürlich Priorität, dachte Theresa sarkastisch bei sich. Und bestimmt hatte sie nur Kleider im gleichen Stil dabei, nichts Praktisches, in dem man arbeiten konnte.

Schnell zog sie den Vorschlag wieder zurück: »Dann eben nicht. War nur ein Angebot.«

Willi lachte rasselnd. »So ist Resi. Eine Frau der Tat. Die kann was wegschaffen. Das würde ich mir nicht entgehen lassen, Maia.«

»Ja! Ja, natürlich. Ich zieh mir nur schnell was anderes an.« Die Großnichte hetzte aus dem Zimmer. Komische Person. Und jetzt würde Theresa weitere sechzig Minuten mit ihr aushalten müssen. Na ja, zumindest konnte man beim Arbeiten nicht sehr viel reden.

Theresa stellte Willi ein Glas Wasser hin. »Austrinken«, befahl sie ihm mit einem Zwinkern.

Er warf ihr einen aufmüpfigen Blick zu, nahm aber brav das Glas und trank es in großen Schlucken leer. Dehydrierung war ein Teil seines Problems gewesen, das hatte Theresa in diversen Internetratgebern nachgelesen. Willi hatte vollkommen vergessen zu trinken. Sie würde dieser Maria Ossola sagen müssen, dass sie darauf achten sollte. Nur um Willis Gesundheit willen selbstverständlich. Damit wäre ihre Hilfestellung aber dann wirklich beendet.

Teil 07

»Das nennen Sie stinken? Sie hätten mal vor zwei Wochen reingehen sollen.« Theresa musste fast feixen. Das würde lustig werden, wenn diese Frau versuchen würde, mit Willi zurechtzukommen. Einem Willi, der immer mal wieder vergaß, aufs Klo zu gehen. Es war besser geworden, seit sie ihn jeden Tag dazu brachte, etwas zu essen und ausreichend zu trinken, seither war er wieder klarer im Kopf; aber er hatte seine Aussetzer. Und Theresa war keine Altenpflegerin. Mehr als das Nötigste hatte sie nicht geschafft. Sie hatte ihn aufgefordert, sich zu waschen, bezweifelte aber, dass er mehr als das Gesicht gemacht hatte. Deshalb hatte sie ja die Nichte angerufen. Da mussten Profis ran. Maria Ossola sah hingegen nicht so aus, als ob sie jemals in ihrem Leben auch nur ein Katzenklo geputzt hätte – geschweige denn dazu in der Lage war, einen alten Mann zu pflegen. Armer Willi. Das würde was werden.

Maria Ossola betrachtete sich im Außenspiegel ihres Autos und zupfte an ihren Haaren herum. Die schlimmsten Schminkereste hatte sie mit einem Tempo entfernt. Das musste Theresa wirklich nicht mit ansehen. Sie hatte heute noch einiges zu tun. Ohne ein weiteres Wort ließ sie die andere stehen und ging ins Haus. Sie würde Willi wecken und ihm Frühstück machen. Dann würde sie ihn wohl oder übel seiner Großnichte überlassen. Es sei denn, Willi duldete diese Maria Ossola nicht im Haus. In diesem Fall würde sie sie hochkant rauswerfen – und es wäre ihr ein ausgesprochenes Vergnügen, das zu tun. Wie es mit Willi weitergehen sollte, würde sie danach angehen.


Diese Frau war die Grobheit in Person. So etwas Ungehobeltes war Maia noch nie begegnet. Sie versuchte es wirklich, war nett, freundlich, offen. Doch an der steinernen Fassade prallte alles ab. Vielleicht würde sie andere Saiten aufziehen müssen, aber eigentlich war ihr das zu anstrengend, und sie fand es auch unangemessen. Sie stand wirklich in der Schuld von dieser Theresa Späth, dachte Maia zerknirscht, während sie sich beeilte, ihr ins Haus zu folgen. Nicht nur hatte die Frau ihr bei der Reifenpanne aus der Patsche geholfen, jetzt stellte sich auch noch heraus, dass sie schon seit Wochen Willi versorgte. Aber sie machte es einem wahrlich nicht leicht, Dankbarkeit zu zeigen. Wahrscheinlich war sie recht einfach gestrickt und hatte den gepflegten Umgang mit Menschen nie richtig gelernt. Hier draußen am Arsch der Welt kein Wunder. Gab es hier überhaupt schon anständige Internetverbindungen? Wenn man so abgeschieden lebte, konnte man ja nur verrohen. Ihr eigener Großonkel war schließlich auch so ein komischer Kauz. Ein liebenswerter Kauz. Aber mit dem Großteil der Menschheit eben nicht kompatibel.

Wieder brachte der Geruch im Hausflur Maia zum Naserümpfen. Theresa, die man nicht Resi nennen durfte, schien das gar nichts auszumachen. Sie war bereits die Treppe hinaufgegangen und klopfte unbeeindruckt an Willis Schlafzimmertür. Maia hetzte hinterher und kam gerade rechtzeitig, als Willis Nachbarin ihn in seinem Bett begrüßte. Er schien putzmunter zu sein und hatte sie wohl schon erwartet, denn er hatte sein Gebiss bereits eingesetzt.

