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Die unerreichbare Frau II

Die Serie L-Word stellt für viele lesbische Prototypen Identifikationsfiguren zur Verfügung: die toughe Geschäftsfrau mit Interesse für Kunst (Bette), die »Ehefrau«, die lieber Kinder bekommen und großziehen möchte, als Karriere zu machen (Tina), die sich in Beziehungsnetzen völlig verlierende liebenswerte Chaotin (Alice), und nicht zuletzt die typische »Swingerin«, die unerreichbare Frau, mit der man zwar schlafen kann, auch Spaß haben kann, die aber trotzdem stets unergründlich bleibt, die sich nie auf eine Beziehung einläßt, dafür schnell auf Sex (Shane).

Wenn man so die L-Word-Foren durchforstet (vielen Dank für den Hinweis an eine Person, die hier nicht genannt werden möchte ), stößt man sehr oft darauf, daß Shane eine sehr beliebte Figur unter den L-Word-Fans ist, wenn nicht sogar die beliebteste. Es gibt Fans, die sich selbst den Nickname Shanes Traumfrau geben, was doch auf eine gewaltige Sehnsucht hindeutet, mit Shane verbandelt zu sein, mehr zu sein als nur »die Frau von letzter Nacht«.

Woher kommt das? Warum ist Shane so beliebt, obwohl sie doch offensichtlich keine Beziehung eingehen will, obwohl es völlig sinnlos ist, sich in sie zu verlieben? Warum sind auch in der Realität so oft bindungsunfähige Frauen das Ziel lesbischer Sehnsucht?

Ist es vielleicht der lesbische Jagdinstinkt? Ist ein Wild, das sich nicht wehrt, das leicht zu haben ist, uninteressant? Shane ist leicht zu haben – für Sex. Aber für eine Beziehung nicht.

Im Grunde genommen ist es eine typische »Taxi nach Paris«-Geschichte. Die Frau in »Taxi« ist jederzeit für Sex zu haben, man kann sie dafür bezahlen, sie ist eine lesbische Prostituierte. Auf weitere Dinge wie Liebe oder Beziehung darf man jedoch nicht hoffen.

Shane (und die meisten Frauen, die sich wie Shane verhalten) braucht man noch nicht einmal zu bezahlen. Sie macht es kostenlos, aber das ist kein wirklicher Vorteil, denn sie läßt sich ebensowenig wie die Nutte in »Taxi« auf Gefühle ein.

Warum aber ist eine Frau, die sich nicht auf Gefühle einläßt, von der man nichts erwarten kann als Sex – und das auch nicht auf Dauer, denn sie sucht sich schnell die nächste –, so begehrt?

Man stelle sich einmal folgende Szene vor:

Frau 1 kommt ins Frauencafé (oder wo immer sich die Lesben in Ihrer Stadt treffen) und sieht Frau 2. Frau 2 ist der Shane-Typ, also nennen wir sie ab jetzt auch so. Frau 1 ist die Frau, die immer auf den Shane-Typ hereinfällt, also nennen wir sie Lisa.

Okay, also Lisa kommt herein, sieht Shane, ist sofort verliebt in sie, geht auf sie zu und sagt: »Ich liebe dich. Willst du meine Frau werden?«

»Klar«, sagt Shane. »Ich liebe dich auch. Laß uns zu dir gehen und ein bißchen Sex haben, und danach werde ich dich nie mehr verlassen. Wir werden immer zusammen sein.«

»Schön«, sagt Lisa. »So habe ich mir das vorgestellt«, lächelt, hakt Shane unter, und sie verlassen beide gemeinsam glücklich das Lokal.

Und wenn sie nicht gestorben sind . . .

Ist das nicht furchtbar langweilig?

Ja, ist es. Vielleicht ist das der Grund, warum das in der Realität nie so geschieht (und in Romanen auch nicht, da noch weniger, denn dann gäbe es kaum einen Roman, der länger wäre als eine Seite).

Es gibt also etwas in uns, das sich gar nicht wünscht, daß alles immer so problemlos und konfliktfrei abläuft. Hoppla! Haben wir bisher nicht immer das Gegenteil geglaubt? Wir Frauen, wir sind doch die friedlichen, die harmoniesüchtigen, die, denen Gewalt, Konflikt, Auseinandersetzung ein Graus ist – oder nicht?

