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Man »chattet« oder man »mailt«, man »simst« oder »textet« – wahrscheinlich gibt es noch einige andere Arten der aktuell gängigen Kommunikation, die ich nicht kenne –, und das alles hört sich furchtbar langweilig und steril an. Gut, man kann auch einen Liebesbrief auf dem Computer schreiben, das will ich nicht in Abrede stellen, aber überhaupt einen Liebesbrief zu schreiben ist wohl schon so etwas wie nostalgisch.
Ein Liebesbrief ist etwas sehr Persönliches, deshalb ist er in meiner Vorstellung mit dem Aussuchen eines speziellen Briefpapiers in dem kleinen Papierladen um die Ecke verbunden, in dem die alte Dame, die ihn seit 40 Jahren betreibt, mich freundlich anlächelt und mir Tips gibt; er ist mit dem Aussuchen eines speziellen Füllfederhalters oder Stiftes verbunden, der eine ungewöhnliche Farbe oder einen ungewöhnlichen Effekt auf den schönen, sorgfältig ausgesuchten Papierbogen zaubert; er ist mit dem Heimtragen all dieser Schätze verbunden, das die Vorfreude ansteigen läßt, bis ich endlich zu Hause am Schreibtisch oder noch lieber im Bett sitze, das wunderbare Papier und den wunderbaren Stift hervorhole und beginne zu lächeln – weil ich an die Frau denke, die ich liebe und der ich nun gleich schreiben werde. Er ist auch mit der Erinnerung an schmerzende Finger verbunden, weil der Brief länger und länger wird, weil ich nicht aufhören kann zu schreiben, weil ich ihr noch so viel sagen will. Ein Liebesbrief ist etwas so Intimes und etwas so Verbindendes, wie es die heutigen Kommunikationsformen kaum mehr erahnen lassen. Ein Liebesbrief bedeutet: Ich gebe mir Mühe, meine Liebste ist mir wichtig, ich will ihr etwas ganz Besonderes schenken. Etwas, das sie aufheben und in 50 Jahren lesen kann, wenn ich vielleicht nicht mehr da bin. Etwas, das Erinnerungen weckt, wenn wir beide alt sind und nicht mehr so gut auf den Beinen, zusammen auf dem Sofa sitzen und uns über unsere Arthritis unterhalten. Ein Liebesbrief ist etwas Unverzichtbares. Liebesbriefe zu schreiben ist ebenso schön wie welche zu bekommen. Wenn ich den Briefkasten öffne und darin ein Brief liegt, der eine andere Farbe hat, eine andere Größe, eine andere Form als all die anderen Briefe, die nur Rechnungen und Werbung enthalten, ist der Tag gerettet. Sofort steigt die Stimmung um Bergeshöhen, ich freue mich, diesen Brief gleich lesen zu können, ich gehe in die Wohnung, lege ihn erst einmal auf den Tisch, öffne ihn nicht, schaue ihn nur an. Ich lächle und lächle und lächle. Sie hat an mich gedacht. Sie denkt vielleicht gerade jetzt an mich. Vielleicht stellt sie sich vor, wie ich ihren Brief anschaue, wie ich ihn berühre, fühlt die Berührung, als ob ich sie berühren würde. Ich streiche mit den Fingern über die Oberfläche des Briefes – die hoffentlich nicht ganz glatt ist – und denke an sie. Ich spüre ihre Haut unter meinen Fingern, ihr sanftes Erzittern. Es ist fast, als wäre sie hier. Der Brief ist unsere Verbindung. Ich mache mir einen Kaffee oder eine schöne Tasse Tee – manche bevorzugen vielleicht auch einen speziellen Cocktail oder einen Wein. Den, den wir damals getrunken haben . . . damals, als ich sie zum ersten Mal traf – und schaue währenddessen den Brief weiterhin an, lasse jedesmal meinen Blick darüber streifen, wenn ich am Tisch vorbeigehe, um ein Glas oder eine Tasse zu holen, Milch und Zucker. Immer noch liegt der Brief ungeöffnet auf dem Tisch, er wartet. Diese Vorfreude, diese Verlangsamung des Genusses macht bei der Kommunikation über Briefe sehr viel aus. In unserer schnellebigen Zeit muß alles immer sofort geschehen, alles sofort erledigt werden. Wenn ich eine Mail schreibe, erwarte ich, daß sie sofort, zumindest noch am selben Tag, beantwortet wird. Bei einer SMS erwarte ich sogar, daß die Antwort innerhalb von Minuten erfolgt. Chatprogramme lassen keine Zeit zum Überlegen, drängen durch immer neue Einträge. Ein Brief ist erst einmal mindestens einen Tag mit der Post unterwegs, bevor er bei mir oder bei ihr ankommt. Diese Zeit muß ich abwarten, ich kann sie nicht beschleunigen. Gut, ich könnte ihr Telegramme schicken oder eine Eilzustellung, aber das ist nicht dasselbe. Ein Brief ist ein Brief. Er wird in einen Postsack gesteckt und über Land gefahren, und ich stelle mir vor, wie das gelbe Postauto durch Dörfer fährt, an Kühen vorbei, die ihm nachschauen und gemütlich kauen. Gut, wahrscheinlich fährt der Post-LKW eher über die Autobahn, durch stinkende Smogfahnen, aber mein Brief nicht. Mein Brief ist nur von herrlichen Düften umgeben – vielleicht habe ich ihn parfümiert, bevor ich ihn abschickte, oder ein paar gepreßte Blütenblätter hineingelegt, die jetzt noch ihren süßen Duft abgeben –, und er wird nie mit etwas so Profanem wie Abgasen in Berührung kommen. Er schwebt auf Wolken, hoch über allen Niederungen der Realität. Er trägt mein Herz mit sich, so leicht wie eine Feder, er atmet in einer anderen Welt. Und während die Zeit vergeht, stelle ich mir vor, wie der Brief ihr immer näherkommt. Ich kann den ganzen Tag – oder die ganze Nacht – darüber nachdenken, wo er jetzt gerade ist. Ich brauche keinen Schlaf mehr. Der Brief kommt an, sie schaut ihn lange an, legt ihn an ihr Herz, seufzt und denkt an mich. Sie will ihn gleich öffnen, aber ebenso wie ich versucht sie den Genuß zu verlängern, hinauszuzögern, stellt ihn auf ihre Kommode, betrachtet ihn, sinniert über den Inhalt. Endlich öffnet sie ihn, und im gleichen Moment spüre ich, wie sie es tut, wie sie ihn liest. Ich fühle mich ihr verbunden. Ich verstehe nicht, warum niemand mehr Liebesbriefe schreibt.
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Man kann nicht alle Jugendlichen oder alle Älteren unter einen Hut stecken. Jeder ist anders, mal reifer, mal noch richtig unreif. Jeder fühlt anders.