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Wie oft gibt es das? Man macht sich Gedanken über Gedanken, sucht nach Lösungen für ein Problem, kommt zu keinem Ergebnis. Tagelang, wochenlang, vielleicht sogar monatelang. Es gibt keine Lösung, denkt man sich. Das ist einfach zu kompliziert.
Und plötzlich – eines Morgens – ist sie da, die Lösung, kaum daß man sich den Schlaf aus den Augen gewischt hat. Oder man spült gerade in der Küche ein paar Teller und läßt beinah Omas bestes Geschirr fallen, weil man es gar nicht glauben kann, wie einfach die Lösung ist. Vielleicht sitzt man auch in der Bahn, liest Zeitung, döst vor sich hin, beobachtet seine Mitmenschen und springt plötzlich wie von der Tarantel gestochen auf, weil sichtbar eine Glühlampe über dem eigenen Kopf leuchtet: es ist einem ein Licht aufgegangen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich weiß, Sie kennen das, jeder und jede kennt das, das hatten wir alle schon mal. Oftmals macht man sich dann Vorwürfe, daß man nicht eher auf diese doch so auf der Hand liegende Lösung gekommen ist. Da hat man sich die kompliziertesten Szenarien ausgemalt, und dann ist es so einfach? Aber so einfach ist es gar nicht, es steckt viel Gehirnarbeit dahinter, wie der Artikel »Die Anatomie des Aha-Erlebnisses« beweist. Es geht wieder einmal um das berühmte »Unbewußte«, das uns seit Freud unablässig verfolgt. Es laufen viel mehr Dinge in unserem Gehirn unbewußt ab als bewußt. Tausende unserer Entscheidungen, mit denen wir jeden Tag konfrontiert sind, treffen wir nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch (selbst wenn wir uns einbilden, sie mit dem Kopf getroffen zu haben), und das Gehirn kann wie ein Computer schneller Dinge aus den vorliegenden Informationen zusammensetzen und interpretieren, als wir das je bewußt tun könnten. Da das Gehirn für uns unsichtbar, unhörbar und unfühlbar arbeitet, kommen uns die Lösungen dann spontan und plötzlich vor, aber das sind sie nicht. Das Gehirn hat Tag und Nacht daran gearbeitet, insbesondere dann, wenn wir mit anderen Dingen beschäftigt waren, die nicht unsere volle Hirnkapazität erfordern. Hausarbeit, Bahnfahren, Schlafen gehören dazu. »Oftmals kommen mir die besten Einfälle beim Staubsaugen (im Bus, kurz vor dem Einschlafen . . .)«, berichten immer wieder viele AutorInnen und wundern sich. Aber das ist überhaupt nicht verwunderlich. Denn zu diesen Zeiten hat das Gehirn Kapazitäten frei, und da das Gehirn nicht gern faul ist, nutzt es sie vor allem für kreative Überlegungen, die sonst im Alltag zu kurz kommen. Ein Aha-Erlebnis entsteht nur dann, wenn das Gehirn beim Nachdenken über ein Problem die richtigen Puzzleteile für die Lösung unbewusst zusammenfügt. Wird der Lösungsweg dagegen bewusst nachvollzogen, bleibt die plötzliche Einsicht meist aus.Aha-Erlebnisse entstehen in vier Stufen. Zu Beginn läuft das Gehirn beim Versuch, ein Problem zu lösen, sozusagen in eine mentale Sackgasse. Der aktuelle Lösungsweg führt nicht zum Ziel. Stufe zwei: Das Gehirn verlässt die Sackgasse und restrukturiert die verfügbaren Daten. Dabei entwirft es ein neues Konzept, für das entweder bereits früher abgespeicherte eigene Informationen oder Hinweise von außen verwendet werden. Beide Strategien führen weiter zu Stufe drei, dem tieferen Einblick in die Zusammenhänge und damit dem richtigen Weg zur Lösung. Phase vier, das eigentliche Aha-Erlebnis, tritt allerdings nur dann ein, wenn im zweiten Schritt die unbewusste Route verwendet wird. (Quelle: wissenschaft.de) Es ist die alte Geschichte mit dem Vokabelnlernen, indem man das Buch über Nacht unters Kissen legt. Hat man sich vorher die Vokabeln eingeprägt, wird während der Nacht eine weitere selbständige Einprägung durch Zusammenfügung im Gehirn erfolgen, und man kann die Vokabeln am nächsten Morgen besser (natürlich völlig unabhängig davon, ob das Buch unter dem Kissen lag oder nicht, aber es kann als »Knoten im Taschentuch« fungieren). Wenn man hingegen weiterhin die ganze Nacht hindurch bewußt versucht, die Vokabeln zu lernen, wird man – abgesehen vom Schlafentzug – wenig Erfolg haben. Da der unbewußte Teil fehlt, prägen sich die Vokabeln wesentlich schlechter ein. Eine Problemlösung funktioniert ähnlich. Ich muß dem Gehirn freie Bahn geben, damit es die einzelnen Stücke zusammensetzen kann (was mir bewußt nicht gelingt), tue ich das nicht, indem ich mich ständig mit dem Problem beschäftige, werde ich zu keiner Lösung kommen. Beim Schreiben ist es genauso. Es heißt nicht umsonst: »Lassen Sie das Geschriebene eine Weile liegen, bevor Sie daran weiterarbeiten.« Wenn man einen Text geschrieben hat, mit dem man nicht zufrieden ist oder der noch nicht fertig ist, nützt es nichts, sich zu zwingen, immer und immer wieder darüber nachzudenken (zum Beispiel darüber, wie die Geschichte weitergehen könnte). Nein, man muß dem Aha-Erlebnis eine Chance geben. Während ich schlafe, während ich die Betten aufschüttle, während ich mit dem Bus in die Stadt fahre (mit dem Auto ist nicht so gut, weil man sich da auf den Verkehr konzentrieren muß, aber als Beifahrerin fallen mir immer die besten Sachen ein) – während ich also mein Gehirn quasi nicht benutze, kann das Gehirn frei schalten und walten. Als ich Programmieren lernte, sagte mein Programmierlehrer immer: »Wenn mir nichts mehr einfällt, gehe ich einfach ein paar Minuten um den Block.« Danach kam er zurück und schrieb das Programm zu Ende, bei dem ihm vorher die entscheidende Idee gefehlt hatte. Hätte er mehrere Stunden vor dem Bildschirm gesessen und nach der Idee gesucht, wäre sie wahrscheinlich noch lange nicht gekommen. Später dann eventuell im Schlaf. Wenn das Gehirn »frei« hat. Die Freizeit des Gehirns zu nutzen ist gerade im kreativen Bereich wichtig. Es ist auch wichtig, sein Gehirn nicht zu viel ruhen zu lassen, das heißt regelmäßig jeden Tag zu schreiben – selbst dann, wenn einem nichts einfällt. Dann schreibt man halt »Mir fällt nichts ein, mir fällt nichts ein, mir fällt nichts ein . . .« tausendmal aufs Blatt. Hauptsache, man schreibt. Wenn man dann so vorbereitet schlafengeht, wird einen die Geschichte gleich morgens als erstes überfallen, und man kann sie gar nicht schnell genug aufschreiben. Morgens zu schreiben ist immer gut, da ist man noch frisch. Ich habe das früher immer so gemacht. Bevor ich zur Arbeit ging, habe ich immer erst einmal ein paar Seiten geschrieben. Das ist ein wunderbarer Einstieg in den Tag – und die Aha-Erlebnisse bleiben dann auch nicht aus.
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