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Rechtschreibung für alle?
Journal - Schreiben
Geschrieben von: Ruth Gogoll   
Montag, den 20. August 2007 um 01:08 Uhr

Wie Sie alle – da Sie erfahrene Leserinnen der el!es-Bücher sind – wissen, verwenden wir bei el!es immer noch die alte Rechtschreibung und ignorieren die neue.

Das wird auch in Zukunft so bleiben, denn einen größeren Unsinn als die deutsche Rechtschreibreform kann ich mir kaum vorstellen.

Diese Meinung vertrete ich nicht allein, denn heute fand ich auf einer Seite der »Forschungsgruppe Deutsche Sprache« einen Kommentar, der das ausdrückt, was der bedauernswerten deutschen Rechtschreibung und damit der gesamten deutschen Sprache in den letzten Jahren angetan worden ist und warum.

Unter dem Titel »Rechtschreibung und Bürokratie« schreibt Karin Pfeifer-Stolz:

Unsere Rechtschreibung ist 1996 in die Klauen der Bürokratie geraten, wo sie seither eisern festgehalten wird. Ihre Einführung und das Beharren auf den Dummschreibungen ist das Werk der Bürokraten im gehobenen Staatsdienst. [...]
Wir haben mit der Rechtschreibreform ein anschauliches Beispiel dafür, wie die Bürokratie zur Zementierung unmöglicher und schädlicher Verhältnisse beiträgt: Ich glaube nicht zu irren, wenn ich unterstelle, daß Politiker wie Wulff oder Rüttgers vom ehrlichen Wunsch bewegt waren, die Rechtschreibreform rückgängig zu machen. Ich bin sicher, die meisten Politiker hätten – heute noch – den Spuk gern beendet. Doch fehlt ihnen dazu die Möglichkeit. (Das betrifft nicht nur das Thema Orthographie.) Die wahre Macht liegt in den Händen der Bürokraten. [...]

Ein äußerst interessantes Werk zum Thema Bürokratie kann ich jedem Interessierten empfehlen. Autor ist Ludwig von Mises. Das Buch heißt »Die Bürokratie« und ist im Academia Verlag, Sankt Augustin, erschienen. Ich erlaube mir, daraus zu zitieren:

Totalitarismus ist viel mehr als bloß Bürokratie. Er bedeutet die Unterordnung des Lebens, der Arbeit und der Freizeit eines jeden Individuums unter die Anordnungen derjenigen, die an der Macht sind und ein öffentliches Amt bekleiden. Er zwingt das Individuum auf jede Tätigkeit zu verzichten, die der Staat nicht gutheißt. Er toleriert keine abweichende Meinung.

Karin Pfeifer-Stolz führt dann weiter aus:

Die Rechtschreibreform ist ein winziger und randständiger Bereich, der dem Totalitarismus anheimgefallen ist. Täglich praktizierter Widerstand im persönlichen Umfeld ist meines Erachtens die einzig wirksame Waffe. [...]
Bei der Rechtschreibreform ist es [...] relativ einfach, Widerstand zu leisten: indem man sie ignoriert.

Daß die Bundesrepublik Deutschland nun gleich zu einem totalitären Staat geworden ist wegen einer dummen Rechtschreib»reform«, das möchte ich doch stark bezweifeln, aber Bürokratie widerfährt uns allen tagtäglich, und wie hilflos man sich da ausgeliefert fühlt, das beschreiben Frau Pfeifer-Stolz und das von ihr zitierte Buch durchaus korrekt. Es geht ihr wie vielen anderen und auch mir gegen den Strich, zu den neuen, in unseren Augen falschen Schreibweisen gezwungen zu werden.

Es liegt keinerlei Sinn darin.

Niemand würde sich wohl gegen eine Rechtschreibreform wehren, die logisch wäre und sinnvoll, die es den Menschen erleichtern würde, richtig zu schreiben. Die es den Kindern in der Schule erleichtern würde, die richtigen Schreibweisen zu lernen.