»Morgen, Resi.«

»Morgen, Willi.«

Das war alles, was die beiden an Worten miteinander wechselten. Mehr schien nicht nötig zu sein. Maia kam sich wie ein Eindringling vor. Willi hatte sie noch gar nicht bemerkt. Sie war auch ganz froh, ihn einen Moment lang von der Tür aus betrachten zu können, denn sein Anblick war doch ein ziemlicher Schock. Er war abgemagert und so stark gealtert, dass er aussah wie hundertfünf. Seine ungehobelte Nachbarin half ihm, sich aufzusetzen. Er trug einen viel zu großen Jogginganzug, der ihm bestimmt einmal gepasst hatte.

Es tat weh, ihren Großonkel so zu sehen. Sie hatte sich zwar mental auf das Schlimmste eingestellt, aber es dann wirklich vor Augen zu haben, war etwas ganz anderes.

Doch Lamentieren half nicht, sie musste sich der Sache stellen. Maia zwang sich, ebenfalls das Schlafzimmer zu betreten, und wünschte sofort, sie hätte es nicht getan. Sie würgte unfein – sie konnte es nicht unterdrücken. Hastig lief sie zum offenen Fenster und nahm ein paar kräftige Atemzüge frischer Luft. Dann erst war sie in der Lage, Willi zu begrüßen. Sie musste dafür aber im Luftzug stehen bleiben.

»Du stinkst«, sagte sie zu ihrem Großonkel. Theresa Späth drehte sich wie der Blitz zu ihr um und warf ihr einen drohenden Blick zu.

»Und du hast auch schon mal besser ausgesehen«, kam die lachende Antwort. Willi hörte sich schwächlich an, aber ansonsten schien er ganz der Alte zu sein. Das war schon mal beruhigend.

»Tja, da sind wir beide gerade nicht in bester Verfassung.« Maia wusste, dass ihre Mutter ihm am Telefon von dem Burnout erzählt hatte, als sie ihren Besuch ankündigte. »Das passt mal wieder perfekt, findest du nicht?« Willi würde wissen, was sie damit meinte. Nämlich die Zeit in ihrer Jugend, als Willi im größten Clinch mit der restlichen Verwandtschaft gelegen hatte, allen voran Tante Edeltraut, und Maia eine schwere Teenager-Krise durchgemacht hatte, weil sie ihre Gefühle für andere Mädchen nicht einsortieren konnte. Da hatte sie im Sommer die ganzen sechs Wochen der Sommerferien bei ihm verbracht und war erst vier Wochen später in die Schule gegangen. Ihre Mutter hatte ihr ein Attest besorgt. Das war ihre schönste und wichtigste Zeit mit Willi gewesen. Obwohl sie mit keinem Wort über ihre jeweiligen Sorgen gesprochen hatten. Es hatte gereicht, dass sie sich gegenseitig mit ihren Macken und Schrullen akzeptierten. Eine ungewöhnliche Kombination, sie beide. Der alte Zausel und das verkopfte Mädchen.

»Maia«, sagte Willi mit Tränen in den Augen und blinzelte sie an. Er hatte noch nie geweint, wenn sie dabei war. Maia merkte, dass es ihm unangenehm war, sich so bedürftig zu zeigen. Sie tat das einzig Richtige.

»Fang jetzt bloß nicht an zu heulen«, blaffte sie ihn an und grinste.

Und tatsächlich: Wieder lachte ihr Großonkel krächzend auf. »Das sind Freudentränen. Brauchst dir nichts einzubilden. Sie sind für Resi. Ich heule jeden Tag vor Glück, wenn ich sie sehe.« Er wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.

Die Nachbarin stand daneben und betrachtete die Szene mit einem merkwürdigen Ausdruck. Das erste Mal hatte Maia das Gefühl, wirklich angesehen und nicht nur mit einem vorbeischweifenden Blick negativ bewertet und ad acta gelegt zu werden.

Teil 06

Maia wäre am liebsten schreiend davongelaufen. Sie merkte, wie sich wieder ein hysterisches Lachen seinen Weg nach draußen bahnen wollte, und begann zu zählen.

Bei 37 angekommen schaffte sie es, ganz ruhig kehrtzumachen, ohne auszurasten. Hier konnte sie nicht schlafen. Auf gar keinen Fall. Bevor sie dem Zimmer nicht mit den giftigsten Putzmitteln, die sie finden konnte, zu Leibe gerückt war, würde sie dort nie im Leben ihr Lager aufschlagen.

Sie eilte durch den stinkenden Hausflur zurück zu ihrem Auto. Dann würde sie eben auf der Rückbank schlafen. Eine andere Möglichkeit blieb ihr wohl nicht, wenn sie Willi nicht wecken wollte. Es war Sommer, und sie hatte eine Decke im Kofferraum – das würde schon gehen. Sie hatte das zwar noch nie gemacht, aber so schlimm konnte es ja nicht sein. Einen Augenblick überlegte sie, sich umzuziehen; sie trug ihren legersten Anzug, aber zum Schlafen war das trotzdem nicht gerade ideal. Dann erschien es ihr zu viel Aufwand.

