|
Daß es den Sender 9Live überhaupt noch gibt, hatte ich nicht angenommen, bis ich jetzt die Meldung las, daß 9Live nicht nur immer noch existiert, sondern daß sie jetzt sogar einen Ableger planen, und zwar – man höre und staune – für Frauen.
Nein, nicht was Sie jetzt denken, meine Damen, nicht für uns. Für Heterofrauen natürlich. Es sei denn, Sie sind ein Fan von »Verliebt in Berlin«, das wird dann nämlich auf dem neuen Sender als erstes wiederholt. »Frauenaffines Fernsehen« nennt man das, also Programme, die vor allem oder nur Frauen anziehen, und da steht selbstredend an erster Stelle die Romantik, die Liebe, der Herzschmerz, das Schluchzen der Lisa Plenske. Okay, ich gebe zu: Lisa Plenske hatte was. Im Gegensatz zu anderen Serien haben sich die Macher von »Verliebt in Berlin« manchmal wirklich selbst übertroffen, und es gab hin und wieder erstaunlich gute Dialoge in der Serie. Hin und wieder, selten, aber es gab sie. Darum geht es natürlich bei dem neuen »frauenaffinen« Sender nicht, es geht nur um Einschaltquoten. »ViB« war die erfolgreichste Telenovela im deutschen Fernsehen überhaupt, und auch wenn der erste Reiz vorbei ist, wollen die Betreiber des neuen Senders da noch einmal den Rahm abschöpfen, auch wenn es nur noch der mit 3,5 Prozent Fett ist. Interessant an der Sache ist, daß die Fernsehmacher erst so spät auf den Trichter mit den Frauen kommen. Zwar gibt es schon seit geraumer Zeit Sendungen speziell für Frauen, »Mona Lisa« zum Beispiel, oder auch »Sex and the city« (das, wie ich höre, auch Heteromänner anschauen, weil sie hoffen, dadurch zu lernen, ihre Frauen besser zu verstehen und ihnen besser gerecht zu werden, sprich nicht mehr so oft von ihnen zusammengestaucht zu werden), aber bei den Herren in den Programmredaktionen scheint sich die Übermacht der Frauen vor dem Fernseher erst jetzt herumgesprochen zu haben. Das Rezept ist weder neu noch kompliziert: Frauen sind in der Überzahl, nicht nur in der Bevölkerung, auch vor dem Fernseher. Die Programmmacher der Sender kennen die Statistiken und haben darauf reagiert. »Frauen sind eine seit Langem heftig umworbene Zielgruppe der Medien«, sagt Prof. Elisabeth Klaus, Leiterin des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg.
. . . schreibt der Focus in seinem Artikel »Herzschmerz für die Quote«. Früher haben viele wohl gedacht, die emanzipierte Frau von heute will eher politische Sendungen, die sich mit Frauenthemen befassen, vielleicht auch – da sie ja ihr eigenes Geld verdient – Sendungen, die sich mit Wirtschaftsthemen beschäftigen und mit den Sorgen des Alltags. Mag auch sein, aber worüber funktionieren Sendungen für Frauen wirklich? Die Kunst, die Frau vor den Bildschirm zu locken, funktioniert über alte Rollenbilder. Da sitzen die modernen, emanzipierten und Vollzeitarbeitenden Frauen von heute und konsumieren Telenovelas, in denen die Frau als heim-, familien- und beziehungsorientiertes Wesen gar mädchenhaft durch verkitschte Rosamunde-Pilcher-Landschaften reitet, liebt und schluchzt. Doch es funktioniert. »Neue Rollenbilder brauchen in der Regel sehr lange, um sich sozial durchzusetzen«, weiß Prof. Klaus. »Und auch die moderne Frau ist nach wie vor für Familie, Beziehung und das Emotionale verantwortlich.«
