Beiträge Ina Sembt: Zwischen Herz und Verstand

Teil 12

Glücklicherweise lächelte Eva. »Nein, aber in der Regel verletze ich nicht die Gefühle von Menschen, die mir etwas bedeuten.«

Ohne das Lächeln zu erwidern, entgegnete Solveig: »Woher willst du wissen, dass ich dir etwas bedeute? Wir haben uns nach einem Vierteljahrhundert wiedergetroffen und wissen nichts voneinander, rein gar nichts. Ich weiß noch nicht einmal, ob du eine Partnerin hast.«

»Nein«, sagte Eva leise, »habe ich nicht.« Sie hielt einen Augenblick inne, dann fuhr sie fort: »Ich habe Herzklopfen, wenn du in meiner Nähe bist. Und wenn du nicht in meiner Nähe bist, habe ich auch Herzklopfen, wenn ich an dich denke.« Es sah aus, als wolle sie noch mehr sagen, doch sie biss sich auf die Lippen und schwieg.

»Was könnte da helfen?«, fragte Solveig, froh, dass es nicht mehr um sie selbst und ihren Schmerz ging. Es war gut, dass Eva nun Bescheid wusste. Vielleicht war ihr Beisammensein dadurch nicht mehr so riskant. Bei Licht betrachtet wäre es wirklich schade, eine so einfühlsame und liebevolle Frau wie Eva fast gewaltsam aus ihrem Leben zu jagen.

Eva meinte: »Ein bisschen Bewegung. Was hältst du davon, wenn wir in eine Frauendisco gehen und ein bisschen abzappeln? Danach schlendern wir zum Hotel zurück, und ich liefere dich brav an deiner Zimmertür ab.«

»Einverstanden. Aber nicht so lange. Ich will morgen den Abschlussvortrag nicht verpassen.«

Plötzlich hatte Solveig richtig Lust zum Tanzen.

8

In der Disco herrschte offenbar 1980er-Nacht: Another Brick in the Wall von Pink Floyd, I Have a Dream von Abba, She’s in Love with You von Suzi Quatro erklangen. Die beiden Frauen waren sofort auf die Tanzfläche gestürmt. Mein Gott, ist das lange her, dachte Solveig. Ich kann fast alles mitsingen.

Als Krönung folgte irgendwann I’m Not In Love von 10cc. Das war in Weymouth »ihr« Lied gewesen, und zeittechnisch fiel es kaum aus dem Rahmen. Sofort versank Solveig wieder in Erinnerungen. Auch ihre letzte Nacht dort hatte in der Disco begonnen, und mit diesem Song hatte alles angefangen, das dann nicht zu Ende geführt worden war.

Als die vertrauten Klänge nun wieder zu hören waren, schien es, als seien sie für einen Moment wieder in den großen Gemeinschaftsraum der Sprachschule zurückversetzt worden. Genau wie damals zögerten sie kurz, doch als alle anderen Pärchen sich zu einem engen Blues zusammenfanden, schlangen auch sie die Arme umeinander und schlossen die Augen. Die Irritation hatte nur einen Wimpernschlag gedauert. Sowohl damals als auch heute.

Solveig hatte das Gefühl, es sei gestern erst passiert: Evas jugendlicher Körper, der eine unglaubliche Wärme ausgestrahlt hatte; Evas Hände auf ihrem Rücken, der sanfte Druck, mit dem sie darübergeglitten waren; ihre eigenen Hände, die über Evas Hals gestreichelt hatten; das leichte Zittern, das sie ergriff und das sie auch bei Eva gespürt hatte. Das Herzklopfen, als sie zum ersten Mal einen anderen Körper als den eigenen so berührte, und das erwachende Verlangen, mehr davon zu spüren, ihn ganz zu entdecken.

Ich möchte mit dir schlafen. Das hatte sie damals gedacht, in jenem Moment, in dem sie sich zum ersten Mal danach sehnte, mit einer anderen eins zu sein. Oder vielleicht nicht gedacht – es war eher ein vages Verstehen gewesen, das sie nicht gewagt hatte in Worte zu fassen. Geschweige denn in Evas Ohr zu flüstern. Es war bei den zwei Küssen geblieben, die sie später in der Nacht am Castle Cove ausgetauscht hatten. Und diese beiden Küsse waren heiß gewesen, so heiß, dass selbst die Erinnerung daran Solveig schier verbrannte. Wer weiß, was passiert wäre, wenn der Urlaub noch länger gedauert hätte. Oder wenn sie sich ihr Verlangen eingestanden und es ausgesprochen hätte.

Nun hast du ja bekommen, was du damals wolltest. Das sollte doch genügen, meldete sich Solveigs Verstand.

Ach, sei ruhig. Lass mich einfach tanzen, hören und fühlen.

Und dann konnte Solveig hören, wie Eva ganz leise mitsang. Der Text handelte davon, dass der Sänger nicht verliebt sei und es nur eine alberne Phase sei, die er durchmache. Und nur weil er sich gern mit seiner Freundin trifft, heiße das noch lange nicht, dass er in sie verliebt sei. Ihr Bild habe er auch nur an der Wand hängen, um damit einen Fleck zu verdecken. Sie solle also nicht so viel Bohei darum machen, wenn er sie anrufe, und bloß ihren Freunden nichts über sie beide erzählen. Er sei nicht in sie verliebt, nein, nein!

Plötzlich wurde Solveig klar, wie perfekt dieses Lied ihre Situation damals beschrieb. Obwohl sie so vertraut miteinander gewesen waren, über alle möglichen Themen gesprochen hatten, war ihnen niemals die Idee gekommen, dass sie ineinander verliebt gewesen sein könnten. Oder jedenfalls Solveig nicht. Es war ihr erst viel später klargeworden. Im Rückblick schien es fast, als hätten sie die ganze Zeit während der Ferien einfach nicht ineinander verliebt sein wollen: I’m not in love. Nein, ich bin nicht verliebt. Auf keinen Fall . . . und schon gar nicht in eine Frau!

Aber ein Foto von Eva hatte sie schon behalten – wie der Sprecher in dem Lied. Und damals, kurz nach den Ferien in Weymouth, hatte sie es oft hervorgeholt und den Abend am Strand wieder in ihren Gedanken aufsteigen lassen. Vor ihrem geistigen Auge hatten sie sich erneut geküsst, und allein diese Vorstellung ließ ihren Atem schneller gehen, jagte ihr eine Gänsehaut über den ganzen Körper und weckte ein heftiges Kribbeln in ihrer Magengegend. Manchmal war ihr das sogar in der Schule passiert, wenn sie unversehens an Eva dachte. Eine ihrer Klassenkameradinnen nannte diesen Zustand »Solveig ist wieder neben der Spur«.

Aber wirklich mit jemandem schlafen, nicht nur in ihrer Vorstellung – diesen Wunsch hatte sie lange Zeit nicht bewusst gespürt. Nach der Begegnung mit Eva und ihrem kurzen Ausflug in die Heterowelt vergingen mehr als sieben Jahre bis zu ihrem ersten Mal mit einer Frau. Zu diesem Zeitpunkt waren die Gedanken an Eva weit in den Tiefen ihrer Erinnerung verschwunden, sicher verstaut, zweifelsohne verdrängt.

Und jetzt spürte sie Evas Hände auf ihrem Rücken wie damals, genauso sanft, genauso heiß. Doch diesmal bewegten sie sich nicht, sondern brannten ihr an der Stelle, an der sie lagen, ein Oval aus Feuer in den Rücken.

Ob es Eva auch so geht wie mir? Ihr Herz klopfte schneller bei diesem Gedanken.

Lange nachdem das Lied beendet war, standen sie noch immer eng umschlungen beieinander. Ganz wie vor fünfundzwanzig Jahren waren sie in ihre eigene Welt, ihre eigene Zeit versunken. Erst als die Musik schon längst wieder schnell und fetzig geworden war, löste sich ihre Umarmung. Ihre Münder näherten sich einander und vereinigten sich zu einem zärtlichen Kuss, in dem Zungen miteinander spielten, zwischen den Mündern hin- und herglitten, Lippen sich voneinander lösten und sich wiederfanden, um sich am Ende endgültig voneinander zu entfernen.

Solveig kam gerade erst langsam wieder zu sich, als Eva ihre Hand nahm und sagte: »Lass uns gehen.«

Hand in Hand gingen sie zurück zum Hotel, jede in ihre eigenen Gedanken versunken.

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 11

Um dem zuvorzukommen, brachte Solveig ihr zweites Argument für ihre Ablehnung vor: »Und ich weiß doch auch gar nichts über dich. Bist du noch so wie vor fünfundzwanzig Jahren? Welche Ideale hast du? Woran glaubst du? Für was kämpfst du?« Sie zögerte einen winzigen Moment. »Hast du eine Beziehung?«

Eva gab keine Antwort. Sie sah Solveig nur schweigend an. Mit einem Mal stieg eine tiefe Traurigkeit in Solveig auf – sie verstand selbst nicht, warum. Wegen der verpassten Gelegenheit vor fünfundzwanzig Jahren? Wegen Petra und der Tatsache, dass es immer noch so wehtat? Wegen ihrer eigenen Unsicherheit? Eine Träne lief ihr über die Wange. Sie sah, wie Eva fragend die Stirn runzelte und sich dann Bestürzung in ihren Zügen malte.

»Es tut mir leid«, sagte Eva leise. »Ich wollte dich nicht . . . Ich habe nur so große Sehnsucht nach dir. Verstehst du?«

Solveig nickte, dann schüttelte sie den Kopf. »Du musst nicht denken, dass nicht auch Sehnsucht in mir wäre. Aber Petra ist noch so präsent. Ich kann noch nicht . . .« Die letzten Worte flüsterte sie nur noch. Weitere Tränen quollen ihr aus den Augen, ehe sie sie hinunterschlucken konnte.

Betroffen fragte Eva: »Was hat diese Frau dir angetan?«

»Sie hat mich wegen einer anderen verlassen an dem Tag, an dem wir uns verpartnern wollten«, sagte Solveig und unterdrückte ein Schluchzen.

Eva hob die Augenbrauen. Ihr Blick war voller Mitgefühl. Nach kurzem Zögern langte sie mit einer Hand über den Tisch und umfasste Solveigs Hand. Der warme, leichte Druck vermittelte Solveig Verständnis und Loyalität. Wie von selbst versiegten die Tränen.

»Es tut mir so leid«, sagte Eva. Ihr Tonfall war nachdrücklich, aber auch sehr liebevoll.

»Ist schon gut.«

»Wie lange ist es her?«

»Zwei Jahre.«

»So lange schon? Und es schmerzt dich noch immer so sehr?« Erneut hob Eva die Augenbrauen, diesmal sogar noch ein wenig höher.