Mit der Autodecke rollte sie sich auf der Rückbank zusammen und versuchte, sich nicht schrecklich einsam zu fühlen. Und wie die größte Loserin auf der ganzen Welt. Oder wie eine Frau, die mächtig eine Schraube locker hatte. Sie begann wieder zu zählen. Bei 1356 gab sie es auf.

Nach vielem Hin- und Hergewälze musste sie schließlich doch eingeschlafen sein, denn das Geräusch einer zuschlagenden Autotür weckte sie unsanft.


Der Wagen auf dem Hof kam Theresa bekannt vor. Er sah so aus wie der Pannenwagen von gestern Abend. Und richtig, der rechte Vorderreifen war eindeutig ein Ersatzrad.

Was zum Teufel . . .?

Ein Kopf erschien im Fenster der hinteren Tür. Ein blonder, reichlich verwuschelter Kopf. Der definitiv ihrer gestrigen Nemesis gehörte. Was soll das? Was will die hier?

Die Autotür öffnete sich, während Theresa noch mit einem verärgerten Blick dastand und sich auf alles gefasst machte, und die Frau quälte sich aus dem Auto. Allem Anschein nach hatte sie dort genächtigt. Von der Perfektion ihres Stylings war nichts mehr übrig. Ihr Anzug, der sich gestern noch so vollendet an ihren Körper geschmiegt hatte, war unrettbar zerknittert und sah verzogen aus. Ihre teure Frisur war komplett aufgelöst und hatte sich in eine Art verknoteten Wischmopp umgestaltet, der an einer Seite unschön eingedellt war. Ihr Frau-von-Welt-Make-up war zu einer Waschbärenmaske geworden. Theresa nahm all das mit Häme wahr. Eigentlich hätte es ihr egal sein sollen, aber der Anblick verschaffte ihr eine gewisse Genugtuung. Vielleicht auch nur, weil sie noch immer ein schlechtes, beschmutztes Gefühl wegen der fünfzig Euro hatte.

Als die Frau sich endlich berappelt hatte, schaute sie Theresa so ungläubig an, dass es schon fast komisch war. Theresa holte Luft. »Was machen Sie hier?«, fragten sie beide gleichzeitig.

Die andere lachte darüber. Theresa verzog keine Miene. Sie war misstrauisch. Wie sie fand, zu Recht. Willi war momentan nicht in der Lage, sich gegen irgendwelche dubiosen Geschäftemacher zur Wehr zu setzen, und Theresa wusste, dass manche Banden sich gezielt alte Leute für ihre Abzocke aussuchten. Vielleicht hatte die Frau im Businessanzug es ja auf Willis Grund und Boden abgesehen. Sonst war bei ihm nichts zu holen, Willi war arm wie eine Kirchenmaus.

In bestimmtem Ton sagte Theresa: »Sie zuerst.«

»Na schön«, seufzte die derangierte Blonde. »Obwohl ich eigentlich viel mehr das Recht hätte, Sie das zu fragen. Ich bin Willi Häfners Großnichte. Maria Ossola. Ich bin gekommen, weil eine Nachbarin sich bei unserer Familie gemeldet hat. Es geht ihm wohl nicht so gut.«

Theresa musterte sie und ließ das Gesagte auf sich wirken. Sie wusste nichts von einer Großnichte. Aber das musste nichts heißen. Willi redete so gut wie nie über seine ungeliebte Verwandtschaft. Sie wusste nur von der Nichte, die er als akzeptabel einstufte. Dann wäre das hier vermutlich die Tochter der akzeptablen Nichte.

»Nicht so gut ist eine Untertreibung«, ging sie nach einigen Sekunden unangenehmen Schweigens auf das ein, was Maria Ossola gesagt hatte. »Eigentlich hätte ich ihn ins Krankenhaus bringen lassen sollen. Nur weil ich weiß, wie sehr er das hassen würde, und weil es ihm schon wieder etwas besserging, habe ich das nicht gemacht.« Sie ärgerte sich, weil ihre Erklärung so defensiv war und für ihre Verhältnisse ungewöhnlich ausführlich. Aber Tatsache war, dass sie ihr Vorgehen immer noch vor sich selbst rechtfertigen musste.

»Sie sind die Nachbarin?«, fragte die Großnichte ungläubig. Offensichtlich hatte sie das nicht erwartet.

»Ja«, gab Theresa knapp zur Antwort. Sollte die sich doch denken, was sie wollte. Aber dann gewannen ihre Manieren: »Theresa Späth. Willi nennt mich Resi.«

Jetzt wurde sie ihrerseits prüfend angeschaut. Was diese Prüfung ergab, konnte sie sich schon denken. Mit ihrem einfachen T-Shirt und einem ausgewaschenen Paar Jeans war sie nicht gerade einem Modemagazin entsprungen. Und diese Maria Ossola wirkte, als ob das für sie das wichtigste Kriterium für Menschen überhaupt war: wie sie angezogen waren. Kleider machen Leute – das hatte Theresa schon immer gehasst. Ein Grund, warum sie sich in ihrer Einsiedelei so wohl fühlte. Ihren Schafen und Bienen war es egal, wie sie rumlief, da musste sie nicht repräsentieren. Maria Ossola hatte sie offenbar innerhalb von Sekunden als rückständiges Landei abgestempelt. Wenn die wüsste, wie wenig das stimmte. Zumindest früher einmal . . . jetzt war so ein bisschen was dran.