Anscheinend nicht so ganz, denn sonst gäbe es keine Diskussionen über Gewalt unter Lesben, es gäbe nur glückliche Beziehungen und Paare, die sich den ganzen Tag nur anlächeln.

Es ist einfach nicht spannend, eine Frau zu erobern, wenn sie sich nicht wehrt. Das bedeutet nicht, sie wehrt sich im körperlichen Sinn, es bedeutet, sie wehrt sich, indem sie sich nicht ganz offenbart, indem sie Teile von sich zurückhält, indem sie einer das Gefühl vermittelt, man kennt sie nie ganz und gar.

Wenn wir selbst diese Frau sind, wollen wir etwas von uns für uns allein behalten, wir wollen nicht alles teilen, bis zum letzten Gedanken, zum letzten Gefühl. Es wäre wie eine Aufgabe des eigenen Ichs, unseres Status als selbständiges Individuum.

Wenn wir die andere Frau sind, wollen wir jedoch alles erfahren, wir wollen jede Kleinigkeit wissen, damit wir uns der Geliebten nah fühlen können, wir wollen fast in sie hineinkriechen.

Nun, das ist eine klassische Ausgangssituation für einen Konflikt.

Hinzu kommt, daß kein Mensch in irgendwelche Schwarzweiß-Kategorien paßt. Wir und auch die anderen sind immer eine Mischung aus vielen verschiedenen Komponenten. Wir sind Kind und Frau, männlich und weiblich, stark und schwach, gewalttätig und friedlich, fröhlich und deprimiert – alles in einem, wenn auch nicht immer zur selben Zeit.

Meist gibt es ein Gleichgewicht zwischen diesen Komponenten, mit dem wir leben können. Wir fühlen uns manchmal schwach, aber wir wissen, wir werden auch wieder stark sein; wir sind an einem Tag vielleicht furchtbar gereizt und würden am liebsten die Möbel zertrümmern (was wir meistens nicht tun), und am anderen Tag könnten wir die ganze Welt umarmen und würden mit einem »Make Love Not War«-Schild herumlaufen, wenn das nicht so albern aussähe in dem Büro, in dem wir arbeiten.

So sind wir halt, wir Menschen, von allem etwas. Und genau auf dieses Gleichgewicht verlassen wir uns auch. Wir möchten es möglichst überall herstellen, es soll nicht uns allein vorbehalten sein.

Eine Frau wie die Figur der Shane, die unerreichbare Frau par excellence, ist jedoch niemals im Gleichgewicht. Sie reizt unsere Sinne deshalb doppelt. Einerseits als begehrenswerte Frau, die – das wissen wir – für Sex zur Verfügung steht, andererseits aber auch als das Kind, das sie ist, und das nach Liebe und Schutz verlangt, die wir ihr geben könnten.

Das Irritierende ist nur: Wenn wir ihr das mehr als eine Nacht lang geben wollen, läuft sie weg. Sie hat kein Vertrauen in die Welt, sie will sich auf niemand verlassen außer auf sich selbst, weil sie zu oft enttäuscht und verraten wurde, weil sie von klein an auf sich allein gestellt war.

Sie ist nur in einer Form erreichbar: körperlich. Ihr Inneres verschließt sie vor uns. Sie hält uns auf Distanz, auch wenn sie sich uns hingibt.

Und da kommt wieder die oben erwähnte Sehnsucht nach Nähe ins Spiel. Wir sind nicht gut darin, Distanz zu einer geliebten Person zu ertragen. Wir wollen diese Distanz überwinden, ihr so nah sein, daß wir uns eins mit ihr fühlen können. Das geht aber nicht, weshalb diese Sehnsucht in uns nie verschwindet.

Und das ist dann der »Zauber von Shane«, der in der Serie so oft angesprochen wird. Deshalb wollen so viele ihre »Traumfrau« sein, die Frau, der sich Shane dann endlich öffnen würde, der sie sich ganz offenbaren, ganz hingeben würde – nicht nur körperlich.

Fragt sich nur, ob Shane so viele »Traumfrauen« vertragen könnte.

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