»Es geht eigentlich seit einiger Zeit ganz gut«, erwiderte Solveig. Vielleicht war es am besten, Eva in dem Glauben zu lassen, dass sie ihre Tränen nur wegen Petra vergossen hatte. Und nicht auch wegen Eva, wegen ihrer verpassten Chance und der ganzen verworrenen Situation. Sie zog ihre Hand zurück, strich einmal sanft über Evas und nahm die Hand vom Tisch. Kurz blitzte Enttäuschung in Evas Augen auf.

»Das sieht aber nicht so aus«, kommentierte sie leise.

Solveig hob die Schultern. »Es ist nur, weil ich geglaubt habe, sie wäre die Liebe meines Lebens. Und ich hatte mich mit jeder Faser an sie gebunden. Darauf, dass sie sich plötzlich in jemand anderen verliebte, war ich einfach nicht gefasst. Sie wusste es schon eine Weile, hat mir aber die ganze Zeit über etwas vorgemacht. Das hat zusätzlich wehgetan. Ich war so glücklich gewesen mit Petra. Mit ihr hatte ich mir vorstellen können, gemeinsam alt zu werden. Als sie weg war, hatte ich das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen.«

»Das kann ich mir vorstellen. Aber trotzdem . . . was ist daran falsch, wenn du jetzt deinem Gefühl folgst?«, fragte Eva vorsichtig.

Solveig sah ihr ernst in die Augen. »Ich habe den Eindruck, ich bin noch nicht so weit. Es hat sich richtig angefühlt, dass wir miteinander geschlafen haben, nicht, dass du mich da falsch verstehst. Und ich wollte es unbedingt. Aber heute hatte ich den ganzen Tag über das Gefühl, dass du mir so fremd bist. Ich kenne dich doch eigentlich gar nicht. Wir sind gestern nur einem Impuls gefolgt – dem Impuls, das nachzuholen, was wir mit siebzehn versäumt haben. Wir hätten damals am Strand von Weymouth schon miteinander schlafen sollen, um diesem Gespenst keine Chance zu geben.«

»Das sehe ich nicht so«, erwiderte Eva. Sie hielt Solveigs Blick stand. »Ich finde nicht, dass unser Verlangen füreinander ein Gespenst ist. Ich habe jetzt den Wunsch, dich neu kennenzulernen. Neu mit dir zu erkunden, was wir uns heute noch zu sagen haben. Oder glaubst du von vornherein, wir haben uns gar nichts mehr zu sagen?« Beim letzten Satz verriet ihre Stimme ein leichtes Zittern.

»Ich weiß es nicht.« Solveig runzelte die Stirn. Zu einem ausführlicheren Kennenlernen sind wir ja noch nicht gekommen, dachte sie. Weil es riskant wäre. Gefährlich.

Sie schwiegen eine Weile. Solveig meinte zu spüren, dass sich die Distanz zwischen ihnen vergrößert hatte. Sie ahnte, dass Eva nach wie vor hoffte, sie von ihrer eigenen Sichtweise überzeugen zu können, aber ihr die Argumente ausgingen.

Schließlich sagte Eva nachdenklich: »Diese Frau hat dich vor zwei Jahren verlassen . . .«

Solveig nickte. »Ich habe Petra unendlich geliebt. Und ich dachte, sie mich auch – sonst hätten wir uns ja nicht verpartnern wollen. Die ersten Gäste waren schon vor dem Standesamt angekommen . . . Ich habe wochenlang geweint. Ich konnte es nicht glauben und nicht verstehen.« Erneut drang ein Schluchzen aus ihrer Kehle.

Dieses Mal stand Eva auf, ging um den Tisch herum, zog einen Stuhl heran und setzte sich neben Solveig, um beide Arme fest um sie zu legen. Eine wohltuende Wärme ging von ihr aus und löste die Anspannung in Solveig. Sie schmiegte sich in die Umarmung. Eva ist so liebevoll, dachte sie. In ihren Armen ist es so leicht, daran zu glauben, dass so etwas Schlimmes nie wieder passieren wird.

Doch nach einer Weile zog sie sich aus Evas Armen zurück, und Eva setzte sich wieder an ihren alten Platz. Mit gesenktem Kopf fuhr Solveig fort: »Das Ende der Beziehung hatte ich einfach nicht im Blick, es schien so unmöglich. Denn eigentlich sollte die Verpartnerung ja erst der Anfang sein. Ich hatte mich so auf sie eingelassen wie auf noch niemanden zuvor. Ich hatte alles auf unsere Zweisamkeit ausgerichtet. Deshalb war es nach der Trennung so schwer und hat so lange gedauert, wieder im Alltag klarzukommen.«

Als Solveig schwieg, ergänzte Eva: »Und nun hast du das Gefühl, noch nicht bereit zu sein für einen Neuanfang.«

Solveig hob den Blick wieder und sah sie an. Ihre einzige Antwort war ein kaum wahrnehmbares Nicken und ein kurzes Schließen der Augenlider.

»Ich werde dich nicht mehr bedrängen«, versprach Eva. »Es tut mir wirklich leid. Ich konnte doch nicht wissen, was in dir vorgeht. Und die Nacht . . . die ging ja auch von dir aus. Ich hatte das Gefühl, du wolltest es unter allen Umständen.«

»Ja, ich wollte es unter allen Umständen«, bestätigte Solveig mit fester Stimme und wagte ein Lächeln. »Mach dir bitte keine Vorwürfe. Es war ja auch nicht fair von mir, dir nicht zu sagen, was mit mir los ist, bevor wir es getan haben. Und ich konnte nicht wissen, dass für dich mehr dahintersteckt.«

»Das spielt keine Rolle. Ich hätte vielleicht sensibler sein können. Aber ich wollte dich so sehr.« Eva zog die Stirn in Falten. Solveig las Sehnsucht in ihrem Blick.

Sie versuchte einen lockereren Ton anzuschlagen: »Bist du etwa Hellseherin?« Auf keinen Fall wollte sie, dass Eva ein schlechtes Gewissen hatte. Aber vor allem wollte sie diesem verlangenden Blick nicht länger ausgesetzt sein.

Teil 10

»Ich aber nicht mit dir.« Das war zwar hart, aber hoffentlich deutlich genug.

Evas Lächeln entgleiste. »Bitte, Solveig. Da haben wir uns so lange nicht gesehen, haben eine wunderbare Nacht miteinander verbracht, und jetzt willst du einfach nichts mehr von mir wissen?«

»Alles, was ich wissen wollte, habe ich gestern Nacht erfahren.«

»Ach ja?« Jetzt klang Eva aufgebracht. »Du wolltest nur wissen, wie es im Bett mit mir ist? Das kann nicht dein Ernst sein.« Das Lächeln war verschwunden. In ihrem Blick lag Schmerz.

»Nein, so war das nicht gemeint«, lenkte Solveig mit sanfterer Stimme ein. Die Traurigkeit in Evas Augen schnitt ihr ins Herz. Sie wollte Eva nicht verletzen, aber jetzt musste sie zuallererst sich selbst schützen.

»Wie war es dann gemeint, Solveig? Sag es mir.« Eva zwang sich sichtlich dazu, ruhig zu klingen. Doch Solveig konnte ihrer Stimme anhören, dass sie innerlich aufgewühlt war – ebenso aufgewühlt wie sie selbst.

Sie seufzte. »Was sollen wir denn noch besprechen? Es war schön gestern Nacht, gut. Aber jetzt ist wieder jetzt, und in meinem Leben ist momentan kein Platz für eine Frau. Und eigentlich sind One-Night-Stands nicht mein Ding. Ich habe mich also gestern Nacht ganz schön weit vorgewagt und entgegen meinen Prinzipien gehandelt.« Solveig machte eine kurze Pause, bevor sie leise hinzufügte: »Deinetwegen.«

Mit einem Mal fühlte sie sich körperlich und seelisch erschöpft. Sie wollte nicht, dass Eva ihr Zimmer betrat, denn sie wusste, was dann passieren würde. Auch an Eva schien die gestrige Nacht, die so voller Zärtlichkeit gewesen war, nicht spurlos vorübergegangen zu sein. Und Solveig wusste so deutlich wie nie, dass sie sich noch immer zu der Frau hingezogen fühlte, die sie vor fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal leidenschaftlich geküsst und gestern Nacht mindestens ebenso leidenschaftlich geliebt hatte.

Sie würde nicht die Kraft aufbringen, Evas Annäherungsversuche abzuwehren.

Aber sie hatte es gesagt, und sie meinte es auch: Für eine Affäre taugte sie nicht, sie war sich zu schade dafür. Und etwas anderes als eine Affäre konnte nicht aus ihnen werden. Aus einer Reihe von Gründen: Sie wohnten zu weit auseinander. Sie wussten praktisch nichts voneinander. Und Solveig musste das mit Petra erst noch verarbeiten. Wenn sie Eva nicht von früher gekannt hätte, wäre sie nicht mit ihr ins Bett gegangen.

»Für mich war das kein One-Night-Stand«, sagte Eva leise. »Ich möchte gern mehr wissen über dich. Was hast du gemacht, nachdem wir uns nicht mehr wiedergesehen haben? Was hast du gefühlt? Warum ist da immer noch so viel zwischen uns? Du fühlst es doch auch.« Sie hielt Solveigs Blick fest und versuchte ein Lächeln. »Ich möchte dauernd mit dir zusammen sein. Dauernd möchte ich deine Haut auf meiner spüren. Wenn du nicht in meiner Nähe bist, empfinde ich fast körperlichen Schmerz. Ist es gestern Nacht nur passiert, weil wir vor fünfundzwanzig Jahren nicht miteinander geschlafen haben? Bilde ich mir das vielleicht nur ein, diese Anziehung zwischen uns? Eine Nacht kann doch nicht alles gewesen sein!« Die letzten Worte klangen fast verzweifelt. Eva war atemlos, in ihren Augen schimmerten Tränen.

Solveig seufzte erneut. All diese Fragen hatte sie sich ja auch bereits gestellt. Zweifellos, die Anziehungskraft zwischen ihnen war da. Und auch ihr ging es so, dass sie Evas Nähe auf eine Weise genoss, die sie bis dahin nur sehr selten erlebt hatte. Aber das waren doch alles keine Argumente – jedenfalls keine, die das, was gegen eine Fortsetzung dieser Geschichte sprach, stichhaltig widerlegten. Solange es nicht zu mehr als leidenschaftlichen Berührungen gekommen war, ließ sich vielleicht noch ein sauberer Schlussstrich ziehen.

Aber diese Berührungen haben mir so gutgetan. Mit Eva war ich auf einmal wieder ganz ich selbst, habe ich mich nach langer Zeit wieder lebendig gefühlt . . .

So ein Quatsch. Was soll das überhaupt heißen, »ganz ich selbst«? Du warst auch vorher schon du selbst. Du brauchst diese Eva nicht. Rede dir das jetzt bloß nicht ein! Außerdem bist du ohnehin noch gar nicht frei für irgendetwas. Das weißt du genau.