Der nächste Satz von Frau Ossola zeigte, dass sie mit ihrer Einschätzung genau richtig lag. Die Herablassung troff aus jedem Wort: »Schön, Resi. Dann gehen wir doch zusammen zu ihm rein.« Ihr Lächeln war für Theresas Empfinden durch und durch aufgesetzt.

Was die sich einbildete! Theresas Kiefer verkrampfte sich, als sie mit den Backenzähnen einen Schraubstock imitierte. »Ich habe nicht gesagt, dass Sie mich Resi nennen dürfen«, quetschte sie dazwischen hervor. »Und warum haben Sie im Auto übernachtet, wenn Sie zur Verwandtschaft gehören?« Die Geschichte dieser Maria Ossola überzeugte sie bisher noch nicht. Außerdem nannte niemand außer Willi sie Resi. Im Dorf hatten es ein paar Leute versucht, aber das hatte sie ihnen schnell wieder ausgetrieben. Wäre noch schöner, wenn sie das dieser angeblichen Großnichte durchgehen ließe, einer Frau, die sie schon gestern Abend wie eine Untergebene behandelt hatte.

Maria Ossola versuchte ihre Haare zu ordnen, während sie antwortete: »Haben Sie mal einen Blick ins Gästezimmer geworfen? Das ist widerlich. Überhaupt, warum stinkt es im Haus so?«

Teil 05

Aber die Frau streckte ihr einen Geldschein hin. Fünfzig Euro, wenn sie das richtig gesehen hatte in der Dunkelheit.

»Ich möchte mich erkenntlich zeigen. Für die Reinigung Ihrer Kleider, für Ihre Mühen, für ein Essen – was auch immer.«

Damit hatte Theresa nicht gerechnet. Sie sah die Frau kritisch an und versuchte einzuschätzen, welche Reaktion jetzt angemessen war. Der Kontrast zwischen ihnen hätte nicht größer sein können: Sie selbst in ihrer jetzt ganz und gar versauten Jeans und vermutlich insgesamt dreckig von Kopf bis Fuß nach einem langen Arbeitstag – die andere wie aus dem Ei gepellt in ihrem schicken Anzug, einer weißen Bluse und fünfzig Meter gegen den Wind nach einem ganzen Arsenal Kosmetika riechend. Sollte sie das Geld als Beleidigung auffassen? Was dachte die denn, wer sie war? Die Königin von Saba? Und Theresa eine Lumpensammlerin von der Müllkippe?

»Bitte«, insistierte die Businessfrau. »Ich bestehe darauf. Ohne Sie wäre ich hier draußen aufgeschmissen gewesen.«

Wenn die das weiterhin als Dienstleistung sehen wollte, dann ließ Theresa sich eben für den geleisteten Service bezahlen. »Stimmt«, grummelte sie, nahm den Geldschein an sich und stieg in ihr Auto.

Eigentlich sollte sie ja noch warten, bis die andere ebenfalls in ihrem Auto saß und losfuhr. Eine Frau im Dunkeln mitten in der Pampa allein stehenzulassen, war überhaupt nicht ihre Art und ging gegen alle ihre ethischen Grundsätze. Aber heute musste sie eine Ausnahme machen. Ihre Geduld mit der Person war einfach am Ende. Sie hatte ihr den Reifen gewechselt, das musste reichen. Die fünfzig Euro brannten ein Loch in ihre Tasche, so unangenehm war es ihr schon beim Losfahren, dass sie das Geld tatsächlich akzeptiert hatte. Unter Einsatz aller Logik strickte sie an einer Rechtfertigung, während sie ihren Jeep auf die kurvige kleine Straße zurücklenkte: Sie konnte das Geld gut gebrauchen, schließlich war sie so gut wie immer knapp bei Kasse. Fünfzig Euro, das war der Verkaufswert eines jungen Bienenvolk-Ablegers, und so viel hatte sie jetzt einfach durch den Reifenwechsel verdient. Und die Frau hatte eh viel Geld auf dem Konto, das konnte selbst jemand so Weltabgewandtes wie Theresa sehen – für die waren fünfzig Euro gar nichts. Trotzdem wünschte sie sich jetzt fast, den Schein nicht genommen zu haben. Sie kam sich dadurch billig vor. Gekauft eben. Ihre selbstverständliche Hilfeleistung wurde dadurch zu einem Geldgeschäft, in dem sie die inferiore Handlangerin war. Was für ein Abschluss eines großartigen Tages!

Sie würde jetzt als Erstes zu Hause ein oder zwei Bier bei den Schafen auf der Weide trinken und dabei in den Sternenhimmel schauen. Das wäre die nötige Versöhnung mit ihrer Umwelt, die sie jetzt brauchte.