Das bezieht sich natürlich alles auf Heterofrauen, aber – fragte ich mich bei dieser Aussage von Frau Prof. Klaus – wie ist das eigentlich bei uns mit den Rollenbildern? Ja, ja, bei uns Lesben, meine ich. Wie steht es damit? Bringen Sie den Müll raus oder Ihre Partnerin? Verdienen Sie beide gleich viel Geld oder eine weniger? Wer macht die Wäsche und den Haushalt? Seit ein paar Tagen haben wir ja Anne Will und Miriam Meckel, mit denen wir uns vergleichen können. Was meinen Sie, wer bei denen den Müll rausbringt? Müssen Sie sich mit Ihrer Freundin/Frau um die Fernbedienung streiten, wenn Fußball kommt und auf dem anderen Kanal ein herzzerreißender Liebesfilm? Oder schauen Sie dann beide dasselbe? Interessieren Sie sich beide mehr für Liebesfilme oder für Fußball? Wenn Sie beide Fans von »Verliebt in Berlin« sind, sollte es kein Problem geben, dann können Sie zusammen den neuen »frauenaffinen« Sender anschauen. Aber was, wenn nicht? Läßt Ihre Liebste auch immer ihre Socken herumliegen, und Sie räumen sie weg? Oder sind Sie diejenige, die wegen der Socken zusammengestaucht wird, weil Sie immer vergessen sie wegzuräumen? Wie sieht eine moderne lesbische Beziehung aus? Gibt es da Rollenbilder, oder sind beide gleich? Wenn Sie gerade nicht in einer Beziehung leben, was wünschen Sie sich? Eine feminine Frau, die auch noch das Geschirr abwäscht? Oder eher eine maskuline Frau, die genug Geld verdient, damit Sie beide gut leben können, wofür Sie dann gern den Haushalt übernehmen und eventuelle Kinder? Oder wünschen Sie sich die absolute Gleichberechtigung? Eine Frau, die genauso ist wie Sie selbst und mit der Sie alles teilen können, auch Müll, dreckige Socken und Abwasch? Das Thema würde mich wirklich einmal interessieren. Am liebsten würde ich ein Buch darüber machen mit all Ihren Erfahrungen. Wenn hier genug Erfahrungen zusammenkommen, könnten wir das ja vielleicht einmal ins Auge fassen. Was ich mich frage, ist: Wie sehr sind wir Lesben auch durch Rollenbilder geprägt? Erwarten wir sie? Wollen wir sie sprengen? Denken wir, daß wir in unseren Beziehungen gar keine Rollenbilder haben? Dabei fällt mir eine Anekdote ein. Meine Cousine, die ich lange Jahre nicht gesehen hatte, besuchte meine Frau und mich in Frankreich. Sie hatte gerade Probleme mit ihrem Mann nach 11jähriger Ehe und mit zwei Töchtern. Wir sprachen ein wenig darüber, und immer wieder ging es darum, daß sie von ihm erwartete, daß er sich mehr um die Kinder kümmert, was er aber meistens nicht kann, weil er viel arbeitet und das oft auch noch im Ausland. Es ging immer wieder um die Rollen von Mann und Frau in der Partnerschaft, in der Ehe. Irgendwann schaute sie mich dann an und fragte: »Wie ist das eigentlich bei euch? Wer hat da die Rolle des Mannes und wer die der Frau? Wie teilt ihr euch die Hausarbeit usw. auf?« Ich war etwas überrascht von der Frage, ich konnte es wirklich nicht sagen. Meine Antwort nach einiger Zeit war: »Jede macht das, was sie am besten kann. Und jede macht das, was sie am liebsten macht. Die Sachen, die wir beide nicht mögen, teilen wir uns.« Meine Cousine war sehr erstaunt. Deshalb frage ich mich: Ist das wirklich in allen lesbischen Beziehungen so?
 |
Erinnern Sie sich an den Sender TM3? So hieß 9live vorher, es sollte ein "Frauensender"
sein... Niemand wollte diesen Quatsch sehen.
Ja, dann halt wieder von vorn.