Ja, das wusste Solveig. Sie rief sich ihre Schlussfolgerung von vorhin wieder ins Gedächtnis: Sich auf Eva oder irgendjemand anders einzulassen, wäre unfair in dieser Situation. Zumal Eva ja selbst womöglich in einer ähnlichen Lage war. Sie wusste immer noch nicht, ob Eva nun eine Partnerin hatte oder nicht.

Unvermittelt überfiel sie Angst. Angst vor ihren eigenen Gefühlen, Angst, sich trotz aller guten Vorsätze doch an eine Frau zu binden, die nicht frei war. Das könnte sie jetzt am allerwenigsten gebrauchen. Und Angst davor, sich, ehe sie sich’s versah, zu stark verbunden zu fühlen mit Eva – und dann maßlos enttäuscht zu werden. Ja, das war es. Die Angst vor der Enttäuschung, das war die schlimmste. Dieser vernichtende Schlag, den Petra ihr verpasst hatte, als sie sie vor dem Standesamt sitzen ließ, hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Einen solchen Schmerz wollte sie auf keinen Fall noch einmal erleben.

Eva war vor der Tür stehen geblieben und hatte sie unverwandt angesehen, nachdem sie sich selbst wieder gefangen hatte. Jetzt sagte sie leise und behutsam: »Ich möchte gern mit dir reden. Wie wäre es, wenn wir das irgendwo anders tun? Nicht weit von hier entfernt gibt es eine kleine Kneipe, dort ist es gemütlich und ruhig. Man kann sich in eine Ecke zurückziehen und ungestört reden, ohne dass man völlig allein ist.«

Wie einfühlsam sie ist, dachte Solveig gerührt. Sie versucht erst gar nicht, ins Zimmer zu kommen. Und sie besteht nicht darauf, dass wir hier miteinander reden. Eva spürte ihre Ängste, teilte sie vielleicht sogar, und respektierte ihre Wünsche. Ehe sie groß darüber nachdenken konnte, gab Solveig nach: »Also gut, lass uns in dieser Kneipe reden. Du gibst ja sonst keine Ruhe. Aber nur eine Stunde, okay? Ich hole nur eben meine Jacke.«

Eine Kneipe war neutraler Boden, sagte sie sich, als sie die Zimmertür anlehnte und sich kurz frischmachte. Und sie wäre nicht wirklich mit Eva allein. Das hatte Eva ja selbst zugesichert. Da wird schon nichts passieren, sprach sie sich selbst Mut zu.

Eva hatte nicht zu viel versprochen: Die Atmosphäre in dem Lokal war angenehm, das Licht und die Gespräche gedämpft, ohne dass es schummrig wirkte, und die Bedienung erfrischend zurückhaltend. Sobald sie sich an einen Tisch gesetzt hatten, begann Eva: »Ich habe mich sehr wohl mit dir gefühlt gestern Nacht. Und ich hatte das Gefühl, dass es dir ähnlich ging.«

Eva wollte es also ganz genau wissen. Na gut. »Dein Gefühl hat dich nicht getrogen«, sagte Solveig. »Ich habe mich wohl mit dir gefühlt. Aber, Eva, meine Gedanken und meine Gefühle sind noch nicht frei.«

»Du lebst in einer festen Beziehung?« Obwohl Eva sich sichtlich um Unbefangenheit bemühte, war ihre Stimme plötzlich tonlos und flach.

»Nein, aber . . . es ist noch eine Frau in meinem Herzen. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich sie überwunden habe.«

Solveig nippte an ihrem Wein und beobachtete Evas Reaktion. Evas Hände spielten unablässig mit dem Pilskragen ihres Bierglases, und sie mied Solveigs Blick. Es war ihr anzusehen, dass sie gern etwas gesagt hätte, was Solveigs Einwand entkräftete, und frustriert war, weil es kein schlüssiges Gegenargument gab. Solveig hoffte, Eva würde nicht die Flucht nach vorn antreten und sie bedrängen. Wieder mit letzter Nacht ankommen. Die Anziehung zwischen ihnen beschwören.

Teil 09

Doch Eva akzeptierte die ablehnende Antwort nicht. »Du kannst auch noch später in mein Zimmer kommen.«

Bloß nicht noch einmal mit ihr allein auf ihrem Zimmer, dachte Solveig. Ich weiß genau, was dann passiert. Und ich will das nicht. Nein, ich werde nicht mehr mit Eva schlafen!

Sicher?

Selten war ich mir bei einer Sache sicherer.

Sie holte tief Luft und begann in geschäftsmäßigem Ton: »Eva, hör zu.« Es war an der Zeit, einiges klarzustellen. Dabei bemühte sie sich, die plötzliche Unsicherheit in Evas Blick zu ignorieren. »Es war sehr schön, dich wiederzusehen – und die Nacht gestern war wirklich fulminant. Aber ich möchte das hier nicht vertiefen. Wir haben beide unsere Leben. Belassen wir es einfach dabei.«

So. Sie hatte es gesagt. Mit der distanzierten Professionalität, die sie bei ihren Klientinnen an den Tag legte und derentwegen sie Solveig so schätzten. Gut gemacht.

»Aber Solveig, so einfach ist das nicht. Wir müssen doch miteinander reden.« Diesen entrüsteten, fast verzweifelten Ton in Evas Stimme hatte Solveig nicht erwartet.

»Ich wüsste nicht, worüber«, versetzte sie. »Das gestern war einfach ein Flirt, eine flüchtige Leidenschaft, mehr nicht. Es war schön, aber es war eine einmalige Sache.« Sie stand auf. Seltsam: Sie wusste, dass sie das Richtige getan hatte – doch alles, was sie fühlte, war ein tiefer Schmerz.

Sie drehte sich um, entsorgte ihr Tablett und eilte hinaus in den Park, noch ehe Eva sie zurückhalten konnte. Dadurch hörte sie nicht mehr, was Eva ihr hinterherflüsterte: »Für mich war es mehr.«

6

Solveig war die ersten paar Minuten gerannt. Sie konnte den Weg und den Park um sich herum kaum erkennen, weil Tränen ihr die Augen verschleierten. Doch sie wusste nicht, warum sie weinen musste. Die Nacht mit Eva war schön gewesen, keine Frage, aber sie wusste auch, dass sie und Eva keine Zukunft haben würden. Vielleicht war es das, was ihr so zu schaffen machte?

Sie hatte den Sex mit Eva wirklich mit jeder Faser ihres Körpers genossen. Aber ihr war gestern schon klar gewesen, dass heute alles anders sein würde. Auch wenn sie nichts Privates über Eva wusste – dass sie eine Freundin hatte, das lag doch auf der Hand. Eine solch tolle Frau, Richterin und Professorin, erfolgreich, gutaussehend, sportlich, so eine musste einfach liiert sein.

Und sie selbst, Solveig, hatte auch noch nicht mit ihrer letzten Beziehung abgeschlossen. Erst nach einer einigermaßen gelungenen Verarbeitung wäre sie wieder frei für eine neue Frau. Es wäre einfach nicht klug, etwas mit jemandem anzufangen, bevor sie nicht über ihre letzte Beziehung hinweggekommen wäre.

Andererseits . . . das hier, das war nicht irgendjemand. Eva war die erste große, wenn auch unerfüllte Liebe ihres Lebens. Das war etwas ganz Besonderes. Und gerade das machte es so schwer, ihre Gefühle zu sortieren und sie zu begreifen.

Ich hätte einfach nicht mit ihr schlafen dürfen. Jetzt ist alles noch schwerer, dachte Solveig bedrückt. Aber ich habe es so lange ersehnt, und es war so wunderschön. Und ich würde es in derselben Situation wieder tun.

Langsamer setzte sie ihren Weg fort und wischte sich die Tränen weg. Ihre Gedanken wanderten wie von selbst wieder in die Vergangenheit, zu den ersten Wochen nach ihrer Rückkehr aus England vor fünfundzwanzig Jahren. Fast jede Nacht hatte sie damals von Eva geträumt und zuerst nicht verstanden, warum. Gleichzeitig hatte sie eine erste – und letzte – sexuelle Erfahrung mit einem Jungen aus der Nachbarschule gemacht. Es war ein desaströses Erlebnis gewesen, weil sie damit gegen ihre Natur gehandelt hatte. Aber das hatte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahrhaben wollen. Anfang der 1980er war es eine Katastrophe für ein Mädchen, den Eltern zu beichten, dass sie andere Mädchen anziehender fand als Jungen. Allerdings hatten ihre Eltern auch später, als sie schon längst ihre ersten Beziehungen mit Frauen hinter sich hatte und sich endlich zum Outing durchringen konnte, wenig Verständnis gezeigt.

Erst nachdem sie ihre erste, erfüllende Beziehung mit einer Frau erlebt hatte, begriff Solveig, warum sie damals so heftig reagiert hatte auf den Kuss, den sie und Eva in Weymouth ausgetauscht hatten: Sie war in Eva verliebt gewesen. Und wenn sie mit all ihrem Fachwissen an die Sache heranging – durch ihre Ausbildung zur Gesprächs- und Psychotherapeutin wusste sie genau, woran sie war –, hätte sie zugeben müssen, dass sie immer noch in Eva verliebt war. Aber wie hätte sie diese Liebe leben können? Der Kontakt war schließlich damals nach den Ferien abgebrochen. Sie hatte sich bei Eva nicht mehr gemeldet, und auch Eva hatte nichts von sich hören lassen. Aus Angst vor Zurückweisung? Aus Angst vor der Erkenntnis, lesbisch zu sein? Aus Unsicherheit? Aus Ignoranz? Solveig wusste es nicht. Aber nach all der Zeit war es müßig, nach Gründen zu suchen.

So waren Beziehungen gekommen und gegangen. Jede davon war irgendwann glücklich gewesen, jede hatte Spuren hinterlassen, und jede hatte Solveig etwas besser zu verstehen geholfen, wer sie war und was sie wollte. Bei Petra, ihrer letzten Partnerin, hatte sie eigentlich geglaubt, endlich das große Los gezogen zu haben. Immerhin bestand ihre Beziehung schon einige Jahre, und sie lebten in einer gemeinsamen Wohnung. Aber am Tag ihrer Verpartnerung hatte Petra ihr eröffnet, dass sie schon eine ganze Weile eine andere Frau traf. Sie hatte es Solveig überlassen, die Trauung abzusagen und die Gäste auszuladen, um noch am selben Tag zu ihrer neuen Frau zu ziehen.

Seitdem war noch nicht genug Zeit vergangen, um den Schmerz wirklich zu verarbeiten. Monatelang hatte Solveig sich anfangs eingeigelt, sich mit Arbeit zu betäuben versucht und nur funktioniert, statt zu leben. Die Einladung als Referentin bei dieser Tagung war das erste Ereignis, das ihr wieder ein wenig Auftrieb gegeben hatte. Sie hatte erst im letzten Moment angenommen, weil sie nicht wusste, wie es ihr bis dahin gehen würde, und sich das Recht vorbehalten, kurzfristig abzusagen. Aber als sie im Zug gesessen hatte – das erste Mal nach der Katastrophe, dass sie für längere Zeit ihre Wohnung verließ –, hatte sie gespürt, dass der Schmerz vorbeigehen würde.

