Die sexuelle Revolution frißt ihre Kinder – nichts Neues. Früher –und damit meine ich ganz früher, in den 50er und 60er Jahren – war Sex etwas, worüber man nicht sprach, etwas Schmutziges für manche, auf jeden Fall etwas sehr Privates.
Viele Menschen fühlten sich dadurch sehr eingeengt, und im Zuge der 68er-»Revolution« wurde auch das Thema Sex einem Wandel unterzogen. Plötzlich sollte alles »frei« sein, von der Kindererziehung bis eben hin zur Sexualität.
Man erhoffte sich viel von diesem Konzept, denn Unterdrückung sowohl kindlicher Entwicklungen als auch sexueller Triebe schien zuvor viel Unheil angerichtet zu haben. Insbesondere die fehlende Aufklärung führte dazu, daß viele unerwünschte Kinder zustandekamen.
Was aber geschieht, wenn alles plötzlich »frei« ist und wenn alle plötzlich aufgeklärt sind? Friede, Freude, Eierkuchen?
Mitnichten. Denn diese Art der »Freiheit« führt zu neuen Verunsicherungen. Auf einmal soll man über alles Bescheid wissen und zu allem bereit sein. Etwas gegen Sex zu haben gilt als »spießig« und keinen Spaß am Sex zu haben als »frigide«. Und Monogamie? Wer braucht so was? Wir sind doch alle so »frei«.
Es werden einem überall und jederzeit Bilder von schönen Frauen vorgeführt, und man fragt sich, ist meine Partnerin überhaupt zufrieden mit mir? Kann ich ihr überhaupt genügen?
Das ist tatsächlich ein Problem, denn woran merkt man das? Ich habe vor Jahren einmal eine Geschichte geschrieben, deren Anfang hier zeigt, daß es manchmal brutaler Methoden bedarf, um es zu merken.
»Wir sind heute seit vier Jahren zusammen, und das möchte ich feiern!« Alice lächelte und übergab Gerry das Glas, das sie zuvor mit Champagner gefüllt hatte. Mit ihrem eigenen stieß sie dagegen und lachte. »Hörst du den Klang? Wie beim ersten Mal, damals, als wir . . .« Sie brach verlegen ab und kicherte leicht. Es klang bei ihr immer noch wie bei einem Teenager, obwohl sie in diesem Jahr 29 geworden war.
Gerry jedoch kicherte nicht, sie lächelte nicht einmal. »Ja, wir sind heute vier Jahre zusammen, und du möchtest feiern«, wiederholte sie ernst Alices Worte. »Aber ich fürchte, ich will das nicht.« Alice lächelte immer noch. Sie hatte den Sinn hinter Gerrys Worten noch nicht verstanden. »Ich kann es nicht.« Gerry holte tief Luft. »Es wird kein fünftes Jahr mehr geben, Alice, es tut mir leid.«
Alice stand immer noch da, wie vom Donner gerührt; stumm und ungläubig. »Was . . . wie . . . warum . . .?« stotterte sie dann, brachte es aber nicht fertig, einen vollständigen Satz zu bilden. Sie war entsetzt, innerlich erstarrt, fast wie tot. Das konnte doch nicht wahr sein!
»Warum? Nun, weil ich gehe«, antwortete Gerry, als ob das alles erklären würde.
»Du willst . . .«, Alice schluckte, »gehen?«
»Ja.« Gerrys Stimme klang endgültig. »Ich verlasse dich. Es hat keinen Sinn mehr.«
»Keinen – Sinn?« Alices Knie gaben nach, und sie stolperte ein wenig, dann griff sie nach hinten und tastete nach der Couchlehne. Als sie sie gefunden hatte, hielt sie sich daran fest, trat einen Schritt zurück und sank wie ein zu lange dem kalten Luftzug ausgesetztes Soufflé darauf zusammen. »Was . . . was soll das heißen?«
»Es heißt genau das, was es heißt«, versetzte Gerry nun eindeutig ungeduldig. »Es hat für mich keinen Sinn mehr, mit dir zusammenzuleben, und deshalb verlasse ich dich.«
»Aber . . . ich . . .« Alice schüttelte immer noch ungläubig den Kopf. »Ich . . . verstehe nicht . . .«
Gerry gab ein abschätziges Geräusch von sich. »Nein, natürlich nicht. Du hast ja noch nie etwas verstanden.« Sie drehte sich um und stellte ihr Glas auf der Kommode ab, die neben der Tür stand. Ohne noch einmal zurückzublicken, sagte sie: »Leb wohl, Alice. Der Schlüssel ist im Briefkasten.« Dann öffnete sie die Tür und verließ die Wohnung.
Es dauerte eine Weile, bis Alice sich endlich wieder rühren konnte. Mit steifen Gliedern stand sie auf und ging zu der Kommode hinüber. Sie starrte auf das Glas, als ob darin irgendeine Wahrheit zu finden wäre. Dann nahm sie es und brachte es in die Küche. Immer, wenn Gerry gegangen war, hatte sie aufräumen müssen. Gerry war nicht sehr ordentlich.
Sie hatten öfter darüber gestritten, und jetzt tat es Alice leid, daß sie Gerry Vorwürfe gemacht hatte. War das der Grund? War sie zu pingelig gewesen? Gerry hatte nie mit ihr zusammenziehen wollen, hatte immer darauf bestanden, ihr eigenes Appartement zu behalten, obwohl sie sich fast ausschließlich in Alices Wohnung aufhielten. Doch jedesmal, wenn Alice den Vorschlag gemacht hatte, sich etwas Gemeinsames zu suchen, hatte Gerry sie abgewimmelt. Ihr Appartement läge so praktisch, nur fünf Minuten von ihrer Arbeitsstelle entfernt, gab sie als Grund an. Näher würden sie wohl kaum etwas finden. Und wenn es das nicht war, war es etwas anderes. Irgendwann hatte Alice es aufgegeben. Gerry wohnte sowieso schon fast bei ihr, was sollte sie sich da beklagen?
Vielleicht hätte ich einmal nachfragen sollen, dachte sie. Vielleicht gab es auch noch andere Gründe. An diesem Abend jedenfalls kam sie zu keinem Ergebnis mehr. Sie schlief ein, ohne begreifen zu können, was geschehen war.
Ein paar Tage hoffte sie, daß es nur ein böser Traum gewesen war. Sie versuchte, Gerry am Telefon zu erreichen, aber die nahm nicht ab. Auf Gerrys Arbeitsstelle erfuhr sie, daß Gerry in Urlaub gefahren war. Niemand wußte, wohin und mit wem, aber eins war sicher: Es würde sechs Wochen dauern, bis sie wiederkam.
Hat Alice sich manchmal Gedanken darüber gemacht, an wen Gerry denkt, wenn sie mit ihr schläft? Wahrscheinlich nicht, weil sie die ganze Beziehung für zu selbstverständlich hielt.
Das sollte man nie tun. Man sollte eine Beziehung nie für selbstverständlich halten. Das ist der größte Fehler, den man machen kann.