Im Rückspiegel sah sie noch, wie das Weibchen im Businessanzug vollauf damit beschäftigt war, ihr Gepäck wieder zu verstauen, und dabei reichlich gestresst wirkte. Dann verlor sie sich in der Dunkelheit. Auf Nimmerwiedersehen.


Viel zu spät am Abend stand Maia endlich vor dem Bauernhäuschen, das sie aus ihrer Kindheit so gut kannte. Fast war es wie ein zweites Zuhause gewesen. Jetzt sah es düster und heruntergekommen aus, wie es da in vollkommener Dunkelheit lag. Hoffentlich würde sie Willi nicht zu Tode erschrecken, wenn sie abends um elf das Haus betrat. Aber es war nicht zu ändern. Die Reifenpanne hatte sie mindestens eine Stunde gekostet.

Mit ihrer Reisetasche beladen machte sie sich auf den Weg von dem mit Unkraut zugewucherten Stellplatz zur Haustür. Den Rest ihres Gepäcks würde sie morgen früh reintragen. Für die erste Nacht reichte das Notwendigste.

Die Haustür war wie immer nicht abgeschlossen. Darauf hatte sie gesetzt. Sonst hätte sie Willi jetzt aus dem Bett klingeln müs-sen. Hatte er überhaupt so etwas wie eine Klingel? Sie konnte sich nicht erinnern.

Maia trat in den bäuerlichen Flur, von dem aus der Keller, die Werkstatt und der vordere Teil des Stalls abgingen und auch die Treppe zur Wohnung im Obergeschoss. Hier hatte es schon immer nach einer bunten, erdigen Mischung gerochen – nach Most, den Willi selbst machte und der im Keller lagerte, nach Schmierfett aus der Werkstatt, nach Tierfutter. Aber das heute war nicht der Duft ihrer Kindheit. Es war ein widerlicher Gestank, der ihr da im Hausflur entgegenschlug. Grauslich. Was gammelte da im Keller nur vor sich hin?

Sie knipste mit dem alten Bakelitschalter das Licht an und beeilte sich, die Treppe hochzukommen. Aber der Gestank ließ nicht nach. Maia flüchtete sich in die dunkle Küche. Hier war es etwas besser, das Fenster war sperrangelweit offen, das half. Sie schaltete auch hier das Licht an. Alles war hier drin wie immer – so wie sie es von unzähligen Besuchen kannte. Direkt gegenüber der Tür war das zweiflüglige Fenster, links davon die Spüle, die Tür zum Badezimmer und der alte Herd, den man anfeuern musste. Unter dem Fenster stand noch immer der alte Holztisch mit den passenden vier Stühlen. Der hässliche Küchenschrank aus weißem Resopal war natürlich auch noch da und sah noch abgeschabter aus als früher.

Die Erschöpfung überkam Maia schlagartig. Sie war einfach zu nichts mehr imstande seit ihrem Zusammenbruch. Allein die Fahrt hierher und die Panne reichten schon aus, ihr Energiedepot vollkommen zu leeren. Aber was sie erstaunte, war die Tatsache, dass sie seit der Reifenpanne einen vollkommen klaren Kopf hatte. Und die Panne hatte sie auch ohne Herzrasen überstanden.

Vielleicht war es gar keine so schlechte Idee gewesen, ihre Auszeit zu nutzen, um sich um Großonkel Willi zu kümmern. Ablenkung schien gut zu funktionieren. Jetzt musste sie nur noch ihr altes Zimmerchen beziehen, und morgen konnte sie dann hoffentlich alles Notwendige in Angriff nehmen.

Mit zugehaltener Nase ging sie das kurze Stück über den Flur zu der groben Brettertür, die mehr danach aussah, als ob sie zu einer Rumpelkammer gehörte, und betrat das kleine Zimmer, das sie jede Ferien bewohnt hatte. Der Kippschalter klappte mit einem lauten Klick herum – und Maia hätte fast losgeheult.

Alles war überzogen mit Spinnweben und Staub, in den Ecken lag noch anderer verdächtiger Dreck. Mäuseköttel? Oder gar Nester? Das Zimmer machte den Eindruck, als sei es seit damals nicht mehr betreten worden. Die in ihrer Kindheit schon ziemlich wackeligen und zusammengewürfelten Pressspanmöbel sahen endgültig nach Sperrmüll aus. Das Bettzeug konnte man vermutlich nur noch mit Gummihandschuhen anfassen – wer wusste, was da drin wohnte.

Teil 04

Aber die Frau ging mit einem abfälligen Grunzen an ihr vorbei und stülpte das Rohr über eines der Enden am kreuzförmigen Werkzeug. Sie fing an, am Rohrende zu drücken, dass ihr die Muskeln an den Oberarmen anschwollen. So viel war Maia klar, dass sie jetzt einen längeren Hebel hatte und damit mehr Kraft auf die festsitzenden Schrauben ausüben konnte. Kurz war sie von der Cleverness der anderen beeindruckt. Bis die Frau wieder anfing zu fluchen.

»Verdammte Bullenscheiße.«

Ihr Vokabular sprach nicht gerade für gute Manieren und gepflegten Umgang. Was für ein derber, roher Klotz diese Frau doch war. Aber Maia musste dankbar sein, dass sie gehalten hatte und ihr half. Auch wenn es nicht so aussah, als ob das mit dem Reifenwechsel etwas werden würde.

Die Frau steckte das Rohr noch einmal in ein anderes Ende des Radkreuzes ein, so dass es tiefer und parallel über dem Boden lag. Maia beobachtete verwundert, wie sie mit ihren derben Arbeitsstiefeln schwungvoll auf das Rohrende sprang. Mit einem ohrenbetäubenden, quietschenden Geräusch gab die Schraube unter ihrem Gewicht nach.

»Na also«, brummte ihre Helferin zufrieden und machte sich daran, den anderen vier Schrauben genauso zu Leibe zu rücken. Mit einer gewissen Faszination sah Maia ihr dabei zu. Ungläubigkeit paarte sich mit Bewunderung. Die andere war inzwischen an Händen und Kleidung ziemlich mit schwarzer Schmiere versaut. Sogar im Gesicht hatte sie einen Streifen.

Sie müsste der Frau Geld für ihre Mühen geben, beschloss Maia. Die Kleider würde die Landwirtin wahrscheinlich wegwerfen müssen. Maia verstand zwar nicht ganz, warum sie sie nicht zum nächsten Telefon oder der nächsten Werkstatt gebracht hatte oder auch einfach nur zum nächsten Taxi, aber vielleicht war das so eine Art Ehrenkodex auf dem Land. Oder – die Erkenntnis kam unvermittelt und löste ein beklemmendes Gefühl aus – vielleicht war das hier draußen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, am späten Abend auch gar nicht so einfach.

Eigentlich hatte sie viel früher in Frankfurt wegkommen wollen. Sie hatte sich verschätzt, wie lange die Fahrt hierher in den abgelegensten Winkel des Odenwalds dauerte. Schließlich war sie schon Jahre nicht mehr hier gewesen. Genauer gesagt waren es exakt elf Jahre, seit sie Willi zuletzt besucht hatte. Zu seinem Siebzigsten. Deshalb plagte sie schon die ganze Zeit das schlechte Gewissen – seit sie krankgeschrieben war und Zeit hatte, über so einiges nachzudenken. Und umso mehr, seit sie von ihrer Mutter erfahren hatte, dass es ihm nicht gutging.

Willi war nicht wirklich ihr Großonkel. Sie waren weitläufiger verwandt. Ihre Mutter war seine Cousine zweiten Grades – oder irgend so was. Trotzdem war sie als Kind häufig bei ihm gewesen. Er hatte sich nicht daran gestört, dass sie ihre Nase die ganze Zeit in Büchern gehabt hatte. Es war ihm sogar recht gewesen, dass sie wenig redeten. Plappernde Kinder hatte er nicht leiden können, und Maia war das genaue Gegenteil gewesen. Der Rest der Welt fand die kleine Maia zu introvertiert. »Verstockt«, hatte ihre verhasste Tante Edeltraut immer gesagt. Aber Großonkel Willi war damals ihr Verbündeter gewesen.

Jetzt war sie die Abgesandte der Familie. Niemand anderes durfte ins Haus, der Rest der spärlichen Verwandtschaft hatte noch immer Besuchsverbot. Bisher hatte ihn eine Nachbarin mehr schlecht als recht versorgt. Wahrscheinlich irgendeine ältliche Witwe, die sich Hoffnungen auf eine Heirat mit Onkel Willi gemacht hatte. Die arme Frau konnte ihre Träume begraben: So wie Maia es verstanden hatte, war Willi nicht mehr der Alte. Sie würde sein Haus so weit auf Vordermann bringen, dass der Pflegedienst es betreten konnte. Und dann müsste man mal sehen. Vielleicht müsste sie auch ein Heim suchen. Das würde natürlich das Erbe schmälern, und wenn sie ihre Tante Edeltraut richtig verstanden hatte, sollte sie das um jeden Preis vermeiden. Aber ihre Tante konnte sie mal. Maia würde das machen, was für Willi am besten war. Wie praktisch, dass ich gerade jetzt Burnout gekriegt habe, dachte sie sarkastisch.

Ihre miesepetrige Retterin hatte inzwischen alle Schrauben gelöst und brachte das Ersatzrad in Position. Tatsächlich ging es jetzt ganz fix. Zügig drehte die Frau die Schrauben wieder hinein und zog sie an. Dann rollte sie den Reifen mit dem Platten um Maia herum und wuchtete ihn in den Kofferraum. Gott, musste die Muskeln haben, so leicht, wie das bei ihr aussah. Wahrscheinlich sah sie unter ihrer Kleidung aus wie eine russische Diskurswerferin der siebziger Jahre. Maia mochte Frauen lieber feminin. Obwohl sie wusste, dass viele Lesben auf durchtrainierte Körper standen und auch viele ihrer Bekannten bei den Nacktfotos von Abby Wambach glasige Augen bekamen. Die amerikanische Fußballerin hatte sich in Kämpferinnenpose ablichten lassen, jeder wohldefinierte Muskel zeichnete sich ab, und Maia war bei dem Anblick das Wort Kriegsgöttin in den Sinn gekommen. Ästhetisch, zweifellos, aber nicht ihr Beuteschema.

Die Frau, die sich gerade die Schmiere von den Händen wischte, war jedoch sowieso mit Sicherheit eine Hetera. Hier auf dem Land gab es bestimmt gar keine Lesben. Außerdem brauchte die Lesbenwelt keinen so ungehobelten Klotz in ihren Reihen. Es gab schon genügend Vorurteile. Da musste so eine sie nicht auch noch bestätigen.

Maia zog schnell einen Fünfziger aus ihrer Geldbörse. Die Frau hatte sich schon ohne ein weiteres Wort zu ihrem Auto gewandt und wollte sie offensichtlich nach getaner Arbeit einfach stehenlassen.


»Warten Sie«, rief es hinter ihr.

Theresa wischte sich die Hände mehr schlecht als recht an einem alten Lappen ab und rollte die Augen. Was war denn nun noch? Sollte sie der anderen auch noch das Gepäck wieder einräumen, war Madame sich auch dazu zu schade? Nicht genug, dass sie die ganze Zeit glotzend danebengestanden hatte, während Theresa sich an den blöden Radmuttern fast einen Bruch geholt hätte. Sie hatte auch nicht ein einziges Mal gefragt, ob sie mit irgendwas zur Hand gehen konnte, und sei es nur irgendetwas halten oder reichen. Wie eine Bedienstete hatte sie Theresa behandelt. Als ob sie in der Werkstatt einen Service durchführen ließe.

Die Schmiere wollte einfach nicht abgehen, und Theresa gab den Versuch auf, ihre Hände einigermaßen sauber zu kriegen. Sie würde daheim mit einer Spezialpaste ans Werk gehen müssen. Wortlos drehte sie sich um, warf den Lappen in den Kofferraum und wartete, was kommen würde. Sie würde es ihrem Gegenüber nicht leicht machen. Wenn sie mit dem Gepäck anfinge, würde sie ihr die Meinung geigen.

Teil 03

»Was ist das Problem?«, fragte sie ziemlich barsch. Diese Aktion hier musste jetzt wirklich nicht sein. Hoffentlich ließ sich das Ganze in fünf Minuten über die Bühne bringen. Sie war erledigt und auch ein bisschen in Missstimmung, nachdem sie hatte feststellen müssen, dass eines ihrer besten Völker geschwärmt war. Eine hervorragende Königin war ihr damit abhanden gekommen, und sie hatte den Schwarm trotz intensiver Suche nirgends gefunden. Sie hatte sich über sich selbst geärgert. Denn hätte sie das Volk in letzter Zeit besser kontrolliert, hätte sie die Schwarmstimmung bemerken müssen. Aber die letzten Wochen waren anstrengend gewesen. Jeden Tag zweimal zu Willi rüber, ihm Essen bringen, ihn je nach Stimmungslage zum Anziehen frischer Kleider animieren, die gröbste Schweinerei in seinem Häuschen wegräumen . . . Und es war gerade Hochsaison in der Imkerei. Ihre hundert Völker hielten sie auf Trab. Aber geschwärmt war ihr schon seit langem kein Volk mehr, Zeitsorgen hin oder her.

Die Frau neben dem schicken, dunkel glänzenden Wagen sah ihr mit großen Augen entgegen. »Oh mein Gott«, stieß sie atemlos hervor, »bin ich froh, dass Sie angehalten haben. Ich habe einen Platten, und mein Handy schafft es nicht, zum Pannendienst durchzukommen. Haben Sie ein Handy dabei? Oder können Sie mich zur nächsten Werkstatt bringen?«

Theresa hätte fast losgelacht, so viel Unsinn war in diese paar Sätze gepackt. Aber was sollte man auch von so einer erwarten. Businessanzug, hochhackige Schuhe, kein Haar in Unordnung. Die Frau sah aus, als hätte sie in ihrem ganzen Leben noch nie an irgendwas Hand anlegen müssen, weil immer irgendjemand da war, der das machte. Wahrscheinlich hätte sie es lieber gehabt, dass ein Mann angehalten hätte. Der wäre auf das Hilflose-Frauchen-Schema mit Sicherheit ganz anders eingestiegen als Theresa. Sie war gegen so was hochgradig allergisch.

»Haben Sie ein Ersatzrad?«, fragte sie ungeduldig. Je schneller sie dieser Frau den Reifen gewechselt hätte, desto schneller wäre sie daheim und könnte endlich etwas essen. Ihr Magen knurrte, seit sie das ganze Gelände rund um ihren Bienenstand abgestiefelt war und alle Äste und Baumhöhlen nach ihrem Bienenschwarm abgesucht hatte. Und das war schon wieder Stunden her.

Mit einem irritierten Stirnrunzeln erklärte die Frau: »Ich habe keine Ahnung. Ich glaube nicht. Ich hab noch nie eines bemerkt.« Ihr war offensichtlich nicht klar, dass man einen Platten durchaus auch selbst beheben konnte. Solche hilflosen Pflänzchen lösten bei Theresa immer Unverständnis aus. Da kämpften Frauen nun schon so lange um ihre Gleichstellung, wollten emanzipiert sein und nicht als unterlegenes Geschlecht gelten, aber sobald es bei solchen Weibchen wie dieser hier um einen Glühbirnenwechsel ging, wurde nach einem Mann gerufen. Lächerlich und kontraproduktiv. So würden Frauen nie ernst genommen werden. Aber der anderen das jetzt zu erklären, würde sie nur Nerven kosten, und die Frau in den Pumps würde es vermutlich noch nicht einmal verstehen.

Theresa besah sich den Reifen vorn rechts. Tatsächlich, einfach nur platt. Dann trat sie zum Kofferraum. »Aufmachen okay?« Sie deutete auf den Kofferraumdeckel.

»Ja, aber da ist alles voll mit meinem Gepäck«, kam die zögerliche Antwort.

Theresa ignorierte das, öffnete den Kofferraum und fing an, die Taschen der Frau auf die Straße zu räumen.

Die protestierte: »Hey! Was machen Sie denn da?«

»Ersatzrad rausholen. Liegt unter der Kofferraumabdeckung«, gab Theresa knapp Auskunft. Nerviger ging es wirklich nicht. Wenn diese feine Madame mithelfen würde, ginge alles doppelt so schnell, aber die stand nur rum und schaute ungläubig auf ihre Taschen und Koffer.

Nachdem sie endlich den Boden des Kofferraums freigelegt hatte, hob Theresa die Abdeckung an, unter der wie vermutet das typische dünne Ersatzrad zusammen mit dem Radkreuz und dem Wagenheber lag. Sie selbst hatte ja für ihren Jeep immer ein normales Rad zum Auswechseln dabei. Doch dass Madame mit dem Ersatzrad nur langsam weiterfahren konnte und bald eine Werkstatt aufsuchen musste, war nicht ihr Problem. Immerhin: Alles war in einem gepflegten Zustand. Offensichtlich hatte die Dame eine gute Werkstatt. Oder der Wagen war so neu, dass alles noch frisch aus der Montagehalle war.

Wie auch immer, der Reifen würde sich nicht von selbst montieren. Theresa wuchtete das Rad heraus und rollte es nach vorn. Reifenwechsel war eine absolut einfache Angelegenheit, man wurde nur saumäßig dreckig dabei. Sie seufzte. Was soll’s. Ein paar Flecke mehr oder weniger auf ihrer Arbeitsjeans waren jetzt auch vollends egal.


Maia beobachtete, wie ihre gute Samariterin sich mit aller Kraft in das kreuzförmige Werkzeug stemmte – wie auch immer dieses Teil hieß, mit dem man Schrauben am Auto öffnete – und sich zum wiederholten Male nichts tat. Die Frau hatte Kraft, das war deutlich zu sehen. Und sie schien das auch nicht zum ersten Mal zu machen. Trotzdem rührten sich die Schrauben kein Stück. Ihre Helferin fluchte vor sich hin. Irgendwas von wegen Idioten, Pressluft und sollte unter Strafe stehen. Maia hatte keine Ahnung, was sie damit meinte.

»Ihre Scheißwerkstatt hat die Muttern mit Pressluft angezogen. Die sitzen bombenfest«, stieß die Fremde schließlich ärgerlich hervor und stapfte zu ihrem eigenen Auto.

Ein paar Herzschläge lang befiel Maia Panik. Wollte diese Frau sie jetzt etwa hier zurücklassen? Sie kam sich so hilflos und dämlich vor. Die Frau war nicht gerade freundlich und zeigte offen, dass sie Maia für beschränkt hielt. Überhaupt war sie ein ganz und gar gefühllos wirkendes Exemplar ihrer Gattung. Ihr Gesicht sah im Licht der Autoscheinwerfer hart und vollkommen humorlos aus. Eine Meisterin der Kommunikation war sie auch nicht gerade. Bisher hatte sie keine fünf Sätze mit ihr gewechselt, obwohl sich Maia doch durchaus bemüht hatte, nachdem der erste Schock überwunden war. Waren die Frauen hier auf dem Land alle so wie ihre ungewollte abendliche Retterin? So abgearbeitet, so vorzeitig gealtert, so herb? Die Jeans und das T-Shirt machten den Eindruck, als würde sie jeden Tag darin arbeiten. Landwirtschaft vermutlich. Kurze, dunkle Haare – war wohl praktisch so. Zumindest sah die Frisur nicht nach mehr aus.

Maia beobachtete, wie die grobe Landwirtin in ihrem dreckigen alten Geländewagen herumwühlte und Sachen beiseiteräumte, deren Verwendungszweck ihr ein Rätsel war. Holzkisten, merkwürdige Werkzeuge, dann zog sie ein metallenes Rohr hervor. Für einen Moment bekam Maia es erneut mit der Angst zu tun. Würde die Grobe damit jetzt auf sie losgehen? Aus Rache für die Pressluft?

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