Dass sie dann plötzlich von ganz anderen Gefühlen überrumpelt wurde, als ihr Eva begegnete, war nicht vorauszusehen gewesen. Es brachte Solveig völlig aus dem Rhythmus, den sie gerade erst dabei war wiederzufinden. Sie war noch nicht bereit für solche Gefühle, geschweige denn für eine neue Beziehung.

Während sie sich geliebt hatten, da waren ihre Gedanken allerdings ganz bei Eva gewesen. Der Ablösungsprozess von Petra war also immerhin in Gang gekommen. Aber abgeschlossen war er noch längst nicht.

Es wäre nicht fair Eva gegenüber, dachte Solveig. Und mir gegenüber auch nicht.

7

Abends, als Solveig sich gerade zum Lesen hinsetzen wollte, klopfte es an ihrer Zimmertür. Sie öffnete und sah in Evas lächelndes Gesicht.

Statt einer Begrüßung sagte sie: »Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt.«

»Für mich ist gar nichts klar«, antwortete Eva sachlich.

»Dafür kann ich ja nichts.« Verflixt, das war viel zu schnippisch herausgekommen. Solveig mahnte sich zu professioneller Gelassenheit.

»Ich möchte mit dir reden«, versuchte Eva es noch einmal.

Teil 08

Viele Stunden und unzählige Orgasmen später dachte sie: Warum haben wir damit so lange gewartet? Offenbar hatten all ihre Befürchtungen sich nicht erfüllt. Oder besser: Sie hatten sich erfüllt. Mit Eva zu schlafen war viel anregender, viel intensiver gewesen, als es jeder Traum zuvor hatte sein können. Und dadurch fingen die Schwierigkeiten vielleicht gerade erst an . . .

Mitten in diesen halb bewussten Überlegungen glitt sie in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

5

Als Solveig gegen fünf am nächsten Morgen erwachte, lag Eva neben ihr, das Gesicht ihr zugewandt, und schlief tief und fest. Ihre Züge waren ganz entspannt.

Kein Wunder, bei dem, was wir letzte Nacht alles gemacht haben, dachte Solveig und grinste.

Ihr Vortrag würde heute Morgen einer der ersten sein. Auf den letzten Drücker wollte sie nicht im Tagungsraum ankommen, denn sie musste sich ja noch vergewissern, ob die technischen Geräte vorbereitet und funktionstüchtig waren. Und obwohl ihr ein Blick auf die Uhr bestätigte, dass noch ausreichend Zeit für ein ausgiebiges Bad, ein gutes Frühstück und . . . anderes (doch den Gedanken daran unterband Solveig sofort) gewesen wäre, wollte sie keinesfalls anwesend sein, wenn Eva erwachte. Womöglich hätte diese sie erneut so unzüchtig berührt, dass sie nicht hätte widerstehen können.

Rasch und fast geräuschlos zog sie sich an. Dann beugte sie sich zu Eva, drückte ihr sanft einen Kuss auf den Mund und nahm den schwachen Duft ihres herben Parfums wahr, der sie gestern so überwältigt hatte – neben so vielem anderen –, bevor sie leise das Zimmer verließ.

Unter der Dusche versuchte Solveig ihre Gefühle wieder einigermaßen »in den Griff zu kriegen«. Eigentlich vermied sie diese Redewendung. Ihre Klientinnen wies sie oft darauf hin, was für ein starkes Bild sie darstellte und was für ein martialischer Vorgang sich dahinter verbarg, der für die Psyche brutale Gewalt bedeutete. Aber jetzt war genau das vonnöten: Sie musste sich zwingen, auf andere Gedanken zu kommen, in diesem Fall die Inhalte ihres Vortrags. Alle anderen Gedanken, und erst recht die Gefühle, mussten für eine Weile draußen bleiben. Das würde ihr gelingen. Sie war schon häufig in Situationen gewesen, die sie aufgewühlt hatten und in denen sie dennoch in der Lage gewesen war, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Nichtsdestotrotz waren die Gefühle, die die Nacht mit Eva in ihr geweckt hatte, verwirrend. Lange Zeit hatte sie Nähe nicht mehr so intensiv empfinden können. Wo kam das plötzlich her? War es wirklich nur die Erinnerung, die Nachwirkungen ihrer Erfahrung als Siebzehnjährige, die sie so stark und präsent machten?

Ich habe es dir ja gleich gesagt, ließ ihr Verstand altklug verlauten.

Was hast du mir gesagt?

Dass du die Finger von Eva lassen sollst. Du hast deine Gefühle noch nicht im Griff.

Das hast du gar nicht gesagt. Du hast mich in mein Verderben rennen lassen.

Weil du mir den Mund verboten hast!

Ach, halt die Klappe.

Siehst du? Schon wieder.


Natürlich war Solveig ausgezeichnet vorbereitet, als sie einige Stunden später am Rednerpult stand. Natürlich hatte sie ihre Gefühle vollständig »im Griff«, und natürlich war ihr Auftritt ein großer Erfolg. Solveig relativierte die theoretischen Ausführungen ihrer Kolleginnen vom Vortag durch zahlreiche Beispiele, die sie aus der Praxis ihrer eigenen Arbeit anführen konnte. Die vielen Fragen und Kommentare nach ihrem Beitrag führten zu einer angeregten Diskussion.

Der einzige heikle Moment ergab sich, als auch Eva sich zu Wort meldete. Beim Klang ihrer Stimme kam Solveig nicht umhin, an die letzte Nacht zu denken und an Evas Zunge auf ihrer Perle. Doch bevor sich die Röte auf ihren Wangen ausbreiten konnte, hatte sie die Erinnerung erfolgreich verdrängt – wenigstens für den Moment. Sie setzte ihr Unnahbarkeitsgesicht auf, antwortete professionell auf alle Fragen und gab weitere anschauliche Beispiele, die irgendwann auch die letzten kritischen Fragerinnen verstummen ließen.

Nach der Diskussion fand sie sich in einer Traube von Psychologinnen und Lehrerinnen wieder, die sie nach praktischen Tipps für die Prävention von Gewalt fragten. Als sie endlich alle Fragen beantwortet und E-Mail-Adressen ausgetauscht hatte, fing Eva sie am Saalausgang ab und fragte: »Wie wär’s mit einem Snack draußen an der frischen Luft?«

Solveig verschlug es für einen Moment die Sprache. Ihr Herz klopfte schneller, und eine leichte Röte stahl sich auf ihre Wangen. Sie konnte wohl nichts dagegen tun, dass Eva sie noch immer – oder besser: schon wieder – aus der Ruhe brachte, und jetzt hatte sie sie einfach überrumpelt. »Ja, gut«, war schließlich alles, was sie erwidern konnte.

Natürlich war ihr als Psychologin bewusst, dass sich Gefühle zwar verdrängen, aber nicht auf Dauer abschütteln ließen. Sie würden immer wieder auftauchen, ob man wollte oder nicht. Und Gefühle waren in der Nacht mit Eva definitiv im Spiel gewesen, nicht nur die Befriedigung der puren Lust. Sie würde sich ihnen stellen und sich überlegen müssen, wie sie damit umging. Vielleicht war jetzt der richtige Moment dafür.

In einem Nebenraum gab es ein kleines Café mit Terrasse, an die ein weitläufiger Park grenzte. Solveig lud sich einen Salat auf ihr Tablett, stellte ein Wasser dazu und folgte Eva nach draußen. Sie setzten sich einander gegenüber und begannen zu essen.

Zwischen zwei Bissen sagte Eva: »Ich wusste, dass du gut sein würdest. Dass du sensationell bist, hätte ich vermuten können, habe ich aber nicht. Alle hingen nur so an deinen Lippen. Da könnte man glatt neidisch werden.«

»Danke für die Blumen«, antwortete Solveig automatisch, ohne Eva anzusehen. »Du warst auch nicht schlecht. Deine Studierenden sind sicher begeistert von dir.«

»Wo um alles in der Welt warst du heute Morgen?«

Evas plötzlich gesenkte Stimme ließ Solveigs Herz, das sich erst gerade wieder etwas beruhigt hatte, schon wieder sein Tempo beschleunigen. Eva hatte sich näher zu ihr herübergebeugt, und ihr dezenter Duft umhüllte Solveig wie eine Wolke und kitzelte sie in der Nase. Eine warme Welle des Begehrens durchflutete sie.

Das darf alles nicht wahr sein, schimpfte sie mit sich selbst.

Du bist es selbst schuld, behauptete ihr Verstand ungefragt. Du musstest ja unbedingt mit ihr . . .

Jetzt halt doch endlich mal die Klappe!

Solveig hob den Blick und schaute Eva fest in die Augen. »Ich musste mich noch mental auf meinen Vortrag vorbereiten. Da hätte ich diesen anzüglichen Blick auf keinen Fall gebrauchen können.«

Eva grinste. »Ich wäre gern neben dir aufgewacht.« Das klang fast ein wenig vorwurfsvoll. »Aber dann müssen wir das eben wiederholen. Hast du heute Abend schon etwas vor?«

»Leider ja«, antwortete Solveig wie aus der Pistole geschossen. Das war zwar gelogen, aber ihre Strategie stand fest: Keinesfalls würde sie das mit Eva fortsetzen. Sie waren immer noch Fremde. Ihre leidenschaftliche Nacht änderte nichts daran, dass sie nicht mehr über Eva wusste als gestern. Und eine Tagungsaffäre wollte sie auf keinen Fall sein.

Bist du aber, wenn du sie jetzt brutal abservierst, wandte die Stimme ihres Gewissens ein.

Na, und wenn schon. Das ist Vergangenheitsbewältigung im besten Sinne. Mehr als die eine einzige Dosis brauche ich nicht. Ich habe gestern bekommen, was ich wollte. Und ich weiß jetzt, wie es ist, mit ihr zu schlafen . . . und, verdammt, es hat mir gefallen. Solveig bemühte sich, den letzten Gedanken nicht zu laut werden zu lassen.

Teil 07

Du willst doch nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, mit ihr zu schlafen. So nötig hast du es nicht. Oder?

Solveig bemühte sich, die innere Stimme links liegen zu lassen. Aber natürlich war ihr klar, dass es ernüchternd sein konnte, sich langgehegte Wünsche zu erfüllen. In der Regel hatte die Wirklichkeit mit der Wunschvorstellung nicht viel gemein. Würde eine Nacht mit Eva wirklich so phänomenal sein, wie sie es sich nach den Ferien damals immer wieder sehnsüchtig erträumt hatte? Wäre es nicht am besten, diesen Traum für immer unerfüllt bleiben zu lassen, damit seine Schönheit und Makellosigkeit nicht durch die Realität entzaubert wurde?