Aber so etwas bietet die neue Rechtschreibung in keiner Weise.

Welchen Sinn soll es haben, Wörter auseinanderzuschreiben, damit sie jeden Sinnzusammenhang verlieren? Was nützt es mir, Kommata da setzen zu dürfen, wo es angeblich »sinnvoll und notwendig« ist, wenn ich die Regeln der Kommasetzung nicht kenne, weil niemand mehr weiß, welche das eigentlich sind?

An vielen Manuskripten, die wir zugesendet bekommen, merken wir die Unsicherheit. Kaum eine der Autorinnen beherrscht die deutsche Rechtschreibung wirklich. Die neue.

Wir würden gern darum bitten, uns Manuskripte nur noch in alter deutscher Rechtschreibung zuzusenden, aber für jüngere wäre das wohl kaum möglich, denn sie haben die alte Rechtschreibung gar nicht mehr gelernt oder bereits vergessen.

Da wir hier im Verlag sie jedoch alle noch gelernt haben und schätzen, halten wir daran fest. Sollte es einmal eine sinnvolle Rechtschreibreform geben, werden wir die gern umsetzen, aber dieses Sammelsurium von Stillosigkeiten und unüberlegten Veränderungen reizt uns nicht dazu.

Ich möchte in diesem Zusammenhang ein Buch empfehlen, über das ich mich sehr amüsiert habe, als ich es vor einigen Jahren las. Ich lese es heute noch immer einmal wieder ab und zu und langweile mich nie dabei.

Es heißt »Deutsch für Kenner« (ISBN 978-3-4922-2216-7) und stammt von Wolf Schneider. Eine unverzichtbare Stilkunde für alle, die die deutsche Sprache lieben und ihre Liebe dadurch ausdrücken wollen, daß sie korrektes Deutsch schreiben. Nicht nur korrekt, sondern auch stilvoll und prägnant.

Wolf Schneiders Stil ist sehr unterhaltsam. Er prangert viele Unarten derer an, die professionell schreiben und es doch nicht können. Aber er gibt auch Hinweise dazu, wie man es besser machen könnte. Sich an seine Hinweise zu halten, ist sicherlich kein Fehler.

Ich wünsche viel Vergnügen beim Lesen.

 

Kommentare (1)


-kein Titel-
geschrieben von DiePresse.com am Montag, 20. August 2007
Hirn verbrannt

1. August – ein historischer Tag.

Für Schüler, für Lehrer. Und so natürlich auch für uns Eltern.


Wir dürfen feststellen (oder heißt's nun: fest stellen?), dass der nächste Schub unsinniger „Rechtschreib“-Regeln auf uns Deutschsprechende (deutsch Sprechende) niederprasselt (nieder prasselt?).

Und zwar mit Wirkung von heute, Leute!

Alsdann: Es heißt ab sofort wie viel (statt bisher wieviel), es muss jedes Mal so sein, und nicht mehr jedesmal. Wenn Tochter Magda, dieses gelehrige Wesen schmetterlinghafter Zartheit, aber nun ganz analog dies Mal verwendet, dann ist's natürlich falsch, kapiert? Und wenn sie das auch noch jeder Zeit tut, dann ist der Fünfer in Deutsch bald perfekt!

Der Irrsinn geht noch weiter: Nach dem Willen der geistig umnachteten Reformer soll Magda nun nur noch hartgekochte Eier machen, aber ja nicht gargekochte, denn das schreibt man getrennt!! Bald ist sie nass geschwitzt, die arme Elfe, und was ist der Effekt? Na? Rot geweinte Augen etwa? Keineswegs: Rotgeweinte Augen hat sie zu haben!

Hirnverbrannt, was? Oder Hirn verbrannt.

In dem Falle stimmt wohl beides.

hws

(Die Presse, Print-Ausgabe, 01.08.2007)

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