Na, geht doch. Endlich kommst du zur Vernunft.

»Solveig?« Erst jetzt drang Evas Stimme zu ihr durch. Sie klang besorgt.

Solveig brauchte einen Augenblick, um wieder in die Gegenwart zu finden. »Ja?«, fragte sie verwirrt.

»Alles in Ordnung?«

»Was . . . was war denn los?«

»Ich habe dir eine Frage gestellt, sogar mehrmals, aber du hast nicht geantwortet. Als wärst du in deiner eigenen Welt gewesen.« Evas Blick ruhte forschend auf Solveigs Gesicht.

»Ich war nur in meine Gedanken versunken. Entschuldige bitte«, versuchte Solveig ihre geistige Abwesenheit zu erklären, aber es klang wohl nicht sehr überzeugend. Ein Lächeln misslang ihr. Und dann hörte sie sich selbst plötzlich sagen: »Ich möchte mit dir schlafen.«

Wie bitte? Was? Das ist doch absurd. Jetzt hast du wohl endgültig den Verstand verloren.

Ach, halt die Klappe!

Eva schaute sie perplex an und sagte nichts. Damit schien sie nicht gerechnet zu haben.

Oh Gott, hoffentlich habe ich mich jetzt nicht vollends lächerlich gemacht. Aber Solveig hatte tatsächlich nur ausgesprochen, was sie in genau diesem Moment gefühlt hatte. Ja, sie wollte mit Eva ins Bett gehen. Sie wollte diese jahrzehntealte Sehnsucht endlich stillen. Jetzt sofort. Augenblicklich. Einerlei, ob es nicht das hergab, was sie sich davon versprach. Sie würde den Teufel tun, einen Rückzieher zu machen.

Die Psychologin in ihr wusste sofort Bescheid: Das lange verschüttet geglaubte Verlangen musste endlich gestillt werden, um wirklich aufzuhören. (Wenn du dich da mal nicht täuschst.) Doch die Frau in ihr war nervös, kam sich kindisch vor, albern. Genau dasselbe Gefühl musste es sein, wenn man mitten auf der Straße plötzlich feststellt, dass man nackt ist.

Wie durch einen Nebel sah Solveig Eva einen 20-Euro-Schein auf die Theke legen und dann mit sicherer Stimme sagen: »Komm.« Sie nahm Solveig bei der Hand, führte sie zum Fahrstuhl und geleitete sie von dort zu ihrem eigenen Zimmer. Geübt handhabte sie die Chipkarte, mit der die Zimmertür geöffnet wurde. Dann trat sie hinter Solveig ohne Hast in den Raum.

Dort standen sie sich gegenüber und sahen sich in die Augen. In Evas Blick las Solveig Traurigkeit, große Unsicherheit und dennoch uneingeschränktes Vertrauen – so tief, dass es sie schier überwältigte. Zärtlichkeit vielleicht. Und eine fast übermächtige Sehnsucht. Es war, als seien die letzten fünfundzwanzig Jahre nicht vergangen. Als stünde vor ihr die siebzehnjährige Eva, die sie so tief berührt hatte wie noch niemand zuvor, und als sei auch sie selbst noch immer der Teenager von damals.

Keine sprach ein Wort. Irgendwann, nach einer Ewigkeit, vielleicht waren es auch nur wenige Sekunden, ergriff Eva die Initiative und näherte ihren Mund dem von Solveig. Langsam. Behutsam. Solveig öffnete die Lippen ein wenig und spürte gleich darauf, wie sie mit vorsichtigen Berührungen erkundet wurden.

Aber noch schien es, als wolle Eva diesen Augenblick des ersten Kontaktes auskosten. Sie löste sich wieder von Solveigs Mund. Solveig nahm Evas heißen Atem auf ihrer Wange wahr, als deren Lippen sanft über die Haut fuhren. Die hauchzarten Küsse hinterließen ein brennendes Prickeln. Als Evas Lippen wieder zu Solveigs Mund zurückkehrten, erwartete Solveig sie bereits sehnsüchtig und kam ihr mit ihrer Zunge entgegen. Ihre Zungenspitzen berührten sich. Sie spielten miteinander, vorsichtig, tastend, bevor sie sich in Evas Mundhöhle zurückzogen und dort weiter zärtlich miteinander rangen. So weich. So behutsam. So vertraut. Fast unschuldig.

Solveig hörte Eva schneller durch die Nase atmen. Auch ihr eigener Atem ging heftiger. Ihr Oberkörper hatte sich dicht an Evas gedrängt, während ihre Zungen immer noch dieses sanfte, aber unglaublich erregende Spiel spielten. Schließlich konnte Solveig sich nicht mehr beherrschen, ließ alle Zurückhaltung fahren und küsste Eva mit ungezügeltem Begehren, hart und leidenschaftlich. Sie spürte förmlich, wie die Flammen, die in ihrem Innern loderten, auf Eva übersprangen und sie beide mit glühender Hitze umhüllten.

Irgendwann zog sich Evas Zunge abrupt zurück, um sich an Solveigs Hals zu schaffen zu machen. Solveig musste scharf einatmen, als Evas Zungenspitze über ihr Dekolleté glitt, bevor sie zum Hals zurückkehrte. Das zarte, aber zielstrebige Tasten überzog ihren ganzen Körper mit Gänsehaut. Als Evas Zunge ihre Ohrmuschel erforschte, entwich Solveig ein Stöhnen. Gleich darauf saugte Eva an ihrem Ohrläppchen. Das sanft schmatzende Geräusch nahm Solveig förmlich den Atem.

Viel später, jedenfalls schien es Solveig so, öffnete Eva ihr die Blusenknöpfe und begann mit ihren Fingerspitzen die Haut unter dem dünnen Stoff zu erkunden. Solveigs Magen krampfte sich in begieriger Erwartung zusammen. Eva fuhr mit einem Finger an ihrem BH entlang und streifte ihr dann die Bluse von den Schultern. Als sie sich noch näher heranschob, um Solveigs BH zu öffnen, ergriff Solveig ein heftiges Verlangen, wie sie es kaum jemals zuvor mit einer anderen Frau erlebt hatte. Sie war sicher, dass sie sterben würde, wenn sie ihm nicht auf der Stelle nachgab.

Irgendwie schien dieses überbordende Begehren ihr unanständiges Angebot an Eva in der Bar nachträglich zu rechtfertigen. Und jetzt wollte sie nur noch genießen, im Hier und Jetzt sein, ohne störende Gedanken, ihren Verstand ausschalten. Evas Hände waren angenehm warm auf ihrer Haut und streichelten sanft neben ihrer Wirbelsäule entlang, eine von Solveigs erogenen Zonen. Sie seufzte leise auf und widerstand dem Impuls, augenblicklich die Augen zu schließen und sich nur dieser Berührung hinzugeben. Stattdessen ließ sie ihre Hände über Evas Hals und ihr tief ausgeschnittenes Dekolleté gleiten.

Nun war es Eva, die die Augen schloss und den Kopf in den Nacken legte.

Solveig öffnete den Reißverschluss von Evas Jacke und legte ein weißes Top frei, das ungehinderten Zugang zu Evas Brüsten gewährte. Sanft strich sie darüber und konnte spüren, wie die Knospen zu voller Blüte wuchsen. Eva trug keinen BH – Ich hatte also recht!, dachte Solveig –, und die offenkundige Reaktion ihrer Nippel ließ Solveigs Brustwarzen ebenfalls erwachen und verstärkte das Ziehen in ihrem Bauch.

Solveig begann Eva bedächtig zu entkleiden, streichelte dabei immer wieder über die befreiten Stellen und küsste sie, während Eva es ihr gleichtat. Das Gefühl von Evas Händen auf ihrer nackten Haut brachte Solveig an den Rand des Wahnsinns. Als sie schon dachte, dass sie es nicht mehr aushielt, nahm Eva ihre Hand und führte sie langsam zum Bett. Solveig war so feucht und bereit wie selten. Und dann schaltete sich ihr Verstand ganz von selbst aus.

Teil 06

Solveig räusperte sich, kreiste ein paarmal mit den Schultern und schüttelte energisch den Kopf. Außerdem bin ich doch noch gar nicht richtig über Petra hinweg. Warum denke ich überhaupt darüber nach, ob Eva lesbisch ist oder nicht? Das spielt doch gar keine Rolle. Wir werden nett über alte Zeiten plaudern und zusammen lachen. Danach gehen wir wieder unserer Wege.

Sie rief sich das Klassentreffen in Erinnerung, das sie vor ein paar Jahren beim 20. Jahrestag ihres Abiturs besucht hatte. Vorher war sie sehr aufgeregt gewesen und sehr gespannt. Als Teenager hatte sie sich ihren Schulkameradinnen näher gefühlt als ihren Eltern, und irgendwie hatte sie angenommen, dass diese Nähe auch zwanzig Jahre später noch vorhanden sein würde. Sie hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, sich vor ihren ehemaligen Mitschülerinnen zu outen. Aber tatsächlich hatte sie den ganzen Abend über nur oberflächliche, banale Gespräche geführt und war bitter enttäuscht nach Hause gefahren.

Mit Eva würde es wahrscheinlich genauso laufen. Immerhin hatte sie mit ihr damals sogar noch wesentlich weniger Zeit verbracht als mit ihren Klassenkameradinnen. Auf Tiefgang zu hoffen oder auf Nähe, wäre einfach nur unsinnig. Das mit Eva, was immer es sein konnte, würde keine Zukunft haben.

Die Vorstellung, dass es ihr beim Wiedersehen mit Eva ebenso gehen würde wie beim Klassentreffen, machte ihr plötzlich Angst. Dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten, dass Eva bloß eine oberflächliche Verbindung zu ihr wollte, dass all das Sehnen, das sie kurz nach ihrem Kennenlernen mit siebzehn immer wieder gefühlt hatte, völlig ins Leere laufen würde, dass ihre Verbindung zu Eva nichtssagend wäre – es kam ihr mit einem Mal vor, als könnte es keinen schlimmeren Verlust geben.

Das ist wirklich komplett verrückt, rief sie sich zur Ordnung. Als ob es heute noch ein Sehnen gäbe. Ich könnte nicht weiter vom »Sehnen« entfernt sein als im Moment. Und damals, ja, damals war es allenfalls eine Schwärmerei. Ihr Herz begann schon wieder heftig zu klopfen, aber sie ignorierte es einfach.

Das Klingeln des Telefons ließ sie zusammenfahren. Sie hob ab. »Ja?«

»Hier spricht der Portier, Frau Dr. Steffens. Frau Professor Werner lässt ausrichten, dass sie in der Bar auf Sie wartet.«

»Vielen Dank«, erwiderte Solveig und hängte ein.

Ihr Herz hämmerte jetzt wie wild. Wie konnte es sein, dass das nach all der Zeit noch immer passierte? Sie versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken, atmete tief durch und machte sich auf den Weg in die Bar.

Dort herrschte gedämpftes Licht, so dass Solveig Eva nicht sofort entdeckte. Als sie sie dann allerdings sah, fiel sie fast in Ohnmacht, und ihr Herz jagte noch schneller – falls das überhaupt möglich war. Eva sah einfach umwerfend aus. Sie trug einen perfekt geschnittenen Hosenanzug mit einem Dekolleté, das an der Grenze der Schicklichkeit ausgeschnitten war und keine Zweifel über die darunter befindlichen Köstlichkeiten zuließ. Offenbar hatte sie auf einen BH verzichtet. Langsam und mit weichen Knien ging Solveig auf diese unglaubliche Erscheinung an der Bar zu und versuchte ruhig zu atmen. Hoffentlich war ihr beschleunigter Puls nicht an ihrem Hals sichtbar.

»Hallo!«, war alles, was sie gefahrlos herausbrachte. Eva raubte ihr den Atem, vielleicht sogar den Verstand . . .

Unsinn! Steigere dich da bloß in nichts hinein!

»Hallo«, sagte Eva, rutschte mit einer eleganten, fließenden Bewegung von ihrem Barhocker und erwiderte Solveigs bemüht festen Blick mit ihrem hinreißenden Lächeln. »Schön, dass du noch Zeit für mich hast.«

Ich werde dir jetzt nicht auf die Nase binden, dass ich sowieso nicht hätte schlafen können und dass ich den ganzen Abend auf diesen Moment gewartet habe. Und an Arbeiten war auch in keiner Sekunde zu denken . . .

Solveig erschrak über ihre eigenen Gedanken. Hatte sie sich nicht die ganze Zeit über gesagt, dass keine Gefühle im Spiel waren? Anziehung vielleicht. Ja, Anziehung. Ich stehe schließlich auf Frauen. Und Eva sieht verdammt gut aus, und ihr Dekolleté ist wirklich vielversprechend. Sie bedeutete dem Ober, dass sie ein Wasser trinken wollte.

»Du siehst toll aus«, sagte Eva, als der Barkeeper sich wieder entfernt hatte.

»Na, und du erst.« Solveig registrierte mit Erleichterung, dass die kurze Unterbrechung ihre Fassung wiederhergestellt hatte. »Warst du so beim Treffen mit dem Rektor gekleidet? Da hat er dir sicher alle deine Wünsche aus dem Dekolleté gelesen.« Die kleine Spitze konnte sie sich nicht verkneifen.

Eva war sichtlich amüsiert. »Nein! Dieses Outfit ist ausschließlich Rendezvous mit schönen Frauen vorbehalten. Beim Rektor hatte ich züchtige Kleidung an, die angemessen hochgeschlossen war.« Als Solveig lächelte, fuhr sie fort: »Ich habe mich vorhin noch schnell umgezogen. Dabei habe ich festgestellt, dass unsere Zimmer nicht weit voneinander entfernt sind. Fast hätte ich bei dir geklopft.«

Gott sei Dank hast du es nicht getan, dachte Solveig. Ich weiß nicht, wie lange ich dir in diesem Aufzug hätte widerstehen können. Oder den Verheißungen deines Dekolletés.

Der Gedanke erschreckte sie erneut. Die Anziehungskraft von vor fünfundzwanzig Jahren war also immer noch da, so stark wie damals. Oder war sie neu entflammt? Und empfand Eva genauso? Dass sie ihr schärfstes Outfit gewählt hatte, sprach schon sehr dafür. Und auf Frauen schien sie immer noch zu stehen. Hatte sie vorhin nicht so etwas erwähnt, dass sie diese Garderobe den Rendezvous mit Frauen vorbehielt?

Die Frage war nur, was Eva sich erhoffte. Was sie mit dieser fast schon unverschämt sexy Aufmachung erreichen wollte.

Sie flirtet, dachte Solveig, das ist offensichtlich. Will sie mit mir ins Bett? Und falls ja . . . will ich mit ihr ins Bett? Nein, natürlich nicht! . . .

Aber vielleicht . . .?

. . . Ja, doch! Ich will!

Sie schluckte kräftig. Was war bloß mit ihr los? Sie war doch gar nicht der Typ für einen One-Night-Stand. Und auf etwas anderes könnte das mit Eva hier kaum hinauslaufen – nicht nach der vielen Zeit, die vergangen war. Es mochte Frauen geben, für die das einfach dazugehörte, die auf Dienstreisen immer eine Frau fürs Bett fanden. Solveig konnte das nicht nachvollziehen. Sex ohne Nähe, reine körperliche Befriedigung – nein, das war nichts für sie. Es würde die Einsamkeit und das Gefühl der Unerfülltheit letztendlich nur vergrößern.

Solveig spürte, wie Evas Hand ihre eigene zur Begrüßung umschloss. Augenblicklich zuckte ein Stromstoß durch ihren Arm, genau wie damals mit siebzehn. Das Ziehen in ihrer Magengegend wollte gar nicht mehr aufhören, auch als Eva schon längst wieder losgelassen hatte. Ob es ihr wohl ähnlich ging? Solveig spürte ihren schlüpfrigen Slip, als sie sich auf den Barhocker setzte.

Was soll denn das? Wir haben uns gerade erst getroffen, da kannst du doch noch gar nicht auf sie reagiert haben.

Aber sexy ist sie schon. Da gibt es nichts zu diskutieren.

Vielleicht war der Moment gekommen, es nun doch einmal zu probieren, das mit der Frau für eine Nacht? Solveig war sich nicht sicher. Ihr Körper sandte ihr eindeutige Signale, und die Anziehungskraft, die von Eva ausging, war enorm. Aber sie wusste eben nicht, ob es Eva umgekehrt auch so ging. Auch über Evas jetziges Leben wusste sie nichts. Würde die Person, die Eva heute war, noch der Eva entsprechen, in die sie sich damals in England verliebt hatte? Würde Solveig noch hinter dem stehen können, was Eva sagte und tat? Wäre es richtig, sich nach fünfundzwanzig Jahren nun endlich diesen einen, langgehegten Wunsch zu erfüllen, der immer wieder durch ihre Träume gegeistert war – und der dann hoffentlich ein für allemal verschwinden würde?

Teil 05

Streng genommen war das nur die halbe Wahrheit. Aber sie wollte nicht daran denken, dass sie sich durchaus hätte vorstellen können, weiterhin an der Uni zu arbeiten – wäre nicht Heike Radgen damals, vor dreizehn Jahren, gerade Professorin an der Fakultät geworden, an der sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig gewesen war. Sie hatte Heike auf einem der Frauenschwofs im Ruhrgebiet kennengelernt und eine kurze, aber heftige Liaison mit ihr gehabt. Heike war damals Dozentin an der Uni in Düsseldorf gewesen, bevor sie den Ruf an Solveigs Uni im Ruhrgebiet bekam.

Das Ende ihrer ultrakurzen Affäre mit Heike war mit Schmerzen verbunden gewesen, und als Heike ihre Professorinnenstelle antrat, hatte sie Solveig deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nicht sehr scharf auf deren Mitarbeit am Institut war. Das hatte Solveig so verletzt, dass auch ihr eine solche Zusammenarbeit schwergefallen wäre. Glücklicherweise hatte sie während ihrer Promotion bereits die Ausbildung als Psychologin begonnen und konnte so nach dem Erlangen der Doktorwürde problemlos einen anderen Weg als den wissenschaftlichen einschlagen. Und sie hatte es nicht bereut. Ihre Arbeit mit Gewaltopfern und in der psychologischen Praxis, die sie nebenher in Teilzeit führte, bot viel Abwechslung und erfüllte sie ganz. Dass sie dieselbe Befriedigung auch an der Uni empfunden hätte, bezweifelte sie sehr. Deshalb, sagte sie sich, war ihre Antwort nicht wirklich gelogen.

Unvermittelt sagte Eva: »Ich habe heute Abend noch eine wichtige Besprechung mit dem Rektor der Humboldt-Uni.«

Solveig grinste. »Wechselgedanken?«

»Nein, nein.« Eva schüttelte den Kopf und lächelte wieder. Ihre Augen funkelten dabei wie Sterne. »Wir planen ein gemeinsames Projekt – seine und meine Uni. Ich weiß nicht genau, wie lange es dauern wird, aber . . . ich würde dich gern allein treffen. Am liebsten sofort, aber das geht wohl nicht.« Ihr Lächeln vertiefte sich.

Solveig brauchte eine Weile, um das gerade Gehörte zu verarbeiten. Treffen? Allein? Und was bedeutete dieses Glitzern in Evas Augen? Sie musste den Blick senken, damit Eva ihre Unsicherheit nicht bemerkte. Und vor allem, um sich nicht vollständig in diesen betörend leuchtenden Augen zu verlieren. »Ja«, brachte sie schließlich mühsam heraus.

Verdammt, warum schafft sie es nach all den Jahren immer noch, mich aus der Ruhe zu bringen? Dieses Lächeln. Diese Augen. Der helle Wahnsinn. Dafür bräuchte sie eigentlich einen Waffenschein.

Eva sah sie fragend an. Wirklich eindeutig war Solveigs Antwort nicht gewesen. »Ja – das heißt, du wärst bereit, mich heute Abend zu treffen?«, hakte sie nach. »Auf Abruf sozusagen?«

Erneut presste Solveig ein gehauchtes »Ja« hervor. Sie fühlte sich plötzlich wehrlos. Es war nicht mehr zu leugnen, was hier passierte: Sie war Evas Charme erneut erlegen. Ihr Herz pochte wie rasend, und ihr ganzer Körper kribbelte. In ihrem Unterleib machte sich ein Ziehen bemerkbar.

»Wo erreiche ich dich?«, wollte Eva wissen.

Es gelang Solveig, ihre Stimme normal klingen zu lassen. »Ich arbeite auf meinem Zimmer hier im Hotel. Zimmer 301. Du kannst mich vom Portier anrufen lassen. Ich komme dann in die Bar.«

»Gut. So machen wir es. Ich freue mich sehr.« Dieses unglaubliche Lächeln strahlte noch eine Spur heller auf Evas Gesicht.

»Ich mich auch.«

Sicher war es am besten, das Herzrasen und all die anderen körperlichen Anzeichen von Erregung so gut es ging zu ignorieren. Eva ging es bestimmt nur um ein nettes Gespräch, um eine unverbindliche Erinnerung an alte Zeiten, vielleicht sogar um eine berufliche Beziehung. Und sie selbst war schließlich zum Arbeiten hier, nicht um alte Lieben aufzufrischen, die noch dazu unerfüllt geblieben waren.

Alte Lieben? Unerfüllt?! Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?

Für den Rest des Nachmittags war es allerdings vorbei mit Solveigs Konzentration. Evas unvergessliches Lächeln wollte einfach nicht aus ihren Gedanken weichen. Aber sie würde sich nicht verlieben. Diese Schwärmerei hatte schon damals zu nichts geführt.

Genau, und mehr als eine Schwärmerei ist es ohnehin nicht gewesen. Und heute sind wir einfach nur alte Bekannte.

Schon als Solveig nach der Pause wieder ihren Platz im Saal eingenommen hatte, weit entfernt von Evas, hatte sie nicht mehr viel von der Tagung mitbekommen. Wie schon zuvor tauchte unvermittelt die siebzehnjährige Eva vor ihrem inneren Auge auf. Es war der letzte Abend in Weymouth. Die Sprachschule hatte einen Tanzabend organisiert. Eva und Solveig tanzten ununterbrochen miteinander. Zuerst wurde ein Rock’n’Roll-Song nach dem anderen gespielt. Sie waren umeinander gewirbelt, hatten gelacht und sich immer wieder tief in die Augen geschaut, bis sie beide nassgeschwitzt waren. Als dann ein Blues erklang, dachte keine von ihnen daran, diesen Tanz auszulassen. Sie näherten sich einander ein wenig zaghaft und hielten sich dann aneinander fest. Ihre Augen versanken ineinander. I’m Not In Love wurde gespielt, aber das nahm Solveig kaum mehr wahr. Sie schloss die Augen, schmiegte sich gegen Evas Wange und spürte Evas Hände über ihren Rücken streichen, während ihre eigenen Hände auf Evas Schultern ruhten. So tanzten sie eng umschlungen, ihre Körper fest miteinander verbunden. Als sie sich voneinander lösten, wurden längst wieder Rocksongs gespielt. Es war, als seien sie für eine Weile in ihre eigene Zeit gefallen.

Wenige Stunden später würden sie sich nach dem Wettschwimmen zum ersten Mal küssen.

I’m Not In Love, dachte Solveig jetzt. Genau das, was unsere Bekanntschaft ausmachte. Eva war eine gute Freundin. Mehr nicht. Auf keinen Fall mehr.

Eine zweite innere Stimme schaltete sich ein: Ich kenne dich! Wenn du dir da mal nicht in die Tasche lügst.

Wieder riss Applaus Solveig aus ihrem Tagtraum. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon der gerade beendete Vortrag gehandelt hatte.

Am liebsten hätte ich sie schon beim Tanzen geküsst, ging es ihr durch den Kopf, und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Das ist doch kompletter Unsinn, zeterte die andere innere Stimme.

4

Nach dem Abendessen zog Solveig sich auf ihr Zimmer zurück. Für morgen stand ihr eigener Vortrag auf dem Plan, und sie wollte ihn noch ein letztes Mal durchgehen. Doch zwischendurch schweiften ihre Gedanken immer wieder ab und ihre Blicke zur Armbanduhr. Bald würde sie sich mit Eva treffen. Wann sie sich wohl melden würde? Wie würde es sich anfühlen, mit ihr allein zu sein, nach immerhin fünfundzwanzig Jahren? Woran konnten sie anknüpfen . . . und woran vielleicht besser nicht?

In die aufgeregte Vorfreude mischten sich immer öfter auch ängstliche Gedanken. Schließlich hatten sie beide ihre Leben gelebt und ihre Erfahrungen gemacht . . . Was, wenn Eva in einer festen Beziehung war – vielleicht gar mit einem Mann? Wenn ihre Geschichte damals nur eine Phase für sie gewesen war?

Und wie sollte sie selbst sich überhaupt verhalten? Je länger Solveig darüber nachdachte, desto mehr wuchs ihre Verwirrung. Einerseits war sie sich nur allzu deutlich bewusst, was Evas Gegenwart in ihr ausgelöst hatte: Herzklopfen, Schweißausbrüche, ein Kribbeln am ganzen Körper. Andererseits wollte sie um jeden Preis Distanz wahren. Im Grunde war Eva, die heutige Eva, ihr vollkommen fremd. Da waren die Gefühle von damals völlig fehl am Platz. Es wäre falsch und unvernünftig, sich von ihnen leiten zu lassen.

Genau. Nicht zu nah heranlassen. Nicht emotional und schon gar nicht körperlich . . .

Körperlich? Spinnst du jetzt komplett?

Teil 04

»Ich auch nicht«, antwortete Eva ebenso leise. »Komm, wir setzen uns hierher. Wenn wir nah beieinander sind, können wir uns gegenseitig wärmen.« Sie deutete auf ein umgedrehtes Boot, das am Strand lag. Dann ließ sie sich auf den Sand sinken, lehnte sich mit dem Rücken gegen das Boot und bedeutete Solveig, sich vor sie zu setzen. Solveig gehorchte gern. Evas Arme, die sich um sie schlossen, wärmten sie und vermittelten Geborgenheit.

Jetzt wäre die Gelegenheit gewesen, über ihre Gefühle zu sprechen. Vielleicht hätten sie sich dann später nicht so schnell aus den Augen verloren. Solveig öffnete ein paarmal den Mund, um etwas über die Küsse zu sagen, darüber, was sie empfunden hatte – aber dann verließ sie jedes Mal der Mut. Und auch Eva erwähnte das, was vor wenigen Minuten passiert war, mit keinem Wort. Als sie endlich etwas sagte, war es irgendetwas Belangloses.

Doch ab und zu verirrte sich eine Hand in Richtung der Hand der anderen. Dann schossen jedes Mal kleine elektrische Impulse durch Solveigs Arm. Minutenlang streichelten sich die Hände gegenseitig, und Solveigs Herz klopfte bis zum Hals. Am liebsten hätte sie Evas Hand nie wieder losgelassen.

Als der Himmel schon hell geworden war, hatten sie sich endlich auf den Weg nach Hause gemacht, um vor der langen Heimfahrt am nächsten Tag wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu erhaschen. Vor dem Haus von Solveigs Gasteltern hatten sie sich ein letztes Mal umarmt – lange, voller Gefühl, das sich aber nur in den Gesten ausdrückte und nicht in Worten. Sie hatten sich zugeflüstert, dass sie sich schreiben würden. Aber obwohl Solveig später oft daran dachte, hatte sie nie einen Brief zustande bekommen. Und auch von Eva hatte sie nie wieder etwas gehört.

Da treffe ich sie also wieder, dachte Solveig, als lauter Applaus sie aus ihren Träumen riss. Nach genau fünfundzwanzig Jahren.

3

Der Applaus nach Eva Werners Vortrag war lang und wohlwollend. Sie vermochte es, einen theoretischen Inhalt sehr anschaulich darzustellen, hielt pausenlos Kontakt mit ihrem Publikum und machte witzige Anmerkungen, wenn es angemessen war. Ihre Studierenden werden sie lieben, dachte Solveig anerkennend. Sie hatte zwar große Teile des Vortrags nicht mitbekom¬men, aber doch immerhin genug, um das beurteilen zu können.

Anschließend wurde eine Pause eingeläutet. Hungrig und durstig nach der langen Reise und der Hektik bei der Ankunft besorgte sich Solveig im Foyer, wo einige Stehtische aufgebaut waren, ein Wasser und eine Laugenbrezel. Erst nachdem sie einige Schlucke getrunken hatte, gestattete sie sich, daran zu denken, dass sie nun nach fünfundzwanzig Jahren die Frau wiedertreffen würde, mit der sie ihren ersten Kuss getauscht hatte. Ihren ersten richtigen Kuss. Ob Eva sie überhaupt wiedererkennen würde?

Und warum schlug ihr Herz plötzlich so schnell? Was soll denn das, Solveig?, schalt sie sich. Hier treffen sich zwei Frauen, die sich kennen, sich aber lange nicht gesehen haben. Das mit dem Kuss, das ist längst vorbei. Wir waren fast noch Kinder. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Aufregung.

Da steuerte Eva auch schon auf ihren Tisch zu. Sie stellte ihren Teller und ihr Wasserglas ab und stellte fest: »Ich glaube, wir kennen uns.«

»Das tun wir!«

Nach fünfundzwanzig Jahren sah Solveig nun wieder in diese hellbraunen, bernsteinfarben leuchtenden Augen, in denen man versinken konnte wie in einem bräunlich-grün schimmernden Meer oder einem exotischen Gewitterhimmel. Sie konnte ihr eigenes Spiegelbild darin sehen. Eva lächelte Solveig an, und auf ihren Wangen wurden diese tiefen Grübchen sichtbar, die Solveig damals – neben so vielem anderen – endlos fasziniert hatten. Sie waren einfach umwerfend. Wahrscheinlich hatte sie sich zuerst in diese Grübchen verliebt . . . und dann in dieses erfrischende Lachen, das einen sofort ansteckte.

Was heißt hier verliebt? Von Verliebtsein kann doch gar keine Rede sein. Die Grübchen waren einfach nur süß. Und verliebt war ich damals allerhöchstens ein kleines bisschen. Wir kannten uns doch gar nicht lange genug, um uns wirklich zu verlieben. Und das ist immerhin schon Jahrhunderte her.

Solveig verscheuchte die Gedanken. Aber mit einem Mal war sie ganz begierig darauf, Eva lachen zu sehen. Ob sie noch immer so lachte wie damals? Während ihres Vortrags hatte sie sich mit Lachanfällen dezent zurückgehalten.

»Damals, ähm . . .«, Eva schien nach den passenden Worten zu suchen, »damals haben wir du zueinander gesagt. Bleibt es dabei?«

»Ich finde, es spricht nichts dagegen, dass wir uns auch heute noch duzen«, gab Solveig zurück. Sie konnte sich einfach nicht von Evas Augen losreißen. In Gedanken fügte sie hinzu: Immerhin haben wir uns geküsst. Erinnerst du dich nicht mehr daran?

»Solveig, ich freue mich wirklich, dich zu sehen. Ich habe im Programm deinen Namen gelesen, war mir aber nicht sicher, ob du es wirklich bist. Aber so viele Solveigs gibt’s wohl nicht.«

Solveig hatte den Blick die ganze Zeit nicht von Evas Augen abgewandt. Eva strahlte über das ganze Gesicht, und wie von selbst lächelte Solveig ebenfalls. Das war ihr schon damals so gegangen. Evas Lächeln hatte sie stets angesteckt, unabhängig davon, ob ihr nach Lächeln zumute war oder nicht. Damals hatte sie es im Geheimen »Evas Zauberlächeln« genannt. Offenbar hatte es nichts von seiner Kraft verloren.

Solveig merkte, dass ihr warm wurde. Am liebsten hätte sie ihre Jacke ausgezogen. Stattdessen zog sie sie vor der Brust enger zusammen, weil ihr plötzlich bewusst wurde, dass ihre Brustwarzen sich aufrichteten.

»Du hast noch immer dieses Lächeln«, sagte sie, ohne den Blick von Evas Augen zu lösen. Um sie herum hatte sich das Foyer mit anderen Tagungsteilnehmerinnen gefüllt, doch trotz des regen Treibens kam niemand an ihren Tisch. Es schien, als halte ihre Zweisamkeit die anderen fern. »Und heute bist du in München Richterin und Professorin gleichzeitig.«

Das war mehr eine Feststellung als eine Frage. Solveig hatte diese Information im Programm gelesen. Doch Eva nickte.

»Wie bekommt man beide Fulltime-Jobs unter einen Hut?«, fragte Solveig interessiert nach – froh über ein Thema, das keine Gefahren barg. Im selben Moment fragte eine innere Stimme alarmiert: Welche Gefahren?

Eva erklärte: »Sie ergänzen einander. Und es ist nichts Ungewöhnliches, dass Richterinnen auch an der Uni lehren, um ihre Erfahrungen aus der Praxis weiterzugeben. Genau genommen ist es sogar wünschenswert – Theorie und Praxis sind so geradezu ideal verbunden.«

»Das hört sich sehr nach einem vollen Arbeitsalltag an. Bist du ein Workaholic?«

»Manchmal«, erwiderte Eva wortkarg und biss in ihre Brezel. »Und du, was machst du? Im Programm heißt es nur, dass du Psychologin bist.«

»Das ist alles. Ich beschäftige mich mit der Verarbeitung von Gewaltverbrechen, mit dem Spezialgebiet Amoklauf. Ich begleite Opfer und deren Angehörige sowie die Rettungskräfte als Soforthilfe vor Ort, aber auch als Therapeutin nach der Tat. Manchmal fungiere ich auch als Gutachterin bei Gerichtsprozessen.«

Eva nickte anerkennend, dann erkundigte sie sich: »Du hast einen Doktortitel. Warum bist du nicht an der Uni geblieben?«

»Das hat mehrere Gründe. Aber der wichtigste war, dass ich die Arbeit mit den Menschen vor Ort der Beschäftigung mit Theorien vorgezogen habe.«

Teil 03

Eva hatte ihr allerdings nicht viel über Ursula verraten, die Freundin, die nicht mehr hatte leben wollen. Oder über ihre Beziehung zueinander. Und Solveig hatte nicht gewagt zu fragen. Sie hoffte, Eva ein ähnliches Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln wie sie selbst es mit Eva hatte, damit sie mit ihrer Trauer wenigstens nicht allein war. Aber was Ursula für Eva gewesen war, das erfuhr sie nie.

Es war nur folgerichtig, dass sie auch den letzten Abend zusammen verbrachten, der schließlich zu ihrem Wettschwimmen im Meer führte. Es war ein sehr heißer Tag gewesen. Die Brandung traf sanft auf den Strand und verursachte ein leises, an- und abschwellendes Rauschen. Es war nahezu windstill. Sie waren schweigend nebeneinander hergegangen. Immer wenn sich ihre Hände unwillkürlich berührt hatten, fuhr ein Stromstoß durch Solveigs Körper, und ihr Puls raste. Sie fragte sich, ob es Eva genauso ging. Und einen Moment lang war sie traurig darüber, dass ihre gemeinsame Zeit bald zu Ende sein würde. Aber nur für einen Moment. Dann nahm Evas Gegenwart sie wieder gefangen.

Als sie an der Bucht angelangt waren, war es Eva, die zuerst sprach. »Lass uns eine Runde schwimmen«, hatte sie vorgeschlagen.

Solveig hatte verlegen erwidert: »Ich hab doch meinen Badeanzug nicht dabei.«

»Ist doch egal. Uns sieht doch hier niemand.«

»Ich weiß nicht . . .«

»Genierst du dich etwa?«, fragte Eva.

Damit hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen, aber das hätte Solveig nie zugegeben. »Nein, aber . . .« Während sie noch Argumente gegen das nächtliche Schwimmen suchte, begann Eva schon, sich auszuziehen. Ordentlich legte sie ihre Sachen zusammen und lief ins Wasser.

»Das ist herrlich«, rief sie halblaut. »Nun komm schon rein.«

Solveig blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls ihrer Kleidung zu entledigen. Dann rannte auch sie ins Meer. Es war noch warm von der Sonne und gleichzeitig angenehm kühl auf der Haut. »Du hast recht«, stimmte sie zu. »Es ist großartig.«

»Nackt schwimmen gefällt mir am besten«, sagte Eva. »Es ist ein bisschen erotisch, findest du nicht?«

Solveig konnte ihre Befangenheit nicht ganz ablegen. Sie hatte noch nie nackt gebadet außer in der Badewanne. Ob sich das erotisch anfühlte, darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Schwimmen war für sie immer mit Leistung verbunden – und auf alle Fälle mit einem Badeanzug. Außerdem war sie noch nie zusammen mit einer Freundin nackt im Wasser gewesen. »Ich . . . weiß . . . nicht«, sagte sie unsicher.

Zuerst plantschten die beiden herum, kraulten ein bisschen, ließen sich vom Wasser tragen und zeigten sich gegenseitig die Sternbilder. Auf dem Rücken treibend sagte Eva: »Schau, da ist der Große Wagen!« oder »Sieh nur: der Polarstern!«

Solveig blickte allerdings lieber in Evas Richtung als in den Himmel. Im Mondlicht sah sie Evas Brüste aus dem Wasser ragen. Die Nippel reckten sich erregt gen Himmel. Sie konnte sich kaum von dem Anblick lösen. Das ist erotisch, dachte sie – und erschrak im nächsten Moment bis ins Mark. Hitze stieg in ihr auf. Solche Gedanken waren ihr bisher völlig fremd gewesen, zumindest im Zusammenhang mit einer anderen Person.

Zum Glück kam Eva dann auf die Idee mit dem kleinen Wettschwimmen. Sie kämpften sich Kopf an Kopf in Richtung des Bootes vor, denn auch Eva war eine gute Schwimmerin. Am Ende hatte sie die Nase knapp vorn.

»Jetzt hab ich einen Wunsch frei«, rief sie triumphierend.

»Okay. Was wünschst du dir?«, fragte Solveig atemlos.

Auch Evas Atem ging noch schwer von der Anstrengung. »Ich würde es gern tun und nicht so viel darüber reden«, meinte sie.

»Was hindert dich?«

»Na ja, es hat etwas mit dir zu tun, und ich will dich auf keinen Fall erschrecken.«

Solveig grinste. »Willst du etwa mit mir ›Essen raten‹ spielen? So wie früher als Kind auf Geburtstagsfeiern? Man musste mit verbundenen Augen erraten, wo man gerade hineinbiss. Und wenn es Seife war, schnitt man eine Grimasse, weil es so eklig war.« Was konnte wohl an Evas Wunsch so heikel sein, dass die nicht sofort damit herausrückte?

»Nicht ganz«, antwortete Eva. »Zumindest hoffe ich, dass mein Wunsch nicht diese Wirkung auf dich hat.«

Solveig sah Evas Gesicht langsam näher kommen. Sie spürte Evas Lippen an ihrer Wange, kaum wahrnehmbar, wie ein Hauch. Dann flüsterte Eva ihr, nun wieder schneller atmend, ins Ohr: »Wenn du es nicht magst, musst du es sofort sagen, ja?«

»Ich tue, was ich kann«, flüsterte Solveig und spürte Evas warmen Atem auf ihrer Wange. Evas hauchzarte Berührung hatte ihr eine Gänsehaut über den ganzen Körper gejagt. Nun streifte Eva ihre Lippen mit den ihren, ganz leicht nur. Unwillkürlich öffnete Solveig den Mund und fühlte Evas Zunge sanft auf ihren Lippen spazieren gehen. Plötzlich schien Eva ihr so nahe wie noch nie. Ihre nackten Brüste drückten sacht gegen ihre eigenen.

Solveig meinte, ganz Weymouth müsste ihren Herzschlag hören, so heftig hämmerte es in ihrem Innern. Langsam erwiderte sie Evas Berührung und strich nun ihrerseits mit ihrer Zunge über Evas Lippen. Sie hörte, wie Evas Atem sich noch mehr beschleunigte. Dabei hätten sie sich inzwischen beide längst von der Anstrengung des Wettschwimmens erholt haben müssen.

Solveig empfing Evas Zunge in ihrem Mund. Die Begegnung entfachte ein heißes, erregtes Kribbeln in ihrem ganzen Körper, das sie nie zuvor erlebt hatte. Ihre Zungen massierten einander vorsichtig, dann wurden die Bewegungen immer wilder und leidenschaftlicher. Evas Hände wanderten auf Solveigs Rücken auf und ab und hinterließen ein prickelndes Feuer. Irgendwann klang der Kuss so langsam und vorsichtig aus wie er begonnen hatte. Sie hielten sich wortlos in den Armen, während ihr Atem sich langsam beruhigte.

Solveig wagte nicht zu glauben, dass dieser Kuss gerade wirklich passiert war. Das Glücksgefühl, das Evas Berührungen in ihr ausgelöst hatten, war fast zu überwältigend, zu fantastisch, um wahr zu sein. Aber als sie ihre Stimme wiederfand, fragte sie kühn: »Habe ich als zweite Siegerin auch einen Wunsch frei?«

»Ja. Und der wäre?« Ein Leuchten erhellte Evas Augen.

Solveig grinste frech. »Das würde ich gern tun und nicht darüber sprechen.«

Erneut näherten sich ihre Lippen einander. Eva ahnte wohl schon, was Solveig vorhatte. Dieser Kuss wurde sanfter, denn Solveig gab diesmal den Rhythmus vor. Der Tanz der Zungen war kontrollierter, aber nicht weniger sinnlich als beim ersten Kuss. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen, das jede Faser ihrer Körper einbezog. So unglaublich intensiv hätte Solveig sich Nähe bisher nie vorstellen können. Das war wirklich erotisch.

Wieder hielten sie sich atemlos, nachdem ihre Lippen und Zungen sich voneinander gelöst hatten, bis sich die Kühle des Wassers bemerkbar machte. Langsam schwammen sie wieder an den Strand zurück.

Solveig hatte nicht zum ersten Mal geküsst. Aber dieser Kuss war vollkommen anders gewesen als die, die sie bisher mit Jungen ausgetauscht hatte. Mit Eva hatte sie etwas gespürt, das sie sonst immer vermisst hatte: Erregung, Leidenschaft und Zärtlichkeit. Die Lust auf mehr, das Sich-Fallenlassen-Wollen, die Sehnsucht danach, einen anderen Körper als den eigenen zu fühlen. Begehren. Sie konnte Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen spüren, die sie sonst nur kannte, wenn sie sich selbst berührte.

Schweigend zogen sie sich an. Es schien, als wage keine von ihnen, die fast magische Stimmung zu zerstören. Solveig durchbrach die Stille als Erste.

»Ich möchte noch nicht nach Hause«, flüsterte